Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 01

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vie erinnern sich vielleicht, daß im Jahre 15!
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Sel Freundeskreis, der sich hauptsächlich- aus.
! Künstlern zusammensetzte und sich in Paris während der
großen Ausstellung unerwartet zusammenfand, auf den
Gedanken kam, daß Jeder von ihnen seine Lebensge-
schichte für die Anderen niederschreiben, und somit eine
s Reihe von Aufzeichnungen angesammelt-werden sollte,
s wie der Abbs im ,Wilhelm Meister' sie in Fdem ge-
s heimnißvollen Thurme für die vön ihm geleiteten
s Menschen niedergelegt hatte.
Der römische Bildhauer Marchese Benvenuto hatte
j rasch und mit gewohnter Lebendigkeit den Anfang ge-
j macht. Unser Freund, der Maler Helmar, hatte uns
! lange auf die Erfüllung seiner Zusage warten lassen.
s Aber da er, als einer der ersten Genremaler unserer-
s Zeit, von Anforderungen und Bestellungen immer hin-'
j genommen, nebenher, wie fast alle Künstler, kein Freund -
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Fanny Lewald. Helmar.
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vom Schreiben war, so hatten wir uns in Geduld zu
fassen gehabt.
Um so erfreulicher kam uns denn nach längerer
Zeit das Heftchen, das ich mit seiner ausdrücklichen
Erlaubniß hiemit der Deffentlichkeit übergebe. Seine
Eigenart ist darin unverkennbar. Nur ein Maler, und
ein Maler wie er, der sich mit liebevollem und feinem
Sinn in das Kleine zu versenken gewohnt ist, kann
sich kund geben wie er, ohne über das Einzelne das
große Ganze zu vergessen. Ich lasse sein Manuskript
folgen, wie ich es erhalten habe.
s
Es giebt viel weise Lebensregeln, viel tiefsinnige
Wahrheiten - mit den Worten hebt es an - aber
als der Inbegrif aller Weisheit erscheint mir, seit ich
hier vor dem Schreibtisch sitze, das alte Sprüchwort:
,Schuster, bleibe bei deinem Leisten!r, obschon ich für
mein Theil, wie Sie erfahren werden, demselben im
Leben nicht Folge geleistet habe.
Seit einer Glockenstunde sitze ich nun da, über-
legend, wie man es anfangen müfse, den Anfang seiner
Lebensgeschichte zu schreiben. Bei dem Worte ,Anfang?
kommt mir aber gar nichts in den Sinn als das bib-

L
lische: ,Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde,?
wobei ich nicht zugegen gewesen bin, so daß ich davon
aus meiner eigenen Erfahrung, um die es sich hier
handel, nichts zu sagen weiß.
Indeß über mich selber ist, je mehr ich darüber
nachdenke, auch nicht viel zu sagen; denn es steckte mir
immter das nämliche hoffnungsselige Herz im Leibe, das
nicht lassen konnte von seinem Träumen und Wünschen.
Was man mir nachher gelegentlich als Muth und als
Beharrlichkeit anzurechnen beliebt hat, das war nichts
weiter als der blinde Glaube eines armen, dummen
Jungen, der von der Welt nichts kannte und darum
auf sie vertraute, als wäre sie nur für ihn geschaffen,
und
er's
die
als müsse es in ihr so zugehen und werden, wie
gerade brauchte.
Hätte ich nur vor diesem Blatt Papier auch wieder
derbe Zuversicht der Unwissenheit, und nicht den
heillosen Respekt vor Allem, was an das schriftliche
Darstellen heranstreift! =- Wie einem Fisch auf dem
Trockenen ist mir zu Muthe!
Die Augen sind da und die Hände sind da, mit
denen ich sonst, wenn ich den Pinsel führe, flott und
lustig vorwärts komme; aber schreibend bin ich nicht
in meinem Element. Es ist, als hätte ich's heute erst
z

zu lernen. Ich schnappe vor Unbehagen ordentlich nach
Luft!
Warten Sie! So wird es gehen! Ich will Ihnen
erst einmal die Gegend zeichnen und das Schloß dar-
stellen, in dessen Bereichen ich, wenn auch nicht wie
unser Herr und Heiland in der Krippe, so doch nahe
genug an derselben, geboren und zwwischen dem lieben
Gethier herangewachsen bin.
Hier brach das Schreiben ab, und Helmar hatte
mit unverkennbarem Behagen eine vortreffliche Feder-
zeichnung eingeschaltet, wie denn das ganze kleine
Manuskript auf das Geistreichste mit zierlichen Skizzen
von ihm ausgestattet, und an und für sich eine wwirkliche
Genremalerei geworden ist.

