Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
   
Band 01
Titel

Reisebriefe
aus
Deutschland, Jtalien und Frankreich
(1877, 1878)
von
Fanny Lewald.
za zösesSSSs»saee.
Berlin, 1880.
Verlag von Otto Janke.

Fie, meine liebe Freundin, und manch Andere unter
meinen Bekannten, haben das mir erfreuliche Verlangen gehegt,
diese, während meiner letzten anderthalbjährigen Reisezeit
geschriebenen Briefe, in einem Bändchen zusammengestellt zu
sehen.
Wohl die Hälfte derselben entstammt den sieben Monaten,
während denen, Sie und ich,,im Hötel Molaro zu Rom Haus-
genossen gewesen sind, und die Erlebnisse des Tages am
Abende bei mir durchzusprechen pflegten.
Heute nun, da ich in Kiel bei Ihnen weile, bringt mir
die Post grade an Ihrem Geburtstage den letzten meiner
Reisebriefe zur Korrektur in Ihr friedliches, von Ihnen selber
und von Ihrem verstorbenen Gatten Charles Roß, so kunst-
geschmückte kleine Haus.
Lassen Sie denn das Buch zunächst Ihr Eigen sein, und
werde es Ihnen zugleich eine Erinnerung an Rom und an mich.
Kiel, den W6. September 1D.
Fannn Lewald Stahr.

w - sF - z
A
FF' D zu - zs s- s-=
Erster Brief. = Von Berlin nach Dresden . -
Zweiter Brief. - Von der Selbstbeschränkung in der Dichtung - -
Dritter Brief. - Vom Kern der Dichtung - -
Vierter Brief. - Das häusliche Leben der Deutschen - -
ünfter Brief. - In der Schweiz - -
Sechster Brief. Vom Genfersee . -
Siebenter Brief. == Unterwegs . -
Achter Brief. - Aus Jlorenz - -
Neunter Brief. ==- Wieder in Rom - -
Zehnter Brief. - Einst und jett - -
Eilfter Brief. - Der Tod Vietor Emanuel's . -
Zwölfter Brief. - Noch einmal Rom und Iezt und Einst . -
Dreizehnter Brief. = Historisches Erinnern . -
Vierzehnter Brief. - Am Tage der Papstwahl . -
künfzehnter Brief. = Rom oder Malta? .
Sechszehnter Brief. = Eine neue SaustOper . -
Siebenzehnter Brief. = Allerlei Nachahmenswerthes . -
Achtzehnter Brief. Wie die Dinge sich hier machen . -
Neunzehnter Brief. = Verträglichkeit . -
Zwanzigster Brief. - Aus der römischen Künstlerwelt . -
Einundzwanzigster Brief. - Arühling in Rom - -
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Zweiundzwanzigster Brief. - Ein Amerikaner über die Begabung der
Jtaliener - -
Seite
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Dreiundzwanzigster Brief. Die Antiken-Gallerie des Fürsten Torlonia .
Vierundzwanzigster Brief. - Längs dem Ufer. -
Künfundzwanzigster Brief. = Fresko-Bilder in Rom .
Sechsundzwanzigster Brief. - Atelier- Einrichtungen und das Atelier von
Siemeratzky in Rom . -
Achtundzwanzigster Brief. -= Lezte Tage im Süden -
Dreißigster Brief. =- An die deutschen Frauen . -
Einunddreißigster Brief, - An die deutschen Arauen -
Zweiunddreißigster Brief. = An die deutschen Irauen . -
Dreiunddreißigster Brief. - Der neugierige Robby . -
Vierunddreißigster Brief. - Der Münster zu Altenberg und die Ruine zu
Lippstadt . -
Rünfunddreißigster Brief. - Ein Tag in Soest . -
Sechsunddreißigster Brief. - In meinen vier Wänden . .
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88
- - 5
Neunundzwanzigster Brief. - Die Frauen in der Jamilie und der
Sozialismus . -
808
- . I40
Siebenundzwanzigster Brief. - Die Ateliers von Vertuni, Atakolski und
Ezekiel in Rom . -
Seite
865
Ke
91

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455
46
I69

Kapitel 01

sss ss-ls
r. u uu b Ekltis
Von Lause fort!
Dresden, den W. Mai 18.
Man sagt wohl, der Mensch könne Alles lernen, und
in den übermüthigen Stunden und Tagen meiner Jugend
habe ich das auch geglaubt; jett aber bin ich bescheidener
geworden und sage es nicht mehr. Denn obschon ich es in
dem langen Lauf der Jahre erlernt habe, von Menschen, die
ich liebe, ruhig Abschied zu nehmen, was gar nicht leicht ist,
so lerne ich es doch nicht, von Hause ruhig fortzugehen. Seit
mehr als dreißig Jahren bin ich in jedem Jahre aus meinem
Heim aufgebrochen, wenn der Frühling gekommen war,
immer bin ich dann einem mir erwüünschten Ziele zugesteuert,
und jedesmal ist mir das eigentliche Abreisen wie eine nicht
zu überwindende Schwierigkeit erschienen. Der Mensch wächst
in seinen Verhältnissen, in seiner Umgebung gar zu fest; und
mit dem Besitz, den er sich zu seiner Bequemlichkeit anschafft,
legt er sich Ketten an, die ihn fesseln, die er nachschleppen
und gleichsam klirren hört, wenn er sich von Hause ent-
fernen will.
Als ich Berlin vor ein paar Tagen verlicß, sah ich
s eigentlich, während ich durch die Straßen nach dem Bahnhof
J. Leral. Reisebriete.

=- Z -
fuhr, nicht die Häuser, an denen ich vorüberkam, sondern nur
alle die Schränke, die ich zugeschlossen, alle die Sophas, die
man mit Decken behing, alle die Vorrichtungen, die man zur
Erhaltung ,der Sachen' zu nehmen hatte; und ich dachte
eines verstorbenen Schwagers, der ,die Sachenr als das
größte Hinderniß zu irgend welcher freien und kräftigen Ent-
schließung zu bezeichnen, und mit heiterer Laune eben deshalb
gelegentlich zu verwünschen pflegte. ,Das ist's ja! Die
Sachen! Die Sachen!r rief er oft in komischem Zorn. ,Ich
bin überzeugt, die Götter haben keine Sachen gehabt! denn
wie hätten sie sonst die leichtlebigen Götter heißen können!?
Noch auf dem halben Wege nach Dresden zählte ich
Bettwäsche und Tischtücher im Geiste, klirrten mir die Schlüssel-
bunde vor den Ohren, gab ich in Gedanken diese und jene
Anordnung, erkannte ich dies und das, was noch besser hätte
gemacht werden können; bis ich endlich einschlief, um nach
einer Weile mit dem Gefühle zu erwachen, daß die Frei-
zügigkeit doch etwas Schönes sei, daß der Wechsel von Luft
und Ort eine befreiende Kraft habe, daß er dem Blute eine
schnellere Bewegung, der Seele neue Schwingen gebe. Ich
war nun wieder unterweges, und es ist ein Gefühl, von
Jugend in der Empfindung, mit der man sich in solchen
Augenblicken, sein ,Nun vorwärts ! zuruft. -- Am liebsten
möchte man sich das italienische: eornggio e aranti!
(,,Muth und vorwärtss auf die Reisetasche schreiben. - Ich
hatte das Alleinreisen, in lieber fast dreißigjähriger Gewohn-
heit ganz verlernt.
Dresden nimmt sich, wenn man von der Neustadt
kommt, immer noch so lieblich und so zierlich aus, als vor
jenen siebenundvierzig Jahren, da ich zum erstenmale über
die Elbe nach der Stadt fuhr. Heute wie damals wundert
man sich, wenn man die katholische Kirche erblickt, wenn man

= Z -=-
das Schloßthor passirt, daß die Männer nicht in Schuhen und
Strümpfen gehen, daß sie keine gepuderten siles äe gigeon
an den Schläfen, kein Zöpfchen im Nacken, keinen Gala-
Degen an der Seite tragen. Man findet es auffallend, daß
die Frauen ohne Hontanges und Kortugaäins erscheinen,
und daß die stillen Portechaisen durch die klappernden
Droschken, durch die rollenden Omnibus, und nun gar durch
die Pferde-Eisenbahnen außer Thätigkeit gekommen sind. -
Es dünkt Einen nicht in der Ordnung, daß Dresden, wie die
meisten Städte, jett auch zu seinen Thoren hinausgelaufen
ist, daß sich große Villen-Vorstädte gebildet haben, daß es
eine Fabrikstadt geworden ist, in der wie anderwärts auch,
der Kohlenstaub die Luft durchfliegt.
An den Goldmacher Bötticher, der statt des reinen
Goldes, das er liefern sollte, das Gold bringende herrliche
Meißener Porzellan erfand, an die Hoffeste unter August dem
Starken, an üppige Lustbarkeiten aller Art, dachte man früher,
wenn man nach Tresden kam. Man entwöhnt sich auch nur
schwer davon, Dresden nicht mehr ausschließlich als eine
Residenzstadt, als das alte Elb»Florenz zu betrachten, in
welchem die Sixtinische Madonng und der Tizianische Christus
einst ein so schickliches cisalpinisches Unterkommen gefunden
hutten; es nicht mehr als jenes Dresden zu finden, in welchem
man die Mengs'schen Abgüsse anstaunen konnte, derengleichen
es in Deutschland nirgend gab. Auch die Zeiten von
Kügelchen, Tiedge, Tiek, Carl Maria von Weber, der Schröder-
Devrient und Emil Devrient sind lange vorüber. Aber es
ist mir hier wieder recht klar geworden, daß eine gewisse
Art Kunstverständniß sich nicht wie ausländische Waare
plötzlich importiren läßt, wenn man seiner bedarf, sondern
daß es, wo immer es auf den rohen Stamm naturwüchsiger
Barbarei gepfropft war, doch einer lange Jahre unaus-

= F ==
gesetzten Pflege bedarf, um festzuwurzeln, und aus sich selbst
heraus neue Triebe, d. h. das Richtige und dem Orte An-
gemessene zu erzeugen.
Wie ich darauf komme? =- Es ist mir durch den Sinn
gegangen, als ich hier den schönen Sgraffitto-Fries an der
Mauer des Königlichen Schlosses, in Gedanken mit den
Schinkel'schen Fresken unter der Vorhalle unseres Museums,
und vollends mit der Berliner Siegessäule und ihrem un:
sichtbaren Mosaikbilde verglich.
Auf eine öde leere Wand, auf die Mauer eines könig-
lichen Stallgebäudes, die sich längs einer belebten Straße
häßlich hinzog, hat man hier in Dresden mit verhältniß-
mäßig sehr geringen Mitteln ein Bild geschaffen, das dem
Volke in verständlicher Weise die Geschichte des Landes und
seiner Beherrscher vorführt und in das Gedächtniß prägt.
Man hat sich mit richtiger Einsicht nicht darauf einge-
lassen, ein farbiges al kreseo gemaltes Bild unseren
Witterungsverhältnissen auszusetzen, sondern sich der alten
italienischen Sgraffitto-Manier, einer Art von Radirung auf;
getünchten Mauern zugewendet, bei welcher auf dunkeln Grund
eine helle Farbe übertragen, und in diese das Bild derart ein-
geritzt wird, daß das Gemälde in der Farbe des dunkelen Unter-
grundes auf der hellen Lberfarbe hervortritt.-- Abgesehen
davon, daß es erfreulich ist, das Sgraffitto wieder erweckt zu
sehen, von dem wir früher nur noch in Rom, und irre ich
nicht, in Genua und an einigen wenigen der an der
Kirisrn äi gonente gelegenen Villen und Paläste vereinzelte
Neberbleibsel gefunden hatten, ist das Bild an sich ein großes
Kunstwerk. Die Gruppirung dieses historischen Festzuges ist
höchlich zu loben. Alles vereinigt und scheidet sich übersicht-
lich und natürlich. Tie Charakterisirung der verschiedenen
Zeiten und der verschiedenen Gestalten ist bestimmt und leb-

== Jh -
haft, ohne das Bild unruhig zu machen; und ich fragte mich,
als ich vor dem Bilde stand, mit beschämtem Erstaunen, wie
es möglich sei, daß ich den Maler dieses Bildes, daß ich den
Namen Ad. Walther's niemals hatte nennen hören? Es ist
so schön, so geistreich, so reich und sicher ausgeführt, daß es
die belebte Farbe nicht vermissen läßt.
Von Anfang des zwölften Jahrhunderts, von Konrad
dem Großen, dem Vegründer des Wettiner Herrscherhauses,
bis zu König Albert, dem Sieger in den Schlachten des
letzten französischen Krieges, und seinem Bruder Georg, ziehen
sie, von ihren Mannen begleitet, an uns vorüber, die Fürsten
und Beherrscher des Landes. Hie und da fällt unser Auge
auf Züge und Gestalten, welche uns durch die Bilder ihrer
zeitgenössischen Maler wohlbekannt sind. Friedrich der Weise,
Johann der Beständige, Johann Friedrich der Großmüthige,
die Fürsten aus der Reformationszeit, treten neben einander
in einer Gruppe auf. Die stolze Gestalt des aus Ehrgeiz
abtrünnig gewordenen August des Starken, des Polenkönigs,
prahlt auf stolzem Rosse. Vom Wappenkleide fernster Vor-
zeit, vom Kriegsharnisch der Ritter bis zur Allongen-Perrücke,
von Friedrich Christians dreieckigem Hute bis zu dem flattern-
den Federbusch auf dem Helme des jetzt regierenden Königs,
der den Feldherrnstab des Feldmarschalls deutschen Reiches
in der Hand trägt, sehen wir die Ereignisse der sächsischen
Geschichte und die Menschen, die ihre Träger waren, in ihren
wechselnden Trachten einander folgen und sich ablösen. Und --
wie Wappenherolde und Reisige den Zug eröffnen, so be-
schließen ihn die Männer aus unseren Tagen: der Bürger-
meister von Dresden, Künstler, Gelehrte des Landes, Studenten,
Soldaten, Landleute und Kinder, als Portraitbilder nach dem
Leben gemalt. -- Es ist ein sehr lehrreiches Bild, besonders
in dem Sinne, daß wir daraus lernen, was man malen und

=== ßß =-
aufstellen soll, um das Volk in seiner eigenen Vergangenheit
Wurzel fassen und Halt gewinnen zu machen. Ich bin oft-
mals eigens des Weges gefahren, mich an dem Bilde zu er-
freuen, und niemals, ohne eine Menge von Leuten jedes
Alters, Standes und Geschlechtes in Betrachtung vor dem-
selben stehend zu finden. Das Geschlecht, welches in dem
Anschauen dieses Bildes heranwächst, wird von der Geschichte
seines Vaterlandes wissen, wird die Namen und die Jahres-
zahlen und die Denksprüche kennen, die über und unter den
betreffenden Gestalten angebracht worden sind, und sich das
Seine dabei denken. Was aber soll der Ungelehrte sich denken
bei den mythologisch allegorisirenden Freskobildern vor dem
alten Museum? Was können sie ihm bedeuten?=- Was
hat er von dem schönen, aber auch viel zu allegorischen Bilde
Anton Werner's unter dem Zinkdach und hinter den Granit-
säulen des hiesigen Siegesdenkmals, das man mit großen
Kosten eigens in Mosaik hat ausführen lassen, damit es
lange so unzugänglich und so völlig unsichtbar verbleibe, wie
jetzt. So weit ich herumgekommen bin, ist mir keine Sieges-
säule mit einem Zinkdach, und nirgendwo ein Ganzes wie
diese Siegessäule vorgekommen, das sich aus schönen Einzel-
heiten so häßlich aufbaut und zusammensetzt. Ein Glück
noch ist es, daß die Erzreliefs am Sockel dem Volke wenigstens
zum Herzen sprechen, daß sie es an das Ringen und Siegen
der letzten zwanzig Jahre erinnern. Und welch einen statt- -
lichen Zug von Männern könnte der rechte Maler dem Volke
von Berlin, den Preußen, aus ihrer Vergangenheit an's
Licht und in das Leben heraufbeschwören! Ich habe vielfach
das Experiment gemacht, Männer und Frauen aus den
handarbeitenden Ständen um die Geschichte unseres Landes
a RM

==- ? --
aber so etwas behält man ja nicht! habe ich regelmäßig
zur Antwort bekommen. = Sähen sie die Gestalten aber vor
sich, so würden sie nicht vergessen, was sie ,gehabt haben
und das kleine Kapital ihrer Erinnerungen würde ihnen große
Zinsen tragene
Eben so selbstredend wie dieser Sgraffitto-Fries ist das
Denkmal, das man dem Bildhauer Rietschel auf der Terrasse,
dem Akademiegebäude gegenüber errichtet hat. Niemand
kann zweifeln, was der Mann gewesen ist, der das kleiue
Modell der schönen Lessing-Statue in Händen hält; und das
Standbild hat obenein das große Verdienst der sprechendsten
Aehnlichkeit. Es ist und bleibt ein ergreifender Eindruck,
einen Menschen, mit dem man in engem freundlichem Ver-
kehr gestanden, als einen Hingegangenen und doch in die
ferne Zukunft hinein Mitlebenden und Wirkenden, so ,vor
allem Volk erhöht'r zu sehen. Es ist das ein Großes und
ein Schönes! Es ist ein Stückchen Unsterblichkeit; und wie
sehnt sich das Herz nach einer solchen für die Menschen, die
es liebte, bewunderte, verehrte.
Nehmt die paar Blätter als einen ersten Gruß aus der
Ferne. -- So auf sich selbst gestellt, mit ein paar Koffern
voll. Sachen als ganzen Besit, von Andern versorgt, hellt die
Phantasie sich auf, und Immermann's ,Bist beim ersten
Meilensteine, Tausend Meilen weit entkommenr, das Stahr
mir oft vorgesprochen, macht sich auch heute schon an mir
geltend.
Ich bleibe nur ein paar Tage in Tresden, in einer der
Villen-Vorstädte, im Waldpark, dem ehemaligen Blasewitz, bei
einer mir werthen Freundin. Tann will ich hinaufziehen
nach Loschwitz, oder vielmehr nach dem über Loschwit ge-
legenen ,Weißen Hirschr. Tas ist auch eine an sich nicht
eben schöne Villenkolonie; aber man soll dort oben, wie die

Kapitel 02

== F =-
Dresdener behaupten, gute Luft und Stille haben, die ich
nöthig brauche.
Auf eine eigentliche, fest zusammenhängende Reise-
beschreibung rechnet bei dieser ganz auf das Bedürfniß und
die Eingebung des Augenblicks gestellten Reise, diesmal nicht.
Ich schreibe, um den Zusammenhang mit Euch und den
Freunden auch in der Ferne zu erhalten, Euch Allen durch
die Zeitung; und wie sich die Mosaik aus den kleinen ein-
zelnen Steinen zu einem übersichtlichen Gesammtbilde zu-
sammensetzt, so geben hoffentlich diese Briefe Euch in ihrer
Gesammtheit, wenn Ihr sie einmal überlesen werdet, das
Bild dessen, was ich fern von Euch erlebte, dachte, empfand,
und schauend und lesend in mich aufnahm. Laßt Euch ge-
fallen, was ich Euch zu bieten habe und begleitet mich wie
sonst mit Eurer Theilnahme.
Zueiier Vrief.
don der Zelbstbeschränkung in der Dichtung.
Weißer Hirsch bei Dresden, s Juni l.
Warum dies Terrain hier oben der weiße Hirsch heißt,
das könnt Ihr Euch wohl denken. Es hat hier irgend einer
der Landesherren ein Jagdschlößchen gebaut, an der Stelle,
an der er einen weißen Hirsch geschossen. Das Schlößchen ist
im Laufe der Jahre ein Wirthshaus geworden, einige andere
Wirthshäuser sind dazu gekommen. Dann hat man, als ,das
Gründen'' epidemisch geworden war, hier Häuser und Villen
aller Art gebaut, und wenn ich die langen Häuserreihen zu
beiden Seiten der Chaussee entlang gehe, die über die Höhen
führt, und danach in die schattigeren Seitenwege einbiege, sehe

==- Z =
ich, daß fast die ganze Kolonie, mit wenigen Ausnahmen zu
vermiethen und zu verkaufen ist. Viel Reize bietet sie nicht dar.
Das Kiefern-Wäldchen mit seinen Anlagen ist klein, ein Hoch-
wald, von dem man mir gesprochen, liegt wohl fern, denn ich
habe ihn noch nicht entdeckt. Ein anderes Wäldchen, das sich
nach Loschwitz hinunterzieht, ist noch kleiner. Es ist dasselbe,
in welchem der liebenswürdige Maler Gerhard von Kügelchen
erschlagen wurde. Der einzig wahrhaft schöne Punkt ist die
Höhe, von welcher man in das Elbthal niederschauend, Dresden
zu seinen Füßen liegen sieht, und weit hinausschaut in die
Lande, durch deren waldige Höhenzüge die Elbe in sanften
Windungen sich ihren Weg sucht. Abends im Licht des Sonnen-
Unterganges mahnt das Bild wirklich an das Arnothal, und
es wundert mich, daß unsere Veduten-Maler den Punkt nicht
mehr benutzten.
Was uns überall hier fehlt, auch in dem kleinen Frieda-
Bad, in dem ich wohne, das ist Schatten. Wir sind dadurch
für die heißen Stunden hinter die Jalousien der Zimmer
gebannt, und auf unsere Bücher angewiesen. Da sind mir im
Lesen neuer Dichtungen allerlei Gedanken gekommen, und ich
bin wieder einmal an Heine erinnert worden. Denn wie
sehr meine Vorliebe für viele seiner Arbeiten auch abgenommen
hat, im Verkehr war er eine der unvergeßlichsten Er-
scheinungen, und wenn man sich daran gewöhnt hatte, aus
seinem scherzenden Wort den von ihm verspotieten Ernst her-
auszuhören, kam man immer reich bedacht von ihm zurück.
Einmal, als wir im Jahre 1855 in Paris eines Morgens
bei ihm waren, kamen wir auf den deutschen Stil und gleich-
zeitig auch auf die Art und Weise des Schaffens und Dar-
stellens überhaupt, zu sprechen.
Heine war in jener Zeit schon sehr verändert. Mit
ganz geschlossenen Augenlidern ruhte er auf einem Lager von

= ,I -=
übereinandergelegten Matratzen in der Nähe des geöffneten
Fensters, und nur wenn er mit der halbgelähmten Hand das
eine Augenlid emporhob, vermochte er zu sehen. Das andere
Auge war schon lange erblindet. Aber seine satirische Laune
war ganz dieselbe wie vordem, und mit seinem Spott ver-
schonte er Niemand, auch sich selber nicht. Er war darin
unerschöpflich. Ich habe in jener Zeit gegen meine Gewohn-
heit viele unserer Unterredungen in unserem Tagebuche auf-
geschrieben, und bewahre sie als eigenartige Erinnerungen an
jene Tage und an Heine.
,,Können Sie denn noch schreiben,' fragte er uns einmal,
,,ich meine, frischweg schreiben wie vordem? Mir ist das
ganz unmöglich. Ich habe alle Unbefangenheit verloren, seit
die Censur aufgehoben ist. Früher setzte ich mich vor so
einem Blatt Papier hin und schrieb was mir einfiel und wie
es mir un's Herz war. Kam mir mitunter dabei vor, Dieses
oder Jenes möge am Ende doch nicht recht zu sagen sein, so
hielt ich mich damit nicht weiter auf. Ich dachte, was gehts
dich an? das ist des Censors Sache! und schrieb wie ein freier
Mensch frisch darauf los. Aber jetzt?
Wir lachten, und auch über sein Gesicht flog ein zuckendes
Lächeln; indeß er unterdrückte es rasch und setzte mit gemachter
Ernsthaftigkeit hinzu: ,Lachen Sie nicht, denn da ist gar
Nichts zum Lachen, die Sache ist, wie ich Ihnen sage. Mit
der Censurfreiheit hat man uns unsere persönliche, dichterische
Freiheit genommen. Früher war der Censor verantwortlich,
jetzt sind wirs! Das ist ein elender Zustand. Früher mußte
der Censor sich fragen: Kann das vor dem Gesetz und vor
der öffentlichen Moral passiren? Jetzt soll ich selber mich
das fragen. Wie kann ein Mensch aber frei und unbefangen
schaffen, wenn er sich dazwischen alle Augenblicke fragen
soll: Ist das nicht eine Majestätsbeleidigung? Jst das nicht

