Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 19

.eunsehnles ,Kapilel.
Währenddessen, während der Jahre, in welchen
Leonhard und ich inmitten der anderen Künstler in Rom
fröhlich am Tage den Tag durchlebten und gelegentlich
auch die Nacht zum Tage machten, war die Welt um
uns her in Aufregung gerathen, ohne daß man es
sonderlich beachtet hätte; bis dierevolutionäre Bewegung.
von welcher Europa ergriffen worden, auch in Rom
zum Ausbruch kam. Viele der Künstler verließen
Jtalien, um theils freiwillig, theils durch ihre Ver-
hältnisse dazu genöthigt, in ihre Heimat zurückzukehren.
Leonhard's Vater wie die meisten der reichen Leute,
gewaltsamen politischen Umgestaltungen abgeneigt, über-
redete den Sohn, den keine bestimmten Pflichten nach
Hause riefen und den er von der politischen Aufregung
fern zu halten wünschte, in Rom zu bleiben; und die

LK
Vielfarbigkeit des Lebens, die dort in jener Bewegung
noch mehr als sonst hervortrat, machte es Leonhard
lieb, sich dem Willen seines Vaters zu figen. Ich
aber, den seine militärische Dienstpflicht zur Heimkehr
genöthigt haben würde, erhielt von Seiten der Akademie
die Weisung, meine Studien nicht zu unterbrechen, da
man mir bis zum Ablauf meines Stipendiums einen
Urlaub erwirkt hatte. Zunächst also blieben wir Beide,
wo wir waren. Indeß die rechte Ruhe hatte ich nicht
mehr in der Fremde, und als eben in der Zeit mich
die Nachricht von meines guten Vaters Tod erreichte,
ward mir das Verweilen jenseits der Alpen immer
schwerer.
Der Bruder, der mir unseres Vaters Ableben ge-
meldet, sagte, der gute Vater hätte nicht viel gelitten.
Der Pfarrer und Frau von Marville schrieben mir
ebenfalls, und der Erstere rühmte die ruhige Ergebung,
mit welcher die Mutter ihres Weges gehe. Ich durfte
nicht daran denken, nach Preußen, nach Hause zu reisen,
denn ich war dort überflüssig ganz und gar; und doch
nützte mir es nichts, in Rom noch länger zu verweilen.
Ec wurde immer unruhiger um uns her, man fühlte
den Boden unter seinen Füßen wanken, wo man sich
auc befand; und so wenig ich eine Stütze oder einen-
Fanny Lewald. Helmar.

Ae
Halt an meinem guten Alten besessen hatte, kam ich
mir, nun ich keinen Vater hatte, auf der Erde wie
entwurzelt, wie verloren und verlassen vor. Ich sehnte
mich von der Stelle fort, auf der ich mich befand, und
wußte doch, daß ich nichts Anderes für mich finden
würde, wohin ich mich auch wendete.
Ich hatte mich mein Lebenlang um die politischen
Vorgänge nicht gekümmert; und wenn Sie das unrecht
finden, so habe ich dies Geständniß zu meiner Schande
gemacht. Jetzt beunruhigten mich die Kämpfe gegen
die Erhebung, als hätte ich wer weiß welchen Antheil
an ihr genommen. Es war eine mir selbst unerklärliche
Unruhe, die mich ergriffen hatte. Ich konnte die An-
kunft der Zeitungen nicht erwarten. Die Nachrichten
von dem dänisch-holsteinischen Kriege, von den Kämpfen
in Dresden, in Baden, in Westphalen nahmen mir
die Gedanken an die Arbeit. Ich konnte mir mein
Vaterland, das vom Bürgerkrieg zerrissen war, nicht
mehr aus dem Sinne schlagen. Ich wußte mich selbst-
ständig genug, um meines Stipendiums, Dank meiner Ar-
beiten, die ich gut verkauft hatte, fortan entrathen zu
können; ich beschloß also, nach Deutschland zurück-
zukehren, als Leonhard plötzlich vom römischen Fieber
ergriffen ernstlich erkrankte.

