Helmar
Fanny Lewald
   
Band 01
Titel

helmar.
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Roman
von
Fanny Lewald.
Berlin ?
Verlag von Otto Janke.
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Fiehmen Sie und Ihre Frau dies Buch als Ihr be-
sonderes Eigenthum, freundlich auf die zächste Sommer-
reise mit; und denken Sie meiner so oft und so gern,
als ich mich der hülfreichen Theilnahme erinnere, die
Sie meinem Manne angedeihen lassen und der Güte,
die Sie mir erwiesen. Herzlich die Ihre - und auf
Wiedersehen!
Berlin, W. April 1880.
Fanny, PewaldFtahr.

Kapitel 01

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vie erinnern sich vielleicht, daß im Jahre 15!
! »V
Sel Freundeskreis, der sich hauptsächlich- aus.
! Künstlern zusammensetzte und sich in Paris während der
großen Ausstellung unerwartet zusammenfand, auf den
Gedanken kam, daß Jeder von ihnen seine Lebensge-
schichte für die Anderen niederschreiben, und somit eine
s Reihe von Aufzeichnungen angesammelt-werden sollte,
s wie der Abbs im ,Wilhelm Meister' sie in Fdem ge-
s heimnißvollen Thurme für die vön ihm geleiteten
s Menschen niedergelegt hatte.
Der römische Bildhauer Marchese Benvenuto hatte
j rasch und mit gewohnter Lebendigkeit den Anfang ge-
j macht. Unser Freund, der Maler Helmar, hatte uns
! lange auf die Erfüllung seiner Zusage warten lassen.
s Aber da er, als einer der ersten Genremaler unserer-
s Zeit, von Anforderungen und Bestellungen immer hin-'
j genommen, nebenher, wie fast alle Künstler, kein Freund -
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Fanny Lewald. Helmar.
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vom Schreiben war, so hatten wir uns in Geduld zu
fassen gehabt.
Um so erfreulicher kam uns denn nach längerer
Zeit das Heftchen, das ich mit seiner ausdrücklichen
Erlaubniß hiemit der Deffentlichkeit übergebe. Seine
Eigenart ist darin unverkennbar. Nur ein Maler, und
ein Maler wie er, der sich mit liebevollem und feinem
Sinn in das Kleine zu versenken gewohnt ist, kann
sich kund geben wie er, ohne über das Einzelne das
große Ganze zu vergessen. Ich lasse sein Manuskript
folgen, wie ich es erhalten habe.
s
Es giebt viel weise Lebensregeln, viel tiefsinnige
Wahrheiten - mit den Worten hebt es an - aber
als der Inbegrif aller Weisheit erscheint mir, seit ich
hier vor dem Schreibtisch sitze, das alte Sprüchwort:
,Schuster, bleibe bei deinem Leisten!r, obschon ich für
mein Theil, wie Sie erfahren werden, demselben im
Leben nicht Folge geleistet habe.
Seit einer Glockenstunde sitze ich nun da, über-
legend, wie man es anfangen müfse, den Anfang seiner
Lebensgeschichte zu schreiben. Bei dem Worte ,Anfang?
kommt mir aber gar nichts in den Sinn als das bib-

L
lische: ,Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde,?
wobei ich nicht zugegen gewesen bin, so daß ich davon
aus meiner eigenen Erfahrung, um die es sich hier
handel, nichts zu sagen weiß.
Indeß über mich selber ist, je mehr ich darüber
nachdenke, auch nicht viel zu sagen; denn es steckte mir
immter das nämliche hoffnungsselige Herz im Leibe, das
nicht lassen konnte von seinem Träumen und Wünschen.
Was man mir nachher gelegentlich als Muth und als
Beharrlichkeit anzurechnen beliebt hat, das war nichts
weiter als der blinde Glaube eines armen, dummen
Jungen, der von der Welt nichts kannte und darum
auf sie vertraute, als wäre sie nur für ihn geschaffen,
und
er's
die
als müsse es in ihr so zugehen und werden, wie
gerade brauchte.
Hätte ich nur vor diesem Blatt Papier auch wieder
derbe Zuversicht der Unwissenheit, und nicht den
heillosen Respekt vor Allem, was an das schriftliche
Darstellen heranstreift! =- Wie einem Fisch auf dem
Trockenen ist mir zu Muthe!
Die Augen sind da und die Hände sind da, mit
denen ich sonst, wenn ich den Pinsel führe, flott und
lustig vorwärts komme; aber schreibend bin ich nicht
in meinem Element. Es ist, als hätte ich's heute erst
z

zu lernen. Ich schnappe vor Unbehagen ordentlich nach
Luft!
Warten Sie! So wird es gehen! Ich will Ihnen
erst einmal die Gegend zeichnen und das Schloß dar-
stellen, in dessen Bereichen ich, wenn auch nicht wie
unser Herr und Heiland in der Krippe, so doch nahe
genug an derselben, geboren und zwwischen dem lieben
Gethier herangewachsen bin.
Hier brach das Schreiben ab, und Helmar hatte
mit unverkennbarem Behagen eine vortreffliche Feder-
zeichnung eingeschaltet, wie denn das ganze kleine
Manuskript auf das Geistreichste mit zierlichen Skizzen
von ihm ausgestattet, und an und für sich eine wwirkliche
Genremalerei geworden ist.

-Ersles ,apiles.
Sehen Sie, fuhr er darnach fort, das ist Schloß
Waldritten, das alte Herrenhaus der Güter, welche
bei uns zu Lande noch immer die Waldern'schen Güter
heißen, obschon der lezte Waldern seit einer Reihe von
Jahren gestorben ist, und sein Schwiegersohn, der Mann
seiner einzigen Tochter, der General Marville, sie mit
seiner Frau überkommen hat. Seitdem nennt die
Familie sich nun von Waldern»Marville.
Die Herren von Waldern waren ein altadeliges
Geschlecht aus dem Cleve'schen, das zur Zeit des großen
Kurfürsten sich in unserer Provinz, in Ostpreußen, nieder-
gelassen hatte. Da sie reich, und Grund und Boden
damals bei uns zu Lande billig gewesen waren, hatten
sie einen großen Besiz zusammengebracht, und inmitten

desselben, auf und in den Neberresten einer alten Ritter-
burg, sich das Schloß errichtet, das ich Ihnen hier in
diesen Blättern gezeichnet habe und das noch heute mit
seinen Bogenfenstern und dicken, plumpen Thürmen sich
in dem See zu seinen Füßen spiegelt.
Auch die Marville stammten, wie schon ihr Name
zeigt, nicht aus unserer Gegend. Sie gehörten zu der
französischen Kolonie, die nach der Aufhebung des
Ediktes von Nantes sich in Berlin festgesetzt und die,
weil sich in ihren Mitgliedern sehr tüchtige und ge-
schickte Leute befunden hatten, dort zu Ansehen und
zu Ehren gekommen war.
Der General von Marville war eines Seidenfabri-
kanten Sohn und in dem Geschäfte seines Vaters
thätig gewesen, bis er 11H als Freiwilliger in die
preußische Armee eingetreten war. Er hatte die beiden
Feldzüge gegen die Franzosen mit großer Tapferkeit
mitgemacht, hatte in der Schlacht von Kulm aus des
Königs eigenen Händen das Offizierspatent empfangen
und war, da er Neigung für das militärische Leben
gewonnen hatte, nach dem Frieden aus dem Geschäfte
seines Vaters ausgetreten, und in der Armee verblieben.
Schon in dem ersten Feldzuge hatte er den Lieute-
nant von Waldern kennen gelernt und sich mit ihm

befreundet. Der zweite Feldzug hatte sie noch enger
verbunden, und sie hatten in zahlreichen Schlachten
und Gefechten nebeneinander gekämpft und gesiegt, als
der junge Waldern in der Schlacht von Ligny an
Marville's Seite sein frühes Ende gefunden. Wie der
stattliche Hauptmann dann nach errungenem Frieden in
das Schloß Waldritten gekommen war, sein Versprechen
zu erfüllen, und den Eltern und der einzigen Schwestex
seines gefallenen Freundes die letzten Grüße desselben
persönlich zu überbringen, hatte er sich in die schöne
Helmina von Waldern verliebt und ihre Neigung' rasch
für sich gewonnen.
Indeß eine Heirath mit einem Bürgerlichen, wenn
er auch die Epaulettes trug, war nicht nach dem
Sinne von Helmina's Elkern gewesen. Das zärtliche
Paar hatte also eine Reihe von Jahren warten
müssen, ehe der alte Herr von Walderi sich nach
dem Tode seiner Frau entschlossen, dem inzwischen in
den Adelstand erhobenen Major von Marville, bei
dessen wiederholter Werbung die Hand der einzigen .
Tochter, und mit derselben die, Anwartschaft auf das
Waldern'sche Erbe zuzusprechen.
In der heißen Mittsommernacht, welche auf dem
Schlosse die Liebenden endlich vereinigte, brachte in

einer der Hofwohnungen desselben meine Mutter mich
zur Welt.
Mein Vater war des Herrn von Waldern Kammer-
diener. Am Morgen, als er dem Herrn Major von
Marville und dessen junger Frau, die mein Vater manch'
liebes Mal herumgetragen, zum ersten Male in ihren
Zimmern das Frühstück aufzudecken hatte, konnte er
es nicht unterlassen, ihr von dem neuen Zuwachs zu
seinem Familiensegen Kunde zu geben und ihr zu ver-
melden, daß ihm zu seinen zwei Söhnen jetzt der dritte
geboren sei: ein Junge, größer und dicker noch, als
die beiden anderen.
,Das soll uns ein gutes Zeichen sein, Helmina!
hatte darauf der Major zu seiner schönen Frau gesagt.
Sie hatten sich umarmt und der Major hatte meinem
Vater ein paar Thaler geschenkt, die Wöchnerin zu
pflegen. Die junge Frau aber hatte dem Vater die
Zusicherung gegeben, meine Pathe sein zu wollen und
ihm die Sorge für mich tragen zu helfen.
Einige Tage darauf verließen die jungen Herr-
schaften das Schloß, um sich nach der Garnison des
Majors zu verfügen, der damals in den Rheinpro-
vinzen stand. Vier Wochen später bekam ich denn in
der Taufe, wie die junge Gnädige es angeordnet hatte,

P ihr zu Ehren den Namen Helmar, den in unserer
! Gegend keine Christenseele führte oder kannte. Mein
! Vater wuste natürlich aus dem Namen nichts zu machen,
! meiner armen Mutter kam er wie eine Art von Schand-
, fieck für mich vor. Da aber die rau von Marville
! es festgesetzt hatte, daß für mich aus dem Rentamte
j bis zu meinem vierzehnten Jahre monatlich ein Be-
j stimmtes gezahlt werden sollte, so mußte die Mutter
, sich den landfremden Namen, dem sie zu ihrer christ-
j lichen Beruhigung noch die Namen Gottlieb Christian
j angehängt hatte, natürlich gefallen lassen, wie eine
j Mutter es etwa hinnehmen muß, wenn ihr ein Kind
j mit einem sechsten Finger an der Hand geboren wird,
j der auch nicht gerade schadet oder hindert, der aber
s doch häßlich aussieht und nicht so ist. wie es für
j ordentliche Leute sich gehört und schickt.
Ordentliche Leute aber waren meine Eltern durch
und durch, und auf ihre Weise auch höchst angesehene
Leute. Mein Vater nahm sich sehr herrschaftlich aus,
wenn er mit seiner großen mageren Figur in dem
langen hechtgrauen Rock mit den roth und gelben Auf-
schlägen vom Schlosse kam, und noch viel vornehmer,
wenn er zur Winterzeit, in seinem ebenfalls hechtgrauen
Mantel mit den sieben Kragen, den hohen Hut auf

dem Kopfe, hinten auf dem Wagen stehend, die Herr-
schaft nach der Kirche brachte. Er nickte dann auch
immner, wie der Herr von Waldern selber, gnädig
mit dem Kopfe, wenn die Leute vor demselben den Hut
abzogen; und nächst dem Herrn und dem Inspektor
stand auf dem Hofe Niemand so in Ansehen als der
Kaspar.
,Pass' Er darauf,' sagte der alte Herr an dem
Morgen, an welchem der Major mit seiner jungen
Frau das Schloß verließ, ,pass' Er darauf, daß den
iungen Herrschaften nichts mangelt für die Reise. Der
Bursche des Herrn Major ist ein Narr mit seinem
gewichsten Haar, der den Teufel nichts versteht und
an gar nichts denkt. Ich verlasse mich auf Ihn!
,Kaspar, daß Du mir auf den Vater Acht giebst!-
sagte mit Thränen in den Augen die junge Frau.
,Auf die Mamsell ist kein Verlaß. Die hat, so alt
sie ist, nichts im Kopf als den Inspektor. Du weißt,
was der Vater braucht. Du mußt ihm Alles schaffen,
was ich ihm sonst besorgte. Und Du läßt mir's
schreiben, wenn ihm irgend etwas fehlt oder ihm irgend
etwas zustößt. Was Du an meinem Vater thust, das
vergelte ich Dir an Deinem Jungen, meinem Pathkind!?
Der alte Herr hatte sich dabei abgewendet und

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j war sich unvermerkt mit der Hand über die Augen ge-
, odn
Die junge Frau hatte zuletzt bitterlich geweint,
j hatte meinem Vater die Hand gegeben, und es war -
j ihm selber weich ums Herz geworden. Er hatte sich
j jedoch gesagt, daß es gegen den Respekt sei, wem
ein Diener sich mit Weinen oder Lachen verginge
, neben der Herrschaft, und thäte, wie wenn er auch zu
j ihr gehörte. Er hat es also rasch verbissen. Aber Wort
, hat er der gnädigen Frau gehalten. Er hat den
Herrn gepflegt bis an das Ende; und die Frau von
j Marville hat ihr Versprechen ebenso wahr gemacht
j So oft sie ihrem Vater etwas überschickt, hat fie auch
P immer irgend etwas für mich beigelegt, so daß es meinen
j Eltern eine große Hülfe gewesen ist und sie sich gut
, gestanden haben. Was Noth und Sorgen sind, das
, haben sie nie gewußt, wweder zu des alten Herrn
s Lten, noch wchber
ggaaaageagoe
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-



Kapitel 02

,weiles ,Fapiles.
So lange der alte Herr von Waldern lebte,
wohnte mein Vater in dem Schlosse. Er kam immer
nur wie die großen Herren der alten französischen
Zeit in sein kleines Haus hinüber, sich an der Seite
seiner Frau von dem strengen Herrendienste zu erholen,
und dann zugleich über seine heranwachsende Nach-
kommenschaft mit fester Hand gewissenhaft seine Vater-
pflichten auszuüben.
Ein eigenes Haus besaß er freilich nicht. Aber
wir hatten in dem Langbau, der nach der einen Seite
den Wirthschaftshof einfaßte, da wo der Langbau an
die Brennerei anstieß, neben des Bremners Wohnung
unsere Wohnung mit besonderem Eingang; und meine
Eltern wußten sich etwas damit, daß sie ihr Haus zu-

schließen und den Schlüssel in die Tasche stecken konnten,
wenn sie ausgingen. Denn die Häuser der Käthner
und Miethsleute, von denen drei, viere unter einem
Dache wohnten, mußten immer offen bleiben, und nur
die Stuben konnten geschlossen werden. Die Mutter
steckte auch ihren Schlüssel immer mit ganz besonderem
Behagen in die große Tasche, die sie unter dem Rocke
trug; und da sie von jeher zur Fushülfe bei dem
Scheuern und bei der großen Wäsche in dem Schlosse
beschäftigt worden war, so daß sie in demselben gleich-
sam den freien Eintritt hatte, ließ sie es deshalb in
ihrer Stube und Kammer und an uns Kindern, wenn
sie nur Zeit hatte, an dem nöthigen Scheuern und
Waschen auch nicht fehlen, ohne daß deshalb unserer
persönlichen Freiheit Abbruch gethan worden wäre.
Bis zum Ende meines siebenten Jahres lebte ich
denn auch in unbeschränktester Naturwüchsigkeit auf
dem großen Hofe zwischen Allem, was in einem solchen
läuft und fleucht und kreucht, und gedieh mit und unter
dem vielen Gethier in höchstem Wohlbehagen, wie
dieses selber. Ich war größer und stärker noch, als
die anderen Jungen meines Alters, und wenn mein
Vater das bemerkte, pflegte er regelmäßig hinzuzusetzen,
daß ich dafür auch der Nichtsnutzigste von Allen, und
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daß es gar nicht abzusehen sei, wie einmal aus mir ein
ordentlicher Diener werden solle. Denn daß ich ein
solcher werden müsse, stand bei meinem Vater wie bei
meiner Mutter fest; besonders da die Gnädige, wie
man die Tochter des Schloßherrn nach ihrer Verhei-
rathung und Entfernung bei uns in Waldritten schlecht-
weg bezeichnete, in einem Briefe geschrieben hatte, sie
hoffe, daß ich einmal ein ebenso verläßlicher Diener
werden würde als mein Vater.
Sie hatte es dabei meinem Vater auch ausdrücklich
eingeschärft, daß er mich etwas Ordentliches lernen lassen
sollte; und obschon er von den Dienern, die schreiben
konnten, nicht viel hielt, weil nach seiner festen Neber-
zeugung diese Kunst das Gedächtniß schwächte, hatte
er, der Herrschaft immerdar gehorsam, es dem Kantor,
der bei uns die Schule hielt, auf die Seele gebunden,
mir das Nothwendige beizubringen. Vor Allem sollte
er es mit dem Einmaleins recht genau nehmen, denn
im Kopfe ordentlich rechnen zu können, das sei die
Hauptsache für einen Diener.
Der Kantor that auch wirklich, was an ihm war,
aber gerade mit dem Rechnen wollte es gar nicht bei
mir fort. Dafür gelang es mit dem Schreiben um so
besser, obgleich es mir ganz einerlei war, was ich

1
Fschrieb, und der Sinn der Worte mich nicht im ge-
Fringsten künmerte.
Es war das Nachmalen der Buchstaben, das mix
F VergnFgen machte. Ich glaube, ich hätte damals mit
fröhlicher Gemüthsruhe mein Todesurtheil abgeschrieben,
Z hätte ich es in schönen, womöglich recht verschnörkelten
Lettern vor mir gehabt. Ich malte das Titelblatt des
z Koeahee ud. das teblszoeEPss Gbenso n=ch.
F wie das Aitelblatt der AuwetF
ggs o-
Aufschrift der Zeitung, wenn mir eine solche einmal in
=f. -
TKi
die Hände kam. Und da es mir daneben wohl begegnen
s meiner guten Bekannten, das heißt einem Hunde, einem
j Schafe oder einem Pferde ähnlich geng sah, so konnte
, es an mancher Tracht Schläge mir nicht fehlen. Mein
- axmer Vater lebte deshalb in der ihn niederbeugenden
' eberzengnng, daß ich zu einem herrschaftlichen Be-
P dienten viel zu dumm, und höchstens einmal jn der
s Amtsschreiberei zu gebrauchen sein würde, wenn- die
j Herrschaften die Gnade haben sollten, mich in derselben
, unerzbrngen
Auf die Weise kam ich bis in mein vierzehntes
j Jahr und ging bereits zum Pastor in die Kinderlehre,

gr
- .
j konnte, zwwischen diesen Schreibereien und mitten in -
, meinen Büchern, ein Ding hinzumalen, das einem
F;



ohne mich durc irgend Ekvas ausgezeicnet zu haben,
als durc meine Größe und Stärke und durch meine
schon erwähnte Nichtsnuzigkeit. Da kam die Nachricht
in das Schloß, daß der Herr Obrist den militävischen
Dienst aufgeben, nach Waldritten ziehen und künftig
ganz auf seinen Gütern leben werde.
Das war ein großes Ereigniß für das Dorf und
»ga
für die Ugeggzd- =i, der alte Herr, zwwei Jahre
nach seinem sielenzjgßgpeburtstage, gestorben, wwar
es im Schlosse todt und still gewesen, und wenn sie
meinem Vater auch seinen Gehalt und seine Kost be-
lassen hatten wie vordem, hatte er doch immer gesagk,
daß das kein rechtes Leben sei und daß die Herrschaft
auf das Gut gehöre. Nun man wußte, daß sie kommen
würde, bekam Alles gleich ein anderes Ansehen. Jeder
hatte seine Gedanken darüber, denn die Ankunft der
Herrschaften nahm sofort alle Köpfe in Anspruch, und
das neue Leben gab sich auch äußerlich sehr bald kund.
Es ging damals gegen den Winter und die Herr-
schaften wollten erst im Frühjahr auf das Gut ziehen,
dennoch kam lange vor Weihnachten ein Baumeister -
in das Schloß, der verschiedene Handwerker im Ge-
folge hatte. Man fing an, in den Zimmern Thüren

durchzubrechen, andere Fenster einzusetzen und Aende-
rungen mancher Art zu machen.
Mein Vater schüttelte dazu bedenklich den Kopf.
Er meinte,
überall im
habt; nun
so, wie das Haus gewesen, habe man es
Winter warm und im Sommer kühl ge-
sie mehr Licht und Luft hineinschaffen
wollten, würden sie nichts Rg1 und die Gicht
bednnaen: =o »Fcg ta ==r-
ug
so alt werden würden St- ?FHiee Grden fte erst
noch zu erleben haben. Luftiger und windiger seien
die Zeit und die Leute jetzt freilich allerwärts, ständiger
und handfester seien sie aber vordem gewesen. -
Für mich indessen hörte, wenn ich. mich in das
Haus hineinschmuggeln komnte, von früh bis spät das
Vergnügen dort nicht auf, seit die Handwerker ihr
Wesen darin trieben. Besonders seit die Maler in den
Zimmern beschäftigt waren, die mich ihre Töpfe hin
und her tragen, mich endlich gelegentlich sogar beim
Farbenreiben helfen ließen, kam ich nicht mehr aus
dem Schlosse, als bis der Hunger mich nach Hause trieb.
Die Maler und ihre Hantirung waren
Taggedanke und mein Traum. Mein ganzer
war darauf gerichtet, einen Topf voll Farbe,
anny Lewald. Helmar.

mein
Sinn
einen

Pinsel und eine
einem Pinsel so
schnittenes Papier
Schablone zu besitzen. Denn mit
über ein dickes, kunstvoll ausge-
in aller Sicherheit hinwegstreichen
zu können, und nachher
Figuren vor sich zu sehen,
zuwege gebracht hatte, das
die schönen, regelmäßigen
die man auf diese Weise
schien mir ein beneidens-
werthes Glück I 8e es nicht müde, die Borte
in der einen SzE?Fechten, in ber goldgelbe und
eeeh
himmelblaue »gSAden großen rothen Kirschen
naschten, welche in dicken Bündeln aus dem Grün der
Blätter hervorsahen. Ich versuchte im Sand und auf
der Schiefertafel und mit Kreide und Kohle an den
Wänden und Zäunen die kirschenessenden Vögel nach-
zumalen, und neben dem Verlangen nach den Farben
brannte mir ein schmerzlicher Neid gegen die Maler in
der Seele, welche die Farben und die Erlaubniß hatten,
diese Herrlichkeiten an den großen schönen Wänden
auszuführen. Maler wollte ich werden und nichts
Anderes auf der Welt.
Davon war zunächst indessen keine'Rede, wohl
aber von dem feierlichen Empfange, den man der
Herrschaft auf dem Gute zu bereiten dachte. Es war
noch sehr lange bis zum Frühjahr hin, als der Kantor
mich schon alltäglich den feierlichen Glückwunsch schreiben

ließ, mit welchem ich, als ihr Pathe, die gnädige Frau
empfangen sollte.
,Ich gratulire der hochgeborenen gnädigen Frau,
meiner allergnädigsten Frau Pathin, zu Hochdero
gnädiger Ankunft auf Hochdero unterthänigen Gütern
alsHochdero unterthänigster Pathe und Diener Helmar.!
Das schrieb ich Tag für Fgg, ohne es müde zu
werden; gber um so mehr hatte;ich es satt, bei meinem
k IJ =
Vater den Kratzfuß einzuleknen;' der einem recht-
schaffenen Diener vor seiner Herrschaft zukam, und mit
welchem ich der gnädigen Frau meinen Glückwunsch
überreichen sollte, wonach dann das Nebrige sich von
selber finden würde.
Es hatte immer geheißen, die Herrschaften würden
mit dem ersten Frühjahr in Waldritten eintreffen.
Fndeß die Schwalben waren bereits wieder gekommen,
die Störche hatten ihre alten Nester auf dem Pfarrhause
und auf den Scheunendächern schon bezogen, die Bäume.
trugen ihr klares, grünes Laub, und selbst die alten
Stemneichen, welche bei uns erst in der zweiten Hälfte
des Maimonats, nach den drei strengen Herren aus-
zuschlagen pflegten, entfalteten allmälig ihre jungen
röthlichbraunen Blätter; nur die Herrschaften ließen
F

noch immer auf sich warten. Jedoch die Wagen mit
den Möbeln und mit den großen Kisten und Kasten
waren längst angekommen und von dem Diener, der
sie begleitet hatte, an Ort und Stelle untergebracht
worden.
Der Inspektor, dem immer Nachrichten von ihnen
zukamen, sagte, daß der Herr Obrist, der mit dem
Range eines Generals aus der Armee entlassen worden
war, noch in der Hauptstadt verweile, um sich Seiner
Mafestät dem Könige vorzustellen und um die spätere
Aufnahme des Junkers in die Kadettenanstalt vorzu-
bereiten, denn er sollte in das Militär eintreten, in
dem sein Vater zu Ehren gekommen war.
Man wartete also und wartete, bis der Bote
eines Morgens den Brief von der Poststation mitbrachte,
in welchem die Ankunft der Herrschaften auf den
nächsten Sonnabend angekündigt wurde.
Nun ging erst das rechte Leben an. Acht Pferde
wurden in die Stadt geschickt, die Herrschaft hinaus-
zuholen. In allen Scheunen wurde gekehrt, in allen
Ställen, obschon sie immer gut gehalten waren, gründlich
gereinigt. Die Wagen und das Sielenzeug wurden
bis auf die letzte Schraube und auf die letzte Schnalle
nachgesehen und gepuzt, die Feuerspritze untersucht

und probirt. Die Pflüge, Eggen und Karren wurden
zur Probe im Hofe zusammengefahren und aufgestellt,
weil sie sich vor dem Herrn General regelrecht wie
eine Batierie präsentiren sollten. Der Inspektor wußte
es durch den Diener, der einst des Herrn Generals
Bursche gewesen war und seit langen Jahren in
seinem Dienste stand, daß militärische Ordnung dem
Herrn General das Höchste sei, und daß, was nicht
biegen wolle, bei ihm brechen müsse.
Im Schlosse ging es noch ganz anders als im
Hofe her. Die Treppen und Fluren, Küche und Kammern
wurden zum so und so vielten Male auf's Neue unter
Wasser gesetzt. Es war ein Ordnungschaffen, daß Alles
drunter und drüber ging, daß die Mägde und Weiber
mit den Köpfen und den Zubern gegen einander rannten.
Vor der Gärtnerwohnung wurden ganze Berge von
Tannen aufgestapelt. Die Mädchen und Jungen aus
dem Dorfe flochten unter des Gärtners Leitung die
Gewinde, mit denen die Gerüste, welche der Stell-
macher schon vor Wochen am Hofthor und an der
Thür des Schlosses zusammengenagelt, in Ehren-
pforten verwandelt werden sollten. Es war ein rastloses
Treiben und Leben.
Dafür sah es aber auch prachtvoll aus, als dh

Ehrenpforten fertig, als die Tafeln mit den roth gemalten
Worten: ,Willkommen und Vivat hoch!! in die
Bogenwwölbung befestigt, als wir Kinder vom Hofe
und aus dem Dorfe am Sonnabend Nachmittag in
Reih' und Glied-- denn in Reih' und Glied war
zu Ehren des Generals bei uns das Losungswort
geworden- an dem Hofthor aufgestellt waren und die
beiden großen Reisewagen dann endlich in den Hof
hineinfuhren.
Das Peitschengeknall, die acht Pferde, die Menschen
in den Wagen, das Vivatrufen, das wir aus allen
Kräften zu verüben angewiesen waren, und über all
das hinaus die beiden Ehrenbogen- das war gar
zu herrlich! Ich dachte, so müßte die Pforte aussehen, -
die in das Paradies und in die Gärten einführt, in
welchen die himmlischen Heerschaaren wohnen und die
Frommen die ewige Seligkeit genießen.
Selbst heute noch reichen weder der Titusbogen,
noch der Kre äs 1toile in meiner Erinnerung an
die Pracht dieser heimischen Ehrenpforte hinan. Und
den goldenen Sonnenschein, der jenen Abend in meiner
Phantasie umleuchtet, habe ich auf der Erde schöner nie
gefunden.

Kapitel 03

zriltes apilel.
Es war uns streng verboten, nach der Ankunft
der Herrschaften an die Rampe ges Schlosses heranzu-
gehen, aber von unserer Thüre aus konnte man ganz
genau beobachten, wie die beiden Diener die Wagen
abpackten, wie das Alles rasch ging und wie sie meinen
Vater Dies und Jenes zu tragen gaben, ihn dann
wieder auf die Seite schoben, ihm befahlen, als ob
das Befehlen auf dem Hofe nicht an ihm gewesen, als
ob er nicht älter als sie gewesen wäre.
Ich merkte es dabei eigentlich zum ersten Male,
daß der Vater schon bei Jahren war. Neben den blank
frisirten beiden Dienern, die jung und wie die Herren
angezogen war, sah er mit seinem grauen Krauskopf,
mit seinem langen grauen, roth und gelb aufgeschlagenen

Rocke, den er, seit der Herr todt war, immer an den
Sonn- und Feiertagen angezogen hatte, mir mit einem
Male nicht mehr so vornehm als bisher aus.
Es blieb mir jedoch nicht Zeit, lange darüber
nachzudenken, denn bald nachdem sie angekommen waren,
gingen die Herrschaften sammt und sonders über den
Hof: der Herr General in seinem langen Offiziersrock
mit der Feldmütze auf dem Kopfe und die gnädige
Frau an seinem Arm. Der Hofmeister mit dem
Junker, und ein blondes, junges Frauenzimmer mit
einem kleinen Mädchen an der Hand, das so schön
war, wie ich in meinem ganzen Leben nie Etwas
gesehen hatte,
Bis dahin hatte ich immer gedacht, schöner als
die vier Engel über der Orgel könnte gar Nichts sein;
aber das kleine Mädchen mit dem braunen Lockenkopf
und den großen Augen war noch sehr viel schöner als
die dicken rothbackigen Engel in der Kirche; und wenn
es auch die Flügel nicht an den Schultern trug, die
mir immer so sehr gefallen hatten, so flog doch das
weiße Röckchen und flogen die blauen Bänder, die es
um den Leib gebunden hatte, lustig hinter ihm her,
so oft es, bemüht, sich von der Hand des Fräuleins
loszumachen, bald hier-, bald dorthin sprang und den

lachenden Kopf zurückwarf, daß die braunen Locken sich
bewegten, wie im See das weiche braune Röhricht,
wenn der Wind durchging.
Der Inspektor, der neben dem General einher-
schritt, führte sie überall herum. Er sprach und der
General sprach, und wenn der Inspektor redete, so
bückte er sich und der General nickte beifällig mit
dem Kopfe. Sie besahen die Ställe, die Wagenremise,
sie guckten auch in die Scheunen. Der Junker kletterte
auf den im Hofe aufgestellten Wagen herum, und die
Kleine wollte ihm nach und zappelte und strdmpelte,
bis der General sie aufhob und in einen der Leiter-
wagen hineinstellte, in dem sie wie ein junges Huhn
im Korbe, so schnell sie konnte, hin und wiederlief.
Sie weinte, als man sie hinunterhob. Gleich
darauf verschwand die ganze Gesellschaft hinter der
hohen Mauer, die den Hof vom Garten trennte, und
ich stand und stand und wartete, ob sie nicht wieder-
kommen würden. Sie kamen aber nicht. Nur der
Inspektor kam noch einmal an unserer Thüre vorüber.
, Morgen um neun Ühr soll Sie den Jungen
zu der Frau Generalin schicken!'' rief er der Mutter
zu und damit ging er weiter.
Das fuhr mir durch alle Glieder, denn nun ich

die Herrschaften gesehen hatte, kam mir die Sache und
das, was ich zu leisten hatte, viel verfänglicher vor,
und ich dachte noch darüber nach, wie das Alles werden,
ob der Küster, ob der Vater oder die Mutter mit mir
gehen, und ob die ganze Familie oder bloß die Frau
Generalin in der Stube sein würde, wenn ich meinen
Willkommswunsch aufzusagen hatte. Dakam der Vater
mit einem Male, und zwwar zu ungewohnter Zeit nach
Hause. Er sezte sich an dem Tisch unter dem Fenster
nieder, stützte den Kopf auf die geballte Faust und
sagte Nichts. Das hatten wir noch nicht erlebt.
,Was ist denn passirt? fragte die Mutter mit
dem Brot und dem Messer in der Hand; denn es war
Essenszeit
Er gab ihr keine Antwort. Da sie nun nicht von
den Geduldigsten war, rüttelte sie ihn an der Schulter
und rief:, Rede doch, Vater! Was willst Du hier?
warum bist Du denuu nicht drüben? wird denn jetzt
drüben nicht gegessen?
, Gegessen? - gegessen wird nicht mehr! Thee
wird getrunken, und aufzuwarten brauche ich nicht dabei.
Das thun der feine Monsieur Ludwig und der blanke
August. Auch zu schlafen brauche ich im Schloß nicht
mehr. Sie haben genug an ihren Leuten. Wenn sie

mich brauchen, werden sie nach mir: schicken; und ich
soll kommen, wenn ich will!-- Da können sie lange
darauf warlen!'
Er biß die Zähne zusammen, seinen Grimm zu
verschlucken. Die Mutter wußte nicht, was sie davon
denken sollte. Sie stemmte die beiden Arme auf den
Tisch und beugte sich zu ihm hinüber. Ich wwäre gern
ihm hingegangen, nur daß ich mir's nicht traute.
,Vater,'? sagte darauf die Mutter, ,wwer hat das
s gesagt? Was hast Du denn verbrochen?
,Verbrochen?? fuhr er auf, ,Nichts habe ich
verbrochen.- Es ist ja Alles die pure Lieb' und Güte!
Alles zur Belohnung! - Grade wie für den Schimmel,
der auch mit einem Male nicht mehr gut genug war
und der das Gnadenbrod haben und bloß noch spazieren
geführt werden sollte, nachdem der Herr General dem
seligen Herrn zum siebenzigsten Geburtstag den sanften
Braunen geschickt hatte, der besser und sicherer auf
den Füßen sein sollte!?=- Der Vater lachte verächt-
lich, wie er das sagte. Dann sprach er wie zu sich
selber: ,Der Herr hat's mit dem Braunen nicht
mehr lange gemacht, aber der Schimmel ist noch eher
drauf gegangen. Er ist verlahmt vom Stehen und
den Gnadenhafer hat er nicht gefressen! - Denn wenn

Einer seine Sache aus dem Fundament versteht und
seine Arbeit mit Ehren und besser als die Anderen
thun kann, und weiß, wo ein jedes Ding sein Unter-
kommen hat und wo Alles gestanden und gelegen hat,
als die Gnädige selber noch nicht hat stehen und gehen
können -= Wenn unser alter Herr das hörte!r
Darauf schwieg der Vater eine Weile, zog den
Rock und die Weste aus und hing sie, was kein
Mensch von ihm erlebt hatte, ohne fie gebürstet zu haben,
in den Schrank. ,Hängt bis ihr schwarz werdet!r
brummte er zwischen den Zähnen, als er die Schrank-
thür zumachte, und dann setzte er sich wieder hin.
Es ging ihm Alles noch im Kopf herum, und wenn
er auch sonst bisweilen still gewesen war, ohne daß
man es bemerkt hatte, so war's uns an dem Abend un-
heimlich.
Ich wollte hinaus gehen und wollte auch wieder
bei dem Vater bleiben; denn dumm, wie ich war,
merkte ich doch, daß ihm Etwas geschehen war, was
er nicht verschmerzen konnte, und ich hatte ihn sehr lieb.
Endlich kam die Mutter auf einen Einfall.
,Der Inspektor ist dagewesen, sagte sie, ,der
Junge soll morgen auf das Schloß.!
,Laß ihn gehen!r

,Du mußt doch mit ihn' wendete die Mutter ein.
,Hat er's so bestelltk fragte der Vater.
Sie wich ihm aus.
,Er kann doch nicht allein gehen? meinte sie.
,Wenn er allein bestellt ist, so geht er auch allein!
Er ist groß und alt genuug! Vielleicht können sie den
Jungen besser brauchen als den Alten!? sagte er und
ging, obschon es bereits dunkelte, noch hinaus zu
unseren drei Bienenstöcken; denn die Bienen, waren
schon zum Defteren ausgeflogen. Der Raps war just
am Blühen, das Schwärmen schien nahe, und der Vater
war also darauf aus, den vierten Stock aufzustellen.
Er machte sich damit bis zur Schlafenszeit zu schafen.
um für sich allein zu bleiben. Ich würde ihn also auf
die Art an dem Abend gar nicht mehr gesehen haben,
hätte ich nicht zum ersten Mal in meinem Leben eine
Weile im Bette wach gelegen, weil ich am nächsten
Morgen in das Schloß hinüber sollte.
Ich fürchtete mich davor und war doch neugierig,
wie das sein und wie das ablaufen würde. Langes
Nachdenken war dazumal jedoch nicht meine Sache.
Ich schlief mein richtiges Theil, und wie es dann am
Morgen Zeit war und die Mutter selber mich abge-
seift hatte, daß ich blank war wie ihr gescheuerter Tisch,

wurden der neue Anzug und die neuen Stiefeln herbei-
geholt, die schon vor ein paar Monaten bestellt worden
waren und die ich eigentlich erst zu Johanni bei der
Einsegnung hätte tragen sollen. Es war natürlich Alles,
wie es sich gebührte, auf den Auswachs eingerichtet.
Weil ich aber so ungewöhnlich rasch im Wachsen war,
hatte der Vater es dem Meister auf die Seele gebunden,
von dem theuren Tuch auch einen recht vollständigen
Anzug zu machen und bei dem gewöhnlichen Zugeben
noch ein Nebriges zu thun, so daß ich bei dem An-
probiren mit den Händen nicht recht aus den Aermeln
herausgereicht hatte. Indeß der Meister hatte gesagt,
bis die Herrschaft käme, schieße ich gewiß noch ganz
hinein: und da ich beim Anprobiren auch bloß still zu
stehen gehabt hatte, waren die langen Aermel und der
übermäßig lange Rock und die ebenso langen Hosen
nur eine Steigerung zu meinem stolzen Wohlgefallen
an dem Anzug und an mir selbst gewesen.
Als ich nun aber die Kleider ordentlich auf dem
Leibe, und die mir ohnehin ungewohnten und ebenfalls
auf den Auswachs angeschafften Stiefel an den Füßen
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hatte, fand ich, daß es ein schwer Stück Arbeit sei, ;
mit solcher Herrlichkeit vom Fleck zu kommen. Indeß -
zum Bedenken blieb mir keine Zeit. Die Mutter, die

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das Auge nicht von der Kukuksuhr gelassen, sagte,
nun solle ich gehen. Der Vater war wieder draußen,
er kümmerte sich um Nichts. Ich machte mich also
mit schwerem Herzen aus den Weg.
Ich hatte quer über den ganzen Hof zu gehen,
was mir sehr recht war, denn ich wollte mich gern
vor den Leuten zeigen. Die Mutter, die in der Thüre
stand, sah mir nach; und obschon ich in den Stiefeln
keinen festen Tritt hatte, kam ich doch mit stolzem
Selbstbewußtsein vorwärts bis in's Schloß.
Die Hausthüre stand weit offen, weil sie's luftig
in dem Schlosse haben wollten. Durch die Glasfenster
der Stubenthüre, dem Eingang gegenüber, sah man
in den Garten hinaus, und als ich in den Flur trat,
kam von der Küchentreppe rasch der eine Diener
herauf, der eine große, mit silberner Glocke verdeckte
Schüssel trug.
,Was will Er? rief er, ohne mich anzusehen.
,Ich bin der Helmar!? sagte ich und mein stolzes
- Selbstbewußtsein fing zu finken an.
,Sag' Er, was Er willl gebot der Diener eilig.
,Der Herr Inspektor hat befohlen, daß ich kommen
soll!r sagte ich.

, Ach, so! der Junge von dem alten Kaspar!
Wart Er! Die Herrschaft ist beim Frühstück.?
Damit ging er in das Zimmer, kam aber gleich
darnach zurück und mit dem Kopfe nach der Thüre
deutend, während er selber wieder die Treppe hinunter-
lief, befahl er: , Dort hinein!r
Glücklicherweise machte gerade in dem Augenblick
der andere Diener die Thüre auf, so daß ich in den
Saal hineinkam.
Da saßen sie! =- Gerade so wie bei dem heiligen
Abendmahl über dem Altar in unserer Kirche, das die
gnädige Frau an des verstorbenen Herrn siebenzigstem
Geburtstag, als der General den Braunen geschickt,
in die Kirche gestiftet hatte, und von dem nur an den
großen Feiertagen und wenn der Pfarrer die Kommunion
ertheilte, der Vorhang weggezogen wurde. Es war
ganz derselbe lange Tisch und das weiße Tischtuch,
und die Schüsseln und die großen Gefäße. Sie saßen
auch so in Reih' und Glied, und vom Garten schien
die Sonne herein, wie durch das Fenster hinter dem
Altar.
,Nun Helmar!? rief die Frau Generalin, und:
,Nur vorwärts! befahl der General, und weil das
Beides freundlich klang, so ging ich auch rasch darauf

los. Aber der Fußboden war glatt. Ich mußte beim
raschen Gehen die langen Stiefel ordentlich vorwärts
schieben, und wie ich nun dicht am Tische, meine Mütze
in der linken, meinen Glückwunsch in der rechten
Hand, so wie mir's der Vater eingeübt hatte, meinen
Kratzfuß machen und meine Rede mit den Worten:
,Ich gratulire der hochgeborenen Frau Generalin' be-
ginnen wollte, glitschte mir mit einem Male der linke
Fuß aus, während ich mit dem rechten den Boden
scharrte. Ich wußte nicht, wie mir geschah. Ich fiel
der Länge nach nieder. Ich hörte das laute Lachen
der Herrschaften, das tadelnde:,Der Tölpel!' des
Generals, an dessen Knie ich mich hatte halten wollen
und dessen Kaffeetasse dadurch ins Schwanken gerathen
und übergelaufen war, so daß der Inhalt mich und
das Kleid der Gnädigen überschüttete, und ich es im
ersten Augenblick des Schreckens kaum bemerkte, wie
ich mit der linken Hand auf den einen Sporn an des
Generals Stifel gefallen war und mir das scharfe Rad
desselben in die Hand geschlagen hatte.
So wie mir in dem Augenblicke, muß es den
Menschen bei einem Erdbeben zu Muthe sein. Es
ging vor Angst Alles mit mir in die Runde. Der
Fanny Lewald. Helmar.
s

General, über dessen Füße ich gefallen wwar. stand
ärgerlich auf. Das Fräulein, das mit bei Tische ge-
sessen hatte, kam herbei, der Gnädigen das Kleid zu
trocknen, während ich mich in die Höhe rappelte. Der
Diener wischte den Kaffee von dem Fußboden weg.
Er schob mich dabei verächtlich auf die Seite und
meine Mütze und meinen schönen Glückwunsch mit dem
Fuße noch ein Ende weiter fort, und ich hörte das
laute Lachen des Junkers und sein wiederholtes:
,Nein, der Tölpel! der Tölpel!?
In meinem ganzen Leben ist mir so elend nicht
wieder zu Muthe gewesen als in jener Stunde. Denn
daß Alles, was um mich her vorging, eine Schande
für mich sei, das wußte ich. Ich hätte fortlaufen
mögen, mich zu verstecken, wo kein Menschenauge mich
finden konnte, und traute mir nicht, von der Stelle
wegzugehen. Ich hätte auf den lachenden Junker los-
schlagen mögen, und wußte, daß ich mich nicht unter-
stehen durfte, ihn auch nur schief anzusehen. Ich hatte
die größte Angst vor meinem Vater, und dabei brannte
mir die aufgeschlagene blutende Hand wie Feuer, so
daß ich, mir endlich ein Herz fassend mein neues dunkel-
blaues Taschentuch hervorzog, um mir damit zu helfen.
Das sah die Kleine, die auch mit am Tisch ge-

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sessen hatte, und flink von ihrem Sessel heruntergleitend,
lief sie auf mich zu.
,Ach! der arme Tölpel blutetl' rief sie, ,der
arme Tölpel hat ein schwarzes Schnupftuch!?-- und
mir ihr weißes Tüchelchen hinreichend, blieb sie mit-
leidig vor mir stehen.
Ich wagte nicht es anzurühren, aber wenn ich
alt werde wie Methusalem, werde ich die Empfindung
nicht vergessen, die mir bei dem Thun und den Worten
der Kleinen durch das Herz fuhr. In meiner letzten
Stunde werde ich sie vor mir sehen, wie sie in dem
weißen Kleidchen, fest auf ihren kleinen nackten Beinchen
stehend, mich mit den großen braunen Augen anguckte,
daß die Angst von mir genommen ward und auch das
drückende und lähmende Gefühl der Scham und Schande.
Es war mit einem Male Alles anders um mich her.
Die Freude, welche die Eltern und der Bruder an der
entschlossenen Herzensgüte der Kleinen hatten, leuchtete
aus Aller Augen und kam auch mir zugute.
,Das ist recht, Dora!' rief die Generalin, ,gieh
dem Helmar Dein Tuch! Der arme Helmar ist mit
den großen Stiefeln ausgeglitscht, Du bist ein gutes
Kind !!=- Und sich zu mir wendend, meinte sie, es

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sei wohl nicht so schlimm mit meiner Hand, ich solle
mir das Tuch umwickeln und ihr das Schreiben-
zeigen, das ich für sie angefertigt hätte.
Der General nahm darauf die kleine Dora auf
den Schooß, und ich that, wie mir befohlen war. Der
Junker und das Fräulein und der Lehrer hatten sich
wieder alle an der Tafel niedergelassen; und meinen
Kratzfuß diesmal mit größerem Glücke wiederholend,
überreichte ich der Generalin meinen Willkommswunsch
und sagte ihr den Inhalt desselben her.
Der Funker wollte wieder lachen, aber ein Blick
des Vaters wehrte ihm. Ich kam glücklich und ohne
Anstoß bis ans Ende. Der General drückte mir einen
blanken Thaler in die Hand, die gnädige Frau besah
meinen Glückwunsch, reichte ihn dem Lehrer hin und
meinte:, Der Junge schreibt vortrefflich! -- Wo hast
Du denn die Anfangsbuchstaben mit den vielen
Schnörkeln her?
,Von der Bibel!' gab ich ihr zur Antwort.
Sie erkundigte sich darnach, ob ich auch rechnen
könne, und der General fragte, was ich denn werden
wolle, während auch er sich meine Schreiberei besah.
,Ich soll Bedienter werden,'! entgegnete ich.
Sie sprachen lachend Etwas, was ich nicht recht

verstand. So viel hörte ich jedoch heraus, daß sie
meinten, große Geschicklichkeit scheine ich nicht zu haben,
und dann sagte der General:,Du sagst, Du sollst
Bedienter werden, willst Du es denn nicht?
Ich wußte nicht, ob ich mit meinen Gedanken
herausrücken dürfe und war still.
,Nun? rief der General, , wwird's bald? Willst
Du oder willst Du nicht?
Ich schüttelte verneinend den Kopf.
,Was möchtest Du denn werden?- fragte die
Gnädige mit freundlichem Ermuthigen. ,Willst Du
Schreiber werden?-
Und wieder schüttelte ich den Kopf, bis der
General mir gebot, endlich den Mund aufzuthun und
Antwort zu gehen, wie es sich gehörte.
Da faßte ich mir rasch ein Herz, obschon ich
wußte, daß mir das zu Hause schwer eingetränkt
werden würde, und sagte: , kum Maler möcht' ich
in die Lehre, der hier im Schloß gemalt hat.!
,Maler? So? =- Das wird zu überlegen sein!'
sprach der General, ,und nun geh! Das Andere
wird sich finden!'
Die Worte klangen mir sehr angenehm in's Ohr,
denn der Küster hatte, so oft von dem Neberreichen des

Glückwunsches gesprochen worden war, immer damit
geschlossen, daß das Nebrige sich finden werde; und
ich hoffte also, da ich diese Worte nun in Wirklichkeit
vernahm, jetzt endlich auf den richtigen Weg gekommen
zu sein.
Die Generalin gab mir ein großes Stück von dem
Backwerk, das auf dem Tische stand, sagte, ich sollte
den Vater zu ihr schicken, und als ich dann vorsichtig
meinen Rückweg antrat, rief der Junker übermüthig
hinter mir her: ,Falle nur nicht wieder!''
,Nein, Tölpel!' sprach die Kleine ihm nach
,nicht fallen, Tölpel! Der Vater schilt!-
Ich war schon aus dem Schlosse fort und im
Hofe und an unserer Thüre, als ich das Stimmchen
noch zu hören und die Worte: , Nicht fallen, Tölpel!'
noch immer zu vernehmen glaubte.

