Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 17

,iebzehnles Fapiles.
Ich war wieder in meiner Werkstatt in Berlin
an meiner Arbeit, aber meine Gedanken schweiften in
die Ferne, und die wenigen Monate, welche ich in
meiner Heimat zugebracht hatte, lagen wie ein langes
Erleben hinter mir, und hatten mich verwandelt. Bis-
weilen kam mir Alles wie ein Traum vor; dann wieder
wie ein Zaubermärchen, daß ich dachte, wenn ich nur
das rechte Wort noch wüßte, und die rechte Stunde
träfe, müßte ich eingesetzt werden in das Reich, und
des Königs Tochter würde doch am Ende mein Ge-
mahl. Ich konnte nichts denken, und nichts malen,
als nur immer sie, und mußte meine Arbeiten halb-
wegs verbergen, mein Geheimniß nicht zu verrathen,
das ja nun auc ihres war.
Ich hatte sie nicht mehr gesehen, ehe ich von
Waldritten fortging. Sie sei unwohl, hieß es, und

28
ich durfte weder wünschen, noch fordern, ihr noch ein-
mal zu nahen. Ich hatte meine Sachen für die Ab-
reise zu ordnen, der Tag, und der ihm folgende gingen
geschäftig hin. Mit der Post, welche spät am Abende,
von der russischen Grenze kommend, über Waldritten
fuhr, wollte ich meine Rückreise machen, ohne mich
unterwegs aufzuhalten.
Der General und seine Frau entließen mich mit
Herzlichkeit. Der Abschied von meinen Eltern ward
mir schwer. Ich hatte drei Jahre fortzubleiben, und
mein Vater stand im einundsiebenzigsten Jahre. Er
selbst war gerührt.
,Ich hatte keine große Freude, als Du auch noch
geboren wurdest,! sagte er, ,und hab' nicht gedacht,
daß ich noch stolz auf Dich sein würde. Du bist ein
guter Sohn, und es war gut, daß Du noch einmal zu
Hause gekommen bist. Ich denk', es soll Dir wohl-
gehen alleweg' und allezeit.!
Es war das letzte Mal, daß ich ihn sah. Er lebte
nicht mehr, als ich zurückkam. -
Da Frau von Marville mir einige Kleinigkeiten
für sie mitgegeben hatte, waren meine ersten Gänge in
Berlin zu Clamor, und dem Grafen. Sie empfingen
mich Beide freundlich. Beide erkundigten sich nach

20
den Ihren, aber des Grafen Fragen hatten eine scharfe
Bestimmtheit, die mich scheu und vorsichtig machte. Er
berichtete mir das Gute, das man über mich, und
meine Arbeiten geschrieben hatte, sagte, er sei begierig,
die Bilder in Waldritten zu sehen, besonders das Bild
von Fräulein von Marville, das die Mutter ihm ge-
rühmt habe. Er konnte eigentlich gar nicht anders
sein, als er sich gab, und doch war ich sehr zufrieden,
als ich gehen konnte.
Leonhard fand ich in der Stadt, die Seinen hatten,
wie immer, ihr Landhaus bezogen. Es war dort an
jedem Abende viel Besuch. Ich ging nach gethaner
Arbeit fast täglich mit Leonhard hinaus, auch Clamor
fehlte selten. Indeß es war anders geworden auch
zwischen Cäcilie und ihm. Sie forderte ihn mit ihren
Neckereien nicht mehr heraus, er sagte ihr keine
Schmeicheleien mehr. Wer ihren früheren Verkehr mit
dem jetzigen verglich, konnte nicht daran zwweifeln, daß
sie sich verständigt hatten, und in der Ruhe, mit welcher
sie sich jetzt aufeinander verließen, gefielen sie mir Beide
noch viel besser. Cäeilie war nicht mehr so lebhaft,
nicht so sprudelnd wie vordem, aber sie erschien weib-
licher dadurch, und Clamor hatten die wenigen Monate
u Jahre gereift.

