Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 09

Teunles -Fapilel.
Nun hieß es auf die Wanderschaft! -- Aber das
Wanderleben mit leerer Tasche ist lange nicht so schön
und lustig, als sich's in den Liedern anhört; indeß
die Jugend ist schön und ihr froher Muth; und für
Einen, dessen Augen auf das Sehen gestellt sind, ist
Vergnügen überall vorhanden, selbst wenn Schmalhans
gelegentlich den Küchenmeister macht.
Hier Arbeit nehmend und dort für eine Weile,
hatte ich mich glücklich bis zum Rhein, bis Düssel-
dorf, dem Ziele meiner Sehnsucht, durchgebracht, wo
ich auf's Neue bei einem Stubenmaler als Gehülfe
mein Brot erwarb. Manch' liebes Mal hab' ich
dort vor den Kunsthandlungen dagestanden, betrachtend,
was Glücklichere geschaffen hatten, berechnend, wie viel

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von meinem Gelde für knappe Kost nöthig, für wie viel
Zeichen- und Malgeräth zu kaufen sei; und Jahr und
Tag vergingen, ehe ich mit meinen Zeichnungen bis
zum Direktor der Akademie gelangen, ehe ich Auf-
nahme als Schüler durch ihn finden, und mir den
ersten, heiß ersehnten Triumph meines Lebens bereiten,
es Frau von Marville melden konnte, daß ich ein
Schüler der Düsseldorfer Akademie geworden sei, daß
es nun ein Ende habe ein- für allemal mit dem
Malerhandwerk.
Sie antwortete mir sogleich und freundlich. So
sei es recht! So habe sich's der General gedacht.
Wolle ich nun aber wirklich übergehen vom Hand-
werk zu der Kunst und ein wahrer Künstler werden,
so müsse ich nicht nur malen, sondern noch viel
Anderes lernen und mich zu unterrichten und zu
bilden suchen, wie und wo ich irgend könne. Dann
hoffe sie noch Freude an mir zu erleben. Sie hatte
auch diesem Briefe wieder ein kleines Geldgeschenk
hinzugefügt.-- Sie haben das Goldstück in silberner
Fassung an meiner Ühr gesehen und mich einmal
darum gefragt. Ich trage es heute noch! Es war
mtein erster Orden! der Orden, den ich selbst mir für
Fleiß und Enthaltsamkeit ertheilte, denn für den

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Armen und Ununterrichteten ist der Weg zum Ziele
lang und weit und schwer - und Nächte voll müh-
seliger Kopistenarbeit, mitunter auch mit leerem Magen,
haben mir's ersparen und erhalten müssen, dieses
Goldstück, bis meine Laufbahn plötzlich unterbrochen
ward.
Der General hatte seinerzeit mir richtig prophe-
, zeit. Sie nahmen mich, als ich das einundzwanzigste
Jahr erreicht, zu den Gardedragonern nach Berlin.
Als Freiwilliger zu dienen, fehlte mir nicht mehr
als Alles. Ich hatte also eine lange Dienstzeit vor
mir, und ging betrübten Herzens in mein Regiment,
in die Kaserne und in des Königs Rock.
Indeß der Mensch denkt und Gott lenkt, sagte
meine Mutter. Das Regiment und meine Dienstzeit
waren ein großes Glück für mich und kamen mir in
jedem Sinn zu Nutzen, mehr als ich zuerst verstand.
Ich lernte gehen und stehen, ganz anders als auf
unserem Hofe. Ich lernte regelrechtes Reiten, hatte
von früh bis spät viel Pferde und viel Menschen vor
mir, so daß ich sie mir in allem ihrem Thun und
Lassen völlig einprägen, ja sie recht eigentlich studiren
und auswendig lernen konnte; und ich bekam dann
einen Rittmeister, der mein eigentlicher Wohlthäter

