Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 23

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Dreiundswanzigsles »apilel.
sFgoz.
? Es war mir eine böse, lange Nacht, und mit
F allem meinem rastlosen Denken kam ich doch über die
ßFrage nicht hinaus: Was ist benn eigentlich geschehen?
s wie war das Geschehene möglich? und wie war es
h denn ehe das Unerwartete geschah?
s Wie in einem sanften Traume, in schlafwandeln-
F der Sicherheit, vollkommen an die Geliebte hingegeben,
h hätte ich beglückt durch den Augenblick, bisher jedem
F Tage es zurufen mögen: Verweile doch, du bist so
E schön! = Seit die Aufregung nach dem ersten Wieder-
Z sehen sich besänftigt hatte, war in der vertrauenden
F Ruhe, mit welcher wir beisammen gewesen waren,
F selbst das Hoffen, wennn es sich in mir geregt, stil

29e
und geduldig gewesen. Ich hatte, ohne mir Rechen-
schaft darüber geben zu wollen, die Frucht nicht brechen
mögen, ehe sie gereift war. Ich hatte nur wenig ge-
dacht, weil ich so viel empfunden, weil ich so glücklich
gewesen war.
Jezt da es mir zwweifellos gewiß war, daß sie
mich liebte, daß sie mein Wünschen und Hoffen er-
kannt hatte, daß es, weil sie es theilte, ein berechtigtes
gewesen war, entzog sie sich mir mit einem Male plötz-
lich. In demselben Augenblicke, in welchem sie mich
und meine Arbeit eben noch in einer Weise für sich
begehrt hatte, die mich entzückt, versagte sie mir jede
Annäherung mit einer Härte, von der sie wissen mußte,
daß sie mir
mit dem sie
Herrschsucht,
und Cäcilie
in's Herz schnitt. War das ein Spiel,
ihre Eitelkeit vergnügte? Waren es die
der launenhafte Eigensinn, deren Clamor
sie beschuldigten? Ihre Tyrannei, ihre
Launen zu ertragen, war ich nicht gemacht. So weh
mir's that, mich ihr entgegenzustellen.
Und was hatte ich verbrochen? Ich hatte eine
Frau in ihre Schranken und zurecht gewiesen, welche
der Gräfin gar nichts galt. Ich hatte es nicht ruhig
hingehen lassen, daß sie die Verbindung einer vornehm

?
A?
geborenen Frau mit einem Künstler als etwas durch-
aus Unzulässiges bezeichnet. Wie hatte das die Gräfin
kränken können, wenn ich ihr theuer war? - Ich
hatte es aufrecht erhalten, daß das angeborene Talent,
das sich edel ausgebildet hat, gleichviel von wem Der-
jenige abstammt, der es besitzt, so viel, wenn nicht
mehr werth sei, als das Herkommen von einem Ge-
schlechte, welches sich durch die Gunst, der Umstände ---.
durch ein paar Jahrhunderte zu erhalten vermocht,
und in dem langen Lauf der Zeiten auch hie und da
eine bedeutende Kraft in sich erzeugt hatte. Ich war
der Behauptung entgegengetreten, daß man in den
bürgerlichen Kreisen die Frauen nicht zu ehren wisse,
hatte es selbstverständlich genannt, daß die Liebe ihre
freie Wahl als das höchste Gesez für sich erkenne,
daß sie sich gegen die bestehende Gewohnheit ihr Recht
erkämpfe, und daß zwischen Menschen, die sich an-
einander hingegeben haben, von anderen Opfern, oder
gar von erniedrigenden Dienstleistungen weiter keine
Rede sein könne.
Wenn Dora mich liebte, wenn sie geneigt gewesen
war, wie ich es gestern mehr als je gehofft,. ihrer
und meiner Liebe nachgebend, die Meine zu werden,

