Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 15

Füünfzehnles -uapilel.
Ich ging durch den großen Saal, in die Haus-
flur, die große Treppe hinunter; und durch all' die
klaren Fensterscheiben funkelte der helle Sonnenschein
und lachte mich aus! Und ich schämte mich meiner
Blindheit und meiner Thorheit und ging weiter und
immer weiter und immer rascher vorwärts, über den
Rasenplatz durch die große Allee, immer vorwärts!
Aber das Sonnenlicht lachte auch durch die Aeste der
Bäume und hüpfte lustig auf dem Boden vor mir her,
und ich war doch so traurig, daß ich's Niemand sehen
lassen wollte, und erst aufathmete und Luft zu schöpfen
wagte, als das dichte Dunkel des Waldes mich umfing.
Da drang das fröhliche Licht nicht hinein! Da
brannte die Glut nicht so wie draußen, nicht so schmerz-
lich wie in meiner Brust. Da war ich allein. Niemand-

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sah mir in das Herz, das ich selbst zum ersten Male-
völlig vor mir aufschloß. Niemand sah es wie die
heißen Thränen mir über das Gesicht liefen und wie
bitterlich ich weinte.
Ich hatte sie geliebt von, dem ersten Augenblicke,
ich sie gesehen. Um ihretwillen hatte ich kein
Tölpel bleiben wollen. Sie war in mir lebendig ge- .
wesen, ehe ich noch von mir selbst gewußt hatte. Wenn -
die Versuchung- die dem Künstler weniger als jedem
Andern erspart wird - an mich herangetreten und -
mir die Worte eingefallen waren, mit'denen unser güter
alter Prediger mich an dem Tage meiner Einsegnung
in das Leben hinausgeschickt, wenn jenes: ,Bis daß
mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner .
Frömmigkeit? sich mir in der Seele geregt, so hatte
die Frömmigkeit, die mich beschützt, leibhaftig in der
Gestalt eines Engels vor meiner Phantasie gestanden,
und der Engel hatte Dora's Kindergesicht getragen,
und ihr Stimmnchen hatte warnend gerufen: ,Nicht
fallen, Tölpel! =- Sie war das Ieal gewesen, das
mir vorgeschwebt. Ich hatte sie geliebt, ohne es zu
wissen, ohne ihrer zu begehren. Jetzt wußte ich es, -
h daß ich sie liebte, jezt begehrte ich ihrer, jezt' neidete
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ich sie dem Grafen, der sich ihrer bemächtigt, ehe sich
dies Kinderherz noch selber gekannt hatte. Ich neidete
sie ihm mit einer ohnmächtigen und darum nur noch
brennenderen Eifersucht.
Es war oftmals im Schlosse von dem Grafen
die Rede gewesen. Sein Urtheil, seine Meinung
wurden vielfach in Betracht gezogen, und mich hatte
das bisher immer sehr natürlich gedünkt, denn er und
seine Ansicht waren mir selber stets als maßgebend
erschienen. Aber wußten Frau von Marville und ihr
Gatte von dem Verhältniß des Grafen zu einer
andern Frau, dessen Leonhard in seiner raschen Weise
gegen mich erwähnt hatte? Und konnten fie gewillt
sein, ihre Tochter, ihre Dora einem Manne zum Weibe
zu geben, den eine andere Frau in ihren Banden
hielt?
Der Gedanke, dieses Verhältnisses gegen Frau
von Marville bei der nächsten Gelegenheit andeutend
zu erwähnen, Dora, die mich ihren ersten Freund ge-
nannt, die mir gesagt. daß sie mir mehr als dem
eigenen Bruder vertraute, vor dem Unheil einer
Heirath zu bewahren, in welcher des Mannes Herz
ihr nicht ausschließlich zu eigen wäre, stieg in mir auf.
Ich sagte mir, daß es meine Pflicht sei, diesen mir