A
Die Franzosen waren bereits in Eivitavecchia ge-
landet, die Belagerung von Rom stand bevor, es galt,
den Kranken fort und so rasch als möglich über die
Alpen zu schaffen. Mein Wunsch, Italien zu verlassen,
traf mit meiner Pflicht gegen meinen kranken Freund -
zusammen. Ich geleitete ihn in kurzen Tagereisen vor-
sichtig nach Bern, wohin seine Mutter gekommen war,
ihn zu sehen und zu pflegen. Cäcilie, die sie hatte
begleiten sollen, war nicht bei ihr. Verwundert dar-
über, weil die Mutter nie allein die Heimat verlassen
hatte, war unsere erste Frage nach Cäcllie. Die Mutter
sagte, sie sei bei dem Vater geblieben, aber sie sah
bekümmert aus, als sie das gusspräch. Leonhard ver-
muthete so wie ich, daß dem Vater ein Unheil zugestoßen
wäre, die Mutter versicherte mit Bestimmtheit, daß er
sich wohl befinde, völlig wohl; und doch traute ich
ihrem Worte nicht, obschon Leonhard sich davon be-
ruhigen ließ.
Als er am Abende zur Ruhe gegangen war und
ich die Mutter noch auf die Terrasse des Hauses
hinausführte, fragte ich fie nach ihrem Gatten.
,Mein Mann ist wohl,? sagte fie,,aber es hat
uns ein schwerer, ein furchtbar schwerer Schlag ge-
tH

s
troffen.? Sie biß die Lippen im Scmerz zusammen
und die Thränen traten ihr in die Augen. , Cäcilie
ist von uns gegangen!'' sagte sie mit bebender Stimne.
, Cäeilie ist todt? rief ich erschreckend.
, Gottlob, nein! gottlob, das ist es nicht! Aber
einen Tag vor meiner Abreise ist sie ohne unsere Er-
lauhniß und, wie Sie denken können, sehr gegen unsern
Willen heimlich von uns fortgegangen.!
, Mit Clamor!'' fragte ich, in meiner Bestürzung
es vergessend, daß er im Felde stand.
Die Mutter schüttelte traurig das Haupt.
, Fast möchte ich wünschen, es um seinetwillen
wünschen, es wäre so! Nicht mit ihm, zu ihm ist sie
gegsngen; und so unglücklich es uns wacht, wie kann
ich's ihr verdenken? Nur daß sie ohne ein Wort zu
uns, daß sie heimlich fortgegangen ist, das ist so bitter,
das thut wehe!' Ihre Thränen unterbrachen sie, aber
fühlend, daß sie mir die Erklärung schuldete, sagte -
,llanor ist bei Fridericia schwer verwundet worden.
Man hat ihn nach Altona in eines der dortigen
Hospitäler gebracht. Eine Freundin von uns, von
Eäcilien besonders, steht demselben vor. Sie hat es
ihr geschrieben, Clamor verlange nach ihr, wolle sie
noch einmal sehen- und sie ist gegangen noch an


demselben Abend. Sie hatte uns gesagt, sie wolle den
Nachmittag in der Stadt bei meiner Schwester zu-
bringen, sich von dort am Abende wieder nach Hanse
schicken lassen. Der Abend kam, es wurde spät, sie
blieb aus. Wir sendeten den Wagen in die Stadt.
Er kam ohne sie zurück. Stellen Sie sich unser Er-
schrecken, unsern Zustand vor! Fn ihrem Zimmer
fanden wir den Brief, der uns das Geschehene erklärte.
Sie hatte Alles rasch und klug berechnet, hatte mit -
großer Voraussicht all' die Zeit gehandelt und ge-
schwiegen. Ach und ein Herz und ein Kopf wie die
ihren sind ja nicht znm zwweiten Male bei einem
Mädchen anzutreffen.!
,Sie wird Ihren Widerstand gefürchtet haben!-
bedeutete ich tröstend.
,Hätten wir sie denn gehen lassen dürfen? fiel
mir die Mutter lebhaft ein. ,Durften wir in Clamor's
Eltern den Glauben aufkommen lassen, daß wir
unser Kind in solcher Weise handeln, sich preisgeben
ließen, um sie vielleicht dadurch einer Familie aufzu-
drängen, die sich zu gut glauht, unsere Tochter aufzu-
nehmen?-- Wir büßen ohnehin die Freiheit und das
Zutrauen hart genug, die wir ihr von jeher im