Kapitel 04

Wiertes -apilel.
aIaoaKFana.
Daß mir zu Hause eine tüchtige Tracht Schläge
bevorstehe, das war bei meinem Ungeschick im Schlosse
mein erster Gedanke gewesen und sie ließ nicht auf
sich warten. Da Derlei aber nicht zu den seltenen
Ereignissen für mich gehörte, so verschmerzte ich sie
diesmal noch leichter als gewöhnlich, denn ich befand
mich in einer wahren innern Wuth. Ich hätte auch
irgend Einen prügeln mögen, wie mein Vater mich.
Ich hätte mir selber Etwas anthun mögen, hätte mein
Vater dies nicht ausreichend besorgt.
Ich mußte die neuen Kleider, die neuen Stiefel
ausziehen. Ich hatte sie bis zu diesem Morgen wie
Heiligthümer angesehen. Sie anzulegen, war meine
ganze Sehnsucht und mein Stolz gewesen; und wie ich

sie nun auuszog, da wußte ich, was mir war, was mir
in der Seele brannte. Ich haßte den dicken blauen
Rock und seine langen Aermel, die mir über die Hände
heruntergehangen hatten. Ich verabscheute die großen
Stiefel, die mich hatten fallen machen. Ich warf sie
sammt der Müze, die ich auf Befehl in der Hand
hatte halten müssen, auf die Ofenbank. Ich hätte
allein sein mögen, um das Alles ungestraft mit Füßen
treten und vernichten zu können. Ich dachte mit Grimm
daran, daß ich das Zeug wieder würde anziehen müssen,
und ich fühlte einen Neid, einen brennenden Neid gegen
den Junker mit den kleinen blanken Stiefeln und den -
schönen hellen Beinkleidern. Ich hätte ihm die kurze
rnnde Jacke vom Leibe reißen, und vor Allem, ich
hätte so hübsch aussehen mögen wie er, damit sie mich
nicht auslachen, mich nicht wieder Tölpel schimpfen
dürften.
Sagen hätte ich von dem Allen keine Sylbe können,
denn so weit war ich lange nicht. Die Worte Unglück,
Scham, Demüthigung waren noch nicht in meinem
Besitz, und doch empfand ich, was sie aussagen, mit
einer schneidenden Schärfe. Ich hatte auf meine Weise
vom Baume der Erkenntniß gegefsen, ich war aus
meinem Paradiese vertrieben. Der Unterschied zwwischen

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schön und unschön, zwischen vornehm und gering hatte
sich vvr mir aufgethan. Ich sah mit einem Male
mit anderen Augen.
Bis dahin hatte mir auf der Gotteswelt noch
Nichts gefehlt. Ich war des Kaspar's Helmar ge-
wesen, der Pathe der gnädigen Frau, des Küsters
Günstling. Auch in der Kinderlehre bei dem Pastor
war ich obenan gewesen und, als der größeste und
stärkste unter meinen Altersgenossen, der Herr auf dem
Hofe. Außer dem Wunsche, ein Maler zu werden,
hatte ich kaum einen Gedanken gehabt, der über den
nächsten Tag hinausgegangen wäre, und jener Wunsch
hatte mir nicht den Schlaf geraubt oder gar den
Appetit verdorben. Aber Maler zu werden, das war
mir heute lang nicht mehr genug, denn auch die Maler
hatten nicht so schöne Kleider wie die Herrschaften im
Schlosse, nicht einen so glatt gekämmten Kopf wie der
Junker, mit schönen Locken an der Stirne gehabt.
Sie hatten auch nicht so fein wie die Herrschaften ge-
sprochen, und so schön wie das kleine Mädchen hatte
ich überhaupt noch Nichts gesehen. Ich war neidisch
und verliebt, und ich war ein dummer, ungeschickter
Tölpel. Ich hätte mich in die Erde verkriechen mögen!
Statt dessen aber mußte ich mit den anderen

Jungen dem Gärtner zu Hülfe gehen, denn es war
wieder ein Maikäferjahr und das Ablesen der Mai-
käfer wurde eimerweise bezahlt. Dadurch war ich
tagüber in dem Schloßgärten und konnte sehen, wie
der Junker am Mittag, als die Lektionen zu Ende
waren, seine Spiele auf dem großen Rasenplatz betrieb,
und wie die Kleine ihr ausgestopftes Schäfchen am
rothen Bande auf dem kleinen grünen Rollbrett hinter
sich herzog, wie sie ärgerlich mit den Füßchen stampfte
und das Schäfchen schlug, das immer und immer
wieder umfiel. Es war auch zum Ungeduldigwerden,
ich wurde mit ihr ärgerlich!
Ohne recht zu wissen, was ich vorhatte, lief ich
in den Stall, in dem unsere beiden Ziegen und die
Kaninchen ihr Unterkommen hatten. Ich griff ein erst
acht Tage altes rasch heraus. Es war weiß und nicht
viel größer als das Schäfchen, und zu der Kleinen
eilend, reichte ich ihr's hin.
,Da!' sagte ich, , halt's fest! Das kann laufen.?
Das ganze Gesichtchen ward ihr roth vor Freude.
Sie drückte das Kaninchen fest an ihr kleines Herz.
sah zu der Gouvernante in die Höhe, guckte mich mit
den großen braunen Augen an, und rief:
,Ach, der gute Tölpel! Ach, das kann laufen

Fräulein! Da, Tölpel, da nimm das andere, nimm
das Lamm!!-- und wieder drückte sie das Kaninchen
an ihr Herz und küßte es einmal um das andere.
Die Gouvernante fragte, ob das Kaninchen mein
sei, ob ich es verschenken dürfe? - Ich bejahte Beides;
aber die Kleine verstand das falsch.
,Nein! nicht dem Tölpel seines, meines ist es,
nicht dem Tölpel seines!' rief sie, offenbar besorgt, daß
man ihr's nehmen wolle.
,O pfui, Dora!'' tadelte die Gouvernante, ,Du
mußt nicht immer Tölpel sagen, das ist unartig.
Helmar heißt der Knabe. Gieb dem Helmar die Hand
und bedanke Dich bei ihm; und dann wollen wir Dein
Kaninchen der Mutter zeigen gehen und sie bitten,
daß sie dem Helmar Etwas dafür schenkt. Gieb die
Hand, Dora, und danke schön.!
,Danke schön!r sprach ihr Dora nach und hielt
mir ihr Händchen hin, aber ich traute mir nicht, es
anzufassen, weil ich so schmutzig war. Ich machte mich
davon, nach meinem Kirschenbaum, an meine Arbeit.
Währenddessen war mein Vater, wie befohlen, zu
der gnädigen Frau gegangen, und wie er dort ankam,
fand er auch den Herrn General im Zimmer. Sie
sagten Beide, daß sie mit meinem Schreiben zufrieden

gewesen wären, daß sie auch weiter für mich Etwas
thun wollten, und ob es auch des Vaters Wille sei,
daß ich Maler werden solle.
Da dachte der Vater, jetzt oder nie mehr müßte
es herunter, was es auf dem Herzen hätte, und so
sagte er:
,Mein Wille? Nein, gnädige Herrschaft, mein
Wille ist das ganz und gar nicht. Ich habe immer
gedacht, daß der Junge einmal den jungen Herrschaften
dienen sollte, wie ich dem alten gnädigen Herrn ge-
dient habe; aber da ich nun doch sehe, daß man die
alten Diener nicht gebrauchen kann und sie in die Ecke
schiebt wie einen alten abgenutzten Besen, der aber
doch kein Herz im Leibe und nicht seine Ehre hat wie
ein rechtschaffener Mensch - da mag er werden, was
er will, mir soll's einerlei sein.!
Er war erschrocken, als er sich das herausgenommen
hatte, und es schnappte ihm auch in der Kehle ab, so
daß er nicht weiter konnte, hätte er es auch gewollt,
und wäre die gnädige Frau ihm nicht zuvorgekommen.
,Aber Kaspar, alter Kaspar,? rief sie mit ihrem
freundlichsten Gesicht, ,was fällt Dir denn auf Deine
alten Tage ein? Wer will. Dich denn auf die Seite
schieben? Bequem haben wir Dir's machen wollen,

weiter Nichts! Willst Du uns aber lieber noch weiter
dienen, so sollst Du's thun in Gottes Namen. -- Und
nicht wahr, Franois,! setzte sie hinzu, indem sie sich
zu ihrem Manne wendete, ,Du lässest mir den Kaspar
für meine und für der Kleinen persönliche Bedienung.
Er hat mich auf Weg und Steg begleitet, als ich
jung gewesen bin, und ich denke, er soll auch Dora
noch begleiten, wenn sie meine Neigung haben sollte,
sich auf gut Glück im Wald umherzutreiben.?
,Halte das, wie Du's wünschest,? entgegnete ihr
der General, ,nur die graue Livree, den langen Rock
und den verwünschten zweispitzigen Tressenhut, die
kann er nicht mehr tragen.!
Das griff dem Vater wieder an das Herz. Der
lange Rock und sein Tressenhut und sein Mantel mit
den sieben Kragen waren mit ihm verwachsen, wie
seine Haut mit seinem Fleisch und Bein. Er wollte
also eben erklären, daß er in einen solchen schwarzen
Frack, wie die beiden anderen Diener ihn trugen, nicht
hineingehöre, als die Gnädige ihm abermals zu
Hülfe kam.
,Du hast ganz Recht,? sagte sie, ,leine Livrse ist
schlecht und er muß eine neue haben; aber wenn Du
mir ein Vergnügen machen willst, läßt Du sie ihm

gerade wie die alte machen. Bei der Tafel wartet er
nicht auf, und wenn er in der alten Waldern'schen
Livree mit unseren Farben, mit den roth und gelben
Aufschlägen, wie sonst durch das Haus gehen wird,
Morgens die Ühren aufzuziehen und die Briefe und
die Zeitungen wie an dem Tag nach unserer Hochzeit
in unser Zimmer zu bringen, so werde ich mir selher
noch jung vorkommen, und die Kinder werden wissen,
wie es zu ihrer Väter Zeiten hier im Hause ausge-
sehen hat und hergegangen ist. Kaspar würde uns
im Winter erfrieren, wenn Du ihn zum Frack ver-
dammtest. Er würde ja auch mit seinen langen Beinen
wie ein Kranich darin aussehen,! setzte sie lachend
hinzu. -
Die Gnädige mußte es wohl verstehen, wie sie
den General zu nehmen hatte, denn er sagte sofort zu
Allem, was sie wollte, Ja und Amen. Der Vater.
trat wieder in den Dienst und der General kümmerte
sich weiter nicht darum. Er machte sich vielmehr gleich
in den folgenden Tageu mit dem Inspektor an die
Besichtigung des Gutes, so daß er fast immer draußen
war und der Inspektor nicht recht wußte, was der
Herr eigentlich dabei im Schilde führte. Denn obgleich
er über Alles, was zum Gute' gehörte, die genanen

Berichte nnd Plane in Händen hatte, wurden die
ganzen Grenzen des Gutes beritten, alle Felder und
alle Wege in den Feldern, Wäldern und Wiesen in
Augenschein genommen. Als er dann damit fertig
war und auch die Scheunen und Ställe und die
Brennerei ebenso besichtigt, alle Geräthschaften gemustert,
und den ganzen Viehstand genau untersucht hatte, fing
er an, die einzelnen Feuerstellen, die Häuser der Inst-
leute von Stube zu Stube durchzugehen, und es mußte
ihm aufgeschrieben werden, wie viel Seelen in jeder
Stube wären, wobei gerade wie für die Kantonpflicht -
Namen und Alter und Gewerbe von jedem Mann und
Burschen verzeichnet werden mußten.
Das war Keinem recht geheust, weil der Mensch
doch wissen will, was man mit ihm vor hat, und der
General sich über gar nichts ausließ. Nur zum
Inspektor hatte er gesagt, er denke die Güter nach den
Erfahrungen zu bewirthschaften, die er im Leben viel-
fach habe machen können. Die alte hiesige Wirthschaft
sei nicht rationell. Man müsse auf dem Lande das
Nothwendige soweit als möglich sich jelber schafen,
um wenig von Außen her zu bedürfen, müsse viel
produziren und das Neberflüssige gut zu verwerthen
suchen. Der Landwirthschaft fehle kaufmännische Er-

fahrung und eine feste, recht eigentlich militärische
Organisation. Mit einem richtig geführten Haupt-
buche und tüchtiger Disziplin ließen sich allerwegen
Wunder thun, und er wolle auf seinen Gütern den
Anfang mit den Dingen machen.
Der Inspektor ließ sich das gesagt sein, aber im
Stillen äußerte er gegen meinen Vater sein Bedenken.
Er meinte, das sei Alles recht gut und schön; aber
was im Handel und im Regimente gehe, das gehe
auf dem Lande und in der Landwirthschaft deshalb
noch lange nicht. Beim Ersteren habe man es nur
mit Menschen, hier aber mit dem lieben Herrgott
selber, mit seinem Regen und seinem Sonnenscein, mit
guten und mit schlechten Jahren abwechselnd zu thun.
Wo unser Herrgott seine Hand immer sichtbarlich im
Spiele habe, wie in der freien Natur, da gehe es mit
dem Spekuliren und Organisiren und Kommandiren
nicht so, wie es Mancher denke, der nicht auf dem
Lande und nicht hier zu Lande und nicht bei der
Wirthschaft hergekommen sei.
Der General jedoch verstand das anders. Das
Organisiren und Kommandiren war sein eigentliches
Glück, und wenn zuerst den Leuten dabei auch angst
und bange wurde, so kam doch mit einem Male ein

neues Leben in das Dorf und auf den Hof, das ihnen
zu gefallen anfing. Es wurde ein Maurermeister aus
der Stadt verschrieben, es kamen Zimmerleute in das
Dorf und schon nach wenig Wochen waren die Neu-
bauten in vollem Gange. Dadurch waren viel Arbeits-
kräfte nöthig, man bezahlte auch die Arbeit nach Ge-
bühr, und da das Jahr sich sehr gut anließ und eine
gesegnete Ernte versprach, konnte man es yon den
Leuten bald vielfach sagen hören, daß es doch ein
anderes Wesen sei, wenn die Herrschaft auf dem Gute
wohne und nicht in der Stadt.
Der Zufriedenste von Allen jedoch, als er erst
seinen neuen Anzug hatte, war bald mein Vater, denn
das Dienen war ihm eine Lust. Nun hatte er doch
wieder eine Herrschaft über sich, und zwar eine gütige
Herrschaft, hatte seinen neuen Anzug ganz nach alter Art,
und im Schlosse ging es wieder hoch und vornehm her.
Der General hatte, da er in Allem rasch vor-
wärts ging, gleich nach seiner Ankunft einen weit-
reichenden Verkehr mit den altadeligen, in unserer
Nähe vielfach angesefsenen Familien angeknüpft, mit
denen die gnädige Frau verwandt war. Es gab also
immer im Schlosse viel zu schaffen. Die mitgehrachten
Fanny Lewald. Helmar.

Diener, die dem Vater anfangs ein Dorn im Auge
gewesen waren, hatten oft alle Hände voll zu thun und
ließen es sich natürlich gern gefallen, wenn er ihnen,
damit Alles in der Ordnung ginge, ohne ein Wort
darüber zn verlieren, beisprang, wo es nöthig schien,
obschon er und sie ihre besonderen und gewiesenen
Wege hatten. Sie kamen bald von selber, seine Hülfe
zu fordern. Es währte auch nicht lange, so zog der
General ihn, wenn Noth am Manne war, auch zur
Bedienung in der Gesellschaft mit heran, und verstehen
that der Vater sie so gut als Einer.
Dabei kam es einmal, daß der alte Graf Berkow
aus Brakuhnen und seine Schwester, welche Oberhof-
meisterin gewesen war, meinen Vater sahen und ihn
zutraulich begrüßten. Sie nannten ihn Kaspar und
Du, sprachen mit ihm von dem seligen Herrn und von
den alten Zeiten, und der Graf bemerkte dabei gegen
den General, er freue sich immer, wenn er heutzutage,
wo die Freizügigkeit die Menschen unstät und die
Dienerschaft zu wahren Zigeunern gemacht habe, we-
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nigstens noch auf den Gütern hie und da solch alte
Juventarienstücke treffe, auf welche ein Verlaß sei. Ein s
in dem Hause alt gewordener Diener sei zehn von dem j

herumziehenden Gesinde werth.

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Den beiden anderen Dienern, welche das mit an-
gehört hatten, gefiel dies natürlich keineswegs. Sie
waren übrigens ordentliche Leute, die der General aus
dem Regimente nach überstandener Dienstzeit in sein
Haus genommen hatte, und ich freute mich immer,
wenn der Jüngere, der August, Abends bisweilen zu
uns herüberkam. Er erzählte dann viel vom Regiment,
von auswärts und, was mir das Mllerliebste war, auch
von den Herrschaften und von Allem, was im Schlosse
vorging; denn auf das Schloß und seine Bewohner
war mein ganzer Sinn gestellt.
,Sie können jetzt lachen, Kaspar,! sagte August
eines Abends, , Sie haben jetzt Oberwasser bei dem
Herrn, seit der Graf sich neulich mit Ihnen unterhalten
hat. Was die Grafen aus Brakuhnen und aus Meldow
sagen, das ist bei unserem General ein Wort. Zur
Zeit im Regimente war das freilich anders. Da hielt
er den bürgerlichen Offizieren und den Neugeadelten
überall die Stange, wenn die jungen Herren aus den
großen Familien mit ihrem alten Adel vor den An-
deren was bedeuten wollten, obschon sie recht gut
wußten, daß der General aus einem Kaufmannshause
hergekommen war. Er machte dorten auch kein Ge-
g

heimniß daraus; im Gegentheil, er hielt es den Frei-
willigen und Avantageuren wohl zum Beispiel vor.
Hier aber?-- und August uachte, nach dem Schlosse
weisend, ein pfiffiges Gesicht - ,hier, wo die beiden
alten Wappen über der Thüre ausgehauen sind, da
bläst der Wind aus einem andern Loche. Und lassen
Sie die Kinder nur erst groß sein-- der Clamor
ist schon jetzt der Hochmuth selber! Unter Grafen-
kindern thut der General es mit den seinen einmal
nicht.-
Mein Vater ärgerte sich. Es konnte es nicht
leiden, wenn die Diener also von der Herrschaft redeten,
und daß hier in Waldritten, wenn es wieder einmal
so weit wäre, nur vornehm geheirathet werden konnte,
das verstand für ihn sich ganz von selber. Es war
niemals bürgerlich Blut in das Geschlecht gekommen,
welches dies Schloß gebaut und bewohnt, bis der Herr
General hinein geheirathet hatte. Dagegen konnte Nie-
mand etwas sagen, weil der selige Herr es so für gut
befunden hatte; aber daß der General jetzt suchen
mußte, dies Unrecht wieder gleichzumachen, das hatte
mein Vater stets gedacht.
,Denn,! sagte er, ,heder Bauer wjll eines Bauern

Kind ins Haus bekommen, und alter Adel bleibt doch
alter Adel!?
, Und junger Adel wird allmälig alter!'? lachte
August. , Sieht denn unser General nicht gerade so
vornehm aus wie die Grafen hier rundum? Es ist
nur, wie der Mensch aussieht und sich hält!r rief er,
indem er sich in die Brust warf. ,Oder merken Sie's
dem Hauslehrer, dem Doktor Müller, etwa an, daß
sein Vater Bedienter gewesen ist wie Sie und ich?
Aus dem Waisenhause ist er auf das Gymnasium ge-
than worden und sie haben ihm freie Schule, auch
freie Kollegien auf der Universität geschafft; und wenn
der Doktor im Herbst den Junker im Kadettenhause
abgeliefert haben wird, so geht er an die Universität
und wird Professor wie ein Anderer. Passen Sie ein-
mal auf, wenn er bei Tische mit den vornehmsten
Herrschaften von allem Möglichen diskurirt, ob Sie's
ihm anhören, daß sein Vater auf dem Kutscherbock
gesessen und hinter den Stühlen gestanden hat, so gut
wie wir !-
Der Vater schwieg verwundert. Der Andere klopfte
ihm auf die Schulter:
,Ja, Kaspar, das ist nun einmal so, darein
müssen Sie sich schon ergeben. Die Welt ist nicht

5
mehr wie zu Ihrer Zeit, und was der Graf aus Bra-
kuhnen auch sagen mag, seit die Eisenbahnen in die
Welt gekommen sind, ist die ganze Welt mobil ge-
macht. Es geht Alles rasch vom Fleck, wenn auch hier
zu Land noch keine Eisenbahnen sind. Es will jezt
Keiner mehr zum alten Inventarienstücke werden! Es
will Jeder jetzt vorwärts! Das ich mein Lebenlang
hinter den Stühlen stehen und Silber putzen werde,
ist auch noch lange nicht gesagt.
,Sie haben's auch wohl auf den Edelmann ab-
gesehen!'' warf mein Vater spottend ein.
,Das just nicht; aber ich schreibe meine gute
Hand, ich habe einen anschlägigen Kopf, und kamn
ich nur erst so viel zusammenhringen, daß ich etwas
Eigenes unternehmen kann, so sollen Sie mal sehen,
was ich thue, und erleben, was noch aus mir wird.!
,Dann schaffen Sie sich wohl selber Pferde und
Wagen und Kutscher und Bedienten an? höhnte der
Vater.
,Gleich noch nicht!' erwiderte Jener wohlgemuth.
,Es braucht ja auch nicht gleich zu sein! Ich bin
jng, und was nicht ist, kann werden!'
Damit nahm er seine Mütze und ging fort.
,Der Hans Narr!'! schalt mein Vater, gerade

als August draußen Kehrt machte und noch einmal
wiederkam.
, Ehe ich es vergesse,'! sagte er, ,der Helmar soll
morgen nach der Kirche hinüberkommen. Sie wollen
sehen, ob er sich zum Maler paßt.! Und mit der.
Munterkeit, die selten von seinem Gesichte kam, setzte
er hinzu: , Als wenn Einer, der was kann und was
gelernt hat, hier im Dorfe als Maler sizen bleiben
würde, um Lattenzäune anzustreichen und alte Kutschen
zu lackiren! Also morgen nach der Kirche!??
,So sind sie!? rief der Vater, als Jener nun
wirklich gegangen war. ,Nichts als Einbildung im
Kopfe, und vergessen, was sie auszurichten haben. Einer
wie der Andere! Aber glatte Scheitel und ein Schnurr-
bart und immer weiße Handschuhe! -- Einer wie der
Andere!' brummte er noch einmal und stopfte sich die
Pfeife mit dem selbstgebauten Tabak.
Ich aber hatte den August heut noch lieber als
bisher. Ich hatte kein Wort verloren von alledem,
was er gesprochen hatte. Ich mußte immer an ihn
und an den Doktor Müller denken, der ganz so aus-
sah wie die Anderen, der mit den Herrschaften ritt
und fuhr, der mit den Herrschaften zu Tisch saß, der

56
dem Junker zu befehlen hatte, und dessen Vater ein
Bedienter gewesen war, so wie meiner auch.
Den Abend habe ich, so wie ich mich erinnere,
zum ersten Male nicht gebetet. Ic dachte an den
Doktor Müller bis ich einschlief.

Kapitel 05

Jiinsles Zapiles.
,Geh' nur in den Garten hinein, rechts nach der
großen Laube!r sagte August, als ich am nächsten
Vormittage nach dem Schlosse kam, ohne mir recht
vorstellen zu können, was mit mir geschehen würde.
Ich ging also -- nicht durch die Zimmer, son-
dern hinten über den Hof - nach dem Garten,
in der großen Laube fand ich sie denn auch,
gnädige Frau, die Gouvernante und die Kleine.
und
die
,Hast Du noch mehr Kaninchen? rief diese mir
entgegen, sowie sie mich erblickte.
,Noch sechs,! sagte ich, ,die andern sind ver-
kauft.?
,Geh', hole sie her! Aber gleich, hörst Du,
gleich! Ich komme mit!'' sagte sie, indem sie von der

8
Bank, auf der sie gesessen hatte, herniederstieg und sich
an meine Hand hing. Heute scheute ich nicht davor
zurück, denn ich hatte mich
glauhte, mich sehen lassen zu
mir großes Vergnügen, als
so gewaschen, daß ich
dürfen, und es machte
sie das kleine weiche
Händchen in meine Hand legte. Aber die Mutter hieß
sie bleiben.
,Du sollst nachher mit Helnar und den Fräulein
zu den Kaninchen gehen,! sagte sie, ,leht soll er hier
erst zeichnen!' und sich zu mir kehrend, fragte sie, ob
ich schon sonst einmal gezeichnet habe.
,ia, immer!'' gab ich ihr zur Antwwort.
,Bei wem denn?
Ich verstand nicht, was sie meinte. Aber die
Gnädige ließ sich in ihrem guten Willen nicht durch
mein Scweigen irre machen.
,Womit hast Du denn gezeichnet?- fuhr sie fort.
,Mit der Feder! mit Kohlen! auch auf der Tafel!
auch mit dem Stock!-
, Mit dem Stock ? wiederholte die Gouvernante,
,wie hast Du das denn angefangen?-
,Auf der Erde, im Sande ! bedeutete ich.
Die Gnädige nahm darauf
hieß die Gouvernante mir einen
ein Blatt Papier,
Bleistift und eine

59
Vorzeichnung gehen, und befahl mir, mich hinzusetzen
und diese nachzuzeichnen, wenn ich könnte.
Mir war himmelangst, als ich den Befehl er-
hielt; aber die Freude über das weiße Papier und
über den schönen, blank polirten Bleistift, dessen viel-
eckig geschliffene Spitze mir wie ein Wunder vorkam,
machten mich die Furcht vergessen, während das Vor-,
legeblatt meine Neugier reizte. Es befanden sich
darauf eine Anzahl einfachst zusammengesetzter senk-
rechter und wagrechter Linien, welche etwas darstellten,
was einen Bretterzaun bedeuten konnte.
Ich besah mir das Ding und fast ohne zu wissen,
daß ich's that, sagte ich:
, Unserer ist anders!'
Die Gnädige fragte, was ich damit meine.
,Ich mein', unser Zaun ist anders!-
,Nun, so fange an und zeichne Euren Zaun,
wenn Du es kannst!''
Und ich fing dann an und wußte mich bald vor
Vergnüügen nicht zu lassen. Der feine Stift glitschte-
auf dein Papier wie von selber vorwärts, und ich hatte
unsere Zäune uud den Stall und das Schloß und
Alles, was mir unter die Augen kam, auf meine Weise
so oft nachgemacht, daß ich mit meinem Zaune

sehr bald fertig war. Weil er mir aber auf dem
schönen Papier weit besser gesiel, als auf den alten
Fezen, auf welchen ich meine Künste sonst zu üben
gewohnt war, wollte ich gern noch etwas Anderes
probiren, ehe man mir vielleicht den saubern Bogen
wieder fortnahm; und so zeichnete ich noch unsere Katze
hin und ein paar Kaninchen, von denen sich immer
einige in der Ecke am Zaune herumzutreiben pflegten.
Ein Meisterwerk war das natürlich nicht, aber zu
erkennen war es wohl, und ein gewisser naturwahrer
g gab sich darin kund. Das habe ich selber ge-
sehen, als mir das Blatt viele Jahre später einmal
wieder vor die Augen gekommen ist; indeß meine Frau
Pathe zeigte sich von meiner Leistung höchlich über-
rascht.
,Das ist erstaunlich!' rief sie,
Machwerk der Gouvernante hinhielt.
ein ganz entschiedenes Talent! --
schiedenes Talent!'
indem sie mein
,Der Junge ist
ein ganz ent-
Auch die Gouvernante stinmte darin bei und
wiederholte den Ausruf der Herrin mit dem Zusatz:
ein solches Talent dürfe man, wie sie glaube, nicht
untergehen lassen.
Sie fragten mich darauf noch einmal, ob ich denn

e1
irgend einen Zeichenunterricht genossen hätte, was ich
mit gutem Gewissen verneinen konnte. Ob ich auch
Menschen zeichnen könne. Das hatte ich noch nie
probirt. Ob ich überhaupt geschickte Hände hätte. -
Was sie damit meinten, verstand ich ebensowenig, als
was ihr Ausruf, daß ich ein großes Talent sei, zu
bedeuten habe Das viele Fragen war mir unan-
genehm und ich freute mich, als die Kleine, die,in-
zwischen sich meines Blattes bemächtigt hatte, einen
Hund und den Pfauhahn und ein Schaf und ein
Pferd von mir gezeichnet haben wollte.
Ich machte das, wie ich es hundertmal gemacht,
so gut ich konnte, und sie klatschte wieder vor Ver-
gnügen in die Händchen, als der General dazu kam.
,Der Tölpel kann Kaninchen machen und den -
Sultan und den großen Pfau!, rief sie ihm entgegen,
während die Mutter französisch zu ihm sprach.
Er nahm meine Zeichnuung stillschweigend in die
Hand, betrachtete sie ernsthaft, gah sie dann der
Kleinen wieder, die darnach verlangte, und hieß mich
gehen, was mir sehr willkommen war. Ich hatte vor
dem ernsten Gesichte des Generals eine große Scheu.
Nur von dem Bleistift mich zu trennen und von dem
Papier, das fiel mir schwer. Und als errathe sie mein

heimliches Begehren, schenkte die Gnädige mir den
Stift und noch ein paar Blätter des herrlichen Papiers
dazu.
Zu Hause sollte ich erzählen, was geschehen sei,
ich brachte jedoch nichts Rechtes vgr, obschon ich das
Bewußtsein hatte, daß man mit mir zufrieden gewesen
war. Mein Vater war ärgerlich. Gr schalt mich
einen Dummkopf, der nie im Stande sein werde,
auch nur einen Auftrag gehörig auszurichten, und die
Mutter schloß das Papier in ihren Kasten, damit ich
es mit meinen Kritzeleien nicht verderbe. Ich wurde
zum Gäten an die Arbeit hinausgeschickt, und wieder
war ich sehr zufrieden, daß man mich nicht weiter
fragte und mich gehen ließ, denn in meinem Kopfe
- wirbelte Alles durcheinander: der Bleistift und das
Papier, die gestrigen Auslassungen des Bedienten, die
Erzählung von des Doktor Müllers niederer Herkunft,
und das Lob, das meinem Zeichnen heut gespendet
worden war. Ich hatte bei meiner Arbeit keine Ruhe
mehr.
Ich wollte,. ich wußte selbst nicht was. Und
doch! ja, ich wußte es! - Ich wollte nicht mehr
gäten, nicht mehr den Stall rein machen und die
Schweine, die Ziegen und die Kaninchen füttern.

Fortlaufen wollte ich! In die Stadt wollte ich, in
der ich noch nie gewesen war. Den Maler wollte ich
suchen, der hier gearbeitet hatte, und ihn fragen, wie
man Menschen malen lerne. Fortlaufen wollt' ich wie
der Hans im Märchen, der auch der jüngste Sohn
gewesen, der immer als der Dumme und der Nichtsnutz
ausgescholten worden war, und der zuletzt bis in des
Königs Schloß gekommen war, wo ihm der König
seine einzige Prinzeß zur Frau gegeben hatte. --
Nur eingesegnet mußte ich erst sein! Ohne die Ein-
segnung ging es einmal nicht!

Kapitel 06

,echsles ,Kapilel.
Sie Alle, die Sie unter gebildeten Menschen
herangewachsen sind und von früh auf einen guten
Schulunterricht genossen haben, Sie Alle, welche in
den Städten, wenn die Wärterin Sie noch auf ihren
Armen durch die Straßen trägt, schon eine Fülle von
Begriffen und Anschauungen gewinnen, welche täglich
wachsend Ihnen einen großen Theil des eigentlichen
Lernens sparen, oder doch sehr wesentlich erleichtern,
Sie können es sich kaum vorstellen, wie es in dem
Kopfe eines armen Juungen aussieht, der gar Nichts
von dem Leben zu sehen bekommt, als was unter
seinen Augen in dem Dorfe vorgeht; der gar Nichts
von der Welt erfährt, als was er von den Eltern und
den anderen Leuten, die auch nicht sonderlich viel von

e1I
ihr wissen, gelegentlich hat sagen hören. Denken Sie
sich einen solchen Juungen mit regsamem Geiste, mit
einer lebendigen Einbildungskraft begabt, die sich doch
beide an etwas halten und anknüpfen wollen, und Sie
werden es natürlich finden, daß seine Vorstellungen
schließlich an der Bibel oder an einem der wenigen
Märchen hängen bleiben, welche die Mutter oder
irgend eine alte Muhme zu erzählen verstanden haben,
wenn sie sich überhaupt einmal die Zeit nehmen
konnten, etwas so Neberflüssiges zu thun.
Eingesegnet werden und Menschen zeichnen, das
wollte ich! Das Erstere mußte ruhig abgewartet
werden. Als ich aber über das Andere nachzudenken
anfing und mich wunderte, weshalb ich es noch nie
versucht hatte, fiel mir ein, daß ja auch unser lieber
Herrgott sich erst zuletzt an die Menschen gewagt habe,
und daß es wohl das Allerschwerste sein müsse, weil
die Gnädige mich besonders gefragt hatte, ob ich das
auch könne.
Nun wollte
nicht anzufangen.
ich es probiren - und wußte es
Ich hatte, wenn ich so sagen darf,
bisher all' meine Nachmacherei ganz abfichts- und
gedankenlos betrieben. Ich hatte die Gegenstände an-
. Fanny Lewald. Helmar.
B

gesehen, auswendig
denken, nachgemacht.
nicht im Einzelnen.
behalten und, ohne daran zu
Ich kannte sie im großen Ganzen,
Der Hund war mir der Hund,
der Wagen der Wagen gewesen, und in meiner Zeich-
nerei = oder besser in meiner Nachmacherei - waren
sie denn auch in ihrer Wesenheit gut genuug zum Vor-
schein gekommen. Ich wußte also, wie ein Mensch
aussieht, und wußte es auch nicht. Denn nun ich zu
überlegen anfing, wie man Menschen zeichnen könne,
und meinen Vater und die Mutter darauf als die
nächst erreichbaren Gestalten zu betrachten anfing, da
fielen mir die Augen und die Ohren und Nase und
Mund und Arme und Beine und Hände und Füße
zum ersten Male als Einzelheiten auf, und zwar mit
solcher Deutlichkeit als Einzelheiten, daß mir das
Ganze darüber verloren ging. Wenn ich an Vater
und Mutter dachte, während sie fern von mir waren,
wußte ich zwwar, wie ungefähr ihre Nase und ihr Ohr
gestaltet war, aber ich konnte mich auf sie selber nicht
besinnen; und sie mir recht darauf anzusehen, wenn sie
da waren, traute ich mir nicht, weil sie mich, als ich
dem Einen und der Andern einmal fest in das Gesicht
geblickt, gefragt hatten, was ich wolle und was das
dumne Anstieren bedeuten solle? Darauf hatte ich

mir nicht getraut, etwas zu erwidern. Aber von da
ab war ich auf die Menschen so achtsam geworden
wie auf die leblosen Gegenstände oder auf die Thiere
um mich her, und als ob ich zu diesen lezteren ge-
hörte, schüchterte mich der Blick der Menschen ein,
wenn ich sie mit der Absicht betrachtete, mir ihr Gesicht
zu merken. Wie eine Katze vor dem Milchtopf, oder
wie ich selber, wenn ich es auf fremde Fohannisbeer-
sträuche abgesehen hatte, lag ich nun vor den Menschen
von ferne auf der Lauer, bis der rechte Augenblick ge-
kommen war; und namentlich war es mein Vater, dem
ich immer wieder beizukommen suchte, ohne daß er's
merkte.
So lernte ich sein Gesicht denn auch auswendig.
ede Falte und jeden Zug hatte ich im Kopfe, und
wie er dann an einem Abend einmal dasaß, in die
Zeitung vertieft, die er sich aus dem Schlosse mit-
gebracht hatte, so daß er mich nicht ansah, denn
unter seinen Augen hätte ich es nicht zuwege gebracht,
da zeichnete ich zum ersten Male sein ehrliches Gesicht,
das ich nachher auf so manchem meiner Bilder an-
gebracht habe, wenn es mir um einen recht tüchtigen
Kopf zu thun gewesen ist.
Fr

Es war Essenszeik, die Brüder kamen von der
Arbeit. Sie waren gewohnt, mich mit dem Stück
Papier am Tische sizen zu sehen und gaben nicht auf
mich Acht. Die Mutter kam mit der Suppenschüssel
herein; und wie sie das Tischtuch auflegen wollte, das
bei uns nicht fehlen durfte, weil die Eltern in ihrem
Sinne doch viel was Anderes waren als die Inst-
leute und Bauern, so schob sie mich und meine Zeich-
nung mit einem kurz hingeworfenen: ,Geh weg!?
vom Tische fort.
In dem Augenblick aber sah sie auf das Blatt
und wie im Schrecken rief sie:
, Herr Gott! Der Vater!-- der ganze Vater!?
wiederholte sie, der Backenbart und Alles!'
,Was ist denn da? fragte der Vater ärgerlich,
indem er der Mutter das Blatt aus der Hand nahm;
denn wenn er sich einmal auf das Lesen verlegte, was
selten genug geschah, wollte er nicht gestört sein.
Er sah die Zeichnuung an, legte sie kopfschüttelnd
zusammen und steckte sie ein. Viel Reden war nicht
seine Sache, und diesmal war ich froh, daß er Nichts
sagte. Nur als wir gegessen hatten und er aufstand,
um wieder in das Schloß zu gehen, sagte er:
,Daß Du Dir's nicht unterstehst, Dich an den

Herrschaften oder an sonst wem zu vergreifen!
Nebrigen mögen sie, wenn Du erst eingesegnet
wirst, mit Dir machen, was sie wollen!'
Im
sein
Eingesegnet werden und dann in die Stadt zum
Maler! Dann fing, wie ich mir dachte, das rechte
Leben an, und so etwas wie die ewige Seligkeit. -
In Waldritten wird die Einsegnung der Kinder
immer vor dem Beginn der Roggenernte angesetzt, da-
mit nachher Alt und Jung ohne Unterbrechung bei der
Arbeit bleibt; und als ob ich ihn gestern erlebt hätte,
so deutlich erinnere ich mich des Morgens, an welchem
ich mit den Eltern und den Brüdern an meinem Ein-
segnngstage in die Kirche ging
Der Vater hatte die Sonntagslivree an, die Mutter
das schwarze Bombassinkleid und das große schwarz-
seidene Kopftuch, mit dem sie sehr vornehm aussah,
wenn sie es gehörig aufgethürmt und in die rechte große
Schleife gebunden hatte. Ich war inzwischen in
meinen Anzug schon hineingewachsen und ich dachte
den Tag nicht viel daran, denn mir war sehr feierlich
zu Muthe.
Es war ein heißer, heller Morgen. Das Korn
stand dicht und mehr als mannshoch im Stroh. Es
war ein frühes und fruchtbares Jahr. Die goldbraunen

Aehren, nickten über unseren Köpfen, als wir durch die
engen Raine gingen. Neberall sahen die blauen Korn-
blumen und der rothe Mohn zwwischen dem Stroh her-
vor, und wo man hintrat, trat man auf weiße
Kamillen und auf Tuendel, so daß ihr warmer Duft
üherall hervorquoll. Lerchen stiegen auf und schmetterten
hoch oben in der Luft, und dazwischen klapperten die
Störche von den Nestern.
Von allen Seiten gingen die Leute nach der Kirche.
Jede Familie still für sich allein. Aber über Allen
schien die gleiche Sonne, Alle hörten das gleiche Läuten
von der Kirche und folgten seinem Klange.
Einmal, wie wir mitten in den Feldern waren,
sagte der Vater: ,Damit ist's auch nichts in der
Stadt! Da wächst nicht Gras, nicht Korn!?-- Und
wie wir uns schon nahe an der Kirche befanden, sagte
die Mutter: ,Das ist nun der Lezte!?' -- Sie meinte,
der letzte Sohn, der einzusegnen sei, und Beides fiel
mir auf das Herz.
Die Kirche? Ja! wie soll man Einem, der ihn
nie empfunden hat, den himmlischen Frieden beschreiben,
der über einem solchen schlichten Gotteshause auf
dem Lande liegt? Wie kann man ihm das Sonnen-
licht schildern, das an den weißen Wänden in

goldenen Wellen spielend niederfließt, wenn unter der
niederen Wölbung der Orgelton mächtig in die Seelen
dringt, und die Lieder, die guteit alten protestantischen
Lieder, von den rauhen Kehlen in angestammter, zweifel-
loser Gewohnheit ernsthaft abgesungen werden? Oder
wem kann man genugthun mit einer Beschreibung,
der das eigen erlebte Erinnern an diesen Frieden in
sich trägt?
Das ganze Jahr lang hatte ich an die Einsegnuung
gedacht, aber es war Alles noch ganz anders, als ich
es mir vorgestellt hatte. Die Herrschaften in dem
abgeschlossenen Sitz mit den Glasfenstern, die Guts-
besizer aus der Nachbarschaft, von denen auch die
Kinder mit uns vor dem Altar standen, sahen vvr-
nehmer aus als sonst. Der Herr Pfarrer predigte
heute nicht von der Kanzel für Alle, sondern vom
Altar für uns Kinder. Er sagte, wir wären von nun
ab keine Kinder mehr, sondern müßten wissen, was
Recht und Unrecht sei; wir müßten einstehen für uns
selber zu unserem Frommen, zu unserer Eltern Freude,
zu der anderen Menschen Nutzen und zu Gottes Ehren,
wo es ihm gefallen würde, uns unseren Platz anzu-
weisen in der Welt, die er geschaffen und in die er

uns hineingesetzt hätte. Das war Alles ganz besonders;
ernster, freundlicher, eindringlicher als je.
Ich hörte ihm mit großer Andacht zu, hegte aber
doch meine besonderen Gedanken dabei. Es gefiel mir
gut, daß ich, da nichts geschehen konnte ohne Gottes
ausdrücklichen Rathschluß, also nach Gottes Willen in
die Stadt zum Maler kommen würde; indeß, es
wollte mir weniger in den Sinn, daß ich dort für mich
allein einstehen und verantwortlich für Alles sein sollte.
Ich fing an, mich vor der Fremde zu fürchten, und
eine mir bis dahin fremde Liebe füür das Dorf, für
die Eltern und für den Herrn Pfarrer zu empfinden.
Und wie ich die Eltern und den Herrn Pfarrer und
darnach die Herrschaften Einen nach dem Andern an-
sah und dachte, daß ich weit fort kommen und vielleicht
niemals wiederkehren würde, wenn unser Herrgott mir
meinen Platz in der Welt wo anders angewiesen hätte,
mußte ich weinen. Es waren die ersten Thränen,
welche ich aus innerer Rührung weinte. Das Vor-
gefühl der Sehnsucht und der Einsankeit brachte sie
mir in die Augen, aber ich schämte mich ihrer, denn
die anderen Jungen weinten nicht.
Die Predigt war nuun zu Ende. Wir traten
Einer um den Andern zu dem Altar, um mit dem

Segen unseren Spruch auf den Lebensweg zu erhalten.
Die Klänge der Orgel und das Sonnenlicht schwebten
immer noch über unseren Hänptern, und die Hand
des Pfarrers ruhte auf meinem Kopfe, als er mit
ernster Milde mir die Worte Hiob's zur Erinnerung
an den Tag, und zur Mahnung in der Stunde der
Versuchung, an das Herz legte: , Bis daß mein Ende
kommt, will ich nicht weichen von meiner Frömmig-
keit!?-- Und als prägte die sanfte Hand, die ich
auf meinem Haupte fühlte, sie mir mit unvertilgbarem
Stempel in die Seele, so sind die Worte mir lebendig
geblieben für und für. Sie haben nicht gehindert,
daß ich strauchelte, sie haben mich nicht vor manchem
thörichten Suchen und Irren behütet; aber wenn ich
einmal in Gefahr war, ganz abzukommen von dem
rechten Wege, sind sie mir regelmäßig eingefallen, und
ich häbe stillgestanden, habe mich besonnen und mich-
zurechtgefunden; wenn auch nicht zu dem frommen
Glauben meiner Kindheit, doch zu mir selbst und zu
dem Rechten.
Am nächsten Sonntag gingen wir zum Abend-
mahl. Die Herrschaften nahmen, wie das im Dorf
die alte Sitte mit sich brachte, gleichfalls daran Theil.
Das war auch feierlich und schön, denn vor Gottes

Tisch waren wir Alle gleich; und wie die Herrschaften
mit uns nach dem Abendmahl auf dem Kirchhofe zu-
sammentrafen, gaben die Gnädige und der General
meinem Vater und meiner Mutter die Hand, und die
Gnädige sagte:
,Denkst Du wohl, Kaspar, wwie mein seliger
Bruder und ich hier bei der Einsegnung vor dem
Altar gestanden und meine seligen Eltern uns noch
besonders gesegnet haben, als wir dann von dem Altar
zu ihnen gekommen sind? Das Glück, das sie auf uns
herabgefleht, ist mir allein zu Theil geworden in
hohem, hohem Maß, nur daß sie's nicht mehr mit
mir theilen!
Sie trocknete sich die Augen, dem General zuckte
auch etwas wie Rührung durchs Gesicht.
,Helmar,'! sagte sie, ,Dn hast rechtschaffene
Eltern, schlag' nicht aus der Art und mache ihnen
Freude, denn der Eltern Segen baut den Kindern
Häuser!?
Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und mir
ist's, als hätte ich das Alles heute erst erlebt.
Von da ab kam ich alle Tage in das Schloß,
denn Doktor Müller und die Gouvernante hatten sich
aus eigenem Antrieb erboten, sich meiner anzunehmen.

Sie gaben mir abwechselnd täglich eine Stunde Unter-
richt. Ich zeichnete auch bisweilen bei der Gouvernante,
und da für den Junker ein Turnplatz eingerichtet worden
war, auf welchem der Doktor ihn im Turnen unter-
wies, wwährend er daneben iäglich unter den Augen
seines Vaters exerzierte, so verfiel der Junker darauf,
dasjenige, was er lernte, auch wieder zu lehren. Der
General ließ es deshalb geschehen, daß er- die Knaben
vom Hofe, des Inspektors, des Brenners, des Schäfers
Söhne und mich mit eingerechnet, so oft es ihm gefiel,
zum Turnen und Exerzieren zusammenrief. Anfangs
war das eben nur eine Spielerei gewesen, bei welcher
der Junker mit seinem Czakot, seinem Degen, seiner
Flinte und Patrontasche uns natürlich wie ein Prinz
erschienen war, und wir hatten uns sein Kommandiren
gern gefallen lassen, einmal weil wir es nicht wagen
durften, ihm nicht zu gehorchen, und dann weil er die
Trommel, die Trompete und die Fahne zu verleihen
hatte. Da aber der General überall einzugreifen liebte
und immer etwas Neues zu befehlen und zu diszipli-
niren haben wollte, so wurden allmälig alle Jungen
aus dem Dorfe unter die Fahne gestellt, und für den
Mittwoch und Sonntag Abend eine Exexzierstunde ein-
gerichtet, bei welcher der Junker, der uns Allen in

?
diesen kriegerischen Künsten zehnfach voraus war, den
Offizier machte, während dem Bedienten August, sehr
zu seinem Mißvergnügen, die Aufgabe zufiel, uns
Andere soweit möglich abzurichten. Wir exerzirten,
marschirten, mit Stöcken bewaffnet, standen Schildwache,
und der General unterließ es fast niemals, zufällig zu
erscheinen, wenn wir unsere Dressur erhielten.
Eines Sonntags, als ich einmal unter den alten
Weiden Schildwace stand, kam der General auch wieder
auf die Wiese hinab, ynd zwar mit einem Herrn, der
zum Besuch im Schlosse war. Des Schattens wegen
blieben sie ganz in meiner Nähe stehen, so daß ich sie
sprechen hören konnte.
,Man sollte das Eperzieren,! sagte der General,
, für die Jungen auf allen Gütern neben dem Schul-
unterricht einführen. Unser Volk hier zu Lande ist
tölpisch und ungeschickt. Die Leute find wie die
Vierfüßler, wie die Bären, wenn man sie in die Re-
gimenter bekommt. Drillt man sie vorher im Dorfe,
so hat der Unteroffizier nachher es leichter. Die
Hauptsache aber ist, daß man da, wo Söhne in den
Herrenhäusern und Schlössern sind, durch diese Art
von Spielen das natürliche Verhältniß zwischen ihnen
und den Anderen gleich von früh auf feststellt. Unsere

?
Kinder üben sich in Befehlen, die Anderen im Ge-
horchen. Und sehen Sie, wie das Alles sich vererbt.
Mein Clamor ist der geborene Kommandeur! Der
Junge hier'! -- er wies mit dem Kopfe nach mir
hin --- ,gehört einem alten Diener unseres Hauses,
hat Appell und parirt wie ein Jagdhund. Er würde
mit der Zeit einen guten Unteroffizier abgeben, denn
das Pariren liegt ihm schon im Blute; aber--
Glamor!! rief er, sich plötzlich unterbrechend, ,siehst
Du denn nicht, wie der Junge neben Dir die linke
Seite nachschleppt, als wäre ihn ein Rad über den
Leib gegangen!''
S
Der Funker ließ sich das nicht vergebens gesagt
sein. Er fuhr mit seinem Säbel dem Jungen über
den Rücken, daß dieser zusammenzuckte nnd, da er doch
nichts sagen durfte, ihn wüthend ansah, wofür er noch
einen Schlag erhielt.
Sie marschirten indeß weiter. Der General mit
seinem Begleiter war fortgegangen, ich hatte, wie
es sich gebührte, salutirt; aber in meinem Innern
hörte ich noch immer, daß ich Appell hätte wie ein
Jagdhund und zum Pariren geboren sei.
Ich wußte recht gut, was das bedeutete, denn
mein Vater führte das Wort beständig selbst im Munde.

Pariren hatte ich müssen, so lang ich lebte, und ic
hatte auch nichts dawider gehabt. An dem Tage
jedoch fuhr es mir durch die Glieder wie ein Hieb,
und obschon oder weil es uns verboten war, beim
Schildwachestehen einen Laut zu sprechen, sagte ich
zu mir selber: ,Ich will schon zeigen, daß ich kein
Hund bin und noch etwas Anderes machen kann, als
bloß pariren Dabei hatte ich einen Ingrimm gegen
den Junker wie noch nie zuvor. Ich hätte gern ge-
habt, daß er mir in dem Augenblick etwas befohlen-
hätte, nur um es nicht zu thun. Ich wollte nicht
pariren, hm am wenigsten! Der Hochmuth lag ihm
immer auf der Stirn und der Spott auf den Lippen.
,Geht in den Kopf auch etwas hinein? fragte
er einmal ein paar Tage später, als er mich zur Stunde
bei seinem Lehrer fand.
,Mehr als in Deinen und rascher als in Deinen!'?
entgegnete ihm der Doktor.
Ich hätte ihm die Hände dafür küssen mögen, und
zum ersten Male nahm ich mir's heraus, dem
höhnischen Lachen des Junkers mit festem Blicke zu
begegnen.
,Willst Du etwas? fuhr er mich an, indem er
dicht an mich herantrat.

7?
Ich war größer und stärker äls er, trotzdem sah
ich fort und schwieg. Der General hatte Recht ge-
habt, es war mir angeboren, anerzogen: ich parirte.
Aber der Schlag, den ich ihm nicht geben konnte, fiel
mir auf das Herz, daß ich die Zähne zusammenbeißen
mußte. Ich dachte nicht: ,Wär' ich Deinesgleichen!r
-- so hoch verstieg ich mich nicht. Ich wünschte, daß
er Meinesgleichen wäre und ich mit ihm allein, damit
auch er einmal erführe, was pariren sei. Und es hat
lange, lange Jahre gebraucht, ehe ich die Unbill ver-
schmerzt, die ich als Kind von ihm erfahren, ehe er
einsehen gelernt, daß er sie mir zugefügt. ed P Veide
Herr geworden über das, was Jedem von uns im
Blute lag, und was die Erziehung uns frühzeitig noch
fester und bestimmter eingeprägt hatte.
wwwew owoewwwöewegwwu=ewnegpogggpegwpagpgg

Kapitel 07

,iebenles ,Fapiles
Elamor hatte zum ersten Oktober in das Kadetten-
haus einzutreten. Der Doktor sollte ihn dorthin
=e ?
bringen, und bis Königsberg, wohin mit eigenem
Gefährt gefahren wurde, sollte ich mitgenommen werden,
um dort bei dem Maler, der im Schlosse gearbeitet
hatte, verabredetermaßen in die Lehre gethan zu werden.
Es war nebelig und kalt an dem Morgen, als
der Wagen auf die Rampe des Schlosses vorfuhr.
Die Eltern und ich standen wartend vor der Thüre.
Ich hatte meine Einsegnungskleider an, meine Papiere
hatte die Mutter mir fest in die Brusttasche eingenäht,
mein bischen Habseligkeit der Vater selber in das alte
Ränzel zusammengepackt und auf dem Kutscherbock
untergebracht, auf dem ich neben dem Kutscher sitzen

sollte. Es dauerte lange, bis die Herrschaften ihr
Frühstück eingenommen hatten, und die Luft ging scharf.
Eundlich kamen sie Alle vor das Haus, auch die Gou-
vernante mit der Kleinen, der sie ein großes dunkles
Tuch um den Kopf gebunden hatten, aus dem sie neu-
gierig hervorsah.
Der gnädigen Frau, die den Sohn nun zum ersten
Male und für lange von sich lassen sollte, ging das
nahe. Sie küßte ihn einmal um's andere. Der
General gab ihm die Hand.
,Vergiß nicht, was Du Dir und unserem Namen
schuldig bist! sagte er.
Was damit gemeint war, verstand ich nicht. Ich
merkte jedoch, daß er den Sohn anders behandelte
als sonst, und auch Clamor war ernsthafter, als ich
ihn je gesehen hatte.
In dem Augenblicke, da er in den Wagen steigen
sollte, drehte er noch einmal um, warf sich dem Vater,
der Mutter in die Arme, sie küßten sich Alle unter
einander. Er hob die Kleine auf, sie reichte ihm ihr
Mäülchen, lief dann auch zu dem Doktor, und da sie
nun einmal in den Zug gekommen war, streckte sie auch
mir die Arme entgegen und rief: -
Ranny Lewald. Helmar.

8
,Adieu Helmar! Komm' bald wieder! Hörst Du?
Ich wußte, daß sich's nicht gehörte, aber ich konnte
mir nicht helfen. Ich hob sie auf, sie schlang die Arme
um meinen Hals und ich küßte sie von Herzen. Mein
Vater, die Gouvernante riefen mich tadelnd an, ich
setzte sie schnell auf den Boden.
Die Herrschaften sprachen mit dem Sohne noch
Allerlei durcheinander, ich hörte nichts, als daß mir,
zugerufen wurde, aufzusteigen. Der Kutscher knallte
mit der Peitsche, ich saß neben ihm, wir fuhren zum
Thor hinaus, die Allee hinunter, zwwischen den Stoppel-
feldern hjn.-- Fort waren wir!- Fort. vom Hofe,
auch schon fort vom Dorfe!
So waren die Rappen noch niemals gelaufen, so
rasch war kein Wagen je gefahren.
Es war noc Alles grün. Die rothen Beeren
der Ebereschen hingen an den Bäumen, über dem
Tannenbusch schimmerte die Sonne durch den Nebel
hindurch. Bei dem Wetter mußten sich die Krammets-
vögel in den Sprenkeln gut gefangen haben. Es ver-
droß mich, daß ich in dem Morgendämmern nicht mehr
hingegangen war, sie auszunehmen. Ich hatte es
vergessen. Ich hatte überhaupt Alles vergessen. Auch
den Herrschaften hatte ich nicht, wie der Vater mir

befohlen, für die genossenen Wohlthaten gedankt, und
selbst den Eltern nicht Adieu gesagt, wie sich's ge-
bührte. Es war Alles so rasch, so kopfüber gegangen,
weil die Kleine auch zu mir gekommen war.
Gewünscht hatte ich mir das immer. Ich hatte
immer Lust gehabt, sie einmal auf den Arm zu nehmen
und zu küssen. Aber nun ich es gethan, war ich doch
froh, daß ich nun fort war nnd Niemandem mehr unter
die Augen zu kommen braucte.
Zwei Stunden hinter unserem Dorfe fing die
Fremde für mich an, denn weiter war ich nie ge-
kommen. In dem Kruge, in welchem wirMittag
machten, fanden wir fünf von unseren Wagen und den
einen Wirthschafter. Sie hatten Roggen nach der
Stadt gebracht uud waren auf dem Rückwege. Der
Junker gab ihnen einen Zettel nach Hause mit. Ich
stand unter dem Thore und sah zu, wie die Wagen
heimwärts fuhren. Der Gottlieb mit den Schimmeln
war der Letzte.
,In vier Stunden ist Der auf dem Hofe und die
Schimmel sind im Stalle!? dachte ich. Wie es da
aussah, das wußte ich. Wo ich hinkommen und wie's
da aussehen würde, das wußte ich nicht; und es schoß

84
mir durch den Kopf: der Gottlieb und die Schimmel
hätten's gut-
,Grüß' zu Haus! rief ich ihm nach und blieb
stehen, bis sie hinter der Hecke ganz verschwunden
waren.
Am Tage war es hell und klar geworden und ich
kam aus dem Sehen und Erstaunen nict heraus; als
wir dann spät am Nachmittage die Stadt erreichten,
ging erst das rechte Verwundern für mich an.
Der Junker stieg mit seinem Lehrer bei der Groß-
tante ab. Mic sollte der Kutscher, wenn er in dem
Gasthofe ausgespannt haben würde, in dem die Wal-
dritter Fuhren immer eingestellt wurden, zu meinem
Meister führen. Das Ausspannen und Füttern und
einen Schnaps trinken nahm aber bei ihm viel Zeit
hin, wenn er Zeit hatte und wie hier Bekannte von
den andern Gütern traf; und es war schon ganz finster,
als er sich endlich ärgerlich dazu entschloß, mich fort-
zubringen.
Der Meister wohnte weit ab vom Thore, mitten
in der Stadt. Die Häuser, die Straßen, das alte
Schloß, an dem wir vorüberkanen, das sah uir in der
Dunkelheit bei dem Flimmern der spärlich angebrachten
Straßenlaternen Alles so groß aus, wie später die

römischen und ägyptischen Bauwerke mir kaum er-
schienen sind. Mit der Freude, in der Stadt zu sein,
war's an dem Abende nicht weit her. Ich dachte
immer an den Gottlieb und an die Schimmel.
Der Meister hatte in einer engen Straße sein
eigenes Haus. Es war nur zwei Fenster breit, aber
hoch. Zu ebener Erde lag nach hinten eine geräumige
Stube, die in den finstern Hof hinaussah. Sie hatte
nach dem Hausflur eine Glasthüre, durch deren Vor-
hänge das Licht hindurchschimmerte. Der Kutscher, der
mit Bestellungen schon oftmals dort gewesen war, ging
geradenweges auf die Stube zu. Der Meister saß bei
einem Kruge Bier am Tische. Er hatte schwarzes,
graugemischtes Haar, das ihm aber auf der Stirne
wie ein Schopf in die Höhe stand, scharfe Augen und
eine kleine, so stark gebogene Nase, daß er wie der
Habicht an unserem Scheunenthor aussah. Als wir
eintraten, legte er die Zeitung aus der Hand.
,Da bring' ich den Jungen!' sagte der Kutscher.
,Der Herr Doktor meinte, Sie wüßten schon. Morgen
käm' er selber.
,Was für ein Doktor?' fragte der Meister.
,Der von unserem Junker!'' bedeutete der Kutscher
und machte sich mit einem kurzen , Adjes!'' davon.