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so thenren Meuschen die volle Wahrheit zu bekennen;
und mit dem selbstgefälligen Hochmuth des in Niedrig-
keit Geborenen gegen den Aristokraten, war ich sehr
rasch bei der Hand, mich über den eigentlichen Grund
meiner sittlichen Entrüstung, über die Art der Pflicht-
erfüllung, die ich über mich nehmen wollte, zu' täuschen.
Wie ich mich für besser als Leonhard gehalten, als
ich ihn zuerst von der beabsichtigten Heirath hatte
sprechen hören, war ich jetzt sehr bereit, mich hoch
über den Grafen, ja selbst über die Familie erhaben
zu dünken, welche einem Manne unter solchen Ver-
hältnissen, die sie doch kennen mußte, ihre Tochter
hinzugeben entschlossen war. Aber was wußte ich denn
von dem Grafen, und aus welcher Quelle kam dies
unbestimmte Wissen?
Leonhard war trotz aller seiner trefflichen Eigen-
schaften nichts weniger als sittenstreng, und leichtfertig
genug in seinem raschen Urtheil. Wie durfte ich auf
einen flüchtigen Bericht von ihm, einem Manne miß-
trauen oder gar ihn gegen dritte, von ihm verehrte
und geliebte Menschen verdächtigen wollen, der mir
nach allem meinem persönlichen Wissen und Erfahren
von seinem ganzen Thun, stets als das Muster der
Würdigkeit und Ehre erschienen war? Wie durfte

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ich auf ein Wort des Unbesonnenen hin zum Angeber,
vielleicht zum Verleumder an meinem Beschützer
werden und Dora's Liebesglück dadurch zerstören?
Ich schämte mich meiner selber und der Empfindung,
in welcher ich mir eben noch so erhaben vorgekommen war.
Mit aller Gewalt wollte ich mich überreden, daß
ich Dora dem Grafen gönnte, daß er sie verdiene, daß
sie glücklich mit ihm sein werde und daß mich dieses
freue. Aber mein Herz und sein Glaube lehnten sich
gegen dieses Wollen auf. - Mich, so rief es in mir,
mich würde sie geliebt haben und nicht ihn, wäre ich
ein Grafensohn gewesen. Mich würde sie anders lieben
als den Grafen. Und er? - Er hatte schon Andere
besessen und geliebt, er konnte auch eine Andere lieben
und zum Weibe nehmen, um loszukommen aus den
Banden, die ihn drückten. Ihm war sie zu ersetzen.
mir war sie es nicht; denn sie war mein Ideal.
Unglücklich, wie ich mich fühlte, erschien mir
meine Liebe dennoch als ein Glück. Meine Gedanken
wirbelten in wildem Kreislauf rastlos durcheinander.
Ich fand nirgends einen Anhalt, nirgends einen Aus-
weg. Nur daß ich Dora liebte, leidenschaftlich liebte,
daß ich von ihr so wenig lassen konnte als von mir
selber oder von der Kunst, das wußte ich! -- Und

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nicht Dora, nicht Dora's Eltern dachten auch nur an
die Möglichkeit, daß ich, ihres alten Kaspar's Sohn,
mein Auge erheben könne zu der Tochter ihres Hauses.
Darum ließen sie mich, wie keinen ihrer Standesge-
nossen, mit Dora frei verkehren; deshalb allein hatte
ich sie von früh bis spät durch Wald und Feld be-
gleiten dürfen. Deshalb auch hatte Dora mir ver-
traut, was sie keinem der jungen Edelmänner, die
ihres Vaters Gäste und ihr bekannt waren von Jugend
an wie ich, eingestanden haben würde.
Ich grollte ihnen Allen und liebte sie doch Alle.
Ich hohnlachte über den Dünkel, den Stolz der alten
Geschlechter, hohnlachte über den General, dem die
Adelsschilder über seines Schlosses Pforte es angethan,
daß er vergessen hatte, wie neu sein Adel war. Ich
nannte mich mit Selbstgefühl einen Künstler von
Gottes Gnaden, und hätte doch in der Stunde all'
mein Können und all' mein Hoffen auf meine Zukunft
hingegeben, wenn ich dadurch der Sohn eines Edel-
mannes hätte werden können, wenn ich nicht des
Kaspar's Sohn gewesen wäre.
Nicht des alten, treuen Kaspar's Sohn! nicht
meines rechtschaffenen Vaters, meiner braven Mutter
Sohn!

