Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 02

,weiles ,Fapiles.
So lange der alte Herr von Waldern lebte,
wohnte mein Vater in dem Schlosse. Er kam immer
nur wie die großen Herren der alten französischen
Zeit in sein kleines Haus hinüber, sich an der Seite
seiner Frau von dem strengen Herrendienste zu erholen,
und dann zugleich über seine heranwachsende Nach-
kommenschaft mit fester Hand gewissenhaft seine Vater-
pflichten auszuüben.
Ein eigenes Haus besaß er freilich nicht. Aber
wir hatten in dem Langbau, der nach der einen Seite
den Wirthschaftshof einfaßte, da wo der Langbau an
die Brennerei anstieß, neben des Bremners Wohnung
unsere Wohnung mit besonderem Eingang; und meine
Eltern wußten sich etwas damit, daß sie ihr Haus zu-

schließen und den Schlüssel in die Tasche stecken konnten,
wenn sie ausgingen. Denn die Häuser der Käthner
und Miethsleute, von denen drei, viere unter einem
Dache wohnten, mußten immer offen bleiben, und nur
die Stuben konnten geschlossen werden. Die Mutter
steckte auch ihren Schlüssel immer mit ganz besonderem
Behagen in die große Tasche, die sie unter dem Rocke
trug; und da sie von jeher zur Fushülfe bei dem
Scheuern und bei der großen Wäsche in dem Schlosse
beschäftigt worden war, so daß sie in demselben gleich-
sam den freien Eintritt hatte, ließ sie es deshalb in
ihrer Stube und Kammer und an uns Kindern, wenn
sie nur Zeit hatte, an dem nöthigen Scheuern und
Waschen auch nicht fehlen, ohne daß deshalb unserer
persönlichen Freiheit Abbruch gethan worden wäre.
Bis zum Ende meines siebenten Jahres lebte ich
denn auch in unbeschränktester Naturwüchsigkeit auf
dem großen Hofe zwischen Allem, was in einem solchen
läuft und fleucht und kreucht, und gedieh mit und unter
dem vielen Gethier in höchstem Wohlbehagen, wie
dieses selber. Ich war größer und stärker noch, als
die anderen Jungen meines Alters, und wenn mein
Vater das bemerkte, pflegte er regelmäßig hinzuzusetzen,
daß ich dafür auch der Nichtsnutzigste von Allen, und
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daß es gar nicht abzusehen sei, wie einmal aus mir ein
ordentlicher Diener werden solle. Denn daß ich ein
solcher werden müsse, stand bei meinem Vater wie bei
meiner Mutter fest; besonders da die Gnädige, wie
man die Tochter des Schloßherrn nach ihrer Verhei-
rathung und Entfernung bei uns in Waldritten schlecht-
weg bezeichnete, in einem Briefe geschrieben hatte, sie
hoffe, daß ich einmal ein ebenso verläßlicher Diener
werden würde als mein Vater.
Sie hatte es dabei meinem Vater auch ausdrücklich
eingeschärft, daß er mich etwas Ordentliches lernen lassen
sollte; und obschon er von den Dienern, die schreiben
konnten, nicht viel hielt, weil nach seiner festen Neber-
zeugung diese Kunst das Gedächtniß schwächte, hatte
er, der Herrschaft immerdar gehorsam, es dem Kantor,
der bei uns die Schule hielt, auf die Seele gebunden,
mir das Nothwendige beizubringen. Vor Allem sollte
er es mit dem Einmaleins recht genau nehmen, denn
im Kopfe ordentlich rechnen zu können, das sei die
Hauptsache für einen Diener.
Der Kantor that auch wirklich, was an ihm war,
aber gerade mit dem Rechnen wollte es gar nicht bei
mir fort. Dafür gelang es mit dem Schreiben um so
besser, obgleich es mir ganz einerlei war, was ich

1
Fschrieb, und der Sinn der Worte mich nicht im ge-
Fringsten künmerte.
Es war das Nachmalen der Buchstaben, das mix
F VergnFgen machte. Ich glaube, ich hätte damals mit
fröhlicher Gemüthsruhe mein Todesurtheil abgeschrieben,
Z hätte ich es in schönen, womöglich recht verschnörkelten
Lettern vor mir gehabt. Ich malte das Titelblatt des
z Koeahee ud. das teblszoeEPss Gbenso n=ch.
F wie das Aitelblatt der AuwetF
ggs o-
Aufschrift der Zeitung, wenn mir eine solche einmal in
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die Hände kam. Und da es mir daneben wohl begegnen
s meiner guten Bekannten, das heißt einem Hunde, einem
j Schafe oder einem Pferde ähnlich geng sah, so konnte
, es an mancher Tracht Schläge mir nicht fehlen. Mein
- axmer Vater lebte deshalb in der ihn niederbeugenden
' eberzengnng, daß ich zu einem herrschaftlichen Be-
P dienten viel zu dumm, und höchstens einmal jn der
s Amtsschreiberei zu gebrauchen sein würde, wenn- die
j Herrschaften die Gnade haben sollten, mich in derselben
, unerzbrngen
Auf die Weise kam ich bis in mein vierzehntes
j Jahr und ging bereits zum Pastor in die Kinderlehre,