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geworden ist, der -- aber ich will damit nicht vor-
greifen.
Er hatte die Eskadron schon lange, als ich in's
Regiment gekommen war, und die Leute hatten ihn
sammt und sonders lieb. Eines Tages, als es mit
meiner Dienstzeit schon bergab ging, kam er einmal
dazu, als ich, mit meinem Skizzenbuch in einem Winkel
des Hofes sitzend, mir einen Dragoner zeichnete, der
sein sich bäumendes Pferd in den Stall zu führen
trachtete.
Ich wollte mich eben erheben, als ich den Ritt-
meister hinter mir hervortreten sah. Er winkte mir,
es nicht zu thun.
,Bleiben Sie sizen!? sagte er, indem er auf
meine Zeichnung hinsah. ,Machen Sie es fertig, so
weit es geht.! Er hielt sich eine kleine Weile neben
mir und sah mir zu. Der Dragoner war inzwischen
mit seinem Pferde zurechtgekommen und im Stall ver-
schwunden. Ich stand auf und trat an.
,Sie find Maler? fragte der Rittmeister.
,Halten zu Gnaden, ich denke es zu werden.?
,Wer war Ihr Lehrer?
Ich sagte, wie ich in Königsberg auf der Kunst-
schule ein Weniges gezeichnet, dann als Geselle ge-


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arbeitet, und ein Jahr Unterricht auf der Akademie in I
Düsseldorf gehabt hätte.
,Dafür sind Sie geschickt genug. Bringen Sie s
mir morgen zu sehen, was Sie von Zeichnungen bei I
sich haben!' befahl er mir.
Am anderen Tage kam ich dem Befehle nach.
Ich fand ihn an der Staffelei. Graf Berkow f
-- ich hatte den Namen als Kind zu Hause schon gehört, ;
denn die Berkows waren in unserer Gegend angesessen, -
und des Rittmeisters Vater und er selber waren öfters im
Schlosse gewesen und immer sehr gnädig zu meinem
Vater. Graf Berkow, mein Rittmeister, war selbst
ein sehr geschickter Landschafter. Weil er aber der
älteste Sohn und damit Erbe der großen Berkow'schen
Majoratsgüter war, hatte er sich der Kunst nur als
Liebhaher zugewendet und war, wie sein Vater und
sein ganzes Geschlecht, zuerst in's Militär getreten,
obschon er die Malerei meisterlich betrieb. Er sah
meinen Kleinkram von Arbeiten sorgfältig durch,
lobte Eins und das Andexe, tadelte noch mehr; und
. e
,Sie können hier gute Fortschritte machen,! sagte
er. , Sie haben hier viel Leben, viel Bewegung und

1
gute Gestalten vor sich. Sich selbst durch unermüd-
liches Versuchen vorwärts bringen, das ist die
Hauptsache in aller Kunst. Probiren Sie immer
wieder Dasselbe, bis Sie es herausbringen können.
Der Einfall ist Sache des Talents, die Ausführung
ist Sache des Fleißes und der Geduld. Zeit haben
Sie geng. - Ich werde Sie wieder kommen lassen.
Vielleicht benütze ich Sie einmal. Ich skizzite mir
ab und zu ein paar Gestalten für meine Landschaften.!
Das ließ nicht lange auf sich warten. Einmal
stand ich ihm in voller Uniform Modell, ein ander-
mal in einer ritterlichen Tracht, die er hatte kommen
lassen. Er bezahlte mich dafür nicht mit baarem
Gelde, aber er that mehr. Er schenkte mir den ersten
ordentlichen Delfarbenkasten mit Pinseln und Palette.
Darnach hatte mein Sinn gestanden, wer weiß wie
lange, und ich kam mir wie ein neuer Mensch vor,
als ich den Kasten mit in unsere Stube brachte.
Freundlich von Natur, hatte der Graf, als ich
ihm zum Ritterbilde stand, während er malte, mich
nach meiner Herkunft gefragt-
,Daß Sie ein Ostpreuße, ein Samländer sind,
das hört man Ihnen an. Wo sind Sie geboren?
Ich nannte Waldritten und setzte hinzu, die

