Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 05

Jiinsles Zapiles.
,Geh' nur in den Garten hinein, rechts nach der
großen Laube!r sagte August, als ich am nächsten
Vormittage nach dem Schlosse kam, ohne mir recht
vorstellen zu können, was mit mir geschehen würde.
Ich ging also -- nicht durch die Zimmer, son-
dern hinten über den Hof - nach dem Garten,
in der großen Laube fand ich sie denn auch,
gnädige Frau, die Gouvernante und die Kleine.
und
die
,Hast Du noch mehr Kaninchen? rief diese mir
entgegen, sowie sie mich erblickte.
,Noch sechs,! sagte ich, ,die andern sind ver-
kauft.?
,Geh', hole sie her! Aber gleich, hörst Du,
gleich! Ich komme mit!'' sagte sie, indem sie von der

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Bank, auf der sie gesessen hatte, herniederstieg und sich
an meine Hand hing. Heute scheute ich nicht davor
zurück, denn ich hatte mich
glauhte, mich sehen lassen zu
mir großes Vergnügen, als
so gewaschen, daß ich
dürfen, und es machte
sie das kleine weiche
Händchen in meine Hand legte. Aber die Mutter hieß
sie bleiben.
,Du sollst nachher mit Helnar und den Fräulein
zu den Kaninchen gehen,! sagte sie, ,leht soll er hier
erst zeichnen!' und sich zu mir kehrend, fragte sie, ob
ich schon sonst einmal gezeichnet habe.
,ia, immer!'' gab ich ihr zur Antwwort.
,Bei wem denn?
Ich verstand nicht, was sie meinte. Aber die
Gnädige ließ sich in ihrem guten Willen nicht durch
mein Scweigen irre machen.
,Womit hast Du denn gezeichnet?- fuhr sie fort.
,Mit der Feder! mit Kohlen! auch auf der Tafel!
auch mit dem Stock!-
, Mit dem Stock ? wiederholte die Gouvernante,
,wie hast Du das denn angefangen?-
,Auf der Erde, im Sande ! bedeutete ich.
Die Gnädige nahm darauf
hieß die Gouvernante mir einen
ein Blatt Papier,
Bleistift und eine

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Vorzeichnung gehen, und befahl mir, mich hinzusetzen
und diese nachzuzeichnen, wenn ich könnte.
Mir war himmelangst, als ich den Befehl er-
hielt; aber die Freude über das weiße Papier und
über den schönen, blank polirten Bleistift, dessen viel-
eckig geschliffene Spitze mir wie ein Wunder vorkam,
machten mich die Furcht vergessen, während das Vor-,
legeblatt meine Neugier reizte. Es befanden sich
darauf eine Anzahl einfachst zusammengesetzter senk-
rechter und wagrechter Linien, welche etwas darstellten,
was einen Bretterzaun bedeuten konnte.
Ich besah mir das Ding und fast ohne zu wissen,
daß ich's that, sagte ich:
, Unserer ist anders!'
Die Gnädige fragte, was ich damit meine.
,Ich mein', unser Zaun ist anders!-
,Nun, so fange an und zeichne Euren Zaun,
wenn Du es kannst!''
Und ich fing dann an und wußte mich bald vor
Vergnüügen nicht zu lassen. Der feine Stift glitschte-
auf dein Papier wie von selber vorwärts, und ich hatte
unsere Zäune uud den Stall und das Schloß und
Alles, was mir unter die Augen kam, auf meine Weise
so oft nachgemacht, daß ich mit meinem Zaune

sehr bald fertig war. Weil er mir aber auf dem
schönen Papier weit besser gesiel, als auf den alten
Fezen, auf welchen ich meine Künste sonst zu üben
gewohnt war, wollte ich gern noch etwas Anderes
probiren, ehe man mir vielleicht den saubern Bogen
wieder fortnahm; und so zeichnete ich noch unsere Katze
hin und ein paar Kaninchen, von denen sich immer
einige in der Ecke am Zaune herumzutreiben pflegten.
Ein Meisterwerk war das natürlich nicht, aber zu
erkennen war es wohl, und ein gewisser naturwahrer
g gab sich darin kund. Das habe ich selber ge-
sehen, als mir das Blatt viele Jahre später einmal
wieder vor die Augen gekommen ist; indeß meine Frau
Pathe zeigte sich von meiner Leistung höchlich über-
rascht.
,Das ist erstaunlich!' rief sie,
Machwerk der Gouvernante hinhielt.
ein ganz entschiedenes Talent! --
schiedenes Talent!'
indem sie mein
,Der Junge ist
ein ganz ent-
Auch die Gouvernante stinmte darin bei und
wiederholte den Ausruf der Herrin mit dem Zusatz:
ein solches Talent dürfe man, wie sie glaube, nicht
untergehen lassen.
Sie fragten mich darauf noch einmal, ob ich denn