Er war niemals viel von Worten, wenn's nicht
um seine Pferde war.
Ich blieb an der Thüre stehen. Der Meister fragte,
wie ich heiße, wie ich mit dem Lesen und Schreiben
dran sei. Ich gab Bescheid und packte mein Schreib-
heft aus dem Tuche aus. Er wollte wissen, bei wem
ich die Frakturschrift gelernt hätte. Ich nannte den
Küster, den Herrn Doktor von dem Junker und die
Gouvernante vom Schloß.
,Die Schlösser und die Funker und die Gou-
vernanten, die schlag' Dir aus dem Sinn!' rief da mit
einem Male die Meisterin herüber, die an dem andern
Tische, an welchem ein hübsches blondes Mädchen ftrickte,
Wäsche zusammenlegte. , Hier gouvernire ich!-- Was
Du morgen früh zu thun hast, das werden Dir der
Lehrjunge und die Christel expliziren. Sie wird Dir
was zu essen geben. Bis acht Ühr kannst Du draußen
bleiben.'?
,Ja fiel ihr der Meister in das Wort, ,geh'
zur Christel in die Küche, sie soll Dich in die Kammer
bringen.!
Ich that wie man mir geheißen, und that es
eigentlich wie im Schlaf und Traum, weil Alles mir
so neu war. Die Magd ging mit mir vier enge Treppen

in die Höhe nach dem Boden. Da standen in der
Kammer drei Betten, von denen das eine mir bestimmt
war. Jetzt war von den anderen Burschen keiner oben.
Sie waren draußen, wie die Christel mir mit dem
Zusatze bemerkte, der Wilhelm würde froh sein, daß ich
gekommen sei, denn nun würde ich ihr Handlanger und
nun würd' er frei. Wenn ich aber thäte, was sie mir
sagte, so solle es nicht mein Schaden sein. Eine
Hand wasche die andere, groß und stark sei ich ja,
die großen Eimer würden mir nicht zu schwer sein.
Ich sähe ihr so aus, als wäre ich still für mich, und
wenn ich die Kanonen von den Studenten nur blitz-
blank putzte, fiele immer etwas für mich ab. -- Sie
war ein ansehnliches Frauenzimmer mit blanken schwarzen
Augen und mit weißen Zähnen, die sie beim Lachen
zeigte, und sie lachte bei jedem Worte, das sie sprach.
Aus einem der unteren Stockwerke rief eine Männer-
stimme ihren Namen. Sie flog die Treppe hinab. Es
sei der eine Studiosus, sagte sie. Ich solle meine
Sgchen rasch an Ort und Stelle bringen und dann
zu ihr hinunter kommen.
Ich machte es, wie sie befohlen hatte, zog die
Arbeitsjacke an, bekam mein Butterbrot in der Küche,
und setzte mich damit draußen auf der Treppe vor der

Thüre nieder. Weshalb ich da sitzen mußte und was
ich da sollte, das sah ich nicht ein.
Bei der spärlichen Straßenerleuchtung war es
gerade nur hell genug, mich die Fremdartigkeit meiner
Umgebung empfinden zu machen. Kein Strauch, kein
Baum, kaum ein Stück vom Himmel zu sehen!
Nichts als hohe Häuser, eines dicht neben dem andern,
und viele Fenster, aus denen Licht hervorschien, ohne
daß ich wußte, wer dahinter wohnte. Hungrig war
ich, aber das Brot, obschon es gut war, wollte mir
nicht wie sonst hinunter. Ich hörte in der Nähe
lachen, in der Ferne pfiffen Jungen. Es gingen auch
Leute vorbei, aber ich kannte sie nicht. Auf dem
Hofe und im Dorfe hatte ich jeden Menschen und
jedes Thier gekannt und Jeder hatte mich gekannt
Hier wußte ich nicht aus nicht ein; und die großen
Wassereimer, die blitzenden Kanonen der Studiosen,
die Worte der Frau Meisterin, die Redensarten der
Magd, das strickende Mädchen, das zwwölf Jahre alt
sein konnte, und der kluge Habichtskopf des Meisters,
der sich vor dem Gouverniren der Meisterin bescheident-
lich geduckt hatte, gingen mir bunt und wirr im
Sinn herum.

89
,Jetzt bin ich in der Lehre!- sagte ich mir, um
mir ein Herz zu machen. ,Jezt bin ich ein Maler!
Indeß an dem Abend empfand ich kein sonder-
liches Vergnügen über diese Erfüllung meiner Wünsche.
Der Gottlieb und die Schimmel hatten's besser.
-

Kapitel 08

chles Fapilel.


Hier brach die Erzählung plözlich al und es
folgte eine Reihe von Karrikaturen, wie man sie in
den Blättern der illustrirten Zeitungen anzutreffen
pflegte. Helmar war der alleinige Held derselben.
Er hatte in ihnen seiner heitern Laune den freien
Zg gelassen.
Es war Helmar, der unter dem Scepter der
Meisterin jede Art von Hausknechtsdienst verrichtete,
der das Zusehen hatte, wenn die blanke Christel mit
den Studenten liebelte. Helmar, der die Farbentöpfe
zur Erde fallen ließ, weil er an das Schloß gedachte
und an Die, die es bewohnten. Helmar, der von
der Leiter niederstürzte, weil ihm in unbestimmten
Umrissen die Bilder vor den Augen schwebten, die er

1
bei seinen Wegen durch die Straßen in sich aufge-
nommen hatte. Dann wieder Helmar in der städtischen
Kunstschule Sonntags vor seinem Reißbrett sizend,
lächerlich aufgeputzt mit der Studenten alten Kleidern.
So ging es ergötzlich durch eine Reihe von
Blättern fort. Die Erlebnisse auf seiner ersten Wander-
schaft, alle jene kleinen Vorgänge, welche sich gleich
zu bleiben pflegen in den meisten'Anfängen des Hand- -'
werker- und Wanderlebens, hatte er meisterhaft skizzirt,
bis eine hübsche Arabeske den Schluß machte, aus
deren viel verschlungenem Geranke eine Jünglings-
gestalt emporstieg, die Arme sehnsüchtig einem Genius
entgegengebreitet, der, sich zu ihm niederneigend, mit
einem vollen Kranze ihm Pinsel und Palette. reichte.
Es war noch einmal Helmar, um einige Jahre
jünger, als wir ihn seinerzeit in Rom in seiner frischen
Schönheit kennen gelernt hatten.
z-

-

Ich habe mich lange bei den Tagen meiner ersten
Jugend aufgehalten, hub darauf die Erzählung wieder
an, aber wer von uns liebt nicht seine Jugend, oder
wer kann es leugnen, daß die ersten Eindrücke unseres
Lebens und der erste Zusammenstoß, den wir mit der

Welt erfahren, uns das Gepräge geben und für die
Bildung unseres Charakters oft von entscheidendem
Einfluß find? Daß ich ein Tölpel geheißen wurde und
vornep gebudeen Venschen in Verüheung ra, =e I
mich als solchen empfand, da ich zum ersten Male mit
erweckte in mir den festen Vorsaz, kein Tölpel zu
bleiben, und solch ein ehrgeiziger Vorsatz ist ein-
mächtiger Hebel, wenn er mit einer guten Naturan- -'
lage zusammentrifft.
Meine drei Lehrjahre gingen in Regelmäßigkeit
vorüber, und mein Fleiß bei dem Zeichenunterricht -
in der Kunstschule hatte mir in dem Direktor der- -
selben einen Freund und Beschützer erworben, der mich
in dem Gedanken ermuthigte, nicht bei der Stuben--
malerei zu bleiben, sondern zu sehen, ob ich es nicht
zu etwas Besserem bringen könnte. Das vierte Lehr-
jahr, mit dem man sich frei zu lernen. hatte, ward
mir erlassen, weil die gnädige Frau ein kleines Kost-
geld für mich bezahlt. Bei der vierteljährlichen
Quittung über dasselbe hatte mein Meister immer über -
mein Verhalten Bericht erstatten müssen, und als das
vorlezte Quartal herangekommen war, hatte er ein
Schreiben des Professors beigelegt, der meine Anlage
für die Malerei als zweifellos, mich selber aber als

s
einer weitern Unterstützung würdig bezeichnete, und
meine Wohlthäter ersuchte, sie mir angedeihen zu
lassen.
Darauf war noch keine Erwiderung eingegangen,
als im Herbst, in dem meine Lehrzeit ablief, der
General wieder einmal zur Stadt kam und mich rufen
ließ. Ich hatte die ganzen Jahre hindurch weder ihn,
noch sonst Jemand von der Familie gesehen, und oft
gedacht, wie groß der Junker und die Kleine jetzt wohl
sein möchten. Daß ich sehr rasch gewachsen war, das
hatte ich an meinen Kleidern merken können; als ich
nun aber, dem General gegenüberstehend, mich so groß
fand als ihn selbst, so daß ich ihm, zu dem ich früher
weit hatte hinaufsehen müssen, jetzt plötzlich Aug' in's
Auge blickte, machte mich das noch verlegener als ich
ohnehin war. Auch ihn schien es zu überraschen.
,Du bist in die Höhe geschossen! sagte er. ,Nun !?
es hat Dir durch die Güte der gnädigen Frau freilich
an nichts gefehlt. Auch Deine Freisprechung wird sie
bezahlen, und den Anzug, den Du dazu brauchst.
Dann stehst Du auf eigenen Füßen! Mit der Künstler-
schaft ist's nichts; die schlage Dir aus dem Sinn!
Wenn Du geschickt bist, um so besser. Dein Meister
ist keiner von den Ersten -- und was fehlt ihm? Im


Frühjahr lasse ich im Schlosse malen. Bis dahin
bleibst Du bei ihm als Gesell. Er soll Dich mit zur
Arbeit schicken. Wenn Du so fortwächst, werden sie
Dich einmal zu den Garden nach Berlin nehmen.
Halte Dich darnach! Da ist noch etwas für die
Wanderschaft. Hebe es auf. Ein Nothgroschen ist
viel werth! Und nun geh'!'
Er drückte mir dabei einen Dukaten in die
Hand, ich brachte meinen verlegenen Dank an. Er
hatte befohlen, ich hatte parirt; und ich hätte mir
etwas dafür anthun können, daß ich nicht gewagk
hatte, zu erklären, wie ich nach meiner Freisprechung
nicht länger bei dem Meister bleiben, nicht drei
Vierteljahre unnöthig verlieren, sondern mich auf den
Weg machen und bei einem der berühmten Maler,
wenn's nicht anders sein könnte, wieder Hausknechts-
arbeit leisten möchte, sofern er mir dafür Unterricht
gehen und mich nur alle Tage seine Bilder sehen lassen
wolle. Aber der General war mein Wohlthäter, war
meines Vaters Herr, ich durfte mich nicht auflehnen
gegen seinen Willen. Drei lange Vierteljahre waren
mir verloren.
,Und doch werde ich ein rechter Maler!? sagte
ich tröstend und ermuthigend zu mir selbst in meinem
Herzen. , Und doch! Und doch!?

9
Ich schrieb mir die Worte auf ein Stück Pappe
und hing sie mir wie ein heimliches Ordenszeichen
auf die bloße Brust. Allabendlich, wenn ich betete,
nahm ich sie in die Hand. Allabendlich segnete ich
es, daß wieder ein Tag vorüber war, der mich von
meinem Ziele trennte. Als aber der Meister mir nach
der Freisprechung Allerlei zu eigenem Entwerfen und
Ausarbeiten überließ, fand ich auch neue Lust und
Liebe zu der Arbeit. Ich zeichnete in jedem freien
Augenblick, und wenn ich in irgend einem Plafond,
in irgend einer Ecke Früchte, Blumen, Vögel oder gar
ein Köpfchen malen durfte, hatte ich einen ganz ver-
gnüügten Tag.
Die Arbeit im Schlosse sollte im Ende des Früh-
jahrs vorgenommen werden. Ich hatte mir für die
Fahrt meinen neuen Anzug angezogen, und mit meinem
feuerfarbenen Halstuch, mit der hochfrifirten Locke und
dem etwas schief gesetzten blitzblanken Cylinderhut ge-
bührend ausstaffirt, fühlte ich ein Siegesbewußtsein,
das mich heiter machte. So etwas wie einer der
Ehrenhogen, mit denen wir seinerzeit die Herrschaften
empfangen hatten, würde meiner Empfindung und
meinem Selbstbewußtsein bei der Einfahrt in unsern
Schloßhof nicht unangemessen erschienen sein. Je

näher wir dem Schlosse kamen, je lebhafter stellte ich
es mir vor, wie die Eltern sich freuen, die Brüder
und die Leute vom Hof mich anstaunen würden, wie -
gut ich mich vor den Herrschaften benehmen, und ob
die Kleine mich wohl noch wieder erkennen würde.
Aber als wir in den Hof einfuhren, war kein
Mensch zu sehen. Sie waren in der Heuernte und
es war Mittag. Im Schlosse waren alle Laden zu,
die Herrschaften waren, um den Handwerkern aus dem
Wege zu gehen, zeitig in das Bad gereist.
Ich ging enttäuscht nach unserem Hause. Da
kam unser Hund. Er schlug an und sprang an mir
in die Höhe. Ich nahm ihn auf den Arm, mir wurde
weich und warm um's Herz. - Hier war meine
Heimat! Hier war ich zu Hause. All' meine Be-
trübniß war rasch vorüber. Ich war mit einem Male
seelenfroh.
Sie saßen beim Essen: die Eltern und die beiden
Brüder, die im Hofe dienten.
,Na!! sagte der Vater und gab mir die Hand.
,Ist der lang geworden!' meinte der eine Bruder.
, Und den guten Anzug unterwegs? fiel die
Mutter tadelnd ein, während sie das Tuch des Rocks
befühlte.

I?
Die große Freude, mit der ich eingetreten war,
kam nicht recht auf. Mich drückte, ich wußte nicht
was; und um mich davon zu befreien, sagte ich ehrlich:
,Ich wollte mich doch sehen lassen hier vor Euch!?
,Das ist keine Kunst!'' lachte der andere Bruder,
,wenn man als Glückspilz Alles von den Herrschaften
bekommt!-
,Ich denke, ich werde mir auch selber Kleider
schaffen und zeigen können, daß ich meine Lehrzeit
nicht verloren habe!' entgegnete ich, denn es fing
mich zu verdrießen an, daß mich Niemand lobte.
,Rede doch, wie der Schnabel Dir gewachsen
ist!? rief der Aelteste, da ich, wie ich's in der Stadt
gewohnt worden war, hochdeutsch gesprochen hatte.
Der Vater meinte, das Hochdeutsche, das nehme
der Mensch sich an, das schade nichts.
Es war das erste Wort der Billigung, das ich
vernahm, und ich liebte das treue, düstere Gesicht des
Vaters nur noch mehr, obschon ich den Gedanken nicht
los werden konnte, daß auch der Vater nicht mit mir
zufrieden sei.
Die Mutter hatte mir am Tische Platz gemacht,
ich saß auf meiner alten Stelle. Ich hatte seit dem
Ganny Lewald. Helmar.
r?

Morgen nichts gegessen und hatte zu meiner Ver-
wunderung keinen Hunger. Doch aß ich, damit sie
nicht dächten, es schmecke mir nicht; und wir waren
auf gutem Wege, als die Mutter fragte, was ich denn
mit den Kleidungsstücken gemacht hätte, die ich von
Hause damals mitbekommen.
,Die war ich lange ausgewachsen und die waren
ja nichts mehr werth!? sagte ich. ,Ich habe sie dem
jüngsten Lehrling geschenkt, er ist ganz armer Leute
Kind.?
Da fuhr der Vater auf.
,Weggeschenkt hast Du sie? Das gute Zeug?
Westen hätte es immer noch gegehen! Das theure,
starke Tuch! -- Aber freilich, Du willst hoch hinaus!
Ein rechtschaffener Diener, ein Schreiber hast Du nicht
werden wollen. Beim Handwerk willst Du auch nicht
bleiben, wie der Herr General vermeldet hat. Bilder-
maler willst Du werden. Probire, wie weit Du damit
kommst. Stuben werden immer und überall gemalt!
Sich selber läßt alle zehn Jahre einmal ein Mensch
malen. Ich verlange nichts von meinen Kindern; da-
für habe ich treu gedient! Aber ohne rechtschaffenes
Gewerbe wie die Kesselflicker und Zigeuner in der Welt
rum ziehen, das lasse ich sie nicht; das merk! Dir!

Da wär's noch eher, Dn dientest auf Avancement und
würdest, wie der Herr General sagt. ein ordentlicher
Feldwebel oder so etwas. Aber ein Maler! Nun und
nimmer !'
Darauf also hatt' ich mich gefreut alle die Tage?
-- Alles, was sie in der Familie gelegentlich über mich -
gedacht und mir nicht geschrieben hatten, weil das
Schreiben nicht ihre Sache und ihr Brauch war, das
kam nun mit einem Mal heraus und über mich. Wider-
spruch vertrug der Vater nicht, kränken wollte ich ihn
nicht. Ich suchte ihm meinen Plan, die Möglichkeit
seiner Ausführung zu erklären, ohne damit durchzu-
dringen. Er verstand nicht was ich wollte, und die
Anderen verstanden es noch weniger.
Er blieb dabei, all' die Thorheiten hätten mir der
August und der Doktor Müller in den Kopf gesezt, ich
wisse nicht, was ich wolle. Ich sei ein Nichtsnutz,
ein Faulenzer, scheue die redliche Arbeit und das sei
eine Schande. Er stellte mir die Brüder, die als
Reitknecht und in der Brennerei ihr gutes Auskommen
hättei, zum Beispiel auf; sie kamen auch Beide
trotz meines schönen Anzugs und meines wohlgekämmten
Scheitels sich mir weit überlegen vor. Sie lachten
-

10O
mich aus in meiner Herrlichkeit. Es war Alles ganz
anders gekommmen, als ich es mir gedacht hatte, und
ich hatte dabei das beste Gewissen von der Welt und
hatte sie Alle lieb. Da ich aber von dem nicht reden
durfte, was mir doch allein am Herzen lag, schwieg
ich lieber still. Ich war froh, als das Essen vorüber
war und ich zu meinem Kollegen in das Schloß und
mit ihm an die Vorbereitung zu unserer Arbeit gehen
konnte.
In den nächsten Tagen, als wir das Abschnüren
und Eintheilen beendet hatten und bei dem Malen
waren, machte der Vater sich öfter in dem Saale zu
thun; und da er mich im Leinwandkittel bei der Ar-
beit sah und bemerkte, wie der Altgesell mit mir wie
mit einem Kameraden umging und mir viel freie
Hand beim Malen ließ, war mit ihm besseres Ver-
kehren. Er besah sich die Vögel und die Köpfe und
die Blumen, die unter meiner Hand zum Vorschein
kamen, sagte, sie sähen so aus, wie sie wären, und
ich würde ein rechter Narr fein, wenn ich nicht dabei
bliebe. Ein geschickter Maler, der sich hier ansezte,
könne zu Haus und Hof kommen, denn es gäbe hier
herum immner viel zu thun; und einmal seine Beine
in seines Jüngsten eigenem Hause unter dessen Tisch

1
zu sezen, das würde ihm und der Mutter schon ge-
fallen, obschon sie's niemals nöthig haben würden.
Ich dachte, das solle er schon haben, wenn auch
nicht hier im Dorfe; aber recht froh wurde ich meines
Lebens auf dem Hofe nicht, obschon der Schulmeister
und der Pfarrer mich wohl aufnahmen und mir zu-
redeten, zu versuchen, wie weit ich's bringen könnte
in der Malerei und Kunst.
Weil die Herrschaften so bald als möglich zurück-
zukommen wünschten, mußten wir uns sehr zur Arbeit
halten, und ich hatte mir vorgenommen, wenn wir
fertig sein würden, ein paar Tage länger auf dem
Hof zu bleiben, um womöglich die gnädige Frau und
die Kleine einmal wiederzusehen, ehe ich für lange in
die Fremde ging. Als wir aber fertig waren und
Vater und Mutter und Brüder, und wer es immer
konnte, in die neugemalten Zimmer kam, weil man
so etwas Schönes hier noch nicht gesehen hatte, traf
die Nachricht ein, daß die Heimkehr der Herrschaften
sich um vierzehn Tage und mehr verzögern würde,
und ich mußte also mit den Anderen fort.
Den Tag vor der Abreise, als wir Feierabend
gemacht, und alle unsere Geräthschaften zusammenge-
packt hatten, ging ich noch in das Freie hinaus. Ich

102
hatte das alle Abende gethan, hatte meines Weges
bald Den, bald Jenen von den Leuten angetroffen
und mit ihnen viel verkehrt. Aber recht zu Hause
hatte ich mich mit ihnen nicht gefühlt. Ich wußte,
daß meines Bleibens hier nicht sei, ich sehnte mich
weg, und so etwas fühlen die Menschen Einem an,
wenn man es ihnen auch verschweigt. Dieser letzte
Abend hatte für mich aber eine von den Stunden,
die man nicht vergißt. Jeden Platz und jeden Fleck,
jeden Strauch und jeden Baum hatte ich gekannt, als
ich nach beendeter Lehrzeit jetzt zurückgekommen war.
Jeder hatte seine Erinnerung für mich gehabt, an
Jeden hatte ich in der Stadt vielhundertmal gedacht.
Den Saal, in dem ich mich so ungeschickt erwiesen,
den Garten, in welchem ich der Kleinen mein Kaninchen
gegeben, die Laube, in welcher ich zuerst gezeichnet,
die Wiese, auf der ich Schildwache gestanden, die
Kirche und das Pfarrhaus, das Alles hatte ich immer
vor mir gesehen wie meine Hand. Wie diese war es
mir zu eigen, wie mit dieser war ich für mein Gefühl
Eins und zusammengewachsen gewesen mit der Heimat.
Dahin gehörend, hatte ich mich immer nr als des
Kaspar's Helmar, halbwegs als ein Besizstück der
Herrschaften empfunden.

10K
An dem Abende aber, als ich allein für mich
über den Schloßhof, durch die Gärten, in das Feld
ging, erschien mir das Alles plötzlich als ein Fremdes
und ich mir wie verwandelt, wie losgelöst davon. Ich
erschrak davor und war gerührt, und hätte nicht
sagen können, was mich rührte. Ich sah mir Alles
an, als fürchtete ich, es zu vergefsen. Ich fragte mich,
ob ich das Alles, ob ich die Eltern und die Brüder
und den Vater wiedersehen würde, denn ich mußte
fort für lange, vielleicht für immer, sagt' ich mir, weil
---- ich nicht mehr hierher gehörte. Ich war nicht
nur des Kaspar's Helmar, ich war ich selbst, der
Malergehülfe Kronau, der sehen mußte, was er mit
sich anfing.
Ich hatte das nie bisher bedacht, geschweige denn
es mir ausgesprochen. Es war eine neue Erkenntniß,
mit der ich Besitz nahm von mir selbst, in der ich
mich selbst zum Herrn meiner Zukunft machte, wenn
auch für lange Zeit von meiner selbstherrlichen Herr-
lichkeit noch nicht viel zu rühmen war.

Kapitel 09

Teunles -Fapilel.
Nun hieß es auf die Wanderschaft! -- Aber das
Wanderleben mit leerer Tasche ist lange nicht so schön
und lustig, als sich's in den Liedern anhört; indeß
die Jugend ist schön und ihr froher Muth; und für
Einen, dessen Augen auf das Sehen gestellt sind, ist
Vergnügen überall vorhanden, selbst wenn Schmalhans
gelegentlich den Küchenmeister macht.
Hier Arbeit nehmend und dort für eine Weile,
hatte ich mich glücklich bis zum Rhein, bis Düssel-
dorf, dem Ziele meiner Sehnsucht, durchgebracht, wo
ich auf's Neue bei einem Stubenmaler als Gehülfe
mein Brot erwarb. Manch' liebes Mal hab' ich
dort vor den Kunsthandlungen dagestanden, betrachtend,
was Glücklichere geschaffen hatten, berechnend, wie viel

105
von meinem Gelde für knappe Kost nöthig, für wie viel
Zeichen- und Malgeräth zu kaufen sei; und Jahr und
Tag vergingen, ehe ich mit meinen Zeichnungen bis
zum Direktor der Akademie gelangen, ehe ich Auf-
nahme als Schüler durch ihn finden, und mir den
ersten, heiß ersehnten Triumph meines Lebens bereiten,
es Frau von Marville melden konnte, daß ich ein
Schüler der Düsseldorfer Akademie geworden sei, daß
es nun ein Ende habe ein- für allemal mit dem
Malerhandwerk.
Sie antwortete mir sogleich und freundlich. So
sei es recht! So habe sich's der General gedacht.
Wolle ich nun aber wirklich übergehen vom Hand-
werk zu der Kunst und ein wahrer Künstler werden,
so müsse ich nicht nur malen, sondern noch viel
Anderes lernen und mich zu unterrichten und zu
bilden suchen, wie und wo ich irgend könne. Dann
hoffe sie noch Freude an mir zu erleben. Sie hatte
auch diesem Briefe wieder ein kleines Geldgeschenk
hinzugefügt.-- Sie haben das Goldstück in silberner
Fassung an meiner Ühr gesehen und mich einmal
darum gefragt. Ich trage es heute noch! Es war
mtein erster Orden! der Orden, den ich selbst mir für
Fleiß und Enthaltsamkeit ertheilte, denn für den

10s
Armen und Ununterrichteten ist der Weg zum Ziele
lang und weit und schwer - und Nächte voll müh-
seliger Kopistenarbeit, mitunter auch mit leerem Magen,
haben mir's ersparen und erhalten müssen, dieses
Goldstück, bis meine Laufbahn plötzlich unterbrochen
ward.
Der General hatte seinerzeit mir richtig prophe-
, zeit. Sie nahmen mich, als ich das einundzwanzigste
Jahr erreicht, zu den Gardedragonern nach Berlin.
Als Freiwilliger zu dienen, fehlte mir nicht mehr
als Alles. Ich hatte also eine lange Dienstzeit vor
mir, und ging betrübten Herzens in mein Regiment,
in die Kaserne und in des Königs Rock.
Indeß der Mensch denkt und Gott lenkt, sagte
meine Mutter. Das Regiment und meine Dienstzeit
waren ein großes Glück für mich und kamen mir in
jedem Sinn zu Nutzen, mehr als ich zuerst verstand.
Ich lernte gehen und stehen, ganz anders als auf
unserem Hofe. Ich lernte regelrechtes Reiten, hatte
von früh bis spät viel Pferde und viel Menschen vor
mir, so daß ich sie mir in allem ihrem Thun und
Lassen völlig einprägen, ja sie recht eigentlich studiren
und auswendig lernen konnte; und ich bekam dann
einen Rittmeister, der mein eigentlicher Wohlthäter

1I
geworden ist, der -- aber ich will damit nicht vor-
greifen.
Er hatte die Eskadron schon lange, als ich in's
Regiment gekommen war, und die Leute hatten ihn
sammt und sonders lieb. Eines Tages, als es mit
meiner Dienstzeit schon bergab ging, kam er einmal
dazu, als ich, mit meinem Skizzenbuch in einem Winkel
des Hofes sitzend, mir einen Dragoner zeichnete, der
sein sich bäumendes Pferd in den Stall zu führen
trachtete.
Ich wollte mich eben erheben, als ich den Ritt-
meister hinter mir hervortreten sah. Er winkte mir,
es nicht zu thun.
,Bleiben Sie sizen!? sagte er, indem er auf
meine Zeichnung hinsah. ,Machen Sie es fertig, so
weit es geht.! Er hielt sich eine kleine Weile neben
mir und sah mir zu. Der Dragoner war inzwischen
mit seinem Pferde zurechtgekommen und im Stall ver-
schwunden. Ich stand auf und trat an.
,Sie find Maler? fragte der Rittmeister.
,Halten zu Gnaden, ich denke es zu werden.?
,Wer war Ihr Lehrer?
Ich sagte, wie ich in Königsberg auf der Kunst-
schule ein Weniges gezeichnet, dann als Geselle ge-


108
arbeitet, und ein Jahr Unterricht auf der Akademie in I
Düsseldorf gehabt hätte.
,Dafür sind Sie geschickt genug. Bringen Sie s
mir morgen zu sehen, was Sie von Zeichnungen bei I
sich haben!' befahl er mir.
Am anderen Tage kam ich dem Befehle nach.
Ich fand ihn an der Staffelei. Graf Berkow f
-- ich hatte den Namen als Kind zu Hause schon gehört, ;
denn die Berkows waren in unserer Gegend angesessen, -
und des Rittmeisters Vater und er selber waren öfters im
Schlosse gewesen und immer sehr gnädig zu meinem
Vater. Graf Berkow, mein Rittmeister, war selbst
ein sehr geschickter Landschafter. Weil er aber der
älteste Sohn und damit Erbe der großen Berkow'schen
Majoratsgüter war, hatte er sich der Kunst nur als
Liebhaher zugewendet und war, wie sein Vater und
sein ganzes Geschlecht, zuerst in's Militär getreten,
obschon er die Malerei meisterlich betrieb. Er sah
meinen Kleinkram von Arbeiten sorgfältig durch,
lobte Eins und das Andexe, tadelte noch mehr; und
. e
,Sie können hier gute Fortschritte machen,! sagte
er. , Sie haben hier viel Leben, viel Bewegung und

1
gute Gestalten vor sich. Sich selbst durch unermüd-
liches Versuchen vorwärts bringen, das ist die
Hauptsache in aller Kunst. Probiren Sie immer
wieder Dasselbe, bis Sie es herausbringen können.
Der Einfall ist Sache des Talents, die Ausführung
ist Sache des Fleißes und der Geduld. Zeit haben
Sie geng. - Ich werde Sie wieder kommen lassen.
Vielleicht benütze ich Sie einmal. Ich skizzite mir
ab und zu ein paar Gestalten für meine Landschaften.!
Das ließ nicht lange auf sich warten. Einmal
stand ich ihm in voller Uniform Modell, ein ander-
mal in einer ritterlichen Tracht, die er hatte kommen
lassen. Er bezahlte mich dafür nicht mit baarem
Gelde, aber er that mehr. Er schenkte mir den ersten
ordentlichen Delfarbenkasten mit Pinseln und Palette.
Darnach hatte mein Sinn gestanden, wer weiß wie
lange, und ich kam mir wie ein neuer Mensch vor,
als ich den Kasten mit in unsere Stube brachte.
Freundlich von Natur, hatte der Graf, als ich
ihm zum Ritterbilde stand, während er malte, mich
nach meiner Herkunft gefragt-
,Daß Sie ein Ostpreuße, ein Samländer sind,
das hört man Ihnen an. Wo sind Sie geboren?
Ich nannte Waldritten und setzte hinzu, die

11
Gutsherrin sei meine Pathin und Wohlthäterin ge-
wesen, ich sei ihres alten Dieners Sohn.
,Frau von Marville'a? fragte er., Da find
Sie sozusagen aus einer Hand in die andere ge-
gangen und in der Verwandtschaft geblieben. Ich
kenne die Herrschaften von Waldritten, war vor ein
paar Jahren wieder dort. Lebt der alte Kaspar
noch? Er hat mich ganz speciell bedient. !
Ich bejahte mit Freuden, denn nun ich hoffte,
daß aus mir etwas Ordentliches werden könnte,
wünschte ich doppelt, daß die Eltern mir am Leben
bleiben möchten. Ich wollte sie gern überzeugen, daß
ich kein Zigeuner und kein Kesselflicker werden würde;
und weil er meinen Vater kannte und freundlich von
ihm sprach, hatte ich den Rittmeister noch viel lieber.
Wie ich so stillstehen und den Rittmeister ansehen
mußte, war mir's just, als müßte daneben nun auch
meines Vaters Gesicht irgendwo zum Vorschein kommen,
so wie das Christushaupt auf dem Schweißtuch der
heiligen Veronika, und ich bekam ein wahres Heim- -
weh nach dem Hofe und nach Haus.
Gerade in dem Augenblicke trat der Bursche des
Rittmeisters ein, ihm eine Visitenkarte zu überreichen.
, Sehr angenehm!'' sagte der Rittmeister, legte

uu
Pinsel und Palette weg und gab mir ein Zeichen,
mich in die Nebenstube zurückzuziehen, deren Thüre
wie immer offen stand.
,Willkommen!? rief er darauf heiter, ,willkommen
in Berlin!' und bot dem eintretenden jungen Offizier
von den Garde-Nlanen seine Hand zum Gruße. Es
war Clamor.
Er war ein schöner Mensch geworden, schlank und
groß und frisch. Ich kannte ihn gleich wieder, ob-
schon ich ihn nicht gesehen hatte, seit wir Beide
Knaben gewesen waren.
,Es ist gescheidt, sagte der Rittmeister zu ihm,
, daß Sie sich haben hierher versetzen lassen. Man
lebt hier angenehmer als drüben in Potsdam, und
das ewige Hinundherfahren bekommt man sehr bald
satt. Zudem haben Sie ja Ihre mütterlichen Ver-
wandten und vielleicht auch von Ihres Vaters Seite
noch Angehörige hier?' setzte er fragend hinzu.
Glamor verneinte dies Letztere, und der Rittmeister
sragte, wie die Seinen sich befänden, wie es in Wal-
dritten stehe?
Elamor sagte, es gehe seinen Eltern wohl. Der
General habe neuerdings noch ein Vorwerk gekauft,
welches bisher als eine störende Enclave in den Be-

.. s
sitzungen gelegen habe, und baue und organisire und
verbessere immerfort, sein Ideal von einer Muster- -
wirthschaft herzustellen.
, Und Ihr Schwesterchen? wie geht es ihr?
,Ich glaube, Sie würden sie kaum erkennen,?!
entgegnete Clamor. , Sie ist sehr gewachsen und mit
ihren vierzehn Jahren wirklich schon ein stattliches
Mädchen.-
, Und schön, wie ich vermuthe!'' warf der Ritt-
mteister ein, ,denn sie war ein gar schönes Kind, als
ich sie vor anderthalb Jahren bei Ihnen zum letzten
Male sah.
,Wenn man
hat, so möchte ich
hübsch geworden!
ein Urtheil über seine Schwester
allerdings sagen, Dora sei sehr
Aber'? -- er faßte in die Brust-
tasche der Uniform und zog ein kleines Etui daraus
heroor - ich habe mir eben dies Bild der Meinen,
das sie neulich haben machen lafsen, von der Post ge-
holt. Sehen Sie selber!-
,Ja, freilich! vortrefflich, ganz vortrefflich! Und
wie die Mutter noch immer schön aussieht! Wie
reizend, wie annuthig die Tochter neben ihr steht!
- Dora ist ja der Liebreiz in Person. Diese un-
willkürliche Kopfneigung ist so lieblich, ist so demüthig

u18
und lieblich, als hätte sie sie einer Rafael'schen Ma-
donna abgelauscht.!
,Demüüthig!' lachte Clamor, ,Ach nein! das ist
die bloße Verlegenheit des ungewohnten Thuns, eine
ihr offenbar gebotene Haltung; denn Dora ist der
Frohsinn selber, und von einer Madonna hat sie nichts,
denn ihr Haar und ihre Augen werden immer dunkler.
Aber sie sieht gut aus, das ist wahr!?
,Die Farbe thut es nicht, es ist der Blick, die
Haltung!' bedeutete der Rittmeister, der das Etui
noch immer in der Hand hielt und betrachtete. ,Wie
frisch der General noch ist!'? sagte er dann nach einer
kleinen Weile. ,Man lebt doch nur auf seiner eigenen
Scholle das wahre, rechte Leben. Ihr Vater hat sehr
wohl daran gethan, zur rechten Zeit auf's Land zu
gehen. Bin ich einmal so weit als er, so mache ich's
ihm nach - und vielleicht früher -- um nichts mehr zu
sein, als Landedelmann und eiwa ein Bischen auch
ein Maler!'? scherzte er. , Nebrigens habe ich gerade
heute einen Maler von Ihren Gütern hier. Kommen
Sie herein, Kronau!? - Und meine Maskerade zu
erklären, bemerkte er, er habe eben heute nach mir
gemalt.
Fanny Lewald. Helmar.
S

11s
Obschon ich noch im Kostüm war, trat ich an,
wie sich's gebührte, und ich kann mir denken, daß der
Eindruck komisch war. Clamor lachte laut auf.
,Wie der Kerl aussieht!' rief er, ohne mir auch
nur den guten Tag oder ein Wort zu gönnen. ,Ist
der Ihr Bursche?
Gegen des Grafen Freundlichkeit stach seines
jungen Vetters Weise nur noch greller ab, und sie
schien ihm zu mißfallen.
,Nein!' entgegnete er. ,Ich hatte allerdings
einmal daran gedacht, Kronau zu mir zu nehmen,
aber ich lasse ihn lieber für sich und kümmere mich
ein wenig um sein Zeichnen, da er Ihrer Mutter
Schützling war. Ich glauhe, sie wird es nicht be-
reuen, daß sie ihm fortgeholfen hat. Es steckt ein
tüchtiges Talent in ihm und er giebt sich Mühe. -
Kommen Sie heran, Kronau! Der Herr Lieutenant
wird nichts dagegen haben und erlauben, daß ich Sie
das Bild der Herrschaften von Waldritten sehen lasse. !
,Gewiß nicht!? rief Clamor, auf den Ton ein-
gehend, den der Graf anschlug. ,Komm' her! sieh'
einmal! Sind sie nicht Alle sehr getroffen? fragte
er, indem er mir selber das Etui hinhielt.-
Ich hatte in der Nebenstube kein Wort verloren

1
von der ganzen Unterhaltung und hatte mir lebhaft
gewünscht, nur einen einzigen Blick auf die Bilder
werfen zu dürfen. Der Graf konnte nicht wissen,
welche Gunst er mir erwies.
Ja! das waren sie: der General und die gnädige
Frau und Dora! Aber das runde Kinderköpfchen
hatte sich in ein vollendet schönes Oval verwandelt.
Das Haar, das einst in langen Locken um ihren Kopf
geflattert, hatte sich ihr voll und weich um die Schläfen
gelegt, und die großen Augen sahen so sanft, so ruhig
aus, wie eines jungen Rehes Augen, das noch kein
Schuß erschreckt hat.
Ich reichte Clamor mit einem ergebensten Danke
das Etui zurück. Der Graf nahm es ihm wieder aus
der Hand, besah es schweigend, und sich dann erinnernd,
daß ich noch vor ihm stand, sagte er, ich solle mich
umkleiden und gehen.
Da ich nicht Befehl erhielt, während meines An-
kleidens die Thüre zwischen den Zimmern zu schließen,
ließ ich sie natürlich offen stehen; sie achteten auch
Beide weiter nicht auf mich.
Der Graf erkundigte sich, ob Clamor schon viel
Besuche in Berlin, ob er schon viel Bekanntschaften
gemacht habe. Clamor verneinte es.
F -

11s
,Sch war ja erst wenige Monate in Potsdam und
bin, wie Sie vielleicht bemerkt haben, auch nur wenig
herübergekommen. Mein Vater hatte das so verlangt.
Außer bei den Meinen bin ich öfters in der Oper und
im Ballet, und nur ein paarmal zu größerer Gesell-
schaft in das Haus von unserem Bankier gekommen,
der mich geladen hatte.
Der Graf fragte, wer das sei.
,Ein Kommerzienrath Wollmann!'k entgegnete ihm
Glamor.
, Sonderbar, daß ich Ihnen da nicht begegnet
binlr meinte der Graf. ,Ich mache meine Geschäfte
auch mit ihm und komme ebenfalls bisweilen hin. Es
ist ein sehr anständiger Mann! Gebildete Leute! Man
findet schickliche Gesellschaft dort! Die Tochter ist ein
hübsches Mädchen und hat Manier und Geist!-
,Ich finde sie ganz reizend!'' fiel ihm Clamor in
das Wort.
,Das ist der rechte Ausdruck!' meinte der Graf.
,Die Fremdheit der Rasse hat für unsereinen Reiz,
und Cäcilie ist ein Typus für dieselbe. Feingliederig,
üppig, schöne Augen, viel Temperament - und, wie
die Füdinnen in der Regel, klug und kokett. Das
zieht an! Nehmen Sie sich in Acht!'

uur
Sie lachten noch Beide über diese Warnung, als
ich davonging-
Wie dann Clamor nach geraumer Zeit in den Hof
hinunterkam, stand ich mit ein paar Kameraden dort.
Er winkte mich zu sich heran.
,Wie lange hast Du noch zu dienen?! fragte er.
Ich sagte: ,Noch fünf Monate.
, Und nachher? wo willst Du dann hin? was
denkst Du dann zu thun? erkundigte er sich.
,Der Herr Rittmeister meinen,! antwortete ich,
,daß ich in Berlin bleiben soll. Er will die Gnade
haben, für meine Aufnahme in die hiesige Akademie
und in ein Atelier zu sorgen.! -
,Aber wovon wirst Du leben?
,Der Herr Rittmeister meinen - und ich glaube
das auch - daß ich hier mit verschiedenen Arbeiten
mir meinen Unterhalt leichter als in Düsseldorf ver-
dienen könnte, bis die Malerei mich nährt. !
,Da! da ist etwas für den Anfang !? sagte Glamor
und drückte mir einen Fünfthalerschein in die Hand.
Er war freundlicher, als ich ihn jemals gegen mich
gesehen hatte. Ich verdankte das offenbar der guten
Meinung und Weisung des Grafen, aber es kränkte
mich, daß Clamor mich Du nannte, als ob ich noch ein
. -

18
Junge, als ob ich sein oder seiner Eltern Höriger
wäre, und ein Geldgeschenk von ihm zu nehmen, der
mir immer hart und hochmüthig begegnet war, das
widerstrebte mir, obwohl ich sehr gut wußte, was
Geld dem Mittellosen werth sei, wenn er aus dem
Dienste tretend in das Bürgerkleid zurückkommt. -
Clamor fiel es auf, daß ich nicht sofort die Hand
ausstreckte.
,Was soll das? fragte er. ,Spiele nicht den
Vornehmen mit mir! Der Herr Rittmerster sagt, man
müsse etwas für Dich thun, und Kapitalien wirst Du
wohl nicht haben.!
Das Blut stieg mir in den Kopf. Ich schämte
mich der Armuth, als wäre sie ein Unrecht oder als
hätte ich sie verschuldet.
,Ich habe noch den Dukaten, den die gnädige
Frau mir vor vier Jahren einmal schickte, als ich
freigesprochen wurde!'? fuhr ich rasch heraus. Er sollte
sehen, daß ich sein Almosen nicht brauchte.
,Den hast Du noch? rief er: und mit einem
Lachen, das mir ihm gegenüber das Herz befreite,
setzte er hinzu: ,Wahrhaftig, da warst Du sparsamer
als ich! Ich habe niemals Geld, nur gerade heute
wo sie uir es schickten. Aber um so besser! Nimmn's

119
nur und leg' das mit dazu. Der Tag kommt schon,
wo Du es brauchen wirst. Wenn ich nach Hguse
schreibe, werde ich dem Kaspar sagen lassen, daß ich
Dich gesehen habe, und daß Dein Rittmeister große
Stücke von Dir hält. Adieu! Auf Wiedersehen!r
Damit reichte er mir seine Hand, und das war
mir wehr werth als sein Geld. Des Rittmeisters
Güte hatte ihn Raison gelehrt. Ich dankte, blieb Front
machend stehen, bis er vorüber war, und ging mit dem
Fünfthalerschein, zu thun wie er gesagt.
Lange Jahre haben sie beisammen gelegen, der
Dukaten und der Fünfthalerschein, und ich habe nicht
gewußt, wozu ich sie verwenden würde. Aber als ich
sie dann ausgegeben, habe ich nicht zu verhehlen ge-
braucht, was ich damit gemacht habe, und Clamor ist
dabei gewesen.
gaegooi

Kapitel 10

,ehntes -apilel.
Ich war froh, als meine Dienstzeit um war.
Froh- aher verlegen, denn man findet seinen freien
Willen, auf den man ein paar Jahre hindurch zu ver-
zichten gehabt hat, nicht gleich wieder, wenn man ihn
gebraucht; und man ist seinen alten Zuständen so fremd
geworden, wie den alten Eivilkleidern, die auch zuerst
nicht passen und nicht sitzen wollen. Indeß mein guter
Genius in der Gestalt des Rittmeisters half mir über
Alles fort, und mein Lebensweg war von da an so
glatt und eben, daß ich mich an jedem neu erreichten
Punkte immer nur zu fragen hatte, wie ich eigentlich
dahin gekonnen sei.
Des Rittmeisters Vorstellungen an Clamor trugen
mir, mit einem neuen gütigen Briefe von meiner

Pathin, für die nächsten zwwei Jahre ein Stipendium
von je fünfzig Thalern ein. Das war mir eine große
Summe, eine große Sicherheit. Er erwirkte auch
meine Aufnahme in die Akademie, lenkte die Augen
eines tüchtigen Meisters auf mich, und nicht einen
Monat ließ er hingehen, ohne nach mir zu senden,
ohne sich zeigen zu lassen, was ich zeichnete und malte.
Ich nahm mich wahrscheinlich schlecht genug in
meiner schlechten Kleidung zwwischen meinen Kollegen
in dem Akademiesaal aus, aber es währte eine Weile,
bis ich mit Arbeit mancher Art mir einen anständigen
Anzug schaffen konnte, und die Jahre gingen in rast-
losem Fleiß, in redlichem Entbehren, in fröhlichem
und immer zuversichtlicherem Hoffen hin. Ich kam
vorwärts in der Kunst, vorwärts, wenn auch nur
langsam und unvollständig, in meiner allgemeinen
Bildung.
Meines Meisters Können war ein vielseitiges. Er
war tüchtig im christlich- historischen Bilde, heiter im
Genre, und edel im Porträt. Ich hatte mirh bis dahin
meist an das Darstellen Dessen gehalten, was mir im
täglichen Leben an Vorgängen entgegengetreten war,
und es auf meine Weise umgemodelt. Nun fing ich
mich ernstlich auf das Porträt zu verlegen an, und ich

- ?
brachte es dahin, als ich fast drei Jahre in meines
Meisters Schule gewesen war, daß der Graf mir zu
seinem Bilde saß.
Weil ich ihn so warm im Herzen trug, gelang es
mir, den schönen Mann in seiner ritterlichen Haltung
nicht übel wiederzugeben, und ich kannte mich kaum
vor Freude, als er selber, und auch mein Meister,
mich aufforderten, nicht nur dies Bild, sondern auch
eine Bivouakscene, die ich während einer Manöverzeit
entworfen und jetzt ausgeführt hatte, für die im Herbste
zu eröffnende Ausstellung anzumelden, während ich
selber mich mit der Konkurrenzarbeit für das Reise-
stipendium der Akademie beschäftigte, die, wie fast
immer eine historische Aufgabe war.
Das Glück war mit mir. Mein Bivouakbild fand
einen Käufer. Das Bild des Rittmeisters, der in der
ganzen hohen Aristokratie bekannt war, schaffte mir
ein paar Porträts zu malen. Ich hatte mit einem
Mal mehr Geld, als zu gebrauchen ich gewöhnt war.
Ich kam mirnun wie der Prinz in jenem Märchen vor.
Ich konnte meinem Vater zu seinem siebenzigsten Ge-
burtstag nach seinen und meinen Begriffen reich be-
schenken; und zuversichtlich, wie die ersten Erfolge uns
in der Jugend machen, malte ich mich selber in dem

128
schwarzen Sammetrock mit dem breiten Hemdkragen, die
wir langhaarigen Künstler damals trugen, und sandte
der gnädigen Frau das Bild zum Weihnachtsfeste ein.
Es war kein schlechtes Bild, und ich und mein
Brief fanden Gnade vor ihren Augen. Der General
und sie wollten sich, und vielleicht auch Dora, von mir
malen lassen, schrieb sie mir, wenn es mir möglich sei,
im Frühjahr für längere Zeit zu ihnen in das Schloß
zu kommen.
Zu ihnen in das Schloß! -- und Dora malen!
Dora malen! die schöne Dora malen!
Ich begriff es nicht, daß ich dies nicht längst ge-
than; daß ich sie nicht gemalt, wie ich sie zuerst ge-
sehen hatte, am Tage ihrer Ankunft; daß ich nicht
zehnmal schon dieß Kind gemalt, wie es mir in der
Erinnerung lebte, in dem, und jenem Thun. Fast
ohne daß ich's recht wußte, ging ich an die Arbeit.
Ich hatte ein paar Tage, nachdem sie Alle zum
ersten Male auf das Gut gekommen waren, Dora unter
einem grünen Ehrenbogen spielend sitzen sehen, den der
Gärtner ihr errichten mußte, weil sie ihren eigenen
Ehrenbogen hatte haben wollen. So stellte ich sie dar,
den Schooß voll Blumen, und mit den kleinen Händen
sich einen Kranz zusammenflechtend.

1
Es war kalte, trübe Herbstzeit, als ich das kleine
Bild begann. Aber meine Seele war damals so voll
Glüück und Muth und Hoffen, daß ich beständig wie
im Sonnenscheine lebte, und wo das Herz des Künstlers
hell ist, da leuchten seine Farben.
Seit dem Anfang jenes Herbstes besaß ich mein
eigenes bescheidenes Atelier. Der Graf, mein ehemaliger
Rittmeister, hatte mich einmal in demselben aufgesucht
und ich hatte von ihm selbst erfahren, daß er für
einige Tage zu seinem Vater auf das Land gegangen
sei. Am Neujahrstage, als ich in seine Wohnung
ging, ihm meinen Glückwunsch abzustatten, hörte ich
von seinem Diener, daß er wieder nach Preußen ge-
gangen sei, und als ich mich in seinem Zimmer um-
sah, bemerkte ich, daß er Daguerreotypporträts der
ganzen Marville'schen Familie an seinen Wänden und
auf seinem Schreibtisch hatte. Der Diener, der mich
kannte, hinderte mich nicht, sie zu betrachten. Dora's
schönes Daguerreotyp kam mir für meine Plane zu
Statten.
Etwa vierzehn Tage später trat der Graf eines
Tages bei mir ein.
,Sie sind bei mir gewesen,! sagte er, ,wollten
Sie etwas?!= Aber noch ehe ich ihm die Antwort

1d
geben konnte, fiel sein Auge auf meine Arbeit, und mit
einer Lebhaftigkeit, die ich niemals an ihm wahr-
genommen hatte, rief er: ,Mein Gott, das ist ja
Dora! -- Fräulein von Marville!r verbesserte er sich
rasch, und mich mit einem Blicke messend, der mich
wie einen Fremden ansah, dessen man sich erst ver-
sichern will, setzte er hinzu: ,Wie lebhaft Sie das
Kinderköpfchen in der Erinnerung tragen! Es ist er-
staunlich! Aber das Bild ist allerliebst, ist ganz vor-
trefflich! Das Bilb behalte ich!
Ich war unruhig geworden, und hätte nicht sagen
können wodurch. Mir klopfte das Herz bei dem Ge-
danken, mich von dem Bilde zu trennen, es dem
Grafen verkaufen zu sollen; und obschon ich bis zu
diesem Augenblicke nicht daran gedacht hatte, sagte ich,
um über die Zusage hinwegzukommen:
,Ich hatte vor, es der Frau Generalin zum Tage
ihrer silbernen Hochzeit anzubieten.!
,Woher kennen Sie denTag? fragte mich der Graf.
,Ich bin geboren an dem Hochzeitstag der Herr-
chaften!' gab ich ihm zur Antwort.
,So, so! Nun dann, so stehe ich zurück! Und
noch einmal hintretend vor das Bild, und es mit un-
verkennbarer Befriedigung musternd, sagte er: ,Vor-

e
trefflich, ganz vortrefflich! Das Bild ist besser, als
Alles, was Sie noch gemacht haben. Vielleicht ist
dieß eigentlich Liebliche, Iyllische Ihr rechtes Fach!
Versuchen Sie sich mehr darin.
Er ging davon, ich gab ihm das Geleit, und wie
ich dann wieder in mein Atelier zurückkam, setzte ich
mich nieder, und sah mir selbst mein Bildchen an.
Es war mir nicht dasselbe mehr.
Ich begriff mich selber nicht. Aber es hatte mich
etwas erschreckt, etwas verletzt in seiner Weise, und -
nun ich darüber nachzudenken begann, meinte ich, daß
es der herrische Ton gewesen sei, mit dem er mir zu-
gerufen: ,Das Bild behalte ich!'
Als ob ich über meine eigene Arbeit nicht be-
stimmen könne, als ob ich Gott danken müßte, das
hübsche Bild nur los zu werden!
Ich vertiefte mich je länger um so mehr in dem
Gedanken, weil mein Gewisßen schlecht war. Endlich
aber konnte ich's länger nicht ertragen. Ich ging nach
der Wohnung des Grafen, um ihm eine Kopie des
Bildes als ein Zeichen meines Dankes anzubieten,
indeß ich fand ihn nicht zu Hause, und ich war besser
mit mir zufrieden, als mir dieses wirklich leid that.