gr
- .
j konnte, zwwischen diesen Schreibereien und mitten in -
, meinen Büchern, ein Ding hinzumalen, das einem
F;



ohne mich durc irgend Ekvas ausgezeicnet zu haben,
als durc meine Größe und Stärke und durch meine
schon erwähnte Nichtsnuzigkeit. Da kam die Nachricht
in das Schloß, daß der Herr Obrist den militävischen
Dienst aufgeben, nach Waldritten ziehen und künftig
ganz auf seinen Gütern leben werde.
Das war ein großes Ereigniß für das Dorf und
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für die Ugeggzd- =i, der alte Herr, zwwei Jahre
nach seinem sielenzjgßgpeburtstage, gestorben, wwar
es im Schlosse todt und still gewesen, und wenn sie
meinem Vater auch seinen Gehalt und seine Kost be-
lassen hatten wie vordem, hatte er doch immer gesagk,
daß das kein rechtes Leben sei und daß die Herrschaft
auf das Gut gehöre. Nun man wußte, daß sie kommen
würde, bekam Alles gleich ein anderes Ansehen. Jeder
hatte seine Gedanken darüber, denn die Ankunft der
Herrschaften nahm sofort alle Köpfe in Anspruch, und
das neue Leben gab sich auch äußerlich sehr bald kund.
Es ging damals gegen den Winter und die Herr-
schaften wollten erst im Frühjahr auf das Gut ziehen,
dennoch kam lange vor Weihnachten ein Baumeister -
in das Schloß, der verschiedene Handwerker im Ge-
folge hatte. Man fing an, in den Zimmern Thüren

durchzubrechen, andere Fenster einzusetzen und Aende-
rungen mancher Art zu machen.
Mein Vater schüttelte dazu bedenklich den Kopf.
Er meinte,
überall im
habt; nun
so, wie das Haus gewesen, habe man es
Winter warm und im Sommer kühl ge-
sie mehr Licht und Luft hineinschaffen
wollten, würden sie nichts Rg1 und die Gicht
bednnaen: =o »Fcg ta ==r-
ug
so alt werden würden St- ?FHiee Grden fte erst
noch zu erleben haben. Luftiger und windiger seien
die Zeit und die Leute jetzt freilich allerwärts, ständiger
und handfester seien sie aber vordem gewesen. -
Für mich indessen hörte, wenn ich. mich in das
Haus hineinschmuggeln komnte, von früh bis spät das
Vergnügen dort nicht auf, seit die Handwerker ihr
Wesen darin trieben. Besonders seit die Maler in den
Zimmern beschäftigt waren, die mich ihre Töpfe hin
und her tragen, mich endlich gelegentlich sogar beim
Farbenreiben helfen ließen, kam ich nicht mehr aus
dem Schlosse, als bis der Hunger mich nach Hause trieb.
Die Maler und ihre Hantirung waren
Taggedanke und mein Traum. Mein ganzer
war darauf gerichtet, einen Topf voll Farbe,
anny Lewald. Helmar.

mein
Sinn
einen

Pinsel und eine
einem Pinsel so
schnittenes Papier
Schablone zu besitzen. Denn mit
über ein dickes, kunstvoll ausge-
in aller Sicherheit hinwegstreichen
zu können, und nachher
Figuren vor sich zu sehen,
zuwege gebracht hatte, das
die schönen, regelmäßigen
die man auf diese Weise
schien mir ein beneidens-
werthes Glück I 8e es nicht müde, die Borte
in der einen SzE?Fechten, in ber goldgelbe und
eeeh
himmelblaue »gSAden großen rothen Kirschen
naschten, welche in dicken Bündeln aus dem Grün der
Blätter hervorsahen. Ich versuchte im Sand und auf
der Schiefertafel und mit Kreide und Kohle an den
Wänden und Zäunen die kirschenessenden Vögel nach-
zumalen, und neben dem Verlangen nach den Farben
brannte mir ein schmerzlicher Neid gegen die Maler in
der Seele, welche die Farben und die Erlaubniß hatten,
diese Herrlichkeiten an den großen schönen Wänden
auszuführen. Maler wollte ich werden und nichts
Anderes auf der Welt.
Davon war zunächst indessen keine'Rede, wohl
aber von dem feierlichen Empfange, den man der
Herrschaft auf dem Gute zu bereiten dachte. Es war
noch sehr lange bis zum Frühjahr hin, als der Kantor
mich schon alltäglich den feierlichen Glückwunsch schreiben

