Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 04

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einem Meuschen sprechen kann, wie ich zu der Herzensver-
einsamung gekommen bin, in der ich lebe. Wollen Sie
mich hören?-
Sie können denken, was ich zur Antwort gab. Es hatte
mich, seit ich sie zuerst wiedergesehen, fast an jedem Tage ge-
drängt, sie zu fragen, was ihr geschehen sei? woran sie kranke?
Aber ich hatte mich zurüückgehalten, denn ich kenne nichts, was
mir ein schlimmerer Angriff auf die Freiheit eines Anderen
scheint, als die Forderung von Mittheilungen, die er uns
nicht freiwillig gewährt. Des Menschen Vergangenheit ist
sein eigenster Besitz, und der Hausdiebstahl, den die Krimi-
nalgesetze der eivilisirten Völker so hart bestrafen, ist in
meinen Augen noch lange nicht so strafbar als zudringliche
Neugier gegenüber einem geflissentlich verschwiegenen Kum-
mer. Dazu war ich wie sie selber überzengt, daß es Jrenen
wohl thun würde, einmal freien Herzens von sich selbst zu
sprechen, und sie that das schonungslos, als stände sie vor
ihrem Beichtiger.
Viertes Kapitel.
, Sie haben mich ja gekannt, mein Freund ' sagte Jrene,
, in dem verderblichen und verderbten Materialismus, in dem
g Hochmuth meiner Juugend, und niemals, seit ich wieder in
ß. diesen Zimmern wohne, bin ich auf diesen Balkon hinaus-
s getreten, ohne mich mit Beschämung und mit einer unheim-
h lichen Empfindung der thörichten Bekenntnisse zu erinnern,
ß welche ich eben Ihnen an dieser Stelle einst gemacht habe.
? Noch heute steht mir der Ausdruck Ihrer Mienen vor Augen,

noch heute sehe ich das leise Kopfschütteln und den Blick
voll theilnehmender Sorge, mit dem sie mich betrachteten,
und ich glaube in Ihrer Schäzung nicht dadurch zu steigen,
wenn ich Sie versichere, daß ich damals in bestem Glauben
zu Ihnen sprach, und daß ich Sie, wie meine Eltern das
thaten, für einen überspannten Schwärmer hielt, dessen sitt-
liche Jdeale im Leben nirgends verwirklicht werden könnten.
ach hielt die Welt, wie sie mich umgab, für die beste Welt,
und war sicher, nach der praktischen Anleitung meiner Eltern
auf dem ebensten Pfade zu einem erwünschten Ziele zu ge-
langen. Nun! ich habe sie kennen lernen, die Welt der
sogenannten praktischen Vernunft, die Welt der satten Moral
-- und ich bin ihrer selber satt geworden, satt bis zum
Lebensüberdruß.
Sie unterbrach sich, schwieg eine kleine Weile und fuhr
dann ruhiger und gefaßter zu sprechen fort. ,Als ich hier
vom See zurück und wieder in unsere Heimath kam, empfing
uns gleich am Bahnhof James. Er sah vortrefflich aus,
war vortrefflich gekleidet, seine neue Equipage war vom
besten Geschmack, er schien sich unseres Wiedersehens in der
ahat zu freuen; er gefiel
höchlich zufrieden, als er
lebhafter Weise fortseyte,
mir besser als je, und ich war
seine Bewerbung um mich in so
daß schon nach wenig Wochen
unsere Verlobung bekannt gemacht wurde.
, In der Stunde, in welcher man mir seine Brautge-
schenke überbrachte, erhielt ich einen anonymen Brief, der
mir Nachrichten über ein früheres Liebesverhältniß meines
Verlobten gab und uun an mich appellirte und die Auf-
lösung meiner Verlobung verlangte. Die Thatsache selbst

ts
war mir durchaus nicht neu, aber die Zuschrift der Unglück-
lichen, die offenbar selber in der dritten Person mit mir
korrespondirte, erschreckte mich. Ich brachte das anonyme
Schreiben meiner Mutter. Sie war empört über die Frech-
heit der Unglücklichen, die es an mich gerichtet hatte; ein
Wort der Mißbilligung gegen meinen Bräutigam habe ich
von ihr nicht gehört. Sie erwartete es als etwas Selbst-
verständliches, daß ich der Sache nicht Erwähnung thun
dürfe, sie wollte James durch den Vater davon in Kennt-
niß setzen lassen, sie war überzeugt, daß James die Sache
in schicklichster Weise erledigen werde; und leichthin die
Achsel zuckend sagte sie mit einer Miene, die ich mir deuten
konnte, wie ich wollte: an die Vergangenheit des Mannes
habe eine Frau kein Anrecht; ihre Zukunft sich zu wahren,
sei ihe Aufgabe, ihr Necht und ihre Pflicht.
, Ich fand das Alles völlig in der Ordnung, denn ich
war in der Gewohnheit dieser Grundsätze auferwachsen. Die
große Aufmerksamkeit meines Bräutigams auf jeden meiner
Wünsche, seine verschwenderische Freigebigkeit, seine immer
gleiche Heiterkeit und unsere gemeinsame Lebenslust ließen
mir die wenigen Monate unseres Brautstandes wie in einen
Märchentraum vergehen. Was ich irgend begehrte, stand
gewährt vor mir, sobald ich dem Verlangen nur das Wort
gegeben hatte. Man nannte uns ein sehr wohl assortirtes,
ein reizendes junges Paar, man beneidete uns und ich selber
dünkte mir beneidenswerth. Ich ging mit voller Zuversicht
an den Altar; die ersten fünf, sechs Monate widersprachen
meinen Erwartungen nicht. Die Hochzeitsreise, das Herum-
ziehen von einem Orte nach dem anderen unterhielten uns;

