Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 24

?-
Tierundswanzigsles -Fapilel.
zpsJp1lpsg,sgFsap
l
z
1
t
l
s
P

g
l
i
s
?
z
s
So früh, als es am nächsten Morgen zuläsfig,
war, begab ich mich zu ihr. Ich ließ mich meldenß
und ward angenommen. Sie war noch im Morgen--!
anzug mit einem kleinen Häubchen auf dem Kopfet
Ich hatte sie niemals so gesehen. Es gab ihr eineng?
frauenhaften Anstrich und machte sie mir zum erstens
- -1
Male fremd erscheinen.
Sie stand, als ich bei ihr in ihr kleines Arbets)z
kabinet eintrat, vom Schreibtisch auf und hielt mhg
einen Brief entgegen, den sie zu siegeln im Begriffß
gewesen war.
,Willkomnen!r sagte sie. ,Ich erfuhr, gefegß
von Clamor, daß Sie nach der Stadt gekommen wärenß,
-

H
j und hatte Ihnen soeben geschrieben, Sie um Ihren
s Besuch zu bitten, denn ich habe einen Dienst - nun!
, ich will sagen, ein Opfer von Ihnen zu fordern,
j damit wir an den Punkt anknüpfen, an dem wir
uns beim Abschied trennten.! -
Sie war bleich und ihre Sprechweise unruhig
und gepreßt.
,Sie find unwwohl Frau Gräfin!? sagte ich.
,Ich habe nicht geschlafen, das ist Alles!r ent-
F gegnete sie tief aufathmend, wte Einer, der seine Kraft
F zu sammeln hat. ,Elamor kam gestern Abend zu
I mir, nachdem er Sie gesprochen hatte. Sch brauche-
P Iönen ncht z sagen, m was es ch zvischen hhm
Ps und mir gehandelt hat,? sagte fie darnach schnell.
F, Er hat sich reolich wie ein guter Bruder, wie ein
ßs Ereund und wie ein Ehrenman eriesen Ich habe-
Ifihn lange ncht nach Gebühr geschätst, ich liebe ihn
zl webr =w i. ober -
,Gräfin!r bat ich, demn ich ertrug's nicht länger,
js ,ipamen Sie mich nicht auf die Folter. Was haben
ss ee v on-e
Sie sah mich ernsthaft an.
,Sie haben mir es an dem letzten Abende sehr -

818
hart und sehr entschieden ausgesprochen, daß Sie auch j
aus der Hand der Lebe kein Opfer anzunehmen ver- I
möchten, welches von Dem, der es zu hringen hat, ß
als ein solches empfunden wird! sagte sie und ihrefj
Stimme bebte bei den Worten. ,Aber die Lebe und F
die Zufriedenheit meiner Eltern find ntchts Geringes!r Z
Ich ehhob mich. Sie liek es rhig geschehen ß
,Ich, sage ke barauf, ,ich empfinde anders als F
Sie. Ich fordere ein Opfer von Ihnen!?
und wie damals, als wwir uns trennten, ver- F
scherte ich sie, dak sie zu befehlen habe; aber das F
Herz krampfte sich mir zusammen in der Brust.
,ein, versete ke, ,ich habe ncht befehlen,jj
und ich will's auch nicht. Aber Sie haben mir dftershj
wiederholt, Sie dächten fortan in Deutschland, inFs
Berlin zu bleiben.? Sie sprach immer hastiger, immer Zs
leser ,Gehen Sie for! Gehen Sie nach Paris, soFs
bald als möglich -- auch wenn es Sie ein Opfexf
kostet! um meinetwillen,' schaltete ste ein, ,ordetggs
-
ich das Opfer!?
---Hs
unwilkürlich deckte ich meine Nugen mit der Hgngj
T-
Da fühlte ich ihre Hänbe auf meinen Schulternßs
und stch an mich lehnend, sprach ste, während gnjs
il
n
a

