Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 04

18
Viertes Kapitel.
Man war schon vollzählig auf dem
von dem aus man den Spaziergang nach
latz beisammen,
der Albertushöhe
unternehmen wollte, als die Baronin, von ihren drei Töch-
tern begleitet, und von ihrer Tienerin gcfolgl, stch den
=---deren zugesellte. Ste entsculdigte unit gewohuuter Leb -
9ss-
haftigkeit ihr verspätetes Erscheiuen. Ter Eselsführer, sv
berichtete sie, der den Wagen füür ihre ältere Tochter hatte
bringen sollen, sei auu sgeblieben. Man hahe ihn lange er -
wartet, bis Meta sich entsclossen, lrotzdem den Spaziergang
mitzumachhen. Sie habe jedoc die Kammerj ungfer bei sic,
damit sie umkehren könne, wwenn sie finden sollte, das; ihr
der weite Wg beschwerlich falle.
Sie wendete sic darauf zu Werner, dem Einzigen in
der Gesellscaft, welcher ihre Stieftochter noc nict persön -
lich kannte, stellte ihn derselben vor, während versciedene
Mäuuner und Frauen sie begrüüsßten, um mit thheilnehmtender
Vorliebe sic nach ihrem Ergchen zu erkundigen, aber der
- ortst triel zum Auufbruc und man macte sic dann aucs
gs
schleunig auf den Aeg.
Tie Sympathien, welche sic während des mehrwöcent-
lichen Bisammensein zwischen den Mitgliedern der Gesell -
schaft gebildet hatten, gaben sich dabei augenblicklich kund.
Man fand sich in Paaren zusammen, WZerner und ein junger
Mann, welchen die Baronin ihm als ihren Vetter vorgefüührt
hatle, blieben an Mäeta's Seite, und nun er das scönc
a-uuudchen in der Nähe betracten lonnte, erschien es ihzm
V
noch fesselnder, noch lieblicer als aus der Ferne. Tue

1
blauen Auugen hatten einen so ruhigen festhaltenden Blick,
die Stimme einen Wohllaut, der jedes Wort, das über
Meta's Lippen
.lussprache des
und heimathlich.
Da sie auf
kam, gefällig machte, und ihre nordische
Deutschen berührte Werner's Ohr vertraut
dem schnell emporsteigenden Weg langsamer
als die Anderen vorwärtskam und wenn sie sprach, im Gehen
innehtelt, bot der Vetter ihr seinen Arm, während er die
Beiorgnis äuserte, dasß sie sich heute uchr zumuthe, als ihr
dieulic sein dürste.
, Nicht doch! eutgegnete sie, ,ch bin gar nicht so
scwac, olschon ich nicht eben die Stärkste bin. Ich er-
sceine uur den Meineu hinfällig, weil sie sich glücklicher-
weise einer ungewöhnlichen Ausdauer zu erfreuen haben.
Ic bleibe deshalb also gern zurück, wo ich meiner nicht
ganz sicher bin, dann ich schene mich, Jemandem zur Last
zu jallen; und mic an der Natur erlaben, das kann ich
nberals. Ich bin zu Hause und in unserem Garten ganz
zuiricden und vergnitgt; heute aber kann ich sehr wohl mit-
ke uurrn, und ich freue mich auf den weiten Ausblick, den
man un verhheisßt.
äie schritt danac ununnterbrochen, jedoch nur langjam,
wi rarte, und die üübrige Gesellschaft hatte sich denn auch
in ihrer Brwuunderung der schönen Rundschau bereits genug
gu tb un und sasz in bester Laune bei dem Vesperbrote, als
Meta mit ihren beiden Beg leitern die Höhe und den Aus-
sn.t :punkt errei.hhte.
Tie Mäiuner erh oben sich von ihren Sizen, man führte
die Ankommeude nac deu Plae, von wwelchem das Pano-
? z

