Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 22

,weiundswanzigstes -Fapilel.
Der Diener öffnete mir die Thür des fenster-
losen, länglich runden, von Säulen getragenen Saales.
Die hochgewölbte Decke ließ das Licht von oben nieder-
fallen. Zur Rechten und zur Linken standen die
Zimmer offen; durch ein drittes Zimmer, dem Eingang
gegenüber, blickte man in ein Gewächshaus und in's
Freie. Der Raum, nach altitalienischen Vorbildern er-
baut, hatte etwas Ungewöhnliches für den Norden;
die reiche, sich ihm stylvoll anpassende Einrichtung
vollendete den edeln Eindruck.
Aus dem Garten konmtend, trat Dora in das
Gewächshaus und mir rasch entgegen: eine stolze, juno-
nische Gestalt.

A
Es zuckte mir wie ein Schnitt durch's Herz. zu
denken, daß ihre jungfräuliche Schönheit in den Armen
eines Andern zu ihrer vollen Pracht herangereift war.
Denn sie war bedeutend gewachsen, ihre Formen waren
üppiger geworden. Der einst mädchenhaft gesenkte
Kopf saß frei und stolz auf ihrem schönen Halse, auf
welchen das noch dunkler gewordene Haar in langen
Locken zu beiden Seiten der Schläfen bis zu dem Busen
niederfiel. Wie die Göttin des tempelartigeu Saales
stand sie vor mir, anbetungswerth in ihrer Herrlichkeit.
,Willkommen, Kronau,! rief sie mir entgegen,
mit einer Stimme, die mir auch fremd geworden war,
weil sie sich vertieft hatte, ,willkommen! Ich erwartete
Sie heute, denn Cäcilie hatte mir geschrieben, daß Sie
hier wären. Und so waren Sie's denn auch, der vor-
gestern mir das Wanderlied gesungen ? setzte sie
hinzu, indem sie mir die Hand reichte, die ich, und
mit welcher Wonne, an meine Lippen drückte.
,Erkannten Sie das Liedchen noch? fragte ich
voll Freude.
,Wie sollte ich nicht? entgegnete sie mir. , Sie
haben ja gesehen, es lockte mich sofort an's Fenster.
z8,

Ae
Ich meinte sogar Ihre Stimme zu erkennen, indeß ich
hielt es für eine Einbildung, weil ich nicht wußte,
daß Sie bereits nach Deutschland aufgehrochen wären.
Aber kommen Sie, setzen wir uns, erzählen Sie. Sie-
sind inzwischen ein berühmter Mann geworden und
ich-
Sie brach plötzlich ab. Es fiel ein dunkler
Schatten über ihr Antlitz, so tief, so wahr, wie ihre -
mich beseligende Freude bei unserem Wiedersehen.
Wir schwiegen Beide eine Weile. Ich hätte stunden-
lang vor ihr sizen und sie betrachten, mich daran er-
freuen mögen, wie das Kleid von perlfarbener Seide
die Büste und den Leib umspannte, wie der blendende
Hals und die schönen Arme aus den schwarzen Spitzen
hervorleuchteten, mit welchen das Kleid verziert war,
wie der Sammetgürtel und die goldenen Spangen die
Taille und das Handgelenk umgaben, und wie schön
das von oben in vollem Strome herniederfließende
spielte, wwährend es helle Reflexe auf dem glänzenden -
Licht ihr dunkles Haar und ihre reine Stirn um-
Seidenstoffe ihres Gewandes hervorrief.
,Auch Sie, Kronau,! sagte sie dann nach einer
Pause, ,haben an meinem Manne viel verloren, einen

