Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 21

-Linundzwansigstes -Zapilel.
Ein Emporkömmling ist ein Thor, wenn er die
Menschen vergessen machen will, daß er aus geringen
Anfängen es zu etwas gebracht hat. Er ist ein
schwacher Kopf, wenn er es nicht erlernt, sich nicht immer
auf das Neue über Dasjenige zu verwundern, was er
errungen und als ein ihm zu Recht Gebührendes zu
genießen hat. Aber wenn ich aus mir selber heraus
auf Andere schließen darf, so ist ein halhwegs gescheidter
und gebildeter Emporkömmling ein glücklicher Mensch.
Denn wir besitzen das Selbsterworbene mit ganz
anderer Empfindung als das Ererbte; das langsam
von uns selbst Zusammengebrachte hat für uns auch
seine historische Bedeutung und vielleicht eine noch

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höhere, als der von Altvordern, die wir nicht kannten
zusammengebrachte und auf uns gekommene Besitz.
Sogar die harmlos fröhliche Eitelkeit des Empor-
kömmlings, die immer eine: Weile anhält, ist eine
Genugthuung und ein Genuuß, welche der in Reich-
thum und Vornehmheit Geborene nicht kennen kann,
und um die er den Emporkömmling, wie ich glaube,
zu beneiden hat.
Der Meister der geschriebenen Genremalerei, der
dänische Dichter Andersen, der mir in Jtalien begegnet
und mein Freund geworden war, weil wir mit gleichen
Auge das Große in dem Kleinen sahen, erzählt eine
Geschichte von einem kleinen Mädchen, das zum ersten
Male schön geputzt vor seinen Spiegel tretend, in die
Worte ausbricht: ,Was werden jetzt die großen
Hunde pon mir sagen?-
Was werden jetzt die großen Hunde von mir
sagen? dachte ich auf meine Weise innerlich, als ich
auf dem Bahnhof in Berlin dem Droschkenkutscher die
Weisung gab, mich in einen der ersten Gasthöfe zu
fahren, als der schnell. bereite Hausknecht mein elegantes,
reichliches Gepäck beflissen die stattliche Treppe hinauf-
trug und ich den Namen Helmar Kronau mit der


Zuversicht in das Fremdenbuch einschrieb, man werde
es wohl wissen, wer Helmar Kronau sei.
Es war ein schöner, warmer Juniabend. Ich hatte
mein Abendbrod genommen und trat auf den Balkon
hinaus. Der Mond beleuchtete die große Masse des
alten Schlosses. Die Bronzeverzierungen der Kuppel
glänzien hell, das Wasser der Spree floß glizernd
unter den weiten Bogen der Brücke langsam hin. Man
hatte nicht eben weit zu gehen von der Kaserne, in
der ich einst drei Jahre lang gewohnt, bis zu dem
Gasthof, von dessen Balkon ich jetzt herniedersah; und
doch -- wie lang war er gewesen, der Weg von dort
TT--- - - =
Die Stunde war spät, aber ich konnte mir es
nicht versagen, ich mußte noch einen Gang in's Freie,
durch die Straßen machen. Still. und einsam, wie
sie vor mir lagen, waren sie mir doch belebt. Fch
ging die Linden entlang, da lag das Vaterhaus des
Freundes, das auch mir offen gestanden hatte und mir
freundlich gewesen wie ein solches. Ich bog in die
Wilhelmsstraße ein, ich wollte sehen, wo Clamor und
Eäcilie wohnten. Es war ein neues, schönes Haus.

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Es war viel neu entstanden, viel verändert in den
Straßen. Und wie ich dann wieder, mich rückwärts
wendend, unter den Linden auf dem Pariserplatze stand
und hinaus schaute durch die Pfeiler des schönen
Thores, den langen beleuchteten Weg hinab, den ich
so manchmal im heißen Sonnenbrand in Reih' und
Glied mit vollem Gepäck entlang marschirt, den ich so
viel liebe Mal in später Nacht mit Leonhard und
anderen fröhlichen Genossen aus seiner Eltern Land-
haus kommend, zu meinem Bodenstübchen zurück ge-
wandert war, da zog es mich hinaus in's mond-
beschienene, duftige junge Grün; und durch die stillen
Gänge des Parkes wandernd, stand ich nach kurzem
Wege vor dem Hause, in dem sie wohnte.
Es war eine kleine Villa, ein schönes Erdgeschoß,
ein niedriges Gestock darüber. Säulen trugen die
offene Vorhalle, ein Eisengitter faßte den vorderen
Garten ein. Ich war in früheren Jahren oft, wie oft!
gleichgültigen Sinnes an dem Hause vorüber gegangen,
ohne auch nur zu denken, wems zu eigen sein möge.
Jetzt war es ihr Besitz, jetzt - wwas half mir all' mein
Sträuben, was half's mir, daß ich mich beschwichtigt
und betrogen hatte für und für- jetzt schloß es all'