= FF ---
geset- oder polizeiwidrig? Ist das sittlich oder unsittlich?
Ist das schicklich? - Ich sage Ihnen, es ist ein ganz verwünschter
Zustand! Wie kann ich in Paris es wissen, was sie in Deutsch-
land gerade für Gesetze geben? Wie kann ich absehen, was
sich in all den kleinen Nestern all der kleinen Staaten schickt,
und was für Sittenbegriffe sie dort haben? Hundert Mal
schon habe ich in meinen schlaflosen Nächten den alten Gott
meiner Väter angefleht: Herr Gott! gib mir meinen Censor
wieder! Denn glauben Sie mir, nächst der Gesundheit ersehne
ich Nichts so sehr, als die baldige Wiedereinführung der alten,
ordentlichen ensur!r
Er fing darauf zu erzählen an, was ihm Alles mit der
Eensur begenet sei, gab die ergötzlichsten Anekdoten von seinen
verschiedenen Censoren zum Besten; und da er die Sprache
auch in der Unterhaltung meisterhaft beherrschte, mußte man
sich immer selber daran mahnen, daß er krank sei, um ihn
zur rechten Zeit zu verlassen, und seiner Aufforderung, ihm
Gesellschaft zu leisten, nicht zu seinem Schaden nachzugeben.
An diese Unterhaltung mit Heine habe ich seitdem oft
gedacht, ohne deßhalb wie er die Censur auch nur im Scherze
zurück zu verlangen, wenn ich bei dem Lesen von Romanen
oder Erzählungen auf Motive oder Schilderungen gestoßen
bin, die mir für das sittliche Gefühl beleidigend erschienen;
und ich habe mit ein paar unserer ausgezeichnetsten Roman-
dichter und Novellisten, in deren Dichtungen mir dergleichen
hier und da entgegengetreten war, zu verschiedenen Malen
darüber gesprochen und gerechtet, ohne zu einem eigentlichen
Verständniß mit ihnen gekommen zu sein.
Wenn ich ihnen vorhielt, daß grade sie, bei der Leb-
haftigkeit ihrer Erfindung und ihrer Kraft des Darstellens
derselben, es am wenigsten nöthig hätten, zu so bedenklichen
Reizmitteln zu greifen, oder direkt und für reine Naturen

=- jZ -
verletzend zu schildern und auszusprechen, was sie verstanden
haben wollten, so sollte ich mich darüber erklären, ob ich denn
der Sinnlichkeit ihre Berechtigung in der Dichtung überhaupt
nicht zuerkannte, und ob ich glaube, daß der wirkliche Dichter
ein volles, großes Bild des Lebens wie es ist, entwerfen,
daß er sich und reifen, das Leben kennenden Menschen genug
thun könne, wenn er sich dazu verdamme, während des Schaffens
an irgend etwas Anderes zu denken, als an sein Werk, oder
auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen, als auf die innere
Nothwendigkeit der Dichtung und ihrer Gestalten.
Die erste Frage bedurfte kaum einer Antwort, denn
diese verstand sich von selbst. Auf die zweite erlaubte ich mir
die Einwendung, es verstehe sich eben so von selbst, daß der
Dichter mit Nothwendigkeit dem Zuge jenes seinen Gestalten
innewohnenden Müssens während des Schaffens nachgebe;
daß ich aber glaube, wir hätten die Pflicht, unsere Arbeit,
wenn sie vollendet vor uns liege, einer möglichst strengen
sittlichen Kritik zu unterwerfen, und bei dieser Kritik an die
verschiedenen Arten unserer Leser zu denken, wenn wir während
des Schaffens nur auf die Dichtung und unsere persönliche
Befriedigung gestellt gewesen wären. Wir konnten uns dar-
über nicht ins Gleiche setzen; und da ich mir bewußt bin,
trottz unserer Meinungsverschiedenheit jenen Dichtern und
ihren Dichtungen einen sehr warmen Antheil entgegenzubringen,
so getröste ich mich des Gleichen denn auch von ihnen, un-
geachtet unserer Meinungsverschiedenheit.
Trotzdem will ich es einmal versuchen, mich hier über
diesen Gegenstand auszusprechen, der eigentlich darauf hin-
ausläuft, daß Freiheit, auf allen Gebieten des Lebens, für
die Dauer nicht ohne die freiwillige, sittliche Selbstbeschränkung
bestehen kann, welche der Einzelne sich aufzuerlegen hat.
Daß sich während unserer Lebzeit, in unseren gesellschaft-

== 1Z -
lichen Zuständen, in unserem häuslichen und Familienleben, in
dem Verkehr der Geschlechter miteinander, durch alle Schichten
unseres Volkes, wie in den sittlichen Gesammtanschauungen
desselben, eine wesentliche Veränderung vollzogen hat, das
wird Niemand ableugnen können, der offenen Auges auf
die lezten dreißig, vierzig Jahre zurückblickt. Ist er nicht
eingerostet in den Begriffen, in welchen er herangewachsen,
ist er nicht mit dem Alter grämlich und ungerecht geworden,
so wird er zugeben müssen, daß Vieles, sehr Vieles jetzt besser
ist als in den Tagen seiner Jugend.
Das ganze Leben ist in Fluß gekommen, ist bewegten,
ist farbiger geworden. Die Eisenbahnen und die Telegraphie
haben es möglich gemacht, daß man die Masse dessen, was
ein Mensch innerhalb seines Daseins vordem zu erleben ver-
mochte, verdoppeln und verdreifachen kann; und wie auf
diese Art fast für die Allgemeinheit zugänglich und erreichbar
geworden ist, was durch eigene Anschauung kennen zu lernen,
früher nur wenigen besonders Begünstigten zu Theil werden
konnte, so hat auch durch die völlig veränderte Technik des
Druckereibetriebes die Verbreitung von Zeitschriften in einer
unvorhergesehenen Weise zugenommen, während die veränderten
politischen Verhältnisse des Vaterlandes einem jeden Manne
die Theilnahme an dem öffentlichen Leben zur Pflicht, und
damit das Lesen der Zeitungen zur Nothwendigkeit gemacht
haben.
Sehr deutlich erinnere ich mich der Zeit, in welcher selbst
in den gebildeten Familien des höheren Bürgerstandes außer
dem Hausvater Niemand, ohne eine ganz besondere Veran-
lassung, dieZeitung in die Hand nahm; wo eine Frau schon sehr
müßig sein mußte, wenn sie nach der Zeitung griff; wo
Schüler und Gymnasiasten kaum an die politischen Vorgänge in
dem eigenen Lande, geschweige an die der fremden Länder dachten,

- II -==
und wo für die meisten Mädchen die Zeitung nur in so fern
in Betracht kam, als Verlobungs-Anzeigen oder Anzeigen für
Ankäufe darin zu finden waren.
Jetzt werden von Jung und Alt aus allen Ständen die
Zeitungen gelesen. Wohin man kommt, liegen Zeitungen auf
dem Tisch. In der geringsten Kellerwohnung, in dem kleinsten
Materialladen gucken Frauen und Mädchen in die Tages-
blätter; und da die illustrirten Unterhaltungsblätter geringsten
Grades, eben so wie andere nicht viel werthe Fabrikate,
von Hausirern durch alle Städte und Dörfer getragen, und
die besseren und guten Zeitungen oftmals von mehreren un-
bemittelten Familien gemeinsam gehalten werden, so ist der
Einfluß der Druckschriften, im Besonderen der Zeitungen und
Journale, höchst wichtig geworden, und die Wirkung, die sie
oft ganz unmerklich üben, gar nicht zu berechnen. Es hat
mich bisweilen erschreckt, was Kinder und junge Frauen-
zimmer in Folge gewisser Anzeigen und Anerbietungen aus
den Zeitungen herausgelesen haben, und ich bin gegenüber
ihren in aller Unschuld an mich deßhalb gerichteten Fragen oft
in peinlicher Verlegenheit und in noch größerer Sorge gewesen.
Eine Beaufsichtigung und Beschränkung nach dieser Seite
hin ist wohl kaum zu ermöglichen, aber für die Art der Wirkung,
welche z. B. die genaue Wiedergabe der aiminalgerichtlichen
Verhandlungen in den Zeitungen auf das Volk ausübt, das
grade diese Dinge mit großer Vorliebe verfolgt, dafür will
ich, weil es so schlagend war, ein Beispiel statt vieler erzählen.
Ich hatte ein junges, kaum der Kindheit entwachsenes
Mädchen eines Tages abgeschict, unseren kleinen Enkelsohn
zu uns zu holen. Sie waren den Kanal entlang gegangen
und hatten gesehen, wie man die Leiche eines neugeborenen
Kindes aufgefischt. Den Kleinen hatte das sehr erschreckt, und
er erzählte mir ganz aufgeregt, gleich beim Eintritt, die Ge-

- 1J -
schichte mit dem Zusatz: ,Es war ein ganz kleines, ganz kleines,
nacktes Kind, und denke Dir, Großmutter, N. hat mir gesagt,
das Kind ist ungezogen gewesen, und da hat's die Kinderfrau
in's Wasser geschmissen! Ich ging sofort hinaus, stellte die
junge Magd über die Unvernunft zur Rede und setzte hinzu:
,Neber etwas so Entsetzliches hättest Du den Knaben rasch
fortbringen müssen, denn Du weißt recht gut, daß dies sicherlich
das Kind einer verführten Frauensperson gewesen ist, die nun
mit Schimpf und Schande beladen wahrscheinlich ihr Leben
dafür verlieren wird !! - ,Ach nein'', entgegnete sie ganz
vergnügt, ,ich habe das oft gelesen, dafür wird Keiner hin-
gerichtet, das ist so schlimm nicht, höchstens wird das Frauen-
zimmer eingesperrt!?! Und das junge Mädchen war ein Ge-
schöpf, das keinem Thier ein Haar hätte krümmen können
und das ein vortreffliches Frauenzimmer geworden ist. Aber
die Gewohnheit, das Gräßliche zu lesen, hatte sie gegen dasselbe
abgestumpft; denn man kann durch Gewöhnung an das
Schlechte die Sittenbegriffe nnd das Urtheil der Einzelnen wie
der Massen durch alle Stände bis zu einem kaum glaublichen
Grade verwirren und verrohen.
Indeß neben dieser in den Zeitungen drohenden und schwer
zu beseitigenden Gefahr für das sittliche Bewußtsein der Massen,
kommt die feinere, und darum wie ich glaube, noch gefähr-
lichere Verführung und Begriffsverwirrung durch die Dichtung
hinzu, seit es zur Sitte geworden ist, in den besten wie in
den geringen Tagesblättern Erzählungen und Romane zu ver-
öffentlichen. Als vor jenen vierzig oder fünfzig Jahren das
erste sogenannte Pfennigsmagazin herausgegeben wurde, sah
man es in den Familien sehr genau darauf an, ob es dazu
geeignet sei, frei im Hause aufgelegt zu werden; denn man
überwachte damals das Lesen der Jugend mit ernster Acht-
samkeit, und wie ich glaube, mit großem Recht.

= ,ß -
Das ist jettt weit schwerer möglich als vordem. Man
sagt freilich, die erzählende Dichtung, die Novelle und der
Roman, schöpfen ihre Stoffe zumeist aus dem Leben ihrer
Zeit; sie schildern doch in der Regel nur Dinge und Zustände,
für welche in der Wirklichkeit das Gegenbild zu finden sei,
das eben deshalb auch dem Auge der Mitlebenden nicht ver-
borgen bleibe und nicht verborgen bleiben könne. Das ist bis
zu einem gewissen Grade richtig. Aber wenn der Roman so-
mit seinen Ursprung in dem Leben der Nation findet, so giebt
er dafür derselben, was er in einem vereinzelten Falle, was
er vielleicht in gewissen Bereichen als eine mehr oder weniger
anerkannte, gutgeheißene, oder auch geduldete Aunahme an-
getroffen hat, nun seinerseits, und zwar durch die Kraft und
die einschmeichelnde Gewalt der Dichtung gesteigert, als ein
Allgemeines an die Allgemeinheit zurück. Der Dichter wird
zum absichtlichen Vermittler zwischen dem besonderen Falle,
dessen er sich bemächtigt hat, und der Allgemeinheit. Er be-
stimmt mit seinem Urtheil über den besonderen Fall. das
Urtheil der Leser für alle ähnlichen Fälle. Er will gut ge-
heißen und getadelt haben, er will zur allgemeinen Geltung
bringen, was er in der Dichtung tadelt oder gutheißt; und
er am wenigsten kann begehren wollen, daß der Leser nicht
an die Dichtung wie an ein Selbsterlebtes glaube, daß er die
Dichtung von dem Leben abtrenne, daß er den Dichter nicht
wie einen zuverlässigen Freund betrachte, dessen Urtheil er
vertrauensvoll zu dem seinen macht.
Auf dieser Forderung, welche der Dichter mit Noth-
wendigkeit und eben deshalb unwillkürlich stellen muß, beruht
seine Verantwortlichkeit gegenüber seiner Nation; aber nicht
allein die Verantwortlichkeit des Dichters, sondern die eines
jeden Künstlers, der sein Werk der Oeffentlichkeit übergiebt.
Denn wenn einer Seits der Maler uns durch die reine

Schönheit der nackten menschlichen Gestalt entzückt und erhebt,
so begeht auch er einen Angriff und ein Verbrechen gegen
das sittliche Bewußtsein seines Volkes, wenn er Vorwürfe zu
seinen Bildern wählt, von denen man das Auge mit Scheu
und Ekel abwenden würde, falls man das Mißgeschick hätte,
ihnen im Leben zufällig zu begegnen - und es hat an solchen
Bildern nicht bei uns gefehlt.
Ich habe nicht nöthig, sie zu kennzeichnen, wo ich eben
nur eine wohlgemeinte Warnung auszusprechen wüünsche. Ich
glaube aber, die Sittlichkeit einer Gesellschaft ist ernst bedroht,
in welcher man von jungen Frauen und Mädchen aussprechen
hören kann, daß sie für Dadet's allerdings meisterhaft dar-
gestellten Roman ,romont jenno ot Kiklsr aine ,schwärmen'';
und in der man Männer findet, die es gelassen mit anhören,
wenn ihre Frauen und Töchter ,entzückt sind von dem eben
so meisterhaft gemalten Bilde Herrmann's in welchem zwei
öffentliche Dirnen einen betrunkenen Wüstling zwischen sich
mit fortzerren; denn es ist nicht wahr, daß dem Reinen Alles
rein sei. Die Phantasie eines jeden Menschen, und vor-
nehmlich die der unverdorbenen Jugend, ist sehr leicht aufzu-
regen, sehr früh zu verwirren. Es ist nicht,weniger als gleich-
giltig, worauf sie sich richtet, wohin ihr Begehren sich wendet.
Freilich erzählte mir einer unserer ausgezeichnetsten
Germanisten einmal, daß er als Tertianer die Wahlverwandt-
schaften gelesen und nichts an dem Buche ihn so lebhaft be-
schäftigt habe, als die Parkanlage, die er immer und immer
wieder in seines Vaters Garten nachzubilden versucht. Ich
hingegen bin mir des unheimlichen, mich aufregenden Eindrucks
sehr bewußt, den ich von den nichtverstandenan, geheimniß-
vollen Andeutungen in den Wahlverwandtschaften und im
Wilhelm Meister empfangen habe; und jene Andeutungen
bleiben weit zurück gegen die beschönigende Rechtfertigung von
I. Le w ald, Reisebriefe.

== Ih --
manchen Motiven und Darstellungen, denen man in neueren
Dichtungen hier und da guälend genug die Stirn zu bieten hat.
Wir haben uns in Deutschland der Zucht und Sitte
unserer Frauen und Mädchen gerühmt und gefreut. Wir sind
stolz gewesen auf die Sittenreinheit der Jünglinge und
Mämner, die einst als Anhänger des Tugendbundes und der
Burschenschaft, Deutschland aus seiner tiefsten Erniedrigung
befreit, und festgehalten haben an dem Banner deutschen
Geistes und Sinnes, das nun endlich auch staatlich aufgerichtet
und zu seiner Ehre gekommen, uns im Vaterlande und im
Auslande schirmt. Es ist etwas Großes und Erhabenes um
ein Volk von ernstem Sinne, von sittlichem Bewußtsein, von
festem, sich selbst beherrschendem Charakter! Und ich glaube,
wir begehen eine Sünde gegen das Vaterland wie gegen uns
selbst, wenn wir - ich meine die Schriftsteller und Künstler
- uns nicht selbst das Gesetz auferlegen, das Unschöne und
Unsittliche von der Darstellung in der Deffentlichkeit so fern
als möglich zu halten.
Ich glaube nicht, daß der Dichter, der Maler, für ihr
Schaffen, für ihre Wirkung auf ihre Zeit wesentliche Einbuße
erleiden, wenn sie die Elemente aus ihren Werken fernhalten,
die sich - obschon in der Wirklichkeit vorhanden - doch vor
dem Auge der anständigen Gesellschaft verbergen. Das alte
Wort, daß die Heuchelei eine Huldigung ist, welche das Laster
der Tugend darbringt, ist sehr wahr; und man sollte diese
Huldigung nie aus den Augen setzen, am wenigsten, ich wieder-
hole es, in solchen Werken, welche durch die Art ihrer Ver-
öffentlichung der allgemeinsten Kenntnißnahme nicht zu ent-
ziehen sind.
Was hat Frankreich durch jene Romane und Dichtungen
gewonnen, welche die Franzosen selber lupotbSose äe la eour-
tisans nannten? Einer der edelsten französischen Schriftsteller

Kapitel 03

== ,Z --
sagte einmal zu uns: ,lnsere Dichter, und er nannte große
Namen seines Volkes, haben durch ein Menschenalter vor-
bereitet, was wir in den Tagen der Commune mit Entsetzen
erlebt haben. Und was hilst es uns, daß wir glücklicher
Weise auch noch eine bürgerliche Gesellschaft haben, die in
Ehrbarkeit und Arbeit dieses Unheil von sich abzuwehren
trachtet? Die rohe Masse ist bei uns geflissentlich genußsüchtig,
gleichgiltig gemacht worden gegen jedes Gesetz, und gewaltig
nur in dem Verlangen nach schrankenloser Willkür! Und wir
Alle haben diese Dichtungen gelesen, haben sie zum Theil be-
wundert, aber an ihre verderbliche Wirkung haben wir nicht
gedacht. Wo finden wir das Gegengewicht, wo den Halt, der
uns vor weiterem Verderben wahrt?
Er war wirklich nahe daran, mit großem, sittlichem Ernste
zur Erhaltung des Staates die Censur zurück zu wünschen,
wie Heine es im Scherz gethan hatte. Ich meine aber, vor
der Nothwendigkeit, eine solche zu ersehnen, sollten und könnten
Künstler und Dichter zum allgemeinen Besten sich sehr leicht
bewahren, ohne deshalb Schaden zu nehmen an der eigent-
lichen Seele ihres Schaffens.
Dritier Prief.
Vom Lern der Iichtung.
An Herrn ß in Köln.
Weißer Hirsch bei Dresden,
den 1. Juni 1?.
Verehrter Herr! Mir geht heute hier in meiner ländlichen
Einsamkeit auf einer der Höhen, die das Elbthal umgeben,
die Anzeige zu, welche Sie in Nr. 13 der Kölnischen Zeitung

== Zß =
von meinen Neuen Novellen zu machen die Güte gehabt
haben. Ich freue mich, daß die Erzählungen Ihren Antheil.
gewonnen, daß Sie diesem Antheil einen mir so günstigen
Ausdruck gegeben haben, und ich danke Ihnen dafür.
Aber während ich des mir öffentlich gespendeten nnd ynit
sehr werthen Lobes froh bin, kommt mir doch der Gedanke,
der schon bei gar vielen ähnlichen Anlässen in mir aufgestiegen
ist, wie das Urtheil unserer besonderen Richter, der Kritiker
von Fach, und auch das der Leser im Allgemeinen, dem Dichter
oftmals, soll ich sagen zuviel Ehre oder Unrecht thut, wenn
es in seinen Arbeiten durchaus eine bestimmte Tendenz oder
gar in den Aeußerungen und Thaten der Personen, welche
sich in dem Rahmen der Dichtung bewegen, die persönliche
Meinung des Dichters herausfühlen will. Darüber, verehrter
Freund! möchte ich mich einmal gegen Sie, und zugleich auch
gegen meine und Ihre Leser aussprechen, weil ich glaube,
daß ich dadurch nicht nur mir, sondern den Romandichtern
und Erzählern im Allgemeinen, eine Art von Dienst leiste und
in gewissem Sinne das Verhältniß des Dichters zu seinen
Lesern aufkläre.
Sehe ich auf meine eigene langjährige schriftstellerische
Thätigkeit zurück, frage ich mich, wie es sich mit den Vor-
würfen für meine verschiedenen Arbeiten verhalten habe, und
wie ich überhaupt zu dem erfindenden Darstellen gekommen
bin, so begegne ich zuerst ,der Lust am Fabuliren'', die Goethe
seiner Mutter zuschrieb, welche niemals, so viel ich weiß,
irgend eine Erzählung niedergeschrieben hat.
Ich schrieb gelegentlich die oder jene kleine Geschichte auf,
um mir die Zeit zu vertreiben, und ich hatte an mir dabei
von Anfang an das Sonderbare zu beobachten, daß ich nur
für mich ganz allein und mit der Feder in der Hand zu
fabuliren vermochte, nicht aber mündlich und wenn mir Jemand

== ZJ -==-
als Zuhörer gegenübersaß. Dies ist auch alle Zeit so geblieben,
und ich habe selbst vor meinem Manne, bevor ich eine Er-
zählung niederschrieb, oder während ich an derselben arbeitete,
niemals vermocht, von dem Inhalt meiner Arbeiten zu sprechen.
Ich habe, wenn ich ihm von dem Stoff und Gang einer
größeren Arbeit Kenntniß geben wollte ehe sie beendet war,
einen kurzen Abriß auf ein paar Blätter hinschreiben müssen.
Ich hatte vor dem mündlichen Erzählen meiner Dich-
tungen eine geradezu unüberwindliche Scheu, die sich nie ver-
loren hat.
Als ich dereinst anfing für den Druck zu schreiben, und ver-
hältnißmäßig noch nicht eben viel erlebt hatte, gründeten meine
Erfindungen sich meist auf einen bestimmten Gedanken; und, wie
ich das in meiner Lebensgeschichte angegeben habe, die vielen
Lesern dieser Blätter bekannt sein wird, war man vollkommen
berechtigt, Romane wie ,Jenny'', wie ,DDie Lebensfrage' oder
eine Erzählung wie ,Der dritte Stand'', welche für die Gleich-
stellung der Juden, für das Recht der Ehescheidung, und für
die Rechte der arbeitenden Stände umuit mehr oder weniger
Einsicht kämpften, als Tendenzarbeiten zu bezeichnen.
Indeß je mehr das Erfahren in mir zunahm, je weniger
war es mir, soweit ich mir dessen bewußt bin, darum zu thun,
einer bestimmten mir persönlichen Meinung mit meinem Dichten-
in den besonderen Arbeiten eine besondere Geltung verschaffen
zu wollen; und ich glaube, das Unrecht, das dem Dichter im
Allgemeinen geschieht, besteht darin, daß man ihn mit den von
ihm geschaffenen Gestalten zusammenwirft, daß man ihm per-
sönlich alle die Meinungen zuschreibt, welche die von ihm ge-
bildeten Personen ihrer bestimmten Eigenthümlichkeit nach noth-
wendig haben müssen. Der Dichter müßte ja ein wahres
Kaleidoskop von Ansichten sein, ein Meinungsdurcheinander
ohne Gleichen, wenn alle verständigen und thörichten Aeuße-

- ZZ -
rungen seiner Figuren seine Lebensansicht und die Norm für
seine persönliche Lebensführung sein sollten.
Ich möchte vielmehr behaupten, daß mit der wachsenden
Freiheit in der schöpferischen Erfindung von Gestalten, die
Neigung, sich selber und seine eigene persönliche Meinung
immer wieder kund zu geben, mehr und mehr zurücktritt; daß
die Lust, fremde Charaktere zu erkennen, uns unähnliche Ge-
stalten zu erschaffen, sich steigert, und daß der wesentlichste
Vortheil, welcher aus dem Dichten erwächst, der eigentlichen
Bildung des Dichters selbst anheimfällt.
Wenn wir aus innerer Nothwendigkeit uns damit be-
schäftigen, Naturen darzustellen, deren Eigenart von der
unsrigen verschieden, deren Lebensführung und Meinung den
unseren entgegengesetzt sind, so zwingt uns dies, nach der
inneren Berechtigung solcher entgegengesetzten Denk- und Hand-
lungsweise zu forschen; und indem wir dieselbe dem Leser
klar und annehmbar zu machen bemüht sind, erweitern wir
unser eigenes Verständniß der menschlichen Natur, unsere
eigene Einsicht in die Zustände und Verhältnisse der ver-
schiedenen Charaktere und Lebensverhältnisse. Wir werden
durch diese erweiterte Erkenntniß gerechter und nachsichtiger.
Wir kommen so allmälig dahin, wenn man sich des Aus-
drucks bedienen darf, ,unsere Sonne über Gerechte und Un-
gerechte scheinen zu lassen, wenn irgend ein Zufall sie in
unserer Einbildungskraft hervorgerufen, und die fast unwill-
kürliche Beschäftigung mit solchen ohne unser bewußtes Zu-
thun entstandenen Gestalten uns dieselben als selbstständige
Wesen gegenüber gestellt hat.
Als ich jung war, pflegte ich über Frau Paalzow zu
lachen, wenn sie ihre Arbeiten als ein ,ihr von Gott Ge-
gebenes'' bezeichnete und sie damit in gewisser Weise auf den
Standpunkt der Offenbarungen stellte. Ihr Ausdruck lief