19
Stimme in Thränen brach: ,Denn ich will. Vater
t
F und Mutter verlassen, und will uuit Hir gehen! nnd
F so wahr Gott lebt lber Hir und mir -- es ist mir
F tein Vpfer, und w brauchst mir nicht z danken?
s
s
Es giebt Glück, vor dem der Mensch verstummt
F unk far das der Sprache auch in der Erinnerung der
F Ausdruck fehlt. Ich konte kum begreifen, was mir
F geschah. Ich brauchte Lein, bis ich den wlden, den
F heißen Schlag meines Herzens bewältigte, bis ich es
Zs mit vollem Bewußtsein genoß, daß ich das geliebte
Fs Weib in weinen Armen hielt, bak ste mein sei aus
Is keer Enchliekng, mei fdr immer
,Dora! Dora! Fst es denn möglich? kann man
Ij io glctch fee -iet ch epuch aus.
f Da schlug mitteninunserer gewaltigen Erschütterung
js ihr flberhelles achen an mein Ohr: ,Tölpel! lieber
jsTowpeur scherte ke, k man Dirs den gon
js ausdrücklich sagen, daß man Dich liebt, auch wem
ss Du keln Wort davon über eine Lppen kommen
js lät- Nuß man Kies benn erst sagen, dak man
-

8
nicht sein und leben kann ohne ein so treues Herz
als Deines?
1
,und Duu konntest von mir gehen! konntest mir F
verbieten, Dir zu schreiben!r schmollte ich im Gebanken F
des Entbehrens.
,Mdute ich es ncht? mußte ich mich ncht prüfenZ
kern von Hir, ob ich noch leben ksnte ohne Hich? F
Mußte ich nicht erfahren, wwie Du es verlangtest in F
stogen selbstgefäht bes Naes, bak ich Hein sei. F
weil ich fortan nichts Anderes sein kann als Dein - FF
um weinewillen Den- Bist D nn beruhigt?F
bist Du nun zufrieden, stolzer Mann?
Ich hielt fie in meinen Armen; ich bedeckte fiemut Z
meinen Küssen, und froh in meinem Glücke jabelteFähz Ff
,Ich hab' Schön Rohtraut's Mund geküßt!?
,Ia ad soust ü kssen piet ausedm
Ach Helmar! wie ich das Bild verstand und' wieZ
mich's rhrte seinereit!r sagte sie. ,eber damaüs, F
obschon ich Dich liebte, mehr als ich's wußte und- F
---- verstand, damals hätte ich nicht Dein sein mögenlNs
und ich hatte das Alles dem Grafen gesagt und meiner-,f
Mutter!? Sie legte ihre Hand in die meine und;h
--
sprach, indem sie ernst zu mir emporsah: ,Daß ichIßs
A!
Sh
- -h


Dich von der Stunde an, da ich Dich wiedersah, in
Deinem ganzen Werth zu schätzen wußte, daß ich
Deinen Namen mit ebensolchem Stolze wie den seinen
, tragen und Dir wie ihm,! sie lehnte sich sanft an
s mich, ,eine dienstbare und gehorsame Frau sein werde
j-- das, Helmar! das Alles und noch vieles, vieles
f Andere, das danken wir dem Grafen. Ich war ja
ß wirklich noch ein Kind, als er mich zur Frau nahm.-
j Ich wußte so wenig von mir selbst, und er wak klug
j und gut. Ich hatte ihn lieb, sehr lteb. Aber Dich!-
, -- Achlr jubelte fie auf, und es klang zu mir nieder
s wie heller Lerchenschlag, ,Dich! Dich liebe ich' so sehrf?
Ich küßte ihr die Thränen von' den lieben Aüigen.
F unser Erinern tng uns in den flügelschnellen Stunden
weit in die Vergangenheit zukück, unser Hoffen in die
ß Lkkt; d doch fordert dig begenwart ihr Rech
und unser besonnenes Erwägen.
t
Die gute Amalie wward zuersß -herbeigerufen. Sie
wußte nicht, ob sie lachen oder-weinen sollte, ob
sie Dora zu bewundern oder sich anzuklagen habe. -
Sie hatte es lang geahnt, längst gesehen! Nach Wald- -
ritten wagte sie nicht zu denken. Flucht und -Ver- -
eu
Fanny Lewald. Helmar.