26s
mein Glück und all' mein Leid, all' meines ganzen
Lebens holdselige Thorheit in sich ein.
Ich schämte mich vor mir selber. Ich war so
sicher gewesen, daß ich sie vergessen- nein! daß ich
sie verschmerzen gelernt, weil sie eines Andern Weib
gewesen, weil ich ihrer neben Anderen bisweilen auch
vergessen hatte. Und nun ich hinübersah nach ihrem
Hause, da war sie wieder da, die ganze, nie erloschene.
reine Liebe meiner Jugend.
Dac Haus war schon dunkel. Nur in dem
mittleren Zimmer des oberen Stockwerks brannte noch
die Lampe. Die Fenster standen ofen. Ich sah die
Vorhänge sich im Luftzug leise bewegen, sah die Farbe
der Wände und die Rahmen der Bilder an denselben.
Mich verbarg der Baumesschatten. Fast ohne zu über-
legen, was ich that, stimmte ich ein Liedchen an, das
ich auf der Landstraße während meiner Wanderzeit als
Malergesell erlernt, und das ich ihr bei unseren Morgen-
spaziergängen in Waldritten zum Defteren gesungen
hatte, weil sie's gerne hörte.
Als ich den zwweiten Vers anhub, sah ich eine
weibliche Gestalt an's Fenster treten. Das war sie.
Nun sah ich sie wieder - fern, mir unerreichbar -

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aber ich sah sie doch! Die Stimme wollte mir ver-
sagen, indeß mich rasch bemeisternd, fnhr ich zu fingen
fort, indem ich mich tiefer und tiefer in den Park
zurückzog, so daß die letzten Klänge nur aus der
Ferne noch ihr Ohr erreichen konnten, Sie sollte ruhig
schlafen!
Mehr als in dieser Stunde habe ich sie nie ge-
liebt!-
Als ich dann eine Weile später, schweigend und
still für mich des gleichen Wegs zurückging, waren
ihre Fenster dunkel und geschlossen. Das kleine Haus
lag ruhig da. Es war kühl geworden. Der Thau
erglänzte mondbeschienen auf ihrem Dache und auf dem
Rasenplatz vor ihrer Thüre. Ich hatte Schön Rohtraut
wiedergesehen. Nun war ich in der Heimat, ihr wieder-
gegeben und mir selbst; erst wieder ganz ich selbst!
Er hatte die Villa gezeichnet mit der Gestalt am
Fenster, und sich im Baumesschatten lauschend. Die
Villa ist heute noch dieselbe, nur durch kleine Anbauten
unwesentlich verändert. Und so wie dieses Kapitel
e
seinen Schmuck durch seine Federzeichnung hatte, so
fehlte sie auch keinem der noch folgenden.
Dann ging der Text dahinter also wieder fort:

2e
Glauben Sie nun, daß ich am nächsten Morgen zu
ihr hinging?-- Gott bewahre! -- Der Helmar aus
Waldritten, der gute, dumme Junge, hatte jetzt sein
Theil gehabt; der Maler Kronau forderte, als der
schöne Frühlingsmorgen ihm klug und klar in's Zimmer
schien, nun auch sein Recht, und kam nun an die Reihe.
Das RohtrautBild war seinerzeit von der Aus-
stellung in den Besitz einer der königlichen Prinzessinnen
übergegangen, die mir damals den Wunsch hatte aus-
sprechen lassen, meine Studien und mich zu sehen,
wenn mein Weg mich wieder in die Heimat führe.
Ich hatte mich bei ihr zu melden, hatte die Besuche
bei meinen alten Lehrern und Gönnern abzustatten,
hatte diejenigen meiner Kunstgenossen aufzusuchen, denen
gleichzukommen mein Wunsch und Ziel gewesen war,
und denen ich mich nun wohl zugesellen durfte, wie ihr
Empfang es mir erfreulich darthat.
Darüber verstrich der Vormittag. Ich aß mit
Freunden. Die Mahlzeit zog sich lange hin, und erst
am Abend kam ich nach der Wollmann'schen Besitzung
hinaus, in welcher Clamor und Cäcilie während der
Sommermonate der Eltern Gäste waren. Wir fanden
uns zusammen, als hätten wir uns gestern erst ver-

