Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 03

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wenn sie als Bewerber um Fraueugunst sic in die Reihen
stellen, so daß Werner nicht in Zweifel dariber bleiben
konnte, wwen sein Begleiter unter dem reifen wellerfahrenen
Mann verstanden haben wollte.
Inzwischen waren sie vor der Wohnung bessellen an -
gelangt, und man trennte sich mit einer Verabrebung für
den näcsten Morgen.
Dritte s Ka pitel.
Werner fand in seinen Zim mnarn a ruufe und Bericte
aus der Heimnath seiner wartend, die ihm sür den Mest des
Abends vollauf Beschüstigung galen. Erst als er sic nieder -
legte, konnte er wieder an seine Uuterhalluug mnil dei Tbrns
denken, und es gesiel ihm, er lobte es iu seinem Jnnern,
daß die blonde Meta, die scöne Meta, nur dem eigenen
Sinne solgte. Denn schön war sie, scöner fast als es für
das Glück der Ehe ihm wüinscenswerth erscien. Eine unge-
wöhnlic anziehende Frau hatte er sich nie ersehnt. Christine
war nicht aufgefallen, aber ihr ruhig freundliches Gesicht
war ihm so lieb gewesen, ach so lieb! Es gab nicht ihreo
Gleichen.
Dte Treue, mit weliher er ihr noc i ber ihren Tod
hinans ergeben war, rührte ihn so sehr, daß sic hu die
Augen feuchteten. Er schlief mit einem scweren Sruszer
ein, doch schlief er fest und tief, bis ihn der Diener weckne.
Er mußte sich besinnen, wo er war. Er hatte die ganze
Nacht hindurch geträumt, und träumen war sonst seine Sace
nicht. «- lächelte, als er sich erinnerte, mit wem er sic
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in seinem Traum beschäftigt, aber er füihlle sic wohhl und

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u sc; er kleidete sic mit groser Sorgfalt an, und wie er
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sein starkes braunes Haar über der Stirn ordnete, bemerkte
er mit Wohlgesallen, dau-- - --- grauues sich daro=-
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mtiscte, dafß dte «uaued .n =z- -s----- -=--- - --.e Furche in
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die hohe Stirn gezogen hatte.
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a brist uit der Baronin und deren Töchtern entgeg-=----
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Tie scöne Meta fehlte jedoc wieder neben denselben.
a ie verabredete Vorstellung war schnell geschchen, die
Barwein zeigte sic von Werner's Verhältnissen soweit unter-
nict-t, als der Obrist sellst sie kaunte. Sie beklagte ihn
u dr it e..Ule t. - - - -=--- isug dabon, wwie hart es set,
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wieder einsamt iut Lcben dazust hen, weun man es anders
hale kennen lerurn, und ihre Ehe habe doc so lange nicht
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gedauert als die seine. Aber . pwvoll, gls sie hatten .
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zuum Glücke Kinder, füür die sie leben ntüßten, und was wolle
der Mensc auc anders machen als sich trösten? Sie halte
a fnr eine heilige Pflicht, sagte sie, die D- zu genießien,
die der Herrgott uns verg önne, halte es fütr die ihr zuge-
wvieseiue Aufga he, ren Tu .=- l das Leben angenchhm zu
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utacen, und g=- 111g zu erhalten um der Kinder willen;
enn sic iu unfructbar. Trauer zu vergraben, das komme
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thr te eine scwere Süinde vor.
Sie sah dahei wie das Bargnüigen sclber aus, so daß
«. erner es nict unterlassen kv nnte, ihr sein Kompliment
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üiler ihre heitere Weltanschanung zu mnacen; aber er mußte
dett Ooristent darin beistimment, die Baronin -=- --=-» i-== .
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und unterhaltend war sie s=- aß ==g viel, sprac an-
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geuehm: und lcbhsaft, nur von Meta spracen weder sie uoch

