Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 04

Wiertes -apilel.
aIaoaKFana.
Daß mir zu Hause eine tüchtige Tracht Schläge
bevorstehe, das war bei meinem Ungeschick im Schlosse
mein erster Gedanke gewesen und sie ließ nicht auf
sich warten. Da Derlei aber nicht zu den seltenen
Ereignissen für mich gehörte, so verschmerzte ich sie
diesmal noch leichter als gewöhnlich, denn ich befand
mich in einer wahren innern Wuth. Ich hätte auch
irgend Einen prügeln mögen, wie mein Vater mich.
Ich hätte mir selber Etwas anthun mögen, hätte mein
Vater dies nicht ausreichend besorgt.
Ich mußte die neuen Kleider, die neuen Stiefel
ausziehen. Ich hatte sie bis zu diesem Morgen wie
Heiligthümer angesehen. Sie anzulegen, war meine
ganze Sehnsucht und mein Stolz gewesen; und wie ich

sie nun auuszog, da wußte ich, was mir war, was mir
in der Seele brannte. Ich haßte den dicken blauen
Rock und seine langen Aermel, die mir über die Hände
heruntergehangen hatten. Ich verabscheute die großen
Stiefel, die mich hatten fallen machen. Ich warf sie
sammt der Müze, die ich auf Befehl in der Hand
hatte halten müssen, auf die Ofenbank. Ich hätte
allein sein mögen, um das Alles ungestraft mit Füßen
treten und vernichten zu können. Ich dachte mit Grimm
daran, daß ich das Zeug wieder würde anziehen müssen,
und ich fühlte einen Neid, einen brennenden Neid gegen
den Junker mit den kleinen blanken Stiefeln und den -
schönen hellen Beinkleidern. Ich hätte ihm die kurze
rnnde Jacke vom Leibe reißen, und vor Allem, ich
hätte so hübsch aussehen mögen wie er, damit sie mich
nicht auslachen, mich nicht wieder Tölpel schimpfen
dürften.
Sagen hätte ich von dem Allen keine Sylbe können,
denn so weit war ich lange nicht. Die Worte Unglück,
Scham, Demüthigung waren noch nicht in meinem
Besitz, und doch empfand ich, was sie aussagen, mit
einer schneidenden Schärfe. Ich hatte auf meine Weise
vom Baume der Erkenntniß gegefsen, ich war aus
meinem Paradiese vertrieben. Der Unterschied zwwischen

z1
schön und unschön, zwischen vornehm und gering hatte
sich vvr mir aufgethan. Ich sah mit einem Male
mit anderen Augen.
Bis dahin hatte mir auf der Gotteswelt noch
Nichts gefehlt. Ich war des Kaspar's Helmar ge-
wesen, der Pathe der gnädigen Frau, des Küsters
Günstling. Auch in der Kinderlehre bei dem Pastor
war ich obenan gewesen und, als der größeste und
stärkste unter meinen Altersgenossen, der Herr auf dem
Hofe. Außer dem Wunsche, ein Maler zu werden,
hatte ich kaum einen Gedanken gehabt, der über den
nächsten Tag hinausgegangen wäre, und jener Wunsch
hatte mir nicht den Schlaf geraubt oder gar den
Appetit verdorben. Aber Maler zu werden, das war
mir heute lang nicht mehr genug, denn auch die Maler
hatten nicht so schöne Kleider wie die Herrschaften im
Schlosse, nicht einen so glatt gekämmten Kopf wie der
Junker, mit schönen Locken an der Stirne gehabt.
Sie hatten auch nicht so fein wie die Herrschaften ge-
sprochen, und so schön wie das kleine Mädchen hatte
ich überhaupt noch Nichts gesehen. Ich war neidisch
und verliebt, und ich war ein dummer, ungeschickter
Tölpel. Ich hätte mich in die Erde verkriechen mögen!
Statt dessen aber mußte ich mit den anderen

