Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 20

,wanzigsles Kuapilel.
Wie ein Gewitter, das verwüstend, aufklärend,
und seinen reichen Segen bringend über das Land
zieht, waren die Ereignisse dieser Tage über die beiden --
Familien hereingebrochen und vorübergezogen, und sie
hatten mich nahe genng berührt.
Die beiden Väter, beide praktische Leute und -
Ehrenmmänner, wie es keine besseren gab, hatten sich
an dem entscheidenden Tage schnell zurecht und zu-
sammen gefunden. Beide hatten sie Altona verlassen
müssen. Der General, weil der Tod uud die Beerdi-
gung des Grafen ihn zu den Seinen riefen; der Kom-
merzienrath, weil die kritischen Zeiten seine Rückkehr
zu seinen Geschäften nothwendig machten. Und da
Leonhard's Befinden keine besondere Pflege mehr er- -
forderte, war man übereingekommen, daß seine Mutter

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sich nach Altona begeben sollte, um für alle Fälle in
der Nähe ihrer Tochter zu sein, während man es als
ein sich von selbst Verstehendes annahm, daß lch bel
Leonhard bleiben müsse, so lange ihn noch ein Rest
von Schwäche an das überstandene Fieber mahnte, und
seinen Aufenthalt im Gebirge wünschenswerth machte.
Elamor's Zustand blieb lange unentschieden und
gefährlich, da die verletzte Lunge sich entzündet hatte;
aber seine ungebrochene Jugend trug den Sieg davon,
und das Glück, Cäcilie wiederzusehen und sie nun die
Seine nennen zu dürfen, kam seiner Genesung zu
Hülfe. Nur die Beweglichkeit des Armes blieb noch
gehemmt. In den Dienst einzutreten, daran konnte er
zunächst nicht denken, und da auch seine Brust der
Schonung noch bedurfte, hatten die Aerzte einen Auf-
enthalt im Süden für ihn angerathen, bei dem seine -
Mutter ihn mit der Gräfin zu begleiten versprach, da
man für diese eine heilsame Zerstreuung durch den
Ortswechsel erwartete. Indeß Clamor wollte sich nicht
auf das Neue und für so lange Zeit von seiner Braut
entfernen. Er bat deshalb die künftigen Schwieger-
eltern, ebenfalls über die Alpen zu gehen. Dagegen
machte der Kommerzienrath Einwendungen. Er war
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mit den Seinen schon mehrmals in talien gewesen,
hatte auch keine Neigung, sich einer so großen Kara-
wane anzuschließen; so kam man denn endlich überein.
daß Frau von Marville zeitig mit ihren Kindern nach
Jtalien gehen, und die Kommerzienräthin mit Sohn
und Tochter ihnen nachkommen solle, wenn die kältere
Jahreszeit für Leonhard keinen Rückfall in das Fieber
mehr befürchten ließ.
Als dann die Zeit herangekommen war, in welcher
Leonhard die Schweiz verlassen und gen Norden gehen
sollte, um bis gegen Weihnachten hin mit den Seinen
in seinem Vaterhause bei seinem Vater zu verweilen,
sprach er mir lebhaft den Wunsch aus, daß ich mich
im Winter mit ihm, und damit in gewissem Sinne
auch mit der ganzen Reisegesellschaft wieder in Rom
zusammenfinden, und später eine gemeinsame Tour mit
ihn allein nach Sizilien machen sollte. Davon konnte
aber, obschon ich jetzt die Mittel dazu hatte, für mich
die Rede nicht sein. Ich hatte die Erfahrung gemacht,
daß für mich im Besonderen, das heißt für meine Art
und Weise die Dinge anzusehen, in Jtalien künstlerisch
nicht viel zu holen und zu gewinnen war. Ich hatte
in den letzten Monaten, seit ich mit Leonhard so plötz-
lich von Rom aufgebrochen war, viel Zeit verloren,

