Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 14

Tierzehnles -uapiles.
Inzwischen hatte ich gleich nach meiner Ankunft
das Bild von Frau von Marville begonnen, und da
es mir gelang, auch das des Generals in Angriff nehmen
müssen; denn wie sehr er auch auf sich selbst gestellt
und seiner selbst gewiß war, trug er doch ein unver-
kennbares Verlangen darnach, sich als den Ersten des
neuen Geschlechtes der Waldern-Marville, der Bilder-
reihe der alten, theils gewappneten, theils Perrücken
und Zöpfe tragenden Herren von Waldern anzuschließen;
und er konnte sich in seiner Uniform und schönen
Stattlichkeit neben den Ahnen seiner Frau in jedem
Betrachte sehr wohl sehen lassen.
Abwechselnd an den beiden Bildern arbeitend,
gingen die Tage im Fluge hin. Meine Arbeit schritt
rasch fort und glückte mir. Der General behandelte
mich sehr rücksichtsvoll, aber wie einen Fremden. Es

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gefiel ihm, mich auf die wesentlichen Verbesserungen
aufmerksam zu machen, die er in dem Lauf der Jahre
in Waldritten eingeführt, und durch die er das ziemlich
vernachlässigte Dorf in einen hübschen, freundlichen
Flecken umgewandelt hatte. Er nahm mich in die
neugebaute Schule mit, in die Werkstätten der Hand-
werker, die er auf und neben dem Gute ansäßig ge-
macht hatte. Er lobte auch meine Arbeit, und er ver-
stand mehr von der Malerei und Kunst, als seine
Frau und Tochter. Mehr noch lobte er es, daß ich
gut zu Pferde saß, und, wie er es nannte, mir eine
schickliche Conduite angeeignet hätte. Aber gerade
diese Art des Lobes grenzte die Stellung, und die-
Entfernung ab, in der er mich zu halten für an-
gemessen fand, und die überschreiten zu wollen, mir
auch nicht in den Sinn kam, um so weniger, als er
Frau von Marville in ihrer herzlichen Güte, in der
Freude an dem Emporkommen ihres Schützlings nicht
beeinträchtigte, und Dora, besonders nachdem ich eine
Weile in dem Schlosse gewesen war, in ihrem zutrau-
lichen Verkehr mit mir ruhig und ungehindert ge-
währen ließ.
Er selber forderte mich regelmäßig auf, ihn und
Dora zu begleiten, wenn sie ihren Spazierritt machten.

1se?
Ich wurde öfters als Vierter mitgenommen, wenn man
größere Ausfahrten machte, wurde den Gästen des
Hauses als ein Gast nnd Schüzling in freundlichster
Weise vorgestellt; und wenn der General mich bis-
weilen in der Morgenfrühe mit Dora schon im Garten
antraf, oder wenn sie einen weiteren Spaziergang mit
mir allein unternahm, hinderte er es niemals.
Einem Anverwandten hätte man nicht mehr Ver-
trauen beweisen können, und das ruhige Gleichmaß
dieses glücklichen Beisammenseins wiegte mich in einen
Traum des Friedens ein, an defsen nothwendiges und
nicht zu fernes Ende ich allmälig zu denken verlernte.
Wenn ich nach anmuthig verbrachtem Tage Abends
aus dem Schlosse durch den Garten nach meines Vaters
Wohnung und zu meiner kleinen Klause ging, so-
wendete ich, ehe ich in die niedere Thüre und den
kleinen dunklen Flur eintrat, meine Blicke noch einmal -
nach den hell erleuchteten Fenstern des Schlofses zurück;
und zuversichtlich, wie bei dem Betrachten der Sterne,
sagte ich mir: ,Auf morgen!
Ich hätte damals wirklich von Dora sagen können,
wie es in dem Liede von den Sternen heißt:
,Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht!r