=- ZZ -
aber bei ihren religiösen Vorstellungen im Grunde auf Goethe's
Erklärung hinaus:,es ist etwas Anonymes dabei!! wenngleich
dieser Hellseher in der eigenen Seele, sicherlich in den meisten
Fällen es genau genug gewußt haben wird, wo er die ersten
Anregungen für seine Dichtungen zu suchen, wo er sie ge-
funden hatte. Und wenn es wohl Keinem von uns in den
Sinn kommen wird, einen Vergleich zwischen sich und Goethe
machen zu wollen, so wird doch fast Jeder von uns mit ihm
sagen dürfen, wie auch er die Erfahrung gemacht habe, daß
in dem,Erschaffen' neben allem bewußten Wollen ein ano-
nymes Müssen vorhanden sei.
Sind die Gestalten einmal da, so haben sie auch neben
unserem Willen ihren eigenen Willen, oder besser ihr noth-
wendiges Müssen. Sie haben je nach den Verhältnissen, in
denen sie erwachsen sind und in denen sie sich zu bewegen
haben, ihre daraus entstandenen nothwendigen Ansichten,
Meinungen und Vorurtheile, und - um auf den Ausspruch
in Ihrem Urtheil über meine letzten Novellen zurückzukommen
- die Heldin der Erzählung,Ein Freund in der Noth', die sich
nach dem Tode ihres Mannes mit dem Geliebten ihrer Jugend
verheirathet, thut dies eben so nach ihrem innern Müssen,
als Martina aus ihrer Neberzengung dem Geliebten ihrer
Jugend sich versagt. - Wollte ich scherzen, so könnte ich
sagen, das Eine und das Andere gehe mich gar Nichts an.
Nur das muß ich mit Bestimmtheit aussprechen, daß es mir
völlig fern gelegen hat, mit einer dieser Arbeiten eine
Erklärung für den bürgerlichen Protestantismus oder für
das Sakrament der Ehe in der katholischen Kirche zu machen.
Der ,Freund in der Noth' ist vor zehn Jahren am Genfersee
geschrieben und verdankt seine Entstehung eben so einer zufälligen
Anregung, als Martina, die ich im vorigen Jahre rasch und
in einer Art von heftiger Erregung auf das Papier warf,

==- ZF ==
nachdem ich eine meisterhaft geschriebene Novelle gelesen, die
mich aber peinlich berührt hatte, weil die Hingebung einer
Frau an die Liebe eines Mannes, für mein persönliches
Gefühl, in derselben leichtfertig behandelt worden war.
Ich preise oder tadle weder die Handlungsweise von Irene
noch die von Martina. Ich habe nur getrachtet, Beide zu
verstehen, und nachdem mir dies gelungen, auch den Lesern,
so weit es mir eben möglich war, klar zu machen versucht,
wie Beide aus voller innerer Berechtigung gehandelt, ohne
im entferntesten ein Gegenbild aus ihnen machen oder einen
Vergleich zwischen ihnen ziehen zu wollen.
Ich glaube, man vergißt es zu leicht, daß des erzählenden
Dichters Beruf und Müssen zunächst eben jenes ,Fabuliren'?
ist, und man ,geheimnißt'' aus der Dichtung eben deshalb
viel zu oft Absichten heraus und in sie hinein, die dem Schaf-
fenden in der Lust behaglichen Erfindens wer weiß wie fern
gelegen haben.
Die Art, in welcher eine Dichtung in uns, d. h. dem
Dichtenden, angeregt wird, ist sonderbar genug sehr verschieden.
Es ist mir begegnet, daß ich in ein ganz verfallenes Land-
haus in der Gegend von Stettin gekommen bin, in dem von
der früheren Behaglichkeit desselben Nichts, aber auch gar
Nichts zurückgeblieben war, als eine alte Roccoco-Spieluhr
und ein Treibhaus ohne Dach und Fenster, was beides neben
der ärmlichen Bauernwirthschaft sich sehr befremdlich ausnahm.
Aus dem brütenden Nachsinnen, wie dieses Haus verfallen,
und wie die Ühr darin zurückgeblieben sein könne, entstand
die Erzählung der ,Seehoff, die man immer auf bestimmte-
Memoiren zurückführen wollte.
Ich war in Westpreußen auf großen Gütern zum Besuch.
Die Hausfrau klagte über schlechte Dienstboten und erwähnte,
das einzige ehrbare Mädchen, das sie im Hause gehabt, sei

==- ZJ -
von den Knechten für eine Hexe gehalten worden, weil es
von den Männern Nichts habe wissen wollen. Das gab mir
die erste Anregung zu dem,Mädchen von Hela''.
Bei einem Aufenthalte in Neu-Ruppin sah ich in einem
alten Ziethen'schen Schlosse das Bild einer Frau im Roccoco-
Costüm, mit einem höchst geistreichen aber böswilligen Gesicht,
von der Niemand zu sagen wußte, wer sie gewesen wäre -
und sie wurde die Hauptgestalt im ,Graf Joachim'.
Dann wieder hatten wir einmal, noch im Anfange der
vierziger Jahre, in Rom davon gesprochen, wie ungerecht es
sei, den Menschen, der im Laufe des Lebens aus wirklicher
Neberzeugung seine Ansichten verändere, eigentlich, wenn er
entwicklungsfähig sei, naturgemäß verändern müsse, deshalb
des Abfalls von sich und seiner Neberzeugung zu beschuldigen;
und der Gedanke, die ,Wandlungen' zu schreiben, war dadurch
rege in mir geworden. In ähnlicher Weise hatte eine Unter-
haltung mit alten Edelleuten, über die guten Eigenschasten
und die Fehler, welche das Zurückblicken auf eine lange
Reihe von Vorfahren in dem Charakter des Menschen aus-
zubilden pflege, den ersten Anlaß zu dem Roman ,Von Ge-
schlecht zu Geschlecht'' gegeben, den auch zuerst die Kölnische
Zeitung gedruckt hat.
Ein Sommeraufenthalt in Engelberg, bei dem wir all-
abendlich die Klosterschüler der Benediktiner-Abtei an der
lebenslustigen Gesellschaft der in dem Bergthale weilenden Kur-
gäste mit pflichtmäßig gesenkten Blicken vorüberziehen sahen,
erschuf den ,Genedikt'; und die in vertrautem Kreise von
einer zärtlichen Mutter lebhaft ausgesprochene Behauptung,
sie würde, wenn man ihr ihr Kind genommen hätte, es mit
dem nicht irrenden Gefühl der Mutterliebe unter allen Ver-
hältnissen herausgefunden haben - ein Glaube, welchem vog
eben so zärtlichen Müttern eben so lebhaft widersprochen

=== Zß -
wurde, brachte mich dahin, dies Thema zu durchdenken, aus
dem dann ,Die Stimme des Blutes' hervorging.
Natürlich wird und muß sich aus jeder Dichtung eines
ernsthaften Menschen eine Erfahrung, ein Grundsatz, oder doch
das Bild bestimmter Lebenszustände herausstellen, die, wenn
wir der Dichtung gedenken, in uns nachwirken; und wenn Kant
den Ausspruch that: ,Es ist klug, die Menschen zu seinen
Zwecken zu benutzen, und weise, sie zu guten Zwecken zu
benuten', so ist es sicherlich die Aufgabe und Pflicht des
Dichters, seinen Leser wo möglich mit guten, erhebenden
und reinen Gedanken zu entlassen. Dies zu thun, hat der
Dichter aber kaum eines besonderen Wollens nöthig, wenn der
Brunnen klar ist, aus dem er schöpft.
Dasjenige aber, ich wiederhole es, was ich mit diesem
Brief erreichen möchte, ist, daß man uns nicht mit unseren
Geschöpfen in jedem besonderen Falle zusammenwirst. Ich
glaube die Frage, welche der Leser in jedem besonderen Falle
sich vorlegen muß, lautet zuerst: sind die Gestalten, sind die
Verhältnisse, welche der Dichter uns vorführt, wahr und mögs
lich? Die zweite: wie müssen eben diese Gestalten in den ge-
gebenen Verhältnissen ihrer Anlage nach denken und handeln?
Deckt dann die Erzählung oder der Roman diese beiden Fragen
zufriedenstellend, so kommt des Verfassers persönliches Meinen
weiter dabei nicht in Betracht; und soll ich Ihnen ein ehrliches
Bekenntniß machen, so finde ich seit langen Jahren mein
größeres Vergnügen daran, Charaktere auszugestalten, die
etwas Fremdes für mich haben. Es wird aber Anderen
gewiß gerade so ergehen. Denn mit sich selber und mit den
Engeln und Teufeln des Anfängers wird man gar bald fertig;
und obschon ich recht widerwärtigen Naturen und auch widrigen
Zuständen genug begegnet bin, habe ich mir und meinen
Lesern doch mit ihnen nie viel zu schaffen gemacht.

Kapitel 04

- Z? -
Neber dasjenige aber, was ich von der sittlichen Pflicht
des Dichters gegen seine Leser und seine Nation denke, schreibe
ich Ihnen nächstens mehr, da ich einmal auf diese Erörterungen
gekommen bin.
Für heute Lebewohl und Gruß und freundlichen Dank.
lierer Brief,
Das häusliche Leben der Jeutschen.
Was bringt zu Ehren?
Sich wehren!
Goethe.
Hof Ragaz, den 1. Juli rr.
Quer durch Deutschland hin, trug uns in einem Zuge
die Dampfmaschine von Dresden nach dem Bodensee. Als
ich gegen den Mittag hin auf dem Balkon des Gasthofes zum
Bairischen Hof stehend, auf den schönen See hinabschaute, fiel
mir das,Ruck! ein ander Bildl ein, mit welchem Ausruf
die Guckkasten-Männer in meiner Kindheit uns vom Erdbeben
in Lissabon nach dem Brand von Moskau zu versetten pflegten.
Aber wie Viele leben noch, die vor den Fenstern eines Guck-
kastens gestanden und sie angestaunt haben, wie wir Alten
später die Lokomotive und die Eisenbahn.
Einen Tag und eine Nacht am Bodensee, dessen Reize
wir lange nicht genug preisen und genießen, dann am andern
Morgen nach Ragaz, in den Hof Ragaz und in die gemächliche
Ruhe einer Badekur.
Aber mitten in den Frieden des Badeortes und dieses
noch friedlicher in seinen grünen Baumesschatten liegenden
Hauses, in dem ich nun schon zum dritten Male wochenlang

b=- Zs -
verweile, so daß es mir wirklich zu einer Art von Heimat ge-
worden ist, ist mir ein Buch in die Hände gekommen, das mich
aus meiner Seelenruhe aufgerüttelt hat.
Es führt den Titel ,Gernan kome liksr hat in England
drei Auflagen erlebt, hat in der deutschen Presse von be-
deutenden Kritikern Beachtung gefunden, und ich war dadurch
begierig geworden, es kennen zu lernen. Und es lohnte auch
des Lesens, da es in der That geeignet ist, eine Art von Er-
staunen, namentlich von Seiten der deutschen Frauen, zu er-
regen. Denn das Buch macht sich viel zu schaffen mit unserer
Erhebung aus unserer tiefen Niedrigkeit, während es zugleich
die Engländer über unser häusliches Leben zu unterrichten
bestimmt ist.
Das sind schöne gemeinnützige Absichten eines mitleids-
vollen Herzens und eines viel umfassenden Sinnes.
Kise, Teuton noman! elaim Tour rigbt äenieä
Po nohler lubour; shos Tour strenght äetied,
Amd on Germanis's mightz korbead glace,
Tbe ahsent touch ok glorz anä ok graes! ?s
ruft das Titelblatt uns deutschen Frauen mahnend zu; und
aus meiner harmlosen, halbwegs selbstzufriedenen Sicherheit
durch diese pomphaften Verse aufgeschreckt, habe ich mich sofort
hingesetzt, um, mit dem Buche als Leitfaden in dsr Hand,
wenigstens für meine Einsicht in unsere Unwürdigkeit, und
womöglich auch für meine Erhebung aus derselben, Etwas zu
thun. Denn was der Einzelne Gutes an sich selber fördert,
das vollbringt er zugleich für die Gesammtheit. Aber es giebt
eine Anmaßung und eine Selbstverblendung, die für den un-
Erhebt Euch, deutsche Frauen! fordert das Euch rorenthaltene
Recht zu edlerer Arbeit; zeigt Eure Kraft herausgefordert, und drückt
auf Germania's mächtige Stirn den fehlenden Stempel des Ruhmes
und der Anmuth.

==- Zß -
vorbereiteten Beobachter im ersten Augenblicke etwas Ver-
blüffendes haben; und da ich nach dem heldenhaften Zurufe
an die deutschen Frauen, natürlich zunächst das ihnen im Be-
sonderen gewidmete Capitel las, brauchte ich eine Weile Zeit,
mich von der Verwunderung zu erholen, die es mir erregte.
Doch will' ich gleich bemerken, daß diese Verwunderung nicht
der mir neueröffneten Einsicht in unsere Zustände, sondern
vielmehr Derjenigen galt, welche es, ohne sich zu nennen,
unternommen hat, sie darzustellen.
Sie hatte es gar nicht nöthig, zu erklären, daß sie eine
Frau sei. Das Buch trägt fast durchweg das Gepräge gerade
jener übelen Eigenschaften, welche man den Frauen zuzusprechen
pflegt: scharfes, übelwollendes Beobachten fremder Mängel
bei völlig mangelnder Erkenntniß der eigenen Fehler, und
aburtheilendes Verallgemeinern des gelegentlich beobachteten
Einzelfalles.
Dem gegenüber drängt sich uns zunächst die Frage auf.
wer ist die Frau, welche die deutsche Kultur und Gesittung,
das deutsche Familienleben und die deutschen Frauen so dreist
und hart verurtheilt? Ein Urtheil gewinnt oder verliert an
Gewicht, je nach dem Werthe dessen, der es ausspricht. Wer
ist die Frau, welche es schicklich findet, sich für die in deutschen
Familien und von deutschen Frauen genossene zutrauensvolle
Aufnahme und Gastlichkeit, mit der ganz unumwundenen Er-
klärung zu bedanken, daß - einzelne kleine Annehmlichkeiten
abgerechnet - es im Grunde für eine Engländerin wie sie,
in Deutschland, unter deuischen Frauen und in der deutschen
Gesellschaft, bis hinauf in die Gesellschaftskreise der kleinen
Höfe, nicht wohl zu leben sei? Denn - wir wohnen, und
zwar durch ganz Deutschland und sammt und sonders, un-
gehörig und schlecht. Wir essen schlecht, obschon unsere Reh-
braten, Maibowlen u. s. w. von der Anonyma genießbar ge-

=- Zß -
funden wurden. Mit Ausnahme der Polinnen und Unga-
rinnen Desterreichs, die flottweg als Deutsche angesprochen wer-
den, sind die deutschen Frauen schwächlich, kränklich, unfähig
ihre Kinder, zu säugen. Sie sind unreinlich, halten ihre Häuser,
ihre Kinder eben so unreinlich. Alle unsere Dienstboten taugen
Nichts, und schließlich sind die deutschen Hausfrauen, welche
in der Regel von ihren Männern nicht aus Liebe, sondern
nach Berechnung und Nebereinkunft der Familien geheirathet
werden, Nichts als die ersten Dienstmägde ihrer Männer.
Alle diese Männer aber gehen in Uniform, wenn sie nicht
im Schlafrock und Pantoffeln zu Hause in die Töpfe gucken,
damit kein Pfennig unnöthig verausgabt werde; und dann
ziehen sie die Uniform an, gehen Morgens auf die Parade,
Abends in das Wirthshaus, liebäugeln auf den Straßen mit
fremden Frauen, an den Brunnen mit den Mägden - und
das ist das deutsche Familienleben!
Es ist in der That ein Jammer um unser Vaterland
und um die deutsche Frau! Die Ungenannte fühlt auch Mit-
leiden mit uns; jenes schöne Mitleid, von welchem ihre und
unsere Nachbarn, die Franzosen, zu sagen pflegen: ,Es liegt
in dem Unglück unserer Freunde immer ein Etwas, das uns
schmeichelt und gefällt!'r Schade um dieses große Mitleid, das
wir nicht begehren, weniger noch bedürfen! Noch einmal aber,
wer ist diese barmherzige Ungenannte? Denn in solchem Falle
möchte mnan doch wissen, mit wem man es zu thun hat, und
da sie's uns nicht sagt, sind wir auf unsere Vermuthung an-
gewiesen.
Sie nennt sich eine ,Lady'. = Ob sie zo real laäzr ist,
als welche meine Londoner Hauswirthin mir diejenigen be-
güterten Frauen meiner Bekanntschaft anzumelden pflegte, die
in eigenem Fuhrwerk zu mir kamen, das möchte ich bezweifeln.
Leute, die in ihrer Heimat an festbegründetes Wohlleben

==- Zh -
gewohnt sind, pflegen die zeitweilige Entbehrung desseiben
in der Fremde nicht sonderlich zu beachten und zu vermissen.
Ich habe wahrhaft vornehme Frauen,z. B. bei den Mißständen
früherer italienischer Reisen, auch in unbequemen Lagen viel
leichter befriedigt und heimisch gefunden, als ihre Kammer-
mädchen, die sich nicht wie Jene, an dem Wesentlichen für
das Entbehren des Unwesentlichen zu entschädigen vermochten.
Nach den Aussagen ihres Buches scheint die Ungenannte
zu verschiedenen Malen und unter verschiedenen Verhältnissen
in Deutschland gelebt zu haben. Sie ist einmal, ohne Deutsch
zu können, nach einem ,kleinen trostlosen Städtchen an den
schwarzen Ufern des Baltischen Meeres verschlagen worden,
wo vor Kälte die Vögel vom Himmel fielen', was sie sicherlich
so wenig erlebt hat als ich, obschon ich die ersten dreißig
Jahre meines Lebens im höchsten Norden Deutschlands zuges
bracht habe. Dort hat sie an einer deutschen Nebersezung von
Nanitz kair ihr Deutsch gelernt, dessen sie sich bei ihrem er-
neuten Aufenthalte in Deutschland so mächtig fühlt, daß sie
sich gemüßigt findet, die verschiedenen ProvincialDialekte in
einer Weise zu verspotten, als ob es keinen schottischen, keinen
JorkshireDialekt, kein eoekvez Englisch gäbe, und daß sie es
schließlich unternimmt, unsere Klassiker - Schiller, Goethe
u. s. w. als Stilisten z beurtheilen und zu verurtheilen, wie
sie denn unsere Klassiker auch als Menschen vor ihr Sitten-
gericht zieht und zur Linken, zu den Sündern weist.
Bei diesem ihrem zweiten Aufenthalte in Deutschland ist
sie anscheinend in eine Garnisonstadt, in einen Kreis von
wenig bemittelten Leuten, in Familienbeziehungen zu ärmlich
und vielleicht schlecht erzogenen Frauenzimmern der mittleren
Stände, vielleicht auch in arme Offiziers- und Beamtenfamilien
gekommen. Sie hat dann unter ähnlichen Verhältnissen in
Deutschland bald hier, bald dort gelebt - wemn sie auch

=- ZZ -
gelegentlich einen Ausflug gemacht und reichere Leute kennen
gelernt hat -, und nach diesen Erfahrungen wird nun frisch
darauf zu Gericht gesessen über das Familienleben eines ganzen
großen, gebildeten Volkes und vor Allem über die sämmtlichen
Frauen deflen. iner deren geistigen Werth, wie über all
ihr Thun und Treiben.
Hätte die Anonyma die Augen in ihrer Heimat aufthun
wollen, so hätte es ihr dort sicherlich an Gegenbildern für fast
Alles, was sie an den deutschen Frauen tadelt, nicht gefehlt.
Aber sie verstand in jedem Sinne die Aufgabe eines Beobachters
anders, als ihr großer Landsmann Bulwer, der sich zunächst
in seiner Heimat umsah, und der mit seines edlen Namens
Unterschrift, sein ,England und die Engländer' stolz seinen
Landsleuten entgegenhielt, ehe er daran ging, über eines
fremden Volkes Sitten den Stab zu brechen, wie die anonyme
Verfasserin dieses neuen Buches es thut.
Bei ihrem zweiten Aufenthalt in Deutschland ist sie unter
uns erschienen, mit einem schwächlichen Kinde, ohne Wärterin
für dasselbe; bewaffnet mit einem Kinderwagen und mit dem
felsenfesten Glauben, daß in England Alles ganz vollkommen
sei, daß es in jedem civilisirten Lande gerade so sein müsse
wie in England, und daß es in allen Lebensschichten eines
fremden Volkes gerade so und nicht anders hergehen müsse
wie in den Familien wohlhabender Engländer. Vorstellungen,
wie ein Chinese sie nicht besser aus dem Reich der Mitte auf
seine Reise in die Welt hinausnehmen könnte.
Sie besizt ein Kleid von wasserdichtem Stoff, dicke Stiefel,
einen Filzhut, einen unübertrefflichen Plaid; sie ist gut zu
Fuß. So viel zu ihrer äußeren Bezeichnung. Sie hat Vielerlei
gelernt, spricht verschiedene Sprachen, kann sogar lateinisch
wie es scheint, denn sie klimpert, wo es sich nur thun läßt,
mit lateinischen Brocken; und als Kunstschätze, die sie eben so

ZZ -
wenig entbehren kann, als das rosa Unterfutter ihres Ankleide-
tisches, führt sie einige Albums, einige photographische An-
sichten und die süßlichste aller Frauenbüsten, die Klythia, in
einem Gypsabgusse mit sich - Schätze, wie sie unbekannt sind
in den unwirthlichen Gefilden, in denen eine Zeit lang aus-
zuhalten ihr hartes Schicksal sie verdammt. Aber eine Unter-
haltung und ein süßer Trost bleiben ihr bei alle dem: sie
verwundert sich von früh bis spät. Sie verwundert sich über-
all und über Alles, und sie wiegt sich unablässig in dem Ge-
fühle ihrer unbezweifelbaren Neberlegenheit über uns.
Sie wundert sich, daß man in dem ,trostlosen Städtchen
an den schwarzen Ufern des Baltischen Meeres'' nicht einmal
die Tauchnitz - Ausgabe der englischen Romane zum Kaufe
findet; als ob in den entlegenen Städtchen von England,
Jrland oder Schottland billige Ausgaben der zeitgenössischen
deutschen Romane bei jedem Stationer zu haben wären? Sie
kommt bei ihrem zweiten Aufenthalte nach einem Orte, an
welchem man noch keine Kinderwagen kennt. Das muß bei-
läufig sehr lange her und ein sehr weitentlegener Ort ge-
wesen sein. Sie findet an dem Orte die Sitte, daß die
Wärterinnen, wie es in Sachsen und in Thüringen vielfach
heute noch üblich ist, halb lange Mäntel, und in diesen die
Kinder auf den Armen tragen, um die kleinen Körper vor
Erkältungen zu schüten, was reichlich so berechtigt ist, als sie
in der Kälte mit nackten Beinchen umherlaufen zu lassen,
während sie dicke Federhüte auf den Köpfen tragen; und sie
ist empört über die dumme Widerspenstigkeit der deutschen
Mägde, weil ihre Magd aus Furcht verlacht zu werden, es
ihr weigert, das Kind in dem Kinderwagen durch die Stadt
zu fahren. Aber versuchen Sie es doch, Verehrte! Ihrer voll-
kommenen englischen Wärterin den sächsischen Kindermantel.
umzuhängen und sie damit nach Regent - Luadrant hinaus-
I. Le wa d, Reisebriefe.