?
wir berührten die Länder, die Menschen, wie im Fluge;
endlich riefen seine Geschäfte James in unser Haus zurück,
da sein Vater schwer erkrakt war, und kaum heimgekehrt,
versetzte seines Vaters Tod uns in Trauer, ward er des
Hauses nunmehr alleiniger Vertreter.
, James war der Arbeit und der Geschäfte nicht un-
kundig, aber er liebte sie nicht, denn er war von früh auf,
ebenso wie ich, zum Genuß des Lebens, nicht zu seiner ver-
ständigen Benüzung erzogen worden. Jetzt konnte er sich
der Arbeit nicht entziehen, und obschon sie gewinnbringend
war und thätige Hülfe ihm zur Seite stand, machte die kleinste
Störung in dem Gang der Geschäfte ihn verdrießlich, wäh-
rend die Arbeit selbst ihm lästig fiel. Er kam müde, kam
mißgestimmt nach Hause; ich empfand das unangenehm und
war nicht danach gemacht, ihm eine Entschädigung dafür
zu bieten. Irgend welche geistige Jteressen hatte Keines
von uns, gemeinnüüzige Thätigkeit war für uns Beide eine
Anstandssache wie unser ganzes elegantes Auftreten. Wir
langweilten einander, sobald wir allein beisammen waren,
mtachten Eines dem Anderen erst heimlich, dann auch aus-
gesprochen, diese stumpfe Gleichgültigkeit zum Vorwurf; die
Gesellschaft, das Theater waren unsere Zuflucht, eine be-
rühmte Tänzerin gewährte meinem Manne bald die erhei-
ternde Zerstreuung,
, Ich beklagte
Bemerkung zurück,
große Aufregungen
welche er bei mir nicht fand. --
mich bei ihm, er wies mich mit der
daß wir nicht in Arkadien lebten, daß
und Verdrießlichkeiten, wie seine Ge-
schäfte sie mit sich brächten, lebhaftere Zerstreuungen erfor-
derten, als der trauliche Kamin in dem stillen Wohngemach

1
sie biete; er gab die Thatsache nicht zu und leugnete sie
auch wieder nicht, sondern ermahnte mich, in der Gesellschaft
kein Idyll aufführen zu wollen, keinen Heiligen zum Ge-
fährten zu verlangen, sondern als vernünftige Frau mit
einem gewöhnliche
kleine unschuldige
erheitert und nur
zurückkehre. Das
gewesen, in wenig
Tänzerin den Ort,
Erklärung endete
Manne zufrieden zu sein und ihm solch'
Phantasieen nachzusehen, von denen er
um so bereitwilliger in seine
Theater sei von jeher seine
Wochen verlasse die von mir
Häuslichkeit
Leidenschaft
angefeindete
man müsse leben und leben lassen. Die
mit einer so herzlichen Umarmung, als
ob Alles zwischen uns auf's Beste stünde. James nannte
mich seinen reizenden kleinen Zuchtmeister, seinen schönen
Sittenprediger, seine Einfalt vom Lande. Ich schämte mich
endlich vor mir selher und sagte mir: macht denn der und
macht jener Adere es auders? und sind ihre Frauen des-
halb weniger heiter, weniger mit ihren hänslichen Verhält-
nissen zufrieden? -- Ich tröstete mich mit fremdem Elend
über
das Elend, das sich vor mir selber aufzuthun anfing.
Aber meine Verblendung, mein Verlangen, mich selber
betrügen, halfen mir gegen die Stimme in meinem Fnnern
nicht, obschon meine Mutter mir gelassen sagte: eine ver-
ständige Frau müsse und ditrfe nicht erfahren, was der
Mann verschweigen wolle; die Ehe sei kein Paradies, sie sei
eben eine erhabene Fnstitution, vor deren Aufrechterhaltung
man Achtung haben müsse; und wenn unserer Ehe durch
die Kinder erst die wahre Heiligung gegeben sein würde,
so werde Alles sich ändern, James sich wandeln, und das
wahre Glück fir mich beginnen. Inzwischen müsse man am