N
rama sich am besten ausnahm, man erklärte ihr dies und
das, abcr nur ihr stilles Lächeln sagte dasir Tauk, denn
ihre Augen schweisten in beglüücktem Schauen über das schöne
Land hinweg bis weit in die Ferne, und kein Laut kam
über ihre Lippen, bis die Baronin sie sammt und sonders
anrief und sie nöthigte, an der kleinen Mahl;eit theilzu -
uehmen.
Werner blieb den ganzen Nacm ittag in Me ta's Nähe.
Alles, was sie that und sagte, gesiel ihm wohl, denn so
schlicht in sich beruhhend, so unbekümmert um Audere als
eben sie, hatte er noc kein Weib geschhen. Bald überraschte
ihn der sinnige Ernst in ihrem Urtheil, bald der wortkarge
und doch so warme Ausdruck ihhrer Frende; am meisten jedoc
bezauberte ihn die völlige Unbefangenheit, in welcher sie mit
den Männern, und also anch mit ihm verkehrte, als hätte sie
ihn lange gekannt. Sie schien gar nicht daran zu denken,
daß sie jung und schön sei, es nicht zu bemerken, daß man
sich um sie bemühte und sich um ihre Gunst bewarb. Die
Zeit verging ihm wie im Fluge neben ihr.
Die Sonne neigte sich endlich zum Untergange, ohne
daß man an den Aufbruch und an die Heimkehr dachte,
denn es war nahezu Vollmond, und weil man sich bei sci
nem Lichte eine schöne Nacht und einen phantastischen Rüick-
weg durch den Wald versprechen durfte, schlug die Baronin
vor, das Abendessen auf der Höhe einzunehmen, und sich
danach mit Kienfackeln durch den Wald vorleuchten zu lassen,
bis man sich wieder auf offenem Wege und im Mond licht
finden würde.
Man nannte den Gedanken unve rgleichlich, Meta stimmte

A
lebhaft bei, aber kaum hatte man sich seiner Ausfüührbarkeit
versichert, so erhob sie sich, rief die Kammerfrau heran, und
scickte sic zum Fortgehen an. Niemand wollte jedoch da-
von reden hören. Mae schilderte ihr das Vergnügen, das
man erhosfte, in den reizendsten Farben, man suchte sie mit
Bitten und mit Scherzen festzuhalten, der Vetter vertraute
ihr eud lii, dass er in dam Hanse ein ganz vortrefflich kom -
ponirtes Feuerwerk vorräthig gefunden habe, welches er er-
st anden habe nnd abzubrennen denke, aber sie blieb bei
ihrem Vorsatz. Sie wisse, sagte sie, was
duirsc, und was nicht; und überschreite sie
mace sie sich den Anderen nur bescwerlich,
halb gehen, sie habe ihr reichlic Theil von
reits gehabt.
sie sich bieten
ihr Maß, so
sie wolle des -
Freude ja be-
. So erlanben Sie mir, sagte Werner, ,daß ich Sie
nah der Stadt begleite. Mein Wagen erwartet mich am
Iorsterlause, und wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen,
j. ianer zu bedienen, so erreichen wir die Stadt bei guter
aeit, ele es thauig und vielleicht für Sie zu kühl wird.!
, Uuid die Leuchtkugeln und Raketen, die mir in das
-etster leucten, sagen mir dann grüßend, das; hier auf
e. m Bere bie Freunde noch Alle fröhlich beisammen sind,!
ficl sie ihmn rasc ein.
, Ahle? wiederholte der junge Mann in einem Tone,
der üüler den Sinn, welcen er damit verband, keinen Zweifel
lassen konute. , uille? Ich hatte so fest darauf gehofft, daß
grade Sie mein Feuerwerk erfrenen sollte. ?
, Tae wird es ! Ganz gewiß das wird es! und viel-
leict aus der Ferue nnur noch mehr!! eutgegnete sie ihm