W0s
so hätte sie mich in meiner Abwehr der Baronin ver-
stehen, mein Ausspruch sie erfreuen müssen. Sie liebte
mich also nicht! - Was sollte dann aber ihre erste
Zustimmung, was das Verlangen nach dem Bilde be-
deuten? - Hatte sie mich daran erinnern wollen, daß
ich ihr gegenüber nur ein Künstler sei, der ihre Auf-
träge zu empfangen und gegen Bezahlung auszuführen
habe? Das war unmöglich, ganz unmöglich!--- Oder
hatte sie eben nur Liebe genug für mich gehabt, sich
meiner beharrlichen Liebe zu erbarmen? Hatte sie mir
ein Opfer zu bringen, mir mit ihrer Hand nicht nur
ein Glück, sondern eine Gnade zu gewähren gemeint?
Mein ganzes Ehrgefühl lehnte sich dagegen auf.
,Die Tage der Begnadigung, Frau Gräfin, sind für
mich vorüber!'' sagte ich laut sprechend zu mir selber.
Am Abende, als ich von ihr gegangen war, hatte
ich auf dem Heimweg es mir vorgenonmen, sie in der
Frühe auf dem Bahnhofe aufzusuchen, um sie zu ver-
söhnen. Am Morgen, als der Tag mir in das Fenster
sah, fühlte ich mich kalt und ruhig. , Sie sollen Ihren
Willen haben, schöne Frau!'! dachte ich, und ging,
das zornige Herz zu kühlen, in der Morgenfrische nach
dem Park hinaus. während sie von dem entgegenge-

299
setzten Ende der Stadt nach unserer geweinsamen
Heimat abfuhr in ihr altes Vaterhaus.
Ich gab mir das Wort darguf keinen, auch nicht
den kleinsten Versuch einer Annäherung an sie zu
machen. Er war zu Ende,. mußte zu Ende sein, der
lange, lange Traum! nun für immerdar! Kränkung.
für Liebe ernten? Nimmermehr!
Mit dem Gedanken ging ich in die Werkstatt und
an meine Arbeit, und weil ich mich gewaltsam zu-
sammennehmen mußte, meine Aufregung zu bemeistern,
ging mir die Arbeit vortrefflich von der Hand, so daß
ich meine Freude daran hatte. Ich machte am Mittag
nur eine kurze Pause, und wie ich dann am Abend
meine Pinsel, meine Palette reinigte, wie ich das
Fenster öffnete, daß mir die frische Luft in's Zimmer -
strömte, und dann noch einmal vor die Staffelei hin
tretend, mein Tagewerk überschaute, da dachte ich:
,Es ist gut, daß es zu Ende ist. Nun bin ich frei
für immer!.
Ich war lange nicht mit mir als Künstler und
als Mann so wohl zufrieden gewesen, wie an dem
Abend. Ich konnte kein Weib besitzen wollen, das sich
zu mir herniederließ, wie Luna zu dem schlafenden

800
Endymion! Um keinen Preis der Welt hätte ich ihr
das Bild gemalt; und wäre sie an dem Tage zu mir
hingetreten mit dem einst von mir so sehr geliebten:
,Wenn Du den Muth hast, küsse mich!?-- der bloße,
Zweifel würde genug gewesensein, ihreLippen vormeinemt
Kusse zu bewahren.-- Der Zorn der Liebe war über
mich gekommen, ich, freute mich des brennenden
Schmerzes, denn ich war entschlossen, ihn zu überwinden.
Gestern noch war meine ganze Seele fest in ihren
Banden gewesen, heute feierte ich einen Triumph über
sie und über mich! Und wie ich gestern sie wiederzu-
sehen leidenschaftlich begehrt hatte, so sagte ich mir
heute, ich müsse, mein früheres Vorhaben ausführend,
nach Paris zurück, noch ehe der Winter komme; ja,
besser noch, ich müsse bald fort von hier, um noch
des schönen Herbstes in Frankreich zu genießen.
Aber! Die Franzosen sagen: Nicht Jeder ist ein
Thor, der's sein möchte!-- und aus eigener Erfah-
rung setze ich hinzu: Man ist so weise nicht, als man's
zu sein glaubt, als man bisweilen es zu sein -
fürchtet!
Ich sagte meinen Freunden, daß ich gehen würde,
weil ich mich durch mein Wort ihnen gegenüber zu