Kapitel 11

-lsles uapiles.
VV==VBV- ,
Für den Abend hatte ich eine Einladung in das
Haus des Kommerzienraths Wollmann erhalten. Es
war das dieselbe Bankierfamilie, über welche ich vor
drei Jahren, während meiner Dienstzeit, den Grafen
und Clamor in des Grafen Wohnung hatte sprechen
hören, und deren schöne Tochter Beide gepriesen haiten.
Der junge Leonhard Wollmann hatte sich der Malerei
gewidmet, war mit mir auf der Akademie gewesen,
und hatte Zuneigung zu mir gefaßt. Er konkurrirte
mit uns Anderen um den Preis für Rom.
Man war in jenen Tagen des neuerwachten
deutschen Künstlerlebens in den reichen und gebildeten
jüdischen Kaufmannsfamilien den strebsamen jungen
Künstlern sehr geneigt, so daß mehrfach Ehen zwischen

18
den Töchtern solcher Familien und jungen, unbe-
mittelten Künstlern vorgekommen waren; und daß ich
mich aus den unteren Ständen emporgearbeitet hatte,
rechneten mein Freund und die Seinen mir als ein
Verdienst an. Ich ging ebenso gern in das Haus,
als man mich dort freundlich aufnahm.
Obschon ich es mir ableugnen wollte, war es mir
aber immer noch etwas Schmeichelhaftes, in große
Gesellschaften geladen zuwerden, etwwas sehr Angenehmes,
mich in einem guten, modischen Anzug zu zeigen; und
es kostete mich immer eine gewisse Neberwindung, diese
Freude und daneben auch die Besorgniß nicht zu ver- -'
rathen, ob ich auch nichts thäte oder sagte, was gegen
die gesellschaftliche Form verstieß.
Weil ich mich hüten wollte, zu früh zu erscheinen, -
kam ich an dem Abend erst spät, nachdem ich zu Hause, -
wer weiß wie oft, nach der Ühr gesehen hatte, ob es -
noch nicht an der Zeit sei, mich auf den Weg zu
machen. Man tanzte auch bereits, als ich in den Saal
eintrat; und mit dem ersten Blicke gewahrte ich an -
dem andern Ende des Saales Clamor mit der Tochter
des Hauses in eifrigem Gespräch.
Es war, bald nachdem ich mit Leonhard näher
bekannt geworden war, einmal zwischen uns die Rede

9
auf meine Heimat gekommen, und ich hatte dabei er-
fahren, daß Clamor im Wollmann'schen Hause viel
verkehrte. Ich hatte mich damals sofort der Aeußerungen
erinnert, welche er und der Graf über die Familie
und die Tochter des Kommerzienraths gethan hatten,
und mich bei manchem Anlasse wieder daran erinnert;
aber ich war Clamor in dem Wollmann'schen Hause
noch niemals begegnet, und ihm überhaupt nicht wieder
persönlich nahe gekommen seit dem Tage, da er mir
das Geldgeschenk gemacht hatte. Nur an mir vorüber-
reiten oder mit Anderen an mir vorübergehen hatte
ich ihn bisweilen gesehen; und Cäcilie, Leonhard's
einzige Schwester, hatte mit mir sehr oft von ihm ge-
sprochen. Sie hatte ihn gerühmt, hatte mich nach
seinen Eltern gefragt, mich von seiner Schwester er-
zählen machen, und ich hatte aus ihren Reden mir
entnehmen können, daß er zu ihren Verehrern und
Günstlingen gehöre.
Sie sah sehr schön aus an dem Abende, mit den
dunkelrothen Granaten in den schwarzen Locken, wie
sie die leuchtenden Augen gegen den hochgewachsenen
Elamor mit freudigem Aufschlag in die Höhe hob.
A?I ?? -- ======-=-
9

18O
nickte sie mir wie einem alten Bekannten freundlich
zu, und während ich mich ihren Eltern vorzustellen
ging, sah ich an ihren und Clamor's mich begleitenden
Blicken, daß von mir die Rede sein mußte.
Es war nicht ohne Zagen; daß ich mich ihnen
endlich nahte, denn das Selbstgefühl, welches man
innerlich mit seinem Können und mit seinen Erfolgen
gewinnt, setzt sich bei uns in Armuth und Niedrigkeit
Geborenen, nicht g leich in die geprägte baare Münze
des gesellschaftlichen freien Empfindensund unbefangenen
Gebahrens um. Ich wußte es also der liebenswürdigen
Cäeilie herzlich Dank, daß sie mir so freundlich die
Hand entgegenreichte, daß sie mich mit ihrer Anrede
der Nothwendigkeit enthob, das erste Wort zu suchen.
,Wir hatten eben von Ihnen gesprochen, als Sie
eintraten,! sagte sie. ,Graf Berkow hat mir und dem
Herrn von Marville erzählt, daß er heute bei Ihnen
ein sehr hübsches Bild von Fräulein von Marville ge-
sehen, welches Sie aus der Erinnerung für deren
Eltern zum silbernen Hochzeitsgeschenk gemalt haben.
Er hat es uns so reizend beschrieben, daß ich es durch-
aus sehen muß, ehe Sie es absenden.?
Ich entgegnete, daß es noch nicht fertig sei, daß
es bis Mittsommer in meinen Händen bleiben und ich

u1
mich sehr geehrt fühlen würde, wenn sie kommen wolle,
es anzusehen.
, Gewiß will ich das! Ich komme mit meinem
Bruder zu Ihnen, sobald Sie es vollendet haben.
, Und Sie haben nichts dagegen,! fiel Clamor
gegen Cäcilie gewendet ein, ,wenn ich Sie dann be-
gleitek-
,So lange wollen Sie warten? Das ist sehr
galant für mich und sehr ungalant und sehr geduldig
gegenüber Ihrer Schwester!' scherzte Cäeilie. ,Aber
so sind unsere Herren Brüder sammt und sonders.
Hätte Ihnen der Graf erzählt, Kronau habe aus der
Phantasie ein entzückendes Kinderbildchen irgend einer
Sängerin oder Tänzerin gemacht-
,Oder das Ihre!' fiel Clamor ihr in's Wort.
,Still!' rief Cäcilie, , mit einem so billigen In-
termezzo kaufen Sie sich von meiner Strafpredigt
nicht los. Sie Alle sind neugierig wie die neugierigste
Frau, wenn es sich um eine Ihrer bewunderten
Bühnenheldinnen handelt; und von einer wahrhaft
stoischen Gelassenheit gegenüber uns anderen Frauen-
zimmern.!
, Und das sagen Sie? Sie mir? rief Clamor
g -

18
mit einer Wärme, die wahrer klang, als der scherzende
Ton der Unterhaltung es erwarten ließ, so daß Cäcilie
roth wurde, und Clamor, als sei er über sich selbst
verwundert, sich zu mir kehrte.
,Ich erfuhr hier erst,! sagte er, , daß Sie eben-
so wie Fräulein Wollmann's Bruder um den Preis
für Rom konkurriren. So kommen Sie, wenn Sie
Glück haben, vielleicht noch eher in die Welt als ich.!
Mir fiel eine schwere Last vom Herzen. Ich hatte
gefürchtet, Clamor könne mich auch heute noch wie in -
des Grafen Zimmer und in dem Kasernenhofe mit
,Dur! anreden, und mir überlegt, ob und wie ich das
hinzunehmen habe.
,Sie haben aber in Ihrer Kindheit schon ein
Stück Welt gesehen, Herr von Marville,! entgegnete
ich, ,als ich noch in Ihres Herrn Vaters Hof und in
Holzschuhen umherlief.?
Ich wollte ihm zeigen, daß ich mich meines Her-
kommens nicht schämte, und nicht verlangte, es von,
ihm, nun er mich behandelte, wie es sich gebührte,
vergessen zu sehen. Das schien ihm zu gefallen, und
mehr noch, als Cäcilie hinzusetzte:
, Helmar hat uns oft erzählt, daß Sie in Ihrer
Jugend ein schlimmer Kamerad gewesen wären, und

188
- ihn tüchtig gedrillt und durchgefuchtelt hätten beim -
Soldatenspiel. Es sei ihm später aber doch zugut ge-
kommen. Er habe im Schlosse und von Ihnen gehen
und stehen gelernt, und, wie Figura lehrt, so elegant-
als Einer!''
Wir waren durch Cäciliens Anwesenheit und Ge-
schick in den Ton eines bequemen Scherzes hinein-
gerathen, und Clamor hatte unverkennbar Lust daran, -
da es dem von ihm bewunderten Mädchen so gefiel.
Mich aber trieb es, den Grafen aufzusggen, um nun,

? : =a?
raschem Unbedacht um so mehr gefehlt zu haben
glauhte, da ich ihm thatsächlich eine Unwahrheit ge-
sagt; denn ich hatte, wie erwähnt, bis dahin nicht im
Entferntesten daran gedacht, das Bild meiner Beschützerin
zu schenken.
Als ich ihn in einem der Nebenzimmer traf, -
brachte ich ihm meine Sache ohne Weiteres vor. Ich
sagte, wie ich mir einen Vorwurf daraus gemacht
habe, seinem Verlaggen nicht sofort nachgegeben zu
haben. Ich bat ihn deshalb um die Erlaubniß, so-
gleich eine Kopie des Bildes für ihn in Angriff
nehmen, und sie ihm als ein Zeichen verehren zu

18s
dürfen, wie lebhaft ich seine andauernde Güte für mich,
empfände.
Der Graf dankte mir für meinen guten Willen.
,Ich habe an demselben und an Ihrer Anhäng-
lichkeit für mich nie gezweifelt, ! entgegnete er mir,
,aber die Kopie lassen Sie für's Erste unterwegs. Es
ist dem Maler wohl erlaubt, Köpfe, die sich ihm auf
irgend eine Weise fest und Feutlich eingeprägt haben,
für seine Zwecke zu benützen, natürlich in einer Weise,
die dem Origgale nicht zu nahe tritt. Es wird ja
auch kelüaHfAüdigen Manne einfallen, ohne alle
Berechtigung gne Diite von Stand in einer ihr nicht
angemessenen Gestalt oder Situation darzustellen. Daß
Sie, mit glücklichem Gedächtniß und mit sicherer Hand
begaht, Fräulein von Marville für deren Eltern zum
Angebinde malen, ist hübsch, und in der Ordnung.
Daß ich Beschlag auf das Porträt meiner jungen An-
verwandten legen wollte, war eine Nebereilung. Ich
hatte anzufragen, ob ihre Eltern mir den Besiz eines
solchen Bildes gönnen würden. Sie, lieber Freund,
haben aber noch weit weniger das Recht, Sie haben
durchaus kein Recht,! bemerkte er scharf und bestimmt,
,Fräulein von Marville's Bld für mich oder für wen
sonst es immer sei, zu malen.!

18B
Ich war gewohnt, manche mir sehr nöthige Lehre
und Zurechtweisung von dem Grafen zu erhalten, und
hatte sie immer gern empfangen. Er war zwwölf Jahre
älter als ich, war mir an Bildung, Rang, Erfahrung
weit überlegen, und seine gemessene, freundliche Weise
machte selbst den Tadel nicht verletzend. Hier aber,
wo es sich um ein künstlerisches Recht handelte, meinte
ich, besonders weil des zGrafen Ton mir härter und
kälter klang als sonst, nicht unbedenklich nachgeben zu
müssen. Ich behauptete also, daß Daejeuigg, was der
ewe pe ee nwoons fggEßaen aoe
habe, oas er in feie seväaFF ein Egenes
gleichsam unwillkürlich erworben habe, und allerdings
absichtlich bewahre, ihm auch zu freier Benutzung für
seine Zwecke dienen dürfe.
,Ich dürfte,' sagte ich, , wenn ich das Glück ge-
habt hätte, von Fräulein von Marville ein Porträt
zu machen, dieses Porträt vielleicht nicht für mich ko-
piren, dürfte auch in diesem Falle den Kopf nicht
anderweit für meine Zwecke verwenden, ohne die Er-
laubniß des Originals dazu erhalten zu haben; aber
-
was ich frei aus mmeiner Seele erzeuge, das, dünkt
mich, ist so gewiß meinem freien Schalten preis-

18e
gegeben, und so gewiß mein eigen, als mein Gedächt-
niß selber und mein künstlerisches Vermögen.

,Sehr scharffinnig!! meinte der Rittmeister, ,und
in der Künstlerwelt vielleicht zu Recht bestehend! Nur
vergessen Sie nicht, Lieber, daß die Künstlerwelt nicht
die Welt ist, und daß man in den verschiedenen Lebens-
kreisen verschiedene Ansichten über das Erlaubte und
das nicht Erlaubte hat. Was dem Einen als sein
Recht erscheint - und vielleicht kein Unrecht ist --
hält der Andere für sich nicht erlaubt, nicht schicklich.
Wenn der Knßler durch sein Auffassungsvermögen,
und sein GedgchtnißpVorzüge vor Anderen besizt, so
hat er für dieses sein Gedächtniß, das uns und un-
sere Erscheinung ohne unsere Zustimmung in Beschlag
nimmt, mit einer um so größeren Zurückhaltung ein-
zustehen. Aber,' setzte er abbrechend rasch hinzu, ,das
ist zulezt Ihre Sache! Was mich betrifft, so habe ich
Ihnen gleich heute früh gesagt, daß ich nicht daran
i
denken darf, mich in den Besiz dieses Bildes oder j
seiner Kopie zu setzen ohne die Zustimmung der be-
treffenden Personen; und vor dem Mittsommertage kann j
davon ja nicht die Rede sein, obschon ich bald einmal -
nach Hause, und nach Waldritten zu gehen veranlaßt
sein werde.!


Er sprach darauf mit mir von anderen Dingen,
so wie sonst. Es kam mir aber vor, als sei er nicht
mit mir zufrieden, und da ich nachher tanzte, und er
sich frühzeitig entfernte, sah ich ihn nicht wieder.
Dafür traf ich mit Clamor zu verschiedenen Malen zu-
sammen, und er benahm fich gegen mich, als hätte er
die Rolle mit dem Grafen ausgetauscht, als habe er
plötzlich den Abstand vergessen, der meine Herkunft
von der seinen trennte. Er zeigte sich leichter in seinen'
Umgangsformen, er sah dadurch freier und schöner
aus, als mit dem Ausdruck von Hoäßmuth, den er
sonst zur Schau zu tragen liebte; und wie ich ihn
darauf näher beobachtete, und seinem Thun und Treiben
folgte, mußte ich mir es sagen, daß er Cäcilien auf-
fallend huldige, daß sein Hängen an ihren Augen seine
Verliebtheit in sie verrieth.-
Schön sahen sie neben einander aus, der große,
prächtige Mensch in der knäppen Uniform, mit seines
Vaters von jenseits des Rheines stammendem schwarzen
Lockenkopf, und mit den stolz geschwungenen Lippen
und Brauen des alten Waldern'schen Geschlechtes; und
daneben die reizende Cäcilie, ihres glücklichen Bruders.
oft benütztes Vorbild. Aber Clamor von Wäldern-
Marville, und ein Judenmädchen! und wäre es auch

18
die Tochter eines so angesehenen Hauses, wie das der ?
Wollmann's, das war ja ganz unmöglic.
Während ich das dachte, flogen Clamor und Cä
cilie an mir vorüber. Er hielt sie nahe an sich
gepreßt, sie hingen Blick an Blick, ihr Mund lächelte
zu den Worten, die ihr Ohr von seinen Lippen nah be-
rührten. -- Wenn sie ihn liebte! Wenn er übermüthig I
sein Spiel mit ihr trieb!- Sie kannte seinen Hoch- --
muth nicht, nicht die Absichten und Wünsche des
Generals. Ich erinnerte mich, wie der Diener einmal
gesagt, als wir noch Alle Kinder waren: , Seit wir
hier im Schlofse find, wo die beiden alten Wappen
in Stein ausgehauen über dem Portal prangen, denkt
der General nicht mehr daran, von wannen er her-
kommt; unter Grafen thut er es einmal mit seinen-
Kindern nicht.! Und mein Vater hatte das auch noth- - -
wendig, und in der Ordnung gefunden; denn bis auf
den General war noch kein Tropfen bürgerliches Blut - -
gekommen in das Waldern'sche Geschlecht, und der
General hatte das gutzumachen, wie mein Vater
meinte.
Ich hatte Cäcilie aufrichtig lieb. Ihrer Warm-
herzigkeit, ihrer gutmüthigen und klugen Offenheit,
ihrem Geschick, die Menschen, welche sie umgaben, zu

189
brauchen, und sie ihren guten Absichten dienstbar zu
machen, dankte ich meine ganze gesellschaftliche Er-
ziehung und mein Vorwärtskommen in der Gesellschaft.
Ich wußte, daß ich an ihr und an ihren Bruder treue
Freunde hatte, und wenn ich es verhindern konnte, -
sollte ihr kein Leid geschehen, auch von Clamor nicht.
Ich wollte sie warnen, wollte ihr die Geschichte vou
den Grafenheirathen wie einen Scherz erzählen, den
zu verstehen sie bei ihrer Klugheit nicht ermangeln
konnte. Wie ich aber das Wort Grafenheirathen in
meinem Innern aussprach, fuhr es mir durch den
Sinn: der Ritkmeister Berkow ist ein Graf, ist Ma-
joratserbe vom ältesten Adel der Ostprovinzen. Das
wäre ein Mann nach dem Sinne des Generals! Und
der Graf war jetzt zum Deftern in Waldritten ge-
wesen! Er hatte Dora's Bild lebhaft begehrt! -
Indeß er war in der zweiten Hälfte der dreißiger
Jahre, und Dora - ich fing zu rechnen an-- Dora
hatte ihr achtzehntes Jahr noch nicht vollendet. Ich -
hatte fast acht Jahre vor ihr voraus. Der Graf
konnte ihr Vater sein. Dora war ja noch ein halbes
Kind. Endlich aber, was kümmerte es mich?
Es kümmerte mich nicht! es ging mich gar nichts
an? Und der Graf? Wo gab es einen besseren,

1
würdigeren Mann als ihn? =- Nur Cäcilie wollte
und mußte ich warnen, das stand fest. Aber ich kam
den ganzen Abend nicht an sie heran, Clamor wich
nicht von ihrer Seite. Ich mußte mich endlich von
ihr verabschieden, ohne sie noch allein gesprochen zu
haben.

Kapitel 12

,wölfles Fapiles.
vFsFaaaBDa
Einige Tage später kam Cäclliens Bruder zu mir
in das Atelier. Wir waren seit jenem Abende in
seinem Vaterhause nicht zusammen gewesen, und in
meine Arbeit vertieft, bot ich ihm den guten Tag,
ohne mich stören zu lassen.
Ich hatte im Sommer bei unseren Streifereien
einmal eine Dorfschmiede skizzirt, vor der im Mond-
schein ein Reiter neben seinem zu beschlagenden Pferde
stand, während die Gluth des Feuers in der Schmiede
ihre rothen Lichter in das Freie warf, so daß die,
Doppelbeleuchtung eine hübsche Wirkung machte. Das
Bild ist später vielfach verbreitet worden, Sie kennen
es vermuthlich, doch will ich es Ihnen hinzeichnen, so
gut es ohne Farbe geht. - Und wieder unterbrach-

1sL
Helmar sein Manuskript mit einer seiner hübschen Feder-
zeicnungen.
,Das wird gut werden!'' sagte Leonhard, nachdem
er, auf dem wackelnden Tische sitzend, das Bild mit
seinen klugen Augen eine Weile angesehen hatte. ,Das I
wird ganz gut! Nur über die Vorderfüße des Pferdes
müßte etwas mehr von dem rothen Streiflicht aus der
Schmiede fallen, denn die verschwinden von den Knieen -
abwärts zu sehr im Dunkeln, in das Nichts. Aber
wende Dich gefälligst um, kniee nieder, und bete mich
an l'! =
Unwillkürlich drehte ich den Kopf nach ihm hin,
und mußte über die Stellung dieses immer fröhlichen
Genossen lachen. Er hatte sich weit nach vorn hin-
übergebeugt und hielt mit süßlichem Lächeln einen
Flederwisch in der Hand, mit dem er nach mir hin-
überwies.
,Was fällt Dir ein? fragte ich.
,Ich bin der Engel der Verkündigung, mein
Holder, und bringe Dir frohe Botschaft. Falte Deine
gläubigen Hände, danke dem Schöpfer, der Dir Dein
gebenedeites Talent gegeben hat, und dann sinke an
meine Brust. Wir gehen zusammen nach Ron!?
,Nach Rom?! wiederholte ich, während ich die

1
Hoffnung nicht aufkommen lassen wollte, die sich mir
im Herzen regte.
,Nach Ronf bestätigte er.,Deine zwwei Jahre
in der Kaserne haben Dir wohl gedient. Die heilige
Jury mit ihrem dummen, akademischen Preise hat wohl-
gefällig gelächelt über Deine nackten Horatier und
Euriatier. Du bist ihr Mann, und wirst hoffentlich
solch' abgedroschenes, bockledernes Motiv in Deinem
Leben nie wieder malen.!
,Aber wie meinst Du das? Die Prämiirung ist
noch lange hin, und die Jury ist geheinnißvoll!'' wen-
dete ich mit wachsender Erregung ein.
, Geheimnifse dringen wie der Sonnenschein durch
die Spalten der geschlossenen Thüren und fallen wie
die Strahlen des Verkündigungsengels lang' vor der
rechten Stunde auf den rechten Fleck, so daß Du schon
in herrlicher Verklärung vor mir glänzest.!
,Laß die Possen, Leonhard! rief ich, ,was hast
Du gehört, was weißt Du?
,Nichts, nichts! Cäcilie hat mir Schweigen auf-
erlegt. Sie besteht darauf, es Dir zu sagen.!
,Daß ich den Preis erhalte?- fragte ich.
,Ja, ja! Da Du es nun ohne meine Schuld
einmal doch erfahren hast!'' meinte er scherzend. ,Der

1s
Direktor selber hat es ihr mit dem Zusatze vertraut,
es sei von einer Wahl die Rede nicht, wo eine Arbeit
alle anderen so entschieden übertreffe. Sie erwarten
von Dir Wunder, die Du nie leisten wirst, denn das
historische Bild ist nicht Dein Fach. Der zusammen-
gekauerte Schmiedejunge, und der kläffende Hund sind
zehnmal mehr werth, als Deine hochbehelmten, breit--
gespreiztenRömer, die ihreAhnen in jedem Aktsaal haben.
, Und Du gönnst mir den Erfolg? fragte ich.
,Was ist denn da zu gönnen? oder was soll mir
an dem Urtheil dieser zopfigen Rhadamanthe gelegen
sein? Mein Vater wollte, ich sollte konkurriren, nicht
um das Stipendium, denn das zu nehmen, hätte ich
ja nicht denken können, sondern wahrscheinlich um meine
hochgehenden Wellen durch eine Niederlage in etwas
abzudämpfen. Diesen Erfolg hat er durch meinen aka-
demischen Mißerfolg im Geringsten nicht erreicht, ob-
schon ich ihm seinen Willen gethan habe. Die Haupt-
sache aber ist -- wir gehen sofort nach Rom, sobald
Du und ich mit den Arbeiten fertig sind, die wir unter
den Händen haben.
,Für's Erste habe ich weder den Preis noch das
Geld!'' wendete ich ein im zaghaften Unglauben an die
Möglichkeit des Glücks.

145
,Den Preis hast Du, und das Geld habe ich.
Ich schieße es Dir vor, und Du kommst auf die Weise
ein halbes Jahr früher an Dein Ziel!?
Ich reichte dem immer gutwilligen, treuen Leon-
hard die Hand; aber wie es mich auch lockte, mich
mit ihm gemeinsam je eher je lieber auf den Weg zu
machen, konnte ich die Aufforderung meiner Wohl-
thäterin nicht vergessen.
,Ich muß nach Waldritten, sagte ich, ,ich habe
den General, und seine Frau dort zu malen, und wahr-
scheinlich die Tochter auch. Im Frühjahr kann ich
noch an keine Reise denken. Vor dem Herbste komm
ich nicht fort.?
,Waldritten? Das scheint dies Jahr zum Wall-
fahrtsort ersehen zu sein! scherzte Leonhard. ,Will
denn alle Welt jetzt mit einem Mal dorthin? Du und
Graf Berkow, und Clamor auch. Am Ende komme
ich noch selber mit, wie Clamor mir's in diesen Tagen
vorschlug.!
Ich fragte, wann er ihn gesehen habe.
Leonhard entgegnete: ,Erst gestern!'?=- Clamor
komme ja häufig in sein Vaterhaus, und sie hätten ihn
Alle gern.
Ganny Lewald. Helmar.
1-

16
, Er macht Deiner Schwester jehr den Hof,
sagte ich.
,Sehr!' entgegnete Leonhard mit Lachen, zund
es macht mir den größten Spaß, zu sehen, wie sie
diesen aristokratischen Sperber zahm bekommen hat.
Als er zuerst in's Haus kam, kreiste er hoch über un-
seren Häuptern in der blauen Luft des reinen Blutes,
als ob sein Vater nicht ehrlich hier in der Brüder-
straße sein bürgerliches Nest gehabt hätte. Nnr jezu-
weilen, und auf kurze Zeit ließ er sich in unseren Be-
reichen nieder. Jetzt!??-- Leonhard lachte wieder hell
auf. - ,Nun, Du hast gesehen, er pickt Cäcilien ge-
horsam, wie ihr Pollo, was sie ihm hinreicht, aus der
Hand, und flattert sehr vergnüüglich, wenn sie ihm das
Zuckerbrod ihrer guten Lehren, das ihm oft schwer
genug hinuntergehen mag, mit einem Lächeln in den
Mund steckt.
,Er war gegen mich von einer Zutraulichkeit, die
mich in Verwunderung setzte!' bemerkte ich.
,Ja, Cäcilie reformirt ihn gründlich, und er ist
gelehrig. Wie sollte er auch nicht?
,Glaubst Du, daß er ihr gleichgültig ist?
fragte ich.
,Durchaus nicht. Er gefällt ihr sehr! Sie sind

1?
Beide gescheidt, Beide übermüthig, und voll Selbst-
vertrauen.!
,Aber was soll daraus werden? fiel ich ihm ein.
, Ein Paar! wenn sie so fortgehen, wenn es ernst-
haft wird, und wenn sie's wollen. Wo nicht, ein In-
termezzo mehr in dem Regisiex von Cäciliens Phan-
tasieen und Eroberungen.!
, Und wenn durch die aristokratischen Neigungen
von Clamor's Vater für Deine Schwester ein Schmerz
aus diesem Spiel erwüchse??
,Mondbewohner! Mondscheinschwärmer!r lachte
Leonhard. ,Mädchen, wie meine kluge Schwester
sterben nicht an Liebesleid. Und aristokratische Vor- -
urtheile?-- Er zuckte die Schultern.- ,Die Welt
sieht bei uns in den großen Städten anders als bei -
Euch auf dem Lande aus. Mach' Dir keine Sorge.-
Wir gehen nach Waldritten und nach Rom! Cäcilie-
behauptet, es sei eine Heirath im Werke zwischen
Berkow und der Schwester Clamor's, aber darin irrt
sie, wie ich glaube. Der Graf ist seit langen Jahren
mit einer Frau von Stande enfilirt, die ihn schwerlich
freigiebt.
Ich hatte nie ein Wort davon gehört. Ich war
ein guter, unschuldiger Junge. Derlei hatte ich meinem
1

gg
148
Beschützer, dem Grafen Berkow, in dem ich das Vor-
bild aller Tugend und Ehrenhaftigkeit verehrte, nicht
zugetraut.
, Einen Liebeshandel mit einer verheiratheten
Dame?! fragte ich zwweifelnd.
,Natürlich! sonst würde ja der Handel nicht so
lange dauern, würde er längst auf die eine oder die
andere Art zu Ende gekommen sein. Aber vielleicht
wünscht er sich zu verheirathen, um die Kette zu brechen,
was, wie uns das Scribe'sche Lustspiel lehrt, nichts
weniger als leicht ist. ?
, Und dazu,'! fragte ich, ,soll Clamor's Schwester
ihm das Mittel sein?
,Weshalb nicht? meinte Leonhard. ,Der Graf
ist kein Mann, der etwas halb thut. Reißt er sich
dorten los, so kommt er ganz und ehrlich zu der neuen
Wahl, zu seiner jungen Frau, und - sicherlich sehr.
gut geschult. Man lernt fügsam und liebenswürdig-
sein in den Händen einer älteren, einer schönen, und -
koketten Frau.!
,Für Fräulein von Marville ist aber der Graf
doch viel zu alt!' bemerkte ich, um mich zu überreden,-
daß an eine Heirath Dora's mit dem Grafen nicht zu-
denken sei.

19
,Zu alt? Der Graf zu alt? Frage doch die
jüngsten Mädchen, wie sie den Grafen finden! Sie
sind ja durch die Bank von seiner Liebenswürdigkeit
entzückt, und seines Lobes voll. Der Gräf steht zum
Major, und würde, wie ich neulich hörte, der jüngste
Major sein in den Garden. Er ist just alt geng,
sich eine sehr junge Frau zu wünschen, und jung
genug, sie zu bekommen, wenn er's will. =- Nun aber
vorwärts, und hinaus! Was geht's uns an! Komm'
und verrathe Cäeilien nicht, daß ich in meiner Freude
aus der Schule schwatzte. Verdirb ihr nicht den
Spaß!-
Der Kopf ging mir in die Runde. Ich! ich sollte
nach Rom, und Dora sollte den Grafen heirathen, um
ihn aus einer Verbindung zu befreien, die ihm drückend
geworden war! =- Das war auf einmal gar zu viel!
Ich bewunderte den Freund, der Alles, aber auch Alles
so gelassen hinnahm, den Nichts kränkte, und Nichts
reizte. Indeß ich kam mir besser vor als er.
--

Kapitel 13

reisehnles Fapilel.
Was Glück sei, das glaubte ich damals in seinem
vollsten Maße zu erkennen. Wohin ich mich wendete,
lachte mir das Leben, und mit dem Erfolge wuchsen
mir das Streben und die Kraft. Fch bin heute noch
kein fauler Knecht. Aber wenn ich denke, was und
wie ich in jener Zeit gearbeitet habe, bekomme ich
Wohlgefallen an mir, und Respekt vor dem festen
Wollen eines ordentlichen Menschen; denn der war ich,
und gottlob! der bin ich, wie ich mir bewußt bin,
auch geblieben.
Meines Reisestipendiums sicher, lebte ich ohne -
Sorge, denn meine Schmiede fand rasch einen Käufer.
In der Wollmann'schen Familie hielt man mich wie
ein Kind vom Hause, und ich und Clamor waren nicht
die Einzigen, welche durch die hohe Bildung jener-

1s
trefflichen Menschen gefördert und auf den rechten Weg
gewiesen und festgehalten wurden.
Damals, als die Juden weder staatlich noch ge-
sellschaftlich so gleichberechtigt waren, als sie es nach-
dem geworden sind, fanden sich immer einzelne Familien,
die für sich persönlich die gesellschaftliche Gleichstellung
durch ihren persönlichen Werth errungen hatten, und
sie mit würdigem Selbstgefühl nach jeder Richtung zu
vertreten wußten. Im Hause des Kommerzienraths
machte ich meine ersten bedeutenden und mir nützlichen
Bekanntschaften; und mehr als das, ich lernte in den
Kreise dieser begeisterten Verehrer alles Großen und
Schönen, unsere klassische Literatur, ich lernte Goethe's
Werke anders kennen als bis dahin. Und wie ich die
Meisterwerke der Musik in ihrem Hause zuerst zu
hören bekam, so war es auch wieder der Vater Leon-
hard's, dessen gelegentliche Aussprüche mir maßgebend
für meine Lebensführung wurden. Von ihm hörte ich
zuerst das bedeutsame: Zeit ist Geld und Geld ist
Macht! Fhn hörte ich einmal sagen: Einen verlorenen,
Thaler findet oder erwirbt man wieder; eine verlorene
Stunde und der verpaßte Augenblick sind unersetzlich!
Und ich habe mir das oft mit großem Nutzen vorzu--
halten, die Veranlassung gehabt.

15
Mit der großen Auswanderung nach Waldritten,
von welcher Leonhard gesprochen hatte, ward es aber
für das Erste nichts. Nur der Graf, welcher in dieser
Zeit sein Maforspatent erhalten hatte, ging nach
Preußen, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt zurück. -

Von Clamor aber hörte ich, daß er für seinen Theil
keinen Urlaub begehren könne, da er ihn im Sommer
für die Silberhochzeit seiner Eltern fordern wolle,
bei welcher Gelegenheit denn auch der Graf ein paar


, s
dritten zu verweilen denke. So konnte also von einer -
Wochen in Preußen bei seinem Vater und in Wal-
Reise Leonhard's die Rede gar nicht sein, und als -
das Osterfest herankam, war ich der Einzige, der sich- ;
auf den Weg nach Norden machte.
Eine Eisenbahn nach Preußen gah es damals --
nicht. Man sah die Schnellpost noch als eine Errungen-- -
schaft an, und ich hatte Zeit zum Nachdenken geng-
während der achtundvierzig Stunden, welche man -«
brauchte, von Berlin nach Königsberg zu kommen, wo -
, mir bei dem Erzieher Clamor's, dem inzwischen zum --
Professor ernannten Doktor Müller, ein Unterkommen -'?
und eine freundliche Aufnahme bereitet waren. Wie --
ich mich einst an seinem Emporkommen aus Niedrigkeit -

158
ermuthigt hatte, so freuten er und der Direktor der
Kunstschule sich jetzt an dem meinen.
Es war ein köstliches Gefühl, mit welchen ich durch
die alten, engen, mir so vertrauten Straßen schlenderte,
in denen ich, mit unserem Korb voll Farbentöpfen und
Schablonen auf der Schulter, an dem und jenem Bilder-
laden so oft bewundernd stillgestanden hatte. Ein
köstliches Gefühl war es, mit welchem ich zu' meinem
Meister ging und zu meines Meisters, an den ersten
Gesellen verheiratheten, hübschen Tochter. Auch den
Diener August suchte ich mir auf. Er betrieb, in einer
unfern vom Hafen gelegenen Straße eine Speisewirth-
schaft. Ihnen Allen ging es wohl. Sie nahmen mich
Alle gut auf, ein Jeder von ihnen rühmte sich, zu
meinem Fortkommen Dies und Das gethan zu haben.
Selbst Christel, die nicht mehr blank und lustig, aber
noch in des Meisters Hause rüstig und im Dienst war,
meinte, sie hätte mir's schön beigebracht, wie Einem
der Hut stehen müsse, um den Frauenzimmern zu ge-
fallen; und die erste Pomade, die ich in mein Haar
gebracht, die hätte sie mir gekocht, weil ich ihr gut zur
Hand gegangen sei. -- Die Menschen find ja gut und
hülfreich von Natur und mögen gern gefördert und
Anderen geholfen haben. Ich gönnte es ihnen Allen,

154
freute mich mit Allen. Sie waren wie die einzelnen
Farben in meines Lebens heiterem Bild. = Bei
Allen sollt' ich essen, bei Allen trinken. Von August.
der die Müllerstochter aus des Generals Mühle zur -
Frau genommen hatte, kam ich auch nicht los.
,Sehen Sie,! sagte er, während er sich bequem
an seinem Tische niederließ und eine Flasche Bordeaux.
entkorkte, ,hinter der Herren Stühle steh' ich nun nicht
mehr; und diesen Bordeaux bezieh' ich von der Quelle.
Direkt von den Schiffen kommt er mir in's Haus.
Fezt bin ich hier am Hafen und habe die Kapitäne
zu Gästen. Kommen Sie in zehn Jahren wieder, und
Sie sollen bei mir oben in der Stadt in einem Gast-
hof wohnen, wie am Rhein, so wie sie ihn hier zu
Land noch gar nicht kennen. Ich habe noch nicht
mein letztes Wort gesagt; und Sie, denke ich, auch
noch nicht. Stoßen Sie mit mir an! Bei uns Preußen
heißt es wie beim alten Blücher: Immer vorwärts!
Immer vorwärts, Herr Kronau! Ich habe hier in
meinen Zeitungen schon von Ihnen gelesen und mir
dann gesagt: Den hab' ich auch auf den rechten Strich
und in den Trab gebracht! Also vorwärts, Herr
Kronau! Sie und ich !-
Ich riß mich nur mit Mühe von so viel gutem

1?
Willen los, um noch einmal die Post zu besteigen,
die mich auf der neugebauten Chaussee bis vor das
Schloß von Waldritten fahren sollte, denn der General,
der mit seiner organisirenden Thätigkeit ein wghrer
Wohlthäter des Ortes und seiner Umgebung geworden
war, hatte es auch durchgesetzt, daß man Waldritten
zu einer Poststation gemacht hatte.
Während ich aher, das Herz voll seliger Träume,
meiner Heimat zufuhr, hatte die Gnädige meinen
Vater rufen lassen. Er stand noch strack auf seinen
langen Beinen und versah noch immer seinen Dienst,
obschon er jetzt ein ganzes Ende über sein siebzigstes
Jahr hinaus war.
,Ich habe mit Dir zu reden, Kaspar!? sagte sie,
,und ich möchte, daß Du nicht wieder Deinen Kopf
aufsetztest und widerspenstig würdest wie damals, als
wir hierher gezogen sind. Du weißt heut Nachmittag
kommt der Helmar.!
,Ja!! entgegnete er, ,er hat es ja geschrieben.
Wir haben's auf ihn eingerichtet.
,Das ist's eben! fiel ihm Frau von Marville
ein, , der Helmar soll im Schlosse wohnen, nicht
bei Dir.?
Der Vater schwieg. Der General hatte ihn zu

15e
seinem siebzigsten Geburtstag auf Lebenslang und so
lang die Mutter leben würde, in das ehemalige kleine
Gärtnerhaus gesetzt und ihm das ordentlich zurecht-
machen lassen, während mein Bruder, der nun der
erste Brauer war, der Eltern frühere Wohnung für
sich bekommen hatte.
Frau von Marville fragte, weshalb der Vater
keine Antwort gäbe.
,Gnädige Frau !- sagte er, ,die Mutter hat's
für ihn in der Hinterstube mit dem besten Zeng zu-
rechtgemacht, und wenn er nun auch höher herauf-
gekommen ist als wir, und was geworden ist, und
Verkehr hält mit Herrschaften, die nicht unseresgleichen
find =- schlafen wird er wohl noch können, wo sein
Vater und seine Mutter schlafen und ihr Eigen haben.!
,Schlafen freilich! Aber arbeiten kann er nicht
bei Euch!
,Dafür haben ja die gnädige Frau schon vor
einigen Tagen ihm die Werkstätte in dem grauei
Zimmer einrichten und die Fenster bis über die Hälfte
dunkel vernageln lassen. Arbeiten kann er, wo er seine
Arbeit hat. Aber er müßte ein schlechter Kerl ge-
worden sein, wenn er nicht am liebsten schlafen wollte
unter seines Vaters Dach. Und, gnädige Frau, ich


weiß, wie sich's gehört für Einen, der es besser ge-
wohnt ist als Unsereiner. Wir haben ihm von unserem
Gebett gegeben, und ich habe auf dem lezten Markte
Waschzeug und was er braucht, gekauft. Er hat, seit
er etwas vor sich bringt, redlich sein Theil hierher-
geschickt. So ein paar Stück Geschirr und derlei
waren just nicht alle Welt.?
Die Gnädige fuhr sich über die Augen.
,Nun, alter braver Eigensinn,'! sagte fie, ,halte
das. wie Ihr wollt. Du siehst, ich gebe nach, nun
thu' Du's auch. Es versteht sich, daß Helmar mit
uns lebt und ißt. Du selbst sagst mir, daß er ein recht- --
schaffener Mensch ist und seine Schuldigkeit an seinen
Eltern thut. Glaubst Du, daß es ihm schmecken, daß
er mit Ruhe essen wird, wenn er am Tische sitzt und
sein alter Vater mit der Serviette hinter ihm steht
und ihm das Essen präsentirt??
,Nein versetzte er, ,das glaube ich nicht; und
Fxau Generalin, halten zu Gnaden, das hätte ich auch
nicht gethan. Ich hatte schon die Herrschaft bitten
wollen, es ihm und mir nicht anzuthun. Aber sehen
möcht' ich's, mit Verlaub, denn doch! Sehen möcht'
ich's mit meinen Augen, wie mein Junge mit meinen
Herrschaften zu Tisch sizt. Ich hab's schon abgesprochen

158
mit dem Friedrich. Ich trage Alles zu und schneide
auf am Schenktisch. Ich hab' ihm sein Brot geschnitten,
bis er fortgekommen ist von meinem Tisch. Ich werd'
ihm der Herrschaften Braten aufschneiden an der Herr-
schaften Tisch, und der wird ihm glatt heruntergehen,
wenn er weiß, daß ich's so will und thue, mit der
Herrschaften Vergunst.
Frau von Marville reichte ihm die Hand.
,Du bist der bravste Mensch, der lebt,? sagte fie
,und der Herr General wird sicherlich auch nichts da-
gegen haben, daß ich Dir Deinen Willen lasse.!
,Ic glaub's auch nicht!'' sagte der Vater, ,und
ich danke der gnädigen Frau. Sehen, gnädige Frau,.
Jeder so nach seiner Einsicht, so nach seinem gsnebsat;
und Jeder an seinem Platz und wo er hingehört.!
Er küßte der Herrin die Hand, sie ließ ihn gehen.
Als er an der Thüre war, rief sie ihn zurück.
,Kkaspar!? sagte fie, ,wenn Du merkst, daß bei
Euch etwas für ihn fehlt, sag's der Wirthin. Er soll
es gut haben bei seinem alten Vater. Ich will die
Wirthin anweisen, daß sie Dir giebt, was Du verlangst.
Er braucht gar nicht zu wissen, wo es herkommt.!
,Schön Dank, gnädige Frau, ich habe Alles, so-
gar ein Deckchen vor dem Bett =- und schönes weißes

159
Bettzeug! Ich habe nichts gespart für den langen
Schlingel. Er ist ja unser Jüngster, und wir haben
noch was gut zu machen an ihm. Das lezte Mal,
als er hier gewesen ist, sahen wir ihn Alle noch nicht
für voll an und ließen ihn das merken.!
Damit ging er fort, und das war gegen Mittag.
Am Nachmittag, als die Post am Hofthor hielt und
der Postillon in's Horn stieß, wie ich ihn gebeten
hatte, stand der Vater schon am Thor. Ich sprang
hinunter und fiel ihm um den Hals. Er faßte mich
um und küßte mich, und die Thränen liefen ihm aus
den Augen.
,Macht nichts!! sagte er, , das kommt blos vom
Alter! Gieb die Sachen her! Vorwärts!? Er schämte
sich wie immer seiner Rührung; er hielt sie immer
noch für einen Luxus, der ihm nicht gebührte. -
Er hatte einen Jungen herbeigerufen, dem gab er
meine Mappen und mein Malgeräth.
,Trag' das in's Schloß! - und, rief er dem
Bruder zu, der inzwischen auch herbeigekommen war,
,Du, Fritz, fass' mir den Koffer an, wir wollen dem
Maler, dem Herrn Kronau, seine Sachen,! schmunzelte
er, ,herübertragen zu der Mutter, denn die läßt es sich

1O
nicht nehmen; und so ist's abgesprochen mit der

Herrschaft.
Die helle Freude lachte ihm aus dem guten Ge- -
sicht. So hatte ich ihn nie gesehen. Er wollte es
nicht leiden, daß ich Hand anlegte an den Koffer.
,Hab' ich Dich getragen, trag' ich auch den -'
Koffer,'' sagte er, obschon der Bruder meinte, er wiege- !
seine hundert Pfund. Aber auch der Bruder ließ sich,
besser als vordem an; und als ich zur Entschuldigung I
meines großen Koffers sagte, wie ich viel Verdienst
gehabt in letzter Zeit, und für Alt und Jung sich etwas
in dem Koffer fände, sah mich der Bruder an, setzte
den Koffer nieder, damit der Vater sich ruhen und ich
für ihn eintreten sollte, und sagte:
,Daß aus Dir und all' Deinem Gepinsel doch
noch was geworden ist! Der Karl und ich, wir haben's -
nie geglaubt. Und was er für einen Sammetrock hat
und für nen großen Filzhut!''
Des VatersFreude aber war und blieb immergrößer
und auch reiner als der Brüder Freude. Sie konnten
innerlich nicht recht verschmerzen, daß sie nicht Maler
und nicht Herren waren so wie ich. Sie dachten,
wäre die gnädige Frau ihre Pathe gewesen, so wie
meine, so hätten sie's gezwungen so wie ich. Aber

11
sie waren brave Menschen, und sind auf ihre Art auch
vorwärts und zurecht gekommen so wie ich.
Die Eltern wohnten gut. Die kleine Stube, die
für mich mit ihren besten Sachen aufgeputzt hatten,
lag freundlich nach dem großen Rasenplatz hinaus.
Die Fliederlaube vor den beiden Fenstern hatte ihre
Blätter schon entfaltet, die Festzeit fiel in dem Jahre
spät. Es gab, was bei uns zu Lande selten ist, einmal
-grüne Ostern.
Der Kaffee stand auf dem Tisch, Butter, und
Honig aus den eigenen Stöcken fehlten nicht; der
Brüder Frauen mit ihren Kindern waren in der Stube.
Die Mutter hatte, wie sie sagte, vor Verwunderung
keinen Kopf. Sie kam über ihr: ,Daß das der Helmar
ist!'' gar nicht hinweg. Sie nahm immer das Ver-
kehrte in die Hand und lachte dann darüber, und als
ich endlich die paar Herrlichkeiten, die ich für sie mit
mir führte, aus dem Koffer zum Vorschein brachte, da
sah ich, wie glücklich die Menschen daran sind, die
-etwas fortzugeben haben. Alle sprachen durcheinander,
- Alle reichten mir die Hände. Nur der Vater saß still
in seiuem Stuhl und sagte nichts. Ich sah aber, daß
er zufrieden war, und war's nun selber zehnfach. Eine
»Stunde war vergangen, ehe ich in das Schloß kam.
Fanny Lewald. Helmar.
- 1

18
Ich fand meine Wohlthäterin allein in ihrem
Kabinet. Sie stand auf, als man mich ihr angemeldet
hatte, kam mir ein paar Schritte entgegen, und mit I
dem Läächeln, das mir wie die Erinnerung an hellen s
Sonnenschein in dem Gedächtniß geblieben war, zu ,;
mir emporsehend, sagte sie:
,Willkommen, Helmar ! Bist Du ein schöner
Mensch geworden!?
,Ach, gnädigste Frau! Gnädigste Frau!r - Das.
war Alles, was ich vorbringen konnte, während ich.
ihr ein Mal um's andere die Hand küßte, die sie mir .
entgegengereicht hatte. Ich hatte sie nicht gesehen seit
der Stunde, da ich als Knabe die Heimat verlassen.
Sie merkte, wie sehr ich erschüttert war, sie war
selbst gerührt.
,Beruhige Dich!- sagte sie, ,und danke dem
Himmel, der Dir gnädig gewesen ist. Es war eine
glückliche Stunde, in welcher, Du geboren worden, und-
ein glücklicher Tag auch für mein Leben. Möge die
Zukunft uns Allen auch ferner gnädig sein.?
Sie hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie:
,Und nun komm ! seze Dich her, und erzähle mir
von Dir und Deinem Ergehen, und auch von meinem
Sohne. Glamor hat mir geschrieben, daß er Dich oft.

188
e.-
gesehen habe. Wie geht es ihm? Sieht er gesund
aus? und wann sahst Du ihn zuletzt??
Aber noch ehe ich ihr die Antwort geben konnte,
ließ sich Pferdegetrappel vernehmen auf dem Hofe.
Der General und Dora ritten die Rampe hinauf, sie
hielten vor dem Schlosse. Mit einem Satze war ich
draußen, und ehe noch der Reitknecht herangelaufen
kam, hob ich sie aus dem Sattel, und hielt sie in
meinen Armen - einen kurzen Augenblick.
,Helmar! lieber alter Tölpel!r rief sie, ,bist Du
endlich da?-
,Dora!? tadelte der General, ,laß die Kinder-
possen!-
,Ach, das kann er doch nicht übel nehmen, lieber
Vater! - Nicht wahr, das nehmen Sie nicht übel?
rief sie. ,Ich hab' mich so gefreut!
Ich hätte sie küssen mögen für dies Wort! und
sie war so schön, so gut, so kindlich froh! Man sah
es ihr an, sie war im Sonnenschein der Liebe und
des Glückes aufgewachsen, ein Kind an Unschuld in.
der voll entwickelten jungfräulichen Schönheit. Was
war dagegen das kleine Bild, das ich aus der Er-
innerung gemacht? Ja, Clamor hatte recht gesagt, sie
war der Frohsinn selber; der Frohsinn und die Güte!
1

16s
Es waren goldige Tage, die ersten drei Wochen,
die ich in dem Schloß verlebte. Mir fielen oftmals
die Schlußworte eines kleinen Gedichtes ein, das ich
in der Schule als Kind gelernt hatte: , Alles freuet
sich, lobt und liebet mich!'? So gut war es mir noch
nie geworden in der Heimat.
Der Vater hatte seinen Willen gehabt, hatte mich
an seiner Herrschaften Tisch gesehen, und es dann frei-
willig aufgegeben, den täglichen Dienst zu verrichten.
Den alten Vater sich mühen zu sehen, während ich in
bequemer Ruhe tafelte, das hätte ich auch nicht aus-
gehalten. Indeß er ließ es sich nicht nehmen, besonders
wenn vornehmer Besuch im Schlosse war, gelegentlich
in der Thüre zu erscheinen, oder unter irgend einem
Vorwande durch die Zimmer zu gehen.
Wenn ich dann an ihn herantrat, war es immer
Dora, die als Dritte sich zu uns gesellte, um einige
Worte mit meinem guten Vater auszutauschen, wonach
er dann heiter und zufrieden seinen Rückzug antrat,
um zu Hause zu erzählen, daß ich gerade wie die
Anderen wäre, und wie unter meinesgleichen unter all!
den Herrschaften verkehrte. Sein redliches Bewußtsein,
sein Ehrgefühl und seine Vaterliebe, die waren alle
aus einem Stück in seiner trefflichen Natur.

Kapitel 14

Tierzehnles -uapiles.
Inzwischen hatte ich gleich nach meiner Ankunft
das Bild von Frau von Marville begonnen, und da
es mir gelang, auch das des Generals in Angriff nehmen
müssen; denn wie sehr er auch auf sich selbst gestellt
und seiner selbst gewiß war, trug er doch ein unver-
kennbares Verlangen darnach, sich als den Ersten des
neuen Geschlechtes der Waldern-Marville, der Bilder-
reihe der alten, theils gewappneten, theils Perrücken
und Zöpfe tragenden Herren von Waldern anzuschließen;
und er konnte sich in seiner Uniform und schönen
Stattlichkeit neben den Ahnen seiner Frau in jedem
Betrachte sehr wohl sehen lassen.
Abwechselnd an den beiden Bildern arbeitend,
gingen die Tage im Fluge hin. Meine Arbeit schritt
rasch fort und glückte mir. Der General behandelte
mich sehr rücksichtsvoll, aber wie einen Fremden. Es

18S
gefiel ihm, mich auf die wesentlichen Verbesserungen
aufmerksam zu machen, die er in dem Lauf der Jahre
in Waldritten eingeführt, und durch die er das ziemlich
vernachlässigte Dorf in einen hübschen, freundlichen
Flecken umgewandelt hatte. Er nahm mich in die
neugebaute Schule mit, in die Werkstätten der Hand-
werker, die er auf und neben dem Gute ansäßig ge-
macht hatte. Er lobte auch meine Arbeit, und er ver-
stand mehr von der Malerei und Kunst, als seine
Frau und Tochter. Mehr noch lobte er es, daß ich
gut zu Pferde saß, und, wie er es nannte, mir eine
schickliche Conduite angeeignet hätte. Aber gerade
diese Art des Lobes grenzte die Stellung, und die-
Entfernung ab, in der er mich zu halten für an-
gemessen fand, und die überschreiten zu wollen, mir
auch nicht in den Sinn kam, um so weniger, als er
Frau von Marville in ihrer herzlichen Güte, in der
Freude an dem Emporkommen ihres Schützlings nicht
beeinträchtigte, und Dora, besonders nachdem ich eine
Weile in dem Schlosse gewesen war, in ihrem zutrau-
lichen Verkehr mit mir ruhig und ungehindert ge-
währen ließ.
Er selber forderte mich regelmäßig auf, ihn und
Dora zu begleiten, wenn sie ihren Spazierritt machten.

