Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 12

,wölfles Fapiles.
vFsFaaaBDa
Einige Tage später kam Cäclliens Bruder zu mir
in das Atelier. Wir waren seit jenem Abende in
seinem Vaterhause nicht zusammen gewesen, und in
meine Arbeit vertieft, bot ich ihm den guten Tag,
ohne mich stören zu lassen.
Ich hatte im Sommer bei unseren Streifereien
einmal eine Dorfschmiede skizzirt, vor der im Mond-
schein ein Reiter neben seinem zu beschlagenden Pferde
stand, während die Gluth des Feuers in der Schmiede
ihre rothen Lichter in das Freie warf, so daß die,
Doppelbeleuchtung eine hübsche Wirkung machte. Das
Bild ist später vielfach verbreitet worden, Sie kennen
es vermuthlich, doch will ich es Ihnen hinzeichnen, so
gut es ohne Farbe geht. - Und wieder unterbrach-

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Helmar sein Manuskript mit einer seiner hübschen Feder-
zeicnungen.
,Das wird gut werden!'' sagte Leonhard, nachdem
er, auf dem wackelnden Tische sitzend, das Bild mit
seinen klugen Augen eine Weile angesehen hatte. ,Das I
wird ganz gut! Nur über die Vorderfüße des Pferdes
müßte etwas mehr von dem rothen Streiflicht aus der
Schmiede fallen, denn die verschwinden von den Knieen -
abwärts zu sehr im Dunkeln, in das Nichts. Aber
wende Dich gefälligst um, kniee nieder, und bete mich
an l'! =
Unwillkürlich drehte ich den Kopf nach ihm hin,
und mußte über die Stellung dieses immer fröhlichen
Genossen lachen. Er hatte sich weit nach vorn hin-
übergebeugt und hielt mit süßlichem Lächeln einen
Flederwisch in der Hand, mit dem er nach mir hin-
überwies.
,Was fällt Dir ein? fragte ich.
,Ich bin der Engel der Verkündigung, mein
Holder, und bringe Dir frohe Botschaft. Falte Deine
gläubigen Hände, danke dem Schöpfer, der Dir Dein
gebenedeites Talent gegeben hat, und dann sinke an
meine Brust. Wir gehen zusammen nach Ron!?
,Nach Rom?! wiederholte ich, während ich die

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Hoffnung nicht aufkommen lassen wollte, die sich mir
im Herzen regte.
,Nach Ronf bestätigte er.,Deine zwwei Jahre
in der Kaserne haben Dir wohl gedient. Die heilige
Jury mit ihrem dummen, akademischen Preise hat wohl-
gefällig gelächelt über Deine nackten Horatier und
Euriatier. Du bist ihr Mann, und wirst hoffentlich
solch' abgedroschenes, bockledernes Motiv in Deinem
Leben nie wieder malen.!
,Aber wie meinst Du das? Die Prämiirung ist
noch lange hin, und die Jury ist geheinnißvoll!'' wen-
dete ich mit wachsender Erregung ein.
, Geheimnifse dringen wie der Sonnenschein durch
die Spalten der geschlossenen Thüren und fallen wie
die Strahlen des Verkündigungsengels lang' vor der
rechten Stunde auf den rechten Fleck, so daß Du schon
in herrlicher Verklärung vor mir glänzest.!
,Laß die Possen, Leonhard! rief ich, ,was hast
Du gehört, was weißt Du?
,Nichts, nichts! Cäcilie hat mir Schweigen auf-
erlegt. Sie besteht darauf, es Dir zu sagen.!
,Daß ich den Preis erhalte?- fragte ich.
,Ja, ja! Da Du es nun ohne meine Schuld
einmal doch erfahren hast!'' meinte er scherzend. ,Der