K
Sonntags war der feststehende Gesellschaftsabend
in der Villa Wollmann. Einige Tage nach meiner Heim-
kehr war ich zu demselben hinausgegangen. An dem
folgenden Morgen wollten der Graf und Clamor wie
ich von Leonhard erfahren hatte, ihre Reise nach Wal-
dritten antreten, und der Letztere hatte sich in der Villa
schon zeitig eingestellt, sich, wie er sagte, zu verabschieden.
Das Wetter war von verlockender Schönheit, die
gewohnten Gäste waren beisammen, die gewohnte
Heiterkeit wollte sich nicht einstellen. Die Mutter war
still, Cäcilie zerstreut, eine Weile vermißte ich Clamor,
und den Herrn des Hauses. Sie kamen dann gemein-
sam aus der großen Allee hervor.-- Die jüngeren
Personen -stellten sich zu dem eben in Aufnahme ge-
kommenen Boggiaspiele, indeß auch dieses kam nicht
in Gang, und die ganze Gesellschaft trennte sich vor
der sonst üblichen Stunde.
Ich war dabei, als Clamor sich empfahl. Der
Abschied war viel ernsthafter, als die kurze Trennung,
und die kleine Reise es rechtfertigten. Ich sah, daß
Etwas vorgegangen sein mußte, und brauchte nicht erst
zu fragen, was geschehen war.
Vor dem Thore der Villa wendete er sich von der
großen Straße ab.

e
, Gehen Sie mit mir, Kronau,! sagte er, ,wir
wollen unsern Weg durch den Park nehmen. Ich bin
für das Scherzen und Lärmen heute nicht aufgelegt.
Es ist mir lieb, daß Leonhard noch draußen geblieben
ist. Seine Witze und seine beständige Heiterkeit machten
mich heute wirklich ungeduldig, und er ist doch älter
als ic und Sie. !
,Das Leben ist ihm immer leicht gewesen!' be-
gütigte ich.
, Leicht!'' wiederholte er, ,mir war's auch leicht,
und ich nahm es leicht geng. Wie sollte ich nicht?
Was konnte mir denn fehlen?'-
Er brach ab, und fragte, wie ich seine Eltern ge-
funden hätte.
Ich wiederholte ihm den schon neulich ausge-
sprochenen Bescheid.
, Hat meine Mutter Sie um mich im Besonderen
befragt? Hat sie sich nach der Familie des Kommer-
zienraths erkundigt??
Ich bejahte das.
, Also haben Sie auch von Cäcilie mit ihr ge-
sprochen. Was haben Sie von ihr gesagt??
,All' das Gute, das ich von ihr denke, und,?
schaltete ich ein, , wie ich nachträglich zu bemerken

r?
hatte, mit solcher Wärme, daß man mir eine andere
Empfindung für sie zutraute, als die dankbare Freund-
schaft, die ich für die ganze Familie hege.!
,Das freut mich! das freut mich sehr!r sagte er,
und verrieth mir durch sein sprungweise fortschreiten-
des Gespräch, wie sehr er innerlich beschäftigt sein
mußte. ,Erinnern Sie sich,! hub er nach einer Weile
wieder an, , wie ich mich bei dem Grafen melden kam,
und Sie ihm in der Kaserne als Modell standen? Es
werden fast auf den Tag fünf Jahre sein. Wer mir
damals gesagt hätte, daß ich die Tochter des Mannes
lieben würde, den ich schlechtweg als meinen Bankier
bezeichnete! Wer mir gesagt hätte, daß ich Ihnen mein-
Herz ausschütten würde!-
Ic hatte in mir selber schon etwas Aehnliches
gedacht, und da man schwer von den Eindrücken seiner
frühen Jugend loskommt, hatte seine Offenheit mich
nicht gefreut, wie er es zu erwarten schien. Er ge-
währt mir sein Vertrauen, sagte ich mir, ohne mich
zu fragen, ob ich's wünsche, ob die Vertrautenrolle mir
behagt. Er ist der Herr, ich der Vertraute, weil er .
mich verläßlich wie meinen Vater, wie den alten Diener
seines Hauses glauht; ind unfähig, diese innere Un-
freiheit in mir zu besiegen, obschon ich mich ihrer

78
scämte, und sie mir wieder zum Vorwurf machte, wie
in anderen ähnlichen Fällen, konnte ich mich nicht er-
wehren, ihm zu sagen, daßß ich mir bewußt sei, ihn zu
diesen Mittheilungen nicht veranlaßt zu haben.
, Sie find empfindlich,! sagte er, ,und sind es
ohne Grund. Ich meinte nichts Böses mit den Worten,
nichts, was Ihnen zu nahe trat. Mir gingen die
Dandlungen im Kopfe herum, die sich im Schicksal
der Menschen vollziehen. Ich sprach sie aus, wie sie
mir erschienen. Weit davon entfernt, mich über Sie
erheben zu wollen, kamenn Sie mir eher beneidenswerth
vor, weil Sie freier handeln können, weil Sie durch
keine Rücksichten auf Traditionen gebunden sind, die
sie heilig zu halten haben, und auch selber heilig halten,
wie ich die meine. Vor einem Jahre noch hätte ich
Eäcilie wieder entbehren lernen können. Jetzt weiß
ich nicht, wie ich leben soll, ohne sie zu sehen; und ich
habe ihrem Vater doch mein Wort darauf gegeben, sie
ganz zu meiden, wenn ich meines Vaters Einwilligung
zu unserer Verbindung nicht erhalte.!
Sein Freimuth gewann mich ihm zum ersten Male
völlig. Ich sagte, seines Vaters Zustimmung werde er
nicht erreicen.
, Für das Erste ganz gewiß nict!' entgegnete er.