81
s binden wünschte. Ich erklärte ihnen, daß ich nuur dies
f eine angefangene Bild beenden wolle, und machte , ,
s immer neue Skizzen und untermalte neue Bilder. Nur
s darin blieb ich fest, ich schrieb nicht an die Gräfin,
s nicht an ihre Mutter, auch nicht, als ich mich von. -
F Berlin entfernte, um auf die Güter eines mir befreundet
f gewordenen Gutsbesitzers zu gehen, dem ich es zuge-
s sagt hatte, ein Familienbild für ihn zu malen. -
Ich blieb länger auf dem Lande, als ich es' zu-
F erst beabsichtigt hatte. Die märkische Gegend war mir
ß anmuthend, der Menschenschlag tüchtig. Die Ernte,
der Beginn der Jagd boten mir im Wechsel ihrer
z Szenen gerade die mir gemäßesten Motive. Die
Familie, in deren Hause ich verweilte, ward mir immer
f werther, schon weil ich ein Bedürfniß hatte, mich an
neue Menschen gnzuschließen, da ich die alte Liebe
nicht mehr in mir pflegen wollte. Der Mann, den
ich zu malen hatte, war der Typus eines stattlichen
Märkers. Die Frau eine hübsche Blondine, die drei
Kinder frisch, die dänische Dogge, die nach der Kinder
Meinung und Bitten durchaus mit dabei sein sollte,
ein schönes Thier, und der Tisch unter den Linden ein
,guter Platz. Den jüngsten Buben bat ich mir nackt

8
aus. Sonnenlicht, das durch die Aeste fiel, kam mir
zu Hülfe. Die Arbeit machte mir Vergnügen. Es
war eine Art von Windstille über mich gekommen,
in der ich mich wie in einem klaren See von den
kleinen Wellen tragen und schaukeln ließ, welche das
tägliche Leben meiner neuen Freunde erzeugte, und von
denen es bewegt ward.
Wir machten weitausgedehnte Besuche in der
Nachbarschaft, es waren hübsche Mädchen in den
Häusern, der bequeme Verkehr führte leicht zusammen,
die Lebensweise hatte bei aller Reichlichkeit doch einen
bürgerlichen Annstric; und von
Hause des Kommerzienraths,
und Cäcilie übergegangen war,
dem großen Luxus im
der auch auf lamor
wie von dem vornehm
gewäählten Styl in der Gräfin Haushalt, war man
troz einer sichern Wohlhabenheit sehr weit entfernt.
Meine Freunde sahen es, daß ich mich in ihrer
Mitte gut befand, und weil es ihnen selber wohl war
und sie mir gut gesinnt, lag ihnen der Vorschlag nahe,
daß ic mir unter den Töchtern dieses Landes und
ihres Kreises die Gattin wählen solle. Dann hatte
ich, wie sie meinten, die Abwechslung zwwischen Stadt
und Land, die mir Bedürfniß und genehm war, leicht

808
zu machen. Man bezeichnete mir sogar dies und jenes
Mädchen um seiner besonderen Vorzüge willen ganz
besonders, und bei jeder dieser jungen Schönen mußte
ich einräumen, daß sie eine wünschenswerthe Hausfrau
und Gattin sei, daß ich die Eine so gut als die An-
dere zur Frau nehmen könnte -- wenn ich's überhaupt
konnte -- wenn ich nicht nach Paris gehen müßte,
um fortzukommen von Berlin. Dazu aber mußte ich
doch nothwendig erst nach Berlin zurück, was hin-
wiederum nicht eilte. Kurz, ich blieb und blieb, war-
tend - ich wußte nicht worauf; und höchlich mit mir
unzufrieden, wenn ich in diesem anscheinend gelafsenen
Warten den Schimmer einer Hoffnung hervorblitzen
sah, die ich mir einzugestehen als meiner unwürdig
gefunden haben würde. Ich war in eine jener Krisen
F des Selbstbetrugs hineingerathen, welche in der Liebe
ß der Thor sowie der Weise durchzumachen hat.
Die Tage fingen währenddessen an allmälig kürzer
F zu werden, meine Arbeit war abgethan. Ich hatte
ß vor mir selber keinen vernünftigen Grund zu länge-
rem Verweilen auf dem Lande, und eines Abends
F fand ich mich wieder in Berlin in meiner Wohnuung
und in meiner Werkstatt. Sie kam mir öde und leer