7
Glauben an ihre ruhige Besonnenheit gewährten. Mein
Mann=-
, Und Frau von Marville? ist sie nicht bei ihrem
Sohne? fragte ich in Sorge um meine Wohlthäterin.
,Wie kann ich's wissen, da ich an dem nächsten
Tage auf die Reise ging? Aber Frau von Marville
wird die Gräfin nicht verlassen können,! sagte die
Kommerzienräthin.
Ein neuer Schrecken bemächtigte sich meiner. Ich
fragte, ob die Gräfin krank sei.
,Wissen Sie denn gar nichts? Haben Sie denn
die Berliner Zeitungen während Ihrer Reise nicht ge-
sehen?- rief Frau Wollmann. ,Der Graf ist ja
gleich bei Beginn der Schlacht vor Fridericia ge-
gefallen, wenige Stunden, ehe Clamor verwundet
worden. Die Zeitungen haben es ja gemeldet. Ich
las es unterwegs.-- Die armen Leute! Der General,
der in Berlin gewesen sein muß, soll gleich abgereist
sein, um für die Neberführung der Leiche zu sorgen.
Er wird sich natürlich auch zu dem Sohn begeben
haben, Cäcilie wird ihm dort begegnet sein. Aber
noch weiß ich selber nichts! Mein Mann ist an dem
Tage, an dem ich Abends nach der Schweiz glng,
früh nach Hamburg gefahren, um die Tochter womög-

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lich zurück und hierher zu bringen. Ich kann noch
keine Nachricht haben. Nichts weiß ich, als was
Eäeilie uns vor der Abreise geschrieben hat. Es ist
eine Verwicklung, die entsetzlich ist! Es versteht sich,
daß Leonhard für das Erste durchaus nichts davon
erfahren darf. Hören Sie, Helmar, nichts! durchaus,
e!
nichts. ! -- Ihre Thränen flossen auf's Neue. ,Stellen
Sie sich's vor, klagte sie, ,zwei so glückliche Familien!
Wir und die Marvilles! beide so schwer getroffen in
unseren Kindern. Man denkt es gar nicht aus. Eine
so gute Tochter! eine so reine Natur! Ein so kluges,
verständiges Mädchen, und solch' eine unselige roman-
tische Thorheit! Es ist unglaublich'
Die gute, vortreffliche Frau hätte noch lange
sprechen, ihrem Herzen immer weiter Luft machen
können, ich hätte sie nicht darin gestört. Ich hörte
Alles, was sie sagte, verstand auch ihre Sorge, fühlte
ihre Kränkung, aber ich dachte an den prächtigen
Mann, den Grafen, der mir ein so gütiger Freund
gewesen; an Clamor, in seiner Jugendschöne vielleicht
auf das Todtenbett hingestreckt; an Clamor's Eltern,
meine Wohlthäter; an Cäcilie, die ich liebte und in
der Entschlossenheit ihrer Liebe mehr als je bewunderte,
an die schwierige Lage, in die sie sich gebracht. An

2R
das Alles dachte ich - indes; ich sah nuur sie! Ich
sah nur Dora an des Gatten Leiche! So jung und
schon Wittwe!' So jung - und frei!
Ich schauderte vor der hell aufzuckenden Freude,
die mir bei der Vorstellung durch das Herz schoß.
Ich nannte sie eine Sünde, einen Wahnsinn - ich
fühlte sie trotzdem.
Es war mir lieb, daß die Kommerzienräthin mich
von mir selber abzog, indem sie mir das von Cäcilien
hinterlassene Schreiben zu lesen gab.
,Verzeiht mir,! hieß es, ,daß ich ohne Eure
Erlaubniß handle, da ihr sie mir verweigern würdet.
Ich und Clamor haben Euch und seinen Eltern ge-
horsamt. Seit zwwei Jahren waren wir getrennt.
Außer den wenigen Zeilen, in denen er mir Lebe-
wohl sagte, als er in das Feld ging, ist kein Wort
von ihm zu mir gekommen. Jetzt ruft er mich und
ich gehe! Ich hatte an die Möglichkeit Tag und
Nacht gedacht. Ich konnte ja nichts Anderes denken.
Ich hatte Alles dafür vorbereitet, hatte an unsere
Freundinnen, die den beiden Hospitälern in Altona
vorstehen, geschrieben, und Magdalene gebeten, mich
es wissen zu lassen, wenn sie das Geringste von
Glamor erfahren sollte. Da kam die Nachricht von