A?
treuen Freund verloren. Er hatte Sie lieb. Ihr
rasches Wachsen, Ihre schönen Bilder machten uns
große Freude. Wir waren Beide wirklich stolz auf
Sie. Und was ich etwa geworden bin, und daß ich
gelernt habe, auch ohne ihn zurecht zu kommen und
mich auf mich selber zu verlassen, das verdanke ich
ihm. Mein Herz hat von jeher vor ihm dagelegen
wie ein offenes Buch.!
Ihre Ruhe nahm mir den kleinen Rest der meinen.
War es Zufall, war es Absicht, daß sie mir dies
sagte?
Es lag keine Weichheit, keine Klage weder in den
Worten, noch in ihrem Ton; nur ein warmes, dank-
erfülltes Gedenken und Erinnern. Hatte sie es ver-
gessen, wie wir geschieden waren? so sehr vergessen,
daß auch die Stunde des Wiedersehens sie nicht mehr
daran mahnte? Hatte sie es dem Grafen vertraut,
wie jener Augenblick uns überraschend zusammengeführt?
und hatte er sie gelehrt, als eine flüchtige Aufwallung
zu betrachten, was aus lang verschlossener Knospe in
jenem Augenblick zum Lichte erblüht und was in mir
durch alle meine Wandlungen, unvergeßlich und ge-
liebt, lebendig geblieben war? - Ich wußte mich nicht

s
zurecht zu finden. Es war mir deshalb sehr erwünscht,
daß Dora sich nach meinen äuuseren Erlebnissen er-
kundigte, denn ich konnte, als ich sie ihr in großen
Umrissen flüchtig mitgetheilt, sie nun um die ihren
fragen.
, Von meinem Leben ist seit dem Tode meines
Mannes nicht viel zu sagen,! entgegnete sie. , An dem
Tage, an welchem er, ehe er in's Feld zog, sein Testa-
ment gemacht hatte, rief er mich in sein Zimmer. Ich
möchte Dir keinen trüben Gedanken einflößen,: sagte
er, denn ich hoffe, ich kehre Dir wieder. Ist es uns
anders bestimmt, so wahre Dir Deine Freiheit. Hüte
Dich vor jeder Beeinflussung, die Dich mit Dir selber
uneins machen könnte; und lebe dann ein langes.
schönes Leben in dem Sinne, in dem wir gelebt haben,
in dem Gedanken, daß man zunächst für sich selber
und aus sich heraus zu leben hat ?
Sie preßte die Lippen zusammen, schwieg eine
kleine Weile, dann sprach sie:
,Das habe ich gethan! Ich habe, weil ich be-
täubt war von dem Verluste und erschrocken über meine
Einsamkeit, wie ein Kind im Dunkeln, das erste Jahr
fast ganz mit meiner Mutter auf Reisen und in meinem

A
Vaterhause zugebracht. Dann bin ich hieher gegangen
in mein Haus, habe meine Gouvernante, die Sie ja
kennen, als Gesellschafterin zu mir genommen und bin
ruhig geworden und auch wieder heiter. Der Graf
war ja bei seinem großen Ernst selber eine freie, fröh-
liche Natur, und er mochte es nicht, wenn ich es nicht
war. Ich sehe viele Leute, lebe in der Welt, reise bis-
weilen - da haben Sie meinen ganzen Lebenslauf.!
Wie sie das sagte, stand sie auf, zog die Schelle
und hieß den eintretenden Diener Fräulein Amalie zu
ihr bitten, die gleich darauf erschien.
Ich hatte die gute Werner nicht wiedergesehen,
seit ich von Waldritten fortgebracht und in die Lehre
gethan worden war; aber die fünfzehn Jahre, die seit-
dem verflossen, hatten ihr, die kleinen Fältchen ab-
gerechnet, die sich in den Gesichtern von Blondinen
früh einzustellen pflegen, nicht viel angehabt. Sie sah
für ihr Alter noch recht gut aus und hatte immer noch -
den freundlichen, stets verlegenen Ausdruck wie in ihren ,
jungen Tagen.
,Da hast Du Deinen berühmten Schüler!?' rief
ihr die Gräfin entgegen, während Amalie ihrem Ver-
gnügen über mich und mein Wohlergehen, in den be-