=- ZF -
zuschicken! Ob Miß Mary gehen, ob Sie Gehorsam finden
würden?
Als ich dereinst in Manchester bei meiner Freundin, der
englischen Schriftstellerin Miß Geraldine Jewsburry verweilte,
muthete eine der dort zahlreich lebenden deutschen Frauen
ihrer englischen Köchin irgend Etwas zu, das dieser gegen ihre
Tabulatur verstieß. Die Köchin verließ also sofort das Haus.
Miß Jewsburry's alte Peggy klagte uns das Leid, und sette,
zu mir gewandt, arglos und vertrauensvoll hinzu: ,l tsll Lou
Iliss L.emalä, those German lacies are all togeter ma!
lIch sage Ihnen, Fräulein Lewald, diese deutschen Hausfrauen
sind sammt und sonders verrückt.s ,Ländlich sittlich'' dachte
ich in meinem Sinne.- Wie schade aber, daß die Ungenannte
dieses Sprichwort nicht gekannt hat! Es hätte ihr viel Ver-
wunderung, es hätte ihr, bei einigem Nachdenken, ihr halbes
Buch ersparen können.
Es will der Ungenannten nicht in den Sinn, und sie
findet es widerwärtig, daß bei uns verschiedene Familien unter
demselben Dache wohnen, und Niemand wird ihr leugnen, daß
es behaglich ist, ein eigenes, breit hingelagertes Haus allein
für sich zu haben. Aber daß wir, eben so wie die Franzosen,
die Schweizer und die Jtaliener, die doch auch civilisirte Völker
sind, nach den unter uns herrschenden Lebensgewohnheiten in
einem sechs, acht Fenster breiten Hause, in einem Stockwerk
weit bequemer wohnen als die englische Hausfrau, die in -
ihrem ein oder zwei Fenster breiten Heim von der Küche bis
zu den Kinderstuben, durch drei oder vier Stockwerke, wie der
Vogel auf den Sprossen seines engen Käfigs, sich beständig
auf und nieder zu bewegen hat, das hat die Ungenannte nicht
bemerkt. Sie hat auch die zahlreichen Anzeigen in den Häusern
von Edinburg niemals gesehen, in denen zu kut to letr (ein
einzelnes Stockwerk abzugebens angeboten wird. Daß es einer

=- ZH -
Gattin, einer Mutter erwünschter sein muß, den Mann und die
Kinder in wohlgehaltenen Zimmern neben sich, als in anderen
Stockwerken von sich entfernt zu haben; daß die breite Etage
uns viel Dienstboten und diesen sehr viel. Arbeit spart; daß
eine Reihe aneinander stoßender und geöffneter Zimmer für
das Gesellschaftsleben bequemer ist und sich stattlicher darstellt
als die Wanderung Trepp auf und ab, zu welcher die englische
Sitte die englische Gesellschaft selbst in den Häusern der reichen
Leute vielfach nöthigt, das hat sie nicht bemerken mögen. Ihr
Wahrnehmen und ihr Aufpassen sind überhaupt fast immer
einseitig. Bei sich zu Hause hat sie sich nicht so genau als
in Deutschland damit abgegeben.
Mit bitterem Tadel hebt sie den Unsegen des Klatsches
und der Zwischenträgereien hervor, welche das Zusammenleben
verschiedener Familien in einem Hause gelegentlich erzeugen
kann, obschon wir sehr häufig in den großen Städten die
Mitbewohner in unseren Häusern kaum dem Namen nach
kennen und Nichts von ihnen erfahren; und obschon in den
kleinen Städten, und ich kenne gar viele solche, gute Nachbar-
schaft zu herrschen pflegte. Aber woher nahmen und nehmen
die englischen Dichter, wie Thackeray, Dickens und George
Elliot, die Vorbilder zu ihren, in dem niedrigsten Geklätsch
und engsten Kleinkram sich bewegenden Frauengestalten, als
aus dem Leben der Engländerinnen, die jede in schöner Selbst-
ständigkeit ihr Haus für sich allein bewohnen?
Sie wundert sich über die unerläßliche und redliche Arbeit-
samkeit unserer Hausfrauen, als ob in England Frauen mit
beschränkten Mitteln, wenn sie die Ihren reinlich und ordent-
lich gekleidet und mit Essen wohlversorgt sehen wollen, nicht
eben so nähen, flicken, plätten und auf die Küche Achtung
geben müßten! Und fragen wir uns schließlich, worauf die
sämmtliche Verwunderung der Ungenannten denn zuletzt hin-

- ZZ -
ausläuft, so ist es auf die Bemerkung, daß England reicher
ist als Deutschland.
Das ist eine unleugbare, aber keineswegs eine neue
Wahrheit. Es ist eben so eine Wahrheit, daß wohlhabende
Leute für ihr häusliches Behagen mehr thun können, als
weniger bemittelte, und daß begüterte Frauen, wenn die per-
sönliche liebevolle Fürsorge für ihre Familie ihnen kein Herzens-
bedürfniß ist, sich derselben zu entziehen wissen und vermögen.
Das thun manche reiche Frauen bei uns eben so wie in Eng-
land zum Nachtheil ihrer Männer und ihrer Kinder; und daß
gar manche gut erzogene und wohlunterrichtete Frau in engen
häuslichen Verhältnissen verkümmert, das wird auch jenseit des
Kanals und wird nirgend fehlen in der Welt.
Solcher Wahrheiten und ähnlicher finden sich in dem
German Home liks eine Fülle, aber fast alle Beobachtungen
sind wie durch einen verzerrenden Spiegel und mit böswilliger
Spottlust gemacht, so daß es mir, die vor Jahren eine ganze
Reihe von Briefen für und wider die Frauen'' veröffentlicht
hat, wohl zusteht, jetzt in ein paar Briefen gegen die häßliche
und sehr ungerechte Verunglimpfung unseres Familienlebens
und meiner Landsmänninnen zu protestiren, und zwar um so
mehr, als das Buch der Ungenannten von der deutschen Kritik
nicht die ihm gebührende Zurückwweisung erfahren hat.
Wenn man sich einerseits, sofern man es mit den An-
griffen einer Unbekannten zu thun hat, zuerst damit beschäftigt,
wer sie sein mag, so legt man sich danach die Frage vor,
,wes Geistes Kind ist sie? und darüber läßt die Lady uns
in keinem Zweifel.
Sie ist eine Frau, der Reichthum und Luxus, der die
Bequemlichkeit des Lebens als das eigentliche Glück erscheinen;
die in den zur Gewohnheit gewordenen Schicklichkeitsgesezen
der vornehmen englischen Gesellschaft das Moralgeset findet,

=- Z? =
dem sich Jeder und unter allen Verhältnissen zu unterwerfen
hat. Der Werth und die Vornehmheit einer Frau beruhen
für sie zum großen Theil auf deren möglichst wenigem Thun
und Leisten. Je reicher, je müßiger, um so mehr laflike;
und was die Ehe in ihren Augen, was sie ihrem Herzen ist,
darüber klärt sie uns gleich am Eingang ihres Capitels ,über
die Ehe' sehr unumwunden auf. Sie sagt: ,Die Ehe ist der
goldene Schlüssel zu den himmlischen Pforten der Freiheit!r
Nach diesem Ausspruch kann sie denn freilich unter uns
Deutschen ihrem Jdeal von der Ehe, zu dessen Verwirklichung
noch eine Menge von Unerläßlichkeiten gehören, nicht begegnen.
Denn wir Armen in unserer Unkultur leben noch heute des
Glaubens unserer Väter und Mütter, daß mit dem Eintritt
in die Ehe, für den Mann wie für das Weib, die Zeit
der Freiheit, des eigenwilligen Beliebens, des Gläck
suchens nur für sich selbst, zu enden, und die Zeit der
Gebundenheit für beide Theile zu beginnen habe. Wir leben
des Glaubens, daß in der Ehe, in welcher der Mann der
Erwerbende ist - und das ist doch fast durchweg der Fall, da
die Zahl der von ihren Einkünften müßig lebenden Männer
bei uns gering ist - der Frau die Pflicht obliegt, das Er-
worbene durch treue Mitarbeit im Hause gewissenhaft zu
verwalten. Und dies erwartet bei uns mit Recht selbst der
reichste und vornehmste Mann von seiner Frau; um wie
viel mehr der Mann, der eben nur zu schaffen vermag, was
des Lebens Nothdurft fordert. Sehe ich mir nun die Aussprüche
der Lady prüfend an und suche ich mir klar zu machen, wie
eine Lady nach ihren Begriffen sein und was sie haben und
thun, und nicht thun muß, um diesen Ehrentitel zu verdienen,
so finde ich etwa Folgendes. Eine Lady muß in einem Hause
allein mit ihrer Familie wohnen. Sie muß Teppiche in ihren
Zimmern, Kaminheizung, große zweipersonige Betten, gute

=- ZZ -
Wasch- und Ankleidetische haben, die letzteren mit weißem
roth gefütterten Mousselin bezogen, ohne den es eben nicht,
gehen kann. Sie muß ein Treibhaus mit Cloxilien, Verbenen, -
Calzolarien u. s. w., muß aus demselben immer blühende
Blumen in ihren Zimmern haben. Zahlreiche und lauter
vortreffliche Bedienung darf so wenig fehlen, wie reiche und
solide Kleidung. Dies vorausgesett, muß die Lady früh am
Morgen gleich für den ganzen Tag angekleidet sein; denn der
Kodex der Ungenannten gestattet keinen Morgenanzug. Auf
dem Frühstückstische müssen alle Tassen gleich sein und das
Geräth überhaupt möglichst elegant. Die Lady muß am
Morgen Nichts zu thun haben. Am Vormitttage müssen
Vettern und Cousins kommen, sich nach ihrem Befinden zu
erkundigen, sie zu Spaziergängen abzuholen u. s. w. Denn: , die
Ehe ist der goldene Schlüssel zu den himmlischen Pforten der
Freiheitr?
Ja! damit sieht es nun unter den verkommenen Frauen
Deutschlands und für dieselben mißlich aus. In diesem
Sinne werden nicht allzu viel Ladies unter uns zu finden
sein, und, mit ehrlichem gutem Bewußtsein, sage ich für
meine Landsmänninnen, wie einst Franz v. Gaudy in
seinem spottenden Gedichte gegen die Gräfin HahnHHahn:
In diesem Punkt entschuldigen Sie mich,
Da bin ich bürgerlich, sehr bürgerlich!
Ein Ausspruch, den, wie ich unsere deutschen Frauen zu kennen
glaube, ihre Mehrzahl selbst in den Palästen der Reichen und
Hochgeborenen wiederholen wird.
Eben weil die Engländerin das ihr fremde Land immer
nur, nicht mit unserer Elle, sondern mit ihrem Jard mißt,
weil sie Alles mit der Brille ihrer konventionellen Vorstellungen
betrachtet, übersieht sie zunächst völlig die Verschiedenheit in

=- Zß -
den Grundbedingungen des deutschen und des englischen Fa-
milienlebens. Dadurch, daß wir nicht, wie es in England so
gar häufig geschieht, um des eigenen Hauses willen weit außer-
halb des Mittelvunktes der Städte leben, ist unser Familien-
leben enger und fester in sich beschlossen. Wir haben es nicht
nöthig, unsere Söhne frühzeitig in Schulen und Erziehungs-
anstalten außer dem Hause unterrichten zu lassen, nicht nöthig,
die Töchter in Pensionsanstalten zu thun.- Wir ent-
schließen uns dazu nur in den Ausnahmefällen, wie in den Fami-
lien der Gutsbesitter u. s. w., welche, auf dem Lande lebend,
keine Lehranstalten erreichbar haben. Und wie wir die Kinder
des Hauses so lange als möglich in demselben zu behalten
gewohnt sind, so leben auch unsere Männer, soweit es angeht,
in demselben. In England fährt der Mann vielfach am frühen
Morgen in die Stadt, kommt spät am Abend heim, und meist so
abgearbeitet heim, daß der Lehnstuhl am Kamin den Müden auf-
nimmt. Londoner und Manchester Kaufleute und Geschäftsleute
haben es, ebenso wie ihre Frauen, oftmals bedauernd gegen
mich ausgesprochen, daß sie ihrer in den Colleges heran-
wachsenden Söhne kaum noch froh würden, daß die Väter ihre
jüngeren Kinder, außer am Sonntage, immer nur früh
Morgens oder schlafend am Abend zu Gesicht bekämen; daß
die Frau den ganzen Tag einsam sei, daß ihr Leben beständig
auf die Eisenbahnzüge gestellt sei, daß es zwischen dem Kommen
und Gehen der Männer in lästigem Aufpassen und Erwarten
vergehe. Mir selber ist das auch während meines Aufenthaltes
in England trotz der vortrefflichen Verbindungsmittel zwischen
Stadt und Land keineswegs als etwas Wünschenswerthes, wenn
auch durch die dortige Sitte Nothwendiges erschienen; und wo sich
in Deutschland bei dem mächtigen Wachsthum der Städte, die
Neigung zu solchen zwischen Stadt und Land getheilten Ein-
richtungen kund gegeben hat, habe ich immer davon abgerathen,

=== F -
weil das Familienleben und die Wirksamkeit der Frau in der
That Abbruch durch dieselbe leiden.
Daß nun aber eine Hausfrau, welche, je nach der Jahres-
zeit, um ? oder S Uhr ein paar Knaben und ein paar Mädchen
in die Schule zu schicken, und vielleicht mit einer Magd oder
mit zwei Mägden, für die Familie um 1 Ühr die Mahlzeit
bereit zu halten hat, weil die Kinder zum Theil um Uhr wieder
in die Schule und der Mann wieder an seine Geschäfte zurück
gehen müssen, daß eine solche Frau nicht früh Morgens wie eine
englische Lady in kull äress am Frühstückstische sityen, daß sie
nicht alltglich Morgenbesuche und Spaziergänge machen, nicht
frei über ihre Zeit verfügen könne, das ist der Engländerin
nicht eingefallen; oder es ist ihr, wo sie daran gedacht hat,
als bemitleidenswerth erschienen. Weil sie irgendwo einer
oder einigen unsauberen Haushaltungen und Hausfrauen be-
gegnet ist, weil sie gelegentlich kränkliche, bleichsüchtige Mädchen
gesehen hat, bricht sie den Stab über die Gesammtheit wie in
jedem Falle. Sie sagt: die jungen Mädchen stecken Tag über
hinter den geheizten Defen, werden bis zum Krankwerden mit
Süßigkeiten überfüttert; und sie hat nie gesehen, wie unver-
zagt und drall und rothbäckig die jungen Dinger von ihrem
siebenten Jahre ab auf ihren festen Beinchen, Winter und
Sommer bei jedem Wetter, ganz allein am srühen Morgen
in die Schule gehen, welchen Weg sie je nachdem zwei- oder
viermal täglich zurückzulegen haben, während es in den Schulen
jetzt selten an einem Spielraum sür die Zwischenstunden fehlt.
Sie hat auch keine jener Tausende von Haushaltungen kennen
gelernet, in denen die Hausmütter, wie es das Sprüchwort
nennt, ,mit einem Dukaten einen Reiter zu vergolden ver-
stehen''. Sie hat die Tüchtigkeit, die Wohlanständigkeit nicht
bemerken wollen, mit welcher unzählige Frauen von Pro-
fessoren, von Beamten, von Kaufleuten, von Gewerbtreibenden

-= I1 -====
aller Stände, bei genauer Berechnung und mit feinem Schön-
heitssinn, das Haus zu führen wissen. Denn die im Haushalt
arbeitende Frauen sind gar keine Ladies. Und was sind für
sie die Frauen, wenn sie keine Ladies in ihrem Sinne sind?
Gegenstände eines spottenden Mitleids -- weiter Nichts!
Es ist gewiß zu tadeln, und welcher Verständige unter
uns tadelt es nicht? wenn Frauen, denen Muße für
ihre Bildung bleibt, diese nicht für ihre Fortentwick-
lung verwenden, wenn sie sich plan- und zwecklos in
Hausarbeit verlieren, für welche ihre Männer ihnen Dienst-
boten unterhalten, die, vernünftig angeleitet, den Haus-
frauen die Mühe ersparen und selber dadurch für das Gemein-
wohl nützlicher gemacht werden würden. Derlei Irrthum und
Verkehrtheit findet sich bei uns und ist vom Nebel.
Aber daß Mädchen der gebildetesten Stände, die eine gute
Erziehung genossen haben, denen der Sinn für das Höchste
nach keiner Seite fehlt, sich frohen Herzens an den häuslichen
Herd eines geliebten unbemittelten Mannes begeben, um als
treue Dienerin des Mannes und des Hauses Alles und Jedes zu
leisten, was des Lebens Nothdurft für Mann und Kinder von
ihnen fordert, das ist mir immer als etwas eben so Natürliches
wie Schönes erschienen. Das habe ich, trotz meiner in früherer
Zeit auch für den Erwerb mir nothwendigen Thätigkeit, durch
lange Jahre mit Glücksempfindung unausgesett gethan. Drei
Treppen hoch, im einem von acht Familien bewohnten Hause,
in einer halben Etage von vier Stuben wohnend, mit einer
Dienstmagd arbeitend, bin ich mir und meinen Frcunden
deshalb nicht weniger laäzlite erschienen, als irgend eine reiche
und müßige Frau; und das freundliche Dankeswort, das mein
verstorbener Gatte, Adolf Stahr, unter den Jahresabschluß
unseres damals sehr bescheidenen Budgets zu schreiben pflegte,
wenn ich ihm denselben am I. Dezember vorlegte, hat mir

- FZ -=
durch die gesegneten M Jahre unserer Ehe wohler gethan,
mich mehr erhoben, als irgend eine der literarischen An-
erkennungen, an denen es mir nicht gefehlt hat. - Und
Gottlob! ich bin nicht die einzige Frau, die in Deutschland so
empfindet. Die Mehrzahl fühlt wie ich.
Auch war es einer unserer feinsten, gemüthvollsten Lyriker,
es war Justinus Kerner, der in spätem Alter noch ,die
verarbeiteten Hände seiner Frau' besang; die Hände des
guten, alten, schwäbischen ,Rikeles'', das, selber schon hinfällig
und schwach, noch seine Stütze und sein Stab war, als seiner
Augen Licht erlosch.
Spotten Sie immerhin über uns Mylady! denken Sie so
gering von uns als Sie nür mögen, es ficht uns wenig an. Wir
sind im Kerne unseres Wesens ein demokratisches, ein bürger-
liches Volk. Wie jeder Mann neben seinen anderen Berufs-
pflichten und Thätigkeiten auch Soldat und Vertheidiger seines
Landes ist, so ist und soll jede Frau, was immer sie außerdem
auch kann unb leistet, vor allem Andern Hausfrau, Haus-
hälterin sein unter ihres Mannes Dach; und wir rühmen das
und heben es mit Lust hervor, wo wir es finden. Bei des
Handarbeiters, bei des reichen Mannes Frau, bei der Schau-
spielerin und bei der Schriftstellerin, wie bei der Königstochter
von England, die an des deutschen Kronprinzen Seite einst
deutsche Kaiserin sein wird.
Weil die Engländerin es darauf abgesehen hat, uns
deutschen Frauen unsere unwürdige Behandlung durch die
Männer und unsere unglückliche Stellung in unserem Vater-
lande recht nach allen Seiten klar zu machen, stellt sie unsere
Verhältnisse und die der Männer von Jugend an scharf
einander gegenüber. Sie strebt uns zu beweisen, wie wir von
ihnen völlig abgetrennt, eine Art von Haremsleben innerhalb
der Kaffeegesellschaften führen, zu denen die Männer keinen

= IZ -
Zutritt haben, und innerhalb der Konzertgärten, in welchen die
Männer sich auch abgesondert von uns halten. Kaffegesellschaften
aber kennt die jetige Gesellschaft wohl nur in den allerkleinsten
Städten; und in unseren Konzertgärten, die eine gar nicht
üble Einrichtung sind, pflcgte es munter und ungezwungen genug
herzugehen von den Konzerten in den Provinzialstädten bis zu
denen der zoologischen und der Flora-Gärten in Berlin, in
Köln und in Frankfurt; und es leben Engländer genug, die
s dort angenehmer gefunden haben, als ihre anonyme Lands-
männin.
Daß bei uns die Erziehung im Vaterhause die Knaben
und die Mädchen mit den Freunden und Freundinnen der-
selben von früh auf in einem ununterbrochenen Verkehr
erhält, aus welchen oft, sehr oft Freundschaften für das ganze
Leben erwachsen, daß die gemeinsamen Tanzstunden der
Knaben und Mädchen, die Eisbahn und die Familienbälle
diesen Verkehr weit in die Jugendjahre hineinführen und
manche Ehe auf dem Boden solcher Jugenderinnerungen
erwächst, das hat die Lady, wie es scheint, zu erfahren nicht
die Gelegenheit gehabt. Sie spricht zwar von den fröhlichen
Schülern und Studenten, die das Ränzel auf dem Rücken
das Land durchwandern, die gute Turner, gute Schwimmer,
treffliche Schlittschuhläufer und Reiter sind; aber daß die
Mädchen in den Schulen ebenfalls turnen, daß sie fast sammt
und sonders gute Schlittschuhläuferinnen sind, daß man sie
kalt baden und schwimmen läßt, wo sich dazu die Möglichkeit
findet - und sie fehlt kaum irgendwo - daß sie reiten
lernen, wenn sie reich genug dazu sind, das weiß sie wieder
nicht. Sie will gut und überall bei uns zu Hause sein,
lange unter uns gelebt haben, und ist doch weder in der
sächsischen Schweiz, noch im Harze oder in Thüringen und
im Schwarzwalde den jungen Mädchen und jungen Frauen

I -=-
begegnet, welche während der Sommmerfrischen die Wander-
gefährten ihrer Brüder und Männer machen. Das ist auf-
fallend geng! Es paßte aber nicht in ihre vorgefaßte
Meinung, sie hat es also nicht gesehen.
Um uns endlich den schlagendsten Beweis für die Gering-
schätzung zu geben, die wir erdulden, gipfelt sie ihre Be-
merkungen in dem Sate, daß in Deutschland die Ehe-
schließung Sache der Familienübereinkunft, nicht der Liebe
ist, und zieht daraus Schlüsse, die noch verwunderlicher sind,
als dieser Ausspruch selber. Sie sagt: ,In den höheren
Ständen wird das Ehebündniß, wenn nicht ganz, so doch
schließlich von dem Vermögen abhängig gemacht. Es ist ein
Theil von dem eigenthümlichen prosaisch praktischen üund
doch so verhängnißvoll unpraktischenzs Programme, welches
das Gesetz der gegenwärtigen deutschen Natur zu sein
scheint, daß, wenn in einer Familie Geld vorhanden ist,
es aus derselben nicht herausgelassen werden darf.? Dadurch
gehen die Familienheirathen von Generation zu Generation.
Dadurch entsteht denn auch, wie sie behauptet, die Entartung
der deutschen Race, und eben deßhalb giebt es in keinem
Lande ,so viel Kröpfe, so viele von Scropheln entstellte
Hälse, so viele Rückenkrankheiten, so viele schlechte Zähne und
einen im Allgemeinen so mangelhaften Knochenbau als
in Deutschland !
Das scheint jedoch nach ihrer Meinung nur von den
Frauen Geltung haben zu sollen, denn die Engländerin ist
voll Bewunderung für die prachtvollen Gestalten, die breite
Brust, die stolze Stirne und für die mächtige Stimme
unserer Offiziere. Die deutschen Ofsiziere läßt sie gelten!
Daß aber die prächtigen Offiziere, daß die hunderttausend
kriegstüchtigen, jungen Männer, die alljährlich aus allen
Ständen in den Reihen unseres Heeres eintreten, und nach

== gh -
abgelegtem Dienste, wohlgeschulten Körpers, in das Gebiet
des bürgerlichen Lebens, hinter den Pflug, in die Werkstatt,
in das Comptoir, auf die Bühnen der Theater wie auf die
Katheder der Schulen und der Universitäten, auf die Kanzel
und in die Säle der großen Welt zurückkehren, daß diese
stattlichen Männer und Bürger nicht nur die Söhne ihrer
Väter, sondern auch die ihrer Mütter sind, diesen kleinen
Umstand hat sie nicht bedacht. Daß aus Ehen, an denen die
Liebe nicht den ersten und höchsten Theil hat, daß von
Müttern so verkommener Art, die ihre Kinder nicht zu säugen,
nicht zu pflegen verstehen, die selbst so völlig nichtig sind,
ein solches Geschlecht von Männern entstammen kann, das ist
es eigentlich,worüber die Engländerin allein Grund gehabt
hätte, sich zu verwundern; und das hat sie leider unterlassen.
Aber beruhigen Sie sich! Die Liebe hat unter uns bei
dem Zustandekommen der Ehe den vollen Theil, der ihr ge-
bührt. Im Gegentheil, wir haben in den Familien des ge-
bildeten und bei uns eben nicht reichen Mittelstandes, oft genug
darauf zu achten, daß frühe Liebe nicht zu voreiligen Ver-
löbnissen verleitet und daß die ernste Gewissenhaftigkeit, mit
welcher solche Verlobungen fast durchweg eingehalten werden,
die jungen Männer nicht veranlaßt, vorzeitig zu heirathen und
ihre volle freie Entwicklung durch die Sorge für eine Familie
zu beeinträchtigen. Was danach in dem German koms liks
noch von dem Zusammenhalten des Geldes innerhalb der
deutschen Familien gefabelt wird, ist vollends thöricht, wenn
schon es in den Familien der zahlreich unter uns lebenden,
und zu einem bedeutend mitzählenden Faktor gewordenen
Juden häufiger vorkommt. Aber auch innerhalb dieser Kreise
hätte die Lady es beobachten können, wie die reichen Väter kaum
einmal anstehen, ihre Töchter mit unbemittelten Männern aus
allen Lebensbereichen zu verbinden, wenn es eben tüchtige