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Gutsherrin sei meine Pathin und Wohlthäterin ge-
wesen, ich sei ihres alten Dieners Sohn.
,Frau von Marville'a? fragte er., Da find
Sie sozusagen aus einer Hand in die andere ge-
gangen und in der Verwandtschaft geblieben. Ich
kenne die Herrschaften von Waldritten, war vor ein
paar Jahren wieder dort. Lebt der alte Kaspar
noch? Er hat mich ganz speciell bedient. !
Ich bejahte mit Freuden, denn nun ich hoffte,
daß aus mir etwas Ordentliches werden könnte,
wünschte ich doppelt, daß die Eltern mir am Leben
bleiben möchten. Ich wollte sie gern überzeugen, daß
ich kein Zigeuner und kein Kesselflicker werden würde;
und weil er meinen Vater kannte und freundlich von
ihm sprach, hatte ich den Rittmeister noch viel lieber.
Wie ich so stillstehen und den Rittmeister ansehen
mußte, war mir's just, als müßte daneben nun auch
meines Vaters Gesicht irgendwo zum Vorschein kommen,
so wie das Christushaupt auf dem Schweißtuch der
heiligen Veronika, und ich bekam ein wahres Heim- -
weh nach dem Hofe und nach Haus.
Gerade in dem Augenblicke trat der Bursche des
Rittmeisters ein, ihm eine Visitenkarte zu überreichen.
, Sehr angenehm!'' sagte der Rittmeister, legte

uu
Pinsel und Palette weg und gab mir ein Zeichen,
mich in die Nebenstube zurückzuziehen, deren Thüre
wie immer offen stand.
,Willkommen!? rief er darauf heiter, ,willkommen
in Berlin!' und bot dem eintretenden jungen Offizier
von den Garde-Nlanen seine Hand zum Gruße. Es
war Clamor.
Er war ein schöner Mensch geworden, schlank und
groß und frisch. Ich kannte ihn gleich wieder, ob-
schon ich ihn nicht gesehen hatte, seit wir Beide
Knaben gewesen waren.
,Es ist gescheidt, sagte der Rittmeister zu ihm,
, daß Sie sich haben hierher versetzen lassen. Man
lebt hier angenehmer als drüben in Potsdam, und
das ewige Hinundherfahren bekommt man sehr bald
satt. Zudem haben Sie ja Ihre mütterlichen Ver-
wandten und vielleicht auch von Ihres Vaters Seite
noch Angehörige hier?' setzte er fragend hinzu.
Glamor verneinte dies Letztere, und der Rittmeister
sragte, wie die Seinen sich befänden, wie es in Wal-
dritten stehe?
Elamor sagte, es gehe seinen Eltern wohl. Der
General habe neuerdings noch ein Vorwerk gekauft,
welches bisher als eine störende Enclave in den Be-

.. s
sitzungen gelegen habe, und baue und organisire und
verbessere immerfort, sein Ideal von einer Muster- -
wirthschaft herzustellen.
, Und Ihr Schwesterchen? wie geht es ihr?
,Ich glaube, Sie würden sie kaum erkennen,?!
entgegnete Clamor. , Sie ist sehr gewachsen und mit
ihren vierzehn Jahren wirklich schon ein stattliches
Mädchen.-
, Und schön, wie ich vermuthe!'' warf der Ritt-
mteister ein, ,denn sie war ein gar schönes Kind, als
ich sie vor anderthalb Jahren bei Ihnen zum letzten
Male sah.
,Wenn man
hat, so möchte ich
hübsch geworden!
ein Urtheil über seine Schwester
allerdings sagen, Dora sei sehr
Aber'? -- er faßte in die Brust-
tasche der Uniform und zog ein kleines Etui daraus
heroor - ich habe mir eben dies Bild der Meinen,
das sie neulich haben machen lafsen, von der Post ge-
holt. Sehen Sie selber!-
,Ja, freilich! vortrefflich, ganz vortrefflich! Und
wie die Mutter noch immer schön aussieht! Wie
reizend, wie annuthig die Tochter neben ihr steht!
- Dora ist ja der Liebreiz in Person. Diese un-
willkürliche Kopfneigung ist so lieblich, ist so demüthig