2?
lassen. Clamor hatie sich, wie seine Ehe mit Cäcilie,
und sein Leben in und mit der Wollmann'schen Familie
es natürlich machten, freier und vollständiger entwickelt,
als es unter dem alleinigen Einfluß seines Vaters
vielleicht der Fall gewesen sein würde. Er hatte sich
eine schöne, vielseitige Bildung angeeignet, manche
Vorurtheile abgelegt. Er hatte Selbstständigkeit des
Urtheils gewonnen; und da Cäcilie durch ihn und das
Vorbild ihrer aristokratischen Schwiegermutter an
ruhiger Haltung ihrerseits ebenfalls gewonnen hatte,
konnte man sich kaum zwei Menschen denken, die besser
zu einander paßßten, einander besser ergänzten, als
dieses glückliche Paar mit seinem schönen Knaben. Die
gelegentlich hervorbrechende Freude über ihren Adel,
das Wohlbehagen, mit welchem Cäcilie von ihrem
Schwiegervater, dem General, von ihrer Schwägerin.
der Gräfin, oder von ,ihren jezigen Verhältnissenr?
sprach, hatten für mich etwas Belustigendes. Aber
sie war so hübsch, so gut und so erfreut, mich, ihren
einstigen Schützling, in günstiger Lage wiederzusehen,.
daß mir neben ihr wieder recht von Herzen wohl ward.
,Sie haben das Genie, immer zur rechten Zeit
zu kommen,! rief sie mir fröhlich entgegen. , Seit

268
Wochen habe ich eben Sie hieher gewünscht. Sie
müssen mir unsern Jungen für den Waldritter Groß-
vater malen, damit sein Bild zu Zeiten hinkommt,
wo er selber einmal hingehört. -- Aber waren Sie
schon bei der Gräfin? Weiß sie, daß Sie hier sind?
Ich verneinte Beides, sie zeigte sich darüber ver-
wundert. Ich berichtete, wie ich erst am verwichenen
Abend nach Berlin gekommen, wie mir der Morgen
hingeschwunden sei. Sie legte ein großes Gewicht
darauf, daß ich Aussicht hätte, bei Hofe empfangen
zu werden. Sie erzählte mir, daß sie natürlich vor-
gestellt worden sei, bemerkte daneben, daß sie dem und
jenem von den Prinzessinnen beschützten Hülfsverein
als eine der Vorsteherinnen mit angehöre, da sie den
Segen freiwilliger Hülfeleistung in den Lazarethen an
Elamor's Lager habe kennen lernen, und daß die
Prinzessinnen sich immer sehr gnädig gegen sie be-
zeigten. ,Die Gräfin, ,lezte sie hinzu, , hat für das
Vereinswesen nicht den rechten Sinn, fie muß in
Allem für sich selber sein. Sie ist überhaupt eine
eigene Natur. Wir haben sogar Noth, daß se zu
Hofe geht, und das gehört sich doch.
Während sie später mit mir den Garten durch-

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wanderte, mir die Verschönerungen zu zeigen, welche
der Kommerzienrath vorgenommen und von denen
schon Leonhard mir gesprochen hatte, kam sie noch
einmal auf ihre Schwägerin zurück.
, Machen Sie nur, daß Sie bald zur Gräfin
kommen,! sie nannte sie mit Vorliebe stets mit diesem
Titel, , denn möglicherweise bleibt sie nicht mehr
lange hier.!
Ich fragte, ob sie eine Reise zu machen denke.
,Nicht eigentlich eine Reise,! entgegnete Cäcilie,
,wir möchten sie gerne überreden, wieder die Bäder
von Landeck zu besuchen. Der General, meine Schwieger-
mutter und ihre einstige Gouvernante, die sie seit des
Grafen Tode wieder zu sich genommen hat, rathen
ihr ebenfalls dazu. So hoffen wir, daß sie uns nach-
giebt, obschon das im Allgemeinen nicht ihre Sache ist.?
,Ist denn die Gräfin leidend ? erkundigte ich mich.
Eäcilie sah sich um, wir waren allein, und sich
mit ihrer alten, kecken Geradheit zu mir wendend,
sprach sie lachend: ,Sie sind ja ein verständiger
Mensch, mit Ihnen kann man also ehrlich reden. Für
ihre Gesundheit hat die Gräfin gar nichts nöthig, sie
ist gesund wie ein Fisch im Wasser! Aber einen Mann.

