Helmar
Fanny Lewald
Kapitel 07

,iebenles ,Fapiles
Elamor hatte zum ersten Oktober in das Kadetten-
haus einzutreten. Der Doktor sollte ihn dorthin
=e ?
bringen, und bis Königsberg, wohin mit eigenem
Gefährt gefahren wurde, sollte ich mitgenommen werden,
um dort bei dem Maler, der im Schlosse gearbeitet
hatte, verabredetermaßen in die Lehre gethan zu werden.
Es war nebelig und kalt an dem Morgen, als
der Wagen auf die Rampe des Schlosses vorfuhr.
Die Eltern und ich standen wartend vor der Thüre.
Ich hatte meine Einsegnungskleider an, meine Papiere
hatte die Mutter mir fest in die Brusttasche eingenäht,
mein bischen Habseligkeit der Vater selber in das alte
Ränzel zusammengepackt und auf dem Kutscherbock
untergebracht, auf dem ich neben dem Kutscher sitzen

sollte. Es dauerte lange, bis die Herrschaften ihr
Frühstück eingenommen hatten, und die Luft ging scharf.
Eundlich kamen sie Alle vor das Haus, auch die Gou-
vernante mit der Kleinen, der sie ein großes dunkles
Tuch um den Kopf gebunden hatten, aus dem sie neu-
gierig hervorsah.
Der gnädigen Frau, die den Sohn nun zum ersten
Male und für lange von sich lassen sollte, ging das
nahe. Sie küßte ihn einmal um's andere. Der
General gab ihm die Hand.
,Vergiß nicht, was Du Dir und unserem Namen
schuldig bist! sagte er.
Was damit gemeint war, verstand ich nicht. Ich
merkte jedoch, daß er den Sohn anders behandelte
als sonst, und auch Clamor war ernsthafter, als ich
ihn je gesehen hatte.
In dem Augenblicke, da er in den Wagen steigen
sollte, drehte er noch einmal um, warf sich dem Vater,
der Mutter in die Arme, sie küßten sich Alle unter
einander. Er hob die Kleine auf, sie reichte ihm ihr
Mäülchen, lief dann auch zu dem Doktor, und da sie
nun einmal in den Zug gekommen war, streckte sie auch
mir die Arme entgegen und rief: -
Ranny Lewald. Helmar.

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,Adieu Helmar! Komm' bald wieder! Hörst Du?
Ich wußte, daß sich's nicht gehörte, aber ich konnte
mir nicht helfen. Ich hob sie auf, sie schlang die Arme
um meinen Hals und ich küßte sie von Herzen. Mein
Vater, die Gouvernante riefen mich tadelnd an, ich
setzte sie schnell auf den Boden.
Die Herrschaften sprachen mit dem Sohne noch
Allerlei durcheinander, ich hörte nichts, als daß mir,
zugerufen wurde, aufzusteigen. Der Kutscher knallte
mit der Peitsche, ich saß neben ihm, wir fuhren zum
Thor hinaus, die Allee hinunter, zwwischen den Stoppel-
feldern hjn.-- Fort waren wir!- Fort. vom Hofe,
auch schon fort vom Dorfe!
So waren die Rappen noch niemals gelaufen, so
rasch war kein Wagen je gefahren.
Es war noc Alles grün. Die rothen Beeren
der Ebereschen hingen an den Bäumen, über dem
Tannenbusch schimmerte die Sonne durch den Nebel
hindurch. Bei dem Wetter mußten sich die Krammets-
vögel in den Sprenkeln gut gefangen haben. Es ver-
droß mich, daß ich in dem Morgendämmern nicht mehr
hingegangen war, sie auszunehmen. Ich hatte es
vergessen. Ich hatte überhaupt Alles vergessen. Auch
den Herrschaften hatte ich nicht, wie der Vater mir

