Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 11

-lsles uapiles.
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Für den Abend hatte ich eine Einladung in das
Haus des Kommerzienraths Wollmann erhalten. Es
war das dieselbe Bankierfamilie, über welche ich vor
drei Jahren, während meiner Dienstzeit, den Grafen
und Clamor in des Grafen Wohnung hatte sprechen
hören, und deren schöne Tochter Beide gepriesen haiten.
Der junge Leonhard Wollmann hatte sich der Malerei
gewidmet, war mit mir auf der Akademie gewesen,
und hatte Zuneigung zu mir gefaßt. Er konkurrirte
mit uns Anderen um den Preis für Rom.
Man war in jenen Tagen des neuerwachten
deutschen Künstlerlebens in den reichen und gebildeten
jüdischen Kaufmannsfamilien den strebsamen jungen
Künstlern sehr geneigt, so daß mehrfach Ehen zwischen

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den Töchtern solcher Familien und jungen, unbe-
mittelten Künstlern vorgekommen waren; und daß ich
mich aus den unteren Ständen emporgearbeitet hatte,
rechneten mein Freund und die Seinen mir als ein
Verdienst an. Ich ging ebenso gern in das Haus,
als man mich dort freundlich aufnahm.
Obschon ich es mir ableugnen wollte, war es mir
aber immer noch etwas Schmeichelhaftes, in große
Gesellschaften geladen zuwerden, etwwas sehr Angenehmes,
mich in einem guten, modischen Anzug zu zeigen; und
es kostete mich immer eine gewisse Neberwindung, diese
Freude und daneben auch die Besorgniß nicht zu ver- -'
rathen, ob ich auch nichts thäte oder sagte, was gegen
die gesellschaftliche Form verstieß.
Weil ich mich hüten wollte, zu früh zu erscheinen, -
kam ich an dem Abend erst spät, nachdem ich zu Hause, -
wer weiß wie oft, nach der Ühr gesehen hatte, ob es -
noch nicht an der Zeit sei, mich auf den Weg zu
machen. Man tanzte auch bereits, als ich in den Saal
eintrat; und mit dem ersten Blicke gewahrte ich an -
dem andern Ende des Saales Clamor mit der Tochter
des Hauses in eifrigem Gespräch.
Es war, bald nachdem ich mit Leonhard näher
bekannt geworden war, einmal zwischen uns die Rede

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auf meine Heimat gekommen, und ich hatte dabei er-
fahren, daß Clamor im Wollmann'schen Hause viel
verkehrte. Ich hatte mich damals sofort der Aeußerungen
erinnert, welche er und der Graf über die Familie
und die Tochter des Kommerzienraths gethan hatten,
und mich bei manchem Anlasse wieder daran erinnert;
aber ich war Clamor in dem Wollmann'schen Hause
noch niemals begegnet, und ihm überhaupt nicht wieder
persönlich nahe gekommen seit dem Tage, da er mir
das Geldgeschenk gemacht hatte. Nur an mir vorüber-
reiten oder mit Anderen an mir vorübergehen hatte
ich ihn bisweilen gesehen; und Cäcilie, Leonhard's
einzige Schwester, hatte mit mir sehr oft von ihm ge-
sprochen. Sie hatte ihn gerühmt, hatte mich nach
seinen Eltern gefragt, mich von seiner Schwester er-
zählen machen, und ich hatte aus ihren Reden mir
entnehmen können, daß er zu ihren Verehrern und
Günstlingen gehöre.
Sie sah sehr schön aus an dem Abende, mit den
dunkelrothen Granaten in den schwarzen Locken, wie
sie die leuchtenden Augen gegen den hochgewachsenen
Elamor mit freudigem Aufschlag in die Höhe hob.
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nickte sie mir wie einem alten Bekannten freundlich
zu, und während ich mich ihren Eltern vorzustellen
ging, sah ich an ihren und Clamor's mich begleitenden
Blicken, daß von mir die Rede sein mußte.
Es war nicht ohne Zagen; daß ich mich ihnen
endlich nahte, denn das Selbstgefühl, welches man
innerlich mit seinem Können und mit seinen Erfolgen
gewinnt, setzt sich bei uns in Armuth und Niedrigkeit
Geborenen, nicht g leich in die geprägte baare Münze
des gesellschaftlichen freien Empfindensund unbefangenen
Gebahrens um. Ich wußte es also der liebenswürdigen
Cäeilie herzlich Dank, daß sie mir so freundlich die
Hand entgegenreichte, daß sie mich mit ihrer Anrede
der Nothwendigkeit enthob, das erste Wort zu suchen.
,Wir hatten eben von Ihnen gesprochen, als Sie
eintraten,! sagte sie. ,Graf Berkow hat mir und dem
Herrn von Marville erzählt, daß er heute bei Ihnen
ein sehr hübsches Bild von Fräulein von Marville ge-
sehen, welches Sie aus der Erinnerung für deren
Eltern zum silbernen Hochzeitsgeschenk gemalt haben.
Er hat es uns so reizend beschrieben, daß ich es durch-
aus sehen muß, ehe Sie es absenden.?
Ich entgegnete, daß es noch nicht fertig sei, daß
es bis Mittsommer in meinen Händen bleiben und ich