= I,ß -
Männer sind und sich sonst Glück aus solcher Heirath für die
Töchter, und umgekehrt für die Söhne, erwarten läßt.
Unwahrer noch ist es, was über die rücksichtslose Be-
handlung der Frauen in der Ehe berichtet wird. Der Lady
müssen ganz besondere Erfahrungen zu Theil geworden sein.
Doch ist bei den Anschauungen, welche sie von der Ehe hat,
darüber mit ihr nicht wohl zu rechten, denn es scheint, als
fehle in ihrer Seele das mächtige Wort: ,Und er soll Dein
Herr sein!? Wir hingegen tragen es im Herzen und dienen
gern - - wo wir lieben! Wir wollen emporblicken zu dem
Manne, dem wir uns zu eigen geben, nicht nur ihn zu unseren
Füßen sehen. Es ist auch kein Zeichen von der Geringschätung
des weiblichen Geschlechtes, wenn man es, wie in Frankreich
und in Deutschland, frühzeitig daran gewöhnt, die kleinen
Dienstleistungen zu üben, welche die Bewirthung der Haus-
genossen und der Gäste fordert. Es steht der weiblichen Jugend
sehr wohl an, mit Anmuth sich gefällig gegen das Geschlecht
zu erweisen, aus dem sie einst ihren Gatten wählen wird, der
ihr Ernährer, der Herr des Hauses, des Weibes treuester
Freund und seine Stütze sein soll. Es freute mich, als ein
sehr selbstständiges, junges Mädchen sich einmal in meinem
Beisein weigerte, sich von einem seiner Bewerber, der ihm
werther war als alle Anderen, den Shawl und den Schirm
nachtragen zu lassen. ,Ich kann mir's selber tragen, sagte es
keck und wohlgemuth, und kann's nicht leiden, wenn die
Männer sich einbilden, mir zu gefallen, indem sie die Be-
dienten machen!r Es war das eine jugendliche Nebertreibung,
aber es wahr doch immer ein Symbol. Es wollte lieber
dienen und verehren, als herrschen und gebieten! Und das
war gut und richtig; denn die Gegenseitigkeit der freien An-
atrer

=- P? -
In dem weiten großen Kreise meiner Bekannschaft -
und ich kenne mein Vaterland vom Norden bis zum Süden,
und kenne meine Landsleute sehr genau-- sind mir sehr
wenig unglückliche Ehen und noch viel seltener Ehescheidungen
selbst in den Fällen vorgekommen, in denen die Ehe meinem
Jdealvon einer solchen nicht entsprach. Ja, ich wüßte, nament-
lich in den begüterten Familien, weit häufiger von ver-
wöhnten Frauen, von so anspruchsvollen Frauen zu berichten,
daß sie nach dem Maßstabe der Engländerin für Ladies gelten
können, als von schlecht und hart behandelten. Und wenn
die Lady sich hier und da einmal herbeigelassen hätte, den
öffentlichen Festen beizuwohnen, die unser Volk im Winter
in seinen Vereinen, oder im Sommer im Freien zu begehen
liebt, wenn sie in der Pfingstzeit, wenn sie bei den Singfesten
und Spazierfahrten, wie bei den winterlichen Handwerkerfesten
die arbeitenden Stände hätte betrachten mögen, so hätte ihr
die Genugthuung nicht fehlen können, das schickliche Betragen
der jungen Leute für ihre Liebsten und die zärtliche Sorgsams
keit der jungen Männer für ihre Frauen und Kinder wahr-
zunehmen. Ein Fest wie Grssnieb sair irgendwo in Deutsch-
land angetroffen zu haben, entsinne ich mich nicht; obschon es
sicherlich an Rohheit unter uns so wenig fehlt, als es an
guten, warmherzigen Ehen unter den Arbeitern von England
fehlen wird.
Um es dann aber an großen Beispielen darzuthun, was
man von der Ehe in Deutschland zu halten habe, weist die
Ungenannte mit geflissentlicher Schärfe darauf hin, daß Goethe
eine ihm nicht ebenbürtige Frau geheirathet, nachdem er sich
lange in Herzensverirrungen mancher Art bewegt, daß
romantische, ungesetzliche Verbindungen, daß einzelne Ehe-
scheidungen in dem Leben bedeutender und hochgestellter
deutscher Männer und Frauen vorgekommen sind. Und wieder

= IF -
vergißt sie es, zurückzublicken in die eigene Heimat, mit deren
moralischem und religiösem Standpunkte sie doch so sehr zu-
frieden ist.
Sie tadelt den sittenlosen Lebenswandel Friedrich Wil-
helm's ll. von Preußen, den man bei uns nicht milder be-
urtheilt als sie; aber sie vergißt, in welcher Weise Heinrich l.
von England sich zu helfen wußte. Sie vergißt auch das Leben
des Prinz-Regenten, und sie trägt daneben der Geistesrichtung
am Ende des 1. Jahrhunderts keine Rechnung, welches sich
durch die Ehe nicht in der Freiheit des persönlichen Beliebens
beschränken ließ, sondern gerade wie die ungenannte Lady die
Ehe ,als den goldenen Schlässel zum Paradiese der Freiheit'
ansah. Und doch erkennt selbst die Bibel. den Zusammenhang
des Einzelnen mit dem Geiste seiner Zeit feierlich durch die
Worte an: Er war ein großer Mann in seiner Zeit! = Jene
Männer aber lebten und handelten nach dem Geiste ihrer Zeit.
Sie versteht es auch nicht, daß Ehescheidungen in gewissen
Fällen die Folgen eines großen Jdealismus, daß sie die fromme
Scheu vor einem Ehebruch, daß sie, wie Arnold Ruge es in
einer seiner Abhandlungen ausgesprochen hat, unter gewissen
Verhältnissen eine That ernstester Sittlichkeit sein können. Sie
bedenkt es nicht, daß Menschen von einer großen, oft unerwar-
teten Entwicklungsfähigkeit, von stärkerer Leidenschaft, von
größerer Gefühlstiefe als das Mittelmaß der Menschen sie zu
besitzen pflegt, in ungewöhnliche Verwicklungen gebracht, durch
diese gezwungen werden können, sich unter den vom Staate
anerkannten und sehr schweren Bedingungen aus jenen Ver-
wicklungen zu befreien, um nicht Schaden zu nehmen an ihrer
Seele. Indeß ich muß es wiederholen, es ist schwer, dafür ein
Verständniß zu finden bei einer Frau, welche ,die Ehe für den
goldenen Schlüssel zu dem Paradiese der Freiheit'' ansieht,
während sie daneben gelegentlich die Ehe ganz im katholischen

- I,ß -
Sinne als ein Sakrament und die Lösung derselben als eine
Sünde zu betrachten scheint.
Sie fragt sich auch nicht: War Shakespeare's Ehe glücklich?
War Byron ein Vorbild für die eheliche Treue? Existiren Porik's
Briefe an Eliza nicht? Hat Dickens in seiner Gattin sein
Jdeal gefunden? Hat Lady Bulwer nicht ihren Cheveley ges
schrieben? Karoline Norton nicht ihren Schmerzensschrei gegen
die Schwierigkeit der Ehescheidung in die Welt hinausgestoßen?
Und fehlt es unter den jettt lebenden bedeutenden Engländern
an Beispielen dafür, daß der ,treuen Liebe Pfad nicht immer
sanft hinfloß? =- Aber welchem verständigen Deutschen ist es
eingefallen, gering zu denken von dem mökälischen Sinne der
Engländer und hart und verwerfend abzuurtheilen über die
Ehe und das Familienleben eines ganzen großen Volkes, weil
einzelne Menschen, weil verschiedene Eheleute desselben
in ihrer Ehe nicht das Glück des Predigers von Wakefield
gefunden haben?
Ic bin sehr weit davon entfernt zu glauben, daß in
Deutschland die Frauen durchweg dasjenige sind, was die Frau
in ihrer höchsten Durchbildung zu sein vermag; aber ich
kenne kein Volk, das lauter weibliche Jdeale aufzuweisen hätte,
und ich darf mit ruhiger Zuversicht behaupten, daß in der
großen Masse die deutschen Frauen und die deutschen Ehen
es an Redlichkeit, an Tüchtigkeit und an innerer Würdigkeit
mit den Frauen und mit den Ehen aller gesitteten Völker
unbedenklich aufnehmen dürfen; daß wir uns weder über
Mangel an Liebe, noch über Mangel an Achtung von Seiten
unserer Männer zu beklagen, daß wir das Mitleid der Lady
keinesweges nöthig haben.
Was will's daneben groß besagen, wenn deutsche Männer
es gelegentlich versäumten, der fremden Dame ihren Mantel
oder ihre Kapuzze aus dem Ankleidezimmer rasch herbeizuholen?
J. Le wa ld, Reiiebrieie.

== Zß
Neber derlei fehlende Beachtung ist's garnicht klug zu klagen;
denn unsere gemeinsamen Nachbarn, die Franzosen, von deren
Sarkasmus die Lady eine starke Ader hat, könnten in solchem
Falle leichtlich fragen: Wer trägt daran die Schuld, Madame?
Und von dem,Sarkasmus'' unserer mitleidsvollen Lady
noch ein Wort.
Die Spottlust der Engländerin richtet sich, wo man ihr
Buch auch aufschlägt, immer wieder gegen die Aermlichkeit
unseres häuslichen Lebens und gegen den Mangel an festen
Formen für den geselligen Verkehr.
Daß unsere Mittelstände vielfach ärmer ind als die
englischen Mittelstände, hat man ihr, wie gesagt, ohne Weiteres
zugegeben. Die Schilderungen jedoch, welche z. B. Miß
Bronte von ihrer Jugend macht, und viele andere Schilde-
rungen, denen wir in englischen Romanen begegnen, thun
es doch auch sehr unwiderleglich dar, daß neben den engen
Wohnzimmern der armen verfallenen Pfarrhäuser, daß unter
den Dächern der Provinzialstädte auch nicht überall die Treib-
häuser zu finden sind, deren ausländische Pflanzen die Lady
in Deutschland in den Wohnungen ihrer unbemittelten klein-
städtischen Bekannten so schmerzlich vermißte, als käme in
England jeder Eingeborene in einem Palaste zur Welt. Ich
aber habe englische Schriftsteller, deren Name ein Gegenstand
der Verehrung für die ganze Welt ist, in den bürgerlich be-
scheidensten Verhältnissen lebend gefunden; und zu ihrem nicht
geringen Ruhme, stolz begnügt in ihrer Einfachheit. Sind
doch auch Thomas Moore, Dickens, Robert Chambers, Lewes,
George Elliot, und wie viele Andere, nicht aus der Mitte des
Luxuslebens hervorgegangen, sondern aus Bereichen, für deren
FRäR =---
Was wollen die seelenlosen Prachtgemächer, die Teppiche

= hh =-
und Thürvorhänge, die oft nur aus Prunksucht zusammen-
gekauften Gemäldesammlungen mancher Reichen bedeuten,
neben den engen Räumen, in welchen der ängstliche und liebe-
volle Sinn treuer Elternliebe den Kindern frühzeitig die
Werthhaltung des bescheidenen Hab und Gutes einprägt, das
zu beschaffen so viel Arbeit und Sorge nöthig war, und unter
welchem ,Urväter Hausrath'' hoch gehalten, von der eben so
treuen Arbeit vorangegangener Geschlechter spricht! Welch
ein Heiligthum die alten Tassen, aus denen die Eltern noch
getrunken! die verblichene Tischdecke und der kleine Schemel,
welche die Großmutter und der Mutter jung gestorbene
Schwester stickten! Welch ein Besiy, der Schrank voll Bücher
und das Klavier und jene Noten, die zu kaufen der Vater
sich jahrelang in doppelter Arbeit abgemüht. Wie viel freund-
liche Pflege in dem Epheu, in den Rosen, die in unsern kleinen
Städchen das Haus umwuchern, und in der Kresse, der Myrte,
dem Goldlack und der Fuchsia, die in den öden grauen Mauern
unserer großen Städte an dem Fenster der Dachkammer wie
in der Kellerwohnung selten einmal fehlen!
Und auch da wieder wie überall. haben die deutschen Frauen
ihren vollen Antheil an dem Guten, das sich kund gibt in
dem deutschen Volke. Auch nach dieser Seite hin, ist es bei
uns so, wie es in England ebenso ist, und nicht anders sein kann.
Aus den Häusern dieser in ihrem Besitz oft eng genug be-
schränkten Familien, ist eine große, ja man dürfte sagen, die
größte Anzahl unserer Denker, Helden, Staatsmänner, Dichter,
eine Anzahl unserer größten Industriellen hervorgegangen.
Aus dieser Sphäre gehen auch die jungen Frauenzimmer meist
hervor, denen man in England die Erziehung der Töcster so
vielfach und mit glücklichem Erfolge anvertraut. Könnte man
das, dürfte man das thun, wenn unsere Frauen, wenn die
weibliche deutsche Jugend so verkommen, so untüchtig und so

==- IZ -
nichtig wäre, als es der Verfasserin von German koms liss
beliebt, sie darzustellen?
Ich wiederhole es: vollkommen sind sie nicht, unsere jungen
Frauenzimmer; aber sind es die Engländerinnen alle und in
Allem? =- Die Verfasserin spottet darüber, und hier wieder
einmal mit Recht, daß unsere Mädchen sich für den Ausdruck
ihres Wohlgefallens und ihrer Bewunderung, halbwegs fest-
stehender und übertriebener Ausdrücke bedienen. Sie findet
es abgeschmackt, wenn Alles ,reizend'',,entzückend'',, himmlisch'',
genannt wird, wenn man sich für Gleichgültiges zu begeistern
behauptet; und wir selber finden das auch geschmacklos, wir
tadeln es, wo es uns begegnet. Aber Nebertreibung ist das
Zeichen der Unreife und der Jugend, und ein Zeichen der
reifen großen Bildung ist es auch nicht, wenn Engländerinnen
ihr maßvolleres ,viee von einem Manne, von einer Frau,
von einem Dichterwerke, von einer schönen Gegend wie von
einem Pudding gleichmäßig gebrauchen.
Dem Ausländer fällt überall' in dem Wesen und Behaben
eines fremden Volkes ihn Befremdendes auf. Mich dünkt je-
doch, es ist die Aufgabe des gebildeten Beobachters, daß er zu
verstehen trachtet, was ihm fremd erscheint, daß er die Luellen
zu erkennen strebt, aus welchen die Gewohnheiten eines ihm
fremden Volkes hervorgehen, daß er das Wesen desselben zu
ergründen, nicht die von den Gewohnheiten seines eigenen
Volkes abweichenden äußeren Gewohnheiten der Fremden zu
verspotten, sich angelegen sein läßt.
Es geht übrigens durch die Gesellschaft aller Kulturvölker
in unserer Zeit eine Reigung zu ungehörigem Gebrauch der
Adjektiva, von welcher England keineswegs frei sein muß.
Denn es fiel mir auf, als ich vor ein paar Jahren Bulwer's
Kenelm Chillingly einmal in Händen hatte, wie er zum Lobe
seiner Heldin es geflissentlich hervorhob, sie habe zwar keine

= ZZ -
der Modekünste zu üben vermocht, mit welchen die Mädchen
sich in der Gesellschaft zu zeigen lieben, aber man sei sicher
gewesen, von ihr bei ernster Unterhaltung wohl verstanden
zu werden, und nicht von ihr hören zu müssen, daß sie sich
uwkallz (oder srigbtfallzz amusec hätte, und daß the bisbop
a nice zell sei.
Ich bemerke hierbei jedoch ausdrücklich, daß ich das Bul-
wer'sche Buch nicht bei mir, überhaupt kein Buch hier zur
Verfügung habe, und nach allen Seiten hin völlig auf mein
Gedächtniß angewiesen bin.
Ee ist immer und immer wieder der Rückblick auf ihre
heimischen Verhältnisse, welcher der Engländerin fehlt und sie
selbst da, wo sie die äußere Thatsache richtig gesehen hat, zu
falschen Urtheilen verleitet. Wenn sie bei Erwähnung un-
serer vermögenslosen Mittelstände die Neigung der Frauen
tadelt, sich mit billigem Putze unnöthig zu behängen, so ver-
gißt sie, wie das in England unter gleichen Verhältnissen,
und wir sehen davon die Beweise oft auf: dem Kontinente,
grade so geschieht. Der Ausdruck -bobbz gentilitz deutet,
wenn ich ihn recht verstehe, auf die gleiche oder doch eine
ähnliche Thorheit unter ihren eigenen Landsmänninnen hin.
Wenn sie die deutschen Frauen unselbständig nennt, wenn
sie ihnen vorwirft, daß sie ihren Männern als hülflose Ge-
schöpfe auf dem Halse lägen, eben jenen Männern, von
denen sie doch als Haussklaven behandelt werden, so bedenkt
sie nicht, daß die lächerliche alte Jungfer: the unprotseteä
kemale des Punch, eine englische Karikatur, und das ehilä-
viks eben so eine nach dem Leben gebildete Schöpfung von
Dickens ist, wie Lenette eine solche Schöpfung von Jean Paul.
Weit mehr hat man ihr zuzustimmen, wenn sie es tadelt,
daß Deutschland keine festen Formen für den Umgang und
Verkehr besitzt; denn das natürliche Sichgehenlassen ist nur

=- hg --
da zu loben, wo die Natur so schön und so vollkommen durch-
gebildet ist, daß alle ihre unwillkürlichen Kundgebungen,
wie es bei romanischen Völkern meist der Fall ist: schön sind
und erfreulich wirken. Diese angeborene schöne Form fehlt
im Allgemeinen den germanischen Volksstämmen, bei den Eng-
ländern mehr noch als bei uns. Es ist also lobenswerth, daß
die Engländer sich nicht mit ihrer Naturwüchsigkeit begnügen,
daß sie nicht, wie die Deutschen oftmals, sich mit dem:
Wir sind bieder und natürlich,
Und das ist genug gethan!
abzufinden trachten. Feste Regeln für den geselligen Verkehr
erleichtern das Leben nach allen Seiten. Es wäre daher wohl
, zu wünschen, daß sich auch unter uns eine Form feststellte,
welcher, von dem Gebildeten bestimmt, der Ungebildete, der
Unerzogene, sich wie einem Gesetze unabweislich zu unterwerfen,
mit der er seine Unkultur in Fesseln zu schlagen hätte, um
nicht Anstoß zu geben und nicht zu verletzen. Daß aber eine
solche Regel neben ihrem Segen auch ihre bedenkliche Seite
hat, daß sie im schlimmen Sinne einförmig macht, wenn sie
nicht durch Geist und Eigenthümlichkeit belebt wird, das ist
nicht fortzuleugnen; und selbst in dem, was die Engländerin
von der Formlosigkeit der Deutschen ihren Landsleuten be-
richtet, ist eine geflissentliche Nebertreibung, welche den Tausen-
den von Engländern, denen es in Deutschland und mit uns
wohl geworden ist, kaum entgehen dürfte.
Ebenso verhält es sich mit den satirischen Bemerkungen
über die Titelsucht der Deutschen. Auch darin, wie in dem
ganzen Zuschnitt unseres Lebens, ist sehr Vieles anders ge-
worden, als die Verfasserin es gekannt zu haben behauptet.
Unser Leben ist reichlicher, ist breiter, ist viel bewegter gewor-
den; und jene Titulaturen, die ihr so lächerlich erschienen,

-==- IJ -
sind in der That seit einem Menschenalter unter Gebildeten
nicht üblich. Wir schreiben nicht mehr: Wohlgeboren, Hoch-
wohlgeboren, Hochgeboren u. s. w. Indeß ich möchte dennoch
fragen, ob man in Jtalien nicht heute noch das llastrissimo
und ähnliche Prädikate braucht? und ob auf keinem englischen
Briefe ein bsg. geschrieben wird? ob kein honoarahls, Right
lonourahls, kein Rerereuä auf englischen Briefen zu lesen sind?
ja, ob diese Zusätze nicht ein Gefordertes in England
wären? - In Lessing's Nathan heißt es: ,rum muß der
Knorr den Knubben hübsch vertragen.?
Nirgend aber erscheint die Spottlust, und diese ist die
hervorragendste schlimme Eigenschaft des Buches, in häß-
licherem Lichte, als wenn die Verfasserin desselben, Deutschland
mit unverkennbarem Spotte immer als ,the katherlunar be-
zeichnet.
Das Deutsche Reich, wie es sich zu unserem Heile endlich
als Einheit herausgebildet hat, das Vaterland, wie wir es
lieben und im Herzen tragen, hat nicht das Glück, sich ihrer
Anerkennung zu erfreuen, denn sie hat sich ihre Meinung über
unsere politischen Verhältnisse offenbar in partikularistischen,
dem Deutschen Reiche abholden Kreisen zusammengeholt. Sie
will es eben deshalb auch nicht verstehen, weßhalb der Deutsche
keine höhere Bezeichnung für sein Land kennt, keine, die ihm
das Herz höher schlagen macht, und keine, in welcher sich seine
Liebe für die Heimat, für die Familie, voller und einheitlicher
ausspricht, als indem er das Land, in welchem er geboren,
nicht wie der Engländer ,sein Land'', sondern das Land seiner
Väter ,sein Vaterland', und die Sprache, welche er redet, nicht
die Nationalsprache, sondern die Sprache der Mutter nennt,
von der er sie erlernte, ,seine Muttersprache!f'
Einer Frau aber, die dieses nicht als ewas Schönes und
Erhabenes empfindet, der muß es freilich schwer fallen, deutsches

==- H -
Wesen und deutsches Familienleben zu verstehen; der muß es
schwer sein, die in sich beschlossenen deutschen Frauen nach
Gebühr zu würdigen, die trotz ihrer Mängel, trotz ihrer
Schwächen und Unvollkommenheiten, die in aller Beschränktheit
ihres ,verwaschenen, verkochten und vernähten Lebens'' es oft
sehr wohl verstehen, die Gedanken ihrer Männer nachzudenken,
und ihre Kinder in dem Sinne zu erziehen, der in den Worten
des ihnen allen in das Herz gewachsenen Dichters gipfelt:
An's Vaterland, an's theure schließ dich an!
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,
Dort sind die starken Wurzeln deiner Kraft.
Es leben aber glücklicher Weise auch jenseit des Kanales
Männer und Frauen, die Deutschland und die deutschen
Frauen anders kennen, besser würdigen, als die Ungenannte
es für gut befindet und vermag. Es leben Engländer und
Engländerinnen, die Zeugen davon waren, wie diese schlichten
deutschen Hausfrauen, diese für sich ganz anspruchslosen
Mütter, in den Tagen des letzten über uns frevelhaft herauf-
beschworenen Krieges mit heldenhafter Selbstverleugnung ihre
Gatten, Söhne, Brüder in das Feld ziehen sahen.
Es ist hart, sagte mir, die Thränen zurückdrängend,
eine noch schöne, noch junge Frau, als ihr einziger Sohn sich
vor ihrer Thüre auf das Pferd schwang, es ist hart, daß ich
ihn scheiden sehe, aber ich muuß ja Gott danken, daß er
gesund ist und gehen kann, seine Schuldigkeit zu thun! -
Und wie die Eine, sagten es die Hunderte, sagten es Alle.
Wahre Wunder aufopfernder Treue und Hingebung sind
in der Pflege der Kranken und Verwundeten, sind von den
Frauen in der Ergebung geleistet worden, mit welcher sie die
Verluste ertrugen, die so Unzählige zu beklagen hatten! In
der That, es bedurfte nicht des pomphaften Zurufes auf dem

=- Z? -
Titelblatt von Seiten der Ungennanten, die deutschen Frauen
zu ihrer Erhebung ermahnend zu erwecken; sie waren erhaben
genug in schwerer Zeit.
Wir leben, arbeiten, entwickeln uns eben aus unserer
Natur heraus, nach unserer Weise, und wir ehren das
Gleiche in jeder anderen Nation. Wir fügen dazu den aller-
dings sehr weiblichen Wunsch, daß allen Frauen von ihren
Männern Liebe zu Theil werden möge, je nachdem sie es ver-
dienen, Liebe wie sie so Vielen von uns zu Theil wird; denn
ich weiß nichts Besseres.
-;Daß daneben Denen, welchen das Glück der Liebe und
der Ehe nicht zu Theil wird, oder jenen Andern, die es nöthig
haben, für den eigenen Unterhalt oder gemeinsam mit dem
Manne für den Unterhalt ihrer Familie zu arbeiten,
eine freie Bethätigung ihrer Kräfte ermöglicht werde, dies zu
erreichen sind wir in Deutschland überall. bemüht, von wackern
Männern in unserm Bestreben vielseitig gefördert. Wir be-
dürfen also durchaus nicht der Ermahnung gigeg fremden
Frau, und ihres Mitleids noch weit weniger. Sie mag üüns
ruhig und unbekümmert unserem Schicksal und uns selber
überlassen. Wir wissen, was uns obliegt, was wir wollen
und müssen.
Eine Lehre aber könnten und sollten die deutschen Frauen
vor allen andern aus dem Leben der Engländer sich anzueignen
trachten: eine verständige Vorsicht in der Auswahl der Fremden,
denen sie in ihren Häusern Gastlichkeit gewähren und ihr
Zutrauen arglos schenken.

