Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 05

zr:
, Damitr', sagte Maxime, , waren ihre Mittheilungen
am Ende, und ich bedauerte sie mehr als ich ihr sagte, denn
sie gehörte zu jenen Naturen, die nicht wieder blühen, wenn
ihre erste Kraft gebrochen ist.
Fünftes Kapitel.
, Am Neujahrstage fand ich sie sehr unwohl. Die Er-
zählung hatte sie angegriffen, sie klagte über heftige Kopf-
schmerzen, wurde in den folgenden Tagen von Migräne
überfallen, und schon nach kurzer Zeit wiederholte sich die-
selbe in verstärktem Maße. Dabei sah sie übel aus, die
Nachrichten über den Zustand ihres Mannes wurden schlim-
mer und schlimmer, endlich traf die Kunde seines Todes ein,
und obschon derselbe in jedem Betrachte eine Befreiung für
sie war, erschütterte er- sie dennoch, weil sie sich dabei auf's
Neue ihres verlorenen Lebens bewußt wurde.
, Ihre Eltern verlangten ihre Rückkehr, sie fühlte sich
aber zu unwohl zum Reisen; man drang in sie, machte ihr
Vorwürfe, die Nervenleiden steigerten sich. Die wenigen
Bekannten, die sie in Montreux hatte, verlangten mit mir,
daß sie einen Arzt kommen lasse. Wir riethen ihr zu De-
maret aus Genf, der für die Behandlung von Nervenleiden
eine Berühmtheit war, und den ich selber mit Erfolg zu
Rath gezogen hatte, sie lehnte es aber ab. Endlich vor
einigen Wochen schrieb sie mir am Morgen: Ich habe diese
Nacht zu sterben geglaubt, lassen Sie, ich bitte Sie darum,
den Doktor Demaret kommen.
, Mir war das eine Beruhigung. Ich sezte sofort eine
Fanny Lewald, Neue Novellen.
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Depesche auf, beschied den Doktor nach meiner Wohnung,
um ihm, was solchen konsultirenden Aerzten gegenüber immer
eine Nothwendigkeit ist, im Umriß Auskunft über die Kranke
zu geben, und ging dann später selber zu Irene, mich nach
ihrem Befinden zu erkundigen.
, Ich fand sie zu Bett und matt, aber dabei höchlich
gepeinigt durch den Ge danken an die Unterredung mit dem
Arzte. Sie machte sich Vorwürfe darüber, daß sie ihn ver-
langt habe, versicherte, daß jede solche ärztliche Berathung
ihren Zustand noch viel übler mache, sie wisse das aus Er-
fahrung. Sie könne dem Arzte doch nicht sagen, daß sie
sich unglücklich füühle, gegen Lebensm üdigkeit könne er ihr
nicht helfen, und schließlich drang sie in mich, die Berathung
um jeden Preis rüückgängig zu machen.-- Wie sie sich gab,
schien mir dies für den Augenblick selber wünschenswerth
zu sein; aber als ich nach der Ühr sah, fand ich, es sei
dazu zu spät. Demaret hatte telegraphirt, er werde kommen;
er mußte also jetzt schon unterwegs sein, es war Nichts
mehr zu machen und guter Rath war theuer. Wir ver-
suchten ihr zuzureden, daß sie seinen Besuch annehme, es
half und fruchtete nichts, sie blieb bei der dringenden Bitte,
nman mige ihr diese Unterredung ersparen.!
Mit Einem Male fiel mir ein Ausweg ein. , Seien
Sie ruhig, Jrene!'' sagte ich,, er soll nicht kommen. Wozu
hai man seine Freunde ? Ich helfe Ihnen darüber fort,
schlafen Sie ein paar Stunden, am Abend bringe ich Ihnen
weiteren Bescheid.!
Damit ging ich nach Hause und rief mir meinen Die-
ner: ,Eleiden Sie mich aus, sagte ich ihm, , mir ist auf der

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Straße sehr unwohl geworden. Ich habe mir Doktor De-
maret hertelegraphirt, in einer Stunde wird er hier sein,
Sie holen ihn vom Bahnhof ab, bringen ihn zu mir und
geben über mein Befinden keine Auskunft, wenn ex Sie darum
fragt.!--
Mein braver Heinrich sah mich ängstlich an, ich hatte
mich die ganze Zeit hindurch sehr gut befunden, er wußte
nicht, was er von mir denken sollte; aber ein rechtschaffener
gutgeschulter Diener wundert sich selbst über Wunder nicht,
sondern thut, was man ihm sagt, und mein Heinrich ist ein
wahres Muster.
