Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 06

,echsles ,Kapilel.
Sie Alle, die Sie unter gebildeten Menschen
herangewachsen sind und von früh auf einen guten
Schulunterricht genossen haben, Sie Alle, welche in
den Städten, wenn die Wärterin Sie noch auf ihren
Armen durch die Straßen trägt, schon eine Fülle von
Begriffen und Anschauungen gewinnen, welche täglich
wachsend Ihnen einen großen Theil des eigentlichen
Lernens sparen, oder doch sehr wesentlich erleichtern,
Sie können es sich kaum vorstellen, wie es in dem
Kopfe eines armen Juungen aussieht, der gar Nichts
von dem Leben zu sehen bekommt, als was unter
seinen Augen in dem Dorfe vorgeht; der gar Nichts
von der Welt erfährt, als was er von den Eltern und
den anderen Leuten, die auch nicht sonderlich viel von

e1I
ihr wissen, gelegentlich hat sagen hören. Denken Sie
sich einen solchen Juungen mit regsamem Geiste, mit
einer lebendigen Einbildungskraft begabt, die sich doch
beide an etwas halten und anknüpfen wollen, und Sie
werden es natürlich finden, daß seine Vorstellungen
schließlich an der Bibel oder an einem der wenigen
Märchen hängen bleiben, welche die Mutter oder
irgend eine alte Muhme zu erzählen verstanden haben,
wenn sie sich überhaupt einmal die Zeit nehmen
konnten, etwas so Neberflüssiges zu thun.
Eingesegnet werden und Menschen zeichnen, das
wollte ich! Das Erstere mußte ruhig abgewartet
werden. Als ich aber über das Andere nachzudenken
anfing und mich wunderte, weshalb ich es noch nie
versucht hatte, fiel mir ein, daß ja auch unser lieber
Herrgott sich erst zuletzt an die Menschen gewagt habe,
und daß es wohl das Allerschwerste sein müsse, weil
die Gnädige mich besonders gefragt hatte, ob ich das
auch könne.
Nun wollte
nicht anzufangen.
ich es probiren - und wußte es
Ich hatte, wenn ich so sagen darf,
bisher all' meine Nachmacherei ganz abfichts- und
gedankenlos betrieben. Ich hatte die Gegenstände an-
. Fanny Lewald. Helmar.
B

gesehen, auswendig
denken, nachgemacht.
nicht im Einzelnen.
behalten und, ohne daran zu
Ich kannte sie im großen Ganzen,
Der Hund war mir der Hund,
der Wagen der Wagen gewesen, und in meiner Zeich-
nerei = oder besser in meiner Nachmacherei - waren
sie denn auch in ihrer Wesenheit gut genuug zum Vor-
schein gekommen. Ich wußte also, wie ein Mensch
aussieht, und wußte es auch nicht. Denn nun ich zu
überlegen anfing, wie man Menschen zeichnen könne,
und meinen Vater und die Mutter darauf als die
nächst erreichbaren Gestalten zu betrachten anfing, da
fielen mir die Augen und die Ohren und Nase und
Mund und Arme und Beine und Hände und Füße
zum ersten Male als Einzelheiten auf, und zwar mit
solcher Deutlichkeit als Einzelheiten, daß mir das
Ganze darüber verloren ging. Wenn ich an Vater
und Mutter dachte, während sie fern von mir waren,
wußte ich zwwar, wie ungefähr ihre Nase und ihr Ohr
gestaltet war, aber ich konnte mich auf sie selber nicht
besinnen; und sie mir recht darauf anzusehen, wenn sie
da waren, traute ich mir nicht, weil sie mich, als ich
dem Einen und der Andern einmal fest in das Gesicht
geblickt, gefragt hatten, was ich wolle und was das
dumne Anstieren bedeuten solle? Darauf hatte ich