Kapitel 05

- ZZ -
Fünfier lries.
In der Ichweiz.
Vernex pres Montreut,
im September 17?.
Wundert Euch nicht, einen Brief von den Ufern des
Genfersee's zu erhalten, und wundert Euch auch nicht, daß ich
in diesem Jahre nicht mehr nach Hause komme, daß ich
mich weiter von der Heimat entferne, als es in den letzten
zehn Jahren geschehen ist. Und nun ich den Entschluß gefaßt
habe, ist es mir noch lieber, daß mir durch meine alte Freundin,
die ,Kölnische Zeitung', die Möglichkeit geboten ist, während
dieser längeren Abwesenheit mit Euch und den andern
Freunden und Theilnehmenden mehr im Verkehr bleiben zu
können, als es ohne sie thunlich werden würde.
Allerdings hat es jetzt der briefschreibende Reisende nicht
leicht, wenn sich die Aufgabe stellt, Neues, Ungekanntes zu
berichten. Die Erde ist klein geworden seit die Eisenbahn-
schienen und Telegraphendrähte sie umspannen. Alle Welt
hat die Welt gesehen. Das Reisen ist ein Geschäft geworden
wie ein anderes, das Reisebeschreiben eben so; und es wird
von so Vielen so gut gemacht, daß man viel guten Glauben
und viel Zutrauen zu sich selber haben muß, wenn man sich
der Einbildung hingeben will, etwas Neberraschendes zu ver-
melden, etwas Unbekanntes mitzutheilen: es sei denn, daß
man eine Wanderung guer durch Afrika macht, oder durch
das ewige Eis nach dem Nordpol vordringt. Daß ich weder
das Eine noch das Andere vorhabe, brauche ich nicht zu ver-

==-- Zß -
sichern. Ich gehe einfach nach Rom, um wieder einmal einem
nordischen Winter auszuweichen, um unter grünen Sträuchern
und blühenden Bäumen auf dem Monte Pincio, statt auf
der schnee- und regennassen Straße vom Brandenburger Thor
nach der HofjägerAllee zu gehen, um noch einmal die Stätten
wiederzusehen, mit denen meine Erinnerungen so tausendfach
verknüpft sind; und wie ich vor zchn Jahren von Rom aus
ein paar Mal in jedem Monat einige Blätter nach Hause
gesandt habe, so denke ich es auch jett wieder zu thun.
Freilich sollte man meinen, in einer Zeit, deren charakte-
ristische Eigenschaft das Massenhafte ist, müßte das Persönliche
am Ende ganz und gar verschwinden. Indeß das Einzelwesen
behauptet mit dem Trieb der Selbsterhaltung doch sein
Recht des gesonderten Bestehens und Erlebens, und darauf
beruht, wie ich glaube, die Hoffnung, daß wir unter der
Herrschaft des Massenhaften nicht in Barbarei versinken. Wir
müssen hoffen, daß die großen Welt -Ausstellungn, die Monstre-
Konzerte - wie bezeichnend ist der bloße Name! daß die
Gesammtreisen, bei denen man sich in Massen von einem
Unternehmer durch und um die ganze Welt herumführen läßt,
bei denen Scharen zum Vergnügen scharenweise ganz dasselbe
sehen, nicht noch schlimmer wirken, nicht noch mehr verflachen,
als sie es wirklich thun. Denn es muß dem eigenarigst aus-
geprägten Menschen, dünkt mich, schwer werden, in solcher un-
zusammenhängenden und doch zusammen gehörigen Gemeinschaft,
sich in sich selbst zurückzuziehen. Wer aber vollends noch wie
ich z. B. die schöne Selbstherrlichkeit gekannt hat, mit welcher
man vor O, 45 Jahren, zur Zeit der damals fertig gewordenen
Chausseen, im eigenen Wagen nach eigenem Belieben in voller
Sicherheit durch die Länder fuhr, der kann sich nicht recht
darein finden, wie die Menschen sich jettt zum Vergnügen
freiwillig dessen berauben mögen, was man sonst als den

==- Fß -
größten Reiz des Reiselebens ansah, des Glücks, an jedem
Tage in gänzlicher Freiheit Dasjenige zuthun und zu unterlassen,
was in dem gegebenen Augenblicke zu thun oder zu lassen
Einem eben das Erwünschte schien.
Schon in den großen, prächtigen Gasthäusern betreffe ich
mich in der allgemeinen Hast und unruhigen Gleichgültigkeit
oft auf dem Gedanken, daß es nachgerade dankenswerth sein
möchte, statt der immer wachsenden Zahl der kasernenhaften
Hotels, hier und da kleine Einsiedeleien für den Sommer ein-
zurichten, in denen ein paar gebildete und befreundete Menschen
in stillem, ruhigem Genusse der schönen Natur und ihrer selber
froh werden könnten.
Nie mehr als eben in diesen rastlos gewordenen Zeiten
habe ich es begreifen können, wie man eine ,ozage autour äe
wa ehamhrsr oder etwa,,Reisebriefe eines stillsitzendenReisenden''
schreiben könne; und auf etwas der Art wird es mit den
Briefen wohl hinauslaufen, die Ihr von mir empfangen werdet.
Das Reisen wird ganz etwas Anderes, wenn man die Gegenden,
die Orte, die man berührt, nicht mit dem Auge der Neugier,
der Neberraschung betrachtet, wenn man aus einem Touristen,
so zu sagen, ein vergleichender Reisender geworden ist, wenn
man neben der Gegenwart die von ihr so weit verschiedene
Vergangenheit unwillkürlich im Sinne hat, wie man sie zuerst
kennen lernte.
Ich weiß nicht, ob Ihr Euch aus dem Skizzenbuche von
Washington Irving der Geschichte von Rip van Winkle er-
innert? Mich hat sie in meiner Jugend sehr gerührt. Sie
erzählte von einem Manne, der durch Berggeister von der Welt
abgetrennt worden war, in welcher er gelebt und gewirkt hatte.
Als er dann nach langen, langen Jahren in dieselbe zurück-
versetzt wird, kann er sich nicht mehr in ihr zurechtfinden. Er
kennt Niemanden, ihn kennt Niemand. Und es läuft dann

= ß -=
damit auf die uralte Klage über die Vergänglichkeit des
Menschen und alles Irdischen hinaus, auf die Klage, der
Walther von der Vogelweide den rührenden Ausdruck ge-
geben hat:
Oh weh! wo sind geblieben meine Jahre?
Sind sie mir geträumet oder sind sie wahr?
Die mit mir waren jung, sind worden grau und kalt,
Vertreten ist das Feld, verhauen ist der Wald -
Nur daß das Wasser ießet, wwie es weiland foß!
und selbst das ist jetzt oftmals nicht mehr der Fall, und man
braucht nicht nach Menschenaltern, sondern häufig nur nach
Jahrzehnten an die Orte wiederzukehren, die man früher ge-
kannt hat, um Straßen und Quais und Wege und Bauten
zu sinden, wo man einst vor Wiese und Wald, vor Moor
und Teichen, vor Flußausläufen und an Seen gestanden hat.
Aber, und dies hat man mit Genugthuung festzustellen, in der
Schweiz, in welcher ich diesen Sommer über verweilt habe, ist
es durchweg eine Wandlung zum Besseren, die ich zu beobachten
gehabt habe.
Wenn ich mich z. B. an das Ragaz erinnere, das ich vor
zwanzig Jahren zuerst gesehen, so ist der Abstand zu dem
jeigen sehr belebten Badeorte ungemein groß. Damals war der
ehemalige alte Bischofssitz das eigentliche Kurhaus. Es lag
ganz allein auf dem weiten Platze und sah mit seinen grauen
Mauern, mit seinem schweren Dache, mit seinen in Stein ge-
faßten breiten niedern Fenstern eben so würdig und wohnlich,
als ernsthaft unter seiner Reihe von großen Pappeln hervor.
Eine Anzahl von Orangenbäumen in Kübeln waren die ganze
Zierde des Platzes. Eine durch die Möglichkeit des Unter-
gebrachtwerdens sehr beschränkte Zahl von Kurgästen saß auf

=- FZ -
einzelnen Bänken vor der Thüre. Das Ganze hatte etwas
feierlich Langweiliges und Melancholisches. Der Anbau wollte
nicht viel bedeuten, und der einzige andere Gasthof, das
Taminahotel, in dem wir Quartier nehmen mußten, war so
schmutzig und widerwärtig, daß wir froh waren, als wir am
andern Tage, nach pflichtmäßiger Besichtigung der Schlucht
und der Luellen, den unwirthlichen Aufenthalt wieder ver-
lassen konnten.
Und jetzt? - Jetzt ist Ragaz zwar kein Badeort mit
rauschenden Vergnügungen, wie die Spielbäder sie ihren Be-
suchern einst zu bieten hatten, aber es ist, abgesehen davon,
daß es wirklich eine Art von Jugendbrunnen ist, ein äußerst
angenehmer, friedlicher, jedem Bedürfniß begegnender Aufent-
halt; und es ist das Alles durch die außerordentliche Thatkraft
und den unternehmenden Sinn eines schweizer Bürgers ges
worden, den, wenn Herr Simon ein Engländer wäre, Smiles
sicherlich in die Reihe der ,selbstgemachten Männer'' aufge-
nommen haben würde, welche er in dem ,kelg zonrselE (Hilf
dir selbers seiner Nation zum ermuthigenden Beispiel aufge-
stellt hat. Was ich von ihm und seinem Lebenswege weiß,
ist nicht eben viel, denn er spricht nicht viel von sich selber,
auch wenn man ihn dazu veranlaßt; aber es ist doch interessant
und der Erwähnung einmal durchaus würdig.
Herr Simon ist der Sohn ganz unbemittelter Leute aus
dem Kanton St. Gallen, wenn ich mich nicht irre. Sein
neunzigjähriger Vater, seine greise Mutter leben noch. Früh
als einfacher Maurer in die Welt und nach Rußland gegangen,
mußte er sich selber an Wissen und Kenntnissen aneignen, was
er bedurfte, um aus einem Maurer ein Baumeister zu werden,
der mehr und mehr Kundschaft und Vertrauen erwarb, so daß
endlich einer der reichen russischen Großen ihm den Bau eines
Palastes übertrug. Das war der Anfang, der Herrn Simon

= ßZ =
weiter führte, bis er bauend und schaffend sich selber ein Ver-
mögen erschaffen hatte, mit welchem er, verheirathet mnit einer
Russin aus guter Familie und Vater mehrerer Kinder, in die
Schweiz und in seine Heimat zurückkehren konnte, um seine
Kräfte und sein Kapital in derselben weiter zu verwerthen.
Er hat das gethan in einer wahrhaft großartigen Weise. Denn
das jettige Ragaz ist thatsächlich von ihm geschaffen, seitdem
die Regierung ihm den Distrikt und mit ihm die Quellen und
ihre Verwerthung auf, wie ich meine neunzig Jahre, gegen
einen entsprechenden Entgelt überantwortet hat.
Er hat den prächtigen Quellenhof aufgeführt, den Hof
Ragaz mit dem inzwischen entstandenen Helenenbade verbunden,
das Konversationshaus, die neuen Bäder, die Kolonnaden er-
richtet, die Luellenleitungen verbessert, Gärten angelegt, Springs
brunnen geschaffen, Villen gebaut und ein ödes Thal in eine
lachende Gegend verwandelt. Seine Neubauten nöthigten da-
nach die anderen Gasthofbesitter zu gleichem Vorgehen. Privat-
häuser für Badegäste wurden zum Bedürfniß, weil der Besuch
des Bades, seit es angenehm geworden, in beständigem Wachsen
war; und so ist allmählich ein sehr ansehnlicher und freund-
licher moderner Badeort entstanden, wo vor zwanzig Jahren
eben nur der Anfang eines solchen vorhanden war.
Aber das Alles ist nicht leicht zu erreichen gewesen, denn
nicht nur mit den Menschen und den Verhältnissen, mit den
großen Naturgewalten gab es hier zum Defteren den furcht-
baren Kampf zu bestehen. Wenn die Rheinüberschwemmungen
das Thal durchströmten, wenn die Wasserfluthen aus den
Bergen die schäumende und tobende Tamina schwellten, daß
die Röhrenleitungen und die Luellen selber in Gefahr der
Zerstörung standen, galt es sich zu bewähren. Und Freunde
von mir, die in solchen Zeiten den kleinen Mann, Tag und
Nacht im Wasser stehend, gebietend, ordnend, für jeden neuen

==- HF; -
Zwischenfall und Unfall eine neue Hülfe findend, unter seinen
Arbeitern gesehen haben, sprechen noch heute mit Bewunderung
davon.
Aber auch jett noch rastet er nicht, wo er in der Mitte
seiner liebenswürdigen Familie sich der Ruhe wohl erfreuen
könnte. Die ganzen sechs Wochen hindurch, die ich dort ver-
weilte, bin ich es nicht müde geworden, mich an dem Orte
und an seinem Emporkommen zu erfreuen; es nicht müde ge-
worden, dem kleinen, rührigen Manne mit dem schwarzen
Krauskopf nachzusehen, dem man seine S0 Jahre gar nicht
anmerkt; der vom frühen Morgen bis zum späten Abende als
der wahre ,Genius des Ortes'' überall zu finden ist: in den
unvergleichlich gehaltenen Gemüse- und Lbstgärten, in den
Steinbrüchen, die ihm auch gehören wie das ganze Gebiet,
und die ihm das Material zu seinem noch fortdauernden Bauen
liefern. Er ist überall: in den Bureaux, in den Hotels, die
von seinen Geranten musterhaft verwaltet werden; in den
Weinbergen, in Wald und Feld, denn der Ort versieht sich so
weit als mdglich aus sich selbst, mit dem, was er sich eben
schaffen kann; und wohin sich das Auge des Herrn in raschem
Vorüberstreifen wendet, sieht er das Fehlende, weiß er es her-
zustellen und hervorzubringen.
Solche Männer, die ihren Weg gemacht haben, während
sie dem Allgemeinen nüten, haben mich immer ungemein an-
gezogen, und ich glaube, neben den,Heldenbüchern'', deren
wir ein ganzes Theil besitzen, wäre es wol an der Zeit, zur
Ermuthigung für die aus Dürftigkeit emporstrebende Jugend
ein andres ,Hilf dir selbst'' für Deutschland zu schreiben, wie
Smiles es für die Engländer geliefert hat. An Stoff dafür
ist auch unter uns kein Mangel. Ich aber würde glauben, recht
etwas Gutes gethan zu haben, wenn ich mit diesem ersten
Vorschlag einem Befähigten die Anregung dazu gegeben hätte.

Kapitel 06

=- sJ -
Was ich weiter von erfreulichem Fortschritt in Zürich,
Bern und hier in Montreux wahrgenommen habe, davon be-
richte ich, ehe ich noch meinen Weg südwärts über die Alpen
weiter gehe.
Beäiter Vrief.
Vom Genfersee.
Vernex, October l8?.
Es ist nicht nur die schöne Gegend, die das Reisen in
der Schweiz so anmuthig mact, sondern es sind eben so die
vielen hübschen, emporkommenden, zum Theil geradezu prächtig
gewordenen Städte, deren Wasserreichthum ihnen einen ganz
besonderen Reiz verleiht, namentlich für denjenigen, der in
Berlin diesen Segen der Natur zu entbehren hat. So oft ich
die Klageworte der Bibel gehört habe: ,An den Wassern von
Babylon saßen sie und weineten'' habe ich gedacht:,ie
hatten doch wenigstens Wasser und wir haben keines!? Und
ich habe mich nie der Vorstellung entschlagen können, daß
Berlin, ganz abgesehen von seiner ungünstigen Anlage, schon
um seiner Wasserarmuth willen niemals zu einer wirklich
schönen Stadt werden könne, wie Paris und London, wie
Wien und Frankfurt, wie Hamburg, oder gar wie das von
Fontänen durchrauschte ewige Rom. Dazu will mich's bedünken,
als ob bei uns die Wandlungen zum Neuen und zum Schönen
sich viel langsamer vollzögen als an anderen Orten.
Ieh habe z B. das alte Lille im Laufe weniger Jahre
zu einer völlig anderen und viel schöneren Stadt sich entfalten
gesehen; und wenn ich betrachte, wie das enge, früher so ganz
in sich zusammengekauerte Zürich, wie Bern, wie Luzern und
F. Lewald, Teis. rieee.

= ßHß -
wie selbst hier Vernex, Clarens und Montreux in den letzten
zehn Jahren großartig und schön geworden sind, so macht mich
das betroffen im Hinblick auf die Heimat. Es ist erstaunlich
und sehr lehrreich, was diese kleinen, selbstherrlichen Städte
in sicherem Vorwärtskommen leisten. Und wie wird Zürich erst
stattlich werden, wenn es den Quai am See besitzen wird, den
man früher oder später zu bauen beabsichtigt.
Dafür hat man es denn an solchen sich fortentwickelnden
Ortschaften natürlich auch vielfach zu bemerken, daß selbst das
Wasser ,nicht mehr fliesßet, wie es einstmals floß.? Doch was
will das bedeuten! Der See blaut noch in aller seiner
Lieblichkeit zwischen den Reihen von Hügeln, die ihn um-
spannen. Die grüne funkelnde Limat und die Sihl stürzen
noch so rasch und brausend zu Thale, als könnten sie es gar
-nicht erwarten zueinander zu kommen; aber von dem Gasthof
zum Schwan in Neu-Münster, in dem ich auch diesmal wieder
wohnte und aus dessen Fanstern man früher itber den hübschen
Garten und über die Wiesen des Seefeldes hinweg, hinab-
schaute bis zum See, breitet sich jetzt ein ganzes belebtes
Stadtviertel aus. Da, wo wir einst, Johann Jacoby und ich,
durch stille Wiesenpfade schlendernd, meinen Mann und meinen
im Exil lebenden Vetter, Heinrich Simon von Breslau, den
wir Drei aus Deutschland zu besuchen gekommen waren, zun
Bade hinabbegleiteten, kreuzen sich jettt ansehnliche Straßen,
liegen Villen an Villen inmitten schöner Gärten; und als
sollte ich recht an den Wechsel der Zeiten und an das Hin-
scheiden der drei theuren Menschen erinnert werden, sangen
ein paar Knaben, die des Weges gingen, ein mir ganz fremdes
Lied nach der Melodie von: ,Was ist des Deutschen Vater-
land??
Nun, unser Vaterland brauchen wir jetzt glücklicher Weise
nicht mehr fragend zu suchen; aber wie wir es in der Heimat

===- ß? --
oft mit Schmerz beklagt, daß Heinrich Simon den Tag des
neuen Deutschen Reichs nicht mehr erlebt hat, so that ich es
bei dem Gange, und in jener andern Stunde lebhaster als je,
da ich vom Wallensee hinaufsah zu dem schönen Denkmal,
das Freundestreue und Verehrung ihm oberhalb Murg in
der Fremde aufgerichtet. Denn Niemand hätte fester zu
dem geeinigten Deutschland gestanden, darüber sind alle seine
ihn überlebenden Freunde einig, als dieses durchaus deutschen
Mannes starkes Herz. Wir haben allen Grund, uns recht
häufig die bittenden Worte in das Gedächtniß zu rufen, die
einst Theodor Körner, wie im Vorgefühl des eigenen Schicksals,
für diejenigen ausgesprochen hat, die redliche Kämpfer gewesen
sind in ihrer Zeit, und denen es nicht beschieden ist, den Tag
des Sieges zu erleben: ,Vergeßt die treuen Todten nicht!'
Ich ging bewegten Sinnes einsam den einsamen Pfad.
Sie waren Alle hin, mit denen ich ihn sonst gewandelt! Aber
der steinerne Kaiser Karl der Große saß noch so wie sonst
auf seinem erhabenen Throne an der Wand des Münster-
thurmes, und sah hernieder wie er es gethan durch alle die
Jahrhunderte.
Wie er sich wundern muß, daß dicht vor den engen
Straßen, die den Thurm umgeben und in die nie ein
Sonnenstrahl hineindrang, sich jetzt die majestätische sonnen-
beschienene Brücke in Straßenbreite über die Wasser der
Limat spannt? Wie erstaunt er sein muß, über die pracht-
rolle Bahnhofsstraße, über den mächtigen Bahnhof und über
all den Dampf, der nicht wie zu seinen Zeiten in feinen
duftigen Wölkchen den Weihrauchbecken der Chorknaben
entsteigt, sondern riesigen Maschinen, welche die lebens-
lustigen Reisenden aus allen Welttheilen hinüberführen zu
seinem alten Zürich, zu den reizenden fluthumspülten schattigen
Gärten des Hauses Bauer am See, einem der anmuthigsten

=- FZ ==
Punkte diesseits der Alpen, an welchem die reiche Reise-
gesellschaft, aber eben auch nur diese, zu rasten gewohnt
und im Stande ist.
Von Zürich in bequemer halbstündiger Eisenbahnfahrt
hinauf nach dem Netliberg, den Blick auf den See und die
Alpen zu genießen. - Ein kurzes, eintägiges Verweilen an
dem Prachtquai des gastfreundlichen Luzern; ein paar Tage
in dem ernsthaften, in dem gebieterisch aussehenden, trotigen
Bern, dessen Münster mit seinem gewaltigen Unterbau sich
mit Ehren sehen lassen kann neben allen großartigsten Bau-
werken der neuen Zeit. Man sollte meinen, Eyklopen hätten
diese Steinmassen aufeinandergefügt, hätten sich die Riesen-
massen des Gebirges drüben zum Vorbilde genommen. Ein
mächtiges Denkmal des Mittelalters und der Kirche, in
ihrer ganzen Kraft und Großheit!
Und kraftvoll und aus dauernd sind sie auch die Strebe-
pfeiler, welche durch die Hauptstraßen der Stadt die Lauben
vor den Häusern stüten. Nur zu wandeln unter diesen
Lauben, oder gar zu wohnen in den düstern Räumen, die
sie überschatten, muß man nicht verpflichtet sein! Oberhalb
der Lauben, wo die Fenstersitze sich gegen die Straße öffnen,
wo auf rothen Polsterkissen hübsche Mädchen in den Nischen
bei der Arbeit weilen, sieht es freilich hübsch und südlich und
sogar ein wenig nach dem römischen Corso aus; aber es
ist mit den sehr alten Häusern doch ein mißlich Ding.
Denn wie sehr unser auf das Erhalten des Bestehenden,
des uns Werthgewordenen gerichteter Sinn sich auch dagegen
sträubt, es ist etwas Wahres in der Behauptung des nun
auch gestorbenen Amerikaners Hawthorne, daß ein Wohnhaus,
um gesund zu sein, nicht länger als hundert Jahre tehen
und erhalten bleiben dürfe.
So lachend Zürich, so tüchtig Bern sich darstellt, haben

=- Fß =
doch beide Städte neben der Schönheit ihrer neuen Stadttheile
noch ein gut Theil Straßen, Gäßchen, Winkel und Baulich-
keiten, in denen eine gesunde menschliche Existenz durchaus
nicht möglich ist; und solche bedenkliche Reste aus alten Zeiten
fehlen in keiner unserer Städte. Nicht bei uns in der noch
gar nicht alten Reichshauptstadt, nicht in Jena, nicht in Weimar,
in denen ich Häuser, Flure, Treppen gesehen zu haben mich
erinnere, in die nie ein Sonnenstrahl hineingedrungen sein
kann, und die gar kein Recht des Bestehens mehr haben in
einem Jahrhundert, das es erkennen gelernt hat wie sehr wir
Menschen Kinder des Lichts sind, wie wir nicht gedeihen
können ohne Licht und Luft.
Licht und Luft haben wir nun hier in Montreux, Vernex
und Clarens die Hülle und die Fülle, in diesem Jahre für die
Kranken sogar weit mehr frische und bewegte Luft als sie
begehren und gebrauchen können. Aber wie sind die drei
Ortschaften, die man unter dem Gesammtbegriff Montreux
zusammenfaßt, emporgekommen, seit ich sie vor zehn Jahren
verlassen habe!
Von Clarens bis hinter Veyteaux zieht sich die Reihe
der Häuser fast ununterbrochen am See entlang. Wo wir
im Herbst und Winter früher unterhalb Montreux bei unseren
Spaziergängen sorgfältig zu probiren pflegten, wo man gehen
und mit Sicherheit hintreten könne, folgt die feste, mit erhöhtem
gepflastertem und breitem Trottoir versehene Fahrstraße, schön
gehalten, dem Ufer ununterbrochen durch alle Ortschaften am
See; eine der schönsten Promenaden, die ich kenne. Von den
Höhen der Berge hat ein Verein von Aktionären vor etwa
sieben Jahren die reichen Wasserquellen der Avants in's Thal
hinabgeleitet, daß man an allen Ecken und Enden die Schläuche
einlegen und das Wasser in reicher Fülle zu Tage kommen
sieht. Die Wege, deren Staub in trocknen Zeiten früher eben

