Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 13

reisehnles Fapilel.
Was Glück sei, das glaubte ich damals in seinem
vollsten Maße zu erkennen. Wohin ich mich wendete,
lachte mir das Leben, und mit dem Erfolge wuchsen
mir das Streben und die Kraft. Fch bin heute noch
kein fauler Knecht. Aber wenn ich denke, was und
wie ich in jener Zeit gearbeitet habe, bekomme ich
Wohlgefallen an mir, und Respekt vor dem festen
Wollen eines ordentlichen Menschen; denn der war ich,
und gottlob! der bin ich, wie ich mir bewußt bin,
auch geblieben.
Meines Reisestipendiums sicher, lebte ich ohne -
Sorge, denn meine Schmiede fand rasch einen Käufer.
In der Wollmann'schen Familie hielt man mich wie
ein Kind vom Hause, und ich und Clamor waren nicht
die Einzigen, welche durch die hohe Bildung jener-

1s
trefflichen Menschen gefördert und auf den rechten Weg
gewiesen und festgehalten wurden.
Damals, als die Juden weder staatlich noch ge-
sellschaftlich so gleichberechtigt waren, als sie es nach-
dem geworden sind, fanden sich immer einzelne Familien,
die für sich persönlich die gesellschaftliche Gleichstellung
durch ihren persönlichen Werth errungen hatten, und
sie mit würdigem Selbstgefühl nach jeder Richtung zu
vertreten wußten. Im Hause des Kommerzienraths
machte ich meine ersten bedeutenden und mir nützlichen
Bekanntschaften; und mehr als das, ich lernte in den
Kreise dieser begeisterten Verehrer alles Großen und
Schönen, unsere klassische Literatur, ich lernte Goethe's
Werke anders kennen als bis dahin. Und wie ich die
Meisterwerke der Musik in ihrem Hause zuerst zu
hören bekam, so war es auch wieder der Vater Leon-
hard's, dessen gelegentliche Aussprüche mir maßgebend
für meine Lebensführung wurden. Von ihm hörte ich
zuerst das bedeutsame: Zeit ist Geld und Geld ist
Macht! Fhn hörte ich einmal sagen: Einen verlorenen,
Thaler findet oder erwirbt man wieder; eine verlorene
Stunde und der verpaßte Augenblick sind unersetzlich!
Und ich habe mir das oft mit großem Nutzen vorzu--
halten, die Veranlassung gehabt.

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Mit der großen Auswanderung nach Waldritten,
von welcher Leonhard gesprochen hatte, ward es aber
für das Erste nichts. Nur der Graf, welcher in dieser
Zeit sein Maforspatent erhalten hatte, ging nach
Preußen, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt zurück. -

Von Clamor aber hörte ich, daß er für seinen Theil
keinen Urlaub begehren könne, da er ihn im Sommer
für die Silberhochzeit seiner Eltern fordern wolle,
bei welcher Gelegenheit denn auch der Graf ein paar


, s
dritten zu verweilen denke. So konnte also von einer -
Wochen in Preußen bei seinem Vater und in Wal-
Reise Leonhard's die Rede gar nicht sein, und als -
das Osterfest herankam, war ich der Einzige, der sich- ;
auf den Weg nach Norden machte.
Eine Eisenbahn nach Preußen gah es damals --
nicht. Man sah die Schnellpost noch als eine Errungen-- -
schaft an, und ich hatte Zeit zum Nachdenken geng-
während der achtundvierzig Stunden, welche man -«
brauchte, von Berlin nach Königsberg zu kommen, wo -
, mir bei dem Erzieher Clamor's, dem inzwischen zum --
Professor ernannten Doktor Müller, ein Unterkommen -'?
und eine freundliche Aufnahme bereitet waren. Wie --
ich mich einst an seinem Emporkommen aus Niedrigkeit -