mir nicht getraut, etwas zu erwidern. Aber von da
ab war ich auf die Menschen so achtsam geworden
wie auf die leblosen Gegenstände oder auf die Thiere
um mich her, und als ob ich zu diesen lezteren ge-
hörte, schüchterte mich der Blick der Menschen ein,
wenn ich sie mit der Absicht betrachtete, mir ihr Gesicht
zu merken. Wie eine Katze vor dem Milchtopf, oder
wie ich selber, wenn ich es auf fremde Fohannisbeer-
sträuche abgesehen hatte, lag ich nun vor den Menschen
von ferne auf der Lauer, bis der rechte Augenblick ge-
kommen war; und namentlich war es mein Vater, dem
ich immer wieder beizukommen suchte, ohne daß er's
merkte.
So lernte ich sein Gesicht denn auch auswendig.
ede Falte und jeden Zug hatte ich im Kopfe, und
wie er dann an einem Abend einmal dasaß, in die
Zeitung vertieft, die er sich aus dem Schlosse mit-
gebracht hatte, so daß er mich nicht ansah, denn
unter seinen Augen hätte ich es nicht zuwege gebracht,
da zeichnete ich zum ersten Male sein ehrliches Gesicht,
das ich nachher auf so manchem meiner Bilder an-
gebracht habe, wenn es mir um einen recht tüchtigen
Kopf zu thun gewesen ist.
Fr

Es war Essenszeik, die Brüder kamen von der
Arbeit. Sie waren gewohnt, mich mit dem Stück
Papier am Tische sizen zu sehen und gaben nicht auf
mich Acht. Die Mutter kam mit der Suppenschüssel
herein; und wie sie das Tischtuch auflegen wollte, das
bei uns nicht fehlen durfte, weil die Eltern in ihrem
Sinne doch viel was Anderes waren als die Inst-
leute und Bauern, so schob sie mich und meine Zeich-
nung mit einem kurz hingeworfenen: ,Geh weg!?
vom Tische fort.
In dem Augenblick aber sah sie auf das Blatt
und wie im Schrecken rief sie:
, Herr Gott! Der Vater!-- der ganze Vater!?
wiederholte sie, der Backenbart und Alles!'
,Was ist denn da? fragte der Vater ärgerlich,
indem er der Mutter das Blatt aus der Hand nahm;
denn wenn er sich einmal auf das Lesen verlegte, was
selten genug geschah, wollte er nicht gestört sein.
Er sah die Zeichnuung an, legte sie kopfschüttelnd
zusammen und steckte sie ein. Viel Reden war nicht
seine Sache, und diesmal war ich froh, daß er Nichts
sagte. Nur als wir gegessen hatten und er aufstand,
um wieder in das Schloß zu gehen, sagte er:
,Daß Du Dir's nicht unterstehst, Dich an den

Herrschaften oder an sonst wem zu vergreifen!
Nebrigen mögen sie, wenn Du erst eingesegnet
wirst, mit Dir machen, was sie wollen!'
Im
sein
Eingesegnet werden und dann in die Stadt zum
Maler! Dann fing, wie ich mir dachte, das rechte
Leben an, und so etwas wie die ewige Seligkeit. -
In Waldritten wird die Einsegnung der Kinder
immer vor dem Beginn der Roggenernte angesetzt, da-
mit nachher Alt und Jung ohne Unterbrechung bei der
Arbeit bleibt; und als ob ich ihn gestern erlebt hätte,
so deutlich erinnere ich mich des Morgens, an welchem
ich mit den Eltern und den Brüdern an meinem Ein-
segnngstage in die Kirche ging
Der Vater hatte die Sonntagslivree an, die Mutter
das schwarze Bombassinkleid und das große schwarz-
seidene Kopftuch, mit dem sie sehr vornehm aussah,
wenn sie es gehörig aufgethürmt und in die rechte große
Schleife gebunden hatte. Ich war inzwischen in
meinen Anzug schon hineingewachsen und ich dachte
den Tag nicht viel daran, denn mir war sehr feierlich
zu Muthe.
Es war ein heißer, heller Morgen. Das Korn
stand dicht und mehr als mannshoch im Stroh. Es
war ein frühes und fruchtbares Jahr. Die goldbraunen