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und ich durfte meinen Vorsatz mit gutem Gewissen
nicht weiter hinausschieben, in Holland und in Paris
die mir angemessenen Vorbilder aufzusuchen, an denen
ich mein eigenes Können zu vergleichen und zu ver-
vollkommnen gedachte. Die zwwingende Selbstsucht,
ohne die kein schaffender Mensch im Stande ist, sich
in zeitweiligem völligen Absehen von allem Andern
und von allen Anderen, in seiner Kunst zur Meister-
schaft zu bringen, diese Selbstsucht, die ein nie fehlendes
Zeichen des wahren künstlerischen Berufes und eine
seiner Kräfte ist, regte sich zur rechten Zeit in mir.
Sie erleichterte es mir, dem Verlangen des Freundes
zu widerstehen.
Ich wollte und mußte mir einen Namen machen,
der mitzählte in der Welt. Es war nicht genug, daß
ich Maler geworden war, ich mußte ein Meister werden,
weil ich fühlte, daß ich das Zeug dazu hätte; und
wenn ich mich über die Entschlossenheit freute, mit der
ich mich von dem werthen Genossen trennte, mußte
ich mir daneben doch im tiefsten Innern eingestehen,
daß die Scheu, der Gräfin zu begegnen, nicht ohne
Einfluß auf mein Handeln war.
Jeder Brief, den Leonhard von seiner Mutter,
von Cäcilie oder von Glamor erhielt, störte mein

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Gleichgewicht. Ich wollte den Inhalt kennen, und
was ich dann erfuhr, nahm mir die Ruhe. Ich konnte
nicht arbeiten, weün Cäcilie in ihrer enthusiastischen
Weise es schilderte, wie schön Dora in ihrer Trauer-
kleidung sei, wie blendend weiß ihre Stirn hervor-
leuchte unter der Schneppe ihrer Trauerhaube. Es
ließ mir keinen Frieden, wenn sie erzählte, wie die
Gräfin gleich einem müden Kinde Alles willenlos an
sich vorübergehen und über sich ergehen lasse, und wie
es ihr trotzdem bisweilen vorkomme, als traure Dora
um den Grafen nicht, wie man um den Mann trauern
müsse, mit dessen Tode das eigene äeben zu Ende sei.
,Sie hat gewiß,! schrieb Cäcilie einmal, ,eine
schöne, friedliche Ehe mit dem Grafen geführt, und er
war ja ein vortrefflicher Charakter, ein schöner, liebens-
werther Mann. Alles, was sie von ihm erzählt, ist
ihr liebevoll in's Herz gewachsen, fie vermißt ihn offen-
bar recht sehr; aber ic kann mich des Gedankens nicht
erwehren, daß sie mit ihren zwanzig Jahren die eigent-
liche Kraft ihres Herzens noch nicht kennt. Eine
Liebe wie die unsere, darin stimmt mir Clamor bei,
hat sie für den Grafen nicht gefühlt. Sie war zu
jung dazu. Und jung, schön, reich, wie sie es ist,
wird der General sicherlich an ihr noch einmal eine -

a?
ebenso glänzende zweite Heirath erleben, als die erste
es zu seiner Befriedigung gewesen ist. Ich wünsche
meinem Schwiegervater, da ich ihn sehr liebe und ver-
ehre, irgend ein fürstlicher Herr entschädigte ihn dafür,
daß meine schönen Augen ihn um seine Hoffnungen
für Clamor betrogen haben; und denke Dir, wie gut
mich's kleiden würde, zu sagen: ,uein Schwager, der
Fürst! Ich stehe ganz auf Seiten des Geierals,
unter einem Fürsten thun wir's mit Dora nicht. !
Das war Alles gut, klang Alles heiter, aber für
mich hörte es sich anders an, und ich wußte, wohin
ich zu gehen hatte und wohin nicht.
Im Spätsommer trennte ich mich am Rhein von
Leonhard. Er ging zu den Seinen, ich den Rhein
hinunter nach den Niederlanden, und mit Ernst und
Lust an's Studiren und an's Schaffen. Das Land,
die Luft, die Menschen, und meine Vorbilder,' die alten
Niederländer, waren das was ich erwartet hatte, was
ich brauchte. Der Kommerzienrath hatte mich mit
guten Empfehlungen versehen, ich fand Eingang in die
Gesellschaft, fand unter den Künstlern Studiengenofsen
und frühere Bekannte, ich war zufrieden und meines
Entschlusses froh.
Aber als die Storchnester leer wurden auf den