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Direktor selber hat es ihr mit dem Zusatze vertraut,
es sei von einer Wahl die Rede nicht, wo eine Arbeit
alle anderen so entschieden übertreffe. Sie erwarten
von Dir Wunder, die Du nie leisten wirst, denn das
historische Bild ist nicht Dein Fach. Der zusammen-
gekauerte Schmiedejunge, und der kläffende Hund sind
zehnmal mehr werth, als Deine hochbehelmten, breit--
gespreiztenRömer, die ihreAhnen in jedem Aktsaal haben.
, Und Du gönnst mir den Erfolg? fragte ich.
,Was ist denn da zu gönnen? oder was soll mir
an dem Urtheil dieser zopfigen Rhadamanthe gelegen
sein? Mein Vater wollte, ich sollte konkurriren, nicht
um das Stipendium, denn das zu nehmen, hätte ich
ja nicht denken können, sondern wahrscheinlich um meine
hochgehenden Wellen durch eine Niederlage in etwas
abzudämpfen. Diesen Erfolg hat er durch meinen aka-
demischen Mißerfolg im Geringsten nicht erreicht, ob-
schon ich ihm seinen Willen gethan habe. Die Haupt-
sache aber ist -- wir gehen sofort nach Rom, sobald
Du und ich mit den Arbeiten fertig sind, die wir unter
den Händen haben.
,Für's Erste habe ich weder den Preis noch das
Geld!'' wendete ich ein im zaghaften Unglauben an die
Möglichkeit des Glücks.

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,Den Preis hast Du, und das Geld habe ich.
Ich schieße es Dir vor, und Du kommst auf die Weise
ein halbes Jahr früher an Dein Ziel!?
Ich reichte dem immer gutwilligen, treuen Leon-
hard die Hand; aber wie es mich auch lockte, mich
mit ihm gemeinsam je eher je lieber auf den Weg zu
machen, konnte ich die Aufforderung meiner Wohl-
thäterin nicht vergessen.
,Ich muß nach Waldritten, sagte ich, ,ich habe
den General, und seine Frau dort zu malen, und wahr-
scheinlich die Tochter auch. Im Frühjahr kann ich
noch an keine Reise denken. Vor dem Herbste komm
ich nicht fort.?
,Waldritten? Das scheint dies Jahr zum Wall-
fahrtsort ersehen zu sein! scherzte Leonhard. ,Will
denn alle Welt jetzt mit einem Mal dorthin? Du und
Graf Berkow, und Clamor auch. Am Ende komme
ich noch selber mit, wie Clamor mir's in diesen Tagen
vorschlug.!
Ich fragte, wann er ihn gesehen habe.
Leonhard entgegnete: ,Erst gestern!'?=- Clamor
komme ja häufig in sein Vaterhaus, und sie hätten ihn
Alle gern.
Ganny Lewald. Helmar.
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, Er macht Deiner Schwester jehr den Hof,
sagte ich.
,Sehr!' entgegnete Leonhard mit Lachen, zund
es macht mir den größten Spaß, zu sehen, wie sie
diesen aristokratischen Sperber zahm bekommen hat.
Als er zuerst in's Haus kam, kreiste er hoch über un-
seren Häuptern in der blauen Luft des reinen Blutes,
als ob sein Vater nicht ehrlich hier in der Brüder-
straße sein bürgerliches Nest gehabt hätte. Nnr jezu-
weilen, und auf kurze Zeit ließ er sich in unseren Be-
reichen nieder. Jetzt!??-- Leonhard lachte wieder hell
auf. - ,Nun, Du hast gesehen, er pickt Cäcilien ge-
horsam, wie ihr Pollo, was sie ihm hinreicht, aus der
Hand, und flattert sehr vergnüüglich, wenn sie ihm das
Zuckerbrod ihrer guten Lehren, das ihm oft schwer
genug hinuntergehen mag, mit einem Lächeln in den
Mund steckt.
,Er war gegen mich von einer Zutraulichkeit, die
mich in Verwunderung setzte!' bemerkte ich.
,Ja, Cäcilie reformirt ihn gründlich, und er ist
gelehrig. Wie sollte er auch nicht?
,Glaubst Du, daß er ihr gleichgültig ist?
fragte ich.
,Durchaus nicht. Er gefällt ihr sehr! Sie sind