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mich sehr geehrt fühlen würde, wenn sie kommen wolle,
es anzusehen.
, Gewiß will ich das! Ich komme mit meinem
Bruder zu Ihnen, sobald Sie es vollendet haben.
, Und Sie haben nichts dagegen,! fiel Clamor
gegen Cäcilie gewendet ein, ,wenn ich Sie dann be-
gleitek-
,So lange wollen Sie warten? Das ist sehr
galant für mich und sehr ungalant und sehr geduldig
gegenüber Ihrer Schwester!' scherzte Cäeilie. ,Aber
so sind unsere Herren Brüder sammt und sonders.
Hätte Ihnen der Graf erzählt, Kronau habe aus der
Phantasie ein entzückendes Kinderbildchen irgend einer
Sängerin oder Tänzerin gemacht-
,Oder das Ihre!' fiel Clamor ihr in's Wort.
,Still!' rief Cäcilie, , mit einem so billigen In-
termezzo kaufen Sie sich von meiner Strafpredigt
nicht los. Sie Alle sind neugierig wie die neugierigste
Frau, wenn es sich um eine Ihrer bewunderten
Bühnenheldinnen handelt; und von einer wahrhaft
stoischen Gelassenheit gegenüber uns anderen Frauen-
zimmern.!
, Und das sagen Sie? Sie mir? rief Clamor
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mit einer Wärme, die wahrer klang, als der scherzende
Ton der Unterhaltung es erwarten ließ, so daß Cäcilie
roth wurde, und Clamor, als sei er über sich selbst
verwundert, sich zu mir kehrte.
,Ich erfuhr hier erst,! sagte er, , daß Sie eben-
so wie Fräulein Wollmann's Bruder um den Preis
für Rom konkurriren. So kommen Sie, wenn Sie
Glück haben, vielleicht noch eher in die Welt als ich.!
Mir fiel eine schwere Last vom Herzen. Ich hatte
gefürchtet, Clamor könne mich auch heute noch wie in -
des Grafen Zimmer und in dem Kasernenhofe mit
,Dur! anreden, und mir überlegt, ob und wie ich das
hinzunehmen habe.
,Sie haben aber in Ihrer Kindheit schon ein
Stück Welt gesehen, Herr von Marville,! entgegnete
ich, ,als ich noch in Ihres Herrn Vaters Hof und in
Holzschuhen umherlief.?
Ich wollte ihm zeigen, daß ich mich meines Her-
kommens nicht schämte, und nicht verlangte, es von,
ihm, nun er mich behandelte, wie es sich gebührte,
vergessen zu sehen. Das schien ihm zu gefallen, und
mehr noch, als Cäcilie hinzusetzte:
, Helmar hat uns oft erzählt, daß Sie in Ihrer
Jugend ein schlimmer Kamerad gewesen wären, und

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- ihn tüchtig gedrillt und durchgefuchtelt hätten beim -
Soldatenspiel. Es sei ihm später aber doch zugut ge-
kommen. Er habe im Schlosse und von Ihnen gehen
und stehen gelernt, und, wie Figura lehrt, so elegant-
als Einer!''
Wir waren durch Cäciliens Anwesenheit und Ge-
schick in den Ton eines bequemen Scherzes hinein-
gerathen, und Clamor hatte unverkennbar Lust daran, -
da es dem von ihm bewunderten Mädchen so gefiel.
Mich aber trieb es, den Grafen aufzusggen, um nun,

? : =a?
raschem Unbedacht um so mehr gefehlt zu haben
glauhte, da ich ihm thatsächlich eine Unwahrheit ge-
sagt; denn ich hatte, wie erwähnt, bis dahin nicht im
Entferntesten daran gedacht, das Bild meiner Beschützerin
zu schenken.
Als ich ihn in einem der Nebenzimmer traf, -
brachte ich ihm meine Sache ohne Weiteres vor. Ich
sagte, wie ich mir einen Vorwurf daraus gemacht
habe, seinem Verlaggen nicht sofort nachgegeben zu
haben. Ich bat ihn deshalb um die Erlaubniß, so-
gleich eine Kopie des Bildes für ihn in Angriff
nehmen, und sie ihm als ein Zeichen verehren zu