A2
borgenheit schienen ihr der einzige Ausweg, und in
fassungsloser Rührung über ihres Lieblings frei ge-
wähltes Liebesglück, senkte sie in komischer Verzweiflung
ihr schuldbeladenes, sanftes Haupt.
Wir hatten Clamor und Cäcilie von unserer Ver-
lobung zu unterrichten, hatten die Zustimmung von
Dora's Eltern zu unserer Ehe zu erbitten. Sie ward
uns nicht zu Theil.
Der General schrieb uns, Dora sei in jedem
Sinne frei, über ihre Zukunft und über ihre Handlungen
zu entscheiden. Er könne sie in ihrem Vorhaben nicht
hindern, könne es aber nicht billigen. Er sowohl als
Frau von Marville wendeten sich mit ernster, dringender
Mahnung auch an mich. Die schweren Stunden,
welche Clamor uns verheißen hatte, haben uns nicht
gefehlt; aber auch Clamor und Cäcilie haben uns
nicht gefehlt, und ihre Stellung war nicht leicht. Sie
Beide waren sie der Meinung, daß wir, um Auf-
sehen zu vermeiden, für das Erste fortgehen, daß wir
unsere Verbindung im Ausland schließen sollten.
e
d
1
T
T
k
1
d

T


P
T
mußten vorsichtig zu Werke gehen, wenn sie uns nütz-
lich sein wollten.
:


h
dir widerstand der Vorschlag. Je romanscher Is
Jl


l
:
t
1

i

e
1
d


ge
n


i
A
k
sh
kt
k
I
kt
den Augen gewisser Leute unsere Heirath war, um so
werden. Was wir zu thun als unser Recht ansahen,
das mußten wir offenkundig thun, und Dora stimmte
mir aus voller Neberzeugung bei. Auch Clamor und
Cäeilie fügten sich endlich dieser Ansicht, aber sie
lehnten es aus Rücksicht auf die Eltern ab, unserer
Trauung heizuwohnen. Noch ehe das Jahr zu Ende
ging, ward Dora mir verbunden, an derselben Stelle,
7
an wwelcher ich sie in ihrem Saale nach langen Jahren
der' Entfernung zum ersten Male wieder gesehen hatte.
Am Tage vor unserer Trauung ging ich den
Ring für Dora auszusuchen. Clamor war mit mnir.
Als ich den schlichten goldenen Reif gewählt hatte,
bezahlte ich ihn mit' einem Dukaten und einem Fünf-
thalerschein.
,Wie kommen Sie jetzt noch zu dem alten:Gold-
stück? fragte Clamor mich.
,Den Dukaten schenkte mir Ihr Vater, als ich
zuin Gesellen freigesprochen werden sollte, für die - -
Wanderschaft; und den Schein? = er sah mich fragend
an - ,den Schein drückten Sie dem Dragoner
-' t
- -
-
bürgerlicher mußte sie vor ihren Augen geschlossen -
Kronau in der Kaserne in die Hand, mit dem Be- -
ss
Ak
K
1

s
merken, die Stunde würde schon noch kommen, in der
ich ihn benützen könnte. Besser als in dieser Stunde
und zu diesem Zwecke weiß ich ihn nicht zu nützen!?
,Du guter, lieber Mensch!? rief Clamor, und ich
sah's ihm an, er wäre mir um den Hals gefallen,
wäre der Juwelier nicht dagewesen.- ,Weiß das
Dora? fragte er.
,Nein! noch nicht!'
,So laß mich's ihr sagen!? bat er, und von der
Stunde an, nannten wir uns Du, als Brüder und
als Freunde.
l
Nach anderthalb Jahren, als der Schnee, im
Frühling fortgeschmolzen war und das neue Leben in
l
der Natur erwachte, da schlug unser erstes Kind auch
l
seine Augen zum Lichte auf, wie seine Mutter schön.
Ich schickte Dora's und der Kleinen Bild nach
Hause, eine Mutter mit dem Kinde holdselig wie nur
Eine! =- Der Eltern Wunsch, die Kleine auf ihrem
Grund und Boden taufen zu lassen, war darauf die
Antwort. Im Sommer gingen wir sammt und sonders
t
l
l
1
l
l
l
l
zu den Eltern in die Heimat.
An demselben Taufstein, an welchem seit ein paar F
hundern Jahren das von Baldern'sche Geschlecht, an ;