-Ersles ,apiles.
Sehen Sie, fuhr er darnach fort, das ist Schloß
Waldritten, das alte Herrenhaus der Güter, welche
bei uns zu Lande noch immer die Waldern'schen Güter
heißen, obschon der lezte Waldern seit einer Reihe von
Jahren gestorben ist, und sein Schwiegersohn, der Mann
seiner einzigen Tochter, der General Marville, sie mit
seiner Frau überkommen hat. Seitdem nennt die
Familie sich nun von Waldern»Marville.
Die Herren von Waldern waren ein altadeliges
Geschlecht aus dem Cleve'schen, das zur Zeit des großen
Kurfürsten sich in unserer Provinz, in Ostpreußen, nieder-
gelassen hatte. Da sie reich, und Grund und Boden
damals bei uns zu Lande billig gewesen waren, hatten
sie einen großen Besiz zusammengebracht, und inmitten

desselben, auf und in den Neberresten einer alten Ritter-
burg, sich das Schloß errichtet, das ich Ihnen hier in
diesen Blättern gezeichnet habe und das noch heute mit
seinen Bogenfenstern und dicken, plumpen Thürmen sich
in dem See zu seinen Füßen spiegelt.
Auch die Marville stammten, wie schon ihr Name
zeigt, nicht aus unserer Gegend. Sie gehörten zu der
französischen Kolonie, die nach der Aufhebung des
Ediktes von Nantes sich in Berlin festgesetzt und die,
weil sich in ihren Mitgliedern sehr tüchtige und ge-
schickte Leute befunden hatten, dort zu Ansehen und
zu Ehren gekommen war.
Der General von Marville war eines Seidenfabri-
kanten Sohn und in dem Geschäfte seines Vaters
thätig gewesen, bis er 11H als Freiwilliger in die
preußische Armee eingetreten war. Er hatte die beiden
Feldzüge gegen die Franzosen mit großer Tapferkeit
mitgemacht, hatte in der Schlacht von Kulm aus des
Königs eigenen Händen das Offizierspatent empfangen
und war, da er Neigung für das militärische Leben
gewonnen hatte, nach dem Frieden aus dem Geschäfte
seines Vaters ausgetreten, und in der Armee verblieben.
Schon in dem ersten Feldzuge hatte er den Lieute-
nant von Waldern kennen gelernt und sich mit ihm

befreundet. Der zweite Feldzug hatte sie noch enger
verbunden, und sie hatten in zahlreichen Schlachten
und Gefechten nebeneinander gekämpft und gesiegt, als
der junge Waldern in der Schlacht von Ligny an
Marville's Seite sein frühes Ende gefunden. Wie der
stattliche Hauptmann dann nach errungenem Frieden in
das Schloß Waldritten gekommen war, sein Versprechen
zu erfüllen, und den Eltern und der einzigen Schwestex
seines gefallenen Freundes die letzten Grüße desselben
persönlich zu überbringen, hatte er sich in die schöne
Helmina von Waldern verliebt und ihre Neigung' rasch
für sich gewonnen.
Indeß eine Heirath mit einem Bürgerlichen, wenn
er auch die Epaulettes trug, war nicht nach dem
Sinne von Helmina's Elkern gewesen. Das zärtliche
Paar hatte also eine Reihe von Jahren warten
müssen, ehe der alte Herr von Walderi sich nach
dem Tode seiner Frau entschlossen, dem inzwischen in
den Adelstand erhobenen Major von Marville, bei
dessen wiederholter Werbung die Hand der einzigen .
Tochter, und mit derselben die, Anwartschaft auf das
Waldern'sche Erbe zuzusprechen.
In der heißen Mittsommernacht, welche auf dem
Schlosse die Liebenden endlich vereinigte, brachte in

einer der Hofwohnungen desselben meine Mutter mich
zur Welt.
Mein Vater war des Herrn von Waldern Kammer-
diener. Am Morgen, als er dem Herrn Major von
Marville und dessen junger Frau, die mein Vater manch'
liebes Mal herumgetragen, zum ersten Male in ihren
Zimmern das Frühstück aufzudecken hatte, konnte er
es nicht unterlassen, ihr von dem neuen Zuwachs zu
seinem Familiensegen Kunde zu geben und ihr zu ver-
melden, daß ihm zu seinen zwei Söhnen jetzt der dritte
geboren sei: ein Junge, größer und dicker noch, als
die beiden anderen.
,Das soll uns ein gutes Zeichen sein, Helmina!
hatte darauf der Major zu seiner schönen Frau gesagt.
Sie hatten sich umarmt und der Major hatte meinem
Vater ein paar Thaler geschenkt, die Wöchnerin zu
pflegen. Die junge Frau aber hatte dem Vater die
Zusicherung gegeben, meine Pathe sein zu wollen und
ihm die Sorge für mich tragen zu helfen.
Einige Tage darauf verließen die jungen Herr-
schaften das Schloß, um sich nach der Garnison des
Majors zu verfügen, der damals in den Rheinpro-
vinzen stand. Vier Wochen später bekam ich denn in
der Taufe, wie die junge Gnädige es angeordnet hatte,