-z -
swoisnls,
n-- »---=-- begütigend. Dann aber verlangte sie von Werner
MZ,zsiFpss:
die bestim mte === -i-=--=ß, dasß er nict umt lg -- -uuen sic
'1.=pi ffsill
von der Gesellschaft trenne und
in herrlichster Natur verzichte;
auf einen so schönen Abend
und als er sie daru. - - - -e -
Is.p- K.
K.sßse k.es:
1==-u- =----, verabsciedete sie sich rasch won dcr Baronin,
um, von ihhrer Tienerin gefolgt, den Heiuweg in Werner's
Begleitung azD-- -enn.
n f rf- ß
ven auf der Hihe war es noch gauz hell gewesen,
nur der scarse Lust zug, der üüler sie hinweg siric, hatte
den nahen Niedergang des Tags verrathen, im Walde aber
s. sl»s.
reggg-- I-= kein Hauc, kein Laut. Tas Schwirren und
Summen der Käfer war verst ummt, die Vögel wvaren scon
».
z -- st geslegen. Alleo ruhte. Sellst die Hize, die sich
d en Tag iber angesammelt, lag cegung s los brüttend in der
Bäume Schutz und eutlockte dem Nadelhsolze seinen kräftigen
Hzu- gs und den Orcideen, die zwiscen dem feucten
, oezz s
Moose ihre weißen Bli then und ihre rotlsbraunen Glöckcen
heimlich ersclossen, ihren berauscenden Tuuft. Hier und da
girrte noc eine Tanbe, oder es klang aus dem tiessten Dickazt
ein leiser Eulenschrei hervor, aber sie dienten nuur dazu, den
bannenden Zlauuber der =--e und der Einsamkeit noc sülsl
ds1ss
barer zu macen, und nuur das fröhslice Sonnenlict t rieb
noc sein lebhaftes S pel oben um die Häinvter und Kronnun
=-- alten Walde?riesen. Eo huscte in slimm erndem Glanz
App
von dem einen zu dem anderen, es üülergos: sie mtt seieeuu
Purp., das; er tief an den S tämmen niederflos;, es tauuuc..
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die weißßbärtigen Aeste in seine farbige Gluth, es ku.üite mit

slA-
p= Utene. » -»=- vald diesen und bald jeneti, u nd mna cle
z zi fssso H:
un slt l==- -= - =-s- -- - --==--cendent O ptuikelheit die Herr
iswsoeAop HAssF A.pee oissff o

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schaft in dem Walde streitig, so daß rothhes Licht und blau
verschwebende Schatten in rascem Wechsel über den warmen
mo osigen Boden streiften.
Da sie beständig abwärts stiegen, war Meta, seit sie
sic von der Gesellscast entsernt hatte, in gleichmäßigem
Scritt und ruhigrm Gespräce neben Werner rüstig vor-
wänls gelom men, indef sie waren kaum in den Schattenn des
Waldes eiugetreten, als sie stehen blieb und, ties aufathmend,
um sic blickte.
, Es ist wie in der Kirce!' sagte sie, ,nur feierlicher
uud erlabener, weil man so allein ist und weil nicht Menschen-
hand bie Herrlickeit erscassen! =- und wie das Alles schön
st, wie beredt dieses Schweigen! wie lebensvoll diese Ein-
samileit !-
Sie blickte zur Recten, blickte zur Linken wie ein
Kind, ds seines Wegs nict achtet, und wie einem Kinde
erregte Alles, was sie umgab, ihre Freude, nachdem der
urste feierlice Eiudruck in ihr ausgeklungen hatte. Bald
h-ielt sie inne, nm dem Spechte zuzusehen, der aus dem
Nestl oc in dem grosen Baume noch einmal mit den klugen
Augrn umherscaute, ehe er sich für
bracte, duiun wieder ging sie eilig
tuesie mvvsigen Gritn des blätter-
den s den weisßen Nachtscatten zu
rauuicsender Duft sich ihrem seinen
die Nacht in Sicherheit
vorwäirts, um in dem
und rankenreichen Bo-
sucen, dessen siüß be-
Sinne schon von fern
uemn athen hiatte. Hier wollte sie aushorcen auf den leisen
Scnc des Käiuzcens, dvrt hatte ein Nachtvogel mit tasten-
d e -luge sic zu friih hinausgewa gt und huschte, von dem
Suunenlicst, das durc die Zweige noch herniederblitzte, jäh