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dürfen, wie lebhaft ich seine andauernde Güte für mich,
empfände.
Der Graf dankte mir für meinen guten Willen.
,Ich habe an demselben und an Ihrer Anhäng-
lichkeit für mich nie gezweifelt, ! entgegnete er mir,
,aber die Kopie lassen Sie für's Erste unterwegs. Es
ist dem Maler wohl erlaubt, Köpfe, die sich ihm auf
irgend eine Weise fest und Feutlich eingeprägt haben,
für seine Zwecke zu benützen, natürlich in einer Weise,
die dem Origgale nicht zu nahe tritt. Es wird ja
auch kelüaHfAüdigen Manne einfallen, ohne alle
Berechtigung gne Diite von Stand in einer ihr nicht
angemessenen Gestalt oder Situation darzustellen. Daß
Sie, mit glücklichem Gedächtniß und mit sicherer Hand
begaht, Fräulein von Marville für deren Eltern zum
Angebinde malen, ist hübsch, und in der Ordnung.
Daß ich Beschlag auf das Porträt meiner jungen An-
verwandten legen wollte, war eine Nebereilung. Ich
hatte anzufragen, ob ihre Eltern mir den Besiz eines
solchen Bildes gönnen würden. Sie, lieber Freund,
haben aber noch weit weniger das Recht, Sie haben
durchaus kein Recht,! bemerkte er scharf und bestimmt,
,Fräulein von Marville's Bld für mich oder für wen
sonst es immer sei, zu malen.!

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Ich war gewohnt, manche mir sehr nöthige Lehre
und Zurechtweisung von dem Grafen zu erhalten, und
hatte sie immer gern empfangen. Er war zwwölf Jahre
älter als ich, war mir an Bildung, Rang, Erfahrung
weit überlegen, und seine gemessene, freundliche Weise
machte selbst den Tadel nicht verletzend. Hier aber,
wo es sich um ein künstlerisches Recht handelte, meinte
ich, besonders weil des zGrafen Ton mir härter und
kälter klang als sonst, nicht unbedenklich nachgeben zu
müssen. Ich behauptete also, daß Daejeuigg, was der
ewe pe ee nwoons fggEßaen aoe
habe, oas er in feie seväaFF ein Egenes
gleichsam unwillkürlich erworben habe, und allerdings
absichtlich bewahre, ihm auch zu freier Benutzung für
seine Zwecke dienen dürfe.
,Ich dürfte,' sagte ich, , wenn ich das Glück ge-
habt hätte, von Fräulein von Marville ein Porträt
zu machen, dieses Porträt vielleicht nicht für mich ko-
piren, dürfte auch in diesem Falle den Kopf nicht
anderweit für meine Zwecke verwenden, ohne die Er-
laubniß des Originals dazu erhalten zu haben; aber
-
was ich frei aus mmeiner Seele erzeuge, das, dünkt
mich, ist so gewiß meinem freien Schalten preis-

18e
gegeben, und so gewiß mein eigen, als mein Gedächt-
niß selber und mein künstlerisches Vermögen.

,Sehr scharffinnig!! meinte der Rittmeister, ,und
in der Künstlerwelt vielleicht zu Recht bestehend! Nur
vergessen Sie nicht, Lieber, daß die Künstlerwelt nicht
die Welt ist, und daß man in den verschiedenen Lebens-
kreisen verschiedene Ansichten über das Erlaubte und
das nicht Erlaubte hat. Was dem Einen als sein
Recht erscheint - und vielleicht kein Unrecht ist --
hält der Andere für sich nicht erlaubt, nicht schicklich.
Wenn der Knßler durch sein Auffassungsvermögen,
und sein GedgchtnißpVorzüge vor Anderen besizt, so
hat er für dieses sein Gedächtniß, das uns und un-
sere Erscheinung ohne unsere Zustimmung in Beschlag
nimmt, mit einer um so größeren Zurückhaltung ein-
zustehen. Aber,' setzte er abbrechend rasch hinzu, ,das
ist zulezt Ihre Sache! Was mich betrifft, so habe ich
Ihnen gleich heute früh gesagt, daß ich nicht daran
i
denken darf, mich in den Besiz dieses Bildes oder j
seiner Kopie zu setzen ohne die Zustimmung der be-
treffenden Personen; und vor dem Mittsommertage kann j
davon ja nicht die Rede sein, obschon ich bald einmal -
nach Hause, und nach Waldritten zu gehen veranlaßt
sein werde.!