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ermuthigt hatte, so freuten er und der Direktor der
Kunstschule sich jetzt an dem meinen.
Es war ein köstliches Gefühl, mit welchen ich durch
die alten, engen, mir so vertrauten Straßen schlenderte,
in denen ich, mit unserem Korb voll Farbentöpfen und
Schablonen auf der Schulter, an dem und jenem Bilder-
laden so oft bewundernd stillgestanden hatte. Ein
köstliches Gefühl war es, mit welchem ich zu' meinem
Meister ging und zu meines Meisters, an den ersten
Gesellen verheiratheten, hübschen Tochter. Auch den
Diener August suchte ich mir auf. Er betrieb, in einer
unfern vom Hafen gelegenen Straße eine Speisewirth-
schaft. Ihnen Allen ging es wohl. Sie nahmen mich
Alle gut auf, ein Jeder von ihnen rühmte sich, zu
meinem Fortkommen Dies und Das gethan zu haben.
Selbst Christel, die nicht mehr blank und lustig, aber
noch in des Meisters Hause rüstig und im Dienst war,
meinte, sie hätte mir's schön beigebracht, wie Einem
der Hut stehen müsse, um den Frauenzimmern zu ge-
fallen; und die erste Pomade, die ich in mein Haar
gebracht, die hätte sie mir gekocht, weil ich ihr gut zur
Hand gegangen sei. -- Die Menschen find ja gut und
hülfreich von Natur und mögen gern gefördert und
Anderen geholfen haben. Ich gönnte es ihnen Allen,

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freute mich mit Allen. Sie waren wie die einzelnen
Farben in meines Lebens heiterem Bild. = Bei
Allen sollt' ich essen, bei Allen trinken. Von August.
der die Müllerstochter aus des Generals Mühle zur -
Frau genommen hatte, kam ich auch nicht los.
,Sehen Sie,! sagte er, während er sich bequem
an seinem Tische niederließ und eine Flasche Bordeaux.
entkorkte, ,hinter der Herren Stühle steh' ich nun nicht
mehr; und diesen Bordeaux bezieh' ich von der Quelle.
Direkt von den Schiffen kommt er mir in's Haus.
Fezt bin ich hier am Hafen und habe die Kapitäne
zu Gästen. Kommen Sie in zehn Jahren wieder, und
Sie sollen bei mir oben in der Stadt in einem Gast-
hof wohnen, wie am Rhein, so wie sie ihn hier zu
Land noch gar nicht kennen. Ich habe noch nicht
mein letztes Wort gesagt; und Sie, denke ich, auch
noch nicht. Stoßen Sie mit mir an! Bei uns Preußen
heißt es wie beim alten Blücher: Immer vorwärts!
Immer vorwärts, Herr Kronau! Ich habe hier in
meinen Zeitungen schon von Ihnen gelesen und mir
dann gesagt: Den hab' ich auch auf den rechten Strich
und in den Trab gebracht! Also vorwärts, Herr
Kronau! Sie und ich !-
Ich riß mich nur mit Mühe von so viel gutem

1?
Willen los, um noch einmal die Post zu besteigen,
die mich auf der neugebauten Chaussee bis vor das
Schloß von Waldritten fahren sollte, denn der General,
der mit seiner organisirenden Thätigkeit ein wghrer
Wohlthäter des Ortes und seiner Umgebung geworden
war, hatte es auch durchgesetzt, daß man Waldritten
zu einer Poststation gemacht hatte.
Während ich aher, das Herz voll seliger Träume,
meiner Heimat zufuhr, hatte die Gnädige meinen
Vater rufen lassen. Er stand noch strack auf seinen
langen Beinen und versah noch immer seinen Dienst,
obschon er jetzt ein ganzes Ende über sein siebzigstes
Jahr hinaus war.
,Ich habe mit Dir zu reden, Kaspar!? sagte sie,
,und ich möchte, daß Du nicht wieder Deinen Kopf
aufsetztest und widerspenstig würdest wie damals, als
wir hierher gezogen sind. Du weißt heut Nachmittag
kommt der Helmar.!
,Ja!! entgegnete er, ,er hat es ja geschrieben.
Wir haben's auf ihn eingerichtet.
,Das ist's eben! fiel ihm Frau von Marville
ein, , der Helmar soll im Schlosse wohnen, nicht
bei Dir.?
Der Vater schwieg. Der General hatte ihn zu