befohlen, für die genossenen Wohlthaten gedankt, und
selbst den Eltern nicht Adieu gesagt, wie sich's ge-
bührte. Es war Alles so rasch, so kopfüber gegangen,
weil die Kleine auch zu mir gekommen war.
Gewünscht hatte ich mir das immer. Ich hatte
immer Lust gehabt, sie einmal auf den Arm zu nehmen
und zu küssen. Aber nun ich es gethan, war ich doch
froh, daß ich nun fort war nnd Niemandem mehr unter
die Augen zu kommen braucte.
Zwei Stunden hinter unserem Dorfe fing die
Fremde für mich an, denn weiter war ich nie ge-
kommen. In dem Kruge, in welchem wirMittag
machten, fanden wir fünf von unseren Wagen und den
einen Wirthschafter. Sie hatten Roggen nach der
Stadt gebracht uud waren auf dem Rückwege. Der
Junker gab ihnen einen Zettel nach Hause mit. Ich
stand unter dem Thore und sah zu, wie die Wagen
heimwärts fuhren. Der Gottlieb mit den Schimmeln
war der Letzte.
,In vier Stunden ist Der auf dem Hofe und die
Schimmel sind im Stalle!? dachte ich. Wie es da
aussah, das wußte ich. Wo ich hinkommen und wie's
da aussehen würde, das wußte ich nicht; und es schoß

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mir durch den Kopf: der Gottlieb und die Schimmel
hätten's gut-
,Grüß' zu Haus! rief ich ihm nach und blieb
stehen, bis sie hinter der Hecke ganz verschwunden
waren.
Am Tage war es hell und klar geworden und ich
kam aus dem Sehen und Erstaunen nict heraus; als
wir dann spät am Nachmittage die Stadt erreichten,
ging erst das rechte Verwundern für mich an.
Der Junker stieg mit seinem Lehrer bei der Groß-
tante ab. Mic sollte der Kutscher, wenn er in dem
Gasthofe ausgespannt haben würde, in dem die Wal-
dritter Fuhren immer eingestellt wurden, zu meinem
Meister führen. Das Ausspannen und Füttern und
einen Schnaps trinken nahm aber bei ihm viel Zeit
hin, wenn er Zeit hatte und wie hier Bekannte von
den andern Gütern traf; und es war schon ganz finster,
als er sich endlich ärgerlich dazu entschloß, mich fort-
zubringen.
Der Meister wohnte weit ab vom Thore, mitten
in der Stadt. Die Häuser, die Straßen, das alte
Schloß, an dem wir vorüberkanen, das sah uir in der
Dunkelheit bei dem Flimmern der spärlich angebrachten
Straßenlaternen Alles so groß aus, wie später die

römischen und ägyptischen Bauwerke mir kaum er-
schienen sind. Mit der Freude, in der Stadt zu sein,
war's an dem Abende nicht weit her. Ich dachte
immer an den Gottlieb und an die Schimmel.
Der Meister hatte in einer engen Straße sein
eigenes Haus. Es war nur zwei Fenster breit, aber
hoch. Zu ebener Erde lag nach hinten eine geräumige
Stube, die in den finstern Hof hinaussah. Sie hatte
nach dem Hausflur eine Glasthüre, durch deren Vor-
hänge das Licht hindurchschimmerte. Der Kutscher, der
mit Bestellungen schon oftmals dort gewesen war, ging
geradenweges auf die Stube zu. Der Meister saß bei
einem Kruge Bier am Tische. Er hatte schwarzes,
graugemischtes Haar, das ihm aber auf der Stirne
wie ein Schopf in die Höhe stand, scharfe Augen und
eine kleine, so stark gebogene Nase, daß er wie der
Habicht an unserem Scheunenthor aussah. Als wir
eintraten, legte er die Zeitung aus der Hand.
,Da bring' ich den Jungen!' sagte der Kutscher.
,Der Herr Doktor meinte, Sie wüßten schon. Morgen
käm' er selber.
,Was für ein Doktor?' fragte der Meister.
,Der von unserem Junker!'' bedeutete der Kutscher
und machte sich mit einem kurzen , Adjes!'' davon.