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dem Tage bei Fridericia. -,ein Regiment war
dabei gewesen, die Zeitungen meldeten, daß es schwer
gelitten habe. Ihr habt meine Angst gesehen und
getheilt. Zwei Tage hielt ich's aus, dann konnte
ich nicht weiter. Ich ging in das Haus der Gräfin.
Es war dort Alles in Verwirrung. Die Botschaft
von des Grafen Tode war am verwichenen Abende
eingetroffen. Ich fragte, ob man Nachricht von dem
Lieutenant Marville habe? Man verneinte es, und
ich hörte dabei, daß Frau von Marville schon seit
mehreren Wochen, ebenso wie der General, bei ihrer
Tochter wären. Ich schrieb auf meine Karte, daß
ich Frau von Marville anflehe, es mir mitzutheilen,
wenn sie von ihrem Sohne Kenntniß erhielte, und
schickte sie ihr hinein. Sie ließ mich zu sich bitten.
Sie wußte nichts von ihm, aber sie umarmte, sie,
meines Clamor's Mutter, küßte mich in Thränen
gebadet. Der General war nach Holstein ge-
gangen, die Neberführung der Leiche nach Berlin
und nach der Berkowschen Familiengruft auf den
preußischen Gütern zu veranlassen. - Es war
Nachmittag. -- Zu Hause fand ich einen Brief von
Magdalenen. ,Heute, so schrieb sie mir, ,st Clamor
in der Frühe schwer verwundet zu uns gebracht

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worden. Ein Schuß durch die linke Schulter, der
die Lnge gestreift hat. Der Fall ist ntcht hoffnungs-
los, aber schwer und bedenklich durch großen Blut-
verlust. Wir sollten Dir's melden. Er verlangt
nach Dir. Komm' sofort, wenn Du kannst! Ich
sorge, daß man Dich einreiht.-- Es lag Alles
für den Fall bereit, ich habe Alles, was ich brauche
- und ich gehe. Verzeiht es mir! Ich kann nicht
anders! Ich gebe Euch Nacricht, sowie ich dort
bin! n all' meiner Angst und Pein ist mir besser
als die Jahre her! Verzeiht mir und lebt wohl!?
Das war die ganze Cäeilie. Die Mutter selber
konnte nicht anders, als sie bewundern; aber die angst-
volle Ungeduld, mit welcher fie auf die Nachrichten
von ihrem Manne wartete, wuchs von Stunde zu
Stunde; und sie ließen lange auf sich warten, sie
langten erst verspätet an. Die tiefe Ergriffenheit,
mit welcher der Kommerzienrath geschrieben, klang aus
jedem Worte wieder.
, Cäcilie hatte, wie er meldete, , Dank den Maß-
nahmen ihrer Altonaer Freundinnen sie ohne Hinder-
niz erreicht, hatte sofort die Tracht der Kranken-
pflegerinnen angelegt und ihre Stelle an des Ge-
liebten Lager eingenommen. Einen Tag und eine

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Nacht hindurch war sie bereits in seiner Nähe, als
der General in dem Hospitale eintraf und zu seinem
Sohne gefiihrt wurde. Er hatte Cäeilie nie gesehen.
Ganz mit seinem Sohn beschäftigt, hatte er die dienende
Schwester neben ihm eben nur so viel beachtet, als
es sich von selbst gebot. Er hatte fie um ihren Namen
nicht gefragt, sie hatte also keinen Anlaß gehabt, sich
ihm zu nennen. Clamor's Zustand war gefährlich.
Er hatte heftiges Fieber, phantasirte lebhaft, rief nach
Gäcilie und schien sie in einem lichten Augenblicke
auch erkannt zu haben, denn er hielt ihre Hand fest
in der seinen und suchte sie ängstlich, wenn er sie in
seiner Unruhe einmal losgelassen hatte.!
Der Kommerzienrath war später, als er es er-
wartet hatte, nach Altona gekommen, da die Züge
durch die Transporte für militärische Zwecke unter-
brochen worden waren. Die Stadt war von Truppen,
von Kranken überfüllt, in den Gasthöfen kein Unter-
kommen. Er verlangte die Tochter noch am Abende
zu sehen, man verweigerte ihm, da er nicht dafür
legitimirt war, der späten Stunde wegen, den Eintritt
in das Hospital. Er mußte, ohne sie gesehen zu haben,
bis zum nächsten Tage nach Hamburg zurückkehren.
Am andern Morgen besuchte der General, dem