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Firsten der Häuser in den Dörfern, als dann die
Schwalben sich sammelten und gen Süden zogen, die
wilden Gänse von Norden kamen und die Kraniche
ihnen folgten, kam es über mich, als gehörte ich mit
zu ihnen, als müsse ich auch mit fort. Denn nun
waren sie schon dort, Frau von Marville und Clamor
und die Gräfin; dort. wohin die Wandervögel zogen
-- und wohin ic gehen konnte, wenn ich's wollte. -
Ich blieb bei meiner Arbeit.
So lange es einigermaßen sonnig und grün ge-
wesen war, hatte ich mich im Haag aufgehalten. Im
Herbste, als die Wollmanns sich zu ihrem Römerzuge
rüsteten, war ich in Antwerpen. Zu lernen war dort
mehr als irgendwo für mich, aber wenn des Spät-
herbsts schwere Nebel uir das Malen zu guter Tages-
zeit verhinderten, wenn die Sonne wie ein verlöschen-
der Mond am Himmel stand, wenn Schnee, von
Rauch und Qualm gefärbt, in stumpfem Grau die
Straßen und Dächer bedeckte und die schönen Linien
der Architektur und der Statuen in widrige Formlosig-
keiten verwandelte, wenn Abends die Dünste aus dem
Wasser und aus den Kanälen emporstiegen, daß das
Licht der Laternen und die schönen Ausstellungen der
Magazine nur in matter Gebrochenheit sichtbar wurden,

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dann flog es mir bisweilen wie ein Riß durch die
Brust. Gleich einem Klang aus ferner Zeit zog ein
seliges Erinnern an den Süden und an seine Sonne
und an seine Farbenschönheit mir durch den Sinn,
an den Süden, den ich nicht genug geachtet und ge-
schätzt hatte, als ich in ihm gelebt.
Ich konnte es mir mit quälender Deutlichkeit vor-
stellen, wie sie Arm in Arm durch die blühenden
Gärten des Monte Pincio gingen -- Clamor und
Eäcilie!- Wenn ich es wollte, konnte ich in wenig
Tagen bei ihnen sein. Ich konnte an Dora's Seite
wandeln, mich der Bewunderung erfreuend, die ihre
Schönheit in der Wittwentracht erregte. Wenn ich es
wollte! --
Aber ich blieb. Ich wollte arbeiten, wollte ver-
gessen. Und was hatte ich denn zu vergessen, als
eine kindische Phantasie, als eine Jugendliebe und
einen flüchtigen Augenblick, als ein thörichtes Hoffen!
Ich war kein Jüngling mehr, als ich nach Holland
ging. Ich hatte mein siebenundzwanzigstes Jahr zurück-
gelegt, ich mußte Ernst machen mit mir selber und
mit dem Vergessen meiner Träume, und ich that's.
Ich schrieb durch lange Zeit weder an Frau von
Marville, noch an meinen Freund, auf die Gefahr hin,

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ihnen undankbar zu scheinen. Meine Zukunft sollte-
mein Rechtfertiger vor ihnen sein; und da ich mich
ausschließlich an die Stunde und den Tag hielt, ent-
lockte ich ihnen, was sie mir zu bieten hatten.
Ich blieb ein Jahr lang in den Niederlanden,
wei Jahre in Paris. Ich machte aus mir, was ich
meiner Natnr nach eben aus mir machen konnte, und
was ich geworden bin. Meine Arbeiten fanden An-
klang bei den Künstlern, Beifall und Käufer unter den
Liebhabern. Ich hatte mehr Aufträge und Anfragen,
als ich befriedigen konnte, mehr Geld, als ich zu ge-
brauchen geneigt war. Da ich. Freude an meiner
Arbeit hatte, gewann ich sie an mir selber und an
meinem Leben. Paris war mir sehr in's Herz ge-
wachsen. Seine Gesellschaft, seine Frauen beschäftigten
mich angenehm, und ich war, was man einen ge-
machten Mann nennt, als Leonhard Jahr und Tag
nach Cäeilien's Verheirathung für einen längeren Auf-
enthalt ebenfalls nach Frankreich kam.
Wer ehrlich gegen sich und Andere ist, wird es
nicht leugnen können, daß es ihm einmal Vergnügen
gemacht hat, Denjenigen, die ihn mittellos und un-
beachtet, die ihn in geringen Verhältnissen gekannt
haben, darzuthun, was er aus sich gemacht hat. So