15e
seinem siebzigsten Geburtstag auf Lebenslang und so
lang die Mutter leben würde, in das ehemalige kleine
Gärtnerhaus gesetzt und ihm das ordentlich zurecht-
machen lassen, während mein Bruder, der nun der
erste Brauer war, der Eltern frühere Wohnung für
sich bekommen hatte.
Frau von Marville fragte, weshalb der Vater
keine Antwort gäbe.
,Gnädige Frau !- sagte er, ,die Mutter hat's
für ihn in der Hinterstube mit dem besten Zeng zu-
rechtgemacht, und wenn er nun auch höher herauf-
gekommen ist als wir, und was geworden ist, und
Verkehr hält mit Herrschaften, die nicht unseresgleichen
find =- schlafen wird er wohl noch können, wo sein
Vater und seine Mutter schlafen und ihr Eigen haben.!
,Schlafen freilich! Aber arbeiten kann er nicht
bei Euch!
,Dafür haben ja die gnädige Frau schon vor
einigen Tagen ihm die Werkstätte in dem grauei
Zimmer einrichten und die Fenster bis über die Hälfte
dunkel vernageln lassen. Arbeiten kann er, wo er seine
Arbeit hat. Aber er müßte ein schlechter Kerl ge-
worden sein, wenn er nicht am liebsten schlafen wollte
unter seines Vaters Dach. Und, gnädige Frau, ich


weiß, wie sich's gehört für Einen, der es besser ge-
wohnt ist als Unsereiner. Wir haben ihm von unserem
Gebett gegeben, und ich habe auf dem lezten Markte
Waschzeug und was er braucht, gekauft. Er hat, seit
er etwas vor sich bringt, redlich sein Theil hierher-
geschickt. So ein paar Stück Geschirr und derlei
waren just nicht alle Welt.?
Die Gnädige fuhr sich über die Augen.
,Nun, alter braver Eigensinn,'! sagte fie, ,halte
das. wie Ihr wollt. Du siehst, ich gebe nach, nun
thu' Du's auch. Es versteht sich, daß Helmar mit
uns lebt und ißt. Du selbst sagst mir, daß er ein recht- --
schaffener Mensch ist und seine Schuldigkeit an seinen
Eltern thut. Glaubst Du, daß es ihm schmecken, daß
er mit Ruhe essen wird, wenn er am Tische sitzt und
sein alter Vater mit der Serviette hinter ihm steht
und ihm das Essen präsentirt??
,Nein versetzte er, ,das glaube ich nicht; und
Fxau Generalin, halten zu Gnaden, das hätte ich auch
nicht gethan. Ich hatte schon die Herrschaft bitten
wollen, es ihm und mir nicht anzuthun. Aber sehen
möcht' ich's, mit Verlaub, denn doch! Sehen möcht'
ich's mit meinen Augen, wie mein Junge mit meinen
Herrschaften zu Tisch sizt. Ich hab's schon abgesprochen

158
mit dem Friedrich. Ich trage Alles zu und schneide
auf am Schenktisch. Ich hab' ihm sein Brot geschnitten,
bis er fortgekommen ist von meinem Tisch. Ich werd'
ihm der Herrschaften Braten aufschneiden an der Herr-
schaften Tisch, und der wird ihm glatt heruntergehen,
wenn er weiß, daß ich's so will und thue, mit der
Herrschaften Vergunst.
Frau von Marville reichte ihm die Hand.
,Du bist der bravste Mensch, der lebt,? sagte fie
,und der Herr General wird sicherlich auch nichts da-
gegen haben, daß ich Dir Deinen Willen lasse.!
,Ic glaub's auch nicht!'' sagte der Vater, ,und
ich danke der gnädigen Frau. Sehen, gnädige Frau,.
Jeder so nach seiner Einsicht, so nach seinem gsnebsat;
und Jeder an seinem Platz und wo er hingehört.!
Er küßte der Herrin die Hand, sie ließ ihn gehen.
Als er an der Thüre war, rief sie ihn zurück.
,Kkaspar!? sagte fie, ,wenn Du merkst, daß bei
Euch etwas für ihn fehlt, sag's der Wirthin. Er soll
es gut haben bei seinem alten Vater. Ich will die
Wirthin anweisen, daß sie Dir giebt, was Du verlangst.
Er braucht gar nicht zu wissen, wo es herkommt.!
,Schön Dank, gnädige Frau, ich habe Alles, so-
gar ein Deckchen vor dem Bett =- und schönes weißes