P ihr zu Ehren den Namen Helmar, den in unserer
! Gegend keine Christenseele führte oder kannte. Mein
! Vater wuste natürlich aus dem Namen nichts zu machen,
! meiner armen Mutter kam er wie eine Art von Schand-
, fieck für mich vor. Da aber die rau von Marville
! es festgesetzt hatte, daß für mich aus dem Rentamte
j bis zu meinem vierzehnten Jahre monatlich ein Be-
j stimmtes gezahlt werden sollte, so mußte die Mutter
, sich den landfremden Namen, dem sie zu ihrer christ-
j lichen Beruhigung noch die Namen Gottlieb Christian
j angehängt hatte, natürlich gefallen lassen, wie eine
j Mutter es etwa hinnehmen muß, wenn ihr ein Kind
j mit einem sechsten Finger an der Hand geboren wird,
j der auch nicht gerade schadet oder hindert, der aber
s doch häßlich aussieht und nicht so ist. wie es für
j ordentliche Leute sich gehört und schickt.
Ordentliche Leute aber waren meine Eltern durch
und durch, und auf ihre Weise auch höchst angesehene
Leute. Mein Vater nahm sich sehr herrschaftlich aus,
wenn er mit seiner großen mageren Figur in dem
langen hechtgrauen Rock mit den roth und gelben Auf-
schlägen vom Schlosse kam, und noch viel vornehmer,
wenn er zur Winterzeit, in seinem ebenfalls hechtgrauen
Mantel mit den sieben Kragen, den hohen Hut auf

dem Kopfe, hinten auf dem Wagen stehend, die Herr-
schaft nach der Kirche brachte. Er nickte dann auch
immner, wie der Herr von Waldern selber, gnädig
mit dem Kopfe, wenn die Leute vor demselben den Hut
abzogen; und nächst dem Herrn und dem Inspektor
stand auf dem Hofe Niemand so in Ansehen als der
Kaspar.
,Pass' Er darauf,' sagte der alte Herr an dem
Morgen, an welchem der Major mit seiner jungen
Frau das Schloß verließ, ,pass' Er darauf, daß den
iungen Herrschaften nichts mangelt für die Reise. Der
Bursche des Herrn Major ist ein Narr mit seinem
gewichsten Haar, der den Teufel nichts versteht und
an gar nichts denkt. Ich verlasse mich auf Ihn!
,Kaspar, daß Du mir auf den Vater Acht giebst!-
sagte mit Thränen in den Augen die junge Frau.
,Auf die Mamsell ist kein Verlaß. Die hat, so alt
sie ist, nichts im Kopf als den Inspektor. Du weißt,
was der Vater braucht. Du mußt ihm Alles schaffen,
was ich ihm sonst besorgte. Und Du läßt mir's
schreiben, wenn ihm irgend etwas fehlt oder ihm irgend
etwas zustößt. Was Du an meinem Vater thust, das
vergelte ich Dir an Deinem Jungen, meinem Pathkind!?
Der alte Herr hatte sich dabei abgewendet und

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j war sich unvermerkt mit der Hand über die Augen ge-
, odn
Die junge Frau hatte zuletzt bitterlich geweint,
j hatte meinem Vater die Hand gegeben, und es war -
j ihm selber weich ums Herz geworden. Er hatte sich
j jedoch gesagt, daß es gegen den Respekt sei, wem
ein Diener sich mit Weinen oder Lachen verginge
, neben der Herrschaft, und thäte, wie wenn er auch zu
j ihr gehörte. Er hat es also rasch verbissen. Aber Wort
, hat er der gnädigen Frau gehalten. Er hat den
Herrn gepflegt bis an das Ende; und die Frau von
j Marville hat ihr Versprechen ebenso wahr gemacht
j So oft sie ihrem Vater etwas überschickt, hat fie auch
P immer irgend etwas für mich beigelegt, so daß es meinen
j Eltern eine große Hülfe gewesen ist und sie sich gut
, gestanden haben. Was Noth und Sorgen sind, das
, haben sie nie gewußt, wweder zu des alten Herrn
s Lten, noch wchber
ggaaaageagoe
f.-
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