Er sprach darauf mit mir von anderen Dingen,
so wie sonst. Es kam mir aber vor, als sei er nicht
mit mir zufrieden, und da ich nachher tanzte, und er
sich frühzeitig entfernte, sah ich ihn nicht wieder.
Dafür traf ich mit Clamor zu verschiedenen Malen zu-
sammen, und er benahm fich gegen mich, als hätte er
die Rolle mit dem Grafen ausgetauscht, als habe er
plötzlich den Abstand vergessen, der meine Herkunft
von der seinen trennte. Er zeigte sich leichter in seinen'
Umgangsformen, er sah dadurch freier und schöner
aus, als mit dem Ausdruck von Hoäßmuth, den er
sonst zur Schau zu tragen liebte; und wie ich ihn
darauf näher beobachtete, und seinem Thun und Treiben
folgte, mußte ich mir es sagen, daß er Cäcilien auf-
fallend huldige, daß sein Hängen an ihren Augen seine
Verliebtheit in sie verrieth.-
Schön sahen sie neben einander aus, der große,
prächtige Mensch in der knäppen Uniform, mit seines
Vaters von jenseits des Rheines stammendem schwarzen
Lockenkopf, und mit den stolz geschwungenen Lippen
und Brauen des alten Waldern'schen Geschlechtes; und
daneben die reizende Cäcilie, ihres glücklichen Bruders.
oft benütztes Vorbild. Aber Clamor von Wäldern-
Marville, und ein Judenmädchen! und wäre es auch

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die Tochter eines so angesehenen Hauses, wie das der ?
Wollmann's, das war ja ganz unmöglic.
Während ich das dachte, flogen Clamor und Cä
cilie an mir vorüber. Er hielt sie nahe an sich
gepreßt, sie hingen Blick an Blick, ihr Mund lächelte
zu den Worten, die ihr Ohr von seinen Lippen nah be-
rührten. -- Wenn sie ihn liebte! Wenn er übermüthig I
sein Spiel mit ihr trieb!- Sie kannte seinen Hoch- --
muth nicht, nicht die Absichten und Wünsche des
Generals. Ich erinnerte mich, wie der Diener einmal
gesagt, als wir noch Alle Kinder waren: , Seit wir
hier im Schlofse find, wo die beiden alten Wappen
in Stein ausgehauen über dem Portal prangen, denkt
der General nicht mehr daran, von wannen er her-
kommt; unter Grafen thut er es einmal mit seinen-
Kindern nicht.! Und mein Vater hatte das auch noth- - -
wendig, und in der Ordnung gefunden; denn bis auf
den General war noch kein Tropfen bürgerliches Blut - -
gekommen in das Waldern'sche Geschlecht, und der
General hatte das gutzumachen, wie mein Vater
meinte.
Ich hatte Cäcilie aufrichtig lieb. Ihrer Warm-
herzigkeit, ihrer gutmüthigen und klugen Offenheit,
ihrem Geschick, die Menschen, welche sie umgaben, zu

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brauchen, und sie ihren guten Absichten dienstbar zu
machen, dankte ich meine ganze gesellschaftliche Er-
ziehung und mein Vorwärtskommen in der Gesellschaft.
Ich wußte, daß ich an ihr und an ihren Bruder treue
Freunde hatte, und wenn ich es verhindern konnte, -
sollte ihr kein Leid geschehen, auch von Clamor nicht.
Ich wollte sie warnen, wollte ihr die Geschichte vou
den Grafenheirathen wie einen Scherz erzählen, den
zu verstehen sie bei ihrer Klugheit nicht ermangeln
konnte. Wie ich aber das Wort Grafenheirathen in
meinem Innern aussprach, fuhr es mir durch den
Sinn: der Ritkmeister Berkow ist ein Graf, ist Ma-
joratserbe vom ältesten Adel der Ostprovinzen. Das
wäre ein Mann nach dem Sinne des Generals! Und
der Graf war jetzt zum Deftern in Waldritten ge-
wesen! Er hatte Dora's Bild lebhaft begehrt! -
Indeß er war in der zweiten Hälfte der dreißiger
Jahre, und Dora - ich fing zu rechnen an-- Dora
hatte ihr achtzehntes Jahr noch nicht vollendet. Ich -
hatte fast acht Jahre vor ihr voraus. Der Graf
konnte ihr Vater sein. Dora war ja noch ein halbes
Kind. Endlich aber, was kümmerte es mich?
Es kümmerte mich nicht! es ging mich gar nichts
an? Und der Graf? Wo gab es einen besseren,

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würdigeren Mann als ihn? =- Nur Cäcilie wollte
und mußte ich warnen, das stand fest. Aber ich kam
den ganzen Abend nicht an sie heran, Clamor wich
nicht von ihrer Seite. Ich mußte mich endlich von
ihr verabschieden, ohne sie noch allein gesprochen zu
haben.