159
Bettzeug! Ich habe nichts gespart für den langen
Schlingel. Er ist ja unser Jüngster, und wir haben
noch was gut zu machen an ihm. Das lezte Mal,
als er hier gewesen ist, sahen wir ihn Alle noch nicht
für voll an und ließen ihn das merken.!
Damit ging er fort, und das war gegen Mittag.
Am Nachmittag, als die Post am Hofthor hielt und
der Postillon in's Horn stieß, wie ich ihn gebeten
hatte, stand der Vater schon am Thor. Ich sprang
hinunter und fiel ihm um den Hals. Er faßte mich
um und küßte mich, und die Thränen liefen ihm aus
den Augen.
,Macht nichts!! sagte er, , das kommt blos vom
Alter! Gieb die Sachen her! Vorwärts!? Er schämte
sich wie immer seiner Rührung; er hielt sie immer
noch für einen Luxus, der ihm nicht gebührte. -
Er hatte einen Jungen herbeigerufen, dem gab er
meine Mappen und mein Malgeräth.
,Trag' das in's Schloß! - und, rief er dem
Bruder zu, der inzwischen auch herbeigekommen war,
,Du, Fritz, fass' mir den Koffer an, wir wollen dem
Maler, dem Herrn Kronau, seine Sachen,! schmunzelte
er, ,herübertragen zu der Mutter, denn die läßt es sich

1O
nicht nehmen; und so ist's abgesprochen mit der

Herrschaft.
Die helle Freude lachte ihm aus dem guten Ge- -
sicht. So hatte ich ihn nie gesehen. Er wollte es
nicht leiden, daß ich Hand anlegte an den Koffer.
,Hab' ich Dich getragen, trag' ich auch den -'
Koffer,'' sagte er, obschon der Bruder meinte, er wiege- !
seine hundert Pfund. Aber auch der Bruder ließ sich,
besser als vordem an; und als ich zur Entschuldigung I
meines großen Koffers sagte, wie ich viel Verdienst
gehabt in letzter Zeit, und für Alt und Jung sich etwas
in dem Koffer fände, sah mich der Bruder an, setzte
den Koffer nieder, damit der Vater sich ruhen und ich
für ihn eintreten sollte, und sagte:
,Daß aus Dir und all' Deinem Gepinsel doch
noch was geworden ist! Der Karl und ich, wir haben's -
nie geglaubt. Und was er für einen Sammetrock hat
und für nen großen Filzhut!''
Des VatersFreude aber war und blieb immergrößer
und auch reiner als der Brüder Freude. Sie konnten
innerlich nicht recht verschmerzen, daß sie nicht Maler
und nicht Herren waren so wie ich. Sie dachten,
wäre die gnädige Frau ihre Pathe gewesen, so wie
meine, so hätten sie's gezwungen so wie ich. Aber

11
sie waren brave Menschen, und sind auf ihre Art auch
vorwärts und zurecht gekommen so wie ich.
Die Eltern wohnten gut. Die kleine Stube, die
für mich mit ihren besten Sachen aufgeputzt hatten,
lag freundlich nach dem großen Rasenplatz hinaus.
Die Fliederlaube vor den beiden Fenstern hatte ihre
Blätter schon entfaltet, die Festzeit fiel in dem Jahre
spät. Es gab, was bei uns zu Lande selten ist, einmal
-grüne Ostern.
Der Kaffee stand auf dem Tisch, Butter, und
Honig aus den eigenen Stöcken fehlten nicht; der
Brüder Frauen mit ihren Kindern waren in der Stube.
Die Mutter hatte, wie sie sagte, vor Verwunderung
keinen Kopf. Sie kam über ihr: ,Daß das der Helmar
ist!'' gar nicht hinweg. Sie nahm immer das Ver-
kehrte in die Hand und lachte dann darüber, und als
ich endlich die paar Herrlichkeiten, die ich für sie mit
mir führte, aus dem Koffer zum Vorschein brachte, da
sah ich, wie glücklich die Menschen daran sind, die
-etwas fortzugeben haben. Alle sprachen durcheinander,
- Alle reichten mir die Hände. Nur der Vater saß still
in seiuem Stuhl und sagte nichts. Ich sah aber, daß
er zufrieden war, und war's nun selber zehnfach. Eine
»Stunde war vergangen, ehe ich in das Schloß kam.
Fanny Lewald. Helmar.
- 1