8O
scheidensten Worten Ausdruck gab. In wiederholten
Besprechungen über mich und über die Angehörigen
der Marville'schen Familie schwand eine Stunde rasch
vorüber. Wir gingen in den Garten, in das Gewächs-
haus; ich sah das Wohnzimmer der Gräfin, des Grafen
Arbeitszimmer. Das Bild, das ich einmal in der Zeit ,
meiner Anfänge von ihm gemacht, hing über ihrem
Schreibtisch. Dora's Bild, das ihm bestimmt gewesen,
das Bild, vor dem wir einst geschieden waren, sah ich
nirgends. Darnach zu fragen, traute ich mir nicht.
Was kümmerte mich auch die Vergangenheit, wo der
Augenblick mich also hinnahm!
Ich hatte, als ich von Paris fortgegangen war,
meinen dortigen Aufenthalt nicht für ganz beendet an-
gesehen, sondern nach einigem Verweilen in Berlin
dorthin zurückkehren wollen. Jetzt dachte ich bald nicht
mehr daran, und es konnte mir nichts erwünschter
kommen, als daß meine Freunde und Genossen es als
sslbstverständlich erachteten, daß ich nun unter ihnen
und im Vaterlande bliebe.
Eine Werkstatt und ein Atelier waren bald ge-
funden. Die junge Künstlergemeinde hatte sich ver-
größert und hielt gut zusammen. Es waren vortreff-

8
liche Kräfte in ihr, die meisten von ihnen jung. Der
Graf, der gern mit Künstlern umgegangen war, hatte
verschiedene derselben häufig in seinem Hause gesehen,
Dora hatte diese Gewohnheit beibehalten. Es war
also natürlich, daß sie mich dieser Gesellschaft einreihte;
und während ich in der jungen Künstlerschaft jesten
Fuß faßte und den fröhlichen Lebensgenuß derselben
theilte, war doch schon nach wenig Wochen mein ganzes
Leben nur jenes alte: ich ging und kam, und kam und
ging
Von Amalie hatte ich erfahren, daß Dora's von
mir gemaltes Bild niemals in des Grafen Haus ge-
kommen war. Es hieß, er habe es der Mutter ab-
getreten, da er ihr die Tochter fortgenommen hatte.
Ich aber meinte jetzt zu verstehen, was Dora damit
gewollt, als sie mir gleich in der ersten Stunde aus-
gesprochen, ihr Herz habe vor ihrem Manne völlig
offen dagelegen.-- Und trotzdem sah sie mich! Wie
hatte ich mir das zu deuten?
- Sie war es gewohnt worden, sich als den Gegen-
stand der Huldigung und des Begehrens zu empfinden,
und es lag etwas wundervoll Freies in der Weise, in
welcher sie mit den Männern verkehrte, in welcher sie

28
ihnen zum Willkomm die schöne, kräftige Hand darbot.
Man hätte es etwas Königliches nennen mögen, könnten
fürstliche Frauen jemals unter dem Zwang der ihnen
auferlegten Etikette sich so frei entwickeln.
Daß ich sie bewunderte, ihr zu eigen war, daß
ich sie liebte, hätte ich ihr nicht verbergen können,
hätte ich es auch gewollt. Sie blieb dem gegenüber
natürlich gegen mich, wie einst in ihrem Vaterhause.
Sie erzählte es gern, wie ich auf ihres Vaters Hof
geboren, wie mein Vater schon ein Diener ihres Groß-
vaters gewesen, wie er ihre Mutter und auch Sie
herumgetragen, wie ich nächst ihrem Bruder ihr ältester
Bekannter und ein weit besserer Kamerad als er ge-
wesen sei; und gerade an den Tagen, an welchen sie
aristokratische Gäste und Clamor und Cäeilie bei sich
hatte, geschah es bisweilen, daß sie mir beim Abschied
ein freundliches: ,Leben Sie wohl, Helmar!? zurief,
während sie mich sonst niemals anders als mit meinem
Vatersnamen nannte.
Geringfügig, wie derlei dem Gleichgültigen er-
scheinen mochte, bildeten diese kleinen Ereignisse den
Mittelpuukt meines Denkens.
lose Nacht, wenn Cäcilie von
Ich hatte eine schlaf-
der schlesischen Reise