Jungen dem Gärtner zu Hülfe gehen, denn es war
wieder ein Maikäferjahr und das Ablesen der Mai-
käfer wurde eimerweise bezahlt. Dadurch war ich
tagüber in dem Schloßgärten und konnte sehen, wie
der Junker am Mittag, als die Lektionen zu Ende
waren, seine Spiele auf dem großen Rasenplatz betrieb,
und wie die Kleine ihr ausgestopftes Schäfchen am
rothen Bande auf dem kleinen grünen Rollbrett hinter
sich herzog, wie sie ärgerlich mit den Füßchen stampfte
und das Schäfchen schlug, das immer und immer
wieder umfiel. Es war auch zum Ungeduldigwerden,
ich wurde mit ihr ärgerlich!
Ohne recht zu wissen, was ich vorhatte, lief ich
in den Stall, in dem unsere beiden Ziegen und die
Kaninchen ihr Unterkommen hatten. Ich griff ein erst
acht Tage altes rasch heraus. Es war weiß und nicht
viel größer als das Schäfchen, und zu der Kleinen
eilend, reichte ich ihr's hin.
,Da!' sagte ich, , halt's fest! Das kann laufen.?
Das ganze Gesichtchen ward ihr roth vor Freude.
Sie drückte das Kaninchen fest an ihr kleines Herz.
sah zu der Gouvernante in die Höhe, guckte mich mit
den großen braunen Augen an, und rief:
,Ach, der gute Tölpel! Ach, das kann laufen

Fräulein! Da, Tölpel, da nimm das andere, nimm
das Lamm!!-- und wieder drückte sie das Kaninchen
an ihr Herz und küßte es einmal um das andere.
Die Gouvernante fragte, ob das Kaninchen mein
sei, ob ich es verschenken dürfe? - Ich bejahte Beides;
aber die Kleine verstand das falsch.
,Nein! nicht dem Tölpel seines, meines ist es,
nicht dem Tölpel seines!' rief sie, offenbar besorgt, daß
man ihr's nehmen wolle.
,O pfui, Dora!'' tadelte die Gouvernante, ,Du
mußt nicht immer Tölpel sagen, das ist unartig.
Helmar heißt der Knabe. Gieb dem Helmar die Hand
und bedanke Dich bei ihm; und dann wollen wir Dein
Kaninchen der Mutter zeigen gehen und sie bitten,
daß sie dem Helmar Etwas dafür schenkt. Gieb die
Hand, Dora, und danke schön.!
,Danke schön!r sprach ihr Dora nach und hielt
mir ihr Händchen hin, aber ich traute mir nicht, es
anzufassen, weil ich so schmutzig war. Ich machte mich
davon, nach meinem Kirschenbaum, an meine Arbeit.
Währenddessen war mein Vater, wie befohlen, zu
der gnädigen Frau gegangen, und wie er dort ankam,
fand er auch den Herrn General im Zimmer. Sie
sagten Beide, daß sie mit meinem Schreiben zufrieden

gewesen wären, daß sie auch weiter für mich Etwas
thun wollten, und ob es auch des Vaters Wille sei,
daß ich Maler werden solle.
Da dachte der Vater, jetzt oder nie mehr müßte
es herunter, was es auf dem Herzen hätte, und so
sagte er:
,Mein Wille? Nein, gnädige Herrschaft, mein
Wille ist das ganz und gar nicht. Ich habe immer
gedacht, daß der Junge einmal den jungen Herrschaften
dienen sollte, wie ich dem alten gnädigen Herrn ge-
dient habe; aber da ich nun doch sehe, daß man die
alten Diener nicht gebrauchen kann und sie in die Ecke
schiebt wie einen alten abgenutzten Besen, der aber
doch kein Herz im Leibe und nicht seine Ehre hat wie
ein rechtschaffener Mensch - da mag er werden, was
er will, mir soll's einerlei sein.!
Er war erschrocken, als er sich das herausgenommen
hatte, und es schnappte ihm auch in der Kehle ab, so
daß er nicht weiter konnte, hätte er es auch gewollt,
und wäre die gnädige Frau ihm nicht zuvorgekommen.
,Aber Kaspar, alter Kaspar,? rief sie mit ihrem
freundlichsten Gesicht, ,was fällt Dir denn auf Deine
alten Tage ein? Wer will. Dich denn auf die Seite
schieben? Bequem haben wir Dir's machen wollen,