Tag den Tag zu leben und das Dasein leicht zu nehmen
suchen.
d.
, Ich schwieg fortan, ich suchte mich zu zerstreuen, ich
wartete auf die Segnung unserer Ehe durch die Kinder --
unsere Ehe blieb kinderlos. Meines Mannes Le bensweise
änderte sich nicht, eine leichtfertige Verbindung folgte der
anderen auf dem Fuße, aber ich hatte die Möglichkeit, allen
meinen Einfällen, so weit Geld ihre Verwirklichung bezah-
len konnte, nachzugeben; unser Haus wurde der Mittelpunkt
der Gesellschaft, ich war und blieb der Gegenstand des Nei-
des- und in meinem öden Herzen wuchsen nur Eine Em-
pfindung, Ein Gedanke in unwiderleglicher Klarheit auf:
die Scham über bie Beleidigung, welche meines Mannes
leichtfertiger Lebenswandel mir anthat, ohne daß ich mich
darüber zu beklagen wagte. Unglücklich war ich schon da-
mals ganz und gar; es zu bekennen, es der Welt, der Ge-
sellschaft, in der ich lebte, zu verrathen, daß ich nicht glücklich
sei, war mir indessen noch unerträglicher als mein verbor-
genes Leid. Und doch wußten alle diejenigen, vor denen
ich mich scheute, Alles, was außer meinem Hause vorging,
doch waren meines Mannes Abenteuer in der Leute Mund.
Es war ein Zustand der Lüge, der mir noch heute Gr auen
einflößt, wie die ganze Gesellschaft, die ihn fortdauernd in
sich erzeugt, beschönigt und bestehen machht.
,Wir waren über drei Jahre verheirathet, als die erste
Erhebung in Schleswig-Holstein niedergeworfen wurde. Weder
meine noch meines Mannes Familie waren den Ereignissen
des Jahres achtundvierzig geneigt, noch der Erhebung der
Herzogthümer günstig gewesen. James nannte sich mit Vor-
- » g-

16t
liebe und Selbstbewußtsein einen eingefleischten Reaktionär,
ich hatte kaum eine andere als eine rein äußerliche Theil-
nahme an den Vorgängen um mich her, sofern sie unsere
persönlichen Interessen nicht bedrohten. Aber der Krieg in
den Herzogthümern hatte seine blutigen Früchte getragen,
die Hospitäler lagen voll von Kranken und Verwundeten,
Freund und Feind hatten dringenden Anspruch auf schnelle
Hülfe. Reiche Männer stellten beträchtliche Summen zur
Verfüüguung für die Lazarethe, werkthätige Frauen nahmen
ihre Beaufsichtigung in die Hand, man wollte nicht hinter
den Leistungen solcher Barmherzigkeit zurückbleiben, wir
legten die seidenen Kleider ab, banden die Schürze der
Krankenpflegerin vor, und wie ich zum ersten Male Noth
und Elend vor mir sah, zum ersten Male eine Dienstleistung
für einen Anderen übernahm, für Fremde, die nicht meines
Hauses, nicht meiner Familie waren, kam eine nie gekannte,
nie geahnte Empfindung über mich. Mein bisheriges so-
genanntes Wohlthun war Sache einer leeren Convenienz
gewesen. Ich hatte gethan, was ich Andere thun sah; ich
hatte einen füür mich nicht bemerkbaren Theil meines Ueber-
flusses fortgegeben, ohne sonderlich daran zu denken, wem
es zugewendet ward und was es wirkte. Ich war die Spen-
dende,
Armen
gemein
die reiche Frau, sie waren die Enpfangenden, die.
gewesen: wir hatten mit einander im Grunde nichts
gehabt. Ich hatte nie mit Deutlichkeit erfahren
die Worte Mitmenschen, Mitleiden bedeuten wollten.
was
Hier
an den Siechbetten der Fremden lernte ich sie verstehen,
zoie -ne vetebenne n zaen e Vensaentzese .; z,,
Mitleiden in mein starres, ausgedörrtes Herz.!
Fanny Lewald, Neue Novellen.

Frenens Augen glänzten in der Wärme einer Empfin-
dung, die ich früher in diesen Grade niemals an ihr wahr-
genommen hatte. Sie athmete tief auf, als ob man plüh-
lich die Meeresluft einathme und mit einer Stimme, in der
ihre tiefe Bewegung unverkennbar war, fuhr sie danach
also fort:
, Weil ich völlig ungeübt in den Leistungen war, welche
die Krankenpflege fordert, hatte die Vorsteherin mich in den
großen Saal genommen, den sie selber versorgte, damit ich
mich unter ihrer Aufsicht für den Dienst einübte. In langen
Reihen lagen sie neben einander: Alt und Jnng, Arm und
Reich, Freund und Feind! in ihrer brennenden Wunden
blutiger Pein, hoffend, vertrauend auf uns, auf unsere Liebe
und Barmherzigkeit.
Sie hielt abermals inne, wie man inne hält und zau-
dert, wenn man den Vorhang vor einem Heiligthum fort-
ziehen soll, dann sagte sie mit rascher Neberwindung ihrer
Scheu: ,Von Bett zu Bett waren wir dem verbindenden
und ordonnirenden Arzte folgend, bis an das Lager eines
hungen Unteroffiziers gekommen. Er war schwer, aber nicht
tödtlich verwundet; die Untersuchung, der Verband seiner
Wunden war äußerst schmerzhaft, er ertrug die Qual ohne
einen Laut der Klage, ohne daß eine Miene seines edlen
Antliyes sich veränderte; der stille Blick, der Händedruck,
mit dem: er dankte, rührte selbst den alten Arzt. Der Auf-
schlag seiner Auugen hatte noch in der Erschöpfung etwas
Uuwiderstehliches. Es kam darauf an, ihm: jede Bewegung
zu ersyaren, man hielt ein Aufgehen der Adern für möglich
und besorgte dann eine Verblutung. Der Arzt wüünschte,
? «-