Aehren, nickten über unseren Köpfen, als wir durch die
engen Raine gingen. Neberall sahen die blauen Korn-
blumen und der rothe Mohn zwwischen dem Stroh her-
vor, und wo man hintrat, trat man auf weiße
Kamillen und auf Tuendel, so daß ihr warmer Duft
üherall hervorquoll. Lerchen stiegen auf und schmetterten
hoch oben in der Luft, und dazwischen klapperten die
Störche von den Nestern.
Von allen Seiten gingen die Leute nach der Kirche.
Jede Familie still für sich allein. Aber über Allen
schien die gleiche Sonne, Alle hörten das gleiche Läuten
von der Kirche und folgten seinem Klange.
Einmal, wie wir mitten in den Feldern waren,
sagte der Vater: ,Damit ist's auch nichts in der
Stadt! Da wächst nicht Gras, nicht Korn!?-- Und
wie wir uns schon nahe an der Kirche befanden, sagte
die Mutter: ,Das ist nun der Lezte!?' -- Sie meinte,
der letzte Sohn, der einzusegnen sei, und Beides fiel
mir auf das Herz.
Die Kirche? Ja! wie soll man Einem, der ihn
nie empfunden hat, den himmlischen Frieden beschreiben,
der über einem solchen schlichten Gotteshause auf
dem Lande liegt? Wie kann man ihm das Sonnen-
licht schildern, das an den weißen Wänden in

goldenen Wellen spielend niederfließt, wenn unter der
niederen Wölbung der Orgelton mächtig in die Seelen
dringt, und die Lieder, die guteit alten protestantischen
Lieder, von den rauhen Kehlen in angestammter, zweifel-
loser Gewohnheit ernsthaft abgesungen werden? Oder
wem kann man genugthun mit einer Beschreibung,
der das eigen erlebte Erinnern an diesen Frieden in
sich trägt?
Das ganze Jahr lang hatte ich an die Einsegnuung
gedacht, aber es war Alles noch ganz anders, als ich
es mir vorgestellt hatte. Die Herrschaften in dem
abgeschlossenen Sitz mit den Glasfenstern, die Guts-
besizer aus der Nachbarschaft, von denen auch die
Kinder mit uns vor dem Altar standen, sahen vvr-
nehmer aus als sonst. Der Herr Pfarrer predigte
heute nicht von der Kanzel für Alle, sondern vom
Altar für uns Kinder. Er sagte, wir wären von nun
ab keine Kinder mehr, sondern müßten wissen, was
Recht und Unrecht sei; wir müßten einstehen für uns
selber zu unserem Frommen, zu unserer Eltern Freude,
zu der anderen Menschen Nutzen und zu Gottes Ehren,
wo es ihm gefallen würde, uns unseren Platz anzu-
weisen in der Welt, die er geschaffen und in die er

uns hineingesetzt hätte. Das war Alles ganz besonders;
ernster, freundlicher, eindringlicher als je.
Ich hörte ihm mit großer Andacht zu, hegte aber
doch meine besonderen Gedanken dabei. Es gefiel mir
gut, daß ich, da nichts geschehen konnte ohne Gottes
ausdrücklichen Rathschluß, also nach Gottes Willen in
die Stadt zum Maler kommen würde; indeß, es
wollte mir weniger in den Sinn, daß ich dort für mich
allein einstehen und verantwortlich für Alles sein sollte.
Ich fing an, mich vor der Fremde zu fürchten, und
eine mir bis dahin fremde Liebe füür das Dorf, für
die Eltern und für den Herrn Pfarrer zu empfinden.
Und wie ich die Eltern und den Herrn Pfarrer und
darnach die Herrschaften Einen nach dem Andern an-
sah und dachte, daß ich weit fort kommen und vielleicht
niemals wiederkehren würde, wenn unser Herrgott mir
meinen Platz in der Welt wo anders angewiesen hätte,
mußte ich weinen. Es waren die ersten Thränen,
welche ich aus innerer Rührung weinte. Das Vor-
gefühl der Sehnsucht und der Einsankeit brachte sie
mir in die Augen, aber ich schämte mich ihrer, denn
die anderen Jungen weinten nicht.
Die Predigt war nuun zu Ende. Wir traten
Einer um den Andern zu dem Altar, um mit dem

Segen unseren Spruch auf den Lebensweg zu erhalten.
Die Klänge der Orgel und das Sonnenlicht schwebten
immer noch über unseren Hänptern, und die Hand
des Pfarrers ruhte auf meinem Kopfe, als er mit
ernster Milde mir die Worte Hiob's zur Erinnerung
an den Tag, und zur Mahnung in der Stunde der
Versuchung, an das Herz legte: , Bis daß mein Ende
kommt, will ich nicht weichen von meiner Frömmig-
keit!?-- Und als prägte die sanfte Hand, die ich
auf meinem Haupte fühlte, sie mir mit unvertilgbarem
Stempel in die Seele, so sind die Worte mir lebendig
geblieben für und für. Sie haben nicht gehindert,
daß ich strauchelte, sie haben mich nicht vor manchem
thörichten Suchen und Irren behütet; aber wenn ich
einmal in Gefahr war, ganz abzukommen von dem
rechten Wege, sind sie mir regelmäßig eingefallen, und
ich häbe stillgestanden, habe mich besonnen und mich-
zurechtgefunden; wenn auch nicht zu dem frommen
Glauben meiner Kindheit, doch zu mir selbst und zu
dem Rechten.
Am nächsten Sonntag gingen wir zum Abend-
mahl. Die Herrschaften nahmen, wie das im Dorf
die alte Sitte mit sich brachte, gleichfalls daran Theil.
Das war auch feierlich und schön, denn vor Gottes