71
vor in der Erinnerung au das behagliche Familien-
leben, das ic verlassen hatte, und vor dem mir doch
stets bange geworden war,
hatte, mich in ein solches für
zudenken. Ich befand mich
so oft ich es versucht
immer gebunden hinein-
in dem unbehaglichsten
Zustand von der Welt. Des Junggesellenlebens war
ich satt, und an die Ehe, wie sie sich mir darbot,
mochte ich nicht denken. Ich hätte heraus sein mögen
aus dem täglichen Schwanken zwwischen Behagen und
Unbehagen, hätte mich selber los sein mögen und hielt
doch, wie ich mir spottend vorwarf, so große Stücke
auf mich, daß ich mich berechtigt glaubte, von der
Liebe alle möglichen Opfer zu empfangen, ohne sie
auc nur als solche anerkennen zu mögen. Das hatte
Dora ganz mit Recht gekränkt, das hatte mich des
Glütckes beraubt, welches ich das Frühjahr hindurch
in ihrer Nähe genossen, und----
Und so war ich denn glücklich wieder mit meinen
Gedanken, die ich lang im Zaume gehalten, an dem
alten Ziel gelandet, und bei ihr.
At Abend, einige Stunden nach meiner Ankunft,
wollte ich mich wie immer in das Kaffeehaus begeben,
in welchem ich meine Freunde zu finden sicher war.

0d
s Nicht fern von meiner Wohnung traf ich Glansor, der
nach Hause ging. Unser Weg war der nämliche, wir
setzten ihn also gemeinsam fort. Ich fragte nach dem
Ergehen der Seinen. Er erzählte, daß seine Frau
und sein Knabe noch bei den Eltern wären, wo er nur
f kurze Zeit habe verweilen können, weil er seinen Chef
s, auf einer Dienstreise zu begleiten gehabt habe, von
welcher er vorgestern zurückgekommen sei. Er sprach
von dem Wohlbefinden seiner Eltern, von dem Gedeihen
der Güter, sagte, daß er meine Mutter noch rüstig' ge-
funden habe; aber nach meinen Angelegenheiten fragte
er nicht, und der Gräfin erwähnte er mit keiner Silbe.
Ich wartete lange darauf. Schließlich blieb mir nichts
übrig, als mich nach ihrem Ergehen zu erkundigen.
,Haben Sie sie denn noch nicht gesehen?! fragte er.
Ich erinnerte ihn, daß ich eben erst ange-
kommen sei.
,Aber Sie wissen doch, daß sie seit länger als
drei Wochen hier und, wie ich gestern von ihr erfuhr,
amit Reisegedanken beschäftigt ift.
Ich erklärte, daß ich von dem Allem nicht unter-
richtet sei mnd daß ich von der Gräfin nichts vernom-
Ganny Lewald. Helmar.

80e
men hätte, seit sie auf das Land gegangen. Das be-
fremdete ihn, wie mich die Anwesenheit der Gräfin in
Berlin befremdete, und als ich ihn, über seine Mit-
theilungen betroffen, fragte, wohin sie sich zu begeben
gedenke, sagte er leichthin:
,Weiß ich's? Ic glaube, sie weiß es selber nicht.
Nach Frankreich! Nach Jtalien! Irgend wohin, wo
sie ihr Jeal, ganz auf sich selbst gestellt zu sein, er-
reichen kann, und wo sie vor Allen sicher ist, keinem
verständigen Einfluß, keinem vernünftigen Rathe zu
begegnen !' -- Wie einst Cäcilie, so bereute auch er
es sofort, das Urtheil in solcer Weise ausgesprochen
zu haben, denn er brach ihm mit einer allgemeinen
Bemerkung über die Launen der Frauen, welche sich
selber überlassen wären, scherzend die Spitze ab.
,DDaß Sie übrigens außer allem Zusammenhange mit
meiner Scwester wären, das hätte ich nicht geglaubt.
Sind Sie gespannt mit ihr? fragte er danach.
Ich kannte Clamor. Auch wenn er sich an-
scheinend gehen ließ, verlor er, es war das je nachdem
eine seiner guten oder üblen Eigenschaften, nie die
Herrschaft über sic. Er wußte immer was er that
und wollte; und mit der Zurückhaltung, die man