Er war niemals viel von Worten, wenn's nicht
um seine Pferde war.
Ich blieb an der Thüre stehen. Der Meister fragte,
wie ich heiße, wie ich mit dem Lesen und Schreiben
dran sei. Ich gab Bescheid und packte mein Schreib-
heft aus dem Tuche aus. Er wollte wissen, bei wem
ich die Frakturschrift gelernt hätte. Ich nannte den
Küster, den Herrn Doktor von dem Junker und die
Gouvernante vom Schloß.
,Die Schlösser und die Funker und die Gou-
vernanten, die schlag' Dir aus dem Sinn!' rief da mit
einem Male die Meisterin herüber, die an dem andern
Tische, an welchem ein hübsches blondes Mädchen ftrickte,
Wäsche zusammenlegte. , Hier gouvernire ich!-- Was
Du morgen früh zu thun hast, das werden Dir der
Lehrjunge und die Christel expliziren. Sie wird Dir
was zu essen geben. Bis acht Ühr kannst Du draußen
bleiben.'?
,Ja fiel ihr der Meister in das Wort, ,geh'
zur Christel in die Küche, sie soll Dich in die Kammer
bringen.!
Ich that wie man mir geheißen, und that es
eigentlich wie im Schlaf und Traum, weil Alles mir
so neu war. Die Magd ging mit mir vier enge Treppen

in die Höhe nach dem Boden. Da standen in der
Kammer drei Betten, von denen das eine mir bestimmt
war. Jetzt war von den anderen Burschen keiner oben.
Sie waren draußen, wie die Christel mir mit dem
Zusatze bemerkte, der Wilhelm würde froh sein, daß ich
gekommen sei, denn nun würde ich ihr Handlanger und
nun würd' er frei. Wenn ich aber thäte, was sie mir
sagte, so solle es nicht mein Schaden sein. Eine
Hand wasche die andere, groß und stark sei ich ja,
die großen Eimer würden mir nicht zu schwer sein.
Ich sähe ihr so aus, als wäre ich still für mich, und
wenn ich die Kanonen von den Studenten nur blitz-
blank putzte, fiele immer etwas für mich ab. -- Sie
war ein ansehnliches Frauenzimmer mit blanken schwarzen
Augen und mit weißen Zähnen, die sie beim Lachen
zeigte, und sie lachte bei jedem Worte, das sie sprach.
Aus einem der unteren Stockwerke rief eine Männer-
stimme ihren Namen. Sie flog die Treppe hinab. Es
sei der eine Studiosus, sagte sie. Ich solle meine
Sgchen rasch an Ort und Stelle bringen und dann
zu ihr hinunter kommen.
Ich machte es, wie sie befohlen hatte, zog die
Arbeitsjacke an, bekam mein Butterbrot in der Küche,
und setzte mich damit draußen auf der Treppe vor der

Thüre nieder. Weshalb ich da sitzen mußte und was
ich da sollte, das sah ich nicht ein.
Bei der spärlichen Straßenerleuchtung war es
gerade nur hell genug, mich die Fremdartigkeit meiner
Umgebung empfinden zu machen. Kein Strauch, kein
Baum, kaum ein Stück vom Himmel zu sehen!
Nichts als hohe Häuser, eines dicht neben dem andern,
und viele Fenster, aus denen Licht hervorschien, ohne
daß ich wußte, wer dahinter wohnte. Hungrig war
ich, aber das Brot, obschon es gut war, wollte mir
nicht wie sonst hinunter. Ich hörte in der Nähe
lachen, in der Ferne pfiffen Jungen. Es gingen auch
Leute vorbei, aber ich kannte sie nicht. Auf dem
Hofe und im Dorfe hatte ich jeden Menschen und
jedes Thier gekannt und Jeder hatte mich gekannt
Hier wußte ich nicht aus nicht ein; und die großen
Wassereimer, die blitzenden Kanonen der Studiosen,
die Worte der Frau Meisterin, die Redensarten der
Magd, das strickende Mädchen, das zwwölf Jahre alt
sein konnte, und der kluge Habichtskopf des Meisters,
der sich vor dem Gouverniren der Meisterin bescheident-
lich geduckt hatte, gingen mir bunt und wirr im
Sinn herum.

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,Jetzt bin ich in der Lehre!- sagte ich mir, um
mir ein Herz zu machen. ,Jezt bin ich ein Maler!
Indeß an dem Abend empfand ich kein sonder-
liches Vergnügen über diese Erfüllung meiner Wünsche.
Der Gottlieb und die Schimmel hatten's besser.
-