Lt
empfand ich neben der Herzensfreude, den besten
meiner Freunde nach langer Trennung wiederzusehen,
eine große Genugthuung darüber, als er mich in
meinem schön ausgestatteten Atelier aufsuchte, als ich
ihn in das hübsche kleine Entresolquartier einführen
konnte, in dem ich ein paar Zimmer inne hatte. Es
sah jezt anders bei mir aus, als in der öden Stube,
in welcher ich in Berlin gemalt, und in der Kammer
daneben, die meine Wohnung gewesen war. Ich ge-
noß es dreifach, wenn die französischen Meister, zu
deren Werkstätten ich den Freund geleitete, mich mit
ihrem herzlichen uud kameradschaftlichen: ,Kuis bon
Jour, won eher !? begrüßten; wenn Goupil mich in
seiner Kunsthandlung mit der Frage empfing, ob ich
denn für ihn nichts hätte? und wenn man mich in
der Gesellschaft in einer Weise vorstellte, die es darthat,
daß der Name Kronau, wenn er den französischen
Lippen auch hart ankam, doch einen guten und be-
kannten Klang gewonnen hatte. Und, sagte ich mir
manches Mal im Stillen, Leonhard hat mich nicht
einmal gesehen in unserem Hof, nicht gesehen in den
großen Stiefeln und in dem verwünschten langen Rock
mit seinen langen Aermeln.
Wenn ich mit Leonhard zusammen war, der freu-

L
dig an meinem Wohlergehen theilnahm, weil er selber
ein tüchtiger Künstler geworden, kamen mir oftmals
die Byron'schen Worte in den Sinn: ,s ehsmge eume
orer the zpirit ok mz ärear!? (Ein Wechsel kam in
meines Traumes Geist.s Ohne daß ich es wünschte
und wollte, kam er naturgemäß immer auf die Menschen
und den Lebenskreis zurück, die er eben erst verlassen
hatte. Von ihnen zu hören, ohne daß die alten Er-
innerungen und die alte Zuneigung zu ihnen in mir
rege wurden, war nicht möglich; und bald und immer
lebhafter tauchte in mir der Wunsch auf, auch sie ein-
mal so wie Leonhard hier in Paris zu haben, ihnen,
namentlich meiner Pathin, zu zeigen, wie gut es mir
ergehe, und der liebenswürdigen schönen Gräfin zu
beweisen, daß der Tölpel, dem sie dereinst so mitleidig
beigesprungen war, ihrer kindlichen Theilnahme wirklich
werth gewesen.
Es war ein Jahr nach dem Staatsstreich, als ich
wieder mit Leonhard zusammenkam. Paris hatte sich
von seinem Schrecken erholt, das Kaiserreich war pro-
klamirt und lockte die Vergnüügungssüchtigen zu seinen
glänzenden Festen. Eines Tages, als das nahende
Frühjahr die Stadt in all' ihrer fröhlichen Beweglich-
keit zeigte, spazierten wir unter den Lustwandelnden

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im Boulogner Gehölz, und während wir uns unwill-
kürlich zu einem vergleichenden Rückblick auf die Heimat
gewiesen fanden, machte ich die Bemerkung, daß es
schön sein würde, hätte man die werthen Menschen
einmal hier im Gehölz, mit denen man sonst im Thier-
garten zu gehen gewohnt gewesen war.
,Dazu ist wenig Aussicht!' meinte Leonhard.
,Mein Vater ist nicht mehr reiselustig, und wenn er
seine Badekur abgemacht hat, bleibt er gern auf
unserem Landsitz, den er wirklich so verschönert hat,
daß Du Dich wundern würdest. Die Mutter und
Frau von Marville haben die längere Trennung von
ihren Männern, welche die italienische Reise ihnen auf-
erlegte, auch nicht mehr nach ihrem Geschmack gefunden.
Der General geht damit um, Waldritten von einem
Dorfe zu einem Flecken erheben zu lassen und ihm die
Gerechtsame eines solchen zu verschafen, und hat da-
neben das Vermögen der Tochter zu verwalten, das
nach des Grafen Testament ein großes und oöllig
freies ist, wenngleich das Maforat an den jüngern
Berkow gefallen ist, weil Dora keine Kinder hat.
Glamor und Cäcilie sizen wie die Turteltauben mit
ihrem Jungen in ihrem Neste, und wenn er Urlaub
bekommt, so geht es regelmäßig und wie es sich ge-