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Der schlechte Gedanke brachte mich zu mir selbst.
Er war weit niedriger als meine Herkunft. Ich fühlte
meine ganze Verächtlichkeit und seine Ungerechtigkeit
eben nach dem Lebensweg, den ich bisher durchlaufen
hatte. Ich raffte mich empor.
Im Wirthschaftshause läutete man die Glocke
zum Mittagsessen für die Leute. Ihr Klang schallte
mahnend an mein Ohr. Durch meine ganze Kindheit
hatte er mich zu meiner Eltern Tisch gerufen; sie und
mich und meine Brüder gerufen zu der Arbeit. Sie
Alle waren auch treu bei ihrer Arbeit gewesen, und ich
hatte den ganzen schönen Vormittag verloren und ver-
träumt. Ich hatte die Zeit rasch einzubringen. Die
Arbeit, die vor mir lag, die mußte ich beenden und
dann gehen!
Aber gehen? fort von ihr? Fch konnte es nicht
fassen, und trug doch Scheu, sie wiederzusehen, sie, des
Grafen Braut.
Als ich in den Hof hineintrat, beschien die Sonne
gerade die alten Wappenschilder. Ich wollte ihrer
nicht achten, aber Mißmuth und Thorheit sind nicht
leicht zu bannen, wenn wir ihnen über uns Gewalt
gegeben haben. Was hatte ich noch zu suchen unter
dieser Wappen Herrschaft? -- Ich hieß einen Burschen.

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der im Hofe war, in das Schloß gehen, es zu ent-
schuldigen, daß ich zu Mittag an der Tafel nicht er-
scheinen würde, und wendete mich durch den Garten
zu der Eltern Haus.
Die Mutter sezte sich eben an den Tisch. Ich
setzte mich ihr gegenüber. Da gehörte ich hin, da
hatte ich zu lieben, zu verehren und zu büßen.
Ich sollte erklären, weshalb, ich gekommen sei; ich
sollte essen. Ich konnte Beides nicht.
Die Mutter merkte, daß ich etwas auf dem
Herzen hatte. Sie verstand mich nur danach zu
fragen, und wie gern ich auch gesprochen hätte, wie
sehr ich's fühlte, daß die Mutterliebe um mich sorgte,
ich konnte ihr nicht sagen, was mir fehlte, was mich
drückte.
ihr
, Hast Du was versehen im Schlosse? fragte sie.
Ich konnte mit gutem Gewissen es verneinen.
,Ist mit dem Vater etwas vorgefallen?
Auch das verneinte ich.
Ihr Gedankenkreis ging darüber nicht hinaus,
und mein Sorgen fanden sich nicht zusammen in
der Stunde. Wie hätte sie, wie hätte es mein Vater
fassen können, daß ich des Herrn Tochter liebte und
begehrte? Härter selbst als des Grafen und bitterer

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als sein Tadel würde der ihre, würde meines Vaters -
Verdammung mich getroffen haben, hätten sie ahnen
können, was in meiner Seele vorging; denn Graf
Berkow hatte es doch verstanden, daß man anbetete,
was er selber liebte und zu erringen strebte.
Es blieb mir also endlich nur der elende Vor-
wand vor meiner Mutter übrig, daß ich mich nicht
gut befände; und in der That, mir war schlecht genng
zu Muthe. Die Mutter glaubte mir auf's Wort.
Sie sagte, das komme von dem vielen Sitzen und von
dem Geruch der Farben; sie könne den auch nicht ver-
tragen, ich solle in die frische Luft hinaus. Ich war
zufrieden, daß ich sortkam, ich hatte nirgends Ruhe.
Aus dem Schlosse hatte mich's hinausgetrieben in das
Freie aus dem Freien in die Enge, und als ich dann
wieder draußen war, ergriff mich neue Angst.
Fremd im Schlosse, fremd im Vaterhanse und -
fremder noch mit meiner Traurigkeit in dem Frühlings-
glanz und Jubel der Natur! Wo sollte ich denn hin?
,Ich wollte, es bände mich Einer fest, nur damit
ich Ruhe fände!? sagte ich laut zu mir selber. Ich
fing erschreckend zu lachen an, da ich die Worte hörte,
und in dem Lachen rannen die Thränen mir auf's
Neue aus den Augen.

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Ich hatte sie so sehr geliebt all' die langen
Jahre! Ich liebte sie so sehr! Und nun ich's endlich
wußte, war sie mir verloren.-- Ich mußte sie sehen,
und traute mir nicht zu, daß ich ihr verbergen könnte,
was ich litt. Aber sehen, ihre Augen sehen mußte
ich! -- Ich ging zu ihrem Bilde hin und malte. Den
ganzen Nachmittag, den Abend bis die Sonne sank.
Immerfort, immerfort! bis mir die Augen flirrten und
die Hand versagte. Und ich malte sie nicht für mich!
Ich malte sie für den Glücklichen, der von ihr geliebt.
ward, dem sie gehören sollte und der sie mir entriß.
Die Arbeit und die Stunden vergess' ich nicht.
An dem Tage lernte ich schweigen und fertig werden
mit mir selbst.