163
daß wenigstens für die nächsten zehn, zwölf Stunden die
genaueste Achtsamkeit auf ihn verwendet würde, man wies
mich zu seiner Bewachung an. So schwach er war, ver-
suchte er sie abzulehnen. Ich brauche Niemand! sagte er.
Ich weiß, was für mich auf dem Spiele steht; ich werde
mich nicht rüühren, werde rufen, wenn es nöthig würde. Es
brauchen Andere Hülfe, noch dringender als ich.-- Man
bedeutete ihn, daß er hoffentlich bald schlafen würde und
dann nicht für sich stehen könne. Mitde bin ich, müde und
recht matt! sagte er, und er hatte die Worte kaum beendet,
als seine Sinne schwanden und der Schlaf der Erschöpfung
ihn umfing.
, Die Aerzte hatten das Zimmer mit der Vorsteherin
verlassen, nur die wachenden Pflegerinnen blieben in dent
Saal zurück. Ich saß an meines Kranken Bett, und weil
ich mich um ihn sorgte, weil ich zum ersten Male mich selbst
vergaß, zun ersten Male eine Pflichterfüllung übte, fühlte
ich mich glüücklich. Was die Geburt eines Kindes mir ge-
geben haben würde: das Erwachen
das gab die Pflege eines fremden
nicht müde ihn zu betrachten, er
der uneigennüzigen Liebe,
Mannes mir. Ich wurde
war so schön. Ich hätte
in jedem Augenblicke seine Hand ergreifen, die meine auf
seine Stirne legen mögen, um zu fühlen, ob das Fieber
stark sei, das nach kurzer Zeit in seinen Adern zu brennen
begann. Als man mich ablöste, ließ es mir zu Hause keine
Ruhe und doch war ich in meinem Innern glücklich.
, Ihnen, mein Freund! sagte Irene, ,brauche ich es
nicht zu schildern, wie das Wunder der Erweckung aus der
Lethargie selbstsüüchtiger Genußsucht sich in mir vollzog; Sie
11


P -
-
z- s
sind ein Kenner des Menschenherzens. In ungekannter
Schnelle gingen mir in der Pflege meines Kranken die Tage,
die Wochen hin. Was ich an den Betten der Anderen zu
leisten hatte, wurde mir leicht, weil es ihn freute, seine
Kameraden erleichtert zu sehen, und nie habe ich meinen
Schmuck mit solcher Befriedigung angelegt, wie das wollene
Kleid und die Krankenpflegerschürze, die wir in den Hospi-
tälern trugen.
, Es waren herzerhebende Augenblicke, als die Schatten
des Fiebers von ihm wichen, als er mich anblickte und sich
erinnerte, daß er mich schon früher gesehen hatte, daß ich
dabei gewesen war, als man ihn verbunden. Ich war hoch
erfreut, als er mit mir an jedem Tage mehr und mehr zu
sprechen anfing, als ich ihm eine Blume, eine Erquickung
aus dem Ueberfluß unseres Hauses an sein Lager bringen
konnte. Ich liebte ihn wie mein Kind-- ich sollte ihn
noch anders lieben lernen.
, Er war ein Dentscher, aber außerhalb des Vaterlandes
aufgewachsen. Die politischen Ereignisse und Verfolgungen
hatten seinen Vater in das Exil geführt; seine Eltern waren
beide frih gestorben, sie hatten ihu als Erbe die Begeiste-
rung für die Einheit des Vaterlandes hinterlassen; und die
Volkserhebung des Jahres Achtundvierzig hatie ihn in das-
selbe zurückgefüührt. Von der Universität, auf welcher er
seine Studien fast beendigt, war er nach Holstein gekommen
und in die Armee getreten. Da er gesund und die Kraft
seiner Jugend ungebrochen war, ging seine Heilung gut und
schnell von Statten, und man konnte bald daran denken,
ihn, wie es damals allgemein geschah, aus dem Hospitale
-

16d
-D ?N RN
erstellung bei sich zu verpflegen.
, Mein Mann, der es auch in diesem Falle liebte, sich
-n keinem: seiner Mitbüürger übertroffen zu sehen, hatte
mehrere Zimmer des Erdgeschosses für die Genesenden her-
richten lassen. Wir hatten einen österreichischen Ge:
neral
und zwei preußische Hauptleute aus hocharistokratischen
milien bei uns aufgenommen; mein Mann gefiel
sie nach seinen Mitteln zu bewirthen, und unser
sich d
Haus
Fg-
arin,
war
ziemlich voll, weil wir mit den Offizieren auch
Be-
w ==« ==- ===v»a- b=e-s . F,. g...
Schwierigkeit, als ich den Wunsch aussprach, den jungen
Unteroffizier ebenfalls in unserem Hause unterzubringen.
Ein kleines Stübchen, das an unsere Treibhäuser anstieß
und durch diese mit dem Gartensaale zusammenhing, war
frei, und an einem hellen Novembertage konnte ich ihn in
asselbe führen.
, Mein Mann hieß ihn flüchtig willkommen, bemerkte
gegen mich, der Unteroffizier sei ein hübscher Mensch und
sähe ordentlich nach Etwas anus; aber ein Unteroffizier, ein
armer bürgerlicher Student war kein Gegenstand für die
Beachtung von James Gilling, und als ich davon sprach,
ihn an der Tafel mitsiyen zu lassen, an welcher die anderen
Offiziere mit uns speisten, wies mein Mann dies als eine
Unmöglichkeit zurück. Ich wendete ein, daß der Unteroffizier
ein
sei
junger Mann von Bildung, daß er aus guter Familie
, daß er mit jenen Männern zusammen gekämpft habe,
t der Seite des einen Hauptmanns verwundet worden sei,