288
sprach, und einen goldenen Arbeitstag, wenn Dora ge-
sagt hatie, das sie an eine solche gar uicht denke, son-
dern, falls es ihr zu warm werden sollte in der Stadt,
zu den Eltern gehen werde. Aber auch den Vorschlag
ihrer Geschwister, sich im Frühsommer mit ihnen ge-
meinsam nach Waldritten auf den Weg zu machen,
lehnte sie von sich ab.
Elamor, mit dem ich auf sehr gutem Fuße ver-
kehrte, war unzufrieden, daß die Schwester nicht mit-
gehen wollte; und ohne daß Cäcilie sich in ihrem freund-
lichen Verhalten geändert hatte, merkte ich es ihr doch
an, daß sie achtsam auf meinen Verkehr mit ihrer
Schwägerin geworden war. Auch die arme, gute Amalie
traute mir offenbar nicht recht. Obschon ihr weiches,
unverstanden gebliebenes Herz sich zu Allem hingezogen -
fühlte, was nach Liebe oder gar nach Romantik aus-
sah, ging sie doch scheu und vorsichtig mit mir zu
Werke, etwa wie mit einem Schießgewehr, das unter
Verhältnissen zu einem Unheil führen konnte. Sie
traute mir nicht recht, und am wenigsten traute ich
mir selber, war ich selber mir darüber klar, was ich
thun, was aus mir werd en sollte, und aus Dora.
Meine Stellung in Berlin machte sich schneller

28
und besser, als ich es irgend hatte erwarten können.
Der kunstverständige Monarch würdigte mich seiner
fördersamen Beachtung, die Kunsthändler und Privat-
leute verlangten meine Arbeiten. Was das Talent
eines Künstlers erreichen konnte, das konnte mir jetzt
füglich nicht mehr entgehen. Ich durfte mir also sagen,
daß ich ein annehmbarer Bewerber in jeder Familie
der besten bürgerlichen Gesellschaft sei, falls die Neigung
einer ihrer Töchter sich mir zugewendet hätte. Aber
war ich ein Gatte für die Gräfin Berkow? für die
reiche Wittwe, die ihre Freiheit so hoch anschlug? für
die Tochter eines ehrgeizigen Vaters, den schon der
Sohn um seine stolzen Hoffnungen betrogen hatte? Ge-
rade ich für sie, in meinem besonderen Verhältniß zu
dem Hause ihrer Eltern, dem ich ebenso ergeben als
verpflichtet war? und liebte mich die Gräfin?
Wenn ich mit ihr in ihrem Arbeitszimmer saß,
im ruhigsten Verkehr, wenn sie zu mir, als wären wir
immer beisammen gewesen, von allen ihren täglichen
Erlebnissen sprach, ihr Vorhaben nach dieser oder jener
Seite mit mir überlegend, wenn ich es fühlte, wie wir
zusammenstimmten, wo es sich um das Urtheil über
Menschen, über das Leben in der Gesellschaft oder über

28K
die Werke in den verschiedenen Künsten handelte, kam
es mir fast undenkbar vor, daß jemals ein Anderer
ihr in gleicher Hingebung zur Seite gewesen war, daß
ein Anderer sie so lieben könnte als ich; und oft genug
schwebte die entscheidende Frage mir auf der Lippe.
Aber ich schwieg, obschon ich mich feige nannte, weil
ich nicht zu sprechen wagte; und doch waren es die
Liebe und das sehr berechtigte Erwägen männlichen
Ehrgefühls, die das Wort der Liebe zurückdrängten in
das Herz. Neben ihr zu leben, sie zu sehen, ihr Ver-
trauen zu genießen, ihr lieb und diensthar zu sein, das
war ein Glück, welches auf das Spiel zu setzen ich
nicht wagen mochte; während sich zugleich mein Stolz
trotz meiner Leidenschaft dagegen sträubte, ihr Wort
zu empfangen, wenn ich an die Möglichkeit gedachte.
daß sie jemals bereuen könnte, es mir gegeben zu
haben. Sie hatte nach den Begrifen der Welt große
Opfer zu bringen, ich nach denselben weit mehr zu
empfangen, als ich zu bieten hatte. Unser Einsatz war
nicht gleich; und große Opfer kann ein Mann nur aus
dem freiesten Entschluß einer großen Liebe annehmen,
wenn sie ihn nicht drücken sollen. Aber all' dieses Er-