Ne
muß sie wieder haben, und zwwar bald. Sie kann doch
mit ihren zweiundzwanzig Jahren und mit ihren Ein-
künften in keinem Falle Wittwe bleiben! Und wenn
sie nicht bald ihren Herrn findet, wird sie uns zu
eigenwillig und zu herrisch! Glücklicherweise aber ist
ein solcher nah' in Aussicht!?
, Und deshalb soll sie fort? fragte ich, den Mit-
theilungen mit wachsendem Erstaunen folgend.
,Ach!r rief Cäeilie, ,die Sache hängt so zusammen.
Die Schwiegermutter, Frau von Marville,! verbesserte
sie sich, ,hatte in dem Sommer nach unserer Ver-
heirathung die Bäder von Landeck nöthig, wohin, wie
Sie wissen werden, die Schwester unserer Matestät
alljährlich geht. Daß die Gräfin ihre Mutter damals
begleitete, verstand sich ganz von selbst, wie es sich
auch von selbst versteht, daß der hohe schlesische Adel
aus der Umgegend von Landeck sich immer während
der Badezeit der königlichen Hoheit dorthin begiebt,
ihr seine Huldigung darzubringen. Unter diesem Adel
befand sich in jenem Jahre auch der Fürst von Wald-
stein. Er hatte der Gräfin schon bei Lebzeiten ihres
Mannes in allen Ehren sehr den Hof gemacht. Als
er sie dann in Landeck, und zwwar als Wittwwe antraf,

A
nahm die frühere Verehrung eine andere, ein wärmere
Farbe an. Er ist jung, schön, liebenswürdig, in ge-
ordneten und glänzenden Verhälknissen, sehr verliebt
in die Gräsin - und bisher von der Gräfin nicht
nach Gebühr gewürdigt, obschon er die ganzen Jahre
hinduurch als ein echter treuer Ritter beharrlich seine
Bewerbung fortgesetzt hat.!
, Und so will man die Frau Gräfin ihm gewisser-
maßen entgegenführen?! bemerkte ich mit einer Miß-
empfindung, die sich der Scharfsichtigen gegen meinen
Willen wohl verrathen mochte.
Sie sah mich lächelnd an.
,Thun Sie doch nicht, Helmar, als kämen Sie
direkt von unseren idyllischen Waldritter Fluren, statt
von Paris und aus der großen Welt. War denn die
erste Heirath der Gräfin- eine Ehe aus großer Leiden-
schaft und Liebeß
,Ich habe das geglaubt!' erwiderte ich, der
Wahrheit nicht ganz treu.
,Da glauben Sie mehr als ich, und vielleicht
mehr als die Gräfin selbst jezt glaubt!' fiel mir
äcilie mit ihrer nationalen Lebendigkeit in's Wort.
Aber sie mochte es bedauern, daß sie es gethan hatte,

A
denn sie lenkte augenblicklich ein. ,Dora war ja sehr
glücklich mit dem Grafen,! sagte sie. ,Wie sollte sie
auch nicht? Er war ein Kavalier in dem vollen Sinn
des Wortes, und er hielt sie wie ein Heiligthum. Sie
hatte sich Glück zu wünschen zu der Ehe. Aber was
weiß denn ein in ländlicher Einsamkeit erzogenes
siebenzehnjähriges Mädchen überhaupt von Liebe? Der
Graf wollte sich verheirathen, die Eltern wünschten
für die einzige Tochter eine schickliche Partie. Der
Graf, ein schöner, brillanter Mann, stellte sich dem
Kinde in den Weg, hielt ihm die Hand hin, und das
Kind schlug mit Freuden ein. Nennen Sie das Liebe?
ist das Leidenschaft?
,Gewiß nicht!? betheuerte ich von Herzen.
,Sehen Sie, fuhr Cäcilie eifrig fort, ,ich glaube,
die Menschen würden über sich selbst erstaunen, wenn
sie einmal an sich und Anderen es durch irgend einen
Zauber inne werden könnten, wie wenig eigentliche
Liebesheirathen zu finden find. In gar vielen Fällen
wird dem Manne, oder dem Mädchen, die Person in
den Weg geschoben und hingehalten, in der Weise, in
welcher der geschickte Taschenspieler seinem arglosen
Gegenüber die Karte hinhält, welche er von ihm ge-

A
zogen wissen will. Man zieht die Karte sorglos und
ist glücklich über seine freie Wahl. Wird man dann
vielleicht später auch des kleinen Kunstgrifs inne, so
hat man sich an und zu einander eingewöhnt, und da
namentlich unter uns Deutschen die Menschennatur
gutartig ist, so geht Alles ganz vortrefflich und wir
glauben an Liebesheirathen wie an viele andere Dinge,
die zu erweisen in vielen Fällen ebenso schwierig sein
möchte.!
Cäcilie war immer in bester Laune, wenn sie in
dieser Weise ihren Einfällen den freien Lauf ließ.
Mich aber regten ihre ernsten Mittheilungen wie ihre
Scherze weit mehr auf, als sie es ahnen konnte, und
ich war nlchts weniger denn ruhig, als ich am
nächsten Morgen, vor der Gräfin Zimmer stehend, mich
bei ihr melden ließ.
Fanny Lewald. Helmar.