Ich legte mich auf das Sopha, ließ mir Brausepulver
und lleur orange -Extrakt auf den Tisch setzen, ein Senf-
pflaster daneben legen, ich hatte in dieser Beziehung mehr
Erfahrung als mir lieb war, und hatte mich nach den An-
ordnungen gerichtet, welche Demaret mir früher selbst gegeben
hatte. Mit dem Nachmittagzuge kam er an, und geraden
Weges zu mir. Da ich frisch und gesund war, hatte ich
Müühe, eine gewisse Kläglichkeit an den Tag zu legen und
die Freude zu verbergen, die des Doktors Besuch mir machte,
den ich von Harzen schäzte, und der am Ende doch eine
europäische Berühntheit ist, die man nicht für Nichts und
wieder Nichts bemüht. Aber sein prächtiges freies Gesicht,
sein frischer energischer Ton setzten mich in die Lage, nicht
zu sehr heucheln zu müssen. Seiner Tapferkeit gegenüüber
zeigte ich mich ebenso. Ich klagte, was er sonst schon von
mir gehört hatte, setzte einige Beängstigungen hinzu, hielt
bei der Nntersuchung den Athem ein wenig zurück, kurz ich
zeg mich ganz leidlich aus der Sache. Demaret zuckte lachend
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die Schultern, nannte mich einen alten Hypochondristen, ver-
ordnete mir gar Nichts, rieth mir aufzustehen, und es ver-
gingen uns in der angenehmsten Unterhaltung die andert-
halb Stunden, bis sein Zug nach Genf wieder an die Reihe kam.
As er fortging, sagte er , Ich glaule, mein Lieber!
sowie Sie sich erholt haben, könnten Sie gar nichts Klüge-
res thun, als sich noch eine Fran zu nehmen. Es ist nicht
gut, daß der Mensch allein sei! Das Ach und Oh von
Madame würde Sie Ihr Ach und Oh vergessen machen,
und Sie wüirden ehrliche Menschen nicht so unnöthig von
Genf nach Montreux herübersprengen als Sie es mit mir
gethan haben.!
Ich fand, daß er nicht Unrecht hatte, aber Demaret ist,
wie Sie vielleicht wissen, selber unverheirathet, und in der
Heiterkeit, in die das ganze komische Abenteuer mich ver-
sezte, sagte ich: , Sie geben Lehren, die Sie nicht befolgen.
Sie sind zwanzig Jahre jünger als ich; warum gehen Sie
mir nicht mit gutem Beispiel voran?
Er machte einen Scherz, dann wurde er ernsthaft. , Sie
haben mir einmal von einer großen Leidenschaft gesprochen,
die Sie lange beherrscht hat'', sagte er; ,also kann man
Ihnen derlei vertrauen, ohne deshalb verlacht zu werden.
Iln dem Alter, in welchem man sich am leichtesten zu einer
Wahl entschließt, war ich nicht im Stande, eine Frau zu er-
halten, und durch eine traurige Erfahrung obenein ohne
Zutrauen zu den Weibern. Später wuchs meine Praxis
mir so schnell über den Kopf, daß ich keine Zeit behielt, an
mich zu denken, und da ich obenein durch die Erbschaft, die
ich von meiner Mutter Schwester machte, mich an Genf
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fesseln ließ, wo ich nicht unter Landsleuten lebte, kam ich
vollends nicht dazu; dent wenn ich hier und da einmal an
die Ehe dachte, dachte ich doch immer an eine deutsche Frau!'
Der Zug sollte abgehen, Demaret mußte fort, und wie
er mich verlassen hatte, stand ich auf und ging zu Irenen
in ihr Hotel.
Ich fand sie bedeutend munterer, die Erzählung meines
Abenteuers versetzte sie in die beste Laune, ich selbst mußte
nachträglich über das Auskunftsmittel lachen, aber wir kamen
natürlich überein, die Sache als ein Geheimniß zwischen uns
zu bewahren, da es doch eine Ungehörigkeit war, die Zeit
eines Mannes wie Demaret so unberechtigt in Anspruch ge-
nommen zu haben.
In der vorigen Woche nun bat Frene mich um eine
kleine Gefälligkeit und sezte hinzu, sie habe mich so sehr
als ,einen Freund in der Noth'! und als einen Rathgeber
in allen Fällen kennen gelernt, daß sie sich nun ein für alle
Male an mich wende, wie ein guter Katholik an seinen hei-
ligen Nothhelfer.