1se?
Ich wurde öfters als Vierter mitgenommen, wenn man
größere Ausfahrten machte, wurde den Gästen des
Hauses als ein Gast nnd Schüzling in freundlichster
Weise vorgestellt; und wenn der General mich bis-
weilen in der Morgenfrühe mit Dora schon im Garten
antraf, oder wenn sie einen weiteren Spaziergang mit
mir allein unternahm, hinderte er es niemals.
Einem Anverwandten hätte man nicht mehr Ver-
trauen beweisen können, und das ruhige Gleichmaß
dieses glücklichen Beisammenseins wiegte mich in einen
Traum des Friedens ein, an defsen nothwendiges und
nicht zu fernes Ende ich allmälig zu denken verlernte.
Wenn ich nach anmuthig verbrachtem Tage Abends
aus dem Schlosse durch den Garten nach meines Vaters
Wohnung und zu meiner kleinen Klause ging, so-
wendete ich, ehe ich in die niedere Thüre und den
kleinen dunklen Flur eintrat, meine Blicke noch einmal -
nach den hell erleuchteten Fenstern des Schlofses zurück;
und zuversichtlich, wie bei dem Betrachten der Sterne,
sagte ich mir: ,Auf morgen!
Ich hätte damals wirklich von Dora sagen können,
wie es in dem Liede von den Sternen heißt:
,Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht!r

168
An jedem Morgen erfreute ich mich an Dora's
Schönheit auf das Neue, an jedem Morgen machte
ihr erster freundlicher Gruß mich fröhlich für den
ganzen Tag, und wie das Sonnenlict uns oft uner-
wartet einzelne Punkte unserer Umgebung zauberisch
erhellt, so rief oft ein einzelnes Wort von ihr, plötzlich
Erinnerungen in mir wach, um sie mit unvergänglichem,
Lichte für immer in meiner Seele zu beleuchten. So
wunschlos in sich selbst begnügt müssen die Seligen im
Paradiese sein, wenn ein solches irgendwo vorhanden ist.
Die beiden großen Bilder waren sehr rasch unter-
malt, und ich hatte auch Dora's Brustbild zu malen
begonnen. Für den General hatte sich die Uniform
und eine zu ihr pafsende Umgebung von selbst geboten.
Für Frau von Marville hatte man mir die Wahl der
Kleidung freigegeben. Ich hatte sie also derart ge-
wählt, daß sie, ohne sich zu sehr von der augenblick-
lichen Mode zu entfernen, sich dauernd neben dem in
voller Uniform gemalten General behaupten konnte.
Für Dora hingegen bestimmte die Mutter einen
Anzug, der mir unvortheilhaft, der Art ihrer Schön-
heit ebensowenig als ihrem Charakter entsprechend, und
obenein unmalerisch erschien. Ich hatte gewünscht, fie
mit entblößtem Haupte und mit bloßen Armen in

189
einem Kleide von seegrüner Seide zu malen, und durch
ihr welliges braunes Gelock ein leichtes Gerank von
weißen Winden zu schlingen. Indeß die Mutter und
Dora beharrten auf einem weißen bis zum Halse hoch
hinauf gehenden Sommerkleide ünd dem schlicht ge-
ordneten Haar, und ich hatte mich zu fügen, so wenig
mir's gefiel.
Die Mutter meinte, Dora müsse es doch lernen,
nicht immer als wilde Hummel zu erscheinen, müsse
sich an eine ruhigere Haltung gewöhnen; und als wirke
diese Aeußerung auf sie ein, saß Dora, während ich
sie malte, beständig mit einer gewissen erkünstelten
Ruhe vor mir, in welcher ich ihr eigentliches Mienen-
spiel kaum herauszufinden vermochte. So kam ich gerade
mit diesem Bilde, auf das ich mich so sehr gefreut
hatie, nicht zurecht. Es wollte mir nicht glücken.
Was ich heute gemacht hatte, erschien mir morgen als
falsch; denn wenn ich mich neben Dora im Freien oder
in der Eltern Zimmern befand, sah sie so völlig anders
so viel schöner aus, als in dem Atelier, daß ich dann
doppelt unzufrieden an meine Staffelei zurückkam.
Eines Tages hatte ich sie auf einem ihrer Morgen-
spaziergänge begleitet. Der Frühling war mächtig ge-
worden in der Natur, die krausgezahnten, glänzenden,


jungen Blätter der Birken und der Balsampappeln
dufteten mit dem frisch erblühten Flieder um die Wette.
Der ganze Garten war mit Maßlieb und mit Butter-
blumen übersät, und wo man am Waldesrande das
Auge über den Bodei streifen ließ, kamen die Himmels-
schlüsselchen und die wilden Veilchen überall znm Vor-
schein. Die Kirschbäume hatten schon abgeblüht.
Dafür waren über Nacht die rosa Knospen der Aepfel-
bäume aufgebrochen, und in den kleinblättrigen Büschen
der Pfingstrosen fing es an manchen Zweigen schon
röthlich zu schimmern an. Umfächelt von der milden,
frischen Luft, und fröhlich wie die Kinder, waren wir
auf dem Heimweg bis zu dem großen Rasenplatz ge-
kommen, der die Wirthschaftsgärten von dem eigentlichen
Park des Schlosses trennte, und sich umsehend und
stehen bleibend, sagte Dora plötzlich:
, Wissen Sie es noch? Hier auf diesen Platze
haben Sie mir, bald nachdem wir in das Schloß ge-
kommen waren, Ihr Kaninchen geschenkt.!
Ich freute mich, daß sie sich dessen noch entsann,
denn ich hatte auch daran gedacht, als ich zum ersten
Male wieder des Weges gekommen war, und ich dankte
ihr dafür.
,Was ist dabei zu verwundern oder dafür zu

ur
danken? meinte sie. , Alles, was ich in der ersten
Kindheit erlebte, das habe ich am besten behalten,
weil damals mein Gedächtniß noch ganz frei and leer
gewesen ist. Ich sagte einmal zum Grafen, als er
zuletzt hier bei uns war, das Kaninchen hat mir die
erste unvergeßliche Freude bereitet, und Sie sind auch
der erste Mensch gewesen, den ich lieb gehabt habe
aus freier Wahl.
,Aus freier Wahl? wiederholte ich, von ihrem
süßen Geplauder hingenommen, ,liebt man denn nicht
immer aus freier Wahl?
,Durchaus nicht! am wenigsten ein Kind. Ein
Kind muß ja Alles thun. Es muß die Eltern und
den Bruder lieben, und das thut man ja auch von
selber, von Natur. Aber man muß auch die Kinder-
frau, die Gouvernante und den Lehrer lieben; und
unsern Doktor Müller hätie ich zum Beispiel gar nicht -
geliebt, hätte man mir's nicht befohlen. Zu Ihnen
- aber hatte ich viel mehr Vertrauen als zu meinem
Bruder. Wenn ich den um etwas bat, war ich immer
ungewiß, ob er es ihun würde. Von Ihnen wußte
ich ganz bestimmt, Sie thaten und gaben mir damals,
was ich irgend wollte!?
, Und heute? fiel ich ihr voll Glücksempfindung

uA
in das Wort, ,und heute? thät' ich's denn nicht
wieder?
,Ja!' sagte sie, ,ich bin gewiß, Sie thäten mir
zu Gefallen, was Sie könnten; aber Vertrauen, so wie
ich zu Ihnen, haben Sie nicht zu mir. Offenherzig
sind Sie nicht zu mir. Und Sie sind doch ihr eigener
Herr, und brauchen nichts zu verschweigen, und können
sagen, was Sie wollen.!
,Fräulein!r rief ich, meinem Ohr nicht trauend,
und erschaudernd in banger Freude, , liebes Fräulein,
wie soll ich das verstehen?
,Wie ich's sage!'' entgegnete sie.
In dem Augenblicke standen wir vor dem Garten-
saal, Frau von Marville trat heraus. Es schlug acht
Ühr, auch der General erschien, man ging wie immer
mit dem Glockenschlag zum Frühstück; denn Regelmäßig-
keit und Pünktlichkeit waren nach wie vor des Hauses
Seele.
Gastgebote, Ausfahrten, Besuche, Alles hatte seine
Zeit und Stunde, und das Vorwärtskommen und Ge-
deihen, welches sich in der ganzen Wirthschaft und in
allen Verhältnissen des Generals kundgab, bestärkte ihn
in seiner Anschauung, daß die regelrechte militärische
Einrichtung und Strenge überall der sicherste Unterbau

uK
für die Lebens- und Geschäftsführung seien. Mir fiel
es im Allgemeinen auch durchaus nicht schwer, mich
dieser Ordnung einzufügen; aber jezuweilen, und vor
Allem an diesem Morgen hätte ich es doch anders
gewünscht, hätte ich sehnlich gewünscht, nur wenig
Augenblicke noch mit Dora allein zu sein, denn nach
dem Frühstück so wie an jedem andern Tag an die
Sizung zu gehen, dazu hatte ich innerlich die Ruhe
nicht. Und doch mußte es geschehen, obschon es gar
nichts fördern wollte.
Ich war sehr aufgeregt, Dora sehr zerstreut. Sie
wechselte fortwährend ihre-Stellung, ihre Miene. Bald
sah sie mich an und lächelte, als habe sie eine Schelmerei
im Sinn, dann wieder ließ sie den Kopf sinken, so daß
ich fragte, ob sie müde sei? ob sie nicht sitzen wolle?
Aber sie verneinte beides, und je mehr ich mich quälte,
mich in den mir doch so vertrauten Zügen zurecht zu
finden, um so vollständiger mißglückte es. Auch das
Gespräch schlief darüber ein. Ich schwieg, sie schwieg.
Ich fand gar nichts, was ich ihr sagen, was ich sie
fragen konnte. Die Luft im Zimmer drückte mich und
ich war eben daran, Pinsel und Palette aus der Hand
zu legen, um der Sitzung, um der glückseligen Pein










R
14

= - 1
z
ein Ende zu machen, da sah ich noch einmal zu ihr V,
- -
hinüber und:
,Haltl halt!r ref ich, ,lo bleiben fte sizent ur I
einen Augenblick! Das ist der Blick, das ist die holde IF
Miene, die Sie in dem Daguerreotypbild hatten, welches I?
Sie Glamor vor Jahren einmal schickten. So bleiben (?
Sie sizen! Das paßt zu ihrer Tracht! So ist's recht!I?
Das ist der Madonnenblick! So sitzen Sie still! So ,ß
ists recht!?

- ,Ja? fragte fie, während ich eifrig zu malen -
anfing, ,la! ist's so recht? Ach, das ist gut! das F
freut mich! Ich hätte es ja gleich so machen mögen. I,
aber man kann so schwer nachahmen, was der Zufall! bH
einmal fügte. Nun malen Sie nur! Ich vetziehe I
N
keine Miene!?
Und ich malte und malte, versunken in ihren. An- ;
blick und in meine Arbeit. Eine halbe Stundetging I
so hin. Da richtete Dora den Kopf auf, hob die, I;
Arme in die Höhe, und sich ein wenig schüttelnd, rief' Zz
sie scherzend: -
-
,Solch' armes Modell' muß es doch recht schwer. z
haben mit den Herren Malern. Sie, Kronau, ver-- j
gessen es auch ganz, daß ich keine Gliederpuppe, daß Iz
ich ein lebendiger Mensch, ein Mensch vön Fleisch und I?
?
I

s
s
urs;
F Blut bin! Nur einen Augenblick! Dann siz' ich wieder -
f ruhig, so lang Sie wollen. Ich bin ja so zufrieden,
z daß Er nun seinen Willen hat!?
,Seinen Willen? -Wer-soll demn seinen Willen -
s
z haben?
F ,Der Graflr fuhr Dora Peraus, und eine dunkle
g Röthe übergoß ihr Antliz, sda ihr-»das Wort ent-
F schlüpft war
z
,Der Grafe wiederholte-ich, ,dem Grafen jst -
? dies Bild bestimmt?- ßd um den ländläufigen
? Ausdruck zu gebrauchen, wie ein Schleiex fiel mir's von
b den Augen.
?
Dora sah sich eilig um. -
-. -I --
-.
s
,Ich bitte Sie, Helmar,r sagte - fie dringend,
? ,lassen Sie es sich nicht merken, daß ich's Ihnen, sagte. -'
Ich glaubte, Sie hätten es längft- geahnt, gemerkt!--
z
Ich hatte die größte Lust, es Ahnen gleich zu sageß,
weil ich wußte, daß Sie muchlieben, daß sie mir das-
Beste wünschen. Ach, ich versichere: Ihnen, ich'känin
den filbernen Hochzeitstag der Eltern kaum erwwarteß,
an' dem unsere Verlobung bekannt' gemacht werden soll. -
Heute Morgen, als ich Ihnen vorwarf, daß' Sie kehn --
Vertrauen zu mir hätten, wollte ich es Ihnen sageg, -'
damit Sie auch ehrlich sein sollten gegen mich, aber ='? -
=
z




?;
,
-
T
;
- -
- P
ß
- F -- -
-? E

7
Sie hätte noch lange sprechen können, sprechen
immerfort. Ich hörte Alles, ich verstand es auch. Zu
sagen hatte ich ihr nichts. Endlich fiel's ihr auf.
,Aber, Helmar, was ist Ihnen? rief sie, sich
plötzlich unterbrechend, ,was machen Sie denn? Sie
lassen die Palette fallen. Was fehlt Ihnen, Helmar?
,Nichts! gar nichts!' entgegnete ich ihr.
,Weßhalb erschrecken Sie denn so?
Ich weiß es nicht!' gab ich ihr zur Antwort.
Ach, ich wußte es uur zu wohl. Ich wußte es so
wohl, daß es mir jede Fassung raubte.
Ich wollte meine Arbeit fortsetzen, es war mir
unmöglich. Um das Bild wie um ihr Antliz brachen
sich die Farben in feuchtem Schimmer. Ich sah nicht
klar. Ich legte Pinsel und Palette aus der Hand und
trat von der Staffelei zurück. Dora erhob sich gleich-
falls. Meine Verwirrung machte sie unruhig.
,Sagen Sie mir, was haben Sie? fragte sie
beklommen. ,Ich weiß, daß Sie mich lieb haben, daß
Sie den Grafen lieben und verehren. Ich beweise
Ihnen mein Vertrauen, damit auch Sie offenherzig
mit mir sprechen sollen, denn es ist ja so schwer, sein
Glück zu verschweigen. Und Sie starren mich an, als
thäte ich Ihnen ein Leid an, oder als sollte mir ein

v
Leid geschehen; und der Graf ist doch so gut, so
edell'? =-
, Sehr gut!? wiederholte ich mechanisch. Und
mich aufraffend wie aus den Banden eines bösen
Traumes. fragte ich, obschon ich wußte, wie das un-
gehörig war: ,Also lieben Sie den Grafen?
,Wie können Sie mich das fragen? wie kann
man eine Braut fragen, ob sie ihren Bräutigam liebt?
Das ist häßlich von Ihnen, Helmar!r rief sie. , nd
da sie doch nicht weiter malen, und auch mein Ver-
trauen nicht erwidern wollen, so werd' ich gehen!'!
Sie ging in ihrem Unmuth rasch von dannen,
und ich folgte ihr bald nach.
Fanny Lewald. Helmar.
u

Kapitel 15

Füünfzehnles -uapilel.
Ich ging durch den großen Saal, in die Haus-
flur, die große Treppe hinunter; und durch all' die
klaren Fensterscheiben funkelte der helle Sonnenschein
und lachte mich aus! Und ich schämte mich meiner
Blindheit und meiner Thorheit und ging weiter und
immer weiter und immer rascher vorwärts, über den
Rasenplatz durch die große Allee, immer vorwärts!
Aber das Sonnenlicht lachte auch durch die Aeste der
Bäume und hüpfte lustig auf dem Boden vor mir her,
und ich war doch so traurig, daß ich's Niemand sehen
lassen wollte, und erst aufathmete und Luft zu schöpfen
wagte, als das dichte Dunkel des Waldes mich umfing.
Da drang das fröhliche Licht nicht hinein! Da
brannte die Glut nicht so wie draußen, nicht so schmerz-
lich wie in meiner Brust. Da war ich allein. Niemand-

t
l
l
1
sah mir in das Herz, das ich selbst zum ersten Male-
völlig vor mir aufschloß. Niemand sah es wie die
heißen Thränen mir über das Gesicht liefen und wie
bitterlich ich weinte.
Ich hatte sie geliebt von, dem ersten Augenblicke,
ich sie gesehen. Um ihretwillen hatte ich kein
Tölpel bleiben wollen. Sie war in mir lebendig ge- .
wesen, ehe ich noch von mir selbst gewußt hatte. Wenn -
die Versuchung- die dem Künstler weniger als jedem
Andern erspart wird - an mich herangetreten und -
mir die Worte eingefallen waren, mit'denen unser güter
alter Prediger mich an dem Tage meiner Einsegnung
in das Leben hinausgeschickt, wenn jenes: ,Bis daß
mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner .
Frömmigkeit? sich mir in der Seele geregt, so hatte
die Frömmigkeit, die mich beschützt, leibhaftig in der
Gestalt eines Engels vor meiner Phantasie gestanden,
und der Engel hatte Dora's Kindergesicht getragen,
und ihr Stimmnchen hatte warnend gerufen: ,Nicht
fallen, Tölpel! =- Sie war das Ieal gewesen, das
mir vorgeschwebt. Ich hatte sie geliebt, ohne es zu
wissen, ohne ihrer zu begehren. Jetzt wußte ich es, -
h daß ich sie liebte, jezt begehrte ich ihrer, jezt' neidete
1
k
I
1

-
1

180
ich sie dem Grafen, der sich ihrer bemächtigt, ehe sich
dies Kinderherz noch selber gekannt hatte. Ich neidete
sie ihm mit einer ohnmächtigen und darum nur noch
brennenderen Eifersucht.
Es war oftmals im Schlosse von dem Grafen
die Rede gewesen. Sein Urtheil, seine Meinung
wurden vielfach in Betracht gezogen, und mich hatte
das bisher immer sehr natürlich gedünkt, denn er und
seine Ansicht waren mir selber stets als maßgebend
erschienen. Aber wußten Frau von Marville und ihr
Gatte von dem Verhältniß des Grafen zu einer
andern Frau, dessen Leonhard in seiner raschen Weise
gegen mich erwähnt hatte? Und konnten fie gewillt
sein, ihre Tochter, ihre Dora einem Manne zum Weibe
zu geben, den eine andere Frau in ihren Banden
hielt?
Der Gedanke, dieses Verhältnisses gegen Frau
von Marville bei der nächsten Gelegenheit andeutend
zu erwähnen, Dora, die mich ihren ersten Freund ge-
nannt, die mir gesagt. daß sie mir mehr als dem
eigenen Bruder vertraute, vor dem Unheil einer
Heirath zu bewahren, in welcher des Mannes Herz
ihr nicht ausschließlich zu eigen wäre, stieg in mir auf.
Ich sagte mir, daß es meine Pflicht sei, diesen mir

181
so thenren Meuschen die volle Wahrheit zu bekennen;
und mit dem selbstgefälligen Hochmuth des in Niedrig-
keit Geborenen gegen den Aristokraten, war ich sehr
rasch bei der Hand, mich über den eigentlichen Grund
meiner sittlichen Entrüstung, über die Art der Pflicht-
erfüllung, die ich über mich nehmen wollte, zu' täuschen.
Wie ich mich für besser als Leonhard gehalten, als
ich ihn zuerst von der beabsichtigten Heirath hatte
sprechen hören, war ich jetzt sehr bereit, mich hoch
über den Grafen, ja selbst über die Familie erhaben
zu dünken, welche einem Manne unter solchen Ver-
hältnissen, die sie doch kennen mußte, ihre Tochter
hinzugeben entschlossen war. Aber was wußte ich denn
von dem Grafen, und aus welcher Quelle kam dies
unbestimmte Wissen?
Leonhard war trotz aller seiner trefflichen Eigen-
schaften nichts weniger als sittenstreng, und leichtfertig
genug in seinem raschen Urtheil. Wie durfte ich auf
einen flüchtigen Bericht von ihm, einem Manne miß-
trauen oder gar ihn gegen dritte, von ihm verehrte
und geliebte Menschen verdächtigen wollen, der mir
nach allem meinem persönlichen Wissen und Erfahren
von seinem ganzen Thun, stets als das Muster der
Würdigkeit und Ehre erschienen war? Wie durfte

18
ich auf ein Wort des Unbesonnenen hin zum Angeber,
vielleicht zum Verleumder an meinem Beschützer
werden und Dora's Liebesglück dadurch zerstören?
Ich schämte mich meiner selber und der Empfindung,
in welcher ich mir eben noch so erhaben vorgekommen war.
Mit aller Gewalt wollte ich mich überreden, daß
ich Dora dem Grafen gönnte, daß er sie verdiene, daß
sie glücklich mit ihm sein werde und daß mich dieses
freue. Aber mein Herz und sein Glaube lehnten sich
gegen dieses Wollen auf. - Mich, so rief es in mir,
mich würde sie geliebt haben und nicht ihn, wäre ich
ein Grafensohn gewesen. Mich würde sie anders lieben
als den Grafen. Und er? - Er hatte schon Andere
besessen und geliebt, er konnte auch eine Andere lieben
und zum Weibe nehmen, um loszukommen aus den
Banden, die ihn drückten. Ihm war sie zu ersetzen.
mir war sie es nicht; denn sie war mein Ideal.
Unglücklich, wie ich mich fühlte, erschien mir
meine Liebe dennoch als ein Glück. Meine Gedanken
wirbelten in wildem Kreislauf rastlos durcheinander.
Ich fand nirgends einen Anhalt, nirgends einen Aus-
weg. Nur daß ich Dora liebte, leidenschaftlich liebte,
daß ich von ihr so wenig lassen konnte als von mir
selber oder von der Kunst, das wußte ich! -- Und

188
nicht Dora, nicht Dora's Eltern dachten auch nur an
die Möglichkeit, daß ich, ihres alten Kaspar's Sohn,
mein Auge erheben könne zu der Tochter ihres Hauses.
Darum ließen sie mich, wie keinen ihrer Standesge-
nossen, mit Dora frei verkehren; deshalb allein hatte
ich sie von früh bis spät durch Wald und Feld be-
gleiten dürfen. Deshalb auch hatte Dora mir ver-
traut, was sie keinem der jungen Edelmänner, die
ihres Vaters Gäste und ihr bekannt waren von Jugend
an wie ich, eingestanden haben würde.
Ich grollte ihnen Allen und liebte sie doch Alle.
Ich hohnlachte über den Dünkel, den Stolz der alten
Geschlechter, hohnlachte über den General, dem die
Adelsschilder über seines Schlosses Pforte es angethan,
daß er vergessen hatte, wie neu sein Adel war. Ich
nannte mich mit Selbstgefühl einen Künstler von
Gottes Gnaden, und hätte doch in der Stunde all'
mein Können und all' mein Hoffen auf meine Zukunft
hingegeben, wenn ich dadurch der Sohn eines Edel-
mannes hätte werden können, wenn ich nicht des
Kaspar's Sohn gewesen wäre.
Nicht des alten, treuen Kaspar's Sohn! nicht
meines rechtschaffenen Vaters, meiner braven Mutter
Sohn!

184
Der schlechte Gedanke brachte mich zu mir selbst.
Er war weit niedriger als meine Herkunft. Ich fühlte
meine ganze Verächtlichkeit und seine Ungerechtigkeit
eben nach dem Lebensweg, den ich bisher durchlaufen
hatte. Ich raffte mich empor.
Im Wirthschaftshause läutete man die Glocke
zum Mittagsessen für die Leute. Ihr Klang schallte
mahnend an mein Ohr. Durch meine ganze Kindheit
hatte er mich zu meiner Eltern Tisch gerufen; sie und
mich und meine Brüder gerufen zu der Arbeit. Sie
Alle waren auch treu bei ihrer Arbeit gewesen, und ich
hatte den ganzen schönen Vormittag verloren und ver-
träumt. Ich hatte die Zeit rasch einzubringen. Die
Arbeit, die vor mir lag, die mußte ich beenden und
dann gehen!
Aber gehen? fort von ihr? Fch konnte es nicht
fassen, und trug doch Scheu, sie wiederzusehen, sie, des
Grafen Braut.
Als ich in den Hof hineintrat, beschien die Sonne
gerade die alten Wappenschilder. Ich wollte ihrer
nicht achten, aber Mißmuth und Thorheit sind nicht
leicht zu bannen, wenn wir ihnen über uns Gewalt
gegeben haben. Was hatte ich noch zu suchen unter
dieser Wappen Herrschaft? -- Ich hieß einen Burschen.

185
der im Hofe war, in das Schloß gehen, es zu ent-
schuldigen, daß ich zu Mittag an der Tafel nicht er-
scheinen würde, und wendete mich durch den Garten
zu der Eltern Haus.
Die Mutter sezte sich eben an den Tisch. Ich
setzte mich ihr gegenüber. Da gehörte ich hin, da
hatte ich zu lieben, zu verehren und zu büßen.
Ich sollte erklären, weshalb, ich gekommen sei; ich
sollte essen. Ich konnte Beides nicht.
Die Mutter merkte, daß ich etwas auf dem
Herzen hatte. Sie verstand mich nur danach zu
fragen, und wie gern ich auch gesprochen hätte, wie
sehr ich's fühlte, daß die Mutterliebe um mich sorgte,
ich konnte ihr nicht sagen, was mir fehlte, was mich
drückte.
ihr
, Hast Du was versehen im Schlosse? fragte sie.
Ich konnte mit gutem Gewissen es verneinen.
,Ist mit dem Vater etwas vorgefallen?
Auch das verneinte ich.
Ihr Gedankenkreis ging darüber nicht hinaus,
und mein Sorgen fanden sich nicht zusammen in
der Stunde. Wie hätte sie, wie hätte es mein Vater
fassen können, daß ich des Herrn Tochter liebte und
begehrte? Härter selbst als des Grafen und bitterer

18e
als sein Tadel würde der ihre, würde meines Vaters -
Verdammung mich getroffen haben, hätten sie ahnen
können, was in meiner Seele vorging; denn Graf
Berkow hatte es doch verstanden, daß man anbetete,
was er selber liebte und zu erringen strebte.
Es blieb mir also endlich nur der elende Vor-
wand vor meiner Mutter übrig, daß ich mich nicht
gut befände; und in der That, mir war schlecht genng
zu Muthe. Die Mutter glaubte mir auf's Wort.
Sie sagte, das komme von dem vielen Sitzen und von
dem Geruch der Farben; sie könne den auch nicht ver-
tragen, ich solle in die frische Luft hinaus. Ich war
zufrieden, daß ich sortkam, ich hatte nirgends Ruhe.
Aus dem Schlosse hatte mich's hinausgetrieben in das
Freie aus dem Freien in die Enge, und als ich dann
wieder draußen war, ergriff mich neue Angst.
Fremd im Schlosse, fremd im Vaterhanse und -
fremder noch mit meiner Traurigkeit in dem Frühlings-
glanz und Jubel der Natur! Wo sollte ich denn hin?
,Ich wollte, es bände mich Einer fest, nur damit
ich Ruhe fände!? sagte ich laut zu mir selber. Ich
fing erschreckend zu lachen an, da ich die Worte hörte,
und in dem Lachen rannen die Thränen mir auf's
Neue aus den Augen.

1?
Ich hatte sie so sehr geliebt all' die langen
Jahre! Ich liebte sie so sehr! Und nun ich's endlich
wußte, war sie mir verloren.-- Ich mußte sie sehen,
und traute mir nicht zu, daß ich ihr verbergen könnte,
was ich litt. Aber sehen, ihre Augen sehen mußte
ich! -- Ich ging zu ihrem Bilde hin und malte. Den
ganzen Nachmittag, den Abend bis die Sonne sank.
Immerfort, immerfort! bis mir die Augen flirrten und
die Hand versagte. Und ich malte sie nicht für mich!
Ich malte sie für den Glücklichen, der von ihr geliebt.
ward, dem sie gehören sollte und der sie mir entriß.
Die Arbeit und die Stunden vergess' ich nicht.
An dem Tage lernte ich schweigen und fertig werden
mit mir selbst.

Kapitel 16

,echszehnles Fuapilel.
Es hatte immer festgestanden, daß ich bis über
den Tag der Silberhochzeit im Schlosse bleiben würde.
Seit ich aber von Dora ihre Verlobung mit dem
Grafen erfahren, hatte ich die Herrschaften darauf -
vorbereitet, daß ich gleich nach beendeter Arbeit das
Schloß verlassen müsse, weil ich in Berlin zu thun ,
hätte, und man hatte natürlich dagegen nichts ein-
wenden können. Der General lobte mich für meinen
Eifer, und mein Vater, welcher sich nun überzeugt
hielt, daß ich ein fleißiger Mensch sei, der sich sein
Brod anständig zu verdienen wisse, fand es erst recht
in der Ordnung, daß ich meinem Gewerbe nachging.
Ich war auch in dieser letzten Zeit mehr in
seinem Hause, mehr in meiner kleinen Stube als am
Anfang, denn ich hatte begonnen, mir die Eltern und
Geschwister an dem alten Familientisch zu malen, und -

wie die
auf der
Freude,
18D
Gestalien immer mehr und mehr erkennbar
Leinwand hervortraten, hatten sie Alle ihre
ja ihren Stolz darüber. -- Sie kennen die
Skizze, die ich als Andenken bewahre. Das Bild,
das ich dann darnach gemacht:,Der Sonntagskaffee'',
ist im Besiz eines Kölner Kunstfreundes.
Im Nebrigen ging Alles seinen gewohnten Gang.
Nur Dora hatte ihr fröhliches Vertrauen zu mir ver-
loren und ich durfte nicht versuchen, es mir wieder zu
gewinnen. Sie sprach selten mit mir von dem Grafen, .
von ihrer Verlobung gar nicht. Während wir früher
harmlos wie die Kinder über das Gleichgültigfte ge-
plaudert hatten, unterhielten wir uns jetzt geflissentlich,
und fanden häufig den Stoff nicht zum Gespräch.
Dora fragte mich oftmals nach meinen Berliner
Freunden. Sie erkundigte sich, und das hatte auch
Frau von Marville mehrfach gethan, nach Cäcilie, und
ich hatte ihrer natürlich immer mit all' der Bewunderung
und Freundschaft gedacht, die ich für sie hegte, um so
mehr, als mir Alles daran gelegen war, sie und ihren
Werth vor Clamor's Eltern und vor Dora in das
rechte Licht zu stellen. Selbst der General veranlaßte
mich hie und da, von der Familie des Kommerzien-
raths zu sprechen, und wenn daneben auf meine

1O
italienische Reise die Rede kam, hob er es immer mit
besonderem Ernst hervor, daß er für mich einen recht
langen Aufenthalt im Süden wünsche, daß dem Künstler
vor allen Dingen ein reiches, ungehindertes Einsammeln
von Eindrücken und Erfahrungen nothwendig sei.
Es lag dahinter eine bestimmte Absicht, die ich fühlte,
ohne errathen zu können, worauf sie gerichtet sei.
Etwa acht Tage vor dem Feste wurden die
Bildnisse des Generals und seiner Frau im Ahnen-
saale an die Wand gebracht. Die Arbeiter hatten sich
entfernt, der General und ich waren allein zurückge-
blieben.
Die Fenster waren geöffnet, die Mittagssonne
schien warm hinein. Der General ging, die Hände
auf den Rücken gelegt, in dem Gemache auf und nieder.
Sein Auge streifte von Zeit zu Zeit die Reihe der
Herren von Waldern, welche das Schloß vor ihm be-
sessen hatten, um dann an dem eigenen Bilde haften
zu bleiben, das ihn in seiner würdigen Erscheinung
wohl genug wiedergah, und das an diesem Platze
dem alten Geschlecht eingereiht zu sehen, ihm unver-
kennbare Genugthuung gewährte.
Er mochte bemerken, wie mir dieses nicht ent-
ging, blieb plötzlich ovr mir stehen und fragte, wann

191
ich mit Dora's Bild fertig zu werden dächte? Ich
entgegnete, daß ich es morgen zu beenden hoffe.
, Und es bleibt dabei, daß Sie dann aufbrechen?
fragte er.
Ich bejahte es, vorausgesetzt, daß er keine weiteren
Befehle für mich habe.
, Nein!? entgegnete er, ,aber es ist mir an-
genehm, Ihnen sagen zu können, daß wir mit Ihrer
Arbeit und mit Ihnen sehr wohl zufrieden find. Ich
glaube, Sie werden es jetzt zu würdigen verstehen,
daß ich Ihrer unverkennbaren Anlage nicht zu rasch,
nicht zu frühe nachgegeben habe, daß ich Sie von
der Pike auf dienen und Sie den Wg zur Kunst auf
der Bahn des Handwerks, den Weg aus den niederen
zu den höheren Bereichen des Lebens an der Hand
der Beschränkung habe gehen lassen; daß ich Sie,

wo immer möglich, auf Ihre eigene Kraft gewiesen
habe. Sie find dadurch, wie die Engländer es nennen,
ein selbstgemachter Mann geworden, wissen, daß Sie
sich auf sich selbst verlassen können, und das ist die
Hauptsache im Leben. Sie haben sich vorwärts gebracht. -
,Mit Ihrem und anderer Beschützer Beistand,
Herr General!'' fiel ich ihm ein.
Er achtete nicht des Zusazes; ob zufällig, ob

19e
absichtlich, ich hätte das nicht sagen können. Aber,
wie ich ihn kannte, war es ein Zeichen, wie viel er
von mir hielt, daß er sich als meinen eigentlichen
Gönner anzusehen liebte, daß er sich und mich zu
überreden wünschte, er habe planmäßig gehandelt,
selbst da, wo er mich die gewohnte Straße gehen
ließ, mich dem eigenen Triebe und dem Zufall über-
lassen hatte. Wie Alle, die gern befehlen und re-
gieren, kam er leicht dahin, sich bestimmenden Einfluß
zuzuschreiben, wo er ihn nicht geübt hatte und kaum
hatte üben können. Und in dem Augenblicke, in welchem
er mich als einen selbstgemachten Mann bezeichnet hatte,
stellte er sich doch, aus innerster Natur dazu ge-
zwungen, als mein Führer und Leiter, wie Denjenigen -
hin, der mich hatte zum Künstler werden machen.
,Mein Beistand,! sagte er nach flüchtigem Be-
denken, , ist Ihnen mit großer Vorsicht immer nur zu
Theil geworden, wenn Sie eine neue Stufe aus eigener
Kraft erreicht und sich damit einer Förderung werth
erwiesen hatten; und so sollte man es immer machen.
Jetzt sichern Ihr Stipendium und der Ertrag Ihrer
hiesigen Arbeiten Ihnen für die nächsten Jahre eine
schöne Unabhängigkeit; denn für Ihre Eltern sorgen
wir in allen Fällen.!

198
Ich wollte ihm danken, er hinderte es.
,Es ist das keine Wohlthat, Sie haben nichts zu
danken!'' sprach er mit dem Adel, der ihn nie verließ.
,Wir schulden, was wir thun, den treuen Diensten
Ihres Vaters. Sie find jetzt völlig frei, find jung
und auf der rechten, großen Bahn. Nützen Sie das,
Kronau! Nüzen Sie es für Ihre Ausbildung. Die
Jugend kehrt nicht wieder, und die Freiheit ist ein
kostbar Gut. Bewahren Sie dieselbe. Sie haben
noch viel zu thun, wofür Sie volle Freiheit brauchen.
Bewahren Sie sich Ihre Freiheit.?
Er hatte nie in so väterlichem Tone zu mir ge-
sprochen. Es that mir wohl, ich dankte ihm dafür
und er nahm das gut auf.
,Sie sind ehrgeizig,! fuhr er darauf fort, ,und
das lobe ich. Mir scheint, Sie wollen hoch hinaus,
das tadle ich nicht. Der Ehrgeiz vermag viel, wenn
er mit Geduld gepaart ist. Aber man muß nichts
verfrühen! Hüten Sie sich davor, von wem es immer
sei, als Gunst hinzunehmen, was Sie später zu be-
gehren berechtigt sein könnten. Wahren Sie auch
Ihren nächsten Freunden gegenüber, selbst wo Sie lieben
und vertrauen, Ihre Unabhängigkeit und Freiheit.?
Fanny Lewald. Helmar.
1s

19
Die Rathschläge, so richtig sie an sich waren,
überraschten mich. Wohin ich mich mit meinem Wünschen
und Begehren verstiegen hatte, das konnte er nicht
wissen, das würde er sicherlich nicht gut geheißen
haben. So konnte seine Warnung nach meiner Meinung
sich nur auf Leonhard's früheren, dem General be-
kannten Vorschlag beziehen, den Freund nach Jtalien
zu begleiten, ehe ich noch mein Stipendium antrat,
und auch dies Hinderniß war beseitigt, da ich mit
dem Gelde für die in Waldritten gemalten Bilder
ausreichend versehen war, um die Reise noch vor
Auszahlung des Stipendiums antreten zu können.
Ich hob das also hervor, sagte, daß ich mich der
Freundschaft der Wollmann'schen Familie, die sich mir
sehr gütig erwiesen, durchaus versichert glaube, aber
der General ließ mich nicht vollenden.
,Ich habe Ihnen allgemeine Grundsätze aus-
gesprochen,! sagte er, zu seiner gewohnten knappen
Redeweise zurückkehrend, ,und weder eines bestimmten
Falles, noch bestimmter Personen gegen Sie erwähnt.
Lassen wir's dabei bewenden. Berühren meine Rath-
schläge in Ihnen keinen Ihrer Pläne oder Wünsche
hindernd, um so besser für Sie. Halten Sie daran
fest, daß wir aufrichtigen Antheil an Ihrem Schicksal

19K
nehmen und uns freuen werden, wenn es fortfährt,
Ihre Hoffnungen zu übertreffen, wie bisher.
Er gab mir die Hand, als er sich entfernte, das
hatte er auch noch nie zuvor gethan, und ich ging
troz der wohlwollenden Aeußerungen des Generals
mißmuthig und ohne rechte Sammlung an meine
Staffelei.
Es war Alles richtig, was er mir gesagt hatte;
aber ich konnte nicht einsehen, wohin seine Ermahnungen
zielten, mir meine Freiheit zu bewahren, mich auch
von meinen nächsten Freunden nicht abhängig zu
machen. Es konnte mit diesen Freunden Niemand
sonst gemeint sein, als die Familie des Kommerzien- .
raths, die nicht im entferntesten daran dachte, meine
Freiheit anzutasten. Er mußte ein besonderes Miß-
trauen gegen diese vortrefflichen Menschen hegen.
Aber wer konnte ihm das eingeflößt haben? weshalb
sollte es mir beigebracht werden? und was konnte
mir von meinen Freunden drohen, das für Clamor
nicht ebenso, nicht in weit höherem Grade zu befürchten
gewesen wäre, der so viel länger in dem Hause be-
kannt war, der, wie ich sicher war, sich mit wachsen-
der Leidenschaft um Cäciliens Liebe bemühte? Um
U

19e
Eäciliens willen schmerzte jenes Mißtrauen des Ge-
nerals mich tief, und ich sann darüber vergeblich nach,
wie es zu überwinden sein möchte.
Ich hatte währenddessen still fortgearbeitet und
trat dann von meinem Bilde zurück, um es noch ein-
mal, vielleicht zum lezten Male prüfend zu betrachten.
Ich wußte, daß es fertig war, und konnte mich davon
nicht trennen. All' die glücklichen Stunden, die ich
mit Dora vor demselben zugebracht hatte, zogen mit
ihren holden Erinnerungen durch meinen Sinn, und
daß sie sich nicht wiederholen konnten, niemals wieder,
das that mir wehe. Denn mit einem Bilde, das der
Künstler liebevoll gemalt hat, giebt er ja noch mehr
fort, als das bloße Bild.
Wenn das Bild einst in des Grafen und in
Dora's Zimmern hängen wird, sagte ich mir, wer
wird dann meiner denken? Wer wird ahnen, welche
Glut diese Augen in mir angefacht, mit welchem Ver-
langen ich an ihnen hing, wie diese Lippen mich ver-
lockten? Sie werden meiner bald vergessen in ihrem
Glück -- und ich? Ich sollte gehen, Ruhm ernten!
Als ob der Ruhm die Mühe des Strebens lohnte,
wenn die Liebe ihn nicht theilt! Was sollte mir der
Ruhm, wenn er sie nicht freute! wenn sie mich vergaß.

19
Ich war eben dabei, die Chiffre unter mein Bild
zu setzen, da kam mir's in den Sinn, es habe noch
irgend einer frischen Farbe nöthig, um den Glanz des
goldenen Gürtels mit dem weißen Kleide zu vermitteln;
und ohne viel zu zaudern, malte ich einen vollen Strauß
Vergißmeinnicht in den Gürtel unter ihrer linken
Brust. Das Bild gewann dadurch entschieden; und
mit der glaubensseligen Schwärmerei der Liebe bildete
ich mir ein, dies Zeichen könne mich lebendig erhalten
in der Geliebten Seele.
Ich hatte gerade ein paar goldene Punkte in die
Kelche hineingesetzt, als es an die Thür der Werk-
statt klopfte und Dora bei mir eintrat.
,Ach, das ist reizend! Die Neberraschung ver-
geß ich Ihnen nie!'' rief sie, den Strauß gewahrend,
und das leuchtende Lächeln, das ich die Zeit her
schmerzlich an ihr vermißt hatte, strahlte mir so hell
entgegen, daß ihre Schönheit mich blendete und
hinriß.
,Sind Sie zufrieden? fragte ich.
Sie stand in dem eigenen Anschauen versunken,
schweigend vor der Staffelei.
Mir war das Herz zum Springen voll.
,Denken Sie meiner bisweilen, bat ich, ,wenn

198
Sie in Ihrem Hause vor dem Bilde sitzen werden.
Vergessen Sie mich nicht!
,Ich Sie vergessen?r sagte sie, und sich voll und
freundlich zu mir wendend, fuhr sie fort: ,Im Grunde
sind Sie nicht gut zu mir, sind Sie undankbar gegen
mich gewesen, und ich war in den letzten Zeiten böse
auf Sie. Indeß vielleicht haben Sie auch versprochen,
Ihr Geheimniß zu bewahren und halten Ihre Zusage-
besser, als ich die meine.!
,Aber um Gottes willen,! bat ich, ,lagen Sie
mir, von welchem Geheimniß Sie mir immer wieder
t
sprechen? Was soll ich Ihnen denn gestehen, was
vertrauen?!
Sie sah mich zweifelnd an und sagte dann leise
und mit Zögern: ,Daß Sie Cäcilie Wollmann lieben.?
,Ich? ich soll Cäeilie lieben? rief ich voll Er-
1
staunen, während mir plötzlich die Ermahnungen des
Generals verständlich wurden. ,Wie kommen Sie auf
diesen Einfall? wer hat Ihnen das gesagt?!
Sie ließ sich durch meine Neberraschung nicht
; beirren.
,Glamor schreibt ja auch von ihrer Schönheit,
ist ganz ihres Lobes voll, und sogar der Graf rühmte
sie in jeder Weise, als er hier war =?

199
,Das ist ja Alles wahr, das verdient sie Alles,
fiel ich ihr in die Rede, ,aber wer hat Sie nur auf
den Gedanken gebracht, daß ich Cäcilie liebe?
Sie beachtete meine Einwendung kaum.
,Sie sind immer so froh, so glücklich, wenn Sie
von ihr sprechen, Sie sprechen so oft von ihr, und
ihren Eltern und ihrem Bruder, und der Vater meint
auch, es müßten sehr vortreffliche Leute sein und eine
Heirath mit Cäcilie wäre ein großes Glück für Sie,
nur jetzt noch nicht. Also -- warum, Helmar, wollen
Sie es mir nicht sagen, da ich so ehrlich gegen Sie
gewesen bin?
Sie stand vor mir, einer Antwort gewärtig. Ich
wußte mich nicht zu fassen. In dem natürlichen
Drange meiner Dankbarkeit, in gutem Willen für
Glamor und Cäcilie, in redlicher Fürsorge für sie,
hatte ich, soweit ich es vermochte, die mir so werthe
Schwester meines Freundes zur Geltung bringen
wollen, und hatte mich damit als einen sie liebenden
Bewerber um ihre Hand, vielleicht als einen Begehrer
ihres Reichthums dargestellt. Ich kam mir ungeschickter,
einfältiger vor, als seit langen Jahren. Ich schämte
mnich vor Dora, und ich verwünschte die mir durch
die Verhältnisse gebotene Zurückhaltung. Ich hätte

0
ihr sagen mögen: ,lamor ist es, der Cäeilie liebt,
nicht ich!?-- Und ohne meinen Willen, ja ohne daß
ich's merkte, sprach ich zu mir selber die Worte aus:
,Ich, ich soll Cäeilie lieben?
,So lieben Sie sie nicht?
Da wallte die ganze Flut meiner mühsam zurück-
gedrängten Leidenschaft in meinem Herzen auf und
riß mich mit sich fort.
,Dora!'' rief ich, ,Dora, glaubten Sie es denn?
konnten Sie das glauben?
Ich hatte ihre Hände ergriffen, sie bebten in den
meinen, alle Farbe war von ihrem Antlitz gewichen.
, Ach, lassen Sie mich sitzen,'! sagte sie, ,mir ist
nicht gut, mir ist Angst!r
Sie sank auf den Stuhl nieder, der vor der
Staffelei stand, ich kniete vor ihr und hielt ihren
schlanken Leib umfangen.
,Dora!r sprach ich in meiner Herzensangst, habe
ich Dir weh gethank!
Sie nickte mit dem Kopfe und legte ihre Hände
auf meine Schultern. Ich wußte nicht, was aus uns
werden sollte. Der Boden wankte unter mir.
Mit einem Male brach ein Strom von Thränen
aus ihren Augen.

21
,Ich war Ihnen so gut, ich sagte es Ihnen, daß
ich zu Niemand so viel Vertrauen hätte, als zu Ihnen,
und ich war so ruhig, so zufrieden--
, Und jetzt? und jezt? fragte ich und mein
Hoffen kannte keine Grenze.
,Jezt? wiederholte sie, ,hezt muß ich es ver-
gessen, daß ich Ihnen gut bin; jetzt werden die Ver-
? k A
Sie hatte sich der Thüre genaht, wir waren
Beide unserer selbst nicht mächtig.
Ich wagte nicht, sie zu halten, und konnte sie
nicht gehen lassen. Ich wußte deutlich, was uns
trennte, sah, daß ihr diese Schranken unübersteiglich
dünkten - und wir standen so nahe bei einander.
Meine Hand lag auf der ihren, die den Drücker der
Thüre erfaßt hatte.
,Du gehst? fragte ich
, Leb' wohl!' rief sie, ,leb' wohl! wir sehen uns
nie wieder! Ach! Leb' wohl!
Ihre Lippen berührten in raschem Kuß die
meinen - und ich war allein - das Herz voll glück-
seligstem Leiden!

Kapitel 17

,iebzehnles Fapiles.
Ich war wieder in meiner Werkstatt in Berlin
an meiner Arbeit, aber meine Gedanken schweiften in
die Ferne, und die wenigen Monate, welche ich in
meiner Heimat zugebracht hatte, lagen wie ein langes
Erleben hinter mir, und hatten mich verwandelt. Bis-
weilen kam mir Alles wie ein Traum vor; dann wieder
wie ein Zaubermärchen, daß ich dachte, wenn ich nur
das rechte Wort noch wüßte, und die rechte Stunde
träfe, müßte ich eingesetzt werden in das Reich, und
des Königs Tochter würde doch am Ende mein Ge-
mahl. Ich konnte nichts denken, und nichts malen,
als nur immer sie, und mußte meine Arbeiten halb-
wegs verbergen, mein Geheimniß nicht zu verrathen,
das ja nun auc ihres war.
Ich hatte sie nicht mehr gesehen, ehe ich von
Waldritten fortging. Sie sei unwohl, hieß es, und

28
ich durfte weder wünschen, noch fordern, ihr noch ein-
mal zu nahen. Ich hatte meine Sachen für die Ab-
reise zu ordnen, der Tag, und der ihm folgende gingen
geschäftig hin. Mit der Post, welche spät am Abende,
von der russischen Grenze kommend, über Waldritten
fuhr, wollte ich meine Rückreise machen, ohne mich
unterwegs aufzuhalten.
Der General und seine Frau entließen mich mit
Herzlichkeit. Der Abschied von meinen Eltern ward
mir schwer. Ich hatte drei Jahre fortzubleiben, und
mein Vater stand im einundsiebenzigsten Jahre. Er
selbst war gerührt.
,Ich hatte keine große Freude, als Du auch noch
geboren wurdest,! sagte er, ,und hab' nicht gedacht,
daß ich noch stolz auf Dich sein würde. Du bist ein
guter Sohn, und es war gut, daß Du noch einmal zu
Hause gekommen bist. Ich denk', es soll Dir wohl-
gehen alleweg' und allezeit.!
Es war das letzte Mal, daß ich ihn sah. Er lebte
nicht mehr, als ich zurückkam. -
Da Frau von Marville mir einige Kleinigkeiten
für sie mitgegeben hatte, waren meine ersten Gänge in
Berlin zu Clamor, und dem Grafen. Sie empfingen
mich Beide freundlich. Beide erkundigten sich nach

20
den Ihren, aber des Grafen Fragen hatten eine scharfe
Bestimmtheit, die mich scheu und vorsichtig machte. Er
berichtete mir das Gute, das man über mich, und
meine Arbeiten geschrieben hatte, sagte, er sei begierig,
die Bilder in Waldritten zu sehen, besonders das Bild
von Fräulein von Marville, das die Mutter ihm ge-
rühmt habe. Er konnte eigentlich gar nicht anders
sein, als er sich gab, und doch war ich sehr zufrieden,
als ich gehen konnte.
Leonhard fand ich in der Stadt, die Seinen hatten,
wie immer, ihr Landhaus bezogen. Es war dort an
jedem Abende viel Besuch. Ich ging nach gethaner
Arbeit fast täglich mit Leonhard hinaus, auch Clamor
fehlte selten. Indeß es war anders geworden auch
zwischen Cäcilie und ihm. Sie forderte ihn mit ihren
Neckereien nicht mehr heraus, er sagte ihr keine
Schmeicheleien mehr. Wer ihren früheren Verkehr mit
dem jetzigen verglich, konnte nicht daran zwweifeln, daß
sie sich verständigt hatten, und in der Ruhe, mit welcher
sie sich jetzt aufeinander verließen, gefielen sie mir Beide
noch viel besser. Cäeilie war nicht mehr so lebhaft,
nicht so sprudelnd wie vordem, aber sie erschien weib-
licher dadurch, und Clamor hatten die wenigen Monate
u Jahre gereift.

K
Sonntags war der feststehende Gesellschaftsabend
in der Villa Wollmann. Einige Tage nach meiner Heim-
kehr war ich zu demselben hinausgegangen. An dem
folgenden Morgen wollten der Graf und Clamor wie
ich von Leonhard erfahren hatte, ihre Reise nach Wal-
dritten antreten, und der Letztere hatte sich in der Villa
schon zeitig eingestellt, sich, wie er sagte, zu verabschieden.
Das Wetter war von verlockender Schönheit, die
gewohnten Gäste waren beisammen, die gewohnte
Heiterkeit wollte sich nicht einstellen. Die Mutter war
still, Cäcilie zerstreut, eine Weile vermißte ich Clamor,
und den Herrn des Hauses. Sie kamen dann gemein-
sam aus der großen Allee hervor.-- Die jüngeren
Personen -stellten sich zu dem eben in Aufnahme ge-
kommenen Boggiaspiele, indeß auch dieses kam nicht
in Gang, und die ganze Gesellschaft trennte sich vor
der sonst üblichen Stunde.
Ich war dabei, als Clamor sich empfahl. Der
Abschied war viel ernsthafter, als die kurze Trennung,
und die kleine Reise es rechtfertigten. Ich sah, daß
Etwas vorgegangen sein mußte, und brauchte nicht erst
zu fragen, was geschehen war.
Vor dem Thore der Villa wendete er sich von der
großen Straße ab.

e
, Gehen Sie mit mir, Kronau,! sagte er, ,wir
wollen unsern Weg durch den Park nehmen. Ich bin
für das Scherzen und Lärmen heute nicht aufgelegt.
Es ist mir lieb, daß Leonhard noch draußen geblieben
ist. Seine Witze und seine beständige Heiterkeit machten
mich heute wirklich ungeduldig, und er ist doch älter
als ic und Sie. !
,Das Leben ist ihm immer leicht gewesen!' be-
gütigte ich.
, Leicht!'' wiederholte er, ,mir war's auch leicht,
und ich nahm es leicht geng. Wie sollte ich nicht?
Was konnte mir denn fehlen?'-
Er brach ab, und fragte, wie ich seine Eltern ge-
funden hätte.
Ich wiederholte ihm den schon neulich ausge-
sprochenen Bescheid.
, Hat meine Mutter Sie um mich im Besonderen
befragt? Hat sie sich nach der Familie des Kommer-
zienraths erkundigt??
Ich bejahte das.
, Also haben Sie auch von Cäcilie mit ihr ge-
sprochen. Was haben Sie von ihr gesagt??
,All' das Gute, das ich von ihr denke, und,?
schaltete ich ein, , wie ich nachträglich zu bemerken

r?
hatte, mit solcher Wärme, daß man mir eine andere
Empfindung für sie zutraute, als die dankbare Freund-
schaft, die ich für die ganze Familie hege.!
,Das freut mich! das freut mich sehr!r sagte er,
und verrieth mir durch sein sprungweise fortschreiten-
des Gespräch, wie sehr er innerlich beschäftigt sein
mußte. ,Erinnern Sie sich,! hub er nach einer Weile
wieder an, , wie ich mich bei dem Grafen melden kam,
und Sie ihm in der Kaserne als Modell standen? Es
werden fast auf den Tag fünf Jahre sein. Wer mir
damals gesagt hätte, daß ich die Tochter des Mannes
lieben würde, den ich schlechtweg als meinen Bankier
bezeichnete! Wer mir gesagt hätte, daß ich Ihnen mein-
Herz ausschütten würde!-
Ic hatte in mir selber schon etwas Aehnliches
gedacht, und da man schwer von den Eindrücken seiner
frühen Jugend loskommt, hatte seine Offenheit mich
nicht gefreut, wie er es zu erwarten schien. Er ge-
währt mir sein Vertrauen, sagte ich mir, ohne mich
zu fragen, ob ich's wünsche, ob die Vertrautenrolle mir
behagt. Er ist der Herr, ich der Vertraute, weil er .
mich verläßlich wie meinen Vater, wie den alten Diener
seines Hauses glauht; ind unfähig, diese innere Un-
freiheit in mir zu besiegen, obschon ich mich ihrer

78
scämte, und sie mir wieder zum Vorwurf machte, wie
in anderen ähnlichen Fällen, konnte ich mich nicht er-
wehren, ihm zu sagen, daßß ich mir bewußt sei, ihn zu
diesen Mittheilungen nicht veranlaßt zu haben.
, Sie find empfindlich,! sagte er, ,und sind es
ohne Grund. Ich meinte nichts Böses mit den Worten,
nichts, was Ihnen zu nahe trat. Mir gingen die
Dandlungen im Kopfe herum, die sich im Schicksal
der Menschen vollziehen. Ich sprach sie aus, wie sie
mir erschienen. Weit davon entfernt, mich über Sie
erheben zu wollen, kamenn Sie mir eher beneidenswerth
vor, weil Sie freier handeln können, weil Sie durch
keine Rücksichten auf Traditionen gebunden sind, die
sie heilig zu halten haben, und auch selber heilig halten,
wie ich die meine. Vor einem Jahre noch hätte ich
Eäcilie wieder entbehren lernen können. Jetzt weiß
ich nicht, wie ich leben soll, ohne sie zu sehen; und ich
habe ihrem Vater doch mein Wort darauf gegeben, sie
ganz zu meiden, wenn ich meines Vaters Einwilligung
zu unserer Verbindung nicht erhalte.!
Sein Freimuth gewann mich ihm zum ersten Male
völlig. Ich sagte, seines Vaters Zustimmung werde er
nicht erreicen.
, Für das Erste ganz gewiß nict!' entgegnete er.

