Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 06

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es sah aus, als werde sie ihm schreiben; indeß als ich sie
nach einigen Tagen danach fragte, hatte sie es nicht gethan.
Ich machte ihr einen Vorwurf daraus, sie ließ sich ihn
schweigend gefallen, und wieder gingen ein paar Tage hin,
ohne daß Etwas geschehen wäre.
Am verwichenen Freitag, als ich sie besuchte, lag ein
versiegelter Brief auf ihrem Schreibtisch.
,Ich habe mich überwunden', sagte sie, ,und ihm ge- j
schrieben. Nun ich den Brief absenden soll, fehlt mir dazu l
die Kraft. So lange er hier liegt, so lange ich den Ent- ;
schluß noch vor mir habe, so lange habe ich die Möglich-
keit, mir eine schöne Lösung zu erträumen, mich der Hoff-
nung hinzugeben. Aber, was soll ich thun, wie würde es
mir sein, wenn er mir nicht glaubte; wenn ich die Demüthi-
gung, oder nennen Sie es das Bekenntniß, unnöthig gethan
hätte? Und wer will es mir verbürgen, daß er jetzt in
mir mit meinen fünfunddreißig Jahren noch die frühere
Liebe seiner Jugend wiederfindet? -- Soll ich ihn nur
um ein Wiedersehen bitten? =- Das hat keinen Zweck und
dazu habe ich kein Recht! =- Soll' ich ihm sagen: jch liebe
Dich noch! und mich ihm antragen?=- Es liegen so lange
Jahre zwischen unserem Scheiden und dem heutigen Tage.
Ich kann es nicht!r Und als wolle sie sich die Möglichkeit
nehmen, ihrer Empfindung nachzugeben, die sie ganz ent-
schieden zu Demaret hinzog, warf sie den Brief in's Feuer.
Sechstes Ka pitel.
Ich ging nach Hause und meine unglückliche Natux
ließ mir keine Ruhe. Ich kann keine halbfertige Arbeit

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liegen lassen, kann nicht müssig zusehen, wenn Leutel an
einem umgeworfenen Wagen stehen und sich beim Aufrichten
ungeschickt benehmen. Ich muß Hand anlegen und heben
helfen. Was aber konnte ich thun? ==- Mich noch einmal
zu Bett legen, war nicht möglich; Demaret unter einem
Vorgeben auf's Neue herberufen, konnte ich fnicht; Irene
überreden, nach Genf zu fahren und ihn dort aufzusuchen,
war noch weniger schicklich. Was blieb mir übrig gls--
die halbe Wahrheit, die uns in vielen Fällen am besten
aus der Verlegenheit zieht?
- Ich setyte mich hin und schrieb an Demaret. Ich sagte
ihm, ich hätte eine Freundin hier, die Wittwe von James
Gilling, die leidend sei und ihn schon neulich zu berathen
gewünscht, davon aber abgestanden habe, weil sie glaube,
auf seine Bereitwilligkeit für sie nicht rechnen zu dürfen
Ich wisse zwar nicht, worauf der Zweifel meiner, Freundin
sich beziehe, aber ich sei der Ansicht, - daß in dem Leben
eines Mannes wie er,. ein Fugendabenteuer, und um -ein
solches scheine es sich ja zu handeln, nicht eben nachhaltigen
Einfluß haben könne; am wenigsten, wenn es sich um eine
ärztliche Pflichterfüllung handle. Ich bäte ihn also, herüber
zu kommen, und würde ihn, mit seiner Erlaubniß, selbst zu
Frau v. Gilling führen.!
Maxime lachte, strich sich den kleinen Schnurrbart und
fuhr mit der Hand über seine Stirne. ,Das Nebrigek,
sagte er, ,können Sie sich jetzt wohl denken, ,wir sind an
der Schlußszene.
,Demaret nahm die Aufforderung an. ,Ich komme
Sonntag mit dem ersten Zuge!? telegraphirte er mir. Mit
- =a.= -==- =S-=-=«- e- - .

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meinem Telegramm bewaffnet, snchte ich Irene auf, und die
anderthalb Tage der Ungewißheit und der Spannung, die
beiden schlaflosen Nächte reichten eben hin, sie in einen
Zustand zu versetzen, der die Berufung eines Arztes recht-
fertigen konnte.
Am Sonntag holte ich meinen Doktor von dem Bahn-
hofe ab; er war in gutem Glauben gekommen, es war von
meinen Privatnachrichten keine Rede. Er erkundigte sich wie
ein kluger Praktiker um Frau Gilling's bisheriges äußeres
Ergehen, aber er kam mir doch zerstreut und nicht ganz so
sicher vor, als man ihn sonst zu sehen gewohnt war. Als
ich ihn danach die Treppe von der Station und den Weg
nach Montreux hinauf geleitete, kam ich mir wie einer der
Amoretten vor, die auf dem Rafaelischen Freskobilde den
Aleander zu Roxane führen. Ich fühlte nach meinen
Schultern, ob die Flügel noch nicht durchgebrochen wären.
Demaret wurde schweigsam, als wir das Hotel betraten.
Während ich Frenens Diener beauftragte, seiner Herrin den
Doktor Demaret zu melden, klopfte mir altem Thoren selbst
das Herz. Der Doktor war sehr ernsthaft.
, Ich komme nachher noch zu Ihnen,! sagte er, als der
Diener die Thüre öffnete.
Ich sah Roxane in ihrem Saale auf dem Sopha sitzen,
sah Alexgnder sich ihr nahen - dann fiel der Vorhang, und
ich ging nach Hause, den Erfolg dieser Berathung abzuwarten.
Zwei Stunden gingen hin! Der Zug, mit welchem
Demaret hatte zurückfahren wollen, war längst abgegangen.
Endlich kam der Diener und brachte mir ein Billet.
Jrene hatte es geschrieben: , Kommen Sie!! hieß es

1z?
in demselben, ,kommen Sie, das; wir Ihnen danken, daß
Sie sich des neuen Tages mit uns frenen, den Sie für uns
heranfbeschworen haben. !
, Sie hatten Beide ihre Namen unterschrieben. Als ich
hinkam, fand ich sie Arm in Arm und wie verjüngt und
verklärt. Da nun aber eine gute That nur selten unbelohnt
bleibt, habe ich mir durch meine Vermittlung die große Ge-
nugthuung bereitet, die beiden mir werthen Menschen nun
dauernd an den See gefesselt zu wissen, an dem ich mich
doch auch nach einer festen Niederlassung lmthun will,
Und Maxime hat Wort gehalten. Ihn und seine
Freunde haben wir bei einer späteren Rüückkehr an den
Genfersee in ihren Campagnen und hoffentlich nicht zum
letzten Male aufgesucht.