weiter Nichts! Willst Du uns aber lieber noch weiter
dienen, so sollst Du's thun in Gottes Namen. -- Und
nicht wahr, Franois,! setzte sie hinzu, indem sie sich
zu ihrem Manne wendete, ,Du lässest mir den Kaspar
für meine und für der Kleinen persönliche Bedienung.
Er hat mich auf Weg und Steg begleitet, als ich
jung gewesen bin, und ich denke, er soll auch Dora
noch begleiten, wenn sie meine Neigung haben sollte,
sich auf gut Glück im Wald umherzutreiben.?
,Halte das, wie Du's wünschest,? entgegnete ihr
der General, ,nur die graue Livree, den langen Rock
und den verwünschten zweispitzigen Tressenhut, die
kann er nicht mehr tragen.!
Das griff dem Vater wieder an das Herz. Der
lange Rock und sein Tressenhut und sein Mantel mit
den sieben Kragen waren mit ihm verwachsen, wie
seine Haut mit seinem Fleisch und Bein. Er wollte
also eben erklären, daß er in einen solchen schwarzen
Frack, wie die beiden anderen Diener ihn trugen, nicht
hineingehöre, als die Gnädige ihm abermals zu
Hülfe kam.
,Du hast ganz Recht,? sagte sie, ,leine Livrse ist
schlecht und er muß eine neue haben; aber wenn Du
mir ein Vergnügen machen willst, läßt Du sie ihm

gerade wie die alte machen. Bei der Tafel wartet er
nicht auf, und wenn er in der alten Waldern'schen
Livree mit unseren Farben, mit den roth und gelben
Aufschlägen, wie sonst durch das Haus gehen wird,
Morgens die Ühren aufzuziehen und die Briefe und
die Zeitungen wie an dem Tag nach unserer Hochzeit
in unser Zimmer zu bringen, so werde ich mir selher
noch jung vorkommen, und die Kinder werden wissen,
wie es zu ihrer Väter Zeiten hier im Hause ausge-
sehen hat und hergegangen ist. Kaspar würde uns
im Winter erfrieren, wenn Du ihn zum Frack ver-
dammtest. Er würde ja auch mit seinen langen Beinen
wie ein Kranich darin aussehen,! setzte sie lachend
hinzu. -
Die Gnädige mußte es wohl verstehen, wie sie
den General zu nehmen hatte, denn er sagte sofort zu
Allem, was sie wollte, Ja und Amen. Der Vater.
trat wieder in den Dienst und der General kümmerte
sich weiter nicht darum. Er machte sich vielmehr gleich
in den folgenden Tageu mit dem Inspektor an die
Besichtigung des Gutes, so daß er fast immer draußen
war und der Inspektor nicht recht wußte, was der
Herr eigentlich dabei im Schilde führte. Denn obgleich
er über Alles, was zum Gute' gehörte, die genanen

Berichte nnd Plane in Händen hatte, wurden die
ganzen Grenzen des Gutes beritten, alle Felder und
alle Wege in den Feldern, Wäldern und Wiesen in
Augenschein genommen. Als er dann damit fertig
war und auch die Scheunen und Ställe und die
Brennerei ebenso besichtigt, alle Geräthschaften gemustert,
und den ganzen Viehstand genau untersucht hatte, fing
er an, die einzelnen Feuerstellen, die Häuser der Inst-
leute von Stube zu Stube durchzugehen, und es mußte
ihm aufgeschrieben werden, wie viel Seelen in jeder
Stube wären, wobei gerade wie für die Kantonpflicht -
Namen und Alter und Gewerbe von jedem Mann und
Burschen verzeichnet werden mußten.
Das war Keinem recht geheust, weil der Mensch
doch wissen will, was man mit ihm vor hat, und der
General sich über gar nichts ausließ. Nur zum
Inspektor hatte er gesagt, er denke die Güter nach den
Erfahrungen zu bewirthschaften, die er im Leben viel-
fach habe machen können. Die alte hiesige Wirthschaft
sei nicht rationell. Man müsse auf dem Lande das
Nothwendige soweit als möglich sich jelber schafen,
um wenig von Außen her zu bedürfen, müsse viel
produziren und das Neberflüssige gut zu verwerthen
suchen. Der Landwirthschaft fehle kaufmännische Er-