29
, Und was denken Sie zu thun?
,Was mein Vater that, als man ihm meiner
Mutter Hand versagte. Ich werde warten.!
,Aber Fräulein Cäellie?
,Sie kennen Cäcilie, und thun diese Frage!r
tadelte er mich. ,Ich bin ihrer sicher wie meiner
selbst.
Ich wendete ein, daß Cäciliens Eltern mit diesem
Warten nicht einverstanden sein dürften.
Glamor schwieg eine geraume Zeit, dann sprach
er: ,Ich schätze die Eltern, ich habe vor dem Kom-
merzienrath eine wirkliche Verehrung, und Leonhard
ist ein lieber Mensch, aber--' er unterbrach sich, und
meinte dann: , Sie glauben nicht, oder vielleicht wissen
Sie es auch, wie ein Mensch plötzlich ernsthaft werden
kann, wenn ein ernsthaftes Empfinden über ihn kommt,
und wenn er dadurch gezwungen wird, seine Augen
fest auf einen bestimmten Punkt zu richten. Ich habe,
seit ich weiß, daß ich von Cäeilie nicht lassen kann,
erst eingesehen, daß ich bis dahin nicht allzu viel werth
gewesen bin. Abg ich habe seitdem auch die Anderen
strenger und gerechter beurtheilen lernen; und was es
mit dem Begehren der Menschen nach Rang und
anny Lewald. Helmar.

N
Stand auf sich hat, selbst Derer, die sich das Ansehen
geben, gar keinen Werth darauf zu legen, das habe
ich nun auch erfahren. Cäcilie und die Wollmanns
schätzen den Besitz des Adels, und der Stellung, welche
er verleiht, reichlich so hoch als mein Vater, der wieder
ihn viel höher schätzt, als meine Mutter.?
, Und Sie, Herr von Marville?
,Wie können Sie mich das erst fragen? Ich
stamme mütterlicherseits von einer langen Reihe ehren-
werther Ahnen ab. Mein Vater hat seinen Adel durch
großes persönliches Verdienst erworben, ich bin Offi-
zier, und will in den Garden meinen Weg machen.
Ich finde es sehr natürlich, wenn mein Vater meine
Heirath mit einer Bürgerlichen, und obenein mit Cä-
eilien, als nicht zulässig erachtet. Ich würde es ja
auch nicht mögen, wenn meine Schwester sich einen
Mann erwählte, der sie herabzusteigen nöthigt, aber =
Wie ein kaltes Eisen fuhren mir die Worte durch
die Brust. Ich konnte mich kaum halten, ihm nicht
zuzurufen: Und doch! ich hab' schön Rothtraut's Mund
geküßt! --
Aber das Siegel des Kusses, den sie freiwillig mir
geboten, schloß mir die Lippen, während ich mich un-
willkürlich fragte, was würde geworden sein, wenn ich


sie festgehalten hätte in jener zauberischen Stunde?
wenn wir gewartet hätten, wie Clamor und Cäeilie
warten wollen? =- Rasch, wie er mir gekommen war,
scheuchte ich den Gedanken von mir zurück. Sie war
verlobt, sie war, sie glaubte sich glücklich, der Graf,
ihre Eltern waren es mit ihr, mochten sie es bleiben.
Ihren Frieden anzutasten, stand mir nicht zu, mein
thörichtes Begehren durfte nicht ihre Ruhe stören.
Elamor fragte, was ich denke.
,Es fällt mir auf,! entgegnete ich, ,daß Sie
Anderen, daß Sie Ihrer Schwester eine Freiheit nicht
zuerkennen, die Sie doch für sich selbst in Anspruch
nehmen !
,Sie irren! sprach er, , der Fall ist ganz ver-
schieden. Ich verlange für mich Nichts, als was mein
Vater von meinem Großvater verlangte, und weniger
als das, denn meine Mutter befand sich in dem Falle
meiner Schwester, und nicht in dem meinen, auch nach-
dem mein Vater in den Adel erhoben worden war.
Sie hatte einen alten, schönen Namen gegen einen neuen
einzutauschen, wenn schon sie, wie die Verhältnisse es
mit sich brachten, den alten Namen auf ihren Gatten,
und auf ihre Kinder übertragen konnte. Cäciliens
1

el?,
Aufnahme in unser Haus ändert aber an unserem
Namen, und an unseren Verhältnissen durchaus nichts.-
1
Unsere Güter sind kein Majorat, und Cäeilie ist reich.
l
Das wird mir freilich bei den Eltern gar nichts nützen,
und es wird mir hart ankommen, vor den Eltern bis
nach dem Feste den Gleichmüthigen, den Fröhlichen zu
ich ihm, daß ich ihn und Cäellie längst errathen, und
der Welt, ein Wohlgefallen von ihrer, eine Galanterie
Gäcilie wußte, daß sie dem Sohne eines der großen
französischen Finanzbarone so gut wie versprochen war,
und hatte nichts dagegen. Sie hatte immer viel Vor-
liebe für Paris, für die dortigen Salons gehegt, und
der Vater, der sie stets üur seine kluge Tochter zu
nennen liebte, traute ihr nicht die Thorheit zu, aus
romantischer Liebe das alte, plumpe Schloß, die alte
Ritterburg eines Landedelmannes von altem Adel mit
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hört. ,Es war am Anfang das harmloseste Spiel pon
von meiner Seite. Die Eltern ließen sie ruhig gehen.
t
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Leonhard schon lange einmal befragt hätte, was aus
,Viel Scharffinn,! meinte er, ,hat dazu nicht ge-

1
Wie dann ein Wort das andere gab, bemerkte
ihrer Liebe werden würde.
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spielen. Die Reise ist ein schwerer Gang. Unser Fa-
milienleben, unsere Eintracht waren nie getrübt bis jezt!?

1
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dem neugebackenen Baronialhotel in der Chaussee
d Antin vertauschen zu wollen.-- Und als wir dann
kamen, als das Unerwartete geschehen war, als. wir
erklärten, daß wir nicht von einander lassen würden,
da =-
,Nun da? fragte ich.
Glamor lachte, aber es kam ihm nicht vom Herzen.
,Da, sagte er, ,standen sie da, als wären sie
bisher mit göttlicher Blindheit geschlagen gewesen. Da
standen sie plötzlich vor mir, Vater und Mutter, be-
waffnet mit dem Stolze ihres bürgerlichen und jüüdischen
Bewußtseins. Nie und nimmer, hieß es, solle Cäcilie
eintreten in eine Familie, in der sie nicht mit offenen
Armen empfangen würde, und- nun das Nebrige
versteht sich von selber. -- Wir haben heut Abschied
genommen, voraussichtlich für lange Zeit. Ich werde
zu Hause thun, was meine Pflicht ist. Ich weiß, daß
ich für jetzt Nichts erreichen werde, bin auch weit ent-
fernt, thörichte oder gewaltsame Entschlüsse zu fassen,
die mir weder von der eien noch von der andern
Seite nützen würden. Wir werden eben warten; sieben
Jahre lang, wenn's nöthig wäre, wie mein Vater auf
meine Mutter; oder,'! setzte er mit einem Scherze hinzu,
den er sich selbst auf Kosten der Geliebten nicht ver-

N1
sagen konnte, , oder, um in den Traditionen meiner
künftigen Familie zu bleiben, wie Jakob auf die schöne
Rahel!'
Wir gingen schweigend neben einander her, Jeder
in seine Gedanken vertieft, die sich auf einem Punkt
doch nahe genug berührten. Plötzlich, als wir nahe
schon an seiner Wohnuung waren, sagte er: ,Vielleicht
kommt Ihnen das auch wieder wie ein Hochmuth vor,
und ich leugne es ja auch keineswegs, daß ich ein
Aristokrat, und sehr zufrieden bin ein solcher zu sein.
Für mich liegt ein gar großer Reiz darin, durch
meinen bloßen Willen einem Mädchen, das ich liebe,
und das mich dessen werth dünkt, den Adel verleihen
zu können, als wäre ich der König.- Ich will's!
und Cäeilie Wollmann ist Frau von Waldern»Mar-
ville für Zeit nd Ewigkeit, vor König, und vor
Kaiser, vor Gott, und aller Welt. Wie mich das ver-
lockt! wie mir das gefällt! Frau von Waldern-Mar-
ville von Clamor's Gnaden!''
Seine gute Laune, seine Zuversicht kehrten ihm
bei der Vorstellung zurück. Wir standen vor seiner
Wohnung, er bot mir mit einem Händedrucke Lebe-
wohl und gute Nacht.

Kapitel 18

,chhsehnles ,apitel.
Wenige Zeit nachher erhielt man auf Veranlafsung
des Grafen in dem Hause des Kommerzienraths die
Nachricht von des Grafen Verlobung mit der einzigen
Tochter des Generals von Waldern»Marville. Clamor
kam zu seinem Regimente zurück. In der Familie
Wollmann erschien er nicht wieder und man vermied
es auch, von ihm zu sprechen.
Mir hatte Frau von Marville mit großer Freude
für das Kinderbild von Dora gedankt, das ich ihr
zum Hochzeitsjubiläum gemalt, und der Graf hatte
mich zu sich bitten lassen, um mir seine Zufriedenheit
mit dem für ihn bestimmten Bilde seiner Braut aus-
zusprechen. Er richtete mir von seinen künftigen
Schwiegereltern Grüße aus, Dora's erwähnte er nicht
weiter. Mir war das sehr erwünscht, denn ihm gegen-
über fühlte ich mich nicht frei von Schuld.

1
Die alljährliche Badereise der Kommerzienräthin
wurde diesmal früher angetreten als gewöhnlich. Man
wollte es Cäeilien ersparen, Clamor immer und immer
wieder -zu begegnen. Er war um seine Rückversetzung
nach Potsdam eingekommen, wie er mir sagte. Nur
einmal und mit wenig Worten erwähnte er gegen mich,
daß es zwischen ihm und seinen Eltern, als er ihnen
von seinen Wünschen gesprochen, gerade so gekommen
sei, wie er es vorausgesehen habe. Sein Vater habe
auf seine Weise Recht, weil er seine Liebe für Cäeilie
nur als eine leicht vorübergehende Neigung betrachte.
Es sei nun an Cäcilien und an ihm, durch ihr Be-
harren die Eltern von dem Gegentheil zu überführen,
und das dächten sie zu thun; denn sein Kopf und sein
Herz wären ebenso fest als seines Vaters und seiner
Mutter Herzen es gewesen wären. -- Es lag etwas
Charaktervolles in der Ruhe und Fassung, mit welcher
er die Sache ansah, die doch seine Zukunft in sich
schloß. Ich bekam Respekt vor ihm. Aus dem Knaben,
der seine Herrschsucht an uns Andern ausgelassen, war
ein Mann geworden, der sich zu beheirschen, sich zu
meistern gelernt hatte.
Im August wurden die Preisvertheilungen der
Akademie bekannt, ich erhielt mein Stipendium für

e
drei Jahre. Leonhard und ich hatten unsere begonnenen
Arbeiten rechtzeitig beendet, in den ersten Tagen des
Septenber brachen wir gen Süden auf. Um Weih-
nachten waren wir in Rom und trafen dort mit Ihnen
und mit Ihren Freunden, wie Sie sich's vielleicht
entsinnen werden, zum ersten Male in der Kinderpredigt
in Arra Coeli zusammen. Sie wissen es auch, wie
der erste römische Winter mir hingegangen ist; und
viel anders ist es auch nachher nicht für mich in Rom
geworden.
Die Natur des Südens, die Eigenartigkeit, Zas
Großartige in der Erscheinung und in dem Gebahren
des Volkes, der Rückblick auf eine lange, gewaltige
Vergangenheit ergriffen mich mächtig. Ich konnte
nur staunen und denken; aber arbeiten konnte ich nicht.
Und als ich das Gefühl der Neberwältigung durch das
Frende in mir überwunden hatte, fand ich, daß die
südliche Natur und ihre Menschen mir nicht zum
Herzen sprachen.
Ich kopirte in den Galerieen, aber nicht die alten
Italiener, sondern die Niederländer, wo ich von ihnen
etwas fand. Die Campagna fand ich nicht schön. Ihre
Dede machte mich schwermüthig, machte mich sehnsüchtig
nach unseren Wäldern und Wiesen, nach den Bächen,

8
die unsere Felder wässerten. Neben den stolzen Ge-
stalten der Römerinnen dachte ich an die schlanken
Mädchen unserer Heimat, wenn ich überhaupt an etwas
Anderes dachte als an sie, die jetzt des Grafen Frau
war und in Berlin an seiner Seite lebte.
Meine Genossen, Leonhard an ihrer Spitze, lachten
mich aus. Ihm waren diese Südländer eine vertraute
Rasse, sie glichen den Frauen, mit denen er zumeist
verkehrt hatte, er kam rasch in's Malen, rasch in's
Komponiren, er war am rechten Platz in Rom. Ic
hingegen kam sehr bald zu der Neberzeugung, daß meine
Reise nach Jtalien eine Wildegansfahrt gewesen sei.
Ic lernte erkennen, daß zwwischen den Ländern und den
Menschen, die nicht in ihnen geboren sind, bestimmte
Sympathieen und Antipathieen obwalten; daß nicht
Jeder für jedes Land das rechte Herz und das rechte
Verständniß mitbringt; und daß ehrliche Naturen sich
mit dem besten Willen nicht dazu zwingen können,
sich künstlerisch einzuleben in ein ihnen fremdes Element.
Ich probirte Dies, probirte Jenes! Es hatte nicht
Hand nicht Fuß. Die neuen römischen Bekannten und
Freunde, die von mir, weil ich den Preis gewonnen
und weil man ihnen auch Gutes von mir gesagt hatte,
doch irgend etwas Haltbares zu sehen erwarteten,

19
wurden bei meinen mißglückenden Versuchen irre an
mir; und nachgerade wurde ich es selber. Da entschloß
ich mich eines Tages endlich, mich um meine äußere
Umgebung gar nicht zu bekümmern und aus mir
heraus zu malen. was mir in der Seele lebte. Und
nun ging's!
Sie kennen das Bild. Unter dem Eichbaum ruht
die schöne Königstochter von der Jagd, der Edelknappe
liegt ihr zu Füßen, die Augen liebevoll erhoben zu
ihrem ihn anlächelnden, in Lebensfreude erstrahlenden
Gesicht.
Auch davon hatte Helmar wieder eine Skizze in
das Manuskript gezeichnet und darunter die folgenden
Verse aus Mörikes Ballade: , Schön Rohtraut' ge-
schrieben:
,Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,
Da lacht schön Rohtraut.
,as siehst mich an so wunniglich?
Wenn du das Herz hast, klfse mich!-
Ach, erschrak der Knabe!
,och,, denkt er, mnir ist es vergunnt,:
Ud küsset schön Rohtraut auf den Mund!
,Schweig' still, mein Herze!!
Darauf sie ritten schweigend heim,
Rohtraut, schön Rohtraut;
Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:
,lnd würd'st du heute Kaiserin,
Mich sollt's nicht kränken;

Ae
Ihr tausend Blätter im Walde wißt:
Ich hab' schön Rohtraut's Mund geküßt!
- T O :?-- - - -
Meissonier, hieß es dann weiter. Aber zwwingen Sie
Vernet, den Bibliophilen oder die Schachspieler wie
Meissonier zu malen, oder geben Sie es diesem auf,
das Bild von der Smala darzustellen, so wird der
Eine wie der Andere nichts Vernünftiges zuwege
bringen. Es sieht Jeder nur, was er mit seinen Augen
zu sehen geschaffen ist, es nährt sich Jeder in gewissem
Sinne von seinem eigenen Herzblut. Manch' liebes
Mal habe ich vor den vielgepriesenen, mächtigen Augen
der Römerinnen gestanden und das Goethe'sche Lied
vor mich hingesummt, das ich von Cäcilie hatte singen
hören: , Nugen, sagt mir, sagt, was sagt ihr?-
Ich und mein blondes Haar gefielen ihnen besser,
als sie mir. Das Letztere war gut für mich; aber
wohl und warm um's Herz ward mir's doch erst
wieder, als ich mich nicht mehr damit plagte, die
vielgepriesenen römischen Frauen und Volksszenen zu
malen, als ich wieder ein urdeutsches Motiv, das
romantische Schön Rohtraut, auf der Leinwand vor
mir hatte.


AAu
Rohtraut zu malen, wie sie mir im Herzen lebte,
das durfte ich nicht wagen, und doch sahen sehr bald
ihre Augen mich aus dem Bilde an, und mit jedem
Pinselstriche sagte ich mir: Und wenn Keinem mein
Bild gefallen sollte, wenn Niemand es versteht, Eine
wird es sehen mit meinen Augen, Eine wird es ver-
stehen, was es ihr sagen will, das Bild vom Knaben
und der schönen Königstochter. Eine wird wissen, was
sie bedeuten die Worte: , Schweig' still, mein Herze!?
welche ich in schönen gothischen Lettern in den Rahmen
des für die Kunstausstellung bestimmten Bildes schnitzen
ließ- also -- Schweig' still, mein Herze!
Sobald ich wieder, wußte, was ich wollte vor der
Staffelei, war ich geborgen. Innerlich schwankend
kann man ja nichts schafen, denn alles Schaffen ist ein
voller, freudiger Erguß des selbstbewußten Willens in
das Werk. Oder können Sie sich unsern lieben Herr-
gott denken, wenn er, über den Wassern schwebend, -.
erst überlegen müßte, wie er es mache, Himmel und
. Erde zu scheiden?-- Heute noch steckten wir in dem
Urbrei, an den die Gelehrten uns glauben machen
wollen! Und meinen ganzen römischen Aufenthalt hätte
ich verloren, wäre ich nicht zurückgekehrt zu meinem
innern Müssen, zu mir und meiner Liebe.

A
Von da ab glückte mir Alles! Und seit ich sie
nict mehr malen wollte. gefielen mir auch Land und
Leute; und das Leben in der großen internationalen
Künstlergemeinde ward mir zum förderlichen Sporn.
Alle Vierteljahre schrieb ich, nach alter Gewohn-
heit, an Frau von Marville. Von ihr erfuhr ich, daß
Elamor einem der jüngeren Prinzen beigegeben sei, daß
der Graf ein vor dem Thore gelegenes Haus gemiethet
habe, um Dora in der guten Jahreszeit den Aufenthalt
im Freien so wenig als möglich entbehren zu lassen.
Sie rühmte Dora's Wohlbefinden und ihre Freude an
dem Leben in der Welt; und ich sagte mir, daß der
Grääfin Glück mich freue, wie man sich das sagt und
wie man sich darüber freut.
Auch Cäcilie erwähnte der Gräfin, Clamor's schöner
Schwester, in den Briefen an Leonhard, die ich fast
immer zu lesen bekam, da er mich in die Verhältnisse
der Liebenden eingeweiht wußte. Sie schrieb, daß der
Graf, wie sie es anders nicht erwartet hätten, sich um
Clamor's willen mit seiner Frau von ihrem Vater-
hause fern halte, daß sie ihr jedoch freundlich be-
gegnet wären, als man sich am dritten Orte getrofen
habe. Sie äußerte dabei, daß Dora neben dem Grafen.
sehr jung erscheine, aber ein ungewöhnlich sicheres und-

N
bestinuntes Wesen zeige. Sie hatte zu Cäcilien gesagt,
sie habe durch ihren Bruder und durch mich viel von
ihr gehört, und hatte sich erkundigt, ob sie in Brief- -
wechsel mit mir stehe und Nachricht von mir habe?
, Und grüßen hat sie mich nicht lassen? fragte
ich Leonhard.
,Davon schreibt Cäcilie nichts!' entgegnete er mir
und reichte mir das Blatt hin.
Ich nahm den Brief und sah die Stelle an, auf
der mein Name stand. Es war kein Gruß dabei -
und wem gewährt man einen solchen aus der Ferne,
nicht! Ich war betrübt darüber.
Aber die Liebe braucht, wie des Epheus treu aus-
dauerndes Geranke, wenig Erdreich, Leben und Nahrung
daraus zu ziehen. Sie ist erfinderisch, weil sie glücks-
bedürftig ist, und gerade aus meiner Enttäuschung
blühte mir mein Liebesglaube neu hervor. Daß sie.
mir keinen Gruß gesendet, daß sie schwieg, das bewies
mir ihr Gedenken, das bürgte mir für ihr Erinnern.
Und was konnte ich mehr erwarten, mehr verlangen,
von des Grafen Frau?

Kapitel 19

.eunsehnles ,Kapilel.
Währenddessen, während der Jahre, in welchen
Leonhard und ich inmitten der anderen Künstler in Rom
fröhlich am Tage den Tag durchlebten und gelegentlich
auch die Nacht zum Tage machten, war die Welt um
uns her in Aufregung gerathen, ohne daß man es
sonderlich beachtet hätte; bis dierevolutionäre Bewegung.
von welcher Europa ergriffen worden, auch in Rom
zum Ausbruch kam. Viele der Künstler verließen
Jtalien, um theils freiwillig, theils durch ihre Ver-
hältnisse dazu genöthigt, in ihre Heimat zurückzukehren.
Leonhard's Vater wie die meisten der reichen Leute,
gewaltsamen politischen Umgestaltungen abgeneigt, über-
redete den Sohn, den keine bestimmten Pflichten nach
Hause riefen und den er von der politischen Aufregung
fern zu halten wünschte, in Rom zu bleiben; und die

LK
Vielfarbigkeit des Lebens, die dort in jener Bewegung
noch mehr als sonst hervortrat, machte es Leonhard
lieb, sich dem Willen seines Vaters zu figen. Ich
aber, den seine militärische Dienstpflicht zur Heimkehr
genöthigt haben würde, erhielt von Seiten der Akademie
die Weisung, meine Studien nicht zu unterbrechen, da
man mir bis zum Ablauf meines Stipendiums einen
Urlaub erwirkt hatte. Zunächst also blieben wir Beide,
wo wir waren. Indeß die rechte Ruhe hatte ich nicht
mehr in der Fremde, und als eben in der Zeit mich
die Nachricht von meines guten Vaters Tod erreichte,
ward mir das Verweilen jenseits der Alpen immer
schwerer.
Der Bruder, der mir unseres Vaters Ableben ge-
meldet, sagte, der gute Vater hätte nicht viel gelitten.
Der Pfarrer und Frau von Marville schrieben mir
ebenfalls, und der Erstere rühmte die ruhige Ergebung,
mit welcher die Mutter ihres Weges gehe. Ich durfte
nicht daran denken, nach Preußen, nach Hause zu reisen,
denn ich war dort überflüssig ganz und gar; und doch
nützte mir es nichts, in Rom noch länger zu verweilen.
Ec wurde immer unruhiger um uns her, man fühlte
den Boden unter seinen Füßen wanken, wo man sich
auc befand; und so wenig ich eine Stütze oder einen-
Fanny Lewald. Helmar.

Ae
Halt an meinem guten Alten besessen hatte, kam ich
mir, nun ich keinen Vater hatte, auf der Erde wie
entwurzelt, wie verloren und verlassen vor. Ich sehnte
mich von der Stelle fort, auf der ich mich befand, und
wußte doch, daß ich nichts Anderes für mich finden
würde, wohin ich mich auch wendete.
Ich hatte mich mein Lebenlang um die politischen
Vorgänge nicht gekümmert; und wenn Sie das unrecht
finden, so habe ich dies Geständniß zu meiner Schande
gemacht. Jetzt beunruhigten mich die Kämpfe gegen
die Erhebung, als hätte ich wer weiß welchen Antheil
an ihr genommen. Es war eine mir selbst unerklärliche
Unruhe, die mich ergriffen hatte. Ich konnte die An-
kunft der Zeitungen nicht erwarten. Die Nachrichten
von dem dänisch-holsteinischen Kriege, von den Kämpfen
in Dresden, in Baden, in Westphalen nahmen mir
die Gedanken an die Arbeit. Ich konnte mir mein
Vaterland, das vom Bürgerkrieg zerrissen war, nicht
mehr aus dem Sinne schlagen. Ich wußte mich selbst-
ständig genug, um meines Stipendiums, Dank meiner Ar-
beiten, die ich gut verkauft hatte, fortan entrathen zu
können; ich beschloß also, nach Deutschland zurück-
zukehren, als Leonhard plötzlich vom römischen Fieber
ergriffen ernstlich erkrankte.

A
Die Franzosen waren bereits in Eivitavecchia ge-
landet, die Belagerung von Rom stand bevor, es galt,
den Kranken fort und so rasch als möglich über die
Alpen zu schaffen. Mein Wunsch, Italien zu verlassen,
traf mit meiner Pflicht gegen meinen kranken Freund -
zusammen. Ich geleitete ihn in kurzen Tagereisen vor-
sichtig nach Bern, wohin seine Mutter gekommen war,
ihn zu sehen und zu pflegen. Cäcilie, die sie hatte
begleiten sollen, war nicht bei ihr. Verwundert dar-
über, weil die Mutter nie allein die Heimat verlassen
hatte, war unsere erste Frage nach Cäcllie. Die Mutter
sagte, sie sei bei dem Vater geblieben, aber sie sah
bekümmert aus, als sie das gusspräch. Leonhard ver-
muthete so wie ich, daß dem Vater ein Unheil zugestoßen
wäre, die Mutter versicherte mit Bestimmtheit, daß er
sich wohl befinde, völlig wohl; und doch traute ich
ihrem Worte nicht, obschon Leonhard sich davon be-
ruhigen ließ.
Als er am Abende zur Ruhe gegangen war und
ich die Mutter noch auf die Terrasse des Hauses
hinausführte, fragte ich fie nach ihrem Gatten.
,Mein Mann ist wohl,? sagte fie,,aber es hat
uns ein schwerer, ein furchtbar schwerer Schlag ge-
tH

s
troffen.? Sie biß die Lippen im Scmerz zusammen
und die Thränen traten ihr in die Augen. , Cäcilie
ist von uns gegangen!'' sagte sie mit bebender Stimne.
, Cäeilie ist todt? rief ich erschreckend.
, Gottlob, nein! gottlob, das ist es nicht! Aber
einen Tag vor meiner Abreise ist sie ohne unsere Er-
lauhniß und, wie Sie denken können, sehr gegen unsern
Willen heimlich von uns fortgegangen.!
, Mit Clamor!'' fragte ich, in meiner Bestürzung
es vergessend, daß er im Felde stand.
Die Mutter schüttelte traurig das Haupt.
, Fast möchte ich wünschen, es um seinetwillen
wünschen, es wäre so! Nicht mit ihm, zu ihm ist sie
gegsngen; und so unglücklich es uns wacht, wie kann
ich's ihr verdenken? Nur daß sie ohne ein Wort zu
uns, daß sie heimlich fortgegangen ist, das ist so bitter,
das thut wehe!' Ihre Thränen unterbrachen sie, aber
fühlend, daß sie mir die Erklärung schuldete, sagte -
,llanor ist bei Fridericia schwer verwundet worden.
Man hat ihn nach Altona in eines der dortigen
Hospitäler gebracht. Eine Freundin von uns, von
Eäcilien besonders, steht demselben vor. Sie hat es
ihr geschrieben, Clamor verlange nach ihr, wolle sie
noch einmal sehen- und sie ist gegangen noch an


demselben Abend. Sie hatte uns gesagt, sie wolle den
Nachmittag in der Stadt bei meiner Schwester zu-
bringen, sich von dort am Abende wieder nach Hanse
schicken lassen. Der Abend kam, es wurde spät, sie
blieb aus. Wir sendeten den Wagen in die Stadt.
Er kam ohne sie zurück. Stellen Sie sich unser Er-
schrecken, unsern Zustand vor! Fn ihrem Zimmer
fanden wir den Brief, der uns das Geschehene erklärte.
Sie hatte Alles rasch und klug berechnet, hatte mit -
großer Voraussicht all' die Zeit gehandelt und ge-
schwiegen. Ach und ein Herz und ein Kopf wie die
ihren sind ja nicht znm zwweiten Male bei einem
Mädchen anzutreffen.!
,Sie wird Ihren Widerstand gefürchtet haben!-
bedeutete ich tröstend.
,Hätten wir sie denn gehen lassen dürfen? fiel
mir die Mutter lebhaft ein. ,Durften wir in Clamor's
Eltern den Glauben aufkommen lassen, daß wir
unser Kind in solcher Weise handeln, sich preisgeben
ließen, um sie vielleicht dadurch einer Familie aufzu-
drängen, die sich zu gut glauht, unsere Tochter aufzu-
nehmen?-- Wir büßen ohnehin die Freiheit und das
Zutrauen hart genug, die wir ihr von jeher im

7
Glauben an ihre ruhige Besonnenheit gewährten. Mein
Mann=-
, Und Frau von Marville? ist sie nicht bei ihrem
Sohne? fragte ich in Sorge um meine Wohlthäterin.
,Wie kann ich's wissen, da ich an dem nächsten
Tage auf die Reise ging? Aber Frau von Marville
wird die Gräfin nicht verlassen können,! sagte die
Kommerzienräthin.
Ein neuer Schrecken bemächtigte sich meiner. Ich
fragte, ob die Gräfin krank sei.
,Wissen Sie denn gar nichts? Haben Sie denn
die Berliner Zeitungen während Ihrer Reise nicht ge-
sehen?- rief Frau Wollmann. ,Der Graf ist ja
gleich bei Beginn der Schlacht vor Fridericia ge-
gefallen, wenige Stunden, ehe Clamor verwundet
worden. Die Zeitungen haben es ja gemeldet. Ich
las es unterwegs.-- Die armen Leute! Der General,
der in Berlin gewesen sein muß, soll gleich abgereist
sein, um für die Neberführung der Leiche zu sorgen.
Er wird sich natürlich auch zu dem Sohn begeben
haben, Cäcilie wird ihm dort begegnet sein. Aber
noch weiß ich selber nichts! Mein Mann ist an dem
Tage, an dem ich Abends nach der Schweiz glng,
früh nach Hamburg gefahren, um die Tochter womög-

81
lich zurück und hierher zu bringen. Ich kann noch
keine Nachricht haben. Nichts weiß ich, als was
Eäeilie uns vor der Abreise geschrieben hat. Es ist
eine Verwicklung, die entsetzlich ist! Es versteht sich,
daß Leonhard für das Erste durchaus nichts davon
erfahren darf. Hören Sie, Helmar, nichts! durchaus,
e!
nichts. ! -- Ihre Thränen flossen auf's Neue. ,Stellen
Sie sich's vor, klagte sie, ,zwei so glückliche Familien!
Wir und die Marvilles! beide so schwer getroffen in
unseren Kindern. Man denkt es gar nicht aus. Eine
so gute Tochter! eine so reine Natur! Ein so kluges,
verständiges Mädchen, und solch' eine unselige roman-
tische Thorheit! Es ist unglaublich'
Die gute, vortreffliche Frau hätte noch lange
sprechen, ihrem Herzen immer weiter Luft machen
können, ich hätte sie nicht darin gestört. Ich hörte
Alles, was sie sagte, verstand auch ihre Sorge, fühlte
ihre Kränkung, aber ich dachte an den prächtigen
Mann, den Grafen, der mir ein so gütiger Freund
gewesen; an Clamor, in seiner Jugendschöne vielleicht
auf das Todtenbett hingestreckt; an Clamor's Eltern,
meine Wohlthäter; an Cäcilie, die ich liebte und in
der Entschlossenheit ihrer Liebe mehr als je bewunderte,
an die schwierige Lage, in die sie sich gebracht. An

2R
das Alles dachte ich - indes; ich sah nuur sie! Ich
sah nur Dora an des Gatten Leiche! So jung und
schon Wittwe!' So jung - und frei!
Ich schauderte vor der hell aufzuckenden Freude,
die mir bei der Vorstellung durch das Herz schoß.
Ich nannte sie eine Sünde, einen Wahnsinn - ich
fühlte sie trotzdem.
Es war mir lieb, daß die Kommerzienräthin mich
von mir selber abzog, indem sie mir das von Cäcilien
hinterlassene Schreiben zu lesen gab.
,Verzeiht mir,! hieß es, ,daß ich ohne Eure
Erlaubniß handle, da ihr sie mir verweigern würdet.
Ich und Clamor haben Euch und seinen Eltern ge-
horsamt. Seit zwwei Jahren waren wir getrennt.
Außer den wenigen Zeilen, in denen er mir Lebe-
wohl sagte, als er in das Feld ging, ist kein Wort
von ihm zu mir gekommen. Jetzt ruft er mich und
ich gehe! Ich hatte an die Möglichkeit Tag und
Nacht gedacht. Ich konnte ja nichts Anderes denken.
Ich hatte Alles dafür vorbereitet, hatte an unsere
Freundinnen, die den beiden Hospitälern in Altona
vorstehen, geschrieben, und Magdalene gebeten, mich
es wissen zu lassen, wenn sie das Geringste von
Glamor erfahren sollte. Da kam die Nachricht von

88
dem Tage bei Fridericia. -,ein Regiment war
dabei gewesen, die Zeitungen meldeten, daß es schwer
gelitten habe. Ihr habt meine Angst gesehen und
getheilt. Zwei Tage hielt ich's aus, dann konnte
ich nicht weiter. Ich ging in das Haus der Gräfin.
Es war dort Alles in Verwirrung. Die Botschaft
von des Grafen Tode war am verwichenen Abende
eingetroffen. Ich fragte, ob man Nachricht von dem
Lieutenant Marville habe? Man verneinte es, und
ich hörte dabei, daß Frau von Marville schon seit
mehreren Wochen, ebenso wie der General, bei ihrer
Tochter wären. Ich schrieb auf meine Karte, daß
ich Frau von Marville anflehe, es mir mitzutheilen,
wenn sie von ihrem Sohne Kenntniß erhielte, und
schickte sie ihr hinein. Sie ließ mich zu sich bitten.
Sie wußte nichts von ihm, aber sie umarmte, sie,
meines Clamor's Mutter, küßte mich in Thränen
gebadet. Der General war nach Holstein ge-
gangen, die Neberführung der Leiche nach Berlin
und nach der Berkowschen Familiengruft auf den
preußischen Gütern zu veranlassen. - Es war
Nachmittag. -- Zu Hause fand ich einen Brief von
Magdalenen. ,Heute, so schrieb sie mir, ,st Clamor
in der Frühe schwer verwundet zu uns gebracht

284
worden. Ein Schuß durch die linke Schulter, der
die Lnge gestreift hat. Der Fall ist ntcht hoffnungs-
los, aber schwer und bedenklich durch großen Blut-
verlust. Wir sollten Dir's melden. Er verlangt
nach Dir. Komm' sofort, wenn Du kannst! Ich
sorge, daß man Dich einreiht.-- Es lag Alles
für den Fall bereit, ich habe Alles, was ich brauche
- und ich gehe. Verzeiht es mir! Ich kann nicht
anders! Ich gebe Euch Nacricht, sowie ich dort
bin! n all' meiner Angst und Pein ist mir besser
als die Jahre her! Verzeiht mir und lebt wohl!?
Das war die ganze Cäeilie. Die Mutter selber
konnte nicht anders, als sie bewundern; aber die angst-
volle Ungeduld, mit welcher fie auf die Nachrichten
von ihrem Manne wartete, wuchs von Stunde zu
Stunde; und sie ließen lange auf sich warten, sie
langten erst verspätet an. Die tiefe Ergriffenheit,
mit welcher der Kommerzienrath geschrieben, klang aus
jedem Worte wieder.
, Cäcilie hatte, wie er meldete, , Dank den Maß-
nahmen ihrer Altonaer Freundinnen sie ohne Hinder-
niz erreicht, hatte sofort die Tracht der Kranken-
pflegerinnen angelegt und ihre Stelle an des Ge-
liebten Lager eingenommen. Einen Tag und eine

285
Nacht hindurch war sie bereits in seiner Nähe, als
der General in dem Hospitale eintraf und zu seinem
Sohne gefiihrt wurde. Er hatte Cäeilie nie gesehen.
Ganz mit seinem Sohn beschäftigt, hatte er die dienende
Schwester neben ihm eben nur so viel beachtet, als
es sich von selbst gebot. Er hatte fie um ihren Namen
nicht gefragt, sie hatte also keinen Anlaß gehabt, sich
ihm zu nennen. Clamor's Zustand war gefährlich.
Er hatte heftiges Fieber, phantasirte lebhaft, rief nach
Gäcilie und schien sie in einem lichten Augenblicke
auch erkannt zu haben, denn er hielt ihre Hand fest
in der seinen und suchte sie ängstlich, wenn er sie in
seiner Unruhe einmal losgelassen hatte.!
Der Kommerzienrath war später, als er es er-
wartet hatte, nach Altona gekommen, da die Züge
durch die Transporte für militärische Zwecke unter-
brochen worden waren. Die Stadt war von Truppen,
von Kranken überfüllt, in den Gasthöfen kein Unter-
kommen. Er verlangte die Tochter noch am Abende
zu sehen, man verweigerte ihm, da er nicht dafür
legitimirt war, der späten Stunde wegen, den Eintritt
in das Hospital. Er mußte, ohne sie gesehen zu haben,
bis zum nächsten Tage nach Hamburg zurückkehren.
Am andern Morgen besuchte der General, dem

28e
man um seiner Uniform willen den Einlaß schon in
der Frühe gewährte, abermals den Sohn, der noch
immer nicht bei Bewußtsein war. Seine Pflegerin
saß wie am verwichenen Tage bei ihm. Er fragte,
ob sie auch die Nacht bei ihm gewesen sei. Sie be-
jahte es und gab ihm Auskunft. Magdalene war
vorsorgend und vorsichtig dazu gekommen, als sie den
General neben der Freundin gesehen hatte. Er konnte
nicht in Zweifel darüber sein, daß die Pflegerin seines
Sohnes, wie die Mehrzahl der Wärterinnen, der frei-
willigen Krankenpflege angehöre, und wie er ihr für
die Sorgfalt dankte, die sie seinem Sohne angedeihen
ließ, hatte er sie gefragt, ob sie schon andere so schwer
Verwundete gepflegt habe. Da hatte Cäcilie ihrer
Natur nach ihn nicht im Ungewissen lassen können
über sich.
,Nein, Herr General, es ist der erste Verwundete,
den man mir anvertraut hat. Ich bin erst gestern
in der Frühe von Berlin hiehergekommen,! sagte
sie, , ich bin Cäcilie Wollmann.!
,Fräulein Wollmann! wiederholte der General
im höchsten Grade überrascht, als Magdalene, der
Freundin zu Hülfe kommend, sagte: ,Wir haben das
Fräulein hierher gerufen. Ihr Herr Sohn hatte ver-

AA
langt, daß wir ihr seine schwere Verwundung melden
und sie bitten sollten, zu ihm zu kommen, und er hat,
so lange er bei Bewußtsein gewesen ist, sie mit solcher
Angst ersehnt, daß wir nicht angestanden haben, sie
um ihr Kommen anzugehen. Er ist wesentlich ruhiger
geworden, seit sie bei ihm ist.
Der General schwieg.
, Und uns zu benachrichtigen, hat er sie nicht auf-
gefordert? Nach mir, nach seiner Mutter hat er nicht.
verlangt?! erkundigte er sich mit zwweifelndem und
vorwurfsvollem Tone.
,Nein, Herr General!?' hatte ihm Magdalene
mit aller ihr eigenen Bestimmtheit geantwortet und
dann, klug wie immer, um des Vaters Mißempfindung
zu besänftigen und sie von der Freundin abzuwenden,
rasch hinzugefügt:,Daß Sie benachrichtigt werden
würden, des wwar er ja sicher!'?
Der General preßte die Lippen zusammen. Es
waren peinliche Minuten. Magdalene hatte sich ge-
flissentlich entfernt.
,Wie sind Sie hierher gekommen?! fragte end-
lich der General, ,die Züge waren überfüllt.?
,Ich fand keine Schwierigkeiten,! entgegnete
Cäcilie. ,Ich hatte das Schreiben der Lazarethvor-

288
steherin, das mich hierher rief. Darauf ward ich
ohne Weigerung befördert.?
, Und Ihr Herr Vater ist ja wohl in der Bahn-
verwaltung !'' meinte der General.
,Ich bin allein und ohne Wissen und Erlaubniß
meiner Familie hierher gegangen, denn sie würde es
nicht zugegeben haben. Mein Vater aber ist mir hie-
her gefolgt, doch habe ich ihn nocht nicht Igesehen.
Er war gestern im Hospital zu später Stunde und
hat mir die schriftliche Weisung hinterlassen, daß er
heute wiederkehren werde.
Und noch einmal schwieg der General. Cäciliens
ruhige Sicherheit verfehlte ihres Eindrucks nicht auf
ihn. Er war der Mann, einen solchen Frauencharakter
zu würdigen und zu achten. Er zweifelte nicht daran,
Helmina von Waldern wäre für ihn dereinst des
gleichen Entschlusses fähig gewesen; und die Tracht
der Pflegeschwestern, in der ich Cäcilie später mtmlte,
stand ihr ganz vortrefflich. Er mochte sie mit seines
Sohnes Augen sehen. Dennoch hatte er einen schweren
Kampf in sich zu kämpfen. Was er in diesem Augen-
blicke that, war bindend für die Zukunft, warf all'
sein Planen und sein Wollen nieder, für den Fall,
daß ihm der Sohn erhalten blieb; und welcher Mann

89
verzichtet gern auf die Erfüllung reiflich erwogener,
lang gehegter Wünsche und so leicht zu erfüllender
Hoffnungen! Clamor hatte nur zu wählen unter den
Töchtern der ältesten Adelsfamilien, wenn er genas.
Wenn er genas!- Der General blickte auf den
Kranken hin. Clamor's Augen waren eingesunken und
geschlossen, das dunkle Lockenhaar hing wirr um seine
Schläfen, seine Wangen brannten im Fieber. =- Es
war sein einziger Sohn, und Dora hatte ihren Mann
verloren!-- Nur leben, nur ihm erhalten bleiben
sollte Clamor! Er und Clamor's Mutter und Cäeilie
waren ja eines in dem Wunsche!- Und das Mädchen
hatte schnell und groß entschieden.
,Sie dachten, Sie überlegten nicht, fragte er,
während er Cäcilie mit prüfendem Sinnen betrachtete,
,welch' einen Schritt Sie thaten, daß Sie Ihre Eltern
ängstigten, daß Sie Ihren guten Namen, Ihren
Ruf= -
,Ich hatte an nichts zu denken, als an Clamor's
Ruf! Er rief mich, und ich ging! Wie konnte ich
auch anders!? wiederholte sie ruhig und still in sich
gefaßt.
Er stand gedankenvoll ihr gegenüber. Wie mußte
Elamor sie lieben, daß er nur nach ihr verlangt hatte!
,!

O
Wie konnte er jemals sie verlassen, die so zu ihm ge-
halten, Alles gering geachtet hatte neben dem Willen
des Geliebten, neben ihrer Liebe?
,Ihr Vater,! sagte der General, ,wird gekommen
sein, Sie heim zu holen.!
,Gewiß! aber ich werde nicht gehen, Herr
General! Clamor hat mich nach zwwei Jahren schmerz-
lichsten Entbehrens zu sich gefordert, da er zu sterben
glaubt. Man hat mir jetzt seine Pflege anvertraut.
Mein Plaz ist hier. -- Ehe er nicht genesen ist, denn
Gott wird geben, daß wir ihn erhalten, eher gehe ich
nicht von ihm! Und,! die Thränen erstickten ihre
Stimme, aber sie nahm sich zusammen und sagte: ,ist
es anders beschlossen, dann
Der General hatte ihre beiden Hände ergrifßen,
auch seine Augen waren feucht geworden.
,Verlassen Sie sich auf mich! sagte er. ,Man
soll Sie nicht von ihm entfernen, Sie sollen bei ihm
bleiben, hier, bei ihm, bis wir, ich und Sie, ihn nach
Hause zu seiner Mutter bringen können. Aber schonen
Sie sich! schonen Sie sich! Sie sind solcher An-
strengungen sicher nicht gewohnt! Sie müssen doch bei
ihm und gesund sein, wenn Clamor zur Besinnung
kommt.!