.66
und daß ich in demselben Zimmer des Hospitals Beide
gleichzeitig bedient, daß der Hauptmann und der Student
sich mit einander nah befreundet hätten. Ich richtete damit
nichts auus.
,Die Campagne ist zu Ende,! sagte mein Mann, ,aus
dem Lazareth sind sie heraus und damit endet denn auch
für sie die Posse von der Freiheit und Gleichheit, in der
diese letzten Zeiten uns mitzuspielen gezwungen haben. Der
junge Mensch kann, da er als Demokrat die Standesunter-
schiede vermuthlich nicht hoch anschlägt, mit den Burschen
der Offiziere oder auch in feiner Stube essen, wie es Dir
am besten scheint; aber nun Du die Schürze der Pflegerin
abgethan hast, laß auch die humanen Grillen fahren! Wir
leben nicht im Krankenhause, sondern in der Welt, und die
allgemeine Menschenliebe der barmherzigen Schwester ist in
der Gesellschaft eine Abgeschmacktheit.
, Ich wußte, daß gegen solche Aussprüche meines Mannes
nicht anzukämpfen war, daß meine Eltern dieselbe Ansicht
hegen würden; in Grunde meines Herzens hatte ich bisher
ebenso gedacht, und mit dem Worte , die Gesellschaft! war
ich aus dem Felde geschlagen. Dennoch lehnte mein inneres
Empfinden sich dagegen auf. Es kam mir vor, als begehe

äee
eäs
ich ein Unrecht gegen meinen Kranken, der mein Gast ge-
worden war, als habe ich ihm etwas abzubitten, und meine
Sorgfalt fiir ihn verdoppelte sich dadurch. Ich ließ ihn in
seinem Zimmer speisen, er hielt sich in gemessener Ferne,
anspruchslos und in sich selbst begnüügt wie stets.
, Da die Jahreszeit ungünstig zu werden anfing, be- -
gaben die Genesenden sich häufig in die Treibhäuser, um
- . -sssä

ue?
dort Luft zu schöpfen, und der Hauptmann selber zog seinen
jungen Freund in den Umgang der Offiziere. Damit brachte
er ihn auch in meine Nähe. Ich sah ihn jedoch nur selten
und anfangs nur im: Beisein Dritter; als diese aber auszu-
gehen begannen, traf ich ihn öfters auch allein-- und ich
verlangte bald darnach, mit ihm allein zu sprechen, zu ver-
kehren.
, Er war mit mir in einem Alter, die Verschiedenheit
unserer Lebenswege hatte uns jedoch ganz verschieden aus-
gebildet. Schon die kurzen Unterredungen, die ich an seinem
Krankenlager mit ihm gehabt, hatten mir das dargethan.
Ganz zufällige, ganz flüchtige Worte aus seinen Munde
waren in mein Herz gedrungen und hatten wie eine neue
Offenbarung auf mich gewirkt. Meine Erziehung, meine
Erfahrung hatten mich glaubenslos gemacht. Ich hatte nicht
an das Edle, an das Große in der Menschennatur geglaubt,
an die idealen Ziele der Menschheit hatte ich nie gedacht,
über Moral und Sittlichkeit hatte ich lächeln, sie als die
Schranke ansehen lernen, hinter welcher die große Masse der
Mittellosen und der Mittelmäßigkeit sich aus ihrer Noth
eine Tugend macht. Meine Ideale von Liebesglück hatte ich
aus den französischen Romanen geschöpft.
, Nun stand ich plötlich vor einem jungen Manne,
dessen Reinheit vor meiner Aufklärung und Duldsamkeit, wie
vor meiner Gleichgiltigkeit gegen das Jdeale fast erschrak,
der an Ernst, an Wissen seinen Jahren weit voraus, an
schlimmen Lebenserfahrungen neben mir ein Kinnd war --
und ich schämte mich vor ihm. Wenn ich ihn in seiner er-
habenen Einfachheit von dem Vaterlande, von Freiheit,

von Heimath, von seinen Eltern, von der Heiligkeit der Ehe
und der Liebe sprechen hörte, war ich zuerst betroffen, dann
erstaunt. Wie zu dem: blauen, lichtdurchfunkelten Himmel
sah ich zu ihm empor, als ich ihn näher kennen lernte; und
wie wir uns mit neugierigem Verlangen darnach sehnen,
hoch oben in demt reinen Aether dem Geheimnisse nahe zu
kommen, das wir dort verborgen glauben, so sehnte ich mich
darnach, die Tiefe seines Herzens kennen zu lernen, so sagte
ich mir: welch' einen Schaz von Liebe muß diese Brust
verbergen !
und sagte: , Ich bin bald am Ende, mein Freund ! und
ich zügere nur, weil das, was ich noch zu sagen habe, mich
in Ihren Auugen erniedrigen wird. Aber verdammen Sie
mich nicht-- ich verdamme mich ja selbst!
, Sie haben mich jung gekannt, Sie wissen es daher,
ich war nicht gefallsüchtig, ich habe nie danach gestrebt, mir
die Liebe eines Mannes zu erwerben. Ihm gegenüber
habe ich es gethan. Daß ich ihn nicht so frei und unge-
hindert wie jeden Anderen sehen konnte, daß ich die Gele-
genheit, ihn zu treffen, herbeizufüühren, die kurze Zeit des
Beisammenseins zu berechnen, daß ich diesen heimlichen Verkehr
mit ihm vor meinem Maunne, vor meinen Eltern zu verber-
gen hatte, machte ihn mir reizend. Die ofsene Hingebung,
mit der er sich mir arglos nahte, mir, seiner Pflegerin, der
Frau eines Mannes, dessen Haus ihn gastlich auufnahm, ent-
zückte mich. Ich fühlte es mit deutlichem Bewußtsein, wie
die Liebe fir ihn in meinem Herzen mächtig zur Leiden-
schaft erwuchs; ich sah es, wie seine Dankbarkeit zur Liebe
D
säää
Irene wurde plötzlich stille, dann gab sie mir die Hand

