Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 10

,ehntes -apilel.
Ich war froh, als meine Dienstzeit um war.
Froh- aher verlegen, denn man findet seinen freien
Willen, auf den man ein paar Jahre hindurch zu ver-
zichten gehabt hat, nicht gleich wieder, wenn man ihn
gebraucht; und man ist seinen alten Zuständen so fremd
geworden, wie den alten Eivilkleidern, die auch zuerst
nicht passen und nicht sitzen wollen. Indeß mein guter
Genius in der Gestalt des Rittmeisters half mir über
Alles fort, und mein Lebensweg war von da an so
glatt und eben, daß ich mich an jedem neu erreichten
Punkte immer nur zu fragen hatte, wie ich eigentlich
dahin gekonnen sei.
Des Rittmeisters Vorstellungen an Clamor trugen
mir, mit einem neuen gütigen Briefe von meiner

Pathin, für die nächsten zwwei Jahre ein Stipendium
von je fünfzig Thalern ein. Das war mir eine große
Summe, eine große Sicherheit. Er erwirkte auch
meine Aufnahme in die Akademie, lenkte die Augen
eines tüchtigen Meisters auf mich, und nicht einen
Monat ließ er hingehen, ohne nach mir zu senden,
ohne sich zeigen zu lassen, was ich zeichnete und malte.
Ich nahm mich wahrscheinlich schlecht genug in
meiner schlechten Kleidung zwwischen meinen Kollegen
in dem Akademiesaal aus, aber es währte eine Weile,
bis ich mit Arbeit mancher Art mir einen anständigen
Anzug schaffen konnte, und die Jahre gingen in rast-
losem Fleiß, in redlichem Entbehren, in fröhlichem
und immer zuversichtlicherem Hoffen hin. Ich kam
vorwärts in der Kunst, vorwärts, wenn auch nur
langsam und unvollständig, in meiner allgemeinen
Bildung.
Meines Meisters Können war ein vielseitiges. Er
war tüchtig im christlich- historischen Bilde, heiter im
Genre, und edel im Porträt. Ich hatte mirh bis dahin
meist an das Darstellen Dessen gehalten, was mir im
täglichen Leben an Vorgängen entgegengetreten war,
und es auf meine Weise umgemodelt. Nun fing ich
mich ernstlich auf das Porträt zu verlegen an, und ich

- ?
brachte es dahin, als ich fast drei Jahre in meines
Meisters Schule gewesen war, daß der Graf mir zu
seinem Bilde saß.
Weil ich ihn so warm im Herzen trug, gelang es
mir, den schönen Mann in seiner ritterlichen Haltung
nicht übel wiederzugeben, und ich kannte mich kaum
vor Freude, als er selber, und auch mein Meister,
mich aufforderten, nicht nur dies Bild, sondern auch
eine Bivouakscene, die ich während einer Manöverzeit
entworfen und jetzt ausgeführt hatte, für die im Herbste
zu eröffnende Ausstellung anzumelden, während ich
selber mich mit der Konkurrenzarbeit für das Reise-
stipendium der Akademie beschäftigte, die, wie fast
immer eine historische Aufgabe war.
Das Glück war mit mir. Mein Bivouakbild fand
einen Käufer. Das Bild des Rittmeisters, der in der
ganzen hohen Aristokratie bekannt war, schaffte mir
ein paar Porträts zu malen. Ich hatte mit einem
Mal mehr Geld, als zu gebrauchen ich gewöhnt war.
Ich kam mirnun wie der Prinz in jenem Märchen vor.
Ich konnte meinem Vater zu seinem siebenzigsten Ge-
burtstag nach seinen und meinen Begriffen reich be-
schenken; und zuversichtlich, wie die ersten Erfolge uns
in der Jugend machen, malte ich mich selber in dem

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schwarzen Sammetrock mit dem breiten Hemdkragen, die
wir langhaarigen Künstler damals trugen, und sandte
der gnädigen Frau das Bild zum Weihnachtsfeste ein.
Es war kein schlechtes Bild, und ich und mein
Brief fanden Gnade vor ihren Augen. Der General
und sie wollten sich, und vielleicht auch Dora, von mir
malen lassen, schrieb sie mir, wenn es mir möglich sei,
im Frühjahr für längere Zeit zu ihnen in das Schloß
zu kommen.
Zu ihnen in das Schloß! -- und Dora malen!
Dora malen! die schöne Dora malen!
Ich begriff es nicht, daß ich dies nicht längst ge-
than; daß ich sie nicht gemalt, wie ich sie zuerst ge-
sehen hatte, am Tage ihrer Ankunft; daß ich nicht
zehnmal schon dieß Kind gemalt, wie es mir in der
Erinnerung lebte, in dem, und jenem Thun. Fast
ohne daß ich's recht wußte, ging ich an die Arbeit.
Ich hatte ein paar Tage, nachdem sie Alle zum
ersten Male auf das Gut gekommen waren, Dora unter
einem grünen Ehrenbogen spielend sitzen sehen, den der
Gärtner ihr errichten mußte, weil sie ihren eigenen
Ehrenbogen hatte haben wollen. So stellte ich sie dar,
den Schooß voll Blumen, und mit den kleinen Händen
sich einen Kranz zusammenflechtend.