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bührt zu den Eltern nach Waldritien, und von Dora's
Reisen ist die Rede nie gewesen.!
Zum ersten Male fragte ich, weil ich mich meiner
sehr gewiß fühlte, ob sie den Tod des Grafen ver-
schmerzt und wieder Lust am Leben gewonnen habe.
,Da fragst Du mich zu viel!' entgegnete er.
,Ich hahe mich mit der Gräfin in den drei Jahren,
seit denen ich sie durch Cäcilie näher kenne, nicht um
eine Linie näher zusammen finden können, denn sie
hat es gar kein Hehl, selbst gegen Cäcilie nicht, daß
ich ihr nicht sympathisch bin. Es ist so etwas zwwischen
uns, wie zwwischen Gretchen und Mephisto. Ich bin
ihr nicht ernsthaft, meine Sitten find ihr nicht streng
genug, mein gelegentlicher Scherz gefällt ihr nicht, ist
ihr zu leichtfertig; und ich für mein Theil weiß mit
dieser gräflichen Unschuld vom Lande, die doch andert-
halb Jahre Berkow's Frau gewesen ist, auch nichts
anzufangen, wenn ich ihre Schönheit immer und immer
wieder bewundert habe.!
Es ging mir wie der Gräfin. Auch mir gefiel
Leonhard in diesem Augenblicke gar nicht.
,Ist sie viel in Berln? erkundigte ich mich.
,Ich sagte Dir schon neulich,! entgegnete er, ,
, daß sie eigentlich sehr wenig bei den Eltern ist. Sie

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ist auch darin eine sonderbare Frau. Sie hat sich in
den Gedanken eingelebt, daß man, wenn man nicht
glücklich sei, wenigstens frei sein, und wenn man seinen
Herrn und Meister verloren habe, sein eigener Herr
sein müsse. Das hört sie natürlich zu sein auf, sobald
sie in Waldritten ist; und obschon ein ganzes Korps
von Männern sie umschwärmt, von denen Jeder sehr
bereit sein würde, ihr Herr und Meister zu werden
und sie glücklich zu machen, blüht sie bis jetzt in ihrer
gebenedeiten Einsamkeit gelassen fort, was Cäcilie
wahrscheinlich darum so sehr bewundert, weil ihr
Temperament einer solchen Beschaulichkeit durchaus
nicht fähig wäre.!
,So stehen also die beiden Frauen einander nahe?
fragte ich weiter.
,Sie sind ein Herz und eine Seele! und, setzte
Leonhard hinzu, ,das Auffallendste ist dabei, daß
Eäcilie, die ja sehr viel klüger als die Gräfin ist, sich
deren kindlichem Gemüthe, das ist der Kunstausdruck,
mit Bereitwilligkeit unterordnet, wenn Clamor es nicht
hindert. Sie behauptet, die Gräfin treffe mit nie
irrender Sicherheit immer das Rechte. Sie traut ihr
eine Selbstbeherrschung, eine Entschiedenheit des
Handelns, eine Charakterstärke zu, die sie, wie ich ver-

25
muthe, hellseherisch errathen, da die Gräfin bisher,
meines Wissens nach, von all' diesen Tugenden noch
keinen Beweis geliefert hat. Kurz, es ist ein ganz
überspanntes Verhältniß zwischen den beiden Frauen,
das aber bald in sein rechtes Geleise gelangen wird,
wenn einmal der Rechte kommen und die selbstherrliche
Freiheit der Gräfin in den Armen eines neuen tüchtigen
Herrn und Meisters ihr vernünftige Ende finden
wird.!
Der neue Kaiser fuhr vorüber, alle Augen, auch
die unseren, wendeten sich seinem Wagen zu. Von
der Heimat war nicht mehr die Rede, und da ich er-
fahren, wie es dort mit den mir werthen Menschen
stand, fragte ich in der nächsten Zeit auch weiter nicht
nach ihnen. Indeß, wenn ich bei meiner Arbeit in
der Werkstatt war, betraf ich mich bisweilen auf aller-
lei Gedanken an Berlin. Ich hatte es seit fünf
Jahren nicht gesehen, war seit fünf Jahren fern vom
Vaterlande gewesen und es hatten sich dort Zustände
herausgebildet, die ich dort noch nicht gekannt hatte.
Preußen war ein absolut regierter Siaat gewesen, als
ich nach talien gegangen war, die Revolution, ein
Krieg, eine Neugestaltung der Verfassung waren über
das Land gegangen und eingeführt worden, und ich