16
wurde, und ich hielt mich nicht zurück, ich wies ihn nicht
zurück. Ich war zum ersten Male in meinem Leben jung,
ich liebte zumt ersten Male in meinen Leben, und ich war
wie durch eine Erlösung neu geboren, als das Geständniß
seiner Liebe meine Seele durchschauerte, als ich Freuden-
thränen weinend an seinem Herzen lag.
, Aber auch in dieser Stunde blieb er sich selbst getren,
denn schon im nächsten Augenblicke standen sein Rechts-
bewußtsein und sein Ehrgefühl ihm wieder treu zur Seite.
, Er ließ mich aus seinen Armen los, um Abschied von
mir zu nehmen. Was die Liebe Begeistertes, was das
strenge Ehhrgefühl des Manes Gewissenhaftes sagen konnte,
das sprach er mir mit einem Schmerze auus, der mir ein
neues Glück ward. Ich war außer mir bei dem Gedanken
an sein Gehen. Ich beschwor ihn, mich nicht zu verlassen;
ich nannte ihn meinen Erlöser, ich betheuerte ihm, daß ich
mit der Liebe, welche ich ihm entgegenbrächte, meinem Manne
nichts entzöge. Mit der ganzen Sophistik des Ehebruches,
die ich aus den französischen Romanen mir angeeignet hatte,
suchte ich seinen Einwendungen, seinem richtigen Empfinden
zu begegnen, meine und seine Leidenschaft, selbst seine
Herzensreinheit kamen mir dabei zu Hülfe. In seinen Armen
schwor ich ihm, daß diese Stunde und die Erinnerung an
sie zwischen uns begraben und vergessen sein solle, nur seine
Schwester, seine Freundin wolle ich sein und bleiben, mein
Führer solle er werden, mein Gewissen solle er sein. Mit
dem Beginne des neuen Jahres solle er uns verlassen, dann
solle er gehen, seine Studien zu beenden, und wiederkehren,
, n später hier in unserer Heimath seinen Beruf zu üben.

-- -.
Wir machten Zukunftspläne, an deren Gelingen ich in dem
Augenblicke selber glaubte, die Enttäuschung aber ließ nicht
lange auf sich warten.
, Einsam in unseren Zimmern, schrieben wir einander
täglich, und die Feder ist ein gefährlicher Verführer. Jedes
geschriebene Blatt hatte uns enger und leidenschaftlicher ver-
bunden, bei jedem Wiedersehen fanden wir uns fer ner ab-
gekommen von der friedensvollen Insel, auf welcher wir
unseren Tempel der Freundschaft aufzurichten gedacht hatten,
und gegen Ende des Jahres wußte ich selber nicht mehr,
was ich wollte, schien auch die kürzeste Trennung von ihm
mir eine Unmöglichkeit zu sein. So kamen wir bis zun
Sylvestertage.
, Ich mnß Dich sehen, schrieb er mir, ehe Du heute zu
dem Balle fährst, auf dem gleichgüültige Augen sich Deiner
Schönheit freuen dürfen, während meine Sehnsucht Dich ver-
gebens suchen, meine Liebe die Sekunden langsam durch-
messen wird.
, Auch ich verlangte nach einem Zwiegespräch mit ihm
und meine Eitelkeit kam seinem Wunsche zu Hülfe. Er hatte
mich niemals in großer Toilette gesehen, ich wußte, daß sie
mir vortheilhaft war, ich wollle mir den Genuß seiner Ueber-
raschung bereiten, ihm zeigen, daß seine Irene nicht sür ihn
zu alt sei.
, Lächeln Sie nicht, mein Freund! Seiner frischen Ju-
gend gegenüber kam ich mir nicht mehr jung vor- und
ich wollte Ihnen ja mein Herz ganz frei enthüllen. Es fiel
mir an dem Tage schwer, das Rendezvous zu ermöglichen,
aber es gelang mir doch.
-