28e
kennen, Wissen und Erwägen änderte in meinem, in
unserem Zustand nichts.
Inzwischen war Clamor mit den Seinen abgereist,
und acht Tage später ließ Dora ihre Koffer packen,
um ihnen nachzufolgen. Ich fragte, seit wann sie sich
zu ihrem Aufbruch entschlossen habe. Sie sagte, sie
habe es nie anders vorgehabt, als ebenfalls zu den
Eltern nach Waldritten hin zu gehen, aber sie habe
nicht mit den Anderen gehen wollen.
, Und weshalb nicht?- fragte ich.
Sie sah mich ernsthaft an, dann flog ihr heiteres
Lächeln ihr über das Gesicht.
,Weil,? sagte sie, ,wweil ich eine unbedingte Ab-
solutistin bin. Ich könnte die Tyrannei eines harten
Menschen eher tragen, als das Dreinreden vieler liebe-
voller Seelen, die mich gegen mein Wollen zu ihrem
Willen schmeicheln möchten. So bleibt mir, wenn ich
mir die Freiheit meines Handelns wahren will, durch-
aus Nichts übrig, als den Glauben aufrecht zu er-
halten, daß ich durch meinen Mann verzogen, von
einem Eigensinn geworden sei, mit dem weder im
Kleinen noch im Großen etwas anzufangen möglich.
Mein übler Leumund in der Hinsicht ist für mich un-

A8?
schäzzbar, und ich trachte darnach, ihn mir zu erhalten,
so gut ich kann.?
Sie sagte das mit so viel guter Laune, daß wir
Beide noch darüber lachend scherzten, als Amalie da-
zwischen kam. Bald nach ihr, es war die Empfangs-
stunde der Gräfin, wurden rasch hintereinander ein
paar Personen, Männer und Frauen, von der Gräfin
nächster Bekanntschaft gemeldet, die gekommen waren,
ihr Lebewohl zu sagen.
Man ging an den Theelisch, redete von Dem und
Jenem, bis eine der Damen darauf zu sprechen kam,
wie sie eben in diesen Tagen die Tochter des russischen
Fürsten-- sie nannte den Namen -- gesehen habe,
die vor mehreren Jahren sich mit einem deutschen
Musiker von ihres Vaters Kapelle, natürlich gegen den
Willen ihrer Familie, aerheirathet hatte, und nun als
die Gattin dieses in der musikalischen Welt sehr ge-
schätzten Mannes in dessen Heimat lebte.
Die Berichterstatterin, eine noch junge Dame aus
altem, doch verarmtem Hause, die erst neuerdings eine
Ehe mit einem reichen, aber kranken und sehr alten
Edelmanne eingegangen, und die mir durch ihren zur
Schau getragenen Adelsstolz stets unangenehm gewesen

88
war, konnte sich mit der bloßen Erwähnung des Vor-
falls nicht begnügen.
, Stellen Sie sich vor,- sagte sie,,als ich in Leipzig
aus unseren Wagen heraussah, erblickte ich an der
Thüre des nächsten Coupes den Konzertmeister, der ein-
steigt, und auf dem Perron stehend die Fürstin, seine
Frau, die ihm den Schirm und den Nachtsack zureicht,
als hätte sie es anders nie gekannt. Und der Mann
nahm das hin, als verstünde sich das von selbst, und
wäre in der Ordnung.!
Ihr spöttischer Ton hatte etwas Herausforderndes,
dem ich nicht widerstehen konnte
,Mich dünkt,? entgegnete ich, ,es ist eben keine
große heroische That, eine kleine Handleistung z
machen wo sie nöthig ist, am wenigsten zwischen Ehe-
leuten, zwischen Mann und Fuau.!
,Es kommt nur darauf an,! fiel sie mir ein, , wer
der Mann ist, und wer die Frau! Aber scheint Ihnen
diese Handleistung keine heroische That, so werden Sie
doch zugeben müssen, daß für die Fürstin viel Herois-
mus dazu gehörte, die Frau eines Mannes zu werden,
der solche Dienstleistungen für sie in der Ordnung
findet.