28e
man um seiner Uniform willen den Einlaß schon in
der Frühe gewährte, abermals den Sohn, der noch
immer nicht bei Bewußtsein war. Seine Pflegerin
saß wie am verwichenen Tage bei ihm. Er fragte,
ob sie auch die Nacht bei ihm gewesen sei. Sie be-
jahte es und gab ihm Auskunft. Magdalene war
vorsorgend und vorsichtig dazu gekommen, als sie den
General neben der Freundin gesehen hatte. Er konnte
nicht in Zweifel darüber sein, daß die Pflegerin seines
Sohnes, wie die Mehrzahl der Wärterinnen, der frei-
willigen Krankenpflege angehöre, und wie er ihr für
die Sorgfalt dankte, die sie seinem Sohne angedeihen
ließ, hatte er sie gefragt, ob sie schon andere so schwer
Verwundete gepflegt habe. Da hatte Cäcilie ihrer
Natur nach ihn nicht im Ungewissen lassen können
über sich.
,Nein, Herr General, es ist der erste Verwundete,
den man mir anvertraut hat. Ich bin erst gestern
in der Frühe von Berlin hiehergekommen,! sagte
sie, , ich bin Cäcilie Wollmann.!
,Fräulein Wollmann! wiederholte der General
im höchsten Grade überrascht, als Magdalene, der
Freundin zu Hülfe kommend, sagte: ,Wir haben das
Fräulein hierher gerufen. Ihr Herr Sohn hatte ver-

AA
langt, daß wir ihr seine schwere Verwundung melden
und sie bitten sollten, zu ihm zu kommen, und er hat,
so lange er bei Bewußtsein gewesen ist, sie mit solcher
Angst ersehnt, daß wir nicht angestanden haben, sie
um ihr Kommen anzugehen. Er ist wesentlich ruhiger
geworden, seit sie bei ihm ist.
Der General schwieg.
, Und uns zu benachrichtigen, hat er sie nicht auf-
gefordert? Nach mir, nach seiner Mutter hat er nicht.
verlangt?! erkundigte er sich mit zwweifelndem und
vorwurfsvollem Tone.
,Nein, Herr General!?' hatte ihm Magdalene
mit aller ihr eigenen Bestimmtheit geantwortet und
dann, klug wie immer, um des Vaters Mißempfindung
zu besänftigen und sie von der Freundin abzuwenden,
rasch hinzugefügt:,Daß Sie benachrichtigt werden
würden, des wwar er ja sicher!'?
Der General preßte die Lippen zusammen. Es
waren peinliche Minuten. Magdalene hatte sich ge-
flissentlich entfernt.
,Wie sind Sie hierher gekommen?! fragte end-
lich der General, ,die Züge waren überfüllt.?
,Ich fand keine Schwierigkeiten,! entgegnete
Cäcilie. ,Ich hatte das Schreiben der Lazarethvor-

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steherin, das mich hierher rief. Darauf ward ich
ohne Weigerung befördert.?
, Und Ihr Herr Vater ist ja wohl in der Bahn-
verwaltung !'' meinte der General.
,Ich bin allein und ohne Wissen und Erlaubniß
meiner Familie hierher gegangen, denn sie würde es
nicht zugegeben haben. Mein Vater aber ist mir hie-
her gefolgt, doch habe ich ihn nocht nicht Igesehen.
Er war gestern im Hospital zu später Stunde und
hat mir die schriftliche Weisung hinterlassen, daß er
heute wiederkehren werde.
Und noch einmal schwieg der General. Cäciliens
ruhige Sicherheit verfehlte ihres Eindrucks nicht auf
ihn. Er war der Mann, einen solchen Frauencharakter
zu würdigen und zu achten. Er zweifelte nicht daran,
Helmina von Waldern wäre für ihn dereinst des
gleichen Entschlusses fähig gewesen; und die Tracht
der Pflegeschwestern, in der ich Cäcilie später mtmlte,
stand ihr ganz vortrefflich. Er mochte sie mit seines
Sohnes Augen sehen. Dennoch hatte er einen schweren
Kampf in sich zu kämpfen. Was er in diesem Augen-
blicke that, war bindend für die Zukunft, warf all'
sein Planen und sein Wollen nieder, für den Fall,
daß ihm der Sohn erhalten blieb; und welcher Mann