29
, Und was denken Sie zu thun?
,Was mein Vater that, als man ihm meiner
Mutter Hand versagte. Ich werde warten.!
,Aber Fräulein Cäellie?
,Sie kennen Cäcilie, und thun diese Frage!r
tadelte er mich. ,Ich bin ihrer sicher wie meiner
selbst.
Ich wendete ein, daß Cäciliens Eltern mit diesem
Warten nicht einverstanden sein dürften.
Glamor schwieg eine geraume Zeit, dann sprach
er: ,Ich schätze die Eltern, ich habe vor dem Kom-
merzienrath eine wirkliche Verehrung, und Leonhard
ist ein lieber Mensch, aber--' er unterbrach sich, und
meinte dann: , Sie glauben nicht, oder vielleicht wissen
Sie es auch, wie ein Mensch plötzlich ernsthaft werden
kann, wenn ein ernsthaftes Empfinden über ihn kommt,
und wenn er dadurch gezwungen wird, seine Augen
fest auf einen bestimmten Punkt zu richten. Ich habe,
seit ich weiß, daß ich von Cäeilie nicht lassen kann,
erst eingesehen, daß ich bis dahin nicht allzu viel werth
gewesen bin. Abg ich habe seitdem auch die Anderen
strenger und gerechter beurtheilen lernen; und was es
mit dem Begehren der Menschen nach Rang und
anny Lewald. Helmar.

N
Stand auf sich hat, selbst Derer, die sich das Ansehen
geben, gar keinen Werth darauf zu legen, das habe
ich nun auch erfahren. Cäcilie und die Wollmanns
schätzen den Besitz des Adels, und der Stellung, welche
er verleiht, reichlich so hoch als mein Vater, der wieder
ihn viel höher schätzt, als meine Mutter.?
, Und Sie, Herr von Marville?
,Wie können Sie mich das erst fragen? Ich
stamme mütterlicherseits von einer langen Reihe ehren-
werther Ahnen ab. Mein Vater hat seinen Adel durch
großes persönliches Verdienst erworben, ich bin Offi-
zier, und will in den Garden meinen Weg machen.
Ich finde es sehr natürlich, wenn mein Vater meine
Heirath mit einer Bürgerlichen, und obenein mit Cä-
eilien, als nicht zulässig erachtet. Ich würde es ja
auch nicht mögen, wenn meine Schwester sich einen
Mann erwählte, der sie herabzusteigen nöthigt, aber =
Wie ein kaltes Eisen fuhren mir die Worte durch
die Brust. Ich konnte mich kaum halten, ihm nicht
zuzurufen: Und doch! ich hab' schön Rothtraut's Mund
geküßt! --
Aber das Siegel des Kusses, den sie freiwillig mir
geboten, schloß mir die Lippen, während ich mich un-
willkürlich fragte, was würde geworden sein, wenn ich


sie festgehalten hätte in jener zauberischen Stunde?
wenn wir gewartet hätten, wie Clamor und Cäeilie
warten wollen? =- Rasch, wie er mir gekommen war,
scheuchte ich den Gedanken von mir zurück. Sie war
verlobt, sie war, sie glaubte sich glücklich, der Graf,
ihre Eltern waren es mit ihr, mochten sie es bleiben.
Ihren Frieden anzutasten, stand mir nicht zu, mein
thörichtes Begehren durfte nicht ihre Ruhe stören.
Elamor fragte, was ich denke.
,Es fällt mir auf,! entgegnete ich, ,daß Sie
Anderen, daß Sie Ihrer Schwester eine Freiheit nicht
zuerkennen, die Sie doch für sich selbst in Anspruch
nehmen !
,Sie irren! sprach er, , der Fall ist ganz ver-
schieden. Ich verlange für mich Nichts, als was mein
Vater von meinem Großvater verlangte, und weniger
als das, denn meine Mutter befand sich in dem Falle
meiner Schwester, und nicht in dem meinen, auch nach-
dem mein Vater in den Adel erhoben worden war.
Sie hatte einen alten, schönen Namen gegen einen neuen
einzutauschen, wenn schon sie, wie die Verhältnisse es
mit sich brachten, den alten Namen auf ihren Gatten,
und auf ihre Kinder übertragen konnte. Cäciliens
1