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An jedem Morgen erfreute ich mich an Dora's
Schönheit auf das Neue, an jedem Morgen machte
ihr erster freundlicher Gruß mich fröhlich für den
ganzen Tag, und wie das Sonnenlict uns oft uner-
wartet einzelne Punkte unserer Umgebung zauberisch
erhellt, so rief oft ein einzelnes Wort von ihr, plötzlich
Erinnerungen in mir wach, um sie mit unvergänglichem,
Lichte für immer in meiner Seele zu beleuchten. So
wunschlos in sich selbst begnügt müssen die Seligen im
Paradiese sein, wenn ein solches irgendwo vorhanden ist.
Die beiden großen Bilder waren sehr rasch unter-
malt, und ich hatte auch Dora's Brustbild zu malen
begonnen. Für den General hatte sich die Uniform
und eine zu ihr pafsende Umgebung von selbst geboten.
Für Frau von Marville hatte man mir die Wahl der
Kleidung freigegeben. Ich hatte sie also derart ge-
wählt, daß sie, ohne sich zu sehr von der augenblick-
lichen Mode zu entfernen, sich dauernd neben dem in
voller Uniform gemalten General behaupten konnte.
Für Dora hingegen bestimmte die Mutter einen
Anzug, der mir unvortheilhaft, der Art ihrer Schön-
heit ebensowenig als ihrem Charakter entsprechend, und
obenein unmalerisch erschien. Ich hatte gewünscht, fie
mit entblößtem Haupte und mit bloßen Armen in

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einem Kleide von seegrüner Seide zu malen, und durch
ihr welliges braunes Gelock ein leichtes Gerank von
weißen Winden zu schlingen. Indeß die Mutter und
Dora beharrten auf einem weißen bis zum Halse hoch
hinauf gehenden Sommerkleide ünd dem schlicht ge-
ordneten Haar, und ich hatte mich zu fügen, so wenig
mir's gefiel.
Die Mutter meinte, Dora müsse es doch lernen,
nicht immer als wilde Hummel zu erscheinen, müsse
sich an eine ruhigere Haltung gewöhnen; und als wirke
diese Aeußerung auf sie ein, saß Dora, während ich
sie malte, beständig mit einer gewissen erkünstelten
Ruhe vor mir, in welcher ich ihr eigentliches Mienen-
spiel kaum herauszufinden vermochte. So kam ich gerade
mit diesem Bilde, auf das ich mich so sehr gefreut
hatie, nicht zurecht. Es wollte mir nicht glücken.
Was ich heute gemacht hatte, erschien mir morgen als
falsch; denn wenn ich mich neben Dora im Freien oder
in der Eltern Zimmern befand, sah sie so völlig anders
so viel schöner aus, als in dem Atelier, daß ich dann
doppelt unzufrieden an meine Staffelei zurückkam.
Eines Tages hatte ich sie auf einem ihrer Morgen-
spaziergänge begleitet. Der Frühling war mächtig ge-
worden in der Natur, die krausgezahnten, glänzenden,


jungen Blätter der Birken und der Balsampappeln
dufteten mit dem frisch erblühten Flieder um die Wette.
Der ganze Garten war mit Maßlieb und mit Butter-
blumen übersät, und wo man am Waldesrande das
Auge über den Bodei streifen ließ, kamen die Himmels-
schlüsselchen und die wilden Veilchen überall znm Vor-
schein. Die Kirschbäume hatten schon abgeblüht.
Dafür waren über Nacht die rosa Knospen der Aepfel-
bäume aufgebrochen, und in den kleinblättrigen Büschen
der Pfingstrosen fing es an manchen Zweigen schon
röthlich zu schimmern an. Umfächelt von der milden,
frischen Luft, und fröhlich wie die Kinder, waren wir
auf dem Heimweg bis zu dem großen Rasenplatz ge-
kommen, der die Wirthschaftsgärten von dem eigentlichen
Park des Schlosses trennte, und sich umsehend und
stehen bleibend, sagte Dora plötzlich:
, Wissen Sie es noch? Hier auf diesen Platze
haben Sie mir, bald nachdem wir in das Schloß ge-
kommen waren, Ihr Kaninchen geschenkt.!
Ich freute mich, daß sie sich dessen noch entsann,
denn ich hatte auch daran gedacht, als ich zum ersten
Male wieder des Weges gekommen war, und ich dankte
ihr dafür.
,Was ist dabei zu verwundern oder dafür zu

ur
danken? meinte sie. , Alles, was ich in der ersten
Kindheit erlebte, das habe ich am besten behalten,
weil damals mein Gedächtniß noch ganz frei and leer
gewesen ist. Ich sagte einmal zum Grafen, als er
zuletzt hier bei uns war, das Kaninchen hat mir die
erste unvergeßliche Freude bereitet, und Sie sind auch
der erste Mensch gewesen, den ich lieb gehabt habe
aus freier Wahl.
,Aus freier Wahl? wiederholte ich, von ihrem
süßen Geplauder hingenommen, ,liebt man denn nicht
immer aus freier Wahl?
,Durchaus nicht! am wenigsten ein Kind. Ein
Kind muß ja Alles thun. Es muß die Eltern und
den Bruder lieben, und das thut man ja auch von
selber, von Natur. Aber man muß auch die Kinder-
frau, die Gouvernante und den Lehrer lieben; und
unsern Doktor Müller hätie ich zum Beispiel gar nicht -
geliebt, hätte man mir's nicht befohlen. Zu Ihnen
- aber hatte ich viel mehr Vertrauen als zu meinem
Bruder. Wenn ich den um etwas bat, war ich immer
ungewiß, ob er es ihun würde. Von Ihnen wußte
ich ganz bestimmt, Sie thaten und gaben mir damals,
was ich irgend wollte!?
, Und heute? fiel ich ihr voll Glücksempfindung