=- Z =
so lästig war, als ihre Zerfahrenheit in schlechter Jahreszeit,
werden reichlich gesprengt; in allen Häusern hat man des
Wassers im Neberfluß. Nach Charnex hinauf, das sonst zu
Wagen kaum zu erreichen war, ist eine neue breite Fahrstraße
angelegt, die durch die ganzen Bergzüge fortgesetzt werden
und eine bequeme Verbindung zwischen den sämmtlichen Ort-
schaften, bis hinauf zu den Avants herstellen sollen. Von
Montreux ist ein sehr pittoresker Spaziergang durch den
Chaudron nach Glion hinauf gebahnt worden; nur die Fahr-
straße nach Glion selbst, dem besuchtesten Orte auf der Höhe,
ist in ihrem oberen Theile noch eben so schlecht, noch eben so
steinig und so bedenklich schmal als vor zehn Jahren, so daß
es zu verwundern ist, wie keine Unglücksfälle auf derselben
vorgekommen sind.
Oben in Glion, in Charnex, auf den Avants sind neue
und sehr gute Gasthöfe entstanden, und unten in Clarens und
Vernex ist so vicl gebaut worden, daß mich bedünken will, es
müsse jetzt weit mehr Unterkommen für Fremde vorhanden sein,
als Fremde es zu benutzen. Namentlich unterhalb Clarens hat
ein Herr Vincent Dubochet, der Besitzer der Schlösser Chatelard
und des alten Chateau des Eretes, eine Colonie - um nicht
richtiger zu sagen einen Klumpen - von etwa zwanzig Villen
in den wunderlichsten, buntesten Stilarten erbaut, die auf das
Eleganteste in französischem Geschmack mit vollkommenem Haus-
rath ausgestattet, je nach ihrer Größe zu verhältnißmäßig
nicht zu hohen Preisen für den Winter oder für das ganze Jahr
zn vermiethen sind. Ein Haus mit Salon und Speisesaal, mit
vier herrschaftlichen und so und so viel Schlafzimmern für die
Dienerschaft, mit acht Tischgedecken, sechs Dutzenden Servietten,
mit Silber, pariser Lampen e. ., war z. B. nach Aussage des
Castellans für das halbe Jahr für 8500 Frcs. zu haben. Aber
einen drolligeren Anblick als diese durch kleine Gärten unter-

== Z! -=
brochene Häusermasse, zwischen dem Sce und dem augenblicklich
noch trocknen steinigen Flußbett, kann man sich kaum denken. Es
sieht aus, als hätte ein Gigantenkind eine Häuserschachtel ausge-
schüttet. Doch mag es sich in den einzelnen Villen recht behaglich
wohnen lassen, wie geschmacklos ihr Gesammtaussehen auch ist.
An Luxusmagazinen, an RemisenmitdenelegantestenWagen,
die jedoch recht theuer sind, ist jetzt hier Neberfluß vorhanden;
und wie ich vor zehn Jahren oft mit stillem Vergnügen beob-
achtet habe, was alles in dem einen kleinen Laden von Madame
Fabre zu haben war, die jetzt auch ein Hotel auf dem Höhen-
wege gebaut hat, in dem sie Pensionäre hält, so bin ich jetzt
gar häuufig mit Erstaunen vor den zahlreichen Magazinen stehen
geblieben, in denen für Kleidung, füür vollständige Wohnungs-
einrichtungen, wie für jede Art von Ansprüchen an Kost- und
Tafelsreuden, vorgesorgt ist wie in den größten Städten. Es
fehlt Nichts: nicht Kunsthandlung, nicht Buch- und Musikalien-
handlung; und wenn Vernex und Montreux mit allen diesen
Dingen auch am reichlichsten versorgt sind, so ist auch der
untere und landeinwärts gelegene Theil von Clarens nicht
zurückgeblieben, und man findet auch dorten Alles, was der
Fremde nöthig hat.
Ein stattliches Schulhaus, ein Krankenhaus sind neu er-
baut. Selbst in dem lieben, alten, winkligen Montreux, das
für Veränderungen in seinem Winkel unter dem Rigi Vaudois
am wenigsten geeignet ist,, hat man die Straße stellenweise
verbreitert, hat man - ud schwer genug - Raum gefunden
für ein neues, ganz resektables Stadthaus. Und das Alles
haben diese kleinen Gemeinden aus sich selbst erzeugt. Allein
für das auf dem oberen Wege nach Clarens sehr frei und
gesund gelegene Krankenhaus haben sie 9 000 Frcs. zusammen-
gebracht; und was ein gutes Zeugniß für die Eingeborenen
gibt, man hört auch jetzt wieder keine Klagen von den Fremden.

=- ZZ -=
Jeder ist in seinem Pensionshause, in seinem Gasthofe mehr
oder weniger zufrieden, Jeder kehrt in der Regel gern in
dasselbe Haus zurück. Felix Mendelssohn hatte wohl Recht
zu sagen, dieser Theil des Waadtlandes ist eines der anmuth-
vollsten Fleckchen Erde auf der Welt.
Am wenigsten verändert hat sich, wie gesagt, das alte Mon-
treux, das mir am meisten in das Herz gewachsen, und im
Winter weitaus für Kranke der wärmste und gesundeste von
all den Orten ist. Da kauern die Häuser sich noch wie sonst
unter dem Bergwinkel zusammen; da decken die altdeutschen
berner Dächer noch die alten Häuser; da blitten noch die alten,
blanken Kugeln auf den das Dach überragenden Zinken; und
unter dem Bogen der hochgelegenen Brücke strömt zwischen den
üppig bewachsenen Felsenmassen noch wie sonst die Baye von
Montreut in den See hinunter. Alles ist dort so wie sonst,
und das ist so schön, das thut so wohl in all. dem Wechsel um
uns her, wenn wir ihn auch zu loben haben.
Heute wie vor zehn Jahren um diese Zeit sammeln sich
die letzten Züge der von Norden kommenden Schwalben zu
ihrem Zug gen Süden. Die Bergamasken steigen wieder
mit den Scharen ihrer großköpfgen Schafe von den Bergen
herab, und seit der Schnee die Gipfel des Dent de Jamand,
der Rochers de Naye und des Kübli wieder bedeckt, hören
wir auch wieder das Läuten der Herden, die, von den
Matten in ihre Stallungen zurückgekommen, oben vor dem
alten Hause Visinand an dem großen zweiröhrigen Brunnen
Abends zur Tränke gehen. Dazu teht die bleiche Sichel
des Neumonds über dem Grammont; die in purpurner
Flammenglut hinter dem Jura versinkende Sonne spiegelt sich
in dem tiefblauen Wasser wie eine Feuersäule und macht
die schneeigen Gipfel des Dent du Midi mit hellrothem
Scheine in prachtvollen Wiederschein erglühen. Ganze

==- ZZ -
Schwärme von schimmernden Silbertauchern fliegen hin und
wieder, bis hinein in die Gärten, in denen, trotz des
Wetters verhältnißmäßiger Rauhheit, noch die Rosen und die
Daturen, der Laurus und die feuerrothe Silvia splendente
blühen. Die auf dem See in Naturfreiheit heimischen
Schwäne klatschen in einer Reihe hintereinander in niedrigem
Fluge dicht über dem Wasser hinstreichend, mit ihren mächtigen
Flügeln das Wasser, daß man ein Dampfschiff kommen zu
hören glaubt. Es ist das alles in der Natur wie es vor
Jahren war; und wir gewöhnen uns, auf ihr Bestehen und
auf ihre strenge Regelmäßigkeit so zuversichtlich zu vertrauen,
als hätten nicht vorgestern in der Morgenfrühe uns Erdstöße
aus dem Schlaf geweckt, die alle Telegraphen des Hauses
in hellem Klingen laut ertönen machten. Aber das war ein
flüchtiger Moment, und wir haben es nöthig, solche Störungen
zu vergessen. Wir haben es nöthig, uns zu sagen: die
Sonne geht morgen auf! Die Sterne ziehen ihre stille Bahn,
die Schwalben werden wiederkehren. Wenn der Herbst vor-
über und der Winter vorüber sein wird, kommt Alles mit
dem Frühling wieder! ,Nur der Mensch, wenn er hingeht,
der kommt nicht zurück!r?
Und wieder ist Einer hingegangen, der nicht wieder-
kehrt! Man bringt mir die Zeitung in das Zimmer:
Eduard Devrient ist todt. Er war der Letzte der drei Brüder:
ein edler Mensch, ein hochgebildeter Mann, ein feiner Künstler,
ein tüchtiger Schriftsteller, der in sich die Kunst in Ehren
hielt und ehren zu machen wußte.
Es sind volle fünfundvierzig Jahre her, daß ich bei meinem
ersten Aufenthalte in Berlin ihn auf der Berliner Bühne, ich
glaube zum ersten Male als Correggio, sah. Lemm spielte
den Michel Angelo. Es war die große Zeit des Berliner
Theaters. Später habe ich ihn noch oft gesehen. Als Saladin

==- F -
neben der Erelinger, welche die Sittah spielte; als lavigo
mit Charlotte von Hagen als Marie, mit Seydelmann als
Carlos; als Richard Savage, während die Erelinger die Lady
Maxwell machte; und ganz unübertrefflich als Riccault de la
Marliniöre.
Er hatte nicht das schöne Aeußere von Emil, nicht dessen
klangvolles Organ. Seine Gestalt war schmächtig, sein Auge
nicht eben groß und lebhaft, seine Simme nicht eben stark.
Aber wo seine Mittel seiner Aufgabe entsprachen, wußte er
jene mit sicherem Verstande zu gebrauchen, und diese sehr klar
und sehr bestimmt zu lösen. Für einen Saladin war er
namentlich neben der Erelinger nicht heroisch und nicht feurig
genug; aber den Clavigo konnte man sich kaum anders denken,
wenn man ihn in der Rolle einmal gesehen hatte; und eben
so war es mit dem Riccault. Dabei las er ganz vortrefflich,
ohne Profession davon zu machen; und ich denke mit Vergnügen
an die Art und Weise zurück, in welcher ich ihn zu verschiedenen
Malen im Kreise einer ihm befreundeten Familie, einzelne
dramatische Werke und ihre Aufführung in mündlichemGespräche
kritisiren hörte. Alles war dabei klar, gemessen, überzeugend.
Sein Urtheil war bestimmt, ohne deshalb hart zu sein. Man
fühlte, er hielt etwas auf sich, und er erwartete auch Anerkennung
von den Anderen. Das gab ihm, da er verhältnißmäßig
langsam sprach, einen leichten Anflug von Pedanterie; aber
Jeder, der ihn auf der Bühne gesehen oder ihn im Leben
gekannt hat, wird seiner und der Zeit, in welcher er dem
Berliner Theater angehörte, mit erhebenden Erinnerungen
gern gedenken.

Kapitel 07

=- IJ -
ieüenfer Vrief.
Ulnterwegs.
Florenz, den 1Sten Oktober 18?.
Tungarno lella Zeeea Kseebis.
Ich schrieb Ihnen neulich, daß man es jettt schwer habe,
wenn man aus der Ferne den Freunden in der Heimat etwas
Neues mitzutheilen wüünsche. Dafür aber hat man den Vor-
theil, daß man sich, so lange man unterwegs ist, kurz fassen
kann, weil so viele Leute einmal des gleichen Weges gegangen
sind, und der Telegramm-Stil, diese kurzathmige Erfindung
unserer Zeit, dafür vollkommen ausreicht. Ist man nachher
an Ort und Stelle, kommt man wieder zur Einkehr in sich
selber, so hat man dann seine doppelte Genugthuung daran,
sich in Ruhe ruhig ausdrücken und mit seinen entfernten
Freunden in einen verständigen Zusammenhang seten zu
können.
In acht Stunden von Montreux nach Chambery, mit
immer wiederholtem Wagenwechsel, mit einer jener Zoll-
visitationen in Bellegarde, an der französischen Grenze, die
mehr als jemals zu unnützen Quälereien geworden sind, da
Niemand daran denken kann, das ganze Gepäck der Hunderte
von Reisenden, welche mit einem Courierzuge herangebraust
kommen, in Wirklichkeit zu untersuchen. Es lief also auch in
diesem Falle nur auf ein paar in der Eile zerbrochene Koffer
und Schlösser hinaus, und am andern Tage bei der italienischen
Zollvisitation in Modane war es ganz genau dasselbe. Das
sämmtliche Gepäck der Reisenden erlitt ein Besehen, bei welchem
gar Nichts besehen wurde. Nur die Blumensträuße, welche
Freunde mir zahlreich von Montreux auf den Weg mitgegeben

== F -
und von denen meine Dienerin noch einige in Händen hatte,
beanstandete ein junger Zollbeamter, weil ,die Einfuhr von
Blumenbouquets verboten sei'. Ein älterer Kollege des ge-
wissenhaften Jünglings kam mir jedoch zu Hülfe, und meine
letzten Schweizer Sträuße sind glücklich hier gelandet in der
Stadt der Blumen, in Florenz.'
Am Spätabend des ersten Reisetages, in herrlichem Mond-
schein vorüber an dem wellenschlagenden Wasser des Sees von
Bourget. In Chambery im Hotel de France zehn Grad Wärme
in den Stuben, daß man das Feuer die ganze Nacht zu unter-
halten hatte, um aus dem Zimmer nur einigermaßen die
dumpfe Eiseskälte auszutreiben; und es waren gleichzeitig mit
mir verschiedene Kranke angekommen, Brustleidende, die den
Süden aufsuchen und nach Mentone und St. Remo gehen
sollten. Wenn die Aerzte es nur bedenken wollten, welchen
Gefahren und Unbequemlichkeiten namentlich die Nichtbegüterten
und die alleinreisenden Kranken unterwegs ausgesetzt sind!
Sie behielten ein gut Theil derselben wahrscheinlich zu Hause.
Und wenn sie andererseits beobachten könnten, wie Brustkranke
z. B. am Genfer See oftmals an klaren, aber kalten und
windigen Tagen die halben Tage auf dem Wasser, die Mte
selber rudernd, zubringen; wie bei den Traubenkuren pfund-
weise so saure Trauben gegessen werden, daß der Magen eines
gesunden Menschen der Säure kaum widerstehen könnte -
sie würden noch schlechter von der gesunden Vernunft ihrer
Patienten denken, als sie es jett schon in der Regel thun.
Es wird viel gesündigt von den Aerzten so wie von den
Kranken!
In Chambery am frühen Morgen ein Spaziergang durch
die Stadt. Sie ist ansehnlich und stattlich. Breite Straßen,
herrschaftliche Wohnhäuser, ein schönes Stadthaus. Aus den
alten Festungsmauernist eine mit mächtigen Bäumen bestandene

Ringstraße gemacht worden. Ein Markt, welcher in derselben
abgehalten und auf welchem Lebensmittel, Hausrath, Kleidungs-
stücke zu sehr billigen Preisen feilgeboten wurden, brachte viel
Leben und Bewegung hinein.
Mitten in diesen Boulevards erhebt sich in derRue deBoigne
das Denkmal des 18 verstorbenen Generals Boigne. Wie das
vortreffliche Handbuch von GsellFels uns lehrt, welches im
Verein mit Bädecker und- Murray der reisenden Menschheit
zu einem so schönen, gemeinsamen und gleichmäßigen Wissen
verhilst, daß man einander unterwegs nicht eben viel zu sagen
und kaum Jemand um Etwas zu fragen hat, weil. Alle ziemlich
dasselbe wissen und glauben - wie also GselFels uns lehrt,
hat General Boigne in Indien sich ein großes Vermögen er-
worben, von dem er einen beträchtlichen Theil seiner Vater-
stadt zu wohlthätigen Zwecken hinterlassen hat. Diese hat ihm
zum Dank dafür ein Denkmal aufgerichtet, das an Absonder-
lichkeit, soweit ich Denkmale kenne, nicht seines Gleichen, und
an Häßlichkeit nur Eines zum Nebenbuhler hat. Wo dieses
Letztere aber steht, ,das verschweigt des Sängers Höflichkeit'
aus Vaterlandsliebe.
Das Denkmal des Generals Boigne hat als Unterbau
einen großen Sockel von weißem Marmor. Auf allen seinen
vier Seiten sind thorartige Nischen eingemeißelt, und jede die-
ser Nischen ist ausgefüllt mit dem Körper eines bronzenen
Elephanten, dessen halber Leib aus der Nische in ganzer
Kolossalität hervortritt. Was ist das ? Ist das ein Elephanten-
Stall? fragt man sich unwillkürlich. Denn als Träger des
Blockes können diese vier Riesenthiere unmöglich gelten, da
sie nach den vier verschiedenen Himmelsgegenden hinausmar-
schiren zu wollen scheinen. Neber dem Block erhebt sich der
Stamm eines mächtigen Palmbaumes, und oben, wo sich die
Krone desselben mit ihren Blättern entfalten müßte, trägt

=- IF -
dieser Palmbaum eine Galerie, in deren und über deren
Eisengitter die Statue des Generals in militärischer Kleidung
und parademäßiger Haltung hoch hervorragt. Man kann
sich kaum einen überraschenderen Anblick denken. Das Stand-
bild gehört wirklich in die barocken Gebilde der Villa Pala-
gonia hinein.
Von Chambery in immer romantischerer Umgebung, von
Tunnel zu Tunnel, durch das graue Felsgestein des Gebirges
nach Jtalien.
An allen vier Seitenwänden der Eisenbahnwagen war in
italienischer, französischer und englischer Sprache eine Mit-
theilung der Regierung oder der Bahnverwaltung angeschlagen.
Sie besagte, daß seit dem 1ten Januar dieses Jahres Repara-
turen in dem größten Tunnel, dem Tunnel von Col de Frejus,
nöthig geworden wären. Zu diesem Zwecke habe man Gerüste
an verschiedenen Stellen aufschlagen müssen, und habe man
Sprengungen nöthig. Die italienischen, englischen und fran-
zösischen Reisenden werden also in ihren Muttersprachen drin-
gend gewarnt, nicht ihre Köpfe oder Arme zu den Wagen-
fenstern hinauszustrecken, und freundlich gebeten, sich nicht zu
erschrecken, wenn sie Schüsse hören sollten, sondern ruhig auf
ihren Plätzen siten zu bleiben. Das fand ich sehr rücksichtsoll
für die drei Nationen, die sich vorzugsweise die KulturNationen
zu nennen belieben. Aber ich war eben daran, es Unrecht
zu nennen, daß wir Deutschen und die anderen Barbaren-
völker uns nach Gefallen den Hals brechen und erschrecken
sollten, als mir noch glücklicher Weise einfiel, wie man ja
überall und überall sich darauf verläßt, daß unsere gute Er-
ziehung uns Deutsche mit vielseitiger Sprachkenntniß auszu-
rüsten pflegt. Denn es ist sehr selten einmal der Fall, daß
man in Gasthäusern, in Bahnhöfen, oder wo es immer sei,
die Mittheilungen, welche man den Leuten zu machen hat, in

=== Z -
deutscher Sprache ausgedrückt findet; und doch war zum Bei-
spiel in diesem Jahre in der Schweiz die Zahl der deutschen
Reisenden, wie mir schien, eine überwiegend große. Da es
aber immer verständig ist, sich Alles zum Guten auszulegen,
und sich nicht gekränkt zu glauben, wo man sich mit etwas
gutem Willen geschmeichelt fühlen kann, so freue ich mich des
schönen Zutrauens, das man in uns sett, und freute mich
auch, als wir aus dem Dunkel des Tunnels zum Licht des
Tages hinauskamen, das sich freilich - es war gegen den
Abend hin - inzwischen etwas verdunkelt hatte.
Es war ein heftiger Südwind aufgekommen. Er trieb
die Wolken um den Gipfel des Berges rasch zusammen.
Als wir vor zehn Jahren über den Mont Cenis von Jtalien
heimkehrten, geschah es in brodelndem Regen, in einem Post-
wagen, den vierzehn Maulthiere mit Schellengeklingel über
due viclgewundenen Bergesfade führten. Jetzt brausten wir
im raschen Zuge vorwärts, durch den starrenden Fels. Die
einzelnen kleinen Häuser, die kleinen Ortschaften, die sich mit
den Steinbelegen ihrer flachen Dächer wenig von dem Felsen
unterscheiden, machten denselben Eindruck der Welt-
abgeschiedenheit wie vordem auch neben der Eisenbahn.
Von einer Höhe, auf welcher eine kleine Kirche lag, stieg
ein Priester hinab, das Abendmahl zu einem Kranken, einem
Sterbenden zu tragen. Der Weg war steil, den er zu gehen
hatte. Er war ein bejahrter Mann. Sein langes, weißes
Haar flatterte unter dem Barett im Winde. Das Kreuz,
das man ihm vorantrug, leuchtete in dem gelblichen Scheine
der unter Wolken niedergehenden Sonne. Es war ein
rührendes Bild!
In solcher Einsamkeit, vor solchen Hütten, in denen
man sich nicht mit dem philosophischen Wissen eines David
Strauß, nicht wie dieser mit Goethe und mit Beethoven das

==- F( -=
verzagende Herz zu erheben vermag, da muß man das Kreuz
vor dem trostbringenden Priester einhertragen sehen, um es
sich ernstlich zu Gemüth zu führen, daß es nicht wohlgethan
ist, ein positives, noch für Millionen von Menschen wirksames
und erhebendes geistiges Element vorzeitig anzutasten, so
lange man nicht ein für die ganze Gesammtheit eben so
wirkames Mittel der halt - und hoffnunggebenden Tröstung
an die Stelle zu setzen vermag. In Zeiten, in welchen wir
darauf mit geforderter Wachsamkeit halten, daß Niemand zu
glauben genöthigt werde, was er nicht glauben kann und
will, muß man, wie mich dünkt, doppelt vorsichtig sein,
Jemanden zum Nichtglauben zu veranlassen, der im Glauben
noch die geringste Befriedigung zu empfinden vermag. Und
wie ich hier an dem trüben Abende in dem sturmdurchtönten
Gebirge den Priester gelassen seines Weges wandeln sah, fiel
mir das Wort von Dubois -Reymond ein: ,Trösten Sie
einmal in einem Krankenhause einen Saal voll krebskranker
Frauen mit Beethoven und mit Goethe!r Aus dem Munde
eines solchen Mannes aber hatte der warnende Ausruf ein
doppeltes Gewicht.
Am Morgen heller Somnenschein über Berg und Thal.
Kastanienbäume, Eypressen und auch schon Pinien an allen
den Castellen auf den Höhen, in den Mazzarien am Wege.
Ortschaft rasch der Ortschaft folgend, bis wir um acht Ühr
Morgens den Bahnhof des sonnigen Florenz erreichten, und
eine halbe Stunde später der Wagen mich glücklich am
Lungarno landete, in der Pension Luchesi, in welcher ich mir
meine Wohnung während meines Aufenthaltes in Florenz
bestellt hatte.
Aber wie schön ist dieses Florenz! Seit einer Stunde
sitze ich jetzt wieder im Abendglanz in meinem Zimmer und
sehe still hinaus, mich an der Fülle der Schönheit zu ergöthen,

== Z! -
die hier der Rahmen eines allerdings sehr hohen und sehr
breiten Fensters in sich schließt.
Unten rieselt über dem Geröll des breiten Flußbettes das
jett nur spärlich zuströmende Wasser des Arno langsam hin,
während von dem Wehr zur Linken das Rauschen leise bis
zu mir hinüber tönt. Jenseits an dem andern Ufer dehnt
sich die neugebaute Kaistraße mit ihren Magazinen im Erd-
geschoß, mit den für die Bedürfnisse unserer Zeit eingerichteten
wohnlichen Häusern bis zu dem alten Thorbau aus; und
hinter ihnen erhebt sich ein Theil der schönformigen Hügelkette,
welche die Stadt in weitem Kreise schirmend umgibt, ohne sie
beengend einzuschließen.
Auf ihrer Höhe zieht sich die Via de Renai hin, an welcher
die Villa von Caroline Ungher - Sabatier gelegen ist. Auus -
dem silbern schimmernden Grün der Llivenbäume sahen die
Villen mit ihren fachen Däcern hell hervor. Hohe schlanke
Eypressen, eine prachtvolle Ceder, inmnergrüne Eichen heben
sich mit ihrer kräftigeren Farbe gegen das mattere Graugrün
der Olive ab. Eine alte, halbversteckte Kirche, deren viereckiger
Thurm aus dem Grün hervorsieht und dessen Glocken zu mir
hinüberklingen, ein paar rothbraune krenelirte Thürme von den
alten Festungsmauern, nicht eben fern davon, schließen das
Bild zur Rechten ab.
Wende ich das Auge nach der anderen Seite, so trifft es
auf der Höhe die Langseite der Kirche von San Miniato.
Der Cypressenhain ihres Friedhofes entzieht mir den Anblick
der marmornen, doppelfarbigen Faeade. Dafür aber sehe ich
die ganze Weitung des MichelAngelo-Platzes an dem neuen
Wege, der Viale dei Colli, die über die Höhen um die Stadt
zur schönsten Spazierfahrt angelegt ist. Eine schön gegliederte
Terrasse leitet vom Ufer, neben dem uralten, vereinzelt da-
stehenden Stadtthore beginnend, zu dem Michel-Angelo-Platte
F. Le w ald, Reisebriefe.

