Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 18

,chhsehnles ,apitel.
Wenige Zeit nachher erhielt man auf Veranlafsung
des Grafen in dem Hause des Kommerzienraths die
Nachricht von des Grafen Verlobung mit der einzigen
Tochter des Generals von Waldern»Marville. Clamor
kam zu seinem Regimente zurück. In der Familie
Wollmann erschien er nicht wieder und man vermied
es auch, von ihm zu sprechen.
Mir hatte Frau von Marville mit großer Freude
für das Kinderbild von Dora gedankt, das ich ihr
zum Hochzeitsjubiläum gemalt, und der Graf hatte
mich zu sich bitten lassen, um mir seine Zufriedenheit
mit dem für ihn bestimmten Bilde seiner Braut aus-
zusprechen. Er richtete mir von seinen künftigen
Schwiegereltern Grüße aus, Dora's erwähnte er nicht
weiter. Mir war das sehr erwünscht, denn ihm gegen-
über fühlte ich mich nicht frei von Schuld.

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Die alljährliche Badereise der Kommerzienräthin
wurde diesmal früher angetreten als gewöhnlich. Man
wollte es Cäeilien ersparen, Clamor immer und immer
wieder -zu begegnen. Er war um seine Rückversetzung
nach Potsdam eingekommen, wie er mir sagte. Nur
einmal und mit wenig Worten erwähnte er gegen mich,
daß es zwischen ihm und seinen Eltern, als er ihnen
von seinen Wünschen gesprochen, gerade so gekommen
sei, wie er es vorausgesehen habe. Sein Vater habe
auf seine Weise Recht, weil er seine Liebe für Cäeilie
nur als eine leicht vorübergehende Neigung betrachte.
Es sei nun an Cäcilien und an ihm, durch ihr Be-
harren die Eltern von dem Gegentheil zu überführen,
und das dächten sie zu thun; denn sein Kopf und sein
Herz wären ebenso fest als seines Vaters und seiner
Mutter Herzen es gewesen wären. -- Es lag etwas
Charaktervolles in der Ruhe und Fassung, mit welcher
er die Sache ansah, die doch seine Zukunft in sich
schloß. Ich bekam Respekt vor ihm. Aus dem Knaben,
der seine Herrschsucht an uns Andern ausgelassen, war
ein Mann geworden, der sich zu beheirschen, sich zu
meistern gelernt hatte.
Im August wurden die Preisvertheilungen der
Akademie bekannt, ich erhielt mein Stipendium für

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drei Jahre. Leonhard und ich hatten unsere begonnenen
Arbeiten rechtzeitig beendet, in den ersten Tagen des
Septenber brachen wir gen Süden auf. Um Weih-
nachten waren wir in Rom und trafen dort mit Ihnen
und mit Ihren Freunden, wie Sie sich's vielleicht
entsinnen werden, zum ersten Male in der Kinderpredigt
in Arra Coeli zusammen. Sie wissen es auch, wie
der erste römische Winter mir hingegangen ist; und
viel anders ist es auch nachher nicht für mich in Rom
geworden.
Die Natur des Südens, die Eigenartigkeit, Zas
Großartige in der Erscheinung und in dem Gebahren
des Volkes, der Rückblick auf eine lange, gewaltige
Vergangenheit ergriffen mich mächtig. Ich konnte
nur staunen und denken; aber arbeiten konnte ich nicht.
Und als ich das Gefühl der Neberwältigung durch das
Frende in mir überwunden hatte, fand ich, daß die
südliche Natur und ihre Menschen mir nicht zum
Herzen sprachen.
Ich kopirte in den Galerieen, aber nicht die alten
Italiener, sondern die Niederländer, wo ich von ihnen
etwas fand. Die Campagna fand ich nicht schön. Ihre
Dede machte mich schwermüthig, machte mich sehnsüchtig
nach unseren Wäldern und Wiesen, nach den Bächen,