ließ, mit welchem ich, als ihr Pathe, die gnädige Frau
empfangen sollte.
,Ich gratulire der hochgeborenen gnädigen Frau,
meiner allergnädigsten Frau Pathin, zu Hochdero
gnädiger Ankunft auf Hochdero unterthänigen Gütern
alsHochdero unterthänigster Pathe und Diener Helmar.!
Das schrieb ich Tag für Fgg, ohne es müde zu
werden; gber um so mehr hatte;ich es satt, bei meinem
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Vater den Kratzfuß einzuleknen;' der einem recht-
schaffenen Diener vor seiner Herrschaft zukam, und mit
welchem ich der gnädigen Frau meinen Glückwunsch
überreichen sollte, wonach dann das Nebrige sich von
selber finden würde.
Es hatte immer geheißen, die Herrschaften würden
mit dem ersten Frühjahr in Waldritten eintreffen.
Fndeß die Schwalben waren bereits wieder gekommen,
die Störche hatten ihre alten Nester auf dem Pfarrhause
und auf den Scheunendächern schon bezogen, die Bäume.
trugen ihr klares, grünes Laub, und selbst die alten
Stemneichen, welche bei uns erst in der zweiten Hälfte
des Maimonats, nach den drei strengen Herren aus-
zuschlagen pflegten, entfalteten allmälig ihre jungen
röthlichbraunen Blätter; nur die Herrschaften ließen
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noch immer auf sich warten. Jedoch die Wagen mit
den Möbeln und mit den großen Kisten und Kasten
waren längst angekommen und von dem Diener, der
sie begleitet hatte, an Ort und Stelle untergebracht
worden.
Der Inspektor, dem immer Nachrichten von ihnen
zukamen, sagte, daß der Herr Obrist, der mit dem
Range eines Generals aus der Armee entlassen worden
war, noch in der Hauptstadt verweile, um sich Seiner
Mafestät dem Könige vorzustellen und um die spätere
Aufnahme des Junkers in die Kadettenanstalt vorzu-
bereiten, denn er sollte in das Militär eintreten, in
dem sein Vater zu Ehren gekommen war.
Man wartete also und wartete, bis der Bote
eines Morgens den Brief von der Poststation mitbrachte,
in welchem die Ankunft der Herrschaften auf den
nächsten Sonnabend angekündigt wurde.
Nun ging erst das rechte Leben an. Acht Pferde
wurden in die Stadt geschickt, die Herrschaft hinaus-
zuholen. In allen Scheunen wurde gekehrt, in allen
Ställen, obschon sie immer gut gehalten waren, gründlich
gereinigt. Die Wagen und das Sielenzeug wurden
bis auf die letzte Schraube und auf die letzte Schnalle
nachgesehen und gepuzt, die Feuerspritze untersucht

und probirt. Die Pflüge, Eggen und Karren wurden
zur Probe im Hofe zusammengefahren und aufgestellt,
weil sie sich vor dem Herrn General regelrecht wie
eine Batierie präsentiren sollten. Der Inspektor wußte
es durch den Diener, der einst des Herrn Generals
Bursche gewesen war und seit langen Jahren in
seinem Dienste stand, daß militärische Ordnung dem
Herrn General das Höchste sei, und daß, was nicht
biegen wolle, bei ihm brechen müsse.
Im Schlosse ging es noch ganz anders als im
Hofe her. Die Treppen und Fluren, Küche und Kammern
wurden zum so und so vielten Male auf's Neue unter
Wasser gesetzt. Es war ein Ordnungschaffen, daß Alles
drunter und drüber ging, daß die Mägde und Weiber
mit den Köpfen und den Zubern gegen einander rannten.
Vor der Gärtnerwohnung wurden ganze Berge von
Tannen aufgestapelt. Die Mädchen und Jungen aus
dem Dorfe flochten unter des Gärtners Leitung die
Gewinde, mit denen die Gerüste, welche der Stell-
macher schon vor Wochen am Hofthor und an der
Thür des Schlosses zusammengenagelt, in Ehren-
pforten verwandelt werden sollten. Es war ein rastloses
Treiben und Leben.
Dafür sah es aber auch prachtvoll aus, als dh

Ehrenpforten fertig, als die Tafeln mit den roth gemalten
Worten: ,Willkommen und Vivat hoch!! in die
Bogenwwölbung befestigt, als wir Kinder vom Hofe
und aus dem Dorfe am Sonnabend Nachmittag in
Reih' und Glied-- denn in Reih' und Glied war
zu Ehren des Generals bei uns das Losungswort
geworden- an dem Hofthor aufgestellt waren und die
beiden großen Reisewagen dann endlich in den Hof
hineinfuhren.
Das Peitschengeknall, die acht Pferde, die Menschen
in den Wagen, das Vivatrufen, das wir aus allen
Kräften zu verüben angewiesen waren, und über all
das hinaus die beiden Ehrenbogen- das war gar
zu herrlich! Ich dachte, so müßte die Pforte aussehen, -
die in das Paradies und in die Gärten einführt, in
welchen die himmlischen Heerschaaren wohnen und die
Frommen die ewige Seligkeit genießen.
Selbst heute noch reichen weder der Titusbogen,
noch der Kre äs 1toile in meiner Erinnerung an
die Pracht dieser heimischen Ehrenpforte hinan. Und
den goldenen Sonnenschein, der jenen Abend in meiner
Phantasie umleuchtet, habe ich auf der Erde schöner nie
gefunden.