uA
in das Wort, ,und heute? thät' ich's denn nicht
wieder?
,Ja!' sagte sie, ,ich bin gewiß, Sie thäten mir
zu Gefallen, was Sie könnten; aber Vertrauen, so wie
ich zu Ihnen, haben Sie nicht zu mir. Offenherzig
sind Sie nicht zu mir. Und Sie sind doch ihr eigener
Herr, und brauchen nichts zu verschweigen, und können
sagen, was Sie wollen.!
,Fräulein!r rief ich, meinem Ohr nicht trauend,
und erschaudernd in banger Freude, , liebes Fräulein,
wie soll ich das verstehen?
,Wie ich's sage!'' entgegnete sie.
In dem Augenblicke standen wir vor dem Garten-
saal, Frau von Marville trat heraus. Es schlug acht
Ühr, auch der General erschien, man ging wie immer
mit dem Glockenschlag zum Frühstück; denn Regelmäßig-
keit und Pünktlichkeit waren nach wie vor des Hauses
Seele.
Gastgebote, Ausfahrten, Besuche, Alles hatte seine
Zeit und Stunde, und das Vorwärtskommen und Ge-
deihen, welches sich in der ganzen Wirthschaft und in
allen Verhältnissen des Generals kundgab, bestärkte ihn
in seiner Anschauung, daß die regelrechte militärische
Einrichtung und Strenge überall der sicherste Unterbau

uK
für die Lebens- und Geschäftsführung seien. Mir fiel
es im Allgemeinen auch durchaus nicht schwer, mich
dieser Ordnung einzufügen; aber jezuweilen, und vor
Allem an diesem Morgen hätte ich es doch anders
gewünscht, hätte ich sehnlich gewünscht, nur wenig
Augenblicke noch mit Dora allein zu sein, denn nach
dem Frühstück so wie an jedem andern Tag an die
Sizung zu gehen, dazu hatte ich innerlich die Ruhe
nicht. Und doch mußte es geschehen, obschon es gar
nichts fördern wollte.
Ich war sehr aufgeregt, Dora sehr zerstreut. Sie
wechselte fortwährend ihre-Stellung, ihre Miene. Bald
sah sie mich an und lächelte, als habe sie eine Schelmerei
im Sinn, dann wieder ließ sie den Kopf sinken, so daß
ich fragte, ob sie müde sei? ob sie nicht sitzen wolle?
Aber sie verneinte beides, und je mehr ich mich quälte,
mich in den mir doch so vertrauten Zügen zurecht zu
finden, um so vollständiger mißglückte es. Auch das
Gespräch schlief darüber ein. Ich schwieg, sie schwieg.
Ich fand gar nichts, was ich ihr sagen, was ich sie
fragen konnte. Die Luft im Zimmer drückte mich und
ich war eben daran, Pinsel und Palette aus der Hand
zu legen, um der Sitzung, um der glückseligen Pein










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14

= - 1
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ein Ende zu machen, da sah ich noch einmal zu ihr V,
- -
hinüber und:
,Haltl halt!r ref ich, ,lo bleiben fte sizent ur I
einen Augenblick! Das ist der Blick, das ist die holde IF
Miene, die Sie in dem Daguerreotypbild hatten, welches I?
Sie Glamor vor Jahren einmal schickten. So bleiben (?
Sie sizen! Das paßt zu ihrer Tracht! So ist's recht!I?
Das ist der Madonnenblick! So sitzen Sie still! So ,ß
ists recht!?