Ko?
solchen Naturen gegenüber nothwendig zu beobachten
hat, antwortete ich him, daß ich am Abende vor
meiner Abreise mich mit der Gräfin und der Baronin -
in Meinungsverschiedenheit über ein abstraktes Thema
befunden hätte, und daß der Gräfin ausdrückliche,
Weisung mich gehindert, die Sache schriftlich aus-
zugleichen.
,Unbegreiflich! sie ist wirklich unbegreiflich!?
rief er. ,Wir glaubten sie auf dem besten Fuße mit
Ihnen!? Und mit ganz verändertem Tone setzte er
ruhig und ernsthaft hinzu: ,Weshalb soll ich es
Ihnen verbergen, Kronau, da Sie wissen, wie sehr
wir Alle Sie schätzen; Ihre Erklärung, daß Sie mmit
der Gräfin die ganze Zeit hindurch in gar keinem
Verkehr gewesen sind, wirft meine, wirft alle unsere
Vermuthungen über den Haufen. Sie freut mich für
Sie, für uns Alle! Doch verstehe ich jetzt meine
Schwester weniger als je.!
Ich fühlte, das er es nicht böse meinte. Ich
hatte auch Grund, an seiner und an Cäcilien's guter
Gesinnung für mich nicht zu zweifeln, aber der Junker
von Waldritten kam bei ihm doch immer wieder zum
Aa

08
Vorschein und schlug ihm in den Nacken. Mir schien
es, als könne er es noch immer nict ganz vergessen,
daß ich ihm einst hatte pariren müssen, als glaube
er, ich hätte still zu halten, da es ihm beliebte, mir
wieder einmal sein
meine einzufordern.
Gereiztheit und ein
Vertrauen aufzubürden und das
Jezt weiß ich, daß meine innere
Rest von Unfreiheit in mir, mich
ungerecht gegen ihn machten. Damals fühlte ich mich
durch seine Worte schwer von ihm gekränkt, und die
alte Lehre befolgend, daß der Hieb die beste Deckung
sei, entgegnete ich ihm:
,Der Grund Ihrer Freude, wenn ich ihn recht
verstehe, ist nicht schmeichelhaft für mich; und Ihr
Vertrauen anzunehmen, soweit es die Gräfin betrifft,
trage ich Bedenken, denn ich fürchte, daß Sie ver-
muthlich nicht erfreuen wird, was ich Ihnen zu ver-
trauen für nöthig fnde. Ich liebe Ihre Schwester!
und
als
ich glaube- -
Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen,
ich dies Wort einmal vor einem Andern als vor
mir selber, es gerade vor Clamor ausgesprochen hatte.
Aber er unterbrach mich schnell.
,Ich weiß das!- sagte er mit mehr Gelassenheit

09
und Freundlichkeit, als ich in diesem Augenblicke zur
Verfügung hatte, ,aber eben deshalb, lieber Kronau,
mußte diese Angelegenheit einmal zur Sprache zwischen
uns kommen. Geben Sie den Gedanken an eine
Verbindung mit der Gräfin, wenn Sie ihn hegten, auf.!
,Sie gehen zu weit Herr von Marville! rief
F oz uou buona
,Ich spreche nicht für mich, Helmar!'? sagte er,
! ,ich spreche für meine Mutter, die, Sie wissen das,
F eine groke Zneigung kür Sie hat, und spreche fr
F meine Schwester. Was die Lebe und das Heirathen
betrifft, stehen ich und Sie auf gleichem Boden, und
ungleiche Heirathen scheinen uns Waldern seit der
letzten Generation ein Bedürfniß werden zu wollen.
Ich habe eine Liebesheirath mit einer Jüdin gegen
alles Wünschen meiner Eltern geschlossen, meine Mutter
hat gegen den Wunsch ihres Vaters einen neugeadelten -
Offizier geheirathet. Beide Ehen find vortrefflich aus-
geschlagen, und man sollte also denken, eine dritte
ähnliche Verbindung könnte meine Eltern nicht über-
raschen. Aber - nennen Sie es ein Vorurtheil, das
meiner Mutter doch im Blute liegt, nennen Sie es
einen Eigensinn, gerade meine Mutter wünscht für die