H t
Vi=- - -, in seine Dunkelheit zurüick, und drütben auf dem
-ßKspFss
Steine, der süür sie zu hoch war, an den Werner aber leict
hinanreich.., hing ties ein blühhendes Moos hernieder, das
sie lange schon hatte malen wollen und so schön niemals
angetrofsen hatte.
Werner betrachtete sie mit stiller Lust. Es war ihm
ein Vergnüigen, ihr zu folgen, ein Genus, pp -hremn Scritt
Cs ß
und ihren Wüinscen anzupassen. Er muszte sie aufmerksam
macen auf die Baumwurzele in ihrem Wege, sie läächelte,
so ost sein sester Arm sie hielt, weun sie zu straucelu drolte;
und der sauste Blick, mit dem sie daukbar zu ihm aufsah,
mac!e ihn uacg iebig wie eines Kindes vertrauensvolles
eluge; der Ton, mit de sie ihre Freude an dem Walde
aussprac, drang ihm in das Herz.
, Ach!' sagte sie, indem sie wieder eimmal stehen blieb,
um eine schöne Bromnbeerranke aus dem Gezweig zu lösen,
das sie verstrickt hielt, ,es war recht gut von Ihuen, daß
Sne mich mitgenounneu halen, denn es ist so scön im
Walde, und mnit den Auderen hätte ic nicts davon gchabt. !
Er jragte, was sie damit sagen wolle ?
, a'as kann ich Ihnen kaum erklären, wenn sie es nic.
selber süihlen,! versetzte sie, ,und wenn Sie's fühlen, brauche
ich es Ihnen nicht erst zu -- ären. Haben Sie es deun
zßs
nicht selbst bemerkt, daß die Natur zu Vielen auuf einmal
nich. spricht? Man muß mit ihr allein sein oder höchstens
mit noch einem Anderen, der auc nicts Auderes will, als
sich an ihr ersreuen, der auc nicts Anderes verlangt, als
Krast genug, ihre wundervolle Schönheit zu erfassen!--- Und
wie nun Menscen gar ein Vergnüügen daran haben können,

;
sss -?
Raketen zischen zu hören und Leuchtkugeln verschwinden zu
sehen, wenn der Mond still über uns hinwegzieht, und die
S ierue, die wir gesehen haben, seit wir sehen lernten, still
und unwandelbar und so vertuuut auf uns herniederblicken,
das habe ic nie begreisen können.!
a amit uüuterbrac sie sich dann wieder plötzlich, ent-
sazuldigte, rasc vorwärts gehend, ihr unverantwortliches
Iigern und Verweilen, versprac, uhn nicht wieder aufzu-
nifsis
halten: indes; ihr guter Vorsatz hielt -=p lange an, und
-.ernner verlangte es nichht besser, als daß er ihrem Willen
.k
flgle; deun auc ihn ent zuckte die Waldeseinsamkeit, auug
ihm lijte und erweicte sie da s Harz, dasß er sic unwill-
k irlic fragle: warum habe ih das Alles nie zuvor gesehen
u nd emp junden ?
Er war in seinem Leben durch so -uanchen Wald ge-
gugen und gefalren, allein und mit Christinen, doch hatten
sne Beide, wenn es lange gewährt, an des Waldes Einsam-
lct und naturwüüchsiger Wildniß weder ein sonderlich Be -
hgan nuc Gefallen finden können. Was sie in den Wäl-
dern menst gefrent, das war der Schatten gewesen, den
i!ien wahrend des Tages Gluth geboten, oder die gut
hialtenen Wege, die Ku nde gegeben von der Sorgfalt,
n. elcer mauu den Wald gepflegt. Aber sie hatten sich
sie
ge-
mit
aus
den Waldern meist hinansgeselnt ins Freie, wo der Blick
nict so lescnäukt ward, wo das Leben und Treiben des
neusclichen Verkehrs das stille strenge Walten der Natur
.rge ssan maehhte; und vollend s Jemand neben sic zu haben,
d r sic in der Bewunderung der Naturschönheit ergig, =
Ao=
»is,-s s
= =-=-- und Blithe, wie der witde Wald sie bot, sein