1
, Als ich in das Bibliothekzimmer trat, in welchem er
sich Abends häufig aufzuhalten pflegte, während die anderen
Offiziere in unseren Sälen waren, blieb er in einiger Ent -
fernung vor mir stehen, als habe er nicht eine lebende Frau,
sondern ein Gemälde vor sich. Er hatte die Arme gekreuzt
und sah mich schweigend an. Die Minuten waren mir kärg-
lich zugemessen. Es lag in seinem Schweigen etwas, das
mich ängstigte.
, Warum siehst Du mich so prüfend an, sagte ich end-
lich, , gefalle ich Dir nicht7
Er hörte oder beachtete die Herausforderung nicht, die
in meinen Worten lag.
, Du bist mir fremd in dieser Kleidung !' entgegnete er,
indem er mich unverwandt betrachtete.
,Das ist aber doch kein Grund dafür, mir nicht einmal
die Hand zu reichen!'' meinte ich, um ihn aus der Verfassung
herauszureißen, die mich beunruhigte.
, Doch! sagte er, , doch! Jrene -- Ich sah, daß er
sehr erschüttert war, daß er nach einem Entschlusse rang
und die Worte suchte, die ihm sonst immer zu Gebote standen.
, Ich will kurz sein, Jrene, sagte er, , denn ich weiß,
Du hast heute Eile. Das Jahr ist zu Ende, und von Ju-
gend an habe ich darauf gehalten, am Jahresschlusse mit
mir selber abzurechnen. Alle die Tage her bin ich mit mir
zu Rath gegangen, habe ich mich gefragt: Auf welchem Wege
wandelst Du, kannst Du ihn so weiter gehen? und ich habe
gefunden, ich kann es nicht, Frene!-- Alles, was Du mir
eingewendet hast, mein Bewußtsein zu beschwichtigen, seit
wir in unseren Herzen klar gelesen haben, hält nicht Stich

H .
u-
vor der unabweislichen Erkenntnisß, daß unsere Liebe ein
Vergehen ist; und Dein Anblick in dieser prunkenden Herr-
lichkeit, in der D Dur, ich sehe es, wohlgefällst, befestigt
mich in meiner Ueberzeugung. Ich vergesse Alles, Alles,
wenn Du bei mir bist, wenn ich Dich sehe. Fern von Dir,
stehen mein Gewissen, meine Ehre wider mich auf, empört
sich selbst meine Liebe fitr Dich gegen unseren heimlichen
Verkehr. Es erniedrigt mich in meinen Augen, Verrath an
einem Manne zu üben, der mir großmüüthig sein Hauus ge-
öffnet hat.!
Er hielt bei den Worten' inne.,Du bist erschrocken,!
sagte er, , und ich habe vielleicht den Augenblick nicht gut
gewählt; aber ich kann nicht weiter, Irene! Meine Leiden-
schaft, meine Eifersucht rauben mir den Verstand. Heute,
in dieser Stunde, muß es entschieden werden zwischen mir
und Dir. Ich weiß, was ich von Dir begehre. Es ist
viel, sehr viel!-- Doch giebt es keinen anderen Ausweg,
wenn wir einander nicht verachten sollen. Trenne Dich von
Deinem Manne, werde mein Weib! -
Ich war sprachlos vor eberraschung. Das hatte ich
nicht erwartet, und eben in dieser Stunde am wenigsten er-
wartet. Seine gebieterische Haltung, sein Ernst, so sehr ich
sie sonst geliebt, schienen mir in meiner Verwirrung eine
Unangemessenheit; und die Pendelschläge der Uhr, die mich
daran mahnten, daß ich eilen müsse, nahmen mir die Ruhe
und die Neberleguung vollends. Die Zumuthung war so
plötylich gekommen, das Verlangen war in meinen Augen
und auch in der That so ungeheuerlich, daß nur ein welt-
fremder Jdealismus wie der seine es in solcher Weise stellen

-
konnte. Alles, was uns trennte, stand wie in einem Zauber-
spiegel, mit einem Blicke üübersehbar, vor mir; es war mir
unbegreiflich, wie ich, eben ich und eben jezt, mich in der
Lage befinden konnte, daß solche Forderung an mich gestellt
ward, und, den Drucke nachgebend, rief ich, ohne zu be-
denken, was ich ihm damit that: , Welch ein Einfall! Statt
mir zu danken, daß ich kam, verlangst Dn das Unmögliche
von nir !-- und, mich von ihm wendend, wo llte ich mich
entfernen.
-- r- r. dk
schieden sein zwischen Dir und mir !' wiederholte er. , Ich
liebe Dich, Dich! nichts Anderes auf der Welt. Ich will
arbeiten Tag und Nacht, Deiner werth zu sein, einen Platz
zu erringen, an dem Du neben mir mit Ehren leben kannst=
aber!-- der Athem stockte ihm in der Brust, er warf sich
mir zu Füßen, und mit seinen Armen meine Kniee um=
schlingend, rief er: , Trenne Dich von Deinem Manne,
werde mein Weib! ich beschwöre Dich, ich flehe Dich
darum an !'
, Unmöglich! stieß ich noch einmal hervor, und es ist
furchtbar, daß ich dies sagen muß, ich fühlte mich urp lözlich
wie von ihm getrennt, ich bereute plötzlich Alles, was
zwischen uns geschehen war. Ich hörte den Wagen über den
Hof nach dem Portale fahren und schritt nach der Thüre.
Er
schloß mich in seine Arme und hielt mich zurück.
, Nicht von der Stelle!'' rief er, seiner selbst nicht
mächtig. Da raubte die Angst vor der Entdeckung, die Scheu
vor den Folgen einer solchen, auch mir die Besinnuung: ,Ich
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wollt., ich hätte Dich nie gesehen !' entgegnete ich, und die
Worte klangen mir selbst entsetzlich- aber sie waren aus-
gesprochen.
Mit heftiger Bewegung stieß er mich von sich zurück.
, Warum ließest Du mich nicht verblutend sterben?- rief er
und stürzte zum Zimmer hinaus.
, Ich ?-- ich stieg auf der kleinen Seitentreppe in mein
Wohnzimmer hinauf und fuhr zumt Ball.
, Sie machte eine lange Pause, ich wagte nicht, sie zu
unterbrechen,! sagte Maxime, , es giebt Erinnerungen, die
Leine fremde Hand berühren darf.!
, Am anderen Morgen,! hub sie danach an, ,kam mein
Mann mit einem Briefe in der Hand in meine Stube.
Diese jungen Demokraten, sagte er mit spöttischem Lächeln,
haben eine sonderbare Art und Weise. Dein Schütling hat
es für an gemessen gefunden, heute in der Frühe plözlich auf-
zubrechen und fort zu gehen. Er schreilt, er habe vor zwei
Tagen einen Brief bekommen, der ihn in die Heimiath rufe,
habe den Schmerz des Abschieds gescheut und sich deshalb
still davon gemacht. Das ist für einen solchen Helden eine
sonderbare Art. Nebrigens, reichlichen Dank fitr Dich und
mich! -- Da lies es selbst. Wo war er denn eigent-
lch her?
, Er legte den Brief neben mir auf den Tisch, seine
Gleichgültigkeit gegen den Eutferuten überhob mich jeder
Antwort. Der Brief enthielt eine Wendung, die ich allein
verstand. Er hatie mir geschrieben, ich wuußte, wo ich seinen
Brief zu suchen hatte. Er enthielt nur wenig Worte.r=-
Sie nahm ihre Brieftasche hervor und zog den Brief heraus.