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die unsere Felder wässerten. Neben den stolzen Ge-
stalten der Römerinnen dachte ich an die schlanken
Mädchen unserer Heimat, wenn ich überhaupt an etwas
Anderes dachte als an sie, die jetzt des Grafen Frau
war und in Berlin an seiner Seite lebte.
Meine Genossen, Leonhard an ihrer Spitze, lachten
mich aus. Ihm waren diese Südländer eine vertraute
Rasse, sie glichen den Frauen, mit denen er zumeist
verkehrt hatte, er kam rasch in's Malen, rasch in's
Komponiren, er war am rechten Platz in Rom. Ic
hingegen kam sehr bald zu der Neberzeugung, daß meine
Reise nach Jtalien eine Wildegansfahrt gewesen sei.
Ic lernte erkennen, daß zwwischen den Ländern und den
Menschen, die nicht in ihnen geboren sind, bestimmte
Sympathieen und Antipathieen obwalten; daß nicht
Jeder für jedes Land das rechte Herz und das rechte
Verständniß mitbringt; und daß ehrliche Naturen sich
mit dem besten Willen nicht dazu zwingen können,
sich künstlerisch einzuleben in ein ihnen fremdes Element.
Ich probirte Dies, probirte Jenes! Es hatte nicht
Hand nicht Fuß. Die neuen römischen Bekannten und
Freunde, die von mir, weil ich den Preis gewonnen
und weil man ihnen auch Gutes von mir gesagt hatte,
doch irgend etwas Haltbares zu sehen erwarteten,

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wurden bei meinen mißglückenden Versuchen irre an
mir; und nachgerade wurde ich es selber. Da entschloß
ich mich eines Tages endlich, mich um meine äußere
Umgebung gar nicht zu bekümmern und aus mir
heraus zu malen. was mir in der Seele lebte. Und
nun ging's!
Sie kennen das Bild. Unter dem Eichbaum ruht
die schöne Königstochter von der Jagd, der Edelknappe
liegt ihr zu Füßen, die Augen liebevoll erhoben zu
ihrem ihn anlächelnden, in Lebensfreude erstrahlenden
Gesicht.
Auch davon hatte Helmar wieder eine Skizze in
das Manuskript gezeichnet und darunter die folgenden
Verse aus Mörikes Ballade: , Schön Rohtraut' ge-
schrieben:
,Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,
Da lacht schön Rohtraut.
,as siehst mich an so wunniglich?
Wenn du das Herz hast, klfse mich!-
Ach, erschrak der Knabe!
,och,, denkt er, mnir ist es vergunnt,:
Ud küsset schön Rohtraut auf den Mund!
,Schweig' still, mein Herze!!
Darauf sie ritten schweigend heim,
Rohtraut, schön Rohtraut;
Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:
,lnd würd'st du heute Kaiserin,
Mich sollt's nicht kränken;

Ae
Ihr tausend Blätter im Walde wißt:
Ich hab' schön Rohtraut's Mund geküßt!
- T O :?-- - - -
Meissonier, hieß es dann weiter. Aber zwwingen Sie
Vernet, den Bibliophilen oder die Schachspieler wie
Meissonier zu malen, oder geben Sie es diesem auf,
das Bild von der Smala darzustellen, so wird der
Eine wie der Andere nichts Vernünftiges zuwege
bringen. Es sieht Jeder nur, was er mit seinen Augen
zu sehen geschaffen ist, es nährt sich Jeder in gewissem
Sinne von seinem eigenen Herzblut. Manch' liebes
Mal habe ich vor den vielgepriesenen, mächtigen Augen
der Römerinnen gestanden und das Goethe'sche Lied
vor mich hingesummt, das ich von Cäcilie hatte singen
hören: , Nugen, sagt mir, sagt, was sagt ihr?-
Ich und mein blondes Haar gefielen ihnen besser,
als sie mir. Das Letztere war gut für mich; aber
wohl und warm um's Herz ward mir's doch erst
wieder, als ich mich nicht mehr damit plagte, die
vielgepriesenen römischen Frauen und Volksszenen zu
malen, als ich wieder ein urdeutsches Motiv, das
romantische Schön Rohtraut, auf der Leinwand vor
mir hatte.