289
, Und wenn ich das nicht thue?-
,So werde ich darin die Bestätigung sehen,! ent-
gegnete die Baronin, , daß in den verschiedenen
Ständen, oder sagen wir Lebenskreisen, ! verbesserte sie
sich rücksichtsvoll auf mich, , die Anschauungen über die
Ehe und die Liebe eben sehr verschieden sind, und daß
die Künstler in ihrer Romantik von den Frauen Opfer
heischen, die unsere Männer nicht von uns begehren
würden.?
Ich sah Dora's Augen auf die Baronin, dann
mit raschem Blick lebhaft auf mich gerichtet, und von
den verschiedensten Empfindungen fortgerissen, sagte ich:
,Gehen Sie noch weiter, gnädige Frau! Sagen
Sie, der rechte Künstler würde die Hand einer Königin
verschmähen, wenn sie ihm ein Opfer in der Gewährung
ihrer Gunst zu bringen wähnte, wenn es ihr möglich,
ihrem Herzen möglich wäre, sie ihm zu versagen.! --
Und weil ich fühlte, daß ich weit gegangen war, und
vielleicht mehr verrathen hatte, als in dem Augenblick
gefordert und berechtigt sein mochte, setzte ich in
leichterem Tone hinzu: , Freilich, die Zeiten sind vor-
bei, in denen eine Göttin sich dem armen Erdensohne
Fanny Lewald. Helnar.

90
nahte, in denen eine Luna zum Endymion hernieder- ,
stieg, ihm Liebe und Gunst gewährend, welche zu for-
dern er sicherlich sich nicht vermessen hatte. ?
Der Mythus paßte im Grunde nicht schicklich auf
den Fall, aber er war mir in den Sinn, die Worte
waren mir in den Mund gekommen, ich wußte selber
nicht wie. Die Baronin, offenbar in der Genealogie,
und im Gothaischen Kalender besser als in ber Mytho-
R ---


z
,Vortrefflich, ganz vortrefflic!r rief sie, da sie es -'
bemerkte, wie die Anderen allmälig still und auf unsere
Unterhaltung actsam geworden waren. Sie schien ein-
lenken zu wollen, aber fie konnte den Ton dazu nicht
finden, und spöttischer, als sie es vielleicht beabsichtigte,
sagte sie: ,Da sehen Sie den Künstler, Gräfin! und y
die Weise, in der ihmn Alles gleich Gestalt gewinnt.-
Da haben wir sofort ein Bild. Ein Bild, das wir
vielleicht in der nächsten Ausstellung zu bewundern,
haben werden, ohne daß die Menge ahnt, welcher Ein-
gebung der Künstler es verdankte, und wie ich schließ-
lich die Urheberin desselben gewesen bin.'?
,Sie find sehr gnädig,! entgegnete ich. ,Ich habe

9
es leider zu bedauern, daß ich kein Historienmaler,
sondern nichts als ein Genremaler bin. Der erwartete
Genuß wird Ihnen also vorenthalten bleiben. Ich
könnte Ihnen höchstens die unglückliche Fürstin am
Waggon als Opfer ihrer unbedachten Liebe malen -
und das wäre doch ein tragisches Motiv.-
Der Ton zwischen uns Beiden war herb geworden.
Mir war das Blut zu Kopf gestiegen, die Baronin
biß sich die schmalen Lippen, auch Dora war erregt.
Ic sah es an der Röthe auf ihren Wangen und an
ihren blizenden Augen. Sie war unzufrieden, sei es
mit der Baronin oder auch mit mir. Indeß sie war
Hausfrau, war gewohnt sic zu beherrschen, und sich
mit Lächeln zu mir wendend, sagte sie, die Unterhaltung
in eine andere Bahn zu lenken:
, Genre oder nicht Genre! Das sind ja Worte,
bloße Worte, Kronau! Wie können Sie darüber mit
der Baronin streiten! Haben doch Sie selber es mir
oft geng gesagt, daß man historische Stoffe genrehaft
darstellen, und die kleinsten Vorgänge aus dem Alltags-
leben, in ihrer allgemeinen Bedeutung erfaßt, mit
großem historischem Sinn behandeln könne. Aber ab-
z?e