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Es war kalte, trübe Herbstzeit, als ich das kleine
Bild begann. Aber meine Seele war damals so voll
Glüück und Muth und Hoffen, daß ich beständig wie
im Sonnenscheine lebte, und wo das Herz des Künstlers
hell ist, da leuchten seine Farben.
Seit dem Anfang jenes Herbstes besaß ich mein
eigenes bescheidenes Atelier. Der Graf, mein ehemaliger
Rittmeister, hatte mich einmal in demselben aufgesucht
und ich hatte von ihm selbst erfahren, daß er für
einige Tage zu seinem Vater auf das Land gegangen
sei. Am Neujahrstage, als ich in seine Wohnung
ging, ihm meinen Glückwunsch abzustatten, hörte ich
von seinem Diener, daß er wieder nach Preußen ge-
gangen sei, und als ich mich in seinem Zimmer um-
sah, bemerkte ich, daß er Daguerreotypporträts der
ganzen Marville'schen Familie an seinen Wänden und
auf seinem Schreibtisch hatte. Der Diener, der mich
kannte, hinderte mich nicht, sie zu betrachten. Dora's
schönes Daguerreotyp kam mir für meine Plane zu
Statten.
Etwa vierzehn Tage später trat der Graf eines
Tages bei mir ein.
,Sie sind bei mir gewesen,! sagte er, ,wollten
Sie etwas?!= Aber noch ehe ich ihm die Antwort

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geben konnte, fiel sein Auge auf meine Arbeit, und mit
einer Lebhaftigkeit, die ich niemals an ihm wahr-
genommen hatte, rief er: ,Mein Gott, das ist ja
Dora! -- Fräulein von Marville!r verbesserte er sich
rasch, und mich mit einem Blicke messend, der mich
wie einen Fremden ansah, dessen man sich erst ver-
sichern will, setzte er hinzu: ,Wie lebhaft Sie das
Kinderköpfchen in der Erinnerung tragen! Es ist er-
staunlich! Aber das Bild ist allerliebst, ist ganz vor-
trefflich! Das Bilb behalte ich!
Ich war unruhig geworden, und hätte nicht sagen
können wodurch. Mir klopfte das Herz bei dem Ge-
danken, mich von dem Bilde zu trennen, es dem
Grafen verkaufen zu sollen; und obschon ich bis zu
diesem Augenblicke nicht daran gedacht hatte, sagte ich,
um über die Zusage hinwegzukommen:
,Ich hatte vor, es der Frau Generalin zum Tage
ihrer silbernen Hochzeit anzubieten.!
,Woher kennen Sie denTag? fragte mich der Graf.
,Ich bin geboren an dem Hochzeitstag der Herr-
chaften!' gab ich ihm zur Antwort.
,So, so! Nun dann, so stehe ich zurück! Und
noch einmal hintretend vor das Bild, und es mit un-
verkennbarer Befriedigung musternd, sagte er: ,Vor-

e
trefflich, ganz vortrefflich! Das Bild ist besser, als
Alles, was Sie noch gemacht haben. Vielleicht ist
dieß eigentlich Liebliche, Iyllische Ihr rechtes Fach!
Versuchen Sie sich mehr darin.
Er ging davon, ich gab ihm das Geleit, und wie
ich dann wieder in mein Atelier zurückkam, setzte ich
mich nieder, und sah mir selbst mein Bildchen an.
Es war mir nicht dasselbe mehr.
Ich begriff mich selber nicht. Aber es hatte mich
etwas erschreckt, etwas verletzt in seiner Weise, und -
nun ich darüber nachzudenken begann, meinte ich, daß
es der herrische Ton gewesen sei, mit dem er mir zu-
gerufen: ,Das Bild behalte ich!'
Als ob ich über meine eigene Arbeit nicht be-
stimmen könne, als ob ich Gott danken müßte, das
hübsche Bild nur los zu werden!
Ich vertiefte mich je länger um so mehr in dem
Gedanken, weil mein Gewisßen schlecht war. Endlich
aber konnte ich's länger nicht ertragen. Ich ging nach
der Wohnung des Grafen, um ihm eine Kopie des
Bildes als ein Zeichen meines Dankes anzubieten,
indeß ich fand ihn nicht zu Hause, und ich war besser
mit mir zufrieden, als mir dieses wirklich leid that.