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und lieblich, als hätte sie sie einer Rafael'schen Ma-
donna abgelauscht.!
,Demüüthig!' lachte Clamor, ,Ach nein! das ist
die bloße Verlegenheit des ungewohnten Thuns, eine
ihr offenbar gebotene Haltung; denn Dora ist der
Frohsinn selber, und von einer Madonna hat sie nichts,
denn ihr Haar und ihre Augen werden immer dunkler.
Aber sie sieht gut aus, das ist wahr!?
,Die Farbe thut es nicht, es ist der Blick, die
Haltung!' bedeutete der Rittmeister, der das Etui
noch immer in der Hand hielt und betrachtete. ,Wie
frisch der General noch ist!'? sagte er dann nach einer
kleinen Weile. ,Man lebt doch nur auf seiner eigenen
Scholle das wahre, rechte Leben. Ihr Vater hat sehr
wohl daran gethan, zur rechten Zeit auf's Land zu
gehen. Bin ich einmal so weit als er, so mache ich's
ihm nach - und vielleicht früher -- um nichts mehr zu
sein, als Landedelmann und eiwa ein Bischen auch
ein Maler!'? scherzte er. , Nebrigens habe ich gerade
heute einen Maler von Ihren Gütern hier. Kommen
Sie herein, Kronau!? - Und meine Maskerade zu
erklären, bemerkte er, er habe eben heute nach mir
gemalt.
Fanny Lewald. Helmar.
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Obschon ich noch im Kostüm war, trat ich an,
wie sich's gebührte, und ich kann mir denken, daß der
Eindruck komisch war. Clamor lachte laut auf.
,Wie der Kerl aussieht!' rief er, ohne mir auch
nur den guten Tag oder ein Wort zu gönnen. ,Ist
der Ihr Bursche?
Gegen des Grafen Freundlichkeit stach seines
jungen Vetters Weise nur noch greller ab, und sie
schien ihm zu mißfallen.
,Nein!' entgegnete er. ,Ich hatte allerdings
einmal daran gedacht, Kronau zu mir zu nehmen,
aber ich lasse ihn lieber für sich und kümmere mich
ein wenig um sein Zeichnen, da er Ihrer Mutter
Schützling war. Ich glauhe, sie wird es nicht be-
reuen, daß sie ihm fortgeholfen hat. Es steckt ein
tüchtiges Talent in ihm und er giebt sich Mühe. -
Kommen Sie heran, Kronau! Der Herr Lieutenant
wird nichts dagegen haben und erlauben, daß ich Sie
das Bild der Herrschaften von Waldritten sehen lasse. !
,Gewiß nicht!? rief Clamor, auf den Ton ein-
gehend, den der Graf anschlug. ,Komm' her! sieh'
einmal! Sind sie nicht Alle sehr getroffen? fragte
er, indem er mir selber das Etui hinhielt.-
Ich hatte in der Nebenstube kein Wort verloren

1
von der ganzen Unterhaltung und hatte mir lebhaft
gewünscht, nur einen einzigen Blick auf die Bilder
werfen zu dürfen. Der Graf konnte nicht wissen,
welche Gunst er mir erwies.
Ja! das waren sie: der General und die gnädige
Frau und Dora! Aber das runde Kinderköpfchen
hatte sich in ein vollendet schönes Oval verwandelt.
Das Haar, das einst in langen Locken um ihren Kopf
geflattert, hatte sich ihr voll und weich um die Schläfen
gelegt, und die großen Augen sahen so sanft, so ruhig
aus, wie eines jungen Rehes Augen, das noch kein
Schuß erschreckt hat.
Ich reichte Clamor mit einem ergebensten Danke
das Etui zurück. Der Graf nahm es ihm wieder aus
der Hand, besah es schweigend, und sich dann erinnernd,
daß ich noch vor ihm stand, sagte er, ich solle mich
umkleiden und gehen.
Da ich nicht Befehl erhielt, während meines An-
kleidens die Thüre zwischen den Zimmern zu schließen,
ließ ich sie natürlich offen stehen; sie achteten auch
Beide weiter nicht auf mich.
Der Graf erkundigte sich, ob Clamor schon viel
Besuche in Berlin, ob er schon viel Bekanntschaften
gemacht habe. Clamor verneinte es.
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11s
,Sch war ja erst wenige Monate in Potsdam und
bin, wie Sie vielleicht bemerkt haben, auch nur wenig
herübergekommen. Mein Vater hatte das so verlangt.
Außer bei den Meinen bin ich öfters in der Oper und
im Ballet, und nur ein paarmal zu größerer Gesell-
schaft in das Haus von unserem Bankier gekommen,
der mich geladen hatte.
Der Graf fragte, wer das sei.
,Ein Kommerzienrath Wollmann!'k entgegnete ihm
Glamor.
, Sonderbar, daß ich Ihnen da nicht begegnet
binlr meinte der Graf. ,Ich mache meine Geschäfte
auch mit ihm und komme ebenfalls bisweilen hin. Es
ist ein sehr anständiger Mann! Gebildete Leute! Man
findet schickliche Gesellschaft dort! Die Tochter ist ein
hübsches Mädchen und hat Manier und Geist!-
,Ich finde sie ganz reizend!'' fiel ihm Clamor in
das Wort.
,Das ist der rechte Ausdruck!' meinte der Graf.
,Die Fremdheit der Rasse hat für unsereinen Reiz,
und Cäcilie ist ein Typus für dieselbe. Feingliederig,
üppig, schöne Augen, viel Temperament - und, wie
die Füdinnen in der Regel, klug und kokett. Das
zieht an! Nehmen Sie sich in Acht!'