Tisch waren wir Alle gleich; und wie die Herrschaften
mit uns nach dem Abendmahl auf dem Kirchhofe zu-
sammentrafen, gaben die Gnädige und der General
meinem Vater und meiner Mutter die Hand, und die
Gnädige sagte:
,Denkst Du wohl, Kaspar, wwie mein seliger
Bruder und ich hier bei der Einsegnung vor dem
Altar gestanden und meine seligen Eltern uns noch
besonders gesegnet haben, als wir dann von dem Altar
zu ihnen gekommen sind? Das Glück, das sie auf uns
herabgefleht, ist mir allein zu Theil geworden in
hohem, hohem Maß, nur daß sie's nicht mehr mit
mir theilen!
Sie trocknete sich die Augen, dem General zuckte
auch etwas wie Rührung durchs Gesicht.
,Helmar,'! sagte sie, ,Dn hast rechtschaffene
Eltern, schlag' nicht aus der Art und mache ihnen
Freude, denn der Eltern Segen baut den Kindern
Häuser!?
Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und mir
ist's, als hätte ich das Alles heute erst erlebt.
Von da ab kam ich alle Tage in das Schloß,
denn Doktor Müller und die Gouvernante hatten sich
aus eigenem Antrieb erboten, sich meiner anzunehmen.

Sie gaben mir abwechselnd täglich eine Stunde Unter-
richt. Ich zeichnete auch bisweilen bei der Gouvernante,
und da für den Junker ein Turnplatz eingerichtet worden
war, auf welchem der Doktor ihn im Turnen unter-
wies, wwährend er daneben iäglich unter den Augen
seines Vaters exerzierte, so verfiel der Junker darauf,
dasjenige, was er lernte, auch wieder zu lehren. Der
General ließ es deshalb geschehen, daß er- die Knaben
vom Hofe, des Inspektors, des Brenners, des Schäfers
Söhne und mich mit eingerechnet, so oft es ihm gefiel,
zum Turnen und Exerzieren zusammenrief. Anfangs
war das eben nur eine Spielerei gewesen, bei welcher
der Junker mit seinem Czakot, seinem Degen, seiner
Flinte und Patrontasche uns natürlich wie ein Prinz
erschienen war, und wir hatten uns sein Kommandiren
gern gefallen lassen, einmal weil wir es nicht wagen
durften, ihm nicht zu gehorchen, und dann weil er die
Trommel, die Trompete und die Fahne zu verleihen
hatte. Da aber der General überall einzugreifen liebte
und immer etwas Neues zu befehlen und zu diszipli-
niren haben wollte, so wurden allmälig alle Jungen
aus dem Dorfe unter die Fahne gestellt, und für den
Mittwoch und Sonntag Abend eine Exexzierstunde ein-
gerichtet, bei welcher der Junker, der uns Allen in

?
diesen kriegerischen Künsten zehnfach voraus war, den
Offizier machte, während dem Bedienten August, sehr
zu seinem Mißvergnügen, die Aufgabe zufiel, uns
Andere soweit möglich abzurichten. Wir exerzirten,
marschirten, mit Stöcken bewaffnet, standen Schildwache,
und der General unterließ es fast niemals, zufällig zu
erscheinen, wenn wir unsere Dressur erhielten.
Eines Sonntags, als ich einmal unter den alten
Weiden Schildwace stand, kam der General auch wieder
auf die Wiese hinab, ynd zwar mit einem Herrn, der
zum Besuch im Schlosse war. Des Schattens wegen
blieben sie ganz in meiner Nähe stehen, so daß ich sie
sprechen hören konnte.
,Man sollte das Eperzieren,! sagte der General,
, für die Jungen auf allen Gütern neben dem Schul-
unterricht einführen. Unser Volk hier zu Lande ist
tölpisch und ungeschickt. Die Leute find wie die
Vierfüßler, wie die Bären, wenn man sie in die Re-
gimenter bekommt. Drillt man sie vorher im Dorfe,
so hat der Unteroffizier nachher es leichter. Die
Hauptsache aber ist, daß man da, wo Söhne in den
Herrenhäusern und Schlössern sind, durch diese Art
von Spielen das natürliche Verhältniß zwischen ihnen
und den Anderen gleich von früh auf feststellt. Unsere