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irgend einen Zeichenunterricht genossen hätte, was ich
mit gutem Gewissen verneinen konnte. Ob ich auch
Menschen zeichnen könne. Das hatte ich noch nie
probirt. Ob ich überhaupt geschickte Hände hätte. -
Was sie damit meinten, verstand ich ebensowenig, als
was ihr Ausruf, daß ich ein großes Talent sei, zu
bedeuten habe Das viele Fragen war mir unan-
genehm und ich freute mich, als die Kleine, die,in-
zwischen sich meines Blattes bemächtigt hatte, einen
Hund und den Pfauhahn und ein Schaf und ein
Pferd von mir gezeichnet haben wollte.
Ich machte das, wie ich es hundertmal gemacht,
so gut ich konnte, und sie klatschte wieder vor Ver-
gnügen in die Händchen, als der General dazu kam.
,Der Tölpel kann Kaninchen machen und den -
Sultan und den großen Pfau!, rief sie ihm entgegen,
während die Mutter französisch zu ihm sprach.
Er nahm meine Zeichnuung stillschweigend in die
Hand, betrachtete sie ernsthaft, gah sie dann der
Kleinen wieder, die darnach verlangte, und hieß mich
gehen, was mir sehr willkommen war. Ich hatte vor
dem ernsten Gesichte des Generals eine große Scheu.
Nur von dem Bleistift mich zu trennen und von dem
Papier, das fiel mir schwer. Und als errathe sie mein

heimliches Begehren, schenkte die Gnädige mir den
Stift und noch ein paar Blätter des herrlichen Papiers
dazu.
Zu Hause sollte ich erzählen, was geschehen sei,
ich brachte jedoch nichts Rechtes vgr, obschon ich das
Bewußtsein hatte, daß man mit mir zufrieden gewesen
war. Mein Vater war ärgerlich. Gr schalt mich
einen Dummkopf, der nie im Stande sein werde,
auch nur einen Auftrag gehörig auszurichten, und die
Mutter schloß das Papier in ihren Kasten, damit ich
es mit meinen Kritzeleien nicht verderbe. Ich wurde
zum Gäten an die Arbeit hinausgeschickt, und wieder
war ich sehr zufrieden, daß man mich nicht weiter
fragte und mich gehen ließ, denn in meinem Kopfe
- wirbelte Alles durcheinander: der Bleistift und das
Papier, die gestrigen Auslassungen des Bedienten, die
Erzählung von des Doktor Müllers niederer Herkunft,
und das Lob, das meinem Zeichnen heut gespendet
worden war. Ich hatte bei meiner Arbeit keine Ruhe
mehr.
Ich wollte,. ich wußte selbst nicht was. Und
doch! ja, ich wußte es! - Ich wollte nicht mehr
gäten, nicht mehr den Stall rein machen und die
Schweine, die Ziegen und die Kaninchen füttern.

Fortlaufen wollte ich! In die Stadt wollte ich, in
der ich noch nie gewesen war. Den Maler wollte ich
suchen, der hier gearbeitet hatte, und ihn fragen, wie
man Menschen malen lerne. Fortlaufen wollt' ich wie
der Hans im Märchen, der auch der jüngste Sohn
gewesen, der immer als der Dumme und der Nichtsnutz
ausgescholten worden war, und der zuletzt bis in des
Königs Schloß gekommen war, wo ihm der König
seine einzige Prinzeß zur Frau gegeben hatte. --
Nur eingesegnet mußte ich erst sein! Ohne die Ein-
segnung ging es einmal nicht!