uur
Sie lachten noch Beide über diese Warnung, als
ich davonging-
Wie dann Clamor nach geraumer Zeit in den Hof
hinunterkam, stand ich mit ein paar Kameraden dort.
Er winkte mich zu sich heran.
,Wie lange hast Du noch zu dienen?! fragte er.
Ich sagte: ,Noch fünf Monate.
, Und nachher? wo willst Du dann hin? was
denkst Du dann zu thun? erkundigte er sich.
,Der Herr Rittmeister meinen,! antwortete ich,
,daß ich in Berlin bleiben soll. Er will die Gnade
haben, für meine Aufnahme in die hiesige Akademie
und in ein Atelier zu sorgen.! -
,Aber wovon wirst Du leben?
,Der Herr Rittmeister meinen - und ich glaube
das auch - daß ich hier mit verschiedenen Arbeiten
mir meinen Unterhalt leichter als in Düsseldorf ver-
dienen könnte, bis die Malerei mich nährt. !
,Da! da ist etwas für den Anfang !? sagte Glamor
und drückte mir einen Fünfthalerschein in die Hand.
Er war freundlicher, als ich ihn jemals gegen mich
gesehen hatte. Ich verdankte das offenbar der guten
Meinung und Weisung des Grafen, aber es kränkte
mich, daß Clamor mich Du nannte, als ob ich noch ein
. -

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Junge, als ob ich sein oder seiner Eltern Höriger
wäre, und ein Geldgeschenk von ihm zu nehmen, der
mir immer hart und hochmüthig begegnet war, das
widerstrebte mir, obwohl ich sehr gut wußte, was
Geld dem Mittellosen werth sei, wenn er aus dem
Dienste tretend in das Bürgerkleid zurückkommt. -
Clamor fiel es auf, daß ich nicht sofort die Hand
ausstreckte.
,Was soll das? fragte er. ,Spiele nicht den
Vornehmen mit mir! Der Herr Rittmerster sagt, man
müsse etwas für Dich thun, und Kapitalien wirst Du
wohl nicht haben.!
Das Blut stieg mir in den Kopf. Ich schämte
mich der Armuth, als wäre sie ein Unrecht oder als
hätte ich sie verschuldet.
,Ich habe noch den Dukaten, den die gnädige
Frau mir vor vier Jahren einmal schickte, als ich
freigesprochen wurde!'? fuhr ich rasch heraus. Er sollte
sehen, daß ich sein Almosen nicht brauchte.
,Den hast Du noch? rief er: und mit einem
Lachen, das mir ihm gegenüber das Herz befreite,
setzte er hinzu: ,Wahrhaftig, da warst Du sparsamer
als ich! Ich habe niemals Geld, nur gerade heute
wo sie uir es schickten. Aber um so besser! Nimmn's

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nur und leg' das mit dazu. Der Tag kommt schon,
wo Du es brauchen wirst. Wenn ich nach Hguse
schreibe, werde ich dem Kaspar sagen lassen, daß ich
Dich gesehen habe, und daß Dein Rittmeister große
Stücke von Dir hält. Adieu! Auf Wiedersehen!r
Damit reichte er mir seine Hand, und das war
mir wehr werth als sein Geld. Des Rittmeisters
Güte hatte ihn Raison gelehrt. Ich dankte, blieb Front
machend stehen, bis er vorüber war, und ging mit dem
Fünfthalerschein, zu thun wie er gesagt.
Lange Jahre haben sie beisammen gelegen, der
Dukaten und der Fünfthalerschein, und ich habe nicht
gewußt, wozu ich sie verwenden würde. Aber als ich
sie dann ausgegeben, habe ich nicht zu verhehlen ge-
braucht, was ich damit gemacht habe, und Clamor ist
dabei gewesen.
gaegooi