?
Kinder üben sich in Befehlen, die Anderen im Ge-
horchen. Und sehen Sie, wie das Alles sich vererbt.
Mein Clamor ist der geborene Kommandeur! Der
Junge hier'! -- er wies mit dem Kopfe nach mir
hin --- ,gehört einem alten Diener unseres Hauses,
hat Appell und parirt wie ein Jagdhund. Er würde
mit der Zeit einen guten Unteroffizier abgeben, denn
das Pariren liegt ihm schon im Blute; aber--
Glamor!! rief er, sich plötzlich unterbrechend, ,siehst
Du denn nicht, wie der Junge neben Dir die linke
Seite nachschleppt, als wäre ihn ein Rad über den
Leib gegangen!''
S
Der Funker ließ sich das nicht vergebens gesagt
sein. Er fuhr mit seinem Säbel dem Jungen über
den Rücken, daß dieser zusammenzuckte nnd, da er doch
nichts sagen durfte, ihn wüthend ansah, wofür er noch
einen Schlag erhielt.
Sie marschirten indeß weiter. Der General mit
seinem Begleiter war fortgegangen, ich hatte, wie
es sich gebührte, salutirt; aber in meinem Innern
hörte ich noch immer, daß ich Appell hätte wie ein
Jagdhund und zum Pariren geboren sei.
Ich wußte recht gut, was das bedeutete, denn
mein Vater führte das Wort beständig selbst im Munde.

Pariren hatte ich müssen, so lang ich lebte, und ic
hatte auch nichts dawider gehabt. An dem Tage
jedoch fuhr es mir durch die Glieder wie ein Hieb,
und obschon oder weil es uns verboten war, beim
Schildwachestehen einen Laut zu sprechen, sagte ich
zu mir selber: ,Ich will schon zeigen, daß ich kein
Hund bin und noch etwas Anderes machen kann, als
bloß pariren Dabei hatte ich einen Ingrimm gegen
den Junker wie noch nie zuvor. Ich hätte gern ge-
habt, daß er mir in dem Augenblick etwas befohlen-
hätte, nur um es nicht zu thun. Ich wollte nicht
pariren, hm am wenigsten! Der Hochmuth lag ihm
immer auf der Stirn und der Spott auf den Lippen.
,Geht in den Kopf auch etwas hinein? fragte
er einmal ein paar Tage später, als er mich zur Stunde
bei seinem Lehrer fand.
,Mehr als in Deinen und rascher als in Deinen!'?
entgegnete ihm der Doktor.
Ich hätte ihm die Hände dafür küssen mögen, und
zum ersten Male nahm ich mir's heraus, dem
höhnischen Lachen des Junkers mit festem Blicke zu
begegnen.
,Willst Du etwas? fuhr er mich an, indem er
dicht an mich herantrat.

7?
Ich war größer und stärker äls er, trotzdem sah
ich fort und schwieg. Der General hatte Recht ge-
habt, es war mir angeboren, anerzogen: ich parirte.
Aber der Schlag, den ich ihm nicht geben konnte, fiel
mir auf das Herz, daß ich die Zähne zusammenbeißen
mußte. Ich dachte nicht: ,Wär' ich Deinesgleichen!r
-- so hoch verstieg ich mich nicht. Ich wünschte, daß
er Meinesgleichen wäre und ich mit ihm allein, damit
auch er einmal erführe, was pariren sei. Und es hat
lange, lange Jahre gebraucht, ehe ich die Unbill ver-
schmerzt, die ich als Kind von ihm erfahren, ehe er
einsehen gelernt, daß er sie mir zugefügt. ed P Veide
Herr geworden über das, was Jedem von uns im
Blute lag, und was die Erziehung uns frühzeitig noch
fester und bestimmter eingeprägt hatte.
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