fahrung und eine feste, recht eigentlich militärische
Organisation. Mit einem richtig geführten Haupt-
buche und tüchtiger Disziplin ließen sich allerwegen
Wunder thun, und er wolle auf seinen Gütern den
Anfang mit den Dingen machen.
Der Inspektor ließ sich das gesagt sein, aber im
Stillen äußerte er gegen meinen Vater sein Bedenken.
Er meinte, das sei Alles recht gut und schön; aber
was im Handel und im Regimente gehe, das gehe
auf dem Lande und in der Landwirthschaft deshalb
noch lange nicht. Beim Ersteren habe man es nur
mit Menschen, hier aber mit dem lieben Herrgott
selber, mit seinem Regen und seinem Sonnenscein, mit
guten und mit schlechten Jahren abwechselnd zu thun.
Wo unser Herrgott seine Hand immer sichtbarlich im
Spiele habe, wie in der freien Natur, da gehe es mit
dem Spekuliren und Organisiren und Kommandiren
nicht so, wie es Mancher denke, der nicht auf dem
Lande und nicht hier zu Lande und nicht bei der
Wirthschaft hergekommen sei.
Der General jedoch verstand das anders. Das
Organisiren und Kommandiren war sein eigentliches
Glück, und wenn zuerst den Leuten dabei auch angst
und bange wurde, so kam doch mit einem Male ein

neues Leben in das Dorf und auf den Hof, das ihnen
zu gefallen anfing. Es wurde ein Maurermeister aus
der Stadt verschrieben, es kamen Zimmerleute in das
Dorf und schon nach wenig Wochen waren die Neu-
bauten in vollem Gange. Dadurch waren viel Arbeits-
kräfte nöthig, man bezahlte auch die Arbeit nach Ge-
bühr, und da das Jahr sich sehr gut anließ und eine
gesegnete Ernte versprach, konnte man es yon den
Leuten bald vielfach sagen hören, daß es doch ein
anderes Wesen sei, wenn die Herrschaft auf dem Gute
wohne und nicht in der Stadt.
Der Zufriedenste von Allen jedoch, als er erst
seinen neuen Anzug hatte, war bald mein Vater, denn
das Dienen war ihm eine Lust. Nun hatte er doch
wieder eine Herrschaft über sich, und zwar eine gütige
Herrschaft, hatte seinen neuen Anzug ganz nach alter Art,
und im Schlosse ging es wieder hoch und vornehm her.
Der General hatte, da er in Allem rasch vor-
wärts ging, gleich nach seiner Ankunft einen weit-
reichenden Verkehr mit den altadeligen, in unserer
Nähe vielfach angesefsenen Familien angeknüpft, mit
denen die gnädige Frau verwandt war. Es gab also
immer im Schlosse viel zu schaffen. Die mitgehrachten
Fanny Lewald. Helmar.