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Beide gescheidt, Beide übermüthig, und voll Selbst-
vertrauen.!
,Aber was soll daraus werden? fiel ich ihm ein.
, Ein Paar! wenn sie so fortgehen, wenn es ernst-
haft wird, und wenn sie's wollen. Wo nicht, ein In-
termezzo mehr in dem Regisiex von Cäciliens Phan-
tasieen und Eroberungen.!
, Und wenn durch die aristokratischen Neigungen
von Clamor's Vater für Deine Schwester ein Schmerz
aus diesem Spiel erwüchse??
,Mondbewohner! Mondscheinschwärmer!r lachte
Leonhard. ,Mädchen, wie meine kluge Schwester
sterben nicht an Liebesleid. Und aristokratische Vor- -
urtheile?-- Er zuckte die Schultern.- ,Die Welt
sieht bei uns in den großen Städten anders als bei -
Euch auf dem Lande aus. Mach' Dir keine Sorge.-
Wir gehen nach Waldritten und nach Rom! Cäcilie-
behauptet, es sei eine Heirath im Werke zwischen
Berkow und der Schwester Clamor's, aber darin irrt
sie, wie ich glaube. Der Graf ist seit langen Jahren
mit einer Frau von Stande enfilirt, die ihn schwerlich
freigiebt.
Ich hatte nie ein Wort davon gehört. Ich war
ein guter, unschuldiger Junge. Derlei hatte ich meinem
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Beschützer, dem Grafen Berkow, in dem ich das Vor-
bild aller Tugend und Ehrenhaftigkeit verehrte, nicht
zugetraut.
, Einen Liebeshandel mit einer verheiratheten
Dame?! fragte ich zwweifelnd.
,Natürlich! sonst würde ja der Handel nicht so
lange dauern, würde er längst auf die eine oder die
andere Art zu Ende gekommen sein. Aber vielleicht
wünscht er sich zu verheirathen, um die Kette zu brechen,
was, wie uns das Scribe'sche Lustspiel lehrt, nichts
weniger als leicht ist. ?
, Und dazu,'! fragte ich, ,soll Clamor's Schwester
ihm das Mittel sein?
,Weshalb nicht? meinte Leonhard. ,Der Graf
ist kein Mann, der etwas halb thut. Reißt er sich
dorten los, so kommt er ganz und ehrlich zu der neuen
Wahl, zu seiner jungen Frau, und - sicherlich sehr.
gut geschult. Man lernt fügsam und liebenswürdig-
sein in den Händen einer älteren, einer schönen, und -
koketten Frau.!
,Für Fräulein von Marville ist aber der Graf
doch viel zu alt!' bemerkte ich, um mich zu überreden,-
daß an eine Heirath Dora's mit dem Grafen nicht zu-
denken sei.

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,Zu alt? Der Graf zu alt? Frage doch die
jüngsten Mädchen, wie sie den Grafen finden! Sie
sind ja durch die Bank von seiner Liebenswürdigkeit
entzückt, und seines Lobes voll. Der Gräf steht zum
Major, und würde, wie ich neulich hörte, der jüngste
Major sein in den Garden. Er ist just alt geng,
sich eine sehr junge Frau zu wünschen, und jung
genug, sie zu bekommen, wenn er's will. =- Nun aber
vorwärts, und hinaus! Was geht's uns an! Komm'
und verrathe Cäeilien nicht, daß ich in meiner Freude
aus der Schule schwatzte. Verdirb ihr nicht den
Spaß!-
Der Kopf ging mir in die Runde. Ich! ich sollte
nach Rom, und Dora sollte den Grafen heirathen, um
ihn aus einer Verbindung zu befreien, die ihm drückend
geworden war! =- Das war auf einmal gar zu viel!
Ich bewunderte den Freund, der Alles, aber auch Alles
so gelassen hinnahm, den Nichts kränkte, und Nichts
reizte. Indeß ich kam mir besser vor als er.
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