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ihre a og- -- Sie halten vollauf mit sich und mit den
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Männern zu tlun, u.=z« sich ihnen wäihrend der Brunnen-
Al,s.
promenade angeschlossen halten. Es war von einem Auus -
pge die Rede, den man am Nachmittag nac einer der
Höhen zu unternehmen dachte, und füür welcen der Obrist,
der neben de. «aronin ein geisiiges Hauscecht auszuüben
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schien, = - aorkehhrungen in die Hand genomtmen hatte. Er
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war es denn auc, welcer die -. isict an esprac, das; für
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Meta der Weg auf jeden Fall zu weit sein diirfte.
Die Baronin entgegnele, mtan wwerde Meta ja auf den:
Heimweg tressen, dan könne sie seller entsceiden, ob sie
sabei sein wolle oder nict, und damit war die S ace alge
than. at- ,l ntgest -äüinner wurden fortgescickt, noc ver -
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schiedene ander. Personen zu der Besteig ung der Albertns -
höhe einzuladen. a uz. Werner sichh ihnen ansclieszen wiür. -,

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nahm man als selbstverständ lich an, die Damen spracen ihm
von den Personen, welche er dulei kennen lernen werde,
aber er hörte nur mit halbem O lr zu, denn er spähte nach
Meta aus und konnte sic endlic, weil das vergeblice
Suchen ihhn ungeduldig macte, er -rae nict ethalten,
ob man etwa die verahredute aarasze veufchlt habe, da man
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dem Fräulein nict begegne.
, Ac!- rief die Baronin, , man sichht es, bas; Sie meine
Toz.« noc nicht kennen. Meta s Jsagen in allen solcen
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Fällen sied immer nur bedingt. Sie ist gern ihr eigener
- - -.-d wvir stören sie darin nict. Sie weis;, das; wwir
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sppeee snn
nicht auf sie rechnen, und im Grüunde ist ihr, wie der Scnecke,
in ihrem Hause stets am wohslsten. Sie findet, wwo man
auch sein mag, irgend einen Wintel, der ilr bchagt, inn dem.

sie sich eiunistet und festsetzt, und aus dem bring,- man sie
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nur scwer herauns. ! = Die Mutter tadelte das weiter nicht,
sie schient die Eige=-= -- -=- -»-- -»=z--- uils ein Naturbe-
-Kvss -syo e (ssz.skn.sifoee
ding niß aIz-= =--- --- ==» si=-z-- --- varüüber, daß es
fssokninon As,
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für Meta eiget--= ---- llng-- s--, in dem Zeitalter der
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Eisenbahneu leben zu müüssen; aber es wurde Werner des
=--- zens bald zu viel, und er verabschiedete stch --=-=-
,
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vonn -- --=-=- -----, ohne d iejenige geschen zu haben, um derent-
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willen er den Morgen in der Gescllschait zugelract hatte.
Er kam unmuthhig nac Hazse. Es machte ihn im mer
sehr--.riesßlic, wenn ihm ein Vorhaben nict gelang, eine
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Efrwartung sch ihm nic- -- lte. Er fragte sic aber nng-,
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sinp.irse
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wouuS e »-- - s- =-- -, waS er erwvartel huulld, er deeh- -ule mit
plötzlich entstandemter lln.l an die Baronin und an ihre
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munteren « - tster. Der Voru ittag wuurde ihm schr lang.
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Er hatie zu keinem Thun die recte Lust. Es litt ihn end -
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lley --=-- mehr .n der S!ule, er ging auf die Promenade
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hinaus; sie wwar um diese Stunde menschenleer. Gelang =
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sclenderte er auf unb ab. Es schlug zwölf Uhr, das war
die Börsenstunu. - - - y --g. Er hatte viel darumt ge-
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infls
grbu ., dort und in der gewohnten a hüitiglenl zu sein. Er
wwar es müide, sic zuu bergnilgrn, vhue arg nüigenn davon
zuu ha hen, und um doc irgend etwvas vorzunelmten, trat er
in einnen Bu claden hinein.
= - - «u c hsändler kan.. ihi bereits. Er legte ihnt ver-
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sciedene politisce Broscüüren und hhistoris.h- -- - - vor, wie
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Werner deren einige vunn ilm: eu tnuomtmen hhalt, iu des; er
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fand sic heute nius- zu slchem Lrsen aufgelegt, er suchte
nac einer leicteren luuterlsallung. Es laugen eiue Menge