Diener, die dem Vater anfangs ein Dorn im Auge
gewesen waren, hatten oft alle Hände voll zu thun und
ließen es sich natürlich gern gefallen, wenn er ihnen,
damit Alles in der Ordnung ginge, ohne ein Wort
darüber zn verlieren, beisprang, wo es nöthig schien,
obschon er und sie ihre besonderen und gewiesenen
Wege hatten. Sie kamen bald von selber, seine Hülfe
zu fordern. Es währte auch nicht lange, so zog der
General ihn, wenn Noth am Manne war, auch zur
Bedienung in der Gesellschaft mit heran, und verstehen
that der Vater sie so gut als Einer.
Dabei kam es einmal, daß der alte Graf Berkow
aus Brakuhnen und seine Schwester, welche Oberhof-
meisterin gewesen war, meinen Vater sahen und ihn
zutraulich begrüßten. Sie nannten ihn Kaspar und
Du, sprachen mit ihm von dem seligen Herrn und von
den alten Zeiten, und der Graf bemerkte dabei gegen
den General, er freue sich immer, wenn er heutzutage,
wo die Freizügigkeit die Menschen unstät und die
Dienerschaft zu wahren Zigeunern gemacht habe, we-
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nigstens noch auf den Gütern hie und da solch alte
Juventarienstücke treffe, auf welche ein Verlaß sei. Ein s
in dem Hause alt gewordener Diener sei zehn von dem j

herumziehenden Gesinde werth.

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Den beiden anderen Dienern, welche das mit an-
gehört hatten, gefiel dies natürlich keineswegs. Sie
waren übrigens ordentliche Leute, die der General aus
dem Regimente nach überstandener Dienstzeit in sein
Haus genommen hatte, und ich freute mich immer,
wenn der Jüngere, der August, Abends bisweilen zu
uns herüberkam. Er erzählte dann viel vom Regiment,
von auswärts und, was mir das Mllerliebste war, auch
von den Herrschaften und von Allem, was im Schlosse
vorging; denn auf das Schloß und seine Bewohner
war mein ganzer Sinn gestellt.
,Sie können jetzt lachen, Kaspar,! sagte August
eines Abends, , Sie haben jetzt Oberwasser bei dem
Herrn, seit der Graf sich neulich mit Ihnen unterhalten
hat. Was die Grafen aus Brakuhnen und aus Meldow
sagen, das ist bei unserem General ein Wort. Zur
Zeit im Regimente war das freilich anders. Da hielt
er den bürgerlichen Offizieren und den Neugeadelten
überall die Stange, wenn die jungen Herren aus den
großen Familien mit ihrem alten Adel vor den An-
deren was bedeuten wollten, obschon sie recht gut
wußten, daß der General aus einem Kaufmannshause
hergekommen war. Er machte dorten auch kein Ge-
g

heimniß daraus; im Gegentheil, er hielt es den Frei-
willigen und Avantageuren wohl zum Beispiel vor.
Hier aber?-- und August uachte, nach dem Schlosse
weisend, ein pfiffiges Gesicht - ,hier, wo die beiden
alten Wappen über der Thüre ausgehauen sind, da
bläst der Wind aus einem andern Loche. Und lassen
Sie die Kinder nur erst groß sein-- der Clamor
ist schon jetzt der Hochmuth selber! Unter Grafen-
kindern thut der General es mit den seinen einmal
nicht.-
Mein Vater ärgerte sich. Es konnte es nicht
leiden, wenn die Diener also von der Herrschaft redeten,
und daß hier in Waldritten, wenn es wieder einmal
so weit wäre, nur vornehm geheirathet werden konnte,
das verstand für ihn sich ganz von selber. Es war
niemals bürgerlich Blut in das Geschlecht gekommen,
welches dies Schloß gebaut und bewohnt, bis der Herr
General hinein geheirathet hatte. Dagegen konnte Nie-
mand etwas sagen, weil der selige Herr es so für gut
befunden hatte; aber daß der General jetzt suchen
mußte, dies Unrecht wieder gleichzumachen, das hatte
mein Vater stets gedacht.
,Denn,! sagte er, ,heder Bauer wjll eines Bauern