H10
Tochter eine neue standesgemäße Verbindung. Und
täuschen Sie sich darüber nicht, die Gräfin hängt an
ihrem Namen mehr, als sie selber weiß, liebt ihre
Stellung in der großen aristokratischen Gesellschaft
mehr, als sie es denkt. Sie würde sie wahrscheinlich
schwer und stets vermissen.
Ich konnte mich diesen Einwwendungen nicht wohl
entziehen. Ich sagte ihm, da er inne hielt, es seien -
das Betrachtungen, die mir sehr geläufig wären. -
Freilich glaube ich nach meinem Erfahren nicht, daß
die aristokratische Gesellschaft die Vorurtheile seiner
Mutter in Bezug auf einen Künstler von Namen
theile; aber es wären eben die von ihm mir ent-
gegengestellten Bedenken, welche mich hätten schweigen
machen bis zu dieser Stunde.
,Sie haben ja in jeder Beziehung wie ein Ehren-
mann gehandelt, Bester! Sie haben gehandelt, wie
wir es nicht anders von Ihnen erwartet hatten,! be-
schwichtigte und versicherte mich Clamor, ,aber
Schweigen?-- Lieber Freund, was verschweigt die
Liebe, und nun gar die Liebe eines Künstlers? Und
andererseits, was verschweigt die Eitelkeit einer schönen
Frau? Was erräth nicht der Neid ihrer minder


A


I

=
- s
W

1
schönen Freundinnen und der Scharfblick ihrer Be-
werber? -- Dora war von je Ihr Zdeal! Es
war der Graf, der das und Ihre Liebe für meine
Schwester erkannte, ehe wir Anderen noch ahnten,
welch' ein bedeutendes Talent in Ihnen sich entwickelte.
Jetzt sind Sie ein berühmter Mann, ein gefeierter
Künstler, und natürlich gefällt und schmeichelt es der
Gräfin außerordentlich, sich als das Ideal, als die
bkgeisternde Muse von Helmar Kronau betrachtet und
genannt zu wissen, sich mehr oder weniger erkennbar
in Ihren schönsten Bildern wiederzufinden; denn Ihre
Phantasie verräth Sie -- vielleicht gegen Ihren
Willen!r schaltete er begütigend und verbindlich ein.
,Aber,! fuhr er so rasch fort, daß eine Einwendung,
mir nicht möglich war, ,als der Fürst jetzt zu den
Jagden von den ostpreußischen Gütern seines Schmggers
nach Waldritten gekommen war, als die Gräfin wider
unser Wünschen und Erwarten die Hand des Fürsten
mit so fester Bestimmtheit ausschlug, da regte sich die
Vermuthung in uns Allen, welche meine Frau immer
gehegt hatte, seit Sie wieder in Berlin sind, Sie
wären nicht ohne Einfluß, nicht unbetheiligt an dem
Verhalten meiner Schwester. Und ich verhehle es

I
812
Iönen deshau ncht, es t uie sebr üeb, po Ahe« I;
zu hören, daß wir uns irrten, besonders um meiner. s
Mutter willen lieb, die Ihnen wirklich sehr zuge- -s
1
than ist.?
Sein Vertrauen, seine Nachrichten über die Is
Werbung und Abweisung des Fürsten, seine Anex- Fs
kemung meiner bescheidenen Zurückhaltung, und die Pj
Kränkung, welche eben darin für mich lag, die Ver- IIi
u1
rINaa
sohn gewänne: das Alles rasselte wie ein plötzlich Iz
niederschmetternder Hagelschauer kalt und doch, auf-
regend auf mich nieder. Ich mußte mich wiezunfg J
einem solchen erst schütteln und mich befinnen Fäuf N
das, was mir geschah und was mir zu -thun, oblgg. ? ?