4
Er hatte ihre Hand noch in der seinen. Das
Herz wallte ihr auf, sie küßte ihm die Hand. Wie
ihre Liebe das Mutterherz gewonnen hatte in der
gemeinsamen Sorge, so überwältigte ihre sanfte Energie
nun auch den Vater und sein ehrgeiziges Planen. Er
wehrte sich nicht länger gegen seine bessere Natur, und
mit dem Adel, der ihm angeboren war, sich zu ihr
neigend, warnte er: , Rkduhig, ruhig, Kind! Denken Sie
an Ihre Eltern, an Clamor, an uns Alle!= Aber
wo finde ich Ihren Vater? Ich will zu ihm fahren.
Er soll Sie hier lassen, ich will ihn bitten, daß er
meinem Sohne Ihre Pflege gönnt. Ich hoffe, er kann
in Ihrer Nähe bleiben, da mich meine Pflicht zu meiner
armen Tochter ruft.-- Leben Sie wohl für jetzt
Bewahren Sie den guten Muth, Clamor kommt mir
ruhiger vor, und er ist ja jung und kräftig! Der.
Himmel wird ihn uns erhalten. Und Dank mein
Kind, Dank, daß Sie gekommen sind. !
Er drückte ihr fest die Hand, als er von dannen
ging; und ihre Thränen, die Thränen des Schmerzes
äuund der Freude, flossen nieder auf des Geliebten Haupt.
Fanny Lewald. Helmar.
1

Kapitel 20

,wanzigsles Kuapilel.
Wie ein Gewitter, das verwüstend, aufklärend,
und seinen reichen Segen bringend über das Land
zieht, waren die Ereignisse dieser Tage über die beiden --
Familien hereingebrochen und vorübergezogen, und sie
hatten mich nahe genng berührt.
Die beiden Väter, beide praktische Leute und -
Ehrenmmänner, wie es keine besseren gab, hatten sich
an dem entscheidenden Tage schnell zurecht und zu-
sammen gefunden. Beide hatten sie Altona verlassen
müssen. Der General, weil der Tod uud die Beerdi-
gung des Grafen ihn zu den Seinen riefen; der Kom-
merzienrath, weil die kritischen Zeiten seine Rückkehr
zu seinen Geschäften nothwendig machten. Und da
Leonhard's Befinden keine besondere Pflege mehr er- -
forderte, war man übereingekommen, daß seine Mutter

Le8
sich nach Altona begeben sollte, um für alle Fälle in
der Nähe ihrer Tochter zu sein, während man es als
ein sich von selbst Verstehendes annahm, daß lch bel
Leonhard bleiben müsse, so lange ihn noch ein Rest
von Schwäche an das überstandene Fieber mahnte, und
seinen Aufenthalt im Gebirge wünschenswerth machte.
Elamor's Zustand blieb lange unentschieden und
gefährlich, da die verletzte Lunge sich entzündet hatte;
aber seine ungebrochene Jugend trug den Sieg davon,
und das Glück, Cäcilie wiederzusehen und sie nun die
Seine nennen zu dürfen, kam seiner Genesung zu
Hülfe. Nur die Beweglichkeit des Armes blieb noch
gehemmt. In den Dienst einzutreten, daran konnte er
zunächst nicht denken, und da auch seine Brust der
Schonung noch bedurfte, hatten die Aerzte einen Auf-
enthalt im Süden für ihn angerathen, bei dem seine -
Mutter ihn mit der Gräfin zu begleiten versprach, da
man für diese eine heilsame Zerstreuung durch den
Ortswechsel erwartete. Indeß Clamor wollte sich nicht
auf das Neue und für so lange Zeit von seiner Braut
entfernen. Er bat deshalb die künftigen Schwieger-
eltern, ebenfalls über die Alpen zu gehen. Dagegen
machte der Kommerzienrath Einwendungen. Er war
ve

N1
mit den Seinen schon mehrmals in talien gewesen,
hatte auch keine Neigung, sich einer so großen Kara-
wane anzuschließen; so kam man denn endlich überein.
daß Frau von Marville zeitig mit ihren Kindern nach
Jtalien gehen, und die Kommerzienräthin mit Sohn
und Tochter ihnen nachkommen solle, wenn die kältere
Jahreszeit für Leonhard keinen Rückfall in das Fieber
mehr befürchten ließ.
Als dann die Zeit herangekommen war, in welcher
Leonhard die Schweiz verlassen und gen Norden gehen
sollte, um bis gegen Weihnachten hin mit den Seinen
in seinem Vaterhause bei seinem Vater zu verweilen,
sprach er mir lebhaft den Wunsch aus, daß ich mich
im Winter mit ihm, und damit in gewissem Sinne
auch mit der ganzen Reisegesellschaft wieder in Rom
zusammenfinden, und später eine gemeinsame Tour mit
ihn allein nach Sizilien machen sollte. Davon konnte
aber, obschon ich jetzt die Mittel dazu hatte, für mich
die Rede nicht sein. Ich hatte die Erfahrung gemacht,
daß für mich im Besonderen, das heißt für meine Art
und Weise die Dinge anzusehen, in Jtalien künstlerisch
nicht viel zu holen und zu gewinnen war. Ich hatte
in den letzten Monaten, seit ich mit Leonhard so plötz-
lich von Rom aufgebrochen war, viel Zeit verloren,

L1k
und ich durfte meinen Vorsatz mit gutem Gewissen
nicht weiter hinausschieben, in Holland und in Paris
die mir angemessenen Vorbilder aufzusuchen, an denen
ich mein eigenes Können zu vergleichen und zu ver-
vollkommnen gedachte. Die zwwingende Selbstsucht,
ohne die kein schaffender Mensch im Stande ist, sich
in zeitweiligem völligen Absehen von allem Andern
und von allen Anderen, in seiner Kunst zur Meister-
schaft zu bringen, diese Selbstsucht, die ein nie fehlendes
Zeichen des wahren künstlerischen Berufes und eine
seiner Kräfte ist, regte sich zur rechten Zeit in mir.
Sie erleichterte es mir, dem Verlangen des Freundes
zu widerstehen.
Ich wollte und mußte mir einen Namen machen,
der mitzählte in der Welt. Es war nicht genug, daß
ich Maler geworden war, ich mußte ein Meister werden,
weil ich fühlte, daß ich das Zeug dazu hätte; und
wenn ich mich über die Entschlossenheit freute, mit der
ich mich von dem werthen Genossen trennte, mußte
ich mir daneben doch im tiefsten Innern eingestehen,
daß die Scheu, der Gräfin zu begegnen, nicht ohne
Einfluß auf mein Handeln war.
Jeder Brief, den Leonhard von seiner Mutter,
von Cäcilie oder von Glamor erhielt, störte mein

L46
Gleichgewicht. Ich wollte den Inhalt kennen, und
was ich dann erfuhr, nahm mir die Ruhe. Ich konnte
nicht arbeiten, weün Cäcilie in ihrer enthusiastischen
Weise es schilderte, wie schön Dora in ihrer Trauer-
kleidung sei, wie blendend weiß ihre Stirn hervor-
leuchte unter der Schneppe ihrer Trauerhaube. Es
ließ mir keinen Frieden, wenn sie erzählte, wie die
Gräfin gleich einem müden Kinde Alles willenlos an
sich vorübergehen und über sich ergehen lasse, und wie
es ihr trotzdem bisweilen vorkomme, als traure Dora
um den Grafen nicht, wie man um den Mann trauern
müsse, mit dessen Tode das eigene äeben zu Ende sei.
,Sie hat gewiß,! schrieb Cäcilie einmal, ,eine
schöne, friedliche Ehe mit dem Grafen geführt, und er
war ja ein vortrefflicher Charakter, ein schöner, liebens-
werther Mann. Alles, was sie von ihm erzählt, ist
ihr liebevoll in's Herz gewachsen, fie vermißt ihn offen-
bar recht sehr; aber ic kann mich des Gedankens nicht
erwehren, daß sie mit ihren zwanzig Jahren die eigent-
liche Kraft ihres Herzens noch nicht kennt. Eine
Liebe wie die unsere, darin stimmt mir Clamor bei,
hat sie für den Grafen nicht gefühlt. Sie war zu
jung dazu. Und jung, schön, reich, wie sie es ist,
wird der General sicherlich an ihr noch einmal eine -

a?
ebenso glänzende zweite Heirath erleben, als die erste
es zu seiner Befriedigung gewesen ist. Ich wünsche
meinem Schwiegervater, da ich ihn sehr liebe und ver-
ehre, irgend ein fürstlicher Herr entschädigte ihn dafür,
daß meine schönen Augen ihn um seine Hoffnungen
für Clamor betrogen haben; und denke Dir, wie gut
mich's kleiden würde, zu sagen: ,uein Schwager, der
Fürst! Ich stehe ganz auf Seiten des Geierals,
unter einem Fürsten thun wir's mit Dora nicht. !
Das war Alles gut, klang Alles heiter, aber für
mich hörte es sich anders an, und ich wußte, wohin
ich zu gehen hatte und wohin nicht.
Im Spätsommer trennte ich mich am Rhein von
Leonhard. Er ging zu den Seinen, ich den Rhein
hinunter nach den Niederlanden, und mit Ernst und
Lust an's Studiren und an's Schaffen. Das Land,
die Luft, die Menschen, und meine Vorbilder,' die alten
Niederländer, waren das was ich erwartet hatte, was
ich brauchte. Der Kommerzienrath hatte mich mit
guten Empfehlungen versehen, ich fand Eingang in die
Gesellschaft, fand unter den Künstlern Studiengenofsen
und frühere Bekannte, ich war zufrieden und meines
Entschlusses froh.
Aber als die Storchnester leer wurden auf den

218
Firsten der Häuser in den Dörfern, als dann die
Schwalben sich sammelten und gen Süden zogen, die
wilden Gänse von Norden kamen und die Kraniche
ihnen folgten, kam es über mich, als gehörte ich mit
zu ihnen, als müsse ich auch mit fort. Denn nun
waren sie schon dort, Frau von Marville und Clamor
und die Gräfin; dort. wohin die Wandervögel zogen
-- und wohin ic gehen konnte, wenn ich's wollte. -
Ich blieb bei meiner Arbeit.
So lange es einigermaßen sonnig und grün ge-
wesen war, hatte ich mich im Haag aufgehalten. Im
Herbste, als die Wollmanns sich zu ihrem Römerzuge
rüsteten, war ich in Antwerpen. Zu lernen war dort
mehr als irgendwo für mich, aber wenn des Spät-
herbsts schwere Nebel uir das Malen zu guter Tages-
zeit verhinderten, wenn die Sonne wie ein verlöschen-
der Mond am Himmel stand, wenn Schnee, von
Rauch und Qualm gefärbt, in stumpfem Grau die
Straßen und Dächer bedeckte und die schönen Linien
der Architektur und der Statuen in widrige Formlosig-
keiten verwandelte, wenn Abends die Dünste aus dem
Wasser und aus den Kanälen emporstiegen, daß das
Licht der Laternen und die schönen Ausstellungen der
Magazine nur in matter Gebrochenheit sichtbar wurden,

249
dann flog es mir bisweilen wie ein Riß durch die
Brust. Gleich einem Klang aus ferner Zeit zog ein
seliges Erinnern an den Süden und an seine Sonne
und an seine Farbenschönheit mir durch den Sinn,
an den Süden, den ich nicht genug geachtet und ge-
schätzt hatte, als ich in ihm gelebt.
Ich konnte es mir mit quälender Deutlichkeit vor-
stellen, wie sie Arm in Arm durch die blühenden
Gärten des Monte Pincio gingen -- Clamor und
Eäcilie!- Wenn ich es wollte, konnte ich in wenig
Tagen bei ihnen sein. Ich konnte an Dora's Seite
wandeln, mich der Bewunderung erfreuend, die ihre
Schönheit in der Wittwentracht erregte. Wenn ich es
wollte! --
Aber ich blieb. Ich wollte arbeiten, wollte ver-
gessen. Und was hatte ich denn zu vergessen, als
eine kindische Phantasie, als eine Jugendliebe und
einen flüchtigen Augenblick, als ein thörichtes Hoffen!
Ich war kein Jüngling mehr, als ich nach Holland
ging. Ich hatte mein siebenundzwanzigstes Jahr zurück-
gelegt, ich mußte Ernst machen mit mir selber und
mit dem Vergessen meiner Träume, und ich that's.
Ich schrieb durch lange Zeit weder an Frau von
Marville, noch an meinen Freund, auf die Gefahr hin,

5
ihnen undankbar zu scheinen. Meine Zukunft sollte-
mein Rechtfertiger vor ihnen sein; und da ich mich
ausschließlich an die Stunde und den Tag hielt, ent-
lockte ich ihnen, was sie mir zu bieten hatten.
Ich blieb ein Jahr lang in den Niederlanden,
wei Jahre in Paris. Ich machte aus mir, was ich
meiner Natnr nach eben aus mir machen konnte, und
was ich geworden bin. Meine Arbeiten fanden An-
klang bei den Künstlern, Beifall und Käufer unter den
Liebhabern. Ich hatte mehr Aufträge und Anfragen,
als ich befriedigen konnte, mehr Geld, als ich zu ge-
brauchen geneigt war. Da ich. Freude an meiner
Arbeit hatte, gewann ich sie an mir selber und an
meinem Leben. Paris war mir sehr in's Herz ge-
wachsen. Seine Gesellschaft, seine Frauen beschäftigten
mich angenehm, und ich war, was man einen ge-
machten Mann nennt, als Leonhard Jahr und Tag
nach Cäeilien's Verheirathung für einen längeren Auf-
enthalt ebenfalls nach Frankreich kam.
Wer ehrlich gegen sich und Andere ist, wird es
nicht leugnen können, daß es ihm einmal Vergnügen
gemacht hat, Denjenigen, die ihn mittellos und un-
beachtet, die ihn in geringen Verhältnissen gekannt
haben, darzuthun, was er aus sich gemacht hat. So

Lt
empfand ich neben der Herzensfreude, den besten
meiner Freunde nach langer Trennung wiederzusehen,
eine große Genugthuung darüber, als er mich in
meinem schön ausgestatteten Atelier aufsuchte, als ich
ihn in das hübsche kleine Entresolquartier einführen
konnte, in dem ich ein paar Zimmer inne hatte. Es
sah jezt anders bei mir aus, als in der öden Stube,
in welcher ich in Berlin gemalt, und in der Kammer
daneben, die meine Wohnung gewesen war. Ich ge-
noß es dreifach, wenn die französischen Meister, zu
deren Werkstätten ich den Freund geleitete, mich mit
ihrem herzlichen uud kameradschaftlichen: ,Kuis bon
Jour, won eher !? begrüßten; wenn Goupil mich in
seiner Kunsthandlung mit der Frage empfing, ob ich
denn für ihn nichts hätte? und wenn man mich in
der Gesellschaft in einer Weise vorstellte, die es darthat,
daß der Name Kronau, wenn er den französischen
Lippen auch hart ankam, doch einen guten und be-
kannten Klang gewonnen hatte. Und, sagte ich mir
manches Mal im Stillen, Leonhard hat mich nicht
einmal gesehen in unserem Hof, nicht gesehen in den
großen Stiefeln und in dem verwünschten langen Rock
mit seinen langen Aermeln.
Wenn ich mit Leonhard zusammen war, der freu-

L
dig an meinem Wohlergehen theilnahm, weil er selber
ein tüchtiger Künstler geworden, kamen mir oftmals
die Byron'schen Worte in den Sinn: ,s ehsmge eume
orer the zpirit ok mz ärear!? (Ein Wechsel kam in
meines Traumes Geist.s Ohne daß ich es wünschte
und wollte, kam er naturgemäß immer auf die Menschen
und den Lebenskreis zurück, die er eben erst verlassen
hatte. Von ihnen zu hören, ohne daß die alten Er-
innerungen und die alte Zuneigung zu ihnen in mir
rege wurden, war nicht möglich; und bald und immer
lebhafter tauchte in mir der Wunsch auf, auch sie ein-
mal so wie Leonhard hier in Paris zu haben, ihnen,
namentlich meiner Pathin, zu zeigen, wie gut es mir
ergehe, und der liebenswürdigen schönen Gräfin zu
beweisen, daß der Tölpel, dem sie dereinst so mitleidig
beigesprungen war, ihrer kindlichen Theilnahme wirklich
werth gewesen.
Es war ein Jahr nach dem Staatsstreich, als ich
wieder mit Leonhard zusammenkam. Paris hatte sich
von seinem Schrecken erholt, das Kaiserreich war pro-
klamirt und lockte die Vergnüügungssüchtigen zu seinen
glänzenden Festen. Eines Tages, als das nahende
Frühjahr die Stadt in all' ihrer fröhlichen Beweglich-
keit zeigte, spazierten wir unter den Lustwandelnden

8
im Boulogner Gehölz, und während wir uns unwill-
kürlich zu einem vergleichenden Rückblick auf die Heimat
gewiesen fanden, machte ich die Bemerkung, daß es
schön sein würde, hätte man die werthen Menschen
einmal hier im Gehölz, mit denen man sonst im Thier-
garten zu gehen gewohnt gewesen war.
,Dazu ist wenig Aussicht!' meinte Leonhard.
,Mein Vater ist nicht mehr reiselustig, und wenn er
seine Badekur abgemacht hat, bleibt er gern auf
unserem Landsitz, den er wirklich so verschönert hat,
daß Du Dich wundern würdest. Die Mutter und
Frau von Marville haben die längere Trennung von
ihren Männern, welche die italienische Reise ihnen auf-
erlegte, auch nicht mehr nach ihrem Geschmack gefunden.
Der General geht damit um, Waldritten von einem
Dorfe zu einem Flecken erheben zu lassen und ihm die
Gerechtsame eines solchen zu verschafen, und hat da-
neben das Vermögen der Tochter zu verwalten, das
nach des Grafen Testament ein großes und oöllig
freies ist, wenngleich das Maforat an den jüngern
Berkow gefallen ist, weil Dora keine Kinder hat.
Glamor und Cäcilie sizen wie die Turteltauben mit
ihrem Jungen in ihrem Neste, und wenn er Urlaub
bekommt, so geht es regelmäßig und wie es sich ge-

5
bührt zu den Eltern nach Waldritien, und von Dora's
Reisen ist die Rede nie gewesen.!
Zum ersten Male fragte ich, weil ich mich meiner
sehr gewiß fühlte, ob sie den Tod des Grafen ver-
schmerzt und wieder Lust am Leben gewonnen habe.
,Da fragst Du mich zu viel!' entgegnete er.
,Ich hahe mich mit der Gräfin in den drei Jahren,
seit denen ich sie durch Cäcilie näher kenne, nicht um
eine Linie näher zusammen finden können, denn sie
hat es gar kein Hehl, selbst gegen Cäcilie nicht, daß
ich ihr nicht sympathisch bin. Es ist so etwas zwwischen
uns, wie zwwischen Gretchen und Mephisto. Ich bin
ihr nicht ernsthaft, meine Sitten find ihr nicht streng
genug, mein gelegentlicher Scherz gefällt ihr nicht, ist
ihr zu leichtfertig; und ich für mein Theil weiß mit
dieser gräflichen Unschuld vom Lande, die doch andert-
halb Jahre Berkow's Frau gewesen ist, auch nichts
anzufangen, wenn ich ihre Schönheit immer und immer
wieder bewundert habe.!
Es ging mir wie der Gräfin. Auch mir gefiel
Leonhard in diesem Augenblicke gar nicht.
,Ist sie viel in Berln? erkundigte ich mich.
,Ich sagte Dir schon neulich,! entgegnete er, ,
, daß sie eigentlich sehr wenig bei den Eltern ist. Sie

25?
ist auch darin eine sonderbare Frau. Sie hat sich in
den Gedanken eingelebt, daß man, wenn man nicht
glücklich sei, wenigstens frei sein, und wenn man seinen
Herrn und Meister verloren habe, sein eigener Herr
sein müsse. Das hört sie natürlich zu sein auf, sobald
sie in Waldritten ist; und obschon ein ganzes Korps
von Männern sie umschwärmt, von denen Jeder sehr
bereit sein würde, ihr Herr und Meister zu werden
und sie glücklich zu machen, blüht sie bis jetzt in ihrer
gebenedeiten Einsamkeit gelassen fort, was Cäcilie
wahrscheinlich darum so sehr bewundert, weil ihr
Temperament einer solchen Beschaulichkeit durchaus
nicht fähig wäre.!
,So stehen also die beiden Frauen einander nahe?
fragte ich weiter.
,Sie sind ein Herz und eine Seele! und, setzte
Leonhard hinzu, ,das Auffallendste ist dabei, daß
Eäcilie, die ja sehr viel klüger als die Gräfin ist, sich
deren kindlichem Gemüthe, das ist der Kunstausdruck,
mit Bereitwilligkeit unterordnet, wenn Clamor es nicht
hindert. Sie behauptet, die Gräfin treffe mit nie
irrender Sicherheit immer das Rechte. Sie traut ihr
eine Selbstbeherrschung, eine Entschiedenheit des
Handelns, eine Charakterstärke zu, die sie, wie ich ver-

25
muthe, hellseherisch errathen, da die Gräfin bisher,
meines Wissens nach, von all' diesen Tugenden noch
keinen Beweis geliefert hat. Kurz, es ist ein ganz
überspanntes Verhältniß zwischen den beiden Frauen,
das aber bald in sein rechtes Geleise gelangen wird,
wenn einmal der Rechte kommen und die selbstherrliche
Freiheit der Gräfin in den Armen eines neuen tüchtigen
Herrn und Meisters ihr vernünftige Ende finden
wird.!
Der neue Kaiser fuhr vorüber, alle Augen, auch
die unseren, wendeten sich seinem Wagen zu. Von
der Heimat war nicht mehr die Rede, und da ich er-
fahren, wie es dort mit den mir werthen Menschen
stand, fragte ich in der nächsten Zeit auch weiter nicht
nach ihnen. Indeß, wenn ich bei meiner Arbeit in
der Werkstatt war, betraf ich mich bisweilen auf aller-
lei Gedanken an Berlin. Ich hatte es seit fünf
Jahren nicht gesehen, war seit fünf Jahren fern vom
Vaterlande gewesen und es hatten sich dort Zustände
herausgebildet, die ich dort noch nicht gekannt hatte.
Preußen war ein absolut regierter Siaat gewesen, als
ich nach talien gegangen war, die Revolution, ein
Krieg, eine Neugestaltung der Verfassung waren über
das Land gegangen und eingeführt worden, und ich


mnßte mir eingestehen, daß ich halbwegs ein Fremder-
in der Heimat geworden sei. Es kamen mir Bilder,
Photographieen, Kupferstiche mit der Schilderung von
Volksszenen zu Gesichte, wie sie nicht möglich gewesen
waren vor fünf Jahren. Aber freilich, fünf Jahre
waren auch eine lange Zeit! Was hatte ich in ihnen
nicht Alles erlebt! War ich doch selber auch ein
Anderer geworden.
Je weiter das Jahr fortschritt, je freundlicher
und blühender Paris sich zeigte, desto öfter dachte ic
daran, daß das Grünen und Blühen nun auch bei
uns beginne; und wie der Mai herankam, ein unge-
wöhnlich heißer Mai, meinte ich zum ersten Male zu
bemerken, daß mir die Luft zu schwer sei in der
Stadt. Ich fühlte Kopfschmerzen. Die hatte ich frei-
lich sonst auch beim Beginn der warmen Jahreszeit
gehabt, aber ich hatte sie nicht beachtet, so lange ich
auf meine Ausgaben noch große Rücksicht nehmen
mußte, und nicht hatte kommen und gehen und reisen
-können nach Belieben. Jetzt fand ich, daß es mir
vor den Augen flimmerte, daß ich allzu viel gearbeitet
hatte und daß ich eine Pause machen müsse.
Ich sprach mit Leonhard, mit meinen anderen
Sanny Lewald. Helmar.

258
Freunden von Reiseplanen, von einem kurzen Ausflug,
längstens von einer Entfernung his zum Winter
Man fand das so sehr in der Ordnung, daß es mich
an das Vorhaben fester band, als ich's gewesen war.
Leonhard übernahm mein Atelier, das er mir sehr be-
neidet hatte, ich brach meine Zelte für die Wander-
schaft ab. Der Tag meiner Abreise wurde festgesezt,
aber ich hatte mir selber so wenig klar gemacht, wohin
ich eigentlich zu gehen wünschte, daß an dem Mittag
vor der Abreise, an dem wir mit unserer gewohnten
Gesellschaft bei Tische saßen, einer der Genossen mich
fragen konnte: , Und wohin gehen Sie denn eigentlich?
,Nun zunächst doch in jedem Falle nach Berlin!
entgegnete Leonhard an meiner Statt.
, Ja, nach Berlin!' wiederholte ich - und ich
athmete tief auf, als komme nach heißem, dürrem Wege
ein Strom frischer Seeluft mir entgegen. , Zunächst
natürlich nach Berlin!'' sagte ich noch einmal.
Ich hätte Leonhard um den Hals fallen können.
Nun hatte ich, was ich wollte, und hatte die Ent-
scheidung doch nicht selbst getroffen. Er hatte das
Wort ausgesprochen, hatte es als selbstverständlich an-
gesehen, daß ich wieder nach Berlin ging; und ich

9
wollte, ich mußte auch durchaus dorthin. Ich mußte
doch meinen alten Meistern meine Arbeiten, meine
Studien zeigen. Ich wollte einmal als ihresgleichen
neben ihnen stehen, und ich wollte auch die Menschen
wiedersehen, die mir doch die Liebsten und die Nächsten
waren in der Welt.
Mit Namen nannte ich sie nicht-- nicht einmal
in meinem stillen Herzen. Aber ich war hoffnungs-
selig, als ich den Wagen bestieg, als hätte ich noch nie
eine Reise angetreten. Ich hatte es nie geglauht,
daß ich Paris mit solcher Leichtigkeit, mit solcher Lust
verlassen könnte. Ich mußte nach Berlin.
z-

Kapitel 21

-Linundzwansigstes -Zapilel.
Ein Emporkömmling ist ein Thor, wenn er die
Menschen vergessen machen will, daß er aus geringen
Anfängen es zu etwas gebracht hat. Er ist ein
schwacher Kopf, wenn er es nicht erlernt, sich nicht immer
auf das Neue über Dasjenige zu verwundern, was er
errungen und als ein ihm zu Recht Gebührendes zu
genießen hat. Aber wenn ich aus mir selber heraus
auf Andere schließen darf, so ist ein halhwegs gescheidter
und gebildeter Emporkömmling ein glücklicher Mensch.
Denn wir besitzen das Selbsterworbene mit ganz
anderer Empfindung als das Ererbte; das langsam
von uns selbst Zusammengebrachte hat für uns auch
seine historische Bedeutung und vielleicht eine noch

L1
höhere, als der von Altvordern, die wir nicht kannten
zusammengebrachte und auf uns gekommene Besitz.
Sogar die harmlos fröhliche Eitelkeit des Empor-
kömmlings, die immer eine: Weile anhält, ist eine
Genugthuung und ein Genuuß, welche der in Reich-
thum und Vornehmheit Geborene nicht kennen kann,
und um die er den Emporkömmling, wie ich glaube,
zu beneiden hat.
Der Meister der geschriebenen Genremalerei, der
dänische Dichter Andersen, der mir in Jtalien begegnet
und mein Freund geworden war, weil wir mit gleichen
Auge das Große in dem Kleinen sahen, erzählt eine
Geschichte von einem kleinen Mädchen, das zum ersten
Male schön geputzt vor seinen Spiegel tretend, in die
Worte ausbricht: ,Was werden jetzt die großen
Hunde pon mir sagen?-
Was werden jetzt die großen Hunde von mir
sagen? dachte ich auf meine Weise innerlich, als ich
auf dem Bahnhof in Berlin dem Droschkenkutscher die
Weisung gab, mich in einen der ersten Gasthöfe zu
fahren, als der schnell. bereite Hausknecht mein elegantes,
reichliches Gepäck beflissen die stattliche Treppe hinauf-
trug und ich den Namen Helmar Kronau mit der


Zuversicht in das Fremdenbuch einschrieb, man werde
es wohl wissen, wer Helmar Kronau sei.
Es war ein schöner, warmer Juniabend. Ich hatte
mein Abendbrod genommen und trat auf den Balkon
hinaus. Der Mond beleuchtete die große Masse des
alten Schlosses. Die Bronzeverzierungen der Kuppel
glänzien hell, das Wasser der Spree floß glizernd
unter den weiten Bogen der Brücke langsam hin. Man
hatte nicht eben weit zu gehen von der Kaserne, in
der ich einst drei Jahre lang gewohnt, bis zu dem
Gasthof, von dessen Balkon ich jetzt herniedersah; und
doch -- wie lang war er gewesen, der Weg von dort
TT--- - - =
Die Stunde war spät, aber ich konnte mir es
nicht versagen, ich mußte noch einen Gang in's Freie,
durch die Straßen machen. Still. und einsam, wie
sie vor mir lagen, waren sie mir doch belebt. Fch
ging die Linden entlang, da lag das Vaterhaus des
Freundes, das auch mir offen gestanden hatte und mir
freundlich gewesen wie ein solches. Ich bog in die
Wilhelmsstraße ein, ich wollte sehen, wo Clamor und
Eäcilie wohnten. Es war ein neues, schönes Haus.

28
Es war viel neu entstanden, viel verändert in den
Straßen. Und wie ich dann wieder, mich rückwärts
wendend, unter den Linden auf dem Pariserplatze stand
und hinaus schaute durch die Pfeiler des schönen
Thores, den langen beleuchteten Weg hinab, den ich
so manchmal im heißen Sonnenbrand in Reih' und
Glied mit vollem Gepäck entlang marschirt, den ich so
viel liebe Mal in später Nacht mit Leonhard und
anderen fröhlichen Genossen aus seiner Eltern Land-
haus kommend, zu meinem Bodenstübchen zurück ge-
wandert war, da zog es mich hinaus in's mond-
beschienene, duftige junge Grün; und durch die stillen
Gänge des Parkes wandernd, stand ich nach kurzem
Wege vor dem Hause, in dem sie wohnte.
Es war eine kleine Villa, ein schönes Erdgeschoß,
ein niedriges Gestock darüber. Säulen trugen die
offene Vorhalle, ein Eisengitter faßte den vorderen
Garten ein. Ich war in früheren Jahren oft, wie oft!
gleichgültigen Sinnes an dem Hause vorüber gegangen,
ohne auch nur zu denken, wems zu eigen sein möge.
Jetzt war es ihr Besitz, jetzt - wwas half mir all' mein
Sträuben, was half's mir, daß ich mich beschwichtigt
und betrogen hatte für und für- jetzt schloß es all'

26s
mein Glück und all' mein Leid, all' meines ganzen
Lebens holdselige Thorheit in sich ein.
Ich schämte mich vor mir selber. Ich war so
sicher gewesen, daß ich sie vergessen- nein! daß ich
sie verschmerzen gelernt, weil sie eines Andern Weib
gewesen, weil ich ihrer neben Anderen bisweilen auch
vergessen hatte. Und nun ich hinübersah nach ihrem
Hause, da war sie wieder da, die ganze, nie erloschene.
reine Liebe meiner Jugend.
Dac Haus war schon dunkel. Nur in dem
mittleren Zimmer des oberen Stockwerks brannte noch
die Lampe. Die Fenster standen ofen. Ich sah die
Vorhänge sich im Luftzug leise bewegen, sah die Farbe
der Wände und die Rahmen der Bilder an denselben.
Mich verbarg der Baumesschatten. Fast ohne zu über-
legen, was ich that, stimmte ich ein Liedchen an, das
ich auf der Landstraße während meiner Wanderzeit als
Malergesell erlernt, und das ich ihr bei unseren Morgen-
spaziergängen in Waldritten zum Defteren gesungen
hatte, weil sie's gerne hörte.
Als ich den zwweiten Vers anhub, sah ich eine
weibliche Gestalt an's Fenster treten. Das war sie.
Nun sah ich sie wieder - fern, mir unerreichbar -

65
aber ich sah sie doch! Die Stimme wollte mir ver-
sagen, indeß mich rasch bemeisternd, fnhr ich zu fingen
fort, indem ich mich tiefer und tiefer in den Park
zurückzog, so daß die letzten Klänge nur aus der
Ferne noch ihr Ohr erreichen konnten, Sie sollte ruhig
schlafen!
Mehr als in dieser Stunde habe ich sie nie ge-
liebt!-
Als ich dann eine Weile später, schweigend und
still für mich des gleichen Wegs zurückging, waren
ihre Fenster dunkel und geschlossen. Das kleine Haus
lag ruhig da. Es war kühl geworden. Der Thau
erglänzte mondbeschienen auf ihrem Dache und auf dem
Rasenplatz vor ihrer Thüre. Ich hatte Schön Rohtraut
wiedergesehen. Nun war ich in der Heimat, ihr wieder-
gegeben und mir selbst; erst wieder ganz ich selbst!
Er hatte die Villa gezeichnet mit der Gestalt am
Fenster, und sich im Baumesschatten lauschend. Die
Villa ist heute noch dieselbe, nur durch kleine Anbauten
unwesentlich verändert. Und so wie dieses Kapitel
e
seinen Schmuck durch seine Federzeichnung hatte, so
fehlte sie auch keinem der noch folgenden.
Dann ging der Text dahinter also wieder fort:

2e
Glauben Sie nun, daß ich am nächsten Morgen zu
ihr hinging?-- Gott bewahre! -- Der Helmar aus
Waldritten, der gute, dumme Junge, hatte jetzt sein
Theil gehabt; der Maler Kronau forderte, als der
schöne Frühlingsmorgen ihm klug und klar in's Zimmer
schien, nun auch sein Recht, und kam nun an die Reihe.
Das RohtrautBild war seinerzeit von der Aus-
stellung in den Besitz einer der königlichen Prinzessinnen
übergegangen, die mir damals den Wunsch hatte aus-
sprechen lassen, meine Studien und mich zu sehen,
wenn mein Weg mich wieder in die Heimat führe.
Ich hatte mich bei ihr zu melden, hatte die Besuche
bei meinen alten Lehrern und Gönnern abzustatten,
hatte diejenigen meiner Kunstgenossen aufzusuchen, denen
gleichzukommen mein Wunsch und Ziel gewesen war,
und denen ich mich nun wohl zugesellen durfte, wie ihr
Empfang es mir erfreulich darthat.
Darüber verstrich der Vormittag. Ich aß mit
Freunden. Die Mahlzeit zog sich lange hin, und erst
am Abend kam ich nach der Wollmann'schen Besitzung
hinaus, in welcher Clamor und Cäcilie während der
Sommermonate der Eltern Gäste waren. Wir fanden
uns zusammen, als hätten wir uns gestern erst ver-

2?
lassen. Clamor hatie sich, wie seine Ehe mit Cäcilie,
und sein Leben in und mit der Wollmann'schen Familie
es natürlich machten, freier und vollständiger entwickelt,
als es unter dem alleinigen Einfluß seines Vaters
vielleicht der Fall gewesen sein würde. Er hatte sich
eine schöne, vielseitige Bildung angeeignet, manche
Vorurtheile abgelegt. Er hatte Selbstständigkeit des
Urtheils gewonnen; und da Cäcilie durch ihn und das
Vorbild ihrer aristokratischen Schwiegermutter an
ruhiger Haltung ihrerseits ebenfalls gewonnen hatte,
konnte man sich kaum zwei Menschen denken, die besser
zu einander paßßten, einander besser ergänzten, als
dieses glückliche Paar mit seinem schönen Knaben. Die
gelegentlich hervorbrechende Freude über ihren Adel,
das Wohlbehagen, mit welchem Cäcilie von ihrem
Schwiegervater, dem General, von ihrer Schwägerin.
der Gräfin, oder von ,ihren jezigen Verhältnissenr?
sprach, hatten für mich etwas Belustigendes. Aber
sie war so hübsch, so gut und so erfreut, mich, ihren
einstigen Schützling, in günstiger Lage wiederzusehen,.
daß mir neben ihr wieder recht von Herzen wohl ward.
,Sie haben das Genie, immer zur rechten Zeit
zu kommen,! rief sie mir fröhlich entgegen. , Seit

268
Wochen habe ich eben Sie hieher gewünscht. Sie
müssen mir unsern Jungen für den Waldritter Groß-
vater malen, damit sein Bild zu Zeiten hinkommt,
wo er selber einmal hingehört. -- Aber waren Sie
schon bei der Gräfin? Weiß sie, daß Sie hier sind?
Ich verneinte Beides, sie zeigte sich darüber ver-
wundert. Ich berichtete, wie ich erst am verwichenen
Abend nach Berlin gekommen, wie mir der Morgen
hingeschwunden sei. Sie legte ein großes Gewicht
darauf, daß ich Aussicht hätte, bei Hofe empfangen
zu werden. Sie erzählte mir, daß sie natürlich vor-
gestellt worden sei, bemerkte daneben, daß sie dem und
jenem von den Prinzessinnen beschützten Hülfsverein
als eine der Vorsteherinnen mit angehöre, da sie den
Segen freiwilliger Hülfeleistung in den Lazarethen an
Elamor's Lager habe kennen lernen, und daß die
Prinzessinnen sich immer sehr gnädig gegen sie be-
zeigten. ,Die Gräfin, ,lezte sie hinzu, , hat für das
Vereinswesen nicht den rechten Sinn, fie muß in
Allem für sich selber sein. Sie ist überhaupt eine
eigene Natur. Wir haben sogar Noth, daß se zu
Hofe geht, und das gehört sich doch.
Während sie später mit mir den Garten durch-

- 9
wanderte, mir die Verschönerungen zu zeigen, welche
der Kommerzienrath vorgenommen und von denen
schon Leonhard mir gesprochen hatte, kam sie noch
einmal auf ihre Schwägerin zurück.
, Machen Sie nur, daß Sie bald zur Gräfin
kommen,! sie nannte sie mit Vorliebe stets mit diesem
Titel, , denn möglicherweise bleibt sie nicht mehr
lange hier.!
Ich fragte, ob sie eine Reise zu machen denke.
,Nicht eigentlich eine Reise,! entgegnete Cäcilie,
,wir möchten sie gerne überreden, wieder die Bäder
von Landeck zu besuchen. Der General, meine Schwieger-
mutter und ihre einstige Gouvernante, die sie seit des
Grafen Tode wieder zu sich genommen hat, rathen
ihr ebenfalls dazu. So hoffen wir, daß sie uns nach-
giebt, obschon das im Allgemeinen nicht ihre Sache ist.?
,Ist denn die Gräfin leidend ? erkundigte ich mich.
Eäcilie sah sich um, wir waren allein, und sich
mit ihrer alten, kecken Geradheit zu mir wendend,
sprach sie lachend: ,Sie sind ja ein verständiger
Mensch, mit Ihnen kann man also ehrlich reden. Für
ihre Gesundheit hat die Gräfin gar nichts nöthig, sie
ist gesund wie ein Fisch im Wasser! Aber einen Mann.

Ne
muß sie wieder haben, und zwwar bald. Sie kann doch
mit ihren zweiundzwanzig Jahren und mit ihren Ein-
künften in keinem Falle Wittwe bleiben! Und wenn
sie nicht bald ihren Herrn findet, wird sie uns zu
eigenwillig und zu herrisch! Glücklicherweise aber ist
ein solcher nah' in Aussicht!?
, Und deshalb soll sie fort? fragte ich, den Mit-
theilungen mit wachsendem Erstaunen folgend.
,Ach!r rief Cäeilie, ,die Sache hängt so zusammen.
Die Schwiegermutter, Frau von Marville,! verbesserte
sie sich, ,hatte in dem Sommer nach unserer Ver-
heirathung die Bäder von Landeck nöthig, wohin, wie
Sie wissen werden, die Schwester unserer Matestät
alljährlich geht. Daß die Gräfin ihre Mutter damals
begleitete, verstand sich ganz von selbst, wie es sich
auch von selbst versteht, daß der hohe schlesische Adel
aus der Umgegend von Landeck sich immer während
der Badezeit der königlichen Hoheit dorthin begiebt,
ihr seine Huldigung darzubringen. Unter diesem Adel
befand sich in jenem Jahre auch der Fürst von Wald-
stein. Er hatte der Gräfin schon bei Lebzeiten ihres
Mannes in allen Ehren sehr den Hof gemacht. Als
er sie dann in Landeck, und zwwar als Wittwwe antraf,

A
nahm die frühere Verehrung eine andere, ein wärmere
Farbe an. Er ist jung, schön, liebenswürdig, in ge-
ordneten und glänzenden Verhälknissen, sehr verliebt
in die Gräsin - und bisher von der Gräfin nicht
nach Gebühr gewürdigt, obschon er die ganzen Jahre
hinduurch als ein echter treuer Ritter beharrlich seine
Bewerbung fortgesetzt hat.!
, Und so will man die Frau Gräfin ihm gewisser-
maßen entgegenführen?! bemerkte ich mit einer Miß-
empfindung, die sich der Scharfsichtigen gegen meinen
Willen wohl verrathen mochte.
Sie sah mich lächelnd an.
,Thun Sie doch nicht, Helmar, als kämen Sie
direkt von unseren idyllischen Waldritter Fluren, statt
von Paris und aus der großen Welt. War denn die
erste Heirath der Gräfin- eine Ehe aus großer Leiden-
schaft und Liebeß
,Ich habe das geglaubt!' erwiderte ich, der
Wahrheit nicht ganz treu.
,Da glauben Sie mehr als ich, und vielleicht
mehr als die Gräfin selbst jezt glaubt!' fiel mir
äcilie mit ihrer nationalen Lebendigkeit in's Wort.
Aber sie mochte es bedauern, daß sie es gethan hatte,

A
denn sie lenkte augenblicklich ein. ,Dora war ja sehr
glücklich mit dem Grafen,! sagte sie. ,Wie sollte sie
auch nicht? Er war ein Kavalier in dem vollen Sinn
des Wortes, und er hielt sie wie ein Heiligthum. Sie
hatte sich Glück zu wünschen zu der Ehe. Aber was
weiß denn ein in ländlicher Einsamkeit erzogenes
siebenzehnjähriges Mädchen überhaupt von Liebe? Der
Graf wollte sich verheirathen, die Eltern wünschten
für die einzige Tochter eine schickliche Partie. Der
Graf, ein schöner, brillanter Mann, stellte sich dem
Kinde in den Weg, hielt ihm die Hand hin, und das
Kind schlug mit Freuden ein. Nennen Sie das Liebe?
ist das Leidenschaft?
,Gewiß nicht!? betheuerte ich von Herzen.
,Sehen Sie, fuhr Cäcilie eifrig fort, ,ich glaube,
die Menschen würden über sich selbst erstaunen, wenn
sie einmal an sich und Anderen es durch irgend einen
Zauber inne werden könnten, wie wenig eigentliche
Liebesheirathen zu finden find. In gar vielen Fällen
wird dem Manne, oder dem Mädchen, die Person in
den Weg geschoben und hingehalten, in der Weise, in
welcher der geschickte Taschenspieler seinem arglosen
Gegenüber die Karte hinhält, welche er von ihm ge-

A
zogen wissen will. Man zieht die Karte sorglos und
ist glücklich über seine freie Wahl. Wird man dann
vielleicht später auch des kleinen Kunstgrifs inne, so
hat man sich an und zu einander eingewöhnt, und da
namentlich unter uns Deutschen die Menschennatur
gutartig ist, so geht Alles ganz vortrefflich und wir
glauben an Liebesheirathen wie an viele andere Dinge,
die zu erweisen in vielen Fällen ebenso schwierig sein
möchte.!
Cäcilie war immer in bester Laune, wenn sie in
dieser Weise ihren Einfällen den freien Lauf ließ.
Mich aber regten ihre ernsten Mittheilungen wie ihre
Scherze weit mehr auf, als sie es ahnen konnte, und
ich war nlchts weniger denn ruhig, als ich am
nächsten Morgen, vor der Gräfin Zimmer stehend, mich
bei ihr melden ließ.
Fanny Lewald. Helmar.

Kapitel 22

,weiundswanzigstes -Fapilel.
Der Diener öffnete mir die Thür des fenster-
losen, länglich runden, von Säulen getragenen Saales.
Die hochgewölbte Decke ließ das Licht von oben nieder-
fallen. Zur Rechten und zur Linken standen die
Zimmer offen; durch ein drittes Zimmer, dem Eingang
gegenüber, blickte man in ein Gewächshaus und in's
Freie. Der Raum, nach altitalienischen Vorbildern er-
baut, hatte etwas Ungewöhnliches für den Norden;
die reiche, sich ihm stylvoll anpassende Einrichtung
vollendete den edeln Eindruck.
Aus dem Garten konmtend, trat Dora in das
Gewächshaus und mir rasch entgegen: eine stolze, juno-
nische Gestalt.

A
Es zuckte mir wie ein Schnitt durch's Herz. zu
denken, daß ihre jungfräuliche Schönheit in den Armen
eines Andern zu ihrer vollen Pracht herangereift war.
Denn sie war bedeutend gewachsen, ihre Formen waren
üppiger geworden. Der einst mädchenhaft gesenkte
Kopf saß frei und stolz auf ihrem schönen Halse, auf
welchen das noch dunkler gewordene Haar in langen
Locken zu beiden Seiten der Schläfen bis zu dem Busen
niederfiel. Wie die Göttin des tempelartigeu Saales
stand sie vor mir, anbetungswerth in ihrer Herrlichkeit.
,Willkommen, Kronau,! rief sie mir entgegen,
mit einer Stimme, die mir auch fremd geworden war,
weil sie sich vertieft hatte, ,willkommen! Ich erwartete
Sie heute, denn Cäcilie hatte mir geschrieben, daß Sie
hier wären. Und so waren Sie's denn auch, der vor-
gestern mir das Wanderlied gesungen ? setzte sie
hinzu, indem sie mir die Hand reichte, die ich, und
mit welcher Wonne, an meine Lippen drückte.
,Erkannten Sie das Liedchen noch? fragte ich
voll Freude.
,Wie sollte ich nicht? entgegnete sie mir. , Sie
haben ja gesehen, es lockte mich sofort an's Fenster.
z8,

Ae
Ich meinte sogar Ihre Stimme zu erkennen, indeß ich
hielt es für eine Einbildung, weil ich nicht wußte,
daß Sie bereits nach Deutschland aufgehrochen wären.
Aber kommen Sie, setzen wir uns, erzählen Sie. Sie-
sind inzwischen ein berühmter Mann geworden und
ich-
Sie brach plötzlich ab. Es fiel ein dunkler
Schatten über ihr Antlitz, so tief, so wahr, wie ihre -
mich beseligende Freude bei unserem Wiedersehen.
Wir schwiegen Beide eine Weile. Ich hätte stunden-
lang vor ihr sizen und sie betrachten, mich daran er-
freuen mögen, wie das Kleid von perlfarbener Seide
die Büste und den Leib umspannte, wie der blendende
Hals und die schönen Arme aus den schwarzen Spitzen
hervorleuchteten, mit welchen das Kleid verziert war,
wie der Sammetgürtel und die goldenen Spangen die
Taille und das Handgelenk umgaben, und wie schön
das von oben in vollem Strome herniederfließende
spielte, wwährend es helle Reflexe auf dem glänzenden -
Licht ihr dunkles Haar und ihre reine Stirn um-
Seidenstoffe ihres Gewandes hervorrief.
,Auch Sie, Kronau,! sagte sie dann nach einer
Pause, ,haben an meinem Manne viel verloren, einen

A?
treuen Freund verloren. Er hatte Sie lieb. Ihr
rasches Wachsen, Ihre schönen Bilder machten uns
große Freude. Wir waren Beide wirklich stolz auf
Sie. Und was ich etwa geworden bin, und daß ich
gelernt habe, auch ohne ihn zurecht zu kommen und
mich auf mich selber zu verlassen, das verdanke ich
ihm. Mein Herz hat von jeher vor ihm dagelegen
wie ein offenes Buch.!
Ihre Ruhe nahm mir den kleinen Rest der meinen.
War es Zufall, war es Absicht, daß sie mir dies
sagte?
Es lag keine Weichheit, keine Klage weder in den
Worten, noch in ihrem Ton; nur ein warmes, dank-
erfülltes Gedenken und Erinnern. Hatte sie es ver-
gessen, wie wir geschieden waren? so sehr vergessen,
daß auch die Stunde des Wiedersehens sie nicht mehr
daran mahnte? Hatte sie es dem Grafen vertraut,
wie jener Augenblick uns überraschend zusammengeführt?
und hatte er sie gelehrt, als eine flüchtige Aufwallung
zu betrachten, was aus lang verschlossener Knospe in
jenem Augenblick zum Lichte erblüht und was in mir
durch alle meine Wandlungen, unvergeßlich und ge-
liebt, lebendig geblieben war? - Ich wußte mich nicht

s
zurecht zu finden. Es war mir deshalb sehr erwünscht,
daß Dora sich nach meinen äuuseren Erlebnissen er-
kundigte, denn ich konnte, als ich sie ihr in großen
Umrissen flüchtig mitgetheilt, sie nun um die ihren
fragen.
, Von meinem Leben ist seit dem Tode meines
Mannes nicht viel zu sagen,! entgegnete sie. , An dem
Tage, an welchem er, ehe er in's Feld zog, sein Testa-
ment gemacht hatte, rief er mich in sein Zimmer. Ich
möchte Dir keinen trüben Gedanken einflößen,: sagte
er, denn ich hoffe, ich kehre Dir wieder. Ist es uns
anders bestimmt, so wahre Dir Deine Freiheit. Hüte
Dich vor jeder Beeinflussung, die Dich mit Dir selber
uneins machen könnte; und lebe dann ein langes.
schönes Leben in dem Sinne, in dem wir gelebt haben,
in dem Gedanken, daß man zunächst für sich selber
und aus sich heraus zu leben hat ?
Sie preßte die Lippen zusammen, schwieg eine
kleine Weile, dann sprach sie:
,Das habe ich gethan! Ich habe, weil ich be-
täubt war von dem Verluste und erschrocken über meine
Einsamkeit, wie ein Kind im Dunkeln, das erste Jahr
fast ganz mit meiner Mutter auf Reisen und in meinem

A
Vaterhause zugebracht. Dann bin ich hieher gegangen
in mein Haus, habe meine Gouvernante, die Sie ja
kennen, als Gesellschafterin zu mir genommen und bin
ruhig geworden und auch wieder heiter. Der Graf
war ja bei seinem großen Ernst selber eine freie, fröh-
liche Natur, und er mochte es nicht, wenn ich es nicht
war. Ich sehe viele Leute, lebe in der Welt, reise bis-
weilen - da haben Sie meinen ganzen Lebenslauf.!
Wie sie das sagte, stand sie auf, zog die Schelle
und hieß den eintretenden Diener Fräulein Amalie zu
ihr bitten, die gleich darauf erschien.
Ich hatte die gute Werner nicht wiedergesehen,
seit ich von Waldritten fortgebracht und in die Lehre
gethan worden war; aber die fünfzehn Jahre, die seit-
dem verflossen, hatten ihr, die kleinen Fältchen ab-
gerechnet, die sich in den Gesichtern von Blondinen
früh einzustellen pflegen, nicht viel angehabt. Sie sah
für ihr Alter noch recht gut aus und hatte immer noch -
den freundlichen, stets verlegenen Ausdruck wie in ihren ,
jungen Tagen.
,Da hast Du Deinen berühmten Schüler!?' rief
ihr die Gräfin entgegen, während Amalie ihrem Ver-
gnügen über mich und mein Wohlergehen, in den be-

8O
scheidensten Worten Ausdruck gab. In wiederholten
Besprechungen über mich und über die Angehörigen
der Marville'schen Familie schwand eine Stunde rasch
vorüber. Wir gingen in den Garten, in das Gewächs-
haus; ich sah das Wohnzimmer der Gräfin, des Grafen
Arbeitszimmer. Das Bild, das ich einmal in der Zeit ,
meiner Anfänge von ihm gemacht, hing über ihrem
Schreibtisch. Dora's Bild, das ihm bestimmt gewesen,
das Bild, vor dem wir einst geschieden waren, sah ich
nirgends. Darnach zu fragen, traute ich mir nicht.
Was kümmerte mich auch die Vergangenheit, wo der
Augenblick mich also hinnahm!
Ich hatte, als ich von Paris fortgegangen war,
meinen dortigen Aufenthalt nicht für ganz beendet an-
gesehen, sondern nach einigem Verweilen in Berlin
dorthin zurückkehren wollen. Jetzt dachte ich bald nicht
mehr daran, und es konnte mir nichts erwünschter
kommen, als daß meine Freunde und Genossen es als
sslbstverständlich erachteten, daß ich nun unter ihnen
und im Vaterlande bliebe.
Eine Werkstatt und ein Atelier waren bald ge-
funden. Die junge Künstlergemeinde hatte sich ver-
größert und hielt gut zusammen. Es waren vortreff-

8
liche Kräfte in ihr, die meisten von ihnen jung. Der
Graf, der gern mit Künstlern umgegangen war, hatte
verschiedene derselben häufig in seinem Hause gesehen,
Dora hatte diese Gewohnheit beibehalten. Es war
also natürlich, daß sie mich dieser Gesellschaft einreihte;
und während ich in der jungen Künstlerschaft jesten
Fuß faßte und den fröhlichen Lebensgenuß derselben
theilte, war doch schon nach wenig Wochen mein ganzes
Leben nur jenes alte: ich ging und kam, und kam und
ging
Von Amalie hatte ich erfahren, daß Dora's von
mir gemaltes Bild niemals in des Grafen Haus ge-
kommen war. Es hieß, er habe es der Mutter ab-
getreten, da er ihr die Tochter fortgenommen hatte.
Ich aber meinte jetzt zu verstehen, was Dora damit
gewollt, als sie mir gleich in der ersten Stunde aus-
gesprochen, ihr Herz habe vor ihrem Manne völlig
offen dagelegen.-- Und trotzdem sah sie mich! Wie
hatte ich mir das zu deuten?
- Sie war es gewohnt worden, sich als den Gegen-
stand der Huldigung und des Begehrens zu empfinden,
und es lag etwas wundervoll Freies in der Weise, in
welcher sie mit den Männern verkehrte, in welcher sie

28
ihnen zum Willkomm die schöne, kräftige Hand darbot.
Man hätte es etwas Königliches nennen mögen, könnten
fürstliche Frauen jemals unter dem Zwang der ihnen
auferlegten Etikette sich so frei entwickeln.
Daß ich sie bewunderte, ihr zu eigen war, daß
ich sie liebte, hätte ich ihr nicht verbergen können,
hätte ich es auch gewollt. Sie blieb dem gegenüber
natürlich gegen mich, wie einst in ihrem Vaterhause.
Sie erzählte es gern, wie ich auf ihres Vaters Hof
geboren, wie mein Vater schon ein Diener ihres Groß-
vaters gewesen, wie er ihre Mutter und auch Sie
herumgetragen, wie ich nächst ihrem Bruder ihr ältester
Bekannter und ein weit besserer Kamerad als er ge-
wesen sei; und gerade an den Tagen, an welchen sie
aristokratische Gäste und Clamor und Cäeilie bei sich
hatte, geschah es bisweilen, daß sie mir beim Abschied
ein freundliches: ,Leben Sie wohl, Helmar!? zurief,
während sie mich sonst niemals anders als mit meinem
Vatersnamen nannte.
Geringfügig, wie derlei dem Gleichgültigen er-
scheinen mochte, bildeten diese kleinen Ereignisse den
Mittelpuukt meines Denkens.
lose Nacht, wenn Cäcilie von
Ich hatte eine schlaf-
der schlesischen Reise

288
sprach, und einen goldenen Arbeitstag, wenn Dora ge-
sagt hatie, das sie an eine solche gar uicht denke, son-
dern, falls es ihr zu warm werden sollte in der Stadt,
zu den Eltern gehen werde. Aber auch den Vorschlag
ihrer Geschwister, sich im Frühsommer mit ihnen ge-
meinsam nach Waldritten auf den Weg zu machen,
lehnte sie von sich ab.
Elamor, mit dem ich auf sehr gutem Fuße ver-
kehrte, war unzufrieden, daß die Schwester nicht mit-
gehen wollte; und ohne daß Cäcilie sich in ihrem freund-
lichen Verhalten geändert hatte, merkte ich es ihr doch
an, daß sie achtsam auf meinen Verkehr mit ihrer
Schwägerin geworden war. Auch die arme, gute Amalie
traute mir offenbar nicht recht. Obschon ihr weiches,
unverstanden gebliebenes Herz sich zu Allem hingezogen -
fühlte, was nach Liebe oder gar nach Romantik aus-
sah, ging sie doch scheu und vorsichtig mit mir zu
Werke, etwa wie mit einem Schießgewehr, das unter
Verhältnissen zu einem Unheil führen konnte. Sie
traute mir nicht recht, und am wenigsten traute ich
mir selber, war ich selber mir darüber klar, was ich
thun, was aus mir werd en sollte, und aus Dora.
Meine Stellung in Berlin machte sich schneller

28
und besser, als ich es irgend hatte erwarten können.
Der kunstverständige Monarch würdigte mich seiner
fördersamen Beachtung, die Kunsthändler und Privat-
leute verlangten meine Arbeiten. Was das Talent
eines Künstlers erreichen konnte, das konnte mir jetzt
füglich nicht mehr entgehen. Ich durfte mir also sagen,
daß ich ein annehmbarer Bewerber in jeder Familie
der besten bürgerlichen Gesellschaft sei, falls die Neigung
einer ihrer Töchter sich mir zugewendet hätte. Aber
war ich ein Gatte für die Gräfin Berkow? für die
reiche Wittwe, die ihre Freiheit so hoch anschlug? für
die Tochter eines ehrgeizigen Vaters, den schon der
Sohn um seine stolzen Hoffnungen betrogen hatte? Ge-
rade ich für sie, in meinem besonderen Verhältniß zu
dem Hause ihrer Eltern, dem ich ebenso ergeben als
verpflichtet war? und liebte mich die Gräfin?
Wenn ich mit ihr in ihrem Arbeitszimmer saß,
im ruhigsten Verkehr, wenn sie zu mir, als wären wir
immer beisammen gewesen, von allen ihren täglichen
Erlebnissen sprach, ihr Vorhaben nach dieser oder jener
Seite mit mir überlegend, wenn ich es fühlte, wie wir
zusammenstimmten, wo es sich um das Urtheil über
Menschen, über das Leben in der Gesellschaft oder über

28K
die Werke in den verschiedenen Künsten handelte, kam
es mir fast undenkbar vor, daß jemals ein Anderer
ihr in gleicher Hingebung zur Seite gewesen war, daß
ein Anderer sie so lieben könnte als ich; und oft genug
schwebte die entscheidende Frage mir auf der Lippe.
Aber ich schwieg, obschon ich mich feige nannte, weil
ich nicht zu sprechen wagte; und doch waren es die
Liebe und das sehr berechtigte Erwägen männlichen
Ehrgefühls, die das Wort der Liebe zurückdrängten in
das Herz. Neben ihr zu leben, sie zu sehen, ihr Ver-
trauen zu genießen, ihr lieb und diensthar zu sein, das
war ein Glück, welches auf das Spiel zu setzen ich
nicht wagen mochte; während sich zugleich mein Stolz
trotz meiner Leidenschaft dagegen sträubte, ihr Wort
zu empfangen, wenn ich an die Möglichkeit gedachte.
daß sie jemals bereuen könnte, es mir gegeben zu
haben. Sie hatte nach den Begrifen der Welt große
Opfer zu bringen, ich nach denselben weit mehr zu
empfangen, als ich zu bieten hatte. Unser Einsatz war
nicht gleich; und große Opfer kann ein Mann nur aus
dem freiesten Entschluß einer großen Liebe annehmen,
wenn sie ihn nicht drücken sollen. Aber all' dieses Er-

28e
kennen, Wissen und Erwägen änderte in meinem, in
unserem Zustand nichts.
Inzwischen war Clamor mit den Seinen abgereist,
und acht Tage später ließ Dora ihre Koffer packen,
um ihnen nachzufolgen. Ich fragte, seit wann sie sich
zu ihrem Aufbruch entschlossen habe. Sie sagte, sie
habe es nie anders vorgehabt, als ebenfalls zu den
Eltern nach Waldritten hin zu gehen, aber sie habe
nicht mit den Anderen gehen wollen.
, Und weshalb nicht?- fragte ich.
Sie sah mich ernsthaft an, dann flog ihr heiteres
Lächeln ihr über das Gesicht.
,Weil,? sagte sie, ,wweil ich eine unbedingte Ab-
solutistin bin. Ich könnte die Tyrannei eines harten
Menschen eher tragen, als das Dreinreden vieler liebe-
voller Seelen, die mich gegen mein Wollen zu ihrem
Willen schmeicheln möchten. So bleibt mir, wenn ich
mir die Freiheit meines Handelns wahren will, durch-
aus Nichts übrig, als den Glauben aufrecht zu er-
halten, daß ich durch meinen Mann verzogen, von
einem Eigensinn geworden sei, mit dem weder im
Kleinen noch im Großen etwas anzufangen möglich.
Mein übler Leumund in der Hinsicht ist für mich un-

A8?
schäzzbar, und ich trachte darnach, ihn mir zu erhalten,
so gut ich kann.?
Sie sagte das mit so viel guter Laune, daß wir
Beide noch darüber lachend scherzten, als Amalie da-
zwischen kam. Bald nach ihr, es war die Empfangs-
stunde der Gräfin, wurden rasch hintereinander ein
paar Personen, Männer und Frauen, von der Gräfin
nächster Bekanntschaft gemeldet, die gekommen waren,
ihr Lebewohl zu sagen.
Man ging an den Theelisch, redete von Dem und
Jenem, bis eine der Damen darauf zu sprechen kam,
wie sie eben in diesen Tagen die Tochter des russischen
Fürsten-- sie nannte den Namen -- gesehen habe,
die vor mehreren Jahren sich mit einem deutschen
Musiker von ihres Vaters Kapelle, natürlich gegen den
Willen ihrer Familie, aerheirathet hatte, und nun als
die Gattin dieses in der musikalischen Welt sehr ge-
schätzten Mannes in dessen Heimat lebte.
Die Berichterstatterin, eine noch junge Dame aus
altem, doch verarmtem Hause, die erst neuerdings eine
Ehe mit einem reichen, aber kranken und sehr alten
Edelmanne eingegangen, und die mir durch ihren zur
Schau getragenen Adelsstolz stets unangenehm gewesen

88
war, konnte sich mit der bloßen Erwähnung des Vor-
falls nicht begnügen.
, Stellen Sie sich vor,- sagte sie,,als ich in Leipzig
aus unseren Wagen heraussah, erblickte ich an der
Thüre des nächsten Coupes den Konzertmeister, der ein-
steigt, und auf dem Perron stehend die Fürstin, seine
Frau, die ihm den Schirm und den Nachtsack zureicht,
als hätte sie es anders nie gekannt. Und der Mann
nahm das hin, als verstünde sich das von selbst, und
wäre in der Ordnung.!
Ihr spöttischer Ton hatte etwas Herausforderndes,
dem ich nicht widerstehen konnte
,Mich dünkt,? entgegnete ich, ,es ist eben keine
große heroische That, eine kleine Handleistung z
machen wo sie nöthig ist, am wenigsten zwischen Ehe-
leuten, zwischen Mann und Fuau.!
,Es kommt nur darauf an,! fiel sie mir ein, , wer
der Mann ist, und wer die Frau! Aber scheint Ihnen
diese Handleistung keine heroische That, so werden Sie
doch zugeben müssen, daß für die Fürstin viel Herois-
mus dazu gehörte, die Frau eines Mannes zu werden,
der solche Dienstleistungen für sie in der Ordnung
findet.