Kind ins Haus bekommen, und alter Adel bleibt doch
alter Adel!?
, Und junger Adel wird allmälig alter!'? lachte
August. , Sieht denn unser General nicht gerade so
vornehm aus wie die Grafen hier rundum? Es ist
nur, wie der Mensch aussieht und sich hält!r rief er,
indem er sich in die Brust warf. ,Oder merken Sie's
dem Hauslehrer, dem Doktor Müller, etwa an, daß
sein Vater Bedienter gewesen ist wie Sie und ich?
Aus dem Waisenhause ist er auf das Gymnasium ge-
than worden und sie haben ihm freie Schule, auch
freie Kollegien auf der Universität geschafft; und wenn
der Doktor im Herbst den Junker im Kadettenhause
abgeliefert haben wird, so geht er an die Universität
und wird Professor wie ein Anderer. Passen Sie ein-
mal auf, wenn er bei Tische mit den vornehmsten
Herrschaften von allem Möglichen diskurirt, ob Sie's
ihm anhören, daß sein Vater auf dem Kutscherbock
gesessen und hinter den Stühlen gestanden hat, so gut
wie wir !-
Der Vater schwieg verwundert. Der Andere klopfte
ihm auf die Schulter:
,Ja, Kaspar, das ist nun einmal so, darein
müssen Sie sich schon ergeben. Die Welt ist nicht

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mehr wie zu Ihrer Zeit, und was der Graf aus Bra-
kuhnen auch sagen mag, seit die Eisenbahnen in die
Welt gekommen sind, ist die ganze Welt mobil ge-
macht. Es geht Alles rasch vom Fleck, wenn auch hier
zu Land noch keine Eisenbahnen sind. Es will jezt
Keiner mehr zum alten Inventarienstücke werden! Es
will Jeder jetzt vorwärts! Das ich mein Lebenlang
hinter den Stühlen stehen und Silber putzen werde,
ist auch noch lange nicht gesagt.
,Sie haben's auch wohl auf den Edelmann ab-
gesehen!'' warf mein Vater spottend ein.
,Das just nicht; aber ich schreibe meine gute
Hand, ich habe einen anschlägigen Kopf, und kamn
ich nur erst so viel zusammenhringen, daß ich etwas
Eigenes unternehmen kann, so sollen Sie mal sehen,
was ich thue, und erleben, was noch aus mir wird.!
,Dann schaffen Sie sich wohl selber Pferde und
Wagen und Kutscher und Bedienten an? höhnte der
Vater.
,Gleich noch nicht!' erwiderte Jener wohlgemuth.
,Es braucht ja auch nicht gleich zu sein! Ich bin
jng, und was nicht ist, kann werden!'
Damit nahm er seine Mütze und ging fort.
,Der Hans Narr!'! schalt mein Vater, gerade

als August draußen Kehrt machte und noch einmal
wiederkam.
, Ehe ich es vergesse,'! sagte er, ,der Helmar soll
morgen nach der Kirche hinüberkommen. Sie wollen
sehen, ob er sich zum Maler paßt.! Und mit der.
Munterkeit, die selten von seinem Gesichte kam, setzte
er hinzu: , Als wenn Einer, der was kann und was
gelernt hat, hier im Dorfe als Maler sizen bleiben
würde, um Lattenzäune anzustreichen und alte Kutschen
zu lackiren! Also morgen nach der Kirche!??
,So sind sie!? rief der Vater, als Jener nun
wirklich gegangen war. ,Nichts als Einbildung im
Kopfe, und vergessen, was sie auszurichten haben. Einer
wie der Andere! Aber glatte Scheitel und ein Schnurr-
bart und immer weiße Handschuhe! -- Einer wie der
Andere!' brummte er noch einmal und stopfte sich die
Pfeife mit dem selbstgebauten Tabak.
Ich aber hatte den August heut noch lieber als
bisher. Ich hatte kein Wort verloren von alledem,
was er gesprochen hatte. Ich mußte immer an ihn
und an den Doktor Müller denken, der ganz so aus-
sah wie die Anderen, der mit den Herrschaften ritt
und fuhr, der mit den Herrschaften zu Tisch saß, der

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dem Junker zu befehlen hatte, und dessen Vater ein
Bedienter gewesen war, so wie meiner auch.
Den Abend habe ich, so wie ich mich erinnere,
zum ersten Male nicht gebetet. Ic dachte an den
Doktor Müller bis ich einschlief.