mnßte mir eingestehen, daß ich halbwegs ein Fremder-
in der Heimat geworden sei. Es kamen mir Bilder,
Photographieen, Kupferstiche mit der Schilderung von
Volksszenen zu Gesichte, wie sie nicht möglich gewesen
waren vor fünf Jahren. Aber freilich, fünf Jahre
waren auch eine lange Zeit! Was hatte ich in ihnen
nicht Alles erlebt! War ich doch selber auch ein
Anderer geworden.
Je weiter das Jahr fortschritt, je freundlicher
und blühender Paris sich zeigte, desto öfter dachte ic
daran, daß das Grünen und Blühen nun auch bei
uns beginne; und wie der Mai herankam, ein unge-
wöhnlich heißer Mai, meinte ich zum ersten Male zu
bemerken, daß mir die Luft zu schwer sei in der
Stadt. Ich fühlte Kopfschmerzen. Die hatte ich frei-
lich sonst auch beim Beginn der warmen Jahreszeit
gehabt, aber ich hatte sie nicht beachtet, so lange ich
auf meine Ausgaben noch große Rücksicht nehmen
mußte, und nicht hatte kommen und gehen und reisen
-können nach Belieben. Jetzt fand ich, daß es mir
vor den Augen flimmerte, daß ich allzu viel gearbeitet
hatte und daß ich eine Pause machen müsse.
Ich sprach mit Leonhard, mit meinen anderen
Sanny Lewald. Helmar.

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Freunden von Reiseplanen, von einem kurzen Ausflug,
längstens von einer Entfernung his zum Winter
Man fand das so sehr in der Ordnung, daß es mich
an das Vorhaben fester band, als ich's gewesen war.
Leonhard übernahm mein Atelier, das er mir sehr be-
neidet hatte, ich brach meine Zelte für die Wander-
schaft ab. Der Tag meiner Abreise wurde festgesezt,
aber ich hatte mir selber so wenig klar gemacht, wohin
ich eigentlich zu gehen wünschte, daß an dem Mittag
vor der Abreise, an dem wir mit unserer gewohnten
Gesellschaft bei Tische saßen, einer der Genossen mich
fragen konnte: , Und wohin gehen Sie denn eigentlich?
,Nun zunächst doch in jedem Falle nach Berlin!
entgegnete Leonhard an meiner Statt.
, Ja, nach Berlin!' wiederholte ich - und ich
athmete tief auf, als komme nach heißem, dürrem Wege
ein Strom frischer Seeluft mir entgegen. , Zunächst
natürlich nach Berlin!'' sagte ich noch einmal.
Ich hätte Leonhard um den Hals fallen können.
Nun hatte ich, was ich wollte, und hatte die Ent-
scheidung doch nicht selbst getroffen. Er hatte das
Wort ausgesprochen, hatte es als selbstverständlich an-
gesehen, daß ich wieder nach Berlin ging; und ich

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wollte, ich mußte auch durchaus dorthin. Ich mußte
doch meinen alten Meistern meine Arbeiten, meine
Studien zeigen. Ich wollte einmal als ihresgleichen
neben ihnen stehen, und ich wollte auch die Menschen
wiedersehen, die mir doch die Liebsten und die Nächsten
waren in der Welt.
Mit Namen nannte ich sie nicht-- nicht einmal
in meinem stillen Herzen. Aber ich war hoffnungs-
selig, als ich den Wagen bestieg, als hätte ich noch nie
eine Reise angetreten. Ich hatte es nie geglauht,
daß ich Paris mit solcher Leichtigkeit, mit solcher Lust
verlassen könnte. Ich mußte nach Berlin.
z-