9
gesehen von dem Allen, Sie haben mir noch nie ein
Bild gemalt. Malen Sie mir ,Luna und Endymionf.
Ich verlange kein großes Bild! kein großes Opfer!'
schaltete sie mit Bedeutung ein. , Ein paar spannhohe
Figürchen, aber schön! Schöne Menschengestalt in
monddurchglänzter Waldnacht. Ein Bildchen für mein
Arbeitskabinet! Wollen Sie?
Sie hätte, wäre sie ruhig gewesen oder hätte sie
den eigentlichen Mythus recht gekannt, die Forderung
kaum gestellt. Ich sah ein Lächeln auf der Männer
Lippen, und um nur fortzukommen von dem Thema,.
das mein Ungeschick herbeigeführt, sagte ich, sie habe
zu befehlen.
,Befehlen!? wiederholte sie ungeduldig. ,Was das
heut' Alles für Redensarten sind! Opfer! Befehlen!
als wären wir im Orient unter Sklaven und Despoten. -
Wollen Sie oder wollen Sie nicht?
, Es wird mich freuen, Ihren Wunsch, Frau
Gräfin, zu erfüllen!'' entgegnete ich, ,sind Sie damit
zufrieden?
Sie bejahte es. Von dem Konzertmeister und
der Fürstin war die Rede nicht mehr; aber es war

i
A

ein ganz ungewohnter Ton in die Unterhaltung ge-

9
kommen, eine befremdliche Verstimmung über die Ein-
zelnen, die Niemandem entging. Dora zuerst mußte
das gewahren, denn es kam kein Gespräch mehr in
den Gang. Sie hob die Tafel auf, und man trennte
sich bald darnach, mit Rücksicht auf die für eine frühe
Stunde anberaumte Abreise der Gräfin.
Da die Anderen sich entfernten, hatte ich mich
ihnen anzuschließen. Als ich mich von ihr beurlaubte,
fragte ich, ob ich von ihr hören würde, ob ich ihr
schreiben dürfe.
,Ich wüßte nicht wozu!'' sagte fie. , Sie schreiben
ja dann und wann an meine Mutter, und wie wir
bei uns leben, das wissen Sie. Malen Sie lieber!?
, Gräfin!' mahnte ich leise, weil ihre Kälte mich
erschreckte.
,Gehen Sie an mein Bild !- begütigte sie, ,immer
vorausgesetzt, daß es Sie kein Opfer kostet, es zu
malen. Denn ich bin wie Sie! Ich hasse die Opfer-
theorie und liebe es auch nicht, Opfer anzunehmen.!
,Ich habe Sie erzürnt - Gott weiß es, gegen
meinen Willen!' betheuerte ich ihr, während das Herz
mir klopfte, denn so grundlos zürnen konnte nur die
Liebe; aber ihre Antwort schlng mein Hoffen nieder.

W9s
, Erzürnt? ich wüßte nicht wodurch? Im Gegen-
theil! Sie haben Rect, ich bin ganz Ihrer Meinung.
Man soll keine Opfer bringen, keine fordern, keine an-
uehmen. Sich selbst soll man genügen, und nur Das-
jenige thun, was man nicht anders thun kann. Dann
kommt man ohne Zweifel an sein rechtes Ziel. ?
,Ich schreibe Ihnen morgeu!'' sagte ich, weil ich
mich der Erklärung mehr als je bedürftig fühlte.
, Nein!'' sprach sie leise, und so bestimmt, und
schnell, als dies ganze Gespräch von Statten gegangen
war. , Nein! ich verlange, daß Sie es nicht thun.
Ihr Wort kam sehr zur rechten Zeit für Sie und mich!
Es muß, und soll mir die Richtschnur sein, und Ihnen
auch. Sie waren weiser, als Sie es selber wußten,
und somit Lebewohl!'-
Sie ließ mich stehen. Die Anderen nahmen sie
in Anspruch, und ic ging meines Weges, mich ver-
wünschend und meinen übermüthigen Unbedacht, und
meine Weisheit; und zum ersten Male auch zornig
gegen sie, ihren kalten Hochmuth anklagend und ihren
Eigensinn.
ggggggggpogg g