Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 02

Zweites Ka pitel.
Die Kurzeit hatte, als er in dem Badeorte eintraf,
ihren Höhepunkt erreicht. Aus Nord und Süid, aus Osten
und
und
daß
Westen waren die Heilungsuchenden herbeigekommen,
scon nach wenig Tagen meinte Werner zu bemerken,
er hier zunächst das Rictige für sic getroffen habe.
Die Gegend macte keine Ansprüüche an eine ganz be-
sondere Bewunderung und war doc anmuthig und freund-
lich. Die Kur gab eine bestimmte Beschüftigung, er sties;
bei derselben bald auf verschhiedene Bekannte, das Leben
hatte etwas sehr Bchagliches. In der buntgem ischten Ge-
sellschaft, welche sich an dem Brunnen, in den Kaffee- und
Speisehäusern oder auf der Promenade und in den Spazier-
orten zusammenfand, konnte man Verkehr haben oder einsam
bleiben nach Bedürfen; und als Werner erst dahin gelangt
war, sic eine feste Tageseintheilung zu machen, die zu seiner
Zufriedenheit ihm durchans unerläßlic war, kam seit
Christinens Tode zum ersten Male Wohlgefühl in seinem
Jnnern auf.
An jedem Morgen trank er nach dem vorgeschriebenen
Spazicrgang an demselben Orte seinen Kafsee, er aß an
jedei Mittag in demsellen Saale seine Mahlzeit, suhr zun
Ves perbrote regelmtä fzig in den Park h inaus, und wwanderte
sclieszlich auf den spazierlicen Waldwegen nac irgend einem
der entlegenen Aussichtspunkte, an denen sein Diener ihn
mit dem Waget zu erwarten hatte.
Dabei traf er natüürlic mit den nämlicen Personen
häufiger zusammen, und scon nach wenig Tagen fielen ihm

vier Frauenzimmer auf, welce eben so regelmtäsßig als er
selbst sich zum Kaffee in den Park verfüügten.
aaaß die großße schöne Fran, welche die Mite der
Dreißiger nur wenig überschritten haben konnte und ofjeubar
den Anspruch zu gefallen keineswegs aufgegeben hatte, die
Mutter der beiden hochgewachsenen und trotz ihrer gros;en
Jgend schon sehr üppigen Brüünetien sein uüisse, deren
Augen vor heller Lebeuslust erglä nzten, dao wor unverkenn -
bar. Das; sie Wienerinnen waren, verriethhen sowohl ihr
Dialekt als die Art ihres Behabene, wwas er aber aus der
vierten Dame macen sollte, welche ihmn weitans als die an-
ziehendste in der ganzen Badegesellschast erschien, das wsßte
er nicht recht.
Sie war bedeuteud älter als die beiden auderen Madcen.
Werner meinte nicht zu urren, wenn er ihr füuf- bis secs-
undzwanzig Jahre gab. Auch sie war hoch gewacsen, jedoch
so zart gebaut, daß man sie schwächlich nennen konnte, und
sich fast wundern mußte, wie ihr schlanker Hals, ihr feiuer
schmaler Kopf die ungewöhnlice Füille des Haares !nagen
konnte, dessen hellblonde Flechten ihr auf den weisßen Nacken,
dessen reiche Locken ihr zu beiden Seiten des Gesictes
niederslossen.
ahne dasß er sich dessen recht bewußt war, nahm Werner
bald ein bestimmtes Interesse an den vier Frauenziumern.
Er hatte sein Vergnügen an der immer gleicen Munterkeit
der beiden jüngeren Mädchen, an der sicheren Haltung ihrer
Mutter. Es belustigte ihn, seine Betrachtungen darüüber zu
machen, wie die Mutter Grußß und Anrede an die ihr und
ihren Töchtern huldigenden Mäuner je nach deren Werth-