el?,
Aufnahme in unser Haus ändert aber an unserem
Namen, und an unseren Verhältnissen durchaus nichts.-
1
Unsere Güter sind kein Majorat, und Cäeilie ist reich.
l
Das wird mir freilich bei den Eltern gar nichts nützen,
und es wird mir hart ankommen, vor den Eltern bis
nach dem Feste den Gleichmüthigen, den Fröhlichen zu
ich ihm, daß ich ihn und Cäellie längst errathen, und
der Welt, ein Wohlgefallen von ihrer, eine Galanterie
Gäcilie wußte, daß sie dem Sohne eines der großen
französischen Finanzbarone so gut wie versprochen war,
und hatte nichts dagegen. Sie hatte immer viel Vor-
liebe für Paris, für die dortigen Salons gehegt, und
der Vater, der sie stets üur seine kluge Tochter zu
nennen liebte, traute ihr nicht die Thorheit zu, aus
romantischer Liebe das alte, plumpe Schloß, die alte
Ritterburg eines Landedelmannes von altem Adel mit
t
l
l
hört. ,Es war am Anfang das harmloseste Spiel pon
von meiner Seite. Die Eltern ließen sie ruhig gehen.
t
l
Leonhard schon lange einmal befragt hätte, was aus
,Viel Scharffinn,! meinte er, ,hat dazu nicht ge-

1
Wie dann ein Wort das andere gab, bemerkte
ihrer Liebe werden würde.
l
l
spielen. Die Reise ist ein schwerer Gang. Unser Fa-
milienleben, unsere Eintracht waren nie getrübt bis jezt!?

1
l
l
v
l
t
t
l
t
t
l

u
dem neugebackenen Baronialhotel in der Chaussee
d Antin vertauschen zu wollen.-- Und als wir dann
kamen, als das Unerwartete geschehen war, als. wir
erklärten, daß wir nicht von einander lassen würden,
da =-
,Nun da? fragte ich.
Glamor lachte, aber es kam ihm nicht vom Herzen.
,Da, sagte er, ,standen sie da, als wären sie
bisher mit göttlicher Blindheit geschlagen gewesen. Da
standen sie plötzlich vor mir, Vater und Mutter, be-
waffnet mit dem Stolze ihres bürgerlichen und jüüdischen
Bewußtseins. Nie und nimmer, hieß es, solle Cäcilie
eintreten in eine Familie, in der sie nicht mit offenen
Armen empfangen würde, und- nun das Nebrige
versteht sich von selber. -- Wir haben heut Abschied
genommen, voraussichtlich für lange Zeit. Ich werde
zu Hause thun, was meine Pflicht ist. Ich weiß, daß
ich für jetzt Nichts erreichen werde, bin auch weit ent-
fernt, thörichte oder gewaltsame Entschlüsse zu fassen,
die mir weder von der eien noch von der andern
Seite nützen würden. Wir werden eben warten; sieben
Jahre lang, wenn's nöthig wäre, wie mein Vater auf
meine Mutter; oder,'! setzte er mit einem Scherze hinzu,
den er sich selbst auf Kosten der Geliebten nicht ver-

N1
sagen konnte, , oder, um in den Traditionen meiner
künftigen Familie zu bleiben, wie Jakob auf die schöne
Rahel!'
Wir gingen schweigend neben einander her, Jeder
in seine Gedanken vertieft, die sich auf einem Punkt
doch nahe genug berührten. Plötzlich, als wir nahe
schon an seiner Wohnuung waren, sagte er: ,Vielleicht
kommt Ihnen das auch wieder wie ein Hochmuth vor,
und ich leugne es ja auch keineswegs, daß ich ein
Aristokrat, und sehr zufrieden bin ein solcher zu sein.
Für mich liegt ein gar großer Reiz darin, durch
meinen bloßen Willen einem Mädchen, das ich liebe,
und das mich dessen werth dünkt, den Adel verleihen
zu können, als wäre ich der König.- Ich will's!
und Cäeilie Wollmann ist Frau von Waldern»Mar-
ville für Zeit nd Ewigkeit, vor König, und vor
Kaiser, vor Gott, und aller Welt. Wie mich das ver-
lockt! wie mir das gefällt! Frau von Waldern-Mar-
ville von Clamor's Gnaden!''
Seine gute Laune, seine Zuversicht kehrten ihm
bei der Vorstellung zurück. Wir standen vor seiner
Wohnung, er bot mir mit einem Händedrucke Lebe-
wohl und gute Nacht.