,Daß ich Ihnen neulich aus der Noth geholfen habe'',
entgegnete ich, , hat mir nachträglich leid gethan. Wir
hätten ein anderes Auskunftsmittel finden, Sie hätten De-
maret durchaus kennen lernen müssen, er ist es im höchsten
Grade werth. Was ich ihm unter Anderem auch hoch an-
rechne, ist, daß er bei einer ganz kosmopolitischen Bildung
doch sein Nationalitätsbewußtsein beibehalten hat, daß er
in der Schweiz ein Deutscher geblieben ist und sich nicht in
den Partikularismus der Kantone hat einfangen lassen.r?
, Ist er denn kein Schweizer? fragte rene.

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, Nein verseyie ich, ,ich deuke, ich habe es Ihnen ja
neulich schon gesagt. Er hat den Namen Demaret nur auf
den Wunsch seiner Tante dem seinigen hinzugefüügt; und
weil derselbe hier zu Lande den Lenten geläufiger und mund-
rechter ist als sein deutscher Namte, so nennt man ihn durch-
weg Demaret und nicht Eichlinger, was sich für französisch-
gewöhnte Lippen schwer bewältigt. !
rend
war
, Eichlinger ? Sie sagten Eichlinger?- rief Jrene, wäh-
sie die Farbe wechselte. ,Edwin Eichlinger?
, Freilich! aber was fällt Ihnen daran auf7
Sie hörte meine Frage kaum. , Er lebt hier ? Er
hier? Er war es, den Sie fortgewiesen? Warum
habe ich das nicht gewußt?-- Und man glaubt an Ahnungen ?
Man spricht von dem Zug des Herzens ? Jahre lang habe
ich danach verlangt, danach geschmachtet, ihn nur noch ein-
mal wiederzusehen, ihn zu ülberzengen, daß ich nicht mehr
so gering, so elend bin, als ich mich ihm gezeigt habe-
daß ich seiner Achtung nicht mehr uuwerth bin ! Nun war
er da, und eine unüüberwindliche Schen brachte mich dazn,
ihn zu vermeiden. !
Sie war so ergriffen, so aufgeregt, es konnte mir gar
kein Zweifel darüber bleiben, daß Demaret der Geliebte
ihrer Jugend sei; und nach den Aeußerungen, welche er gegen
mich gethan hatte, nach der Wärme, mit der Irene an ihren
Erinnerungen hing, fing ich an, meine ihr bewiesene Dienst-
fertigkeit aufrichtig zu berenen.
, Ich fragte sie, wwas aus diesem Abenteuer werden
solle
, Nichts! gar Nichts gab sie mir zur Antwort. , Sehen

ds..
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Sie nicht, das; es nicht sein soll? Und wenn er gekommen
wäire, wenn er mich noch erkannt und sich von mir gewen-
det hätte, es wüürde über meine Kräfte gegangen sein. '
Sie schien sich resigniren zu wollen, konnte es aber
nicht lassen, immerfort nach ihm zu fragen. Ich mußte ihr
sein Aeußeres beschreiben, sie wollte von seinen Leben hören,
und wie sie sic dagegen auch verwahrte, merkte man es an
jedem ihrer Worte, wie lebhaft sie danach verlangte, ihm zu
begegnen.
Da ich nun einmal als ein Freund in der Noth von
ihr angesehen wurde, meinte ich ihr zu Hülfe kommen und
anssprechen zu müüssen, was sie zu- bekennen sich scheute.
, Sie lieben Demaret'', sagte ich ihr; , Sie sind frei
geworden, er ist es ebenso, und die Erinnerung an Sie ist
nicht in ihm erloschen, wtnn er sie mir auch nicht eben als
eine beglückende bezeichnet hat. Sie aber haben den Zauber-
stab in Händen, der das Alles schnell zum Glick verwan-
deln kann. Sie sind in der That eine Andere geworden,
Jrene, das Leben hat Sie vertieft und geläntert. Sie haber
einst mit seinem Herzen eine Art von Spiel getrieben, seine
Jugend getrübt, ihm das Zutrauen zu den Frauen genom-
men; geben Sie's ihm wieder und verschönen Sie sein
Mannesalter. Sie selber haben sich vor mir angeklagt, sich
schuldig genannt-- büßen Sie! -- Schreiben Sie ihm
ellles, was Sie mir vertrauten, unumwunden, wie Sie's
mir vertraut. Er wird, wie ich ihn kenne, nicht unempfind-
lich
und
für Ihre Reue, für Ihre Liebe sein; sein Herz ist jung
offen.-
Sie hörte das mit Freude an, wollte mir glauben,