Gläcklicherweise brauchte ich nicht viel Zeit dazu, denn I-?
die wachsende Zuversicht auf Dora's Liebe tauchte pie I?
die Sonne aus dem Wolkenwirrsal dieser Unterredung.g
heller als je an meinem Horizonte auf.
,Ich habe Sie ruhig vollenden lassen,r sagte, ich,' 7
,obschon die Voraussezungen, von denen. Sie, gus-ß?
kt
gegangen, mir nicht die maßgebenden gewesen,. find. -?
Ich habe Ihnen eingeräumt, daß ich angestanden habe,?,
= s

H1s
ds mich gegen die Gräfin auszusprechen, aber nuur, weil
ss ich mich nicht sicher fühlte, ob ihre Lebe stark geng.
!s lhr Sinn groß geng sei, auf gewisse äußere Vorzüge
If ihrer gegenwärtigen Stellung, die ich vollauf würdige,
Is zu verzichten. Gewinne ich diese Neberzeugung, komme
Fs sch zu der Gewißheit, daß Dora, gönnen Sie mir es
Fs auszusprechen, meinen in der Welt nicht mehr unbe-
Ij kannten Namen ebenso gern als den des Grafen'
f Behkow trägt, dan, Herr von Marpile, darf mein
Fs Ehrgefühl vor dem Reichthum der Gräfin nicht zurück-
F( schrecken. Dan, Herr von Marville, kann auch weder
Fß der Gedanke an die Wünsche Ihrer Familie, noch der
Fs besondere Hinweis auf Frau von Marville, die ich
hf in größter Dankbarkeit verehre, mich abhalten so
Fß glücklich zu werden, als Sie burch eine keindliche Kugel
Ij und Ihre und Cäeiliens muthige und feste Liebe,
Ff auch nicht auf den besonderen Wunsch der. Ihren, es
s geworden sind.
-
il
Wir standen vor dem Kaffeehause.
- ,Ich habe gemeint, Ihnen mit meiner Aufrichtig-
,f kit mene Achtnng vor Ahnen ud mein Vertrauen
? ! zu beweisen,! sagte Clamor.
st
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i!
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,Ihrer Offenheit bin ich ebenso aufrichtig be-

-

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81
gegnet!? gab ich zurück. ,Ich schuldete dieses Ihnen
l
so wie mir. Mit der Entscheidung, welche die nächsten
Tage bringen müssen, wird Einer oder der Andere sich
in das Gleiche zu setzen haben: die Familie der
alten Herren des Schlosses, oder des alten Dieners
emporgekommener Sohn.!
1
Glamor fuhr auf, faßte und überwand sich aber
ebenso schnell.
,Gerechtigter Stolz gegen berechtigten Stolzl?
V
1
sagte er mit einer Würde, die ihn in meinen eigenen
Augen über mich stellte. ,Aber diese Antwort, Helmar,
war nicht gefordert und nicht von mir verdient. Ich
wünschte meine Eltern, meine Schwester und auch Sie,
vor Mißhelligkeiten und Kämpfen zu bewahren, deren
drückende Schwere ich und Cäcllie lange Zeit empfunden
und getragen haben. Sollte das nicht möglich sein -
sollte ich mich in der Anschauungsweise und in den F
Empfindungen der Gräfin täuschen - nun,! - und
seine Stimme klang bewegt und weich, ,nun so leistet F
ihr des Bruders Hand vielleicht weniger hart den IF
Dienst, den ich und Cäcilie, wie Sie sagten, jener I
Kugel zu verdanken hatten, und bringt Sie leichter F
an das Ziel, das ich und meine Frau, wie ich Sie,ß
1
l
- s
I

A
-F

1?
F wiederholt versichere, erst nach recht schmerzlichen
F erwürfnissen und recht bitteren Leiden erreichen
F t-e
Er traf mich mit den Worten tief.
-erzeihen Sie mir, Marville, bat ich, ,ich
F schäme mich vor Ihnen.!
,Kein Wort darüber! sagte er, indem wir uns
-
F die Hände schüttelten. ,Zweifelnde und gekränkte
FF Liebe ist immer ungerecht. Nun nichts mehr davon.
F Es ist gut, daß wir uns heute trafen. Die ganze
F Vergangenheit mußte einmal zwwischen uns zum Aus-
Z trag kommen. Wir haben uns an einander gemessen
Z und haben uns zusammengefunden. Das ist für alle
FEe gu: eno au: Aedeneger
s Als er sich von mir wendete, sah ich nach der
ßuyr. L oro = aehen, war es kr mich p wvön:
ss aber ihm nachblickend, bemerkte ich, daß er den Beg
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