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verzichtet gern auf die Erfüllung reiflich erwogener,
lang gehegter Wünsche und so leicht zu erfüllender
Hoffnungen! Clamor hatte nur zu wählen unter den
Töchtern der ältesten Adelsfamilien, wenn er genas.
Wenn er genas!- Der General blickte auf den
Kranken hin. Clamor's Augen waren eingesunken und
geschlossen, das dunkle Lockenhaar hing wirr um seine
Schläfen, seine Wangen brannten im Fieber. =- Es
war sein einziger Sohn, und Dora hatte ihren Mann
verloren!-- Nur leben, nur ihm erhalten bleiben
sollte Clamor! Er und Clamor's Mutter und Cäeilie
waren ja eines in dem Wunsche!- Und das Mädchen
hatte schnell und groß entschieden.
,Sie dachten, Sie überlegten nicht, fragte er,
während er Cäcilie mit prüfendem Sinnen betrachtete,
,welch' einen Schritt Sie thaten, daß Sie Ihre Eltern
ängstigten, daß Sie Ihren guten Namen, Ihren
Ruf= -
,Ich hatte an nichts zu denken, als an Clamor's
Ruf! Er rief mich, und ich ging! Wie konnte ich
auch anders!? wiederholte sie ruhig und still in sich
gefaßt.
Er stand gedankenvoll ihr gegenüber. Wie mußte
Elamor sie lieben, daß er nur nach ihr verlangt hatte!
,!

O
Wie konnte er jemals sie verlassen, die so zu ihm ge-
halten, Alles gering geachtet hatte neben dem Willen
des Geliebten, neben ihrer Liebe?
,Ihr Vater,! sagte der General, ,wird gekommen
sein, Sie heim zu holen.!
,Gewiß! aber ich werde nicht gehen, Herr
General! Clamor hat mich nach zwwei Jahren schmerz-
lichsten Entbehrens zu sich gefordert, da er zu sterben
glaubt. Man hat mir jetzt seine Pflege anvertraut.
Mein Plaz ist hier. -- Ehe er nicht genesen ist, denn
Gott wird geben, daß wir ihn erhalten, eher gehe ich
nicht von ihm! Und,! die Thränen erstickten ihre
Stimme, aber sie nahm sich zusammen und sagte: ,ist
es anders beschlossen, dann
Der General hatte ihre beiden Hände ergrifßen,
auch seine Augen waren feucht geworden.
,Verlassen Sie sich auf mich! sagte er. ,Man
soll Sie nicht von ihm entfernen, Sie sollen bei ihm
bleiben, hier, bei ihm, bis wir, ich und Sie, ihn nach
Hause zu seiner Mutter bringen können. Aber schonen
Sie sich! schonen Sie sich! Sie sind solcher An-
strengungen sicher nicht gewohnt! Sie müssen doch bei
ihm und gesund sein, wenn Clamor zur Besinnung
kommt.!

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Er hatte ihre Hand noch in der seinen. Das
Herz wallte ihr auf, sie küßte ihm die Hand. Wie
ihre Liebe das Mutterherz gewonnen hatte in der
gemeinsamen Sorge, so überwältigte ihre sanfte Energie
nun auch den Vater und sein ehrgeiziges Planen. Er
wehrte sich nicht länger gegen seine bessere Natur, und
mit dem Adel, der ihm angeboren war, sich zu ihr
neigend, warnte er: , Rkduhig, ruhig, Kind! Denken Sie
an Ihre Eltern, an Clamor, an uns Alle!= Aber
wo finde ich Ihren Vater? Ich will zu ihm fahren.
Er soll Sie hier lassen, ich will ihn bitten, daß er
meinem Sohne Ihre Pflege gönnt. Ich hoffe, er kann
in Ihrer Nähe bleiben, da mich meine Pflicht zu meiner
armen Tochter ruft.-- Leben Sie wohl für jetzt
Bewahren Sie den guten Muth, Clamor kommt mir
ruhiger vor, und er ist ja jung und kräftig! Der.
Himmel wird ihn uns erhalten. Und Dank mein
Kind, Dank, daß Sie gekommen sind. !
Er drückte ihr fest die Hand, als er von dannen
ging; und ihre Thränen, die Thränen des Schmerzes
äuund der Freude, flossen nieder auf des Geliebten Haupt.
Fanny Lewald. Helmar.
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