- ,Ja? fragte fie, während ich eifrig zu malen -
anfing, ,la! ist's so recht? Ach, das ist gut! das F
freut mich! Ich hätte es ja gleich so machen mögen. I,
aber man kann so schwer nachahmen, was der Zufall! bH
einmal fügte. Nun malen Sie nur! Ich vetziehe I
N
keine Miene!?
Und ich malte und malte, versunken in ihren. An- ;
blick und in meine Arbeit. Eine halbe Stundetging I
so hin. Da richtete Dora den Kopf auf, hob die, I;
Arme in die Höhe, und sich ein wenig schüttelnd, rief' Zz
sie scherzend: -
-
,Solch' armes Modell' muß es doch recht schwer. z
haben mit den Herren Malern. Sie, Kronau, ver-- j
gessen es auch ganz, daß ich keine Gliederpuppe, daß Iz
ich ein lebendiger Mensch, ein Mensch vön Fleisch und I?
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urs;
F Blut bin! Nur einen Augenblick! Dann siz' ich wieder -
f ruhig, so lang Sie wollen. Ich bin ja so zufrieden,
z daß Er nun seinen Willen hat!?
,Seinen Willen? -Wer-soll demn seinen Willen -
s
z haben?
F ,Der Graflr fuhr Dora Peraus, und eine dunkle
g Röthe übergoß ihr Antliz, sda ihr-»das Wort ent-
F schlüpft war
z
,Der Grafe wiederholte-ich, ,dem Grafen jst -
? dies Bild bestimmt?- ßd um den ländläufigen
? Ausdruck zu gebrauchen, wie ein Schleiex fiel mir's von
b den Augen.
?
Dora sah sich eilig um. -
-. -I --
-.
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,Ich bitte Sie, Helmar,r sagte - fie dringend,
? ,lassen Sie es sich nicht merken, daß ich's Ihnen, sagte. -'
Ich glaubte, Sie hätten es längft- geahnt, gemerkt!--
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Ich hatte die größte Lust, es Ahnen gleich zu sageß,
weil ich wußte, daß Sie muchlieben, daß sie mir das-
Beste wünschen. Ach, ich versichere: Ihnen, ich'känin
den filbernen Hochzeitstag der Eltern kaum erwwarteß,
an' dem unsere Verlobung bekannt' gemacht werden soll. -
Heute Morgen, als ich Ihnen vorwarf, daß' Sie kehn --
Vertrauen zu mir hätten, wollte ich es Ihnen sageg, -'
damit Sie auch ehrlich sein sollten gegen mich, aber ='? -
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- F -- -
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7
Sie hätte noch lange sprechen können, sprechen
immerfort. Ich hörte Alles, ich verstand es auch. Zu
sagen hatte ich ihr nichts. Endlich fiel's ihr auf.
,Aber, Helmar, was ist Ihnen? rief sie, sich
plötzlich unterbrechend, ,was machen Sie denn? Sie
lassen die Palette fallen. Was fehlt Ihnen, Helmar?
,Nichts! gar nichts!' entgegnete ich ihr.
,Weßhalb erschrecken Sie denn so?
Ich weiß es nicht!' gab ich ihr zur Antwort.
Ach, ich wußte es uur zu wohl. Ich wußte es so
wohl, daß es mir jede Fassung raubte.
Ich wollte meine Arbeit fortsetzen, es war mir
unmöglich. Um das Bild wie um ihr Antliz brachen
sich die Farben in feuchtem Schimmer. Ich sah nicht
klar. Ich legte Pinsel und Palette aus der Hand und
trat von der Staffelei zurück. Dora erhob sich gleich-
falls. Meine Verwirrung machte sie unruhig.
,Sagen Sie mir, was haben Sie? fragte sie
beklommen. ,Ich weiß, daß Sie mich lieb haben, daß
Sie den Grafen lieben und verehren. Ich beweise
Ihnen mein Vertrauen, damit auch Sie offenherzig
mit mir sprechen sollen, denn es ist ja so schwer, sein
Glück zu verschweigen. Und Sie starren mich an, als
thäte ich Ihnen ein Leid an, oder als sollte mir ein

v
Leid geschehen; und der Graf ist doch so gut, so
edell'? =-
, Sehr gut!? wiederholte ich mechanisch. Und
mich aufraffend wie aus den Banden eines bösen
Traumes. fragte ich, obschon ich wußte, wie das un-
gehörig war: ,Also lieben Sie den Grafen?
,Wie können Sie mich das fragen? wie kann
man eine Braut fragen, ob sie ihren Bräutigam liebt?
Das ist häßlich von Ihnen, Helmar!r rief sie. , nd
da sie doch nicht weiter malen, und auch mein Ver-
trauen nicht erwidern wollen, so werd' ich gehen!'!
Sie ging in ihrem Unmuth rasch von dannen,
und ich folgte ihr bald nach.
Fanny Lewald. Helmar.
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