scä tung klüüglic zu bemessen wußte; wie geschickt und doch
wie schtcklich die beiden Brünetten die Aufmerksamkeit der-
jenigen zu erregen verstanden, denen sie sic, kund zu geben
wüinschten, und es socht ihn gar nicht an, daß er, obschon
er immer ganz in ihrer Nähe saß, dabei durchaus nicht in
= -.trae. -am. Was kümmerten ihn denn diese Wienerinnen?
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Scie waren ihmn eiue reizende Staffage in dem Rosengarten
und niht mehr. - Iudesß als an einem der näcsten Tage
driben an dem Tnsche das schlanke bloude Frauenzimmer
schlte, fehlte es ihm selber; und er brach früher auuf, als
er soust gethan hatte.
----- - uegnge des Park blieb er stehen. Er hatt.
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anee Zerstretheit den Weg nicht eiugeschlagen, den er hatte
gchen wollen. Er hatte es doc wissen uögen, ob er die
blonde Sc öne wieder schen wüürde, odor ob sie den Ort
bereits verlassen habe ? Ihr weisßer Nacken, die blonden
lecten, das zierliche Ohr und der schlanke Wuuchs standen
ihm immner vor den Auugen, und nicht einmal ihren Namen
hatte er erfcagt.-- Er scalt zich ob sciner Ungesellgkeit,
er warf sics vor, das er sich vorzeitig zum alten Manne
werden lasse, und weil er sic in dieser Stimmung ein
schlecter Gesellscafter war, kam ihm, da er eben seinen
-vgen besteigen wo llte, der österreichische Obrist sehr ge-
legeu, mit dem er bekannt geworden war und den er täglich
in der Ghesellscaft der Wienerinnen wahrgenommen hatte.
Werner lnd den Obrist ein, mit ihm nach der Stadt
zurüückzufahren, sie plauderten von dem und jenem, der Obrist
gedacte ganz von selber «.. Damen, mit welchen Werner
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ihn alltäglic verkehren sehen, und dieser brauaz.. kaum eine
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Frage dazwischen zu werfen, um zu erfahren, was er wissen
wollte.
Sie hatten eben von der Schönheit des jungen dunkel-
lockigen Schwesternpaares gesprochen, als der Os cist die Be-
merkung machte, die Mutter habe zu ihrer Zeit doch noc
aus anderen Augen in die Welt geschen. Sie war das
schönste Mädcen der Stadt, ungarisch und italienisch Blut,
sagte er, und wir sind bei uns in Wien nict arm anu
schönen Weibern. Ihre Heirath macte deehhalb förmlic Auf
selen.
Weruer fragte, ob sie eine schlecte Wahl gethan habe?
,, Durcaus nicht, so weit es Nang und Reichthum an -
betraf! entgrgnete der Obrist. , a' rr Baron woäre fiür jede
Andere eine ganz vortreffliche Partie gewesen. Er mnuß ihr
selber auuch in gewisse: Sinne als eine solche erschienen sein,
denn ihr Vater war ein büürgerlicer unittelloser Hauptmann,
und Baron Löwenkron war erster Rath der schwediscen Ge-
sandtschaft, ein reicher Mann von altem Adel. Indes sie
hatie die gläuzendsten jungen Leute zu ihren Füsßen, Löwen -
kron aber war ein kränklicher bejahrter Mann, der ihr aus
seiner ersten, ebenfalls in bereits vorgerüücktem Alter einnge--
gangenen Ehe eine Tochter zubrachte: die sclanke Blo:de,
der man die nordische Abkunft auf den ersten Blick ansichht.
Er hat üirigens den guten Takt gehabt, nicht lange zu
leben, sein Tod hat der scönen Wittwe nicht das Herz ge-
brochen, und da sie eine entschlossene und kluge Frauu ist,
hat sie sich und ihren Kindern das Leben angenehm gestaltet.
Nur mit der Stieftochter glückt es ihr nicht rect, obscon
sie Alle auf dem besten Fuße mit einander stchen. Es ist

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els.« -rine Blnutsverwandtschast zwischen ihnen, sie sind ver-
az-
sihhiedene Naturen, und das sühlen sie alle Beide: die Baro-
uinn ebcnso wie Meta! !
=-so Meta! wiederyolte Werner in seinem Innern. Er
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wußte seine Schöne jett doch wenigstens zu nennen; und
um des u bristen Mittheilung im Flusse zu - =---» --, nachte
oF,le o -
er die aamerkung, daß Unfrieden in solchen Verhältnissen
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nuur z gewih nlich sei.
, !! nfriede? rief der Obrist, ,davon ist nicht die Rede.
Es gc!t zwiscken ihnenu alles glatt und gut: sie gehhören nur
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-- -»- - z sumtmen, sie hinderu einander, ohne es zu wo llen.
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« ic Baronin und ihre Töcter sind gesund, sid lehenslustig,
da K ist Metuu beides nict. T.-
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und iierlußt sie die Stieftochter
sie -ine sclecte Mutter; nitu=u.-
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wueise her -i nderen anzuschlieszen,
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d ie Baronin ihr den Willen
sich selber, so nennt man
sie Meta sich der Lebens-
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so fal.i derselben das zu
sihwer und greist sie an. Es wäre also wirklich gut, wenn
sic Meta bald entschlösse, einen
ist sie aber von den Willen der
itnd wahlrriscer als sie sollte,
Gluubis lebt, mnan umwerbe sie
Mann zu nehmen. Leider
Baronin völlig unabhängig
weil sie des unglücklichen
wvegen ihres groszen müitter-
luzen -evre -- Mit den eigenen Mädchen wird die Mutter
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hiig. g leicl zuu S lande komuien, die wird sie bald ver-
sorgrs. a ann kaun sie in Ireihett wieder an sic den - -,
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ennt Liwentron hat auc für diesen Fall sie anständig be-
auhzt, und Sie wwerden zugestehhen, sie ist --- Gi- -- Iur
Hs-sn m nsrmi.fsps s
eiiiee eifen weltersahrenen Mann, !
Er iprac ds Luztere mit jener selhstgefälligen Koket-
te.i-, von elcer ältere Mäniner selten srei zu sein pslegen,