l
1
T
d
«
d
welchem einst mein guter Vater und wir Alle die
Taufe, und ich als erste Gunst der Schloßherrschaft
den Namen Helmar zum Geschenk erhalten hatte, stand
meine alte, treue Mutter, in Freuden strahlend, neben
ihrer Herrschaft, das gemeinsame Enkelkind, unsere
kleine Helmine, aus der Taufe zu heben.
Meine Schwiegermutter war noch immer schön,
und sie ist es heute noch durch ihre Lieb' und Güte.
Der General aber liebt, seit ich sein Schwiegersohn
geworden bin, und seit er sich überzeugt hat, daß die,
Gräfin Berkow als des Malers Kronau Frau in der
Gesellschaft nichts verloren hat, es zu erzählen, wwie er
mit fester Hand mir meinen Weg gewiesen,' wie frühe
strenge Schulung und Disziplin auch mir zum Heile
ausgeschlagen find.
Er fährt nach seinen Theorieen zu erziehen und
zu regieren fort; und wer will es sagen, ob nicht noch
mehr solche Naturburschen wie ich auf ünseren»Wiesen
und in unseren Wäldern ihm unter die Hände' kömmen
und gerathen wwerden? Meln Erfolg hak F 4;. ;.
Experimentiren Lust gemacht und Muth -- und Töchter
hat er ja nicht mehr! Sogar-Cäcilie hat es allmälig,
wenn auch nicht leicht, verschmerzt, daß sie keinen !

H2e
Füirsten in die Famuilie bekommen haben, daß Dora j
ihren Willen durchgesezt wie Clamor, das sie nichts. j'
gar nichts vor uns Anderen voraus hat, weil auch s
wir von unserer romantischen Vergangenheit zu reden j
haben, so wie sie.
Nur Leonhard fand von Anfang an Alles sehr s
natürlich, Alles wie es sich gehörte. Cäcilie hatte ihm j
geschrieben, wie wir uns getrennt, wie wir uns dann s
gefunden hatten. Sie mochte ihm dabei wohl auch s
berichtet haben von der Verwunderung der Leute über s
die Liebesheirath der Gräfin Berkow mit einem bürger- s
lichen Künstler, mit dem Sohn von ihrer Eltern s
Kammerdiener, und wie diese Verwunderung dann in
Bewunderung und Freundschaft ausgeschlagen sei für
uns beide Glücklichen.
,Was war denn dabei Großes zu verwundern?
fragte er in seinem Briefe an die Schwester; und mit
der Lust am Scherze, die ihn nie verließ, parodirte er:
,Stand's ihm doch an der Stirn geschrieben,
Daß ihn die Weibchen mußten lieben!
aber, dafür muß er für Schön Rohtraut nun auch
malen, was sie will und wie sie's will: den Teufel
und den Doktor Faust, und Luna und den olympischen
l
l
l
t

He
Siebenschläfer, wenn sie es begehrt, obschon ihr Herz
P bei diesem seine Rechnung schwerlich finden würde.!
Und ich habe ihn ihr gemalt, so wie sie sich den
, Mythus vorgestellt: den jungen schlummernden Jäger,
, zu dem ein Götterweib herniederstieg. - Sie haben
j fich gewundert, die Kritiker, haben es gelobt, daß ein
s Genremaler einen so großen historischen Sinn in solch!
s kleines Bild gelegt
Sie wußten nicht, welch' himmnlische Historie sich
j in dem Bild für mich verbarg, und meine Modelle,
s selbst für den kleinen Lebesgott an Funa's Seite,
?-
s hatte ich nicht weit zu suchen!
S
Die Skizze dieses Bildes schloß das kleine Heft. -
Nur die Worte hatte er noch darunter gesetzt: ,Freuen
Sie sich mit den Glücklichen, und nehmen Sie mit -
der Darstellung vorlieb, dennn, wie ich Ihnen gleich
am Anfang sagte, das Schreiben ist die Sache nicht von
Helmar Kronau.!
E n d e. - -
==rTywSdg«