289
, Und wenn ich das nicht thue?-
,So werde ich darin die Bestätigung sehen,! ent-
gegnete die Baronin, , daß in den verschiedenen
Ständen, oder sagen wir Lebenskreisen, ! verbesserte sie
sich rücksichtsvoll auf mich, , die Anschauungen über die
Ehe und die Liebe eben sehr verschieden sind, und daß
die Künstler in ihrer Romantik von den Frauen Opfer
heischen, die unsere Männer nicht von uns begehren
würden.?
Ich sah Dora's Augen auf die Baronin, dann
mit raschem Blick lebhaft auf mich gerichtet, und von
den verschiedensten Empfindungen fortgerissen, sagte ich:
,Gehen Sie noch weiter, gnädige Frau! Sagen
Sie, der rechte Künstler würde die Hand einer Königin
verschmähen, wenn sie ihm ein Opfer in der Gewährung
ihrer Gunst zu bringen wähnte, wenn es ihr möglich,
ihrem Herzen möglich wäre, sie ihm zu versagen.! --
Und weil ich fühlte, daß ich weit gegangen war, und
vielleicht mehr verrathen hatte, als in dem Augenblick
gefordert und berechtigt sein mochte, setzte ich in
leichterem Tone hinzu: , Freilich, die Zeiten sind vor-
bei, in denen eine Göttin sich dem armen Erdensohne
Fanny Lewald. Helnar.

90
nahte, in denen eine Luna zum Endymion hernieder- ,
stieg, ihm Liebe und Gunst gewährend, welche zu for-
dern er sicherlich sich nicht vermessen hatte. ?
Der Mythus paßte im Grunde nicht schicklich auf
den Fall, aber er war mir in den Sinn, die Worte
waren mir in den Mund gekommen, ich wußte selber
nicht wie. Die Baronin, offenbar in der Genealogie,
und im Gothaischen Kalender besser als in ber Mytho-
R ---


z
,Vortrefflich, ganz vortrefflic!r rief sie, da sie es -'
bemerkte, wie die Anderen allmälig still und auf unsere
Unterhaltung actsam geworden waren. Sie schien ein-
lenken zu wollen, aber fie konnte den Ton dazu nicht
finden, und spöttischer, als sie es vielleicht beabsichtigte,
sagte sie: ,Da sehen Sie den Künstler, Gräfin! und y
die Weise, in der ihmn Alles gleich Gestalt gewinnt.-
Da haben wir sofort ein Bild. Ein Bild, das wir
vielleicht in der nächsten Ausstellung zu bewundern,
haben werden, ohne daß die Menge ahnt, welcher Ein-
gebung der Künstler es verdankte, und wie ich schließ-
lich die Urheberin desselben gewesen bin.'?
,Sie find sehr gnädig,! entgegnete ich. ,Ich habe

9
es leider zu bedauern, daß ich kein Historienmaler,
sondern nichts als ein Genremaler bin. Der erwartete
Genuß wird Ihnen also vorenthalten bleiben. Ich
könnte Ihnen höchstens die unglückliche Fürstin am
Waggon als Opfer ihrer unbedachten Liebe malen -
und das wäre doch ein tragisches Motiv.-
Der Ton zwischen uns Beiden war herb geworden.
Mir war das Blut zu Kopf gestiegen, die Baronin
biß sich die schmalen Lippen, auch Dora war erregt.
Ic sah es an der Röthe auf ihren Wangen und an
ihren blizenden Augen. Sie war unzufrieden, sei es
mit der Baronin oder auch mit mir. Indeß sie war
Hausfrau, war gewohnt sic zu beherrschen, und sich
mit Lächeln zu mir wendend, sagte sie, die Unterhaltung
in eine andere Bahn zu lenken:
, Genre oder nicht Genre! Das sind ja Worte,
bloße Worte, Kronau! Wie können Sie darüber mit
der Baronin streiten! Haben doch Sie selber es mir
oft geng gesagt, daß man historische Stoffe genrehaft
darstellen, und die kleinsten Vorgänge aus dem Alltags-
leben, in ihrer allgemeinen Bedeutung erfaßt, mit
großem historischem Sinn behandeln könne. Aber ab-
z?e

9
gesehen von dem Allen, Sie haben mir noch nie ein
Bild gemalt. Malen Sie mir ,Luna und Endymionf.
Ich verlange kein großes Bild! kein großes Opfer!'
schaltete sie mit Bedeutung ein. , Ein paar spannhohe
Figürchen, aber schön! Schöne Menschengestalt in
monddurchglänzter Waldnacht. Ein Bildchen für mein
Arbeitskabinet! Wollen Sie?
Sie hätte, wäre sie ruhig gewesen oder hätte sie
den eigentlichen Mythus recht gekannt, die Forderung
kaum gestellt. Ich sah ein Lächeln auf der Männer
Lippen, und um nur fortzukommen von dem Thema,.
das mein Ungeschick herbeigeführt, sagte ich, sie habe
zu befehlen.
,Befehlen!? wiederholte sie ungeduldig. ,Was das
heut' Alles für Redensarten sind! Opfer! Befehlen!
als wären wir im Orient unter Sklaven und Despoten. -
Wollen Sie oder wollen Sie nicht?
, Es wird mich freuen, Ihren Wunsch, Frau
Gräfin, zu erfüllen!'' entgegnete ich, ,sind Sie damit
zufrieden?
Sie bejahte es. Von dem Konzertmeister und
der Fürstin war die Rede nicht mehr; aber es war

i
A

ein ganz ungewohnter Ton in die Unterhaltung ge-

9
kommen, eine befremdliche Verstimmung über die Ein-
zelnen, die Niemandem entging. Dora zuerst mußte
das gewahren, denn es kam kein Gespräch mehr in
den Gang. Sie hob die Tafel auf, und man trennte
sich bald darnach, mit Rücksicht auf die für eine frühe
Stunde anberaumte Abreise der Gräfin.
Da die Anderen sich entfernten, hatte ich mich
ihnen anzuschließen. Als ich mich von ihr beurlaubte,
fragte ich, ob ich von ihr hören würde, ob ich ihr
schreiben dürfe.
,Ich wüßte nicht wozu!'' sagte fie. , Sie schreiben
ja dann und wann an meine Mutter, und wie wir
bei uns leben, das wissen Sie. Malen Sie lieber!?
, Gräfin!' mahnte ich leise, weil ihre Kälte mich
erschreckte.
,Gehen Sie an mein Bild !- begütigte sie, ,immer
vorausgesetzt, daß es Sie kein Opfer kostet, es zu
malen. Denn ich bin wie Sie! Ich hasse die Opfer-
theorie und liebe es auch nicht, Opfer anzunehmen.!
,Ich habe Sie erzürnt - Gott weiß es, gegen
meinen Willen!' betheuerte ich ihr, während das Herz
mir klopfte, denn so grundlos zürnen konnte nur die
Liebe; aber ihre Antwort schlng mein Hoffen nieder.

W9s
, Erzürnt? ich wüßte nicht wodurch? Im Gegen-
theil! Sie haben Rect, ich bin ganz Ihrer Meinung.
Man soll keine Opfer bringen, keine fordern, keine an-
uehmen. Sich selbst soll man genügen, und nur Das-
jenige thun, was man nicht anders thun kann. Dann
kommt man ohne Zweifel an sein rechtes Ziel. ?
,Ich schreibe Ihnen morgeu!'' sagte ich, weil ich
mich der Erklärung mehr als je bedürftig fühlte.
, Nein!'' sprach sie leise, und so bestimmt, und
schnell, als dies ganze Gespräch von Statten gegangen
war. , Nein! ich verlange, daß Sie es nicht thun.
Ihr Wort kam sehr zur rechten Zeit für Sie und mich!
Es muß, und soll mir die Richtschnur sein, und Ihnen
auch. Sie waren weiser, als Sie es selber wußten,
und somit Lebewohl!'-
Sie ließ mich stehen. Die Anderen nahmen sie
in Anspruch, und ic ging meines Weges, mich ver-
wünschend und meinen übermüthigen Unbedacht, und
meine Weisheit; und zum ersten Male auch zornig
gegen sie, ihren kalten Hochmuth anklagend und ihren
Eigensinn.
ggggggggpogg g

Kapitel 23

!
k
Dreiundswanzigsles »apilel.
sFgoz.
? Es war mir eine böse, lange Nacht, und mit
F allem meinem rastlosen Denken kam ich doch über die
ßFrage nicht hinaus: Was ist benn eigentlich geschehen?
s wie war das Geschehene möglich? und wie war es
h denn ehe das Unerwartete geschah?
s Wie in einem sanften Traume, in schlafwandeln-
F der Sicherheit, vollkommen an die Geliebte hingegeben,
h hätte ich beglückt durch den Augenblick, bisher jedem
F Tage es zurufen mögen: Verweile doch, du bist so
E schön! = Seit die Aufregung nach dem ersten Wieder-
Z sehen sich besänftigt hatte, war in der vertrauenden
F Ruhe, mit welcher wir beisammen gewesen waren,
F selbst das Hoffen, wennn es sich in mir geregt, stil

29e
und geduldig gewesen. Ich hatte, ohne mir Rechen-
schaft darüber geben zu wollen, die Frucht nicht brechen
mögen, ehe sie gereift war. Ich hatte nur wenig ge-
dacht, weil ich so viel empfunden, weil ich so glücklich
gewesen war.
Jezt da es mir zwweifellos gewiß war, daß sie
mich liebte, daß sie mein Wünschen und Hoffen er-
kannt hatte, daß es, weil sie es theilte, ein berechtigtes
gewesen war, entzog sie sich mir mit einem Male plötz-
lich. In demselben Augenblicke, in welchem sie mich
und meine Arbeit eben noch in einer Weise für sich
begehrt hatte, die mich entzückt, versagte sie mir jede
Annäherung mit einer Härte, von der sie wissen mußte,
daß sie mir
mit dem sie
Herrschsucht,
und Cäcilie
in's Herz schnitt. War das ein Spiel,
ihre Eitelkeit vergnügte? Waren es die
der launenhafte Eigensinn, deren Clamor
sie beschuldigten? Ihre Tyrannei, ihre
Launen zu ertragen, war ich nicht gemacht. So weh
mir's that, mich ihr entgegenzustellen.
Und was hatte ich verbrochen? Ich hatte eine
Frau in ihre Schranken und zurecht gewiesen, welche
der Gräfin gar nichts galt. Ich hatte es nicht ruhig
hingehen lassen, daß sie die Verbindung einer vornehm

?
A?
geborenen Frau mit einem Künstler als etwas durch-
aus Unzulässiges bezeichnet. Wie hatte das die Gräfin
kränken können, wenn ich ihr theuer war? - Ich
hatte es aufrecht erhalten, daß das angeborene Talent,
das sich edel ausgebildet hat, gleichviel von wem Der-
jenige abstammt, der es besitzt, so viel, wenn nicht
mehr werth sei, als das Herkommen von einem Ge-
schlechte, welches sich durch die Gunst, der Umstände ---.
durch ein paar Jahrhunderte zu erhalten vermocht,
und in dem langen Lauf der Zeiten auch hie und da
eine bedeutende Kraft in sich erzeugt hatte. Ich war
der Behauptung entgegengetreten, daß man in den
bürgerlichen Kreisen die Frauen nicht zu ehren wisse,
hatte es selbstverständlich genannt, daß die Liebe ihre
freie Wahl als das höchste Gesez für sich erkenne,
daß sie sich gegen die bestehende Gewohnheit ihr Recht
erkämpfe, und daß zwischen Menschen, die sich an-
einander hingegeben haben, von anderen Opfern, oder
gar von erniedrigenden Dienstleistungen weiter keine
Rede sein könne.
Wenn Dora mich liebte, wenn sie geneigt gewesen
war, wie ich es gestern mehr als je gehofft,. ihrer
und meiner Liebe nachgebend, die Meine zu werden,

W0s
so hätte sie mich in meiner Abwehr der Baronin ver-
stehen, mein Ausspruch sie erfreuen müssen. Sie liebte
mich also nicht! - Was sollte dann aber ihre erste
Zustimmung, was das Verlangen nach dem Bilde be-
deuten? - Hatte sie mich daran erinnern wollen, daß
ich ihr gegenüber nur ein Künstler sei, der ihre Auf-
träge zu empfangen und gegen Bezahlung auszuführen
habe? Das war unmöglich, ganz unmöglich!--- Oder
hatte sie eben nur Liebe genug für mich gehabt, sich
meiner beharrlichen Liebe zu erbarmen? Hatte sie mir
ein Opfer zu bringen, mir mit ihrer Hand nicht nur
ein Glück, sondern eine Gnade zu gewähren gemeint?
Mein ganzes Ehrgefühl lehnte sich dagegen auf.
,Die Tage der Begnadigung, Frau Gräfin, sind für
mich vorüber!'' sagte ich laut sprechend zu mir selber.
Am Abende, als ich von ihr gegangen war, hatte
ich auf dem Heimweg es mir vorgenonmen, sie in der
Frühe auf dem Bahnhofe aufzusuchen, um sie zu ver-
söhnen. Am Morgen, als der Tag mir in das Fenster
sah, fühlte ich mich kalt und ruhig. , Sie sollen Ihren
Willen haben, schöne Frau!'! dachte ich, und ging,
das zornige Herz zu kühlen, in der Morgenfrische nach
dem Park hinaus. während sie von dem entgegenge-

299
setzten Ende der Stadt nach unserer geweinsamen
Heimat abfuhr in ihr altes Vaterhaus.
Ich gab mir das Wort darguf keinen, auch nicht
den kleinsten Versuch einer Annäherung an sie zu
machen. Er war zu Ende,. mußte zu Ende sein, der
lange, lange Traum! nun für immerdar! Kränkung.
für Liebe ernten? Nimmermehr!
Mit dem Gedanken ging ich in die Werkstatt und
an meine Arbeit, und weil ich mich gewaltsam zu-
sammennehmen mußte, meine Aufregung zu bemeistern,
ging mir die Arbeit vortrefflich von der Hand, so daß
ich meine Freude daran hatte. Ich machte am Mittag
nur eine kurze Pause, und wie ich dann am Abend
meine Pinsel, meine Palette reinigte, wie ich das
Fenster öffnete, daß mir die frische Luft in's Zimmer -
strömte, und dann noch einmal vor die Staffelei hin
tretend, mein Tagewerk überschaute, da dachte ich:
,Es ist gut, daß es zu Ende ist. Nun bin ich frei
für immer!.
Ich war lange nicht mit mir als Künstler und
als Mann so wohl zufrieden gewesen, wie an dem
Abend. Ich konnte kein Weib besitzen wollen, das sich
zu mir herniederließ, wie Luna zu dem schlafenden

800
Endymion! Um keinen Preis der Welt hätte ich ihr
das Bild gemalt; und wäre sie an dem Tage zu mir
hingetreten mit dem einst von mir so sehr geliebten:
,Wenn Du den Muth hast, küsse mich!?-- der bloße,
Zweifel würde genug gewesensein, ihreLippen vormeinemt
Kusse zu bewahren.-- Der Zorn der Liebe war über
mich gekommen, ich, freute mich des brennenden
Schmerzes, denn ich war entschlossen, ihn zu überwinden.
Gestern noch war meine ganze Seele fest in ihren
Banden gewesen, heute feierte ich einen Triumph über
sie und über mich! Und wie ich gestern sie wiederzu-
sehen leidenschaftlich begehrt hatte, so sagte ich mir
heute, ich müsse, mein früheres Vorhaben ausführend,
nach Paris zurück, noch ehe der Winter komme; ja,
besser noch, ich müsse bald fort von hier, um noch
des schönen Herbstes in Frankreich zu genießen.
Aber! Die Franzosen sagen: Nicht Jeder ist ein
Thor, der's sein möchte!-- und aus eigener Erfah-
rung setze ich hinzu: Man ist so weise nicht, als man's
zu sein glaubt, als man bisweilen es zu sein -
fürchtet!
Ich sagte meinen Freunden, daß ich gehen würde,
weil ich mich durch mein Wort ihnen gegenüber zu

81
s binden wünschte. Ich erklärte ihnen, daß ich nuur dies
f eine angefangene Bild beenden wolle, und machte , ,
s immer neue Skizzen und untermalte neue Bilder. Nur
s darin blieb ich fest, ich schrieb nicht an die Gräfin,
s nicht an ihre Mutter, auch nicht, als ich mich von. -
F Berlin entfernte, um auf die Güter eines mir befreundet
f gewordenen Gutsbesitzers zu gehen, dem ich es zuge-
s sagt hatte, ein Familienbild für ihn zu malen. -
Ich blieb länger auf dem Lande, als ich es' zu-
F erst beabsichtigt hatte. Die märkische Gegend war mir
ß anmuthend, der Menschenschlag tüchtig. Die Ernte,
der Beginn der Jagd boten mir im Wechsel ihrer
z Szenen gerade die mir gemäßesten Motive. Die
Familie, in deren Hause ich verweilte, ward mir immer
f werther, schon weil ich ein Bedürfniß hatte, mich an
neue Menschen gnzuschließen, da ich die alte Liebe
nicht mehr in mir pflegen wollte. Der Mann, den
ich zu malen hatte, war der Typus eines stattlichen
Märkers. Die Frau eine hübsche Blondine, die drei
Kinder frisch, die dänische Dogge, die nach der Kinder
Meinung und Bitten durchaus mit dabei sein sollte,
ein schönes Thier, und der Tisch unter den Linden ein
,guter Platz. Den jüngsten Buben bat ich mir nackt

8
aus. Sonnenlicht, das durch die Aeste fiel, kam mir
zu Hülfe. Die Arbeit machte mir Vergnügen. Es
war eine Art von Windstille über mich gekommen,
in der ich mich wie in einem klaren See von den
kleinen Wellen tragen und schaukeln ließ, welche das
tägliche Leben meiner neuen Freunde erzeugte, und von
denen es bewegt ward.
Wir machten weitausgedehnte Besuche in der
Nachbarschaft, es waren hübsche Mädchen in den
Häusern, der bequeme Verkehr führte leicht zusammen,
die Lebensweise hatte bei aller Reichlichkeit doch einen
bürgerlichen Annstric; und von
Hause des Kommerzienraths,
und Cäcilie übergegangen war,
dem großen Luxus im
der auch auf lamor
wie von dem vornehm
gewäählten Styl in der Gräfin Haushalt, war man
troz einer sichern Wohlhabenheit sehr weit entfernt.
Meine Freunde sahen es, daß ich mich in ihrer
Mitte gut befand, und weil es ihnen selber wohl war
und sie mir gut gesinnt, lag ihnen der Vorschlag nahe,
daß ic mir unter den Töchtern dieses Landes und
ihres Kreises die Gattin wählen solle. Dann hatte
ich, wie sie meinten, die Abwechslung zwwischen Stadt
und Land, die mir Bedürfniß und genehm war, leicht

808
zu machen. Man bezeichnete mir sogar dies und jenes
Mädchen um seiner besonderen Vorzüge willen ganz
besonders, und bei jeder dieser jungen Schönen mußte
ich einräumen, daß sie eine wünschenswerthe Hausfrau
und Gattin sei, daß ich die Eine so gut als die An-
dere zur Frau nehmen könnte -- wenn ich's überhaupt
konnte -- wenn ich nicht nach Paris gehen müßte,
um fortzukommen von Berlin. Dazu aber mußte ich
doch nothwendig erst nach Berlin zurück, was hin-
wiederum nicht eilte. Kurz, ich blieb und blieb, war-
tend - ich wußte nicht worauf; und höchlich mit mir
unzufrieden, wenn ich in diesem anscheinend gelafsenen
Warten den Schimmer einer Hoffnung hervorblitzen
sah, die ich mir einzugestehen als meiner unwürdig
gefunden haben würde. Ich war in eine jener Krisen
F des Selbstbetrugs hineingerathen, welche in der Liebe
ß der Thor sowie der Weise durchzumachen hat.
Die Tage fingen währenddessen an allmälig kürzer
F zu werden, meine Arbeit war abgethan. Ich hatte
ß vor mir selber keinen vernünftigen Grund zu länge-
rem Verweilen auf dem Lande, und eines Abends
F fand ich mich wieder in Berlin in meiner Wohnuung
und in meiner Werkstatt. Sie kam mir öde und leer

71
vor in der Erinnerung au das behagliche Familien-
leben, das ic verlassen hatte, und vor dem mir doch
stets bange geworden war,
hatte, mich in ein solches für
zudenken. Ich befand mich
so oft ich es versucht
immer gebunden hinein-
in dem unbehaglichsten
Zustand von der Welt. Des Junggesellenlebens war
ich satt, und an die Ehe, wie sie sich mir darbot,
mochte ich nicht denken. Ich hätte heraus sein mögen
aus dem täglichen Schwanken zwwischen Behagen und
Unbehagen, hätte mich selber los sein mögen und hielt
doch, wie ich mir spottend vorwarf, so große Stücke
auf mich, daß ich mich berechtigt glaubte, von der
Liebe alle möglichen Opfer zu empfangen, ohne sie
auc nur als solche anerkennen zu mögen. Das hatte
Dora ganz mit Recht gekränkt, das hatte mich des
Glütckes beraubt, welches ich das Frühjahr hindurch
in ihrer Nähe genossen, und----
Und so war ich denn glücklich wieder mit meinen
Gedanken, die ich lang im Zaume gehalten, an dem
alten Ziel gelandet, und bei ihr.
At Abend, einige Stunden nach meiner Ankunft,
wollte ich mich wie immer in das Kaffeehaus begeben,
in welchem ich meine Freunde zu finden sicher war.

0d
s Nicht fern von meiner Wohnung traf ich Glansor, der
nach Hause ging. Unser Weg war der nämliche, wir
setzten ihn also gemeinsam fort. Ich fragte nach dem
Ergehen der Seinen. Er erzählte, daß seine Frau
und sein Knabe noch bei den Eltern wären, wo er nur
f kurze Zeit habe verweilen können, weil er seinen Chef
s, auf einer Dienstreise zu begleiten gehabt habe, von
welcher er vorgestern zurückgekommen sei. Er sprach
von dem Wohlbefinden seiner Eltern, von dem Gedeihen
der Güter, sagte, daß er meine Mutter noch rüstig' ge-
funden habe; aber nach meinen Angelegenheiten fragte
er nicht, und der Gräfin erwähnte er mit keiner Silbe.
Ich wartete lange darauf. Schließlich blieb mir nichts
übrig, als mich nach ihrem Ergehen zu erkundigen.
,Haben Sie sie denn noch nicht gesehen?! fragte er.
Ich erinnerte ihn, daß ich eben erst ange-
kommen sei.
,Aber Sie wissen doch, daß sie seit länger als
drei Wochen hier und, wie ich gestern von ihr erfuhr,
amit Reisegedanken beschäftigt ift.
Ich erklärte, daß ich von dem Allem nicht unter-
richtet sei mnd daß ich von der Gräfin nichts vernom-
Ganny Lewald. Helmar.

80e
men hätte, seit sie auf das Land gegangen. Das be-
fremdete ihn, wie mich die Anwesenheit der Gräfin in
Berlin befremdete, und als ich ihn, über seine Mit-
theilungen betroffen, fragte, wohin sie sich zu begeben
gedenke, sagte er leichthin:
,Weiß ich's? Ic glaube, sie weiß es selber nicht.
Nach Frankreich! Nach Jtalien! Irgend wohin, wo
sie ihr Jeal, ganz auf sich selbst gestellt zu sein, er-
reichen kann, und wo sie vor Allen sicher ist, keinem
verständigen Einfluß, keinem vernünftigen Rathe zu
begegnen !' -- Wie einst Cäcilie, so bereute auch er
es sofort, das Urtheil in solcer Weise ausgesprochen
zu haben, denn er brach ihm mit einer allgemeinen
Bemerkung über die Launen der Frauen, welche sich
selber überlassen wären, scherzend die Spitze ab.
,DDaß Sie übrigens außer allem Zusammenhange mit
meiner Scwester wären, das hätte ich nicht geglaubt.
Sind Sie gespannt mit ihr? fragte er danach.
Ich kannte Clamor. Auch wenn er sich an-
scheinend gehen ließ, verlor er, es war das je nachdem
eine seiner guten oder üblen Eigenschaften, nie die
Herrschaft über sic. Er wußte immer was er that
und wollte; und mit der Zurückhaltung, die man

Ko?
solchen Naturen gegenüber nothwendig zu beobachten
hat, antwortete ich him, daß ich am Abende vor
meiner Abreise mich mit der Gräfin und der Baronin -
in Meinungsverschiedenheit über ein abstraktes Thema
befunden hätte, und daß der Gräfin ausdrückliche,
Weisung mich gehindert, die Sache schriftlich aus-
zugleichen.
,Unbegreiflich! sie ist wirklich unbegreiflich!?
rief er. ,Wir glaubten sie auf dem besten Fuße mit
Ihnen!? Und mit ganz verändertem Tone setzte er
ruhig und ernsthaft hinzu: ,Weshalb soll ich es
Ihnen verbergen, Kronau, da Sie wissen, wie sehr
wir Alle Sie schätzen; Ihre Erklärung, daß Sie mmit
der Gräfin die ganze Zeit hindurch in gar keinem
Verkehr gewesen sind, wirft meine, wirft alle unsere
Vermuthungen über den Haufen. Sie freut mich für
Sie, für uns Alle! Doch verstehe ich jetzt meine
Schwester weniger als je.!
Ich fühlte, das er es nicht böse meinte. Ich
hatte auch Grund, an seiner und an Cäcilien's guter
Gesinnung für mich nicht zu zweifeln, aber der Junker
von Waldritten kam bei ihm doch immer wieder zum
Aa

08
Vorschein und schlug ihm in den Nacken. Mir schien
es, als könne er es noch immer nict ganz vergessen,
daß ich ihm einst hatte pariren müssen, als glaube
er, ich hätte still zu halten, da es ihm beliebte, mir
wieder einmal sein
meine einzufordern.
Gereiztheit und ein
Vertrauen aufzubürden und das
Jezt weiß ich, daß meine innere
Rest von Unfreiheit in mir, mich
ungerecht gegen ihn machten. Damals fühlte ich mich
durch seine Worte schwer von ihm gekränkt, und die
alte Lehre befolgend, daß der Hieb die beste Deckung
sei, entgegnete ich ihm:
,Der Grund Ihrer Freude, wenn ich ihn recht
verstehe, ist nicht schmeichelhaft für mich; und Ihr
Vertrauen anzunehmen, soweit es die Gräfin betrifft,
trage ich Bedenken, denn ich fürchte, daß Sie ver-
muthlich nicht erfreuen wird, was ich Ihnen zu ver-
trauen für nöthig fnde. Ich liebe Ihre Schwester!
und
als
ich glaube- -
Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen,
ich dies Wort einmal vor einem Andern als vor
mir selber, es gerade vor Clamor ausgesprochen hatte.
Aber er unterbrach mich schnell.
,Ich weiß das!- sagte er mit mehr Gelassenheit

09
und Freundlichkeit, als ich in diesem Augenblicke zur
Verfügung hatte, ,aber eben deshalb, lieber Kronau,
mußte diese Angelegenheit einmal zur Sprache zwischen
uns kommen. Geben Sie den Gedanken an eine
Verbindung mit der Gräfin, wenn Sie ihn hegten, auf.!
,Sie gehen zu weit Herr von Marville! rief
F oz uou buona
,Ich spreche nicht für mich, Helmar!'? sagte er,
! ,ich spreche für meine Mutter, die, Sie wissen das,
F eine groke Zneigung kür Sie hat, und spreche fr
F meine Schwester. Was die Lebe und das Heirathen
betrifft, stehen ich und Sie auf gleichem Boden, und
ungleiche Heirathen scheinen uns Waldern seit der
letzten Generation ein Bedürfniß werden zu wollen.
Ich habe eine Liebesheirath mit einer Jüdin gegen
alles Wünschen meiner Eltern geschlossen, meine Mutter
hat gegen den Wunsch ihres Vaters einen neugeadelten -
Offizier geheirathet. Beide Ehen find vortrefflich aus-
geschlagen, und man sollte also denken, eine dritte
ähnliche Verbindung könnte meine Eltern nicht über-
raschen. Aber - nennen Sie es ein Vorurtheil, das
meiner Mutter doch im Blute liegt, nennen Sie es
einen Eigensinn, gerade meine Mutter wünscht für die

H10
Tochter eine neue standesgemäße Verbindung. Und
täuschen Sie sich darüber nicht, die Gräfin hängt an
ihrem Namen mehr, als sie selber weiß, liebt ihre
Stellung in der großen aristokratischen Gesellschaft
mehr, als sie es denkt. Sie würde sie wahrscheinlich
schwer und stets vermissen.
Ich konnte mich diesen Einwwendungen nicht wohl
entziehen. Ich sagte ihm, da er inne hielt, es seien -
das Betrachtungen, die mir sehr geläufig wären. -
Freilich glaube ich nach meinem Erfahren nicht, daß
die aristokratische Gesellschaft die Vorurtheile seiner
Mutter in Bezug auf einen Künstler von Namen
theile; aber es wären eben die von ihm mir ent-
gegengestellten Bedenken, welche mich hätten schweigen
machen bis zu dieser Stunde.
,Sie haben ja in jeder Beziehung wie ein Ehren-
mann gehandelt, Bester! Sie haben gehandelt, wie
wir es nicht anders von Ihnen erwartet hatten,! be-
schwichtigte und versicherte mich Clamor, ,aber
Schweigen?-- Lieber Freund, was verschweigt die
Liebe, und nun gar die Liebe eines Künstlers? Und
andererseits, was verschweigt die Eitelkeit einer schönen
Frau? Was erräth nicht der Neid ihrer minder


A


I

=
- s
W

1
schönen Freundinnen und der Scharfblick ihrer Be-
werber? -- Dora war von je Ihr Zdeal! Es
war der Graf, der das und Ihre Liebe für meine
Schwester erkannte, ehe wir Anderen noch ahnten,
welch' ein bedeutendes Talent in Ihnen sich entwickelte.
Jetzt sind Sie ein berühmter Mann, ein gefeierter
Künstler, und natürlich gefällt und schmeichelt es der
Gräfin außerordentlich, sich als das Ideal, als die
bkgeisternde Muse von Helmar Kronau betrachtet und
genannt zu wissen, sich mehr oder weniger erkennbar
in Ihren schönsten Bildern wiederzufinden; denn Ihre
Phantasie verräth Sie -- vielleicht gegen Ihren
Willen!r schaltete er begütigend und verbindlich ein.
,Aber,! fuhr er so rasch fort, daß eine Einwendung,
mir nicht möglich war, ,als der Fürst jetzt zu den
Jagden von den ostpreußischen Gütern seines Schmggers
nach Waldritten gekommen war, als die Gräfin wider
unser Wünschen und Erwarten die Hand des Fürsten
mit so fester Bestimmtheit ausschlug, da regte sich die
Vermuthung in uns Allen, welche meine Frau immer
gehegt hatte, seit Sie wieder in Berlin sind, Sie
wären nicht ohne Einfluß, nicht unbetheiligt an dem
Verhalten meiner Schwester. Und ich verhehle es

I
812
Iönen deshau ncht, es t uie sebr üeb, po Ahe« I;
zu hören, daß wir uns irrten, besonders um meiner. s
Mutter willen lieb, die Ihnen wirklich sehr zuge- -s
1
than ist.?
Sein Vertrauen, seine Nachrichten über die Is
Werbung und Abweisung des Fürsten, seine Anex- Fs
kemung meiner bescheidenen Zurückhaltung, und die Pj
Kränkung, welche eben darin für mich lag, die Ver- IIi
u1
rINaa
sohn gewänne: das Alles rasselte wie ein plötzlich Iz
niederschmetternder Hagelschauer kalt und doch, auf-
regend auf mich nieder. Ich mußte mich wiezunfg J
einem solchen erst schütteln und mich befinnen Fäuf N
das, was mir geschah und was mir zu -thun, oblgg. ? ?

Gläcklicherweise brauchte ich nicht viel Zeit dazu, denn I-?
die wachsende Zuversicht auf Dora's Liebe tauchte pie I?
die Sonne aus dem Wolkenwirrsal dieser Unterredung.g
heller als je an meinem Horizonte auf.
,Ich habe Sie ruhig vollenden lassen,r sagte, ich,' 7
,obschon die Voraussezungen, von denen. Sie, gus-ß?
kt
gegangen, mir nicht die maßgebenden gewesen,. find. -?
Ich habe Ihnen eingeräumt, daß ich angestanden habe,?,
= s

H1s
ds mich gegen die Gräfin auszusprechen, aber nuur, weil
ss ich mich nicht sicher fühlte, ob ihre Lebe stark geng.
!s lhr Sinn groß geng sei, auf gewisse äußere Vorzüge
If ihrer gegenwärtigen Stellung, die ich vollauf würdige,
Is zu verzichten. Gewinne ich diese Neberzeugung, komme
Fs sch zu der Gewißheit, daß Dora, gönnen Sie mir es
Fs auszusprechen, meinen in der Welt nicht mehr unbe-
Ij kannten Namen ebenso gern als den des Grafen'
f Behkow trägt, dan, Herr von Marpile, darf mein
Fs Ehrgefühl vor dem Reichthum der Gräfin nicht zurück-
F( schrecken. Dan, Herr von Marville, kann auch weder
Fß der Gedanke an die Wünsche Ihrer Familie, noch der
Fs besondere Hinweis auf Frau von Marville, die ich
hf in größter Dankbarkeit verehre, mich abhalten so
Fß glücklich zu werden, als Sie burch eine keindliche Kugel
Ij und Ihre und Cäeiliens muthige und feste Liebe,
Ff auch nicht auf den besonderen Wunsch der. Ihren, es
s geworden sind.
-
il
Wir standen vor dem Kaffeehause.
- ,Ich habe gemeint, Ihnen mit meiner Aufrichtig-
,f kit mene Achtnng vor Ahnen ud mein Vertrauen
? ! zu beweisen,! sagte Clamor.
st
dl
sl
i!
is
,Ihrer Offenheit bin ich ebenso aufrichtig be-

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gegnet!? gab ich zurück. ,Ich schuldete dieses Ihnen
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so wie mir. Mit der Entscheidung, welche die nächsten
Tage bringen müssen, wird Einer oder der Andere sich
in das Gleiche zu setzen haben: die Familie der
alten Herren des Schlosses, oder des alten Dieners
emporgekommener Sohn.!
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Glamor fuhr auf, faßte und überwand sich aber
ebenso schnell.
,Gerechtigter Stolz gegen berechtigten Stolzl?
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sagte er mit einer Würde, die ihn in meinen eigenen
Augen über mich stellte. ,Aber diese Antwort, Helmar,
war nicht gefordert und nicht von mir verdient. Ich
wünschte meine Eltern, meine Schwester und auch Sie,
vor Mißhelligkeiten und Kämpfen zu bewahren, deren
drückende Schwere ich und Cäcllie lange Zeit empfunden
und getragen haben. Sollte das nicht möglich sein -
sollte ich mich in der Anschauungsweise und in den F
Empfindungen der Gräfin täuschen - nun,! - und
seine Stimme klang bewegt und weich, ,nun so leistet F
ihr des Bruders Hand vielleicht weniger hart den IF
Dienst, den ich und Cäcilie, wie Sie sagten, jener I
Kugel zu verdanken hatten, und bringt Sie leichter F
an das Ziel, das ich und meine Frau, wie ich Sie,ß
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F wiederholt versichere, erst nach recht schmerzlichen
F erwürfnissen und recht bitteren Leiden erreichen
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Er traf mich mit den Worten tief.
-erzeihen Sie mir, Marville, bat ich, ,ich
F schäme mich vor Ihnen.!
,Kein Wort darüber! sagte er, indem wir uns
-
F die Hände schüttelten. ,Zweifelnde und gekränkte
FF Liebe ist immer ungerecht. Nun nichts mehr davon.
F Es ist gut, daß wir uns heute trafen. Die ganze
F Vergangenheit mußte einmal zwwischen uns zum Aus-
Z trag kommen. Wir haben uns an einander gemessen
Z und haben uns zusammengefunden. Das ist für alle
FEe gu: eno au: Aedeneger
s Als er sich von mir wendete, sah ich nach der
ßuyr. L oro = aehen, war es kr mich p wvön:
ss aber ihm nachblickend, bemerkte ich, daß er den Beg
jlnach rer Ho ischla
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Kapitel 24

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Tierundswanzigsles -Fapilel.
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So früh, als es am nächsten Morgen zuläsfig,
war, begab ich mich zu ihr. Ich ließ mich meldenß
und ward angenommen. Sie war noch im Morgen--!
anzug mit einem kleinen Häubchen auf dem Kopfet
Ich hatte sie niemals so gesehen. Es gab ihr eineng?
frauenhaften Anstrich und machte sie mir zum erstens
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Male fremd erscheinen.
Sie stand, als ich bei ihr in ihr kleines Arbets)z
kabinet eintrat, vom Schreibtisch auf und hielt mhg
einen Brief entgegen, den sie zu siegeln im Begriffß
gewesen war.
,Willkomnen!r sagte sie. ,Ich erfuhr, gefegß
von Clamor, daß Sie nach der Stadt gekommen wärenß,
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j und hatte Ihnen soeben geschrieben, Sie um Ihren
s Besuch zu bitten, denn ich habe einen Dienst - nun!
, ich will sagen, ein Opfer von Ihnen zu fordern,
j damit wir an den Punkt anknüpfen, an dem wir
uns beim Abschied trennten.! -
Sie war bleich und ihre Sprechweise unruhig
und gepreßt.
,Sie find unwwohl Frau Gräfin!? sagte ich.
,Ich habe nicht geschlafen, das ist Alles!r ent-
F gegnete sie tief aufathmend, wte Einer, der seine Kraft
F zu sammeln hat. ,Elamor kam gestern Abend zu
I mir, nachdem er Sie gesprochen hatte. Sch brauche-
P Iönen ncht z sagen, m was es ch zvischen hhm
Ps und mir gehandelt hat,? sagte fie darnach schnell.
F, Er hat sich reolich wie ein guter Bruder, wie ein
ßs Ereund und wie ein Ehrenman eriesen Ich habe-
Ifihn lange ncht nach Gebühr geschätst, ich liebe ihn
zl webr =w i. ober -
,Gräfin!r bat ich, demn ich ertrug's nicht länger,
js ,ipamen Sie mich nicht auf die Folter. Was haben
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Sie sah mich ernsthaft an.
,Sie haben mir es an dem letzten Abende sehr -

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hart und sehr entschieden ausgesprochen, daß Sie auch j
aus der Hand der Lebe kein Opfer anzunehmen ver- I
möchten, welches von Dem, der es zu hringen hat, ß
als ein solches empfunden wird! sagte sie und ihrefj
Stimme bebte bei den Worten. ,Aber die Lebe und F
die Zufriedenheit meiner Eltern find ntchts Geringes!r Z
Ich ehhob mich. Sie liek es rhig geschehen ß
,Ich, sage ke barauf, ,ich empfinde anders als F
Sie. Ich fordere ein Opfer von Ihnen!?
und wie damals, als wwir uns trennten, ver- F
scherte ich sie, dak sie zu befehlen habe; aber das F
Herz krampfte sich mir zusammen in der Brust.
,ein, versete ke, ,ich habe ncht befehlen,jj
und ich will's auch nicht. Aber Sie haben mir dftershj
wiederholt, Sie dächten fortan in Deutschland, inFs
Berlin zu bleiben.? Sie sprach immer hastiger, immer Zs
leser ,Gehen Sie for! Gehen Sie nach Paris, soFs
bald als möglich -- auch wenn es Sie ein Opfexf
kostet! um meinetwillen,' schaltete ste ein, ,ordetggs
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ich das Opfer!?
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unwilkürlich deckte ich meine Nugen mit der Hgngj
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Da fühlte ich ihre Hänbe auf meinen Schulternßs
und stch an mich lehnend, sprach ste, während gnjs
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Stimme in Thränen brach: ,Denn ich will. Vater
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F und Mutter verlassen, und will uuit Hir gehen! nnd
F so wahr Gott lebt lber Hir und mir -- es ist mir
F tein Vpfer, und w brauchst mir nicht z danken?
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Es giebt Glück, vor dem der Mensch verstummt
F unk far das der Sprache auch in der Erinnerung der
F Ausdruck fehlt. Ich konte kum begreifen, was mir
F geschah. Ich brauchte Lein, bis ich den wlden, den
F heißen Schlag meines Herzens bewältigte, bis ich es
Zs mit vollem Bewußtsein genoß, daß ich das geliebte
Fs Weib in weinen Armen hielt, bak ste mein sei aus
Is keer Enchliekng, mei fdr immer
,Dora! Dora! Fst es denn möglich? kann man
Ij io glctch fee -iet ch epuch aus.
f Da schlug mitteninunserer gewaltigen Erschütterung
js ihr flberhelles achen an mein Ohr: ,Tölpel! lieber
jsTowpeur scherte ke, k man Dirs den gon
js ausdrücklich sagen, daß man Dich liebt, auch wem
ss Du keln Wort davon über eine Lppen kommen
js lät- Nuß man Kies benn erst sagen, dak man
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nicht sein und leben kann ohne ein so treues Herz
als Deines?
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,und Duu konntest von mir gehen! konntest mir F
verbieten, Dir zu schreiben!r schmollte ich im Gebanken F
des Entbehrens.
,Mdute ich es ncht? mußte ich mich ncht prüfenZ
kern von Hir, ob ich noch leben ksnte ohne Hich? F
Mußte ich nicht erfahren, wwie Du es verlangtest in F
stogen selbstgefäht bes Naes, bak ich Hein sei. F
weil ich fortan nichts Anderes sein kann als Dein - FF
um weinewillen Den- Bist D nn beruhigt?F
bist Du nun zufrieden, stolzer Mann?
Ich hielt fie in meinen Armen; ich bedeckte fiemut Z
meinen Küssen, und froh in meinem Glücke jabelteFähz Ff
,Ich hab' Schön Rohtraut's Mund geküßt!?
,Ia ad soust ü kssen piet ausedm
Ach Helmar! wie ich das Bild verstand und' wieZ
mich's rhrte seinereit!r sagte sie. ,eber damaüs, F
obschon ich Dich liebte, mehr als ich's wußte und- F
---- verstand, damals hätte ich nicht Dein sein mögenlNs
und ich hatte das Alles dem Grafen gesagt und meiner-,f
Mutter!? Sie legte ihre Hand in die meine und;h
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sprach, indem sie ernst zu mir emporsah: ,Daß ichIßs
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Dich von der Stunde an, da ich Dich wiedersah, in
Deinem ganzen Werth zu schätzen wußte, daß ich
Deinen Namen mit ebensolchem Stolze wie den seinen
, tragen und Dir wie ihm,! sie lehnte sich sanft an
s mich, ,eine dienstbare und gehorsame Frau sein werde
j-- das, Helmar! das Alles und noch vieles, vieles
f Andere, das danken wir dem Grafen. Ich war ja
ß wirklich noch ein Kind, als er mich zur Frau nahm.-
j Ich wußte so wenig von mir selbst, und er wak klug
j und gut. Ich hatte ihn lieb, sehr lteb. Aber Dich!-
, -- Achlr jubelte fie auf, und es klang zu mir nieder
s wie heller Lerchenschlag, ,Dich! Dich liebe ich' so sehrf?
Ich küßte ihr die Thränen von' den lieben Aüigen.
F unser Erinern tng uns in den flügelschnellen Stunden
weit in die Vergangenheit zukück, unser Hoffen in die
ß Lkkt; d doch fordert dig begenwart ihr Rech
und unser besonnenes Erwägen.
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Die gute Amalie wward zuersß -herbeigerufen. Sie
wußte nicht, ob sie lachen oder-weinen sollte, ob
sie Dora zu bewundern oder sich anzuklagen habe. -
Sie hatte es lang geahnt, längst gesehen! Nach Wald- -
ritten wagte sie nicht zu denken. Flucht und -Ver- -
eu
Fanny Lewald. Helmar.

A2
borgenheit schienen ihr der einzige Ausweg, und in
fassungsloser Rührung über ihres Lieblings frei ge-
wähltes Liebesglück, senkte sie in komischer Verzweiflung
ihr schuldbeladenes, sanftes Haupt.
Wir hatten Clamor und Cäcilie von unserer Ver-
lobung zu unterrichten, hatten die Zustimmung von
Dora's Eltern zu unserer Ehe zu erbitten. Sie ward
uns nicht zu Theil.
Der General schrieb uns, Dora sei in jedem
Sinne frei, über ihre Zukunft und über ihre Handlungen
zu entscheiden. Er könne sie in ihrem Vorhaben nicht
hindern, könne es aber nicht billigen. Er sowohl als
Frau von Marville wendeten sich mit ernster, dringender
Mahnung auch an mich. Die schweren Stunden,
welche Clamor uns verheißen hatte, haben uns nicht
gefehlt; aber auch Clamor und Cäcilie haben uns
nicht gefehlt, und ihre Stellung war nicht leicht. Sie
Beide waren sie der Meinung, daß wir, um Auf-
sehen zu vermeiden, für das Erste fortgehen, daß wir
unsere Verbindung im Ausland schließen sollten.
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mußten vorsichtig zu Werke gehen, wenn sie uns nütz-
lich sein wollten.
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dir widerstand der Vorschlag. Je romanscher Is
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den Augen gewisser Leute unsere Heirath war, um so
werden. Was wir zu thun als unser Recht ansahen,
das mußten wir offenkundig thun, und Dora stimmte
mir aus voller Neberzeugung bei. Auch Clamor und
Cäeilie fügten sich endlich dieser Ansicht, aber sie
lehnten es aus Rücksicht auf die Eltern ab, unserer
Trauung heizuwohnen. Noch ehe das Jahr zu Ende
ging, ward Dora mir verbunden, an derselben Stelle,
7
an wwelcher ich sie in ihrem Saale nach langen Jahren
der' Entfernung zum ersten Male wieder gesehen hatte.
Am Tage vor unserer Trauung ging ich den
Ring für Dora auszusuchen. Clamor war mit mnir.
Als ich den schlichten goldenen Reif gewählt hatte,
bezahlte ich ihn mit' einem Dukaten und einem Fünf-
thalerschein.
,Wie kommen Sie jetzt noch zu dem alten:Gold-
stück? fragte Clamor mich.
,Den Dukaten schenkte mir Ihr Vater, als ich
zuin Gesellen freigesprochen werden sollte, für die - -
Wanderschaft; und den Schein? = er sah mich fragend
an - ,den Schein drückten Sie dem Dragoner
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bürgerlicher mußte sie vor ihren Augen geschlossen -
Kronau in der Kaserne in die Hand, mit dem Be- -
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merken, die Stunde würde schon noch kommen, in der
ich ihn benützen könnte. Besser als in dieser Stunde
und zu diesem Zwecke weiß ich ihn nicht zu nützen!?
,Du guter, lieber Mensch!? rief Clamor, und ich
sah's ihm an, er wäre mir um den Hals gefallen,
wäre der Juwelier nicht dagewesen.- ,Weiß das
Dora? fragte er.
,Nein! noch nicht!'
,So laß mich's ihr sagen!? bat er, und von der
Stunde an, nannten wir uns Du, als Brüder und
als Freunde.
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Nach anderthalb Jahren, als der Schnee, im
Frühling fortgeschmolzen war und das neue Leben in
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der Natur erwachte, da schlug unser erstes Kind auch
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seine Augen zum Lichte auf, wie seine Mutter schön.
Ich schickte Dora's und der Kleinen Bild nach
Hause, eine Mutter mit dem Kinde holdselig wie nur
Eine! =- Der Eltern Wunsch, die Kleine auf ihrem
Grund und Boden taufen zu lassen, war darauf die
Antwort. Im Sommer gingen wir sammt und sonders
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zu den Eltern in die Heimat.
An demselben Taufstein, an welchem seit ein paar F
hundern Jahren das von Baldern'sche Geschlecht, an ;


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welchem einst mein guter Vater und wir Alle die
Taufe, und ich als erste Gunst der Schloßherrschaft
den Namen Helmar zum Geschenk erhalten hatte, stand
meine alte, treue Mutter, in Freuden strahlend, neben
ihrer Herrschaft, das gemeinsame Enkelkind, unsere
kleine Helmine, aus der Taufe zu heben.
Meine Schwiegermutter war noch immer schön,
und sie ist es heute noch durch ihre Lieb' und Güte.
Der General aber liebt, seit ich sein Schwiegersohn
geworden bin, und seit er sich überzeugt hat, daß die,
Gräfin Berkow als des Malers Kronau Frau in der
Gesellschaft nichts verloren hat, es zu erzählen, wwie er
mit fester Hand mir meinen Weg gewiesen,' wie frühe
strenge Schulung und Disziplin auch mir zum Heile
ausgeschlagen find.
Er fährt nach seinen Theorieen zu erziehen und
zu regieren fort; und wer will es sagen, ob nicht noch
mehr solche Naturburschen wie ich auf ünseren»Wiesen
und in unseren Wäldern ihm unter die Hände' kömmen
und gerathen wwerden? Meln Erfolg hak F 4;. ;.
Experimentiren Lust gemacht und Muth -- und Töchter
hat er ja nicht mehr! Sogar-Cäcilie hat es allmälig,
wenn auch nicht leicht, verschmerzt, daß sie keinen !

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Füirsten in die Famuilie bekommen haben, daß Dora j
ihren Willen durchgesezt wie Clamor, das sie nichts. j'
gar nichts vor uns Anderen voraus hat, weil auch s
wir von unserer romantischen Vergangenheit zu reden j
haben, so wie sie.
Nur Leonhard fand von Anfang an Alles sehr s
natürlich, Alles wie es sich gehörte. Cäcilie hatte ihm j
geschrieben, wie wir uns getrennt, wie wir uns dann s
gefunden hatten. Sie mochte ihm dabei wohl auch s
berichtet haben von der Verwunderung der Leute über s
die Liebesheirath der Gräfin Berkow mit einem bürger- s
lichen Künstler, mit dem Sohn von ihrer Eltern s
Kammerdiener, und wie diese Verwunderung dann in
Bewunderung und Freundschaft ausgeschlagen sei für
uns beide Glücklichen.
,Was war denn dabei Großes zu verwundern?
fragte er in seinem Briefe an die Schwester; und mit
der Lust am Scherze, die ihn nie verließ, parodirte er:
,Stand's ihm doch an der Stirn geschrieben,
Daß ihn die Weibchen mußten lieben!
aber, dafür muß er für Schön Rohtraut nun auch
malen, was sie will und wie sie's will: den Teufel
und den Doktor Faust, und Luna und den olympischen
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Siebenschläfer, wenn sie es begehrt, obschon ihr Herz
P bei diesem seine Rechnung schwerlich finden würde.!
Und ich habe ihn ihr gemalt, so wie sie sich den
, Mythus vorgestellt: den jungen schlummernden Jäger,
, zu dem ein Götterweib herniederstieg. - Sie haben
j fich gewundert, die Kritiker, haben es gelobt, daß ein
s Genremaler einen so großen historischen Sinn in solch!
s kleines Bild gelegt
Sie wußten nicht, welch' himmnlische Historie sich
j in dem Bild für mich verbarg, und meine Modelle,
s selbst für den kleinen Lebesgott an Funa's Seite,
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s hatte ich nicht weit zu suchen!
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Die Skizze dieses Bildes schloß das kleine Heft. -
Nur die Worte hatte er noch darunter gesetzt: ,Freuen
Sie sich mit den Glücklichen, und nehmen Sie mit -
der Darstellung vorlieb, dennn, wie ich Ihnen gleich
am Anfang sagte, das Schreiben ist die Sache nicht von
Helmar Kronau.!
E n d e. - -
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