18
Ich fand meine Wohlthäterin allein in ihrem
Kabinet. Sie stand auf, als man mich ihr angemeldet
hatte, kam mir ein paar Schritte entgegen, und mit I
dem Läächeln, das mir wie die Erinnerung an hellen s
Sonnenschein in dem Gedächtniß geblieben war, zu ,;
mir emporsehend, sagte sie:
,Willkommen, Helmar ! Bist Du ein schöner
Mensch geworden!?
,Ach, gnädigste Frau! Gnädigste Frau!r - Das.
war Alles, was ich vorbringen konnte, während ich.
ihr ein Mal um's andere die Hand küßte, die sie mir .
entgegengereicht hatte. Ich hatte sie nicht gesehen seit
der Stunde, da ich als Knabe die Heimat verlassen.
Sie merkte, wie sehr ich erschüttert war, sie war
selbst gerührt.
,Beruhige Dich!- sagte sie, ,und danke dem
Himmel, der Dir gnädig gewesen ist. Es war eine
glückliche Stunde, in welcher, Du geboren worden, und-
ein glücklicher Tag auch für mein Leben. Möge die
Zukunft uns Allen auch ferner gnädig sein.?
Sie hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie:
,Und nun komm ! seze Dich her, und erzähle mir
von Dir und Deinem Ergehen, und auch von meinem
Sohne. Glamor hat mir geschrieben, daß er Dich oft.

188
e.-
gesehen habe. Wie geht es ihm? Sieht er gesund
aus? und wann sahst Du ihn zuletzt??
Aber noch ehe ich ihr die Antwort geben konnte,
ließ sich Pferdegetrappel vernehmen auf dem Hofe.
Der General und Dora ritten die Rampe hinauf, sie
hielten vor dem Schlosse. Mit einem Satze war ich
draußen, und ehe noch der Reitknecht herangelaufen
kam, hob ich sie aus dem Sattel, und hielt sie in
meinen Armen - einen kurzen Augenblick.
,Helmar! lieber alter Tölpel!r rief sie, ,bist Du
endlich da?-
,Dora!? tadelte der General, ,laß die Kinder-
possen!-
,Ach, das kann er doch nicht übel nehmen, lieber
Vater! - Nicht wahr, das nehmen Sie nicht übel?
rief sie. ,Ich hab' mich so gefreut!
Ich hätte sie küssen mögen für dies Wort! und
sie war so schön, so gut, so kindlich froh! Man sah
es ihr an, sie war im Sonnenschein der Liebe und
des Glückes aufgewachsen, ein Kind an Unschuld in.
der voll entwickelten jungfräulichen Schönheit. Was
war dagegen das kleine Bild, das ich aus der Er-
innerung gemacht? Ja, Clamor hatte recht gesagt, sie
war der Frohsinn selber; der Frohsinn und die Güte!
1

16s
Es waren goldige Tage, die ersten drei Wochen,
die ich in dem Schloß verlebte. Mir fielen oftmals
die Schlußworte eines kleinen Gedichtes ein, das ich
in der Schule als Kind gelernt hatte: , Alles freuet
sich, lobt und liebet mich!'? So gut war es mir noch
nie geworden in der Heimat.
Der Vater hatte seinen Willen gehabt, hatte mich
an seiner Herrschaften Tisch gesehen, und es dann frei-
willig aufgegeben, den täglichen Dienst zu verrichten.
Den alten Vater sich mühen zu sehen, während ich in
bequemer Ruhe tafelte, das hätte ich auch nicht aus-
gehalten. Indeß er ließ es sich nicht nehmen, besonders
wenn vornehmer Besuch im Schlosse war, gelegentlich
in der Thüre zu erscheinen, oder unter irgend einem
Vorwande durch die Zimmer zu gehen.
Wenn ich dann an ihn herantrat, war es immer
Dora, die als Dritte sich zu uns gesellte, um einige
Worte mit meinem guten Vater auszutauschen, wonach
er dann heiter und zufrieden seinen Rückzug antrat,
um zu Hause zu erzählen, daß ich gerade wie die
Anderen wäre, und wie unter meinesgleichen unter all!
den Herrschaften verkehrte. Sein redliches Bewußtsein,
sein Ehrgefühl und seine Vaterliebe, die waren alle
aus einem Stück in seiner trefflichen Natur.