AAu
Rohtraut zu malen, wie sie mir im Herzen lebte,
das durfte ich nicht wagen, und doch sahen sehr bald
ihre Augen mich aus dem Bilde an, und mit jedem
Pinselstriche sagte ich mir: Und wenn Keinem mein
Bild gefallen sollte, wenn Niemand es versteht, Eine
wird es sehen mit meinen Augen, Eine wird es ver-
stehen, was es ihr sagen will, das Bild vom Knaben
und der schönen Königstochter. Eine wird wissen, was
sie bedeuten die Worte: , Schweig' still, mein Herze!?
welche ich in schönen gothischen Lettern in den Rahmen
des für die Kunstausstellung bestimmten Bildes schnitzen
ließ- also -- Schweig' still, mein Herze!
Sobald ich wieder, wußte, was ich wollte vor der
Staffelei, war ich geborgen. Innerlich schwankend
kann man ja nichts schafen, denn alles Schaffen ist ein
voller, freudiger Erguß des selbstbewußten Willens in
das Werk. Oder können Sie sich unsern lieben Herr-
gott denken, wenn er, über den Wassern schwebend, -.
erst überlegen müßte, wie er es mache, Himmel und
. Erde zu scheiden?-- Heute noch steckten wir in dem
Urbrei, an den die Gelehrten uns glauben machen
wollen! Und meinen ganzen römischen Aufenthalt hätte
ich verloren, wäre ich nicht zurückgekehrt zu meinem
innern Müssen, zu mir und meiner Liebe.

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Von da ab glückte mir Alles! Und seit ich sie
nict mehr malen wollte. gefielen mir auch Land und
Leute; und das Leben in der großen internationalen
Künstlergemeinde ward mir zum förderlichen Sporn.
Alle Vierteljahre schrieb ich, nach alter Gewohn-
heit, an Frau von Marville. Von ihr erfuhr ich, daß
Elamor einem der jüngeren Prinzen beigegeben sei, daß
der Graf ein vor dem Thore gelegenes Haus gemiethet
habe, um Dora in der guten Jahreszeit den Aufenthalt
im Freien so wenig als möglich entbehren zu lassen.
Sie rühmte Dora's Wohlbefinden und ihre Freude an
dem Leben in der Welt; und ich sagte mir, daß der
Grääfin Glück mich freue, wie man sich das sagt und
wie man sich darüber freut.
Auch Cäcilie erwähnte der Gräfin, Clamor's schöner
Schwester, in den Briefen an Leonhard, die ich fast
immer zu lesen bekam, da er mich in die Verhältnisse
der Liebenden eingeweiht wußte. Sie schrieb, daß der
Graf, wie sie es anders nicht erwartet hätten, sich um
Clamor's willen mit seiner Frau von ihrem Vater-
hause fern halte, daß sie ihr jedoch freundlich be-
gegnet wären, als man sich am dritten Orte getrofen
habe. Sie äußerte dabei, daß Dora neben dem Grafen.
sehr jung erscheine, aber ein ungewöhnlich sicheres und-

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bestinuntes Wesen zeige. Sie hatte zu Cäcilien gesagt,
sie habe durch ihren Bruder und durch mich viel von
ihr gehört, und hatte sich erkundigt, ob sie in Brief- -
wechsel mit mir stehe und Nachricht von mir habe?
, Und grüßen hat sie mich nicht lassen? fragte
ich Leonhard.
,Davon schreibt Cäcilie nichts!' entgegnete er mir
und reichte mir das Blatt hin.
Ich nahm den Brief und sah die Stelle an, auf
der mein Name stand. Es war kein Gruß dabei -
und wem gewährt man einen solchen aus der Ferne,
nicht! Ich war betrübt darüber.
Aber die Liebe braucht, wie des Epheus treu aus-
dauerndes Geranke, wenig Erdreich, Leben und Nahrung
daraus zu ziehen. Sie ist erfinderisch, weil sie glücks-
bedürftig ist, und gerade aus meiner Enttäuschung
blühte mir mein Liebesglaube neu hervor. Daß sie.
mir keinen Gruß gesendet, daß sie schwieg, das bewies
mir ihr Gedenken, das bürgte mir für ihr Erinnern.
Und was konnte ich mehr erwarten, mehr verlangen,
von des Grafen Frau?