n7:
,,Er hat mich nicht verlassen, dieser Brief,. sagte sie, , leit
all' den Jahren nicht;'' und das Blatt entfaltend, las sie
etwa die folgenden Worte:
, Du hast mir das Leben gerettet und hast es mir zer-
stört! Gehe ihn denn einsam fort und ungeliebt den Pfad,
den Du für Dich gewählt hast, da kalter Besitz Dir mehr
gilt als mein Herz, der Schein vor den Augen der Welt
mehr, als Einklang mit Dir selbst und meine grenzenlose
Liebe. Aber sprich ihn nie wieder aus den Namen des
Mannes, der Dich so sehr liebte, daß er darüber Alles ver-
gessen konnte, was ihm heilig war! =- Vergiß mich, wie ich
Dich zu vergessen suchen will!?--
Die Thränen stürzten ihr aus den Augen. , Noch
heute,'' sagte sie, ,kann ich seine Worte nicht ohne Thränen
lesen, und doch, so sonderbar- ist der Mensch geartet, wenn
seine Empfindungen von Jugend auf durch den Hinblick auf
das Urtheil der Anderen gebrochen werden, während ich in
Verzweiflung war bei dem Gedanken, ihn nicht wiederzusehen,
ihn unglücklich gemacht zu haben, fühlte ich mich erleichtert
durch seine Entfernung, durch den Gedanken, daß seine Lei-
denschaft mich doch einmal vor den Augen der Welt hätte
bloßstellen können, daß er jetzt von mir nicht wieder würde
fordern können, was zu erfüllen mir unmöglich dünkte. Ich
hatte es nicht vergessen, wie man die Heirath der Prinzessin
mit dem Musiker einst angesehen; = was sollte man denken,
wenn ich mich von meinem Manne trennte? wenn ich meine
glänzende Lage aufgab, um mich mit einem Studenten zu
verloben ?-
, Wie ich über jene ersten Tage und Wochen fortge -


kommen bin, weiß un. verstehe ich jezt selber kaum. He ute
sch mähte ich mich und ihn und all mein Glück und meine
Liebe, und morgen sehnte ich mich danach mit der ganzen
Kraft meiner Seele. Ich war recht eigentlich in mir zer-
rissen, trostlos und glaubensloser als je zuvor. Ich wollte
mich in den Reizen des Besitzes entschädigen, sie waren mir
leer und schal wenn ich an ihn gedachte; und je länger
ich mir überlassen blieb, je reiner, je edler, je würdiger
stieg mir sein Bild ans der Erinnerung em por, je öder
dit nkte mich mein Leben. Ich versuchte es ihm zu schreiben:
seine Freunde, an die ich meine Briefe richtete, sandten sie
mir in seinem Auftrage zurück. Er wollte offenbar nicht
mehr durch mich gestört sein-- und er hatte Recht. Was
hatte ich auch von ihm zu fordern? Was konnte ich ihm
auch damals sein? --, ketzt freilich ist es anders!- sagte
sie-- und mit einem melancholischen Seufzer fügte sie hinzu:
, Er ist die einzige Liebe m eines Lebens gewesen, die einzige!
Und er war es werth, daß man ihn liebte! zehnfach werth!
- Nun aber werden Sie begreifen, lieber Freund ! was
mir der Sylvesterabend bedeutet, und weshalb Sie mich
hente so niedergeschlagen fanden.!
Sie faltete dabei ihre Hände um ihre Knice, wie sie
dies öfters that, wenn sie sich achtlos gehen ließ, und blieb
so in tiefem Brüten eine Weile sitzen. Endlich that ich die
Frage, ob sie wisse, wo er lebe. Sie verneinte es. Sie
habe vergebens hie und da nach ihm gefragt; einmal habe
man ihr davon gesprochen, daß er nach Amerika gegangen
sei, das sei aber auuch schon lange her, und seit Jahren
habe sie nie von ihm gehört.