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von Romanen und Gedichten vor ihn, aber mit derlei hatte
es
sich selbst in früiheren ,hren niemals abgegeben, und
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oft mit Erstaunen angesehen, wie die verständige Christine
viel Wohlgefallen an Poesien gefunden, das es sie ver -
drossen hatte, wenn er nicht anhören wollte, was sie so hoc
pzfrosiko
- - ---=. Die schöne Ausgabe der Goethe'scen Gedicte, die
hier obenauf lag, hatte sie auch besesseu, sie hatte oft auf ihrem
Nähtischchen gelegen. Er nahhm sie in die Hand und sclug
sie auuf, als müste er die bunten Seibenfäden darin sinden,
die Christine als Zeichen darin liegen grhabt laite. a ne
waren freilic nict darin, aber das Bich war ihm: eine
Erinnerung an die Verlorene, und er nahm es mit sich.
Zum Mitiagsessen war es noch zu srüih. Er sezte sic
unter den Platanen nieder und sah dem Springlrnnnen zt,
- der sunkelnd in die Höhe stieg und verstäuu bend iuber den
Kranz von Blumen niederfiel, die deo Beckens Rand um -
gaben. Das immergleiche Spiel des Wassers wiegte ihn in
träumerisches Denken ein. Eriunerungen um Erinnerungen
tauchten in ihm auf, leise Töne klangen in ihhm wieder, ein
Goethe'sces Lied, das Christine ihm geinngen, zug durc
seinen Sinn. Er suchte eo und konnte es nichht finuden, aber
unwillküürlich verweilte er im Suchen bei den und jenen
Versen, und sie mutheten ihn anders an als sounst, sie rührten
und bewegten ihn. Sie facten eine unlestimmte Sehnsuct
in ihm an und ein Empfinden, das er, vhne das; er's wollte,
Rene nennen mußte. Reue? War er niht glüickli.h gewesen
mit seiner Frau ? War sie es nict gewesen ? oder was
hätte ihr fehlen, was hätte sie vermissen köunen neben ihu.
Was hatte er denn also zu bereuen ? Er huutte ihr vollaus

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grloten, was sic irgend zu wüünschen geschienen hatte. Es
war ihm nichts zu vil, nichts ihm zu kostbar gewesen für
sie, jeden ihrer Wüünsche hatte er erfüüllt, und was verstän-
dige Menschen irgend von einander erwarten konnten, das
hatten sie besessen in einander. Und doch konnte er sich des
Gedankens nicht entschlagen, daß es noch ein Anderes geben,
das ein ihm unbekanntes tieferes Zusammenleben möglich
sein, das: Christine die Ahnung eines solchen, eine Sehnsucht
nac demselben em pfunden haben könne, nur daß sie nicht
fihig geweien war, sich nach der Seite kund zu geben, nnd
es niiht verstanden hatte, die Empfindung anzuregen, die
ihu heule durc das Herz zg.
Er war sich sellst cin Räthhsel in dieser grübelnden
und sinuenden Verfassung, er hatte sich auc in einer so
eigeuthüt mlicen Aufregung nie zuvor befundezt. Sie machte
ihn unruhig, und doc war etwas in dem Zustande, das ihn
um seiner Neuheit willen reizte und ihm wohlgefiel. Nur
das Alleinsein in der Stille kounte er nicht lange ertragen.
llnd wie er sich dann von seinem Sitz erhob und sich auf
den Weg nach seiner Wo hnnng machte, ärgerte er sich üiber
die traumerische Melancholie, der er sich hingegeben hatte,
utnd die er eines ernsthaften Mannes unwiüudig eractete.
Es wwur der Müsßiggang, der ihn nac seiner Meinnng sich
selbst eut freudete. Er zählte die Tage, welche seine Kur
noc von ihm sorderte. Es waren ihrer nict eben viele
unehhr, und er nahm sich vor, sobald er sie beendet haben
wüirde, zurüickzukehren zu seinen Gescäften, in sein Hauus,
zn seinem Sohne, zu Christinens Sohe, für den zu leben er
ihr versprocen hatte.
,iunny Lcwwa!d, Neu e Nori lleu.
Unireraität Aamnburg