Kapitel 08

=== ZZ -=
in gelinder Steigung beguem hinan, und oben über der
Balustrade, die den Plat umgibt, richtet sich, schlank und
gebietend, gegen den klaren Abendhimmel die mächtige Gestalt
von MichelAngelo's David auf, in und mit welcher man dem
Meister in fein gefühlter Huldigung sein Denkmal aufgerichtet
hat. Denn wer oder was kömnte ihn mehr ehren, als sein
eigenes großes Werk?
Es ist ein Zusammenwirken von Natur und Kunst, von
Landschaft und Architektur, das eben so lieblich als erhaben,
eben so schlicht als historisch bedeutend ist, und das zu betrachten
ich alle diese Tage nicht müde geworden bin: sei es, daß die
Pracht des Sonnenunterganges ihren Farbenzauber darüber
ausgoß, oder daß der helle Mondschein, der uns hier stets
geleuchtet, die Gegend in seine duftigen Schleier hüllte und
die hoffende Sehnsucht nach dem klaren Licht des nächsten
Morgens anregt.
NKf= ss-s
E l.UUuue1 E0t1kßi
Aus Llorenz.
Den 19. Oktober lr?.
Als wir vor elf Jahren nach Florenz kamen, war es die
Hauptstadt des neugeeinigten Jtaliens geworden. Man feierte
mit großer Erleuchtung der Stadt die Einverleibung Venedigs
in das Reich; und gegen das stille, in sich abgeschlossene Florenz,
der toskanischen Großherzöge erschien uns die Stadt in ihrem
geräuschvollen Leben und Treiben völlig fremd. Jett kommt
sie mir wesentlich stiller vor als bei unserem letten dortigen
Besuche, und doch waren wir damals genau an demselben

==- ZZ -
Zeitpunkt des Jahres in Florenz, in welchem wir uns jetzt
befinden. Die Nebersiedelung der Regierung, des königlichen
Hofes nach Rom, die natürliche Erhebung Roms zur Hauptstadt
des Reiches, haben Florenz wieder stiller und einsamer gemacht,
ohne ihm deshalb seinen früheren sanften Charakter völlig
wiederzugeben.
Auch klagen die Leute, daß die Geschäfte darnieder liegen,
was sie freilich überall' thun, daß der Preis der Miethen, der
Werth der Häuser um mehr als ein Drittel gesunken sei Aber
sie sagen sich nicht, was wir uns auch in Deutschland zu sagen
alle Ursache hätten, daß Zeiten eines großen augenblicklichen
Aufschwunges für die Phantasie etwas Berauschendes haben,
daß dieser Rausch die Menschen sammt und sonders zu,hoff-
nuungsvollen Thoren'' macht, daß die Ernüchterung aus einem
solchen Rausche immer unbehaglich ist und überwunden sein will.
In Florenz hat man, wie mir scheint, viel, wohl über
das Bedürfniß hinaus, gebaut. Man baut noch immer, und so
sind denn die Wohnungspreise selbst guter neuer Häuser im
Vergleich zu den unseren in Berlin jett in der That gering.
Aber in einem italienischen Hause zu wohnen, auch unter den
Bedingungen eines italienischen Klimas, ist für deutsche Haus-
frauen gewiß nicht leicht, wie denn das Akklimatisiren überall
eine schwere Sache ist. Aufgefallen ist mir's, daß man in
Florenz jetzt mehr als je zuvor von Almosen Begehrenden
angesprochen wird, daß die Kutscher der Fiaker mir ein paar
Mal, als ich an ihnen vorüberging, mit einem Zvruf ihr
Gefährt unter dem Tarifpreise angeboten haben, was mir
bisher nie und nirgend begegnet ist; und daß die Zahl der
freundlichen Blumen-Verkäuferinnen, die ihre Sträuße gleichsam
wie Geschenke anzubieten pflegten, sehr abgenommen hat. Indeß
anmuthig ist Florenz doch immer noch wie sonst.
Der großartige mittelalterige Hintergrund, gegen den die

=- HHg -
Lieblichkeit der Gegenwart freundlich absticht, wie die Feder-
nelken und der Goldlack, die mit Epheu durchzogen von den
Mauern alter Schlösser uns entgegen lächeln, gibt Florenz
einen durchaus romantischen Reiz; und wenn wir die herbe
Art und Weise unseres Volkes gegen die Freundlichkeit der
heißblütigeren Florentiner vergleichen, so wünscht man auch
unserem Norden ein gut Theil mehr von jener weichern Luft
und von jener mildern Sonne, welche die Sitten angenehm
machen, wie sie die Kraft der Leidenschaft auch steigern mögen.
Was können Sie einem Menschen Unfreundliches sagen, den
Sie, wie ich heute einen Diener des Hotels, wegen einer wieder-
holten Versäumniß tadeln, wenn er Ihnen darnach freundlich
und bescheiden die Antwort gibt: ,Sie haben Recht, es thut
mir leid !r Eine ganze nordische Stadt mit all ihren großen
und kleinen Gasthöfen könnte man, glaube ich, durchwandern,
ohne einer solchen Entschuldigung zu begegnen.
Daneben denke hier ich oftmals darüber nach, was wir
eigentlich damit meinen, wenn wir von den Künsten sprechen,
die des Friedens zu ihrem Gedeihen bedürfen; während doch
all' das Große, das Unvergleichliche, das wir hier bewundernd
anstaunen, in den Zeiten der wildesten Parteikämpfe, in
Tagen hervorgegangen ist, in welchen Jtalien fortdauernd von
dem Hereinbrechen fremder Kriegsheere bedroht war und die
Bürger selten einmal dazu kamen, das Schwert von der Hüfte
abzuthun, oder mit Zuversicht auf eine noch so kurze Zeit des
Friedens und der Ruhe rechnen zu können. Eben so auffallend
erscheint mir der Umstand, daß jene kriegerische Gegenwart,
daß alle jene Kämpfe innerhalb der Städte, auf das Schaffen
der damaligen Künstler so wenig Einfluß gehabt haben, daß
man im Verhältniß zu den zahlreichen Schlachtbildern, welche
unsere Ausstellungen uns darbieten, ungemein wenig Bilder
aus jenen Tagen findet, in welchen kriegerische Scenen, Kampf-

= FH -=
scenen, dargestellt worden sind, oder in welchen die schlachten-
schlagenden Sieger die Verherrlichung ihrer Erfolge auf die
Nachwelt zu bringen bemüht gewesen wären. Und jene Kämpfe
waren doch so viel malerischer als die gegenwärtigen Schlachten!
Ich frage mich, ohne eine mir genügende Antwort darauf
zu finden: War jenen Künstlern der Kampf etwas so Gewohntes,
daß sie ihn nicht als ein besonderes Ungemach empfanden,
daß er auf ihre Phantasie gar keinen Eindruck machte, daß er
sie im Schaffen nicht mehr störte? Oder war selbst in der
Seele dieser, dem Sinnenleben doch leidenschaftlich zugewandten
Männer, die Erfüllung durch die Vorstellungen des christlichen
Kultus so überwiegend, daß sie immer und immer wieder zu
der Darstellung eben der biblischen Vorwürfe zurückgekehrt
sind? Freilich, der Künstler hatte damals, so wie immer und
wie jett auch, nicht nur sich selber zu genügen, er hing von
dem Auftrag des Bestellers ab. Aber woher kam es, daß
z. B. die siegreichen Medicäer nach der überwundenen Ver-
schwörung der Pazzi nicht darauf verfielen, die Ermordung
Julian's im Dom, oder irgend etwas der Art darstellen zu
lassen? daß sie eben so wie ihre Gegner sich damit begnügten,
ihre Triumphe in symbolischer Gestalt verherrlichen zu lassen?
Daß sie zum Zeichen ihrer wiedergewonnenen Herrschaft über
dieRepublik denBenwenuto'schenPerseus mit dem abgeschlagenen
Haupte der Medusa vor den Augen der Besiegten aufstellen
ließen, und nicht, wie es in unseren Tagen wahrscheinlich ge-
schehen sein würde, das Bild des Siegers? Eine psychologische
oder eine in der damaligen Kultur wurzelnde Ursache hat diese
Erscheinung ganz gewiß, ich aber vermag sie nicht zu finden.
Wenn man übrigens wieder einmal die Galerie der Uffizien
oder die Prachtsäle des Palazzo Pitti durchwandert und sich
an den Werken der großen Meister die Seele erhoben hat,
in deren Namen süch der Inbegriff des höchsten künstlerischen

=- Zs ==
Vermögens verkörpert, so hat man daneben über das große,
allgemeine Können ihrer künstlerischen Zeitgenossen fast noch
mehr zu erstaunen, als über die größten Genien selber. Vor
Allem ist ihnen eine zwingende Glaubwürdigkeit wie eine
Gesammtbegabung eigen.
Während ich in den Uffizien nach einem der hinteren Säle
ging, die kleine, das Kind anbetende Madonna von Correggio
zu suchen, welche man zum Zwecke des Kopirens von ihrem
Platze genommen hatte, fielen mir zwei zusammengehörige
Bilder von Ghirlandajo aus dem Leben des heiligen Zenobius
auf, von dem Sie wahrscheinlich eben so wenig wissen als ich,
und die also um ihres Gegenstandes willen nicht anziehen
komnten. Sie waren beide etwas hart in der Farbe, aber dafür
von großer Tiefe derselben. Das eine stellte die Grabtragung
des Heiligen dar. Eine Grabtragung, wie man sie mit dem
von bunten, brokatenen Decken überhängten Sarge, mit den
geistlichen Grabträgern in festlichen Ornaten auch heute noch
in katholischen Ländern sehen kann. Die Gestalten waren,
wie mich dünkt, kaum zwei Fuß hoch. In den Männern, welche
die Leiche tragen, spricht sich keine besondere Hingebung oder
Vertiefung an und in ihr Thun aus; aber es ist ein Leben
und ein Ausdruck in allen diesen Köpfen, ein so persönliches,
charaktervolles Wesen in jedem einzelnen derselben, daß jeder
dem Betrachter so zuverlässig wahr, so zweifellos glaubwürdig
erscheint wie das Dasein des Nachbars, den man seit langen
Jahren kennt. Man fühlt sich überzeugt, gerade so und nicht
anders habe eben dieser Mann sich in jenem Augenblicke nach
einem Vorübergehenden umgesehen, gerade so habe der Andere,
mit sich selbst und mit seinen Gedanken beschäftigt, das Haupt
gesenkt. Man vergißt es, daß ein Maler diese Leute einst
zum Behuf des Malens vor sich hingestellt, daß man ein Ge-
mälde vor Augen hat. Man meint den an sich nicht eben

===- F? ==
anziehenden Vorgang zu erleben. Es ist die Wahrheit, der
Realismus, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, der uns feselt
und gewinnt; aber freilich der durch die Kunst verklärte
Realismus, ohne welche Verklärung die Kunst keine Kunst
mehr ist, sondern sich mit mühsamer Arbeit unter das Ver-
mnögen der Daguerre'schen Maschine stellt, die doch wenigstens
auf ihre Leistung nicht so viel Zeit verwendet und unver-
antwortlicher als die Menschen das Unschöne hervorbringt.
Und eben so wie mit der edlen Glaubwürdigkeit jener
genrehaften Heiligengeschichten von Ghirlandajo ist es mit der
zweifellosen Glaubwürdigkeit der Portraits, für die ich eine
besondere Vorliebe habe, weil ja in jedem ein Menschenleben
sich für uns wiederspiegelt. Es sind lauter Offenbarungen
aus ferner Zeit, ans Licht hervortretend und Licht über die
Vergangenheit verbreitend. Ich habe mir ihrer - und nicht
nur von den größten Meistern - ein gut Theil angesehen.
Da ist z. B. im Venussaale Nr. 18 von Federnigo Zuc-
caro das Bildniß des Guidobaldo di Monte Felice. Ein
Mann in schwarzem Wamms mit rothen Aermeln. Ein
schmales, viel durchfurchtes, längliches Gesicht mit schwarzem
Krauskopf, schwarzem krausem Spitzbart, etwas gesenkten
Hauptes, zwei große Hunde neben ch. Da ist Nr. 858 die
Bella Simonetta von Botticelli, das Profilbild einer nichts
weniger als schönen Frau. Nr. 5 von Aurelio Luini eine
andere eben so wenig schöne Frau in schwarzem, schlichtem
Kleide, in schwarzem Schleier, mager bei entblößtem, mit
verschlungenen Goldketten geschmücktem Halse, strengen An-
gesichts, mit schönen Händen - und man kommt mit dem
Auge von diesen Bildern gar nicht los, während es nicht die
Schönheit, sondern die bloße Wahrhaftigkeit ihrer Erscheinung
ist, die uns an sie fesselt. Man fragt sich: Wo habe ich die-
ses Gesicht gesehen? Denn ich kenne es von Alters. So wie

==- FZ =
diese Menschen uns von der Kunst vorgestellt werden, sind sie
uns sofort vertraut. Wir lassen sie uns gefallen, wie sie sind,
wir verlangen sie gar nicht schöner, gar nicht anders. Denke
ich dann, vor diesen Bildern stehend, an die Portraitmaler
in unserer Zeit, so glaube ich, unsere persönliche Eitelkeit er-
schwert es ihnen oftmals, so gute ehrliche Bilder zu machen,
wie die alten Meister es thaten. Wir wollen Alle, der Eine -
mehr, der Andere weniger, von dem Maler so wie wir
selber uns erscheinen und denken, also in einem Idealbilde
auf die Leinwand gebracht werden. Damit zwingen wir den
Maler, sein richtigeres Sehen unserer Selbstgefälligkeit zu
opfern, und so entstehen Bilder, an welche die Originale der-
selben mit Behagen denken, an die aber die Nachwelt schwer-
lich so unbedingten Glauben haben wird, als wir an die Bilder
der Altvordern, an der alten Meister Werke.
Bettina von Arnim sagte einmal zu mir, von den Gestalten
eines damals viel besprochenen Romanes redend, den sie nicht
gelten lassen wollte: ,Wissen Sie denn noch Etwas von den
Kerlen? Erdichtete Figuren, die ich nicht wider meinen Willen
so sicher im Gedächtniß behalten muß, wie das Gesicht der
Nachbarn, aus denen ich mir vielleicht gar Nichts gemacht habe,
die sind auch Nichts werth, und das ganze Gesindel aus dem
Roman hab ich lange schon vergessen!r
Ich glaube diesen Ausspruch kann man umgekehrt, als
beweisführendes Urtheil für die Portraitbilder der alten Meister
anwenden. Man vergißt sie nie, und sieht man sie nach langen
Jahren wieder, so ist es mit der Freude, mit welcher man alte
Freunde begrüßt, die sich wohl erhalten haben.
Es kommt für Jeden, dem ein längeres Leben beschieden
ist, die Zeit, in welcher er nur in dem Todten, oder soll ich
es nennen in dem ewig Lebenden, in der Kunst und ihren
Werken, ein Altgeliebtes unwerändert wiederzusehen hoffen darf.

Kapitel 09

=== Zß -
Auch in Rom, wohin ich morgen aufzubrechen denke, werde
ich sie nicht wiederfinden die Genossen meiner jungen Jahre,
ihn nicht neben mir sehen, den theuren Mann, der mit seinem
Werke für so Viele der begeisterte und begeisternde Führer durch
das von ihm geliebte Land, durch die von ihm so geliebte
ewige Stadt gewesen ist, der mir Rom einst zu der Heimat
meines Herzens machte.
Aber die großen Gebilde der Kunst werden noch dort stehen,
wie das Auge Winckelmann's und Goethe's sie erschaut! Und
die Sonne, die ihnen einst geleuchtet - und auch uns geleuchtet
in glückseliger Zeit - wird wiederscheinen so wie sonst über
die Stadt der Städte, über das heilige Rom, das wiederzusehen
ich mit zagendem Bangen immer lebhafter ersehne, je mehr ich
dem geweihten Boden jetzt mich nahe!
onnko sus
Fiuüsu- =e==s-
Wieder in Ro m.
Kötsl Kolaro Kis Gregorians,
den . November 17?.
Volle fünf Wochen bin ich jetzt zum dritten Male wieder
hier in Rom, und obschon es mir so vertraut ist, als wäre
es meine Heimat, bin ich noch an jedem Tage unter dem sich
immer wieder erneuernden, unter dem überwältigenden Eindruck
der Erhabenheit, der Herrlichkeit, der Schönheit, die mich hier
umgeben.
Fast elf Jahre ist es her, seit ich im Frühjahr von Acht-
zehnhundertsiebenundsechszig Rom verlassen habe, und als ich
jett wieder auf der Höhe des Monte Pincio stehend hinab-
schaute auf die Stadt zu meinen Füßen und in das Land

-- Z( -==
hinaus bis zu den fernen Punkten, an welchen die schönen
Züge des Gebirges dem Auge seine Schranke ziehen, da war
mir's, als hätte ich mich nie von Rom entfernt, als wäre ich
alle die Zeit hindurch immer nur in Rom gewesen. Und doch
empfand ich das Glück des Wiedersehens, doch klangen mir,
nur mit noch verstärkter Empfindung wie vor elf Jahren, die
Worte Goethe's in der Seele:
Das Wiedersehn ist froh, das Scheiden schwer,
Das WiederWiedersehn beglückt noch mehr,
Und Jahre sind im Augenblick ersezt!
Elf Jahre, und welche ereignißvollen Jahre eben auch
für dieses Land und diese Stadt! Rom ist seit sieben Jahren
die Hauptstadt des Königreichs Jtalien geworden. Vom
Quirinale weht die italienische Königsflagge durch die Luft;
aber das Kapitol und das Kolosseum ragen aus der
Häusermasse eben so hervor wie sonst, und im Südwesten
liegen sie noch da, die stolze Peterskirche und der riesige,
geheimnißvolle Vatikan, wie eine Sphinx, deren Räthsel
noch zu lösen ist. Eine dreitausendjährige Vergangenheit hat
dieser Stadt ihr mächtiges Gepräge aufgedrückt. Was wollen
daneben die Wandlungen bedeuten, welche sich im Laufe
weniger Jahre zu vollziehen vermögen? Ob eine weltliche,
ob eine kirchliche Macht die Herrschaft ausübt über diese Stadt,
ihr Charakter ist, soweit es sich im Aeußern kundgibt, bis
jetzt noch nicht wesentlich verändert worden. Rom ist als
Hauptstadt des Königreichs Jtalien immer noch das alte, das
mit keiner andern Stadt zu vergleichende Rom. Es ist und
bleibt das alte Rom, welches ein Jeder, der es einmal voll
und ganz erfaßt hat, als das ,ewige Rom im Herzen trägt,
als den Ort, nach welchem man die Sehnsucht niemals los
wird, der Ort, nach dem es uns hinzieht und hinzieht, auch

==- Zh -
wenn wir nicht danach verlangen, uns den Segen des Papstes
ertheilen zu lassen.
Der und jener meiner Freunde hat mich, seit ich hierher-
gegangen bin, wohl gefragt, was es denn sei, das auch mich
immer wieder nach Rom ziehe und mich aufls Neue so
unwiderstehlich an Rom fessele, daß ich jezt kaum daran denken
mag, wie ich es einmal wieder verlassen werde? Ich soll. sagen,
ob es das Klima, ob es die Schönheit des Landes, ob es die
Kunstwerke, die hiesige Gesellschaft, oder was überhaupt es sei,
das Rom so anziehend und so bindend mache? Darauf aber
ist mit wenig Worten die Antwort nicht zu geben, und ich habe
im Grunde nur zu wiederholen, was ich an verschiedenen
Stellen des von Stahr und mir geschriebenen ,Ein Winter
in Romr über diese Dinge ausgesprochen habe.
Ja, das Klima von Rom - mehr als bedenklich für den
Leidenden - ist für den leidlich gesunden Menschen mit Aus-
nahme der eigentlichen Sommermonate ein sehr erwünschtes,
wenn man sich seinen Bedingungen anpaßt, wie die Römer
selbst es thun. Wir haben die fünf Wochen hindurch fort-
dauernd schönes Sommerwetter, kaum fünf Tage mit leichtem
sciroccosem Regen gehabt, und immer noch 1 bis 1 Grad
Wärme in meinen gegen Süden gelegenen Zimmern. Dazu
ist die Gegend von der höchsten Anmuth, lieblich und groß-
artig zugleich. Das gesellige Leben ist bequem. Es ist unter-
haltend durch den großen Zusammenfluß von Fremden aus
allen Gegenden der Welt, und es ist jetzt offenbar bedeutender
geworden als vordem, da Rom jetzt eine feststehende bürger-
liche Beamtenwelt und eine Gesellschaft aus den gelehrten
Ständen bekommen hat, die ihm früher fehlten. Die hiesigen
Kunstschätze sind eine ganz unerschöpfliche Quelle des Genusses.
Die großartigen Bauwerke aus den verschiedensten Zeitaltern
geben unablässig neuen Anlaß zum Bewundern, zum Erstaunen.

= ZZ -=
Dieses Alles jedoch, so wesentlich mitwirkend es ist, würde allein
nicht hinreichen, Rom zu dem zu machen, was es ist, ohne den
großen geschichtlichen Hintergrund, ohne - wie ich selber es
vor Jahren schon bezeichnet habe - die weltgeschichtliche Per-
spektive, welche sich hier überall vor uns aufthut und die uns,
eben weil wir in ihr weit mehr umfassen, als es uns zu thun
sonst irgendwo vergönnt ist, für Augenblicke ein Gefühl von
Unendlichkeit, von Allwissenheit verleiht.
Dabei hört bis zu einem gewissen Grade das Erwägen
des Kleinen, des Einzelnen auf. Man komnt dahin, große
Zeiträume, gewaltige einander ablösende Ereignisse gleichsam
summarisch zu erfassen und zu überschauen. Man lernt in
dem Wechsel der Zustände ein Dauerndes, ein Fortwirkendes
erkennen. Man hat hier das Werden, das Vergehen und das
Neuwerden schichtenweise abgelagert vor seinen Augen; und
es ziehen damit in die Seele eines Jeden, der die nothwendige
Vorbedingung für Rom, einen historisch gebildeten Sinn, mit-
bringt, ein Gleichmuth und eine Ruhe ein, die man sich immer
zu empfinden wünschen muß. Ich bin fern von Rom sehr
glücklichgewesen, aber dieinsichvollkommenberuhigteStimmung,
die Rom in mir stets hervorgerufen hat, habe ich nirgend sonst
gefühlt. Und nicht mir allein ist es also ergangen.
Man hat oft davon gesprochen, daß selbst in dem Leben
eines Goethe der Aufenthalt in Rom zu einem seine ganze
spätere Entwickelung bestimmenden Abschnitt geworden sei -
und das ist sehr erklärlich. Rom macht, wenn ich den Ausdruck
brauchen darf, das Auge des Geistes fernsichtig. Es bringt
den Menschen dahin, das Kleinste, das er betrachtet, mit dem
großen Ganzen im Zusammenhang zu denken, und während
er es eben deshalb nach Gebühr würdigen lernt, es doch nicht
zu überschätzen. Dies gilt von den Werken des Menschen wie
von den Thaten desselben; von dem aber, was man jetzt mit

=- ZZ =-
dem Namen der politischen Vorgänge bezeichnet, zu allermeist.
Welche Schlachten ind hier geschlagen, welche die Welt umge-
staltende Ereignisse hier vorbereitet und zum Austrag gebracht
worden, ,und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut'! Man
hat sich dem gegenüber in der That dagegen zu wehren, nicht
gleichgültig gegen die Vorgänge und Kämpfe des Tages zu
werden, nicht den Ausspruch Alexander's l. von Rußland
über Napoleon: za'est un torrent gn'il laut laisser passerf,
auf Alles anzuwenden, was in dem Augenblick die Zeit und
die Geister bewegt, und von allem Vergänglichen absehend, sich
ausschließlich demjenigen zuzuwenden, was man in dem all-
gemeinen Vergänglichen relativ als das Dauernde bezeichnen
kann. Naturen, die nicht auf den Kampf angelegt, die zum
betrachtenden Genießen, zum stillen Schaffen des Schönen an-
gelegt sind, laufen in Rom sicherlich die Gefahr, sich von dem
Leben des Tages, von den Vorgängen in der Gegenwart acht-
los abzuwenden, sich in die Vergangenheit zu versenken, in
die Zukunft hinauszuschauen und es mit einer Art von Be-
fremdung zu gewahren, wie es Menschen gibt, die sich der
unruhigen, mühevollen und oft undankbaren Arbeit unterziehen
mögen, das aus der Vergangenheit unbrauchbar Gewordene zu
zerstören, und Neues, Brauchbares für die Zukunft auf und
aus den Trümmern aufzurichten. Glücklicher Weise aber finden
sich solcher mit energischer Entschlossenheit auf das Nchste ge-
stellter Arbeiter auch in Jtalien die Menge; und es ist ganz
uwwerkennbar, daß Vieles sich hier in Rom neben dem alten,
erhabenen Bleibenden sehr entschieden zum Besseren ver-
ändert hat.
Hält man sich zunächst an das ganz Aeußerliche, so ist
Rom eine reinliche Stadt geworden, und sie hat das bei der
Fülle des Wassers, die sie als ein unschätzbares Erbe aus der
Vergangenheit besitzt, weit leichter als irgend eine andere mir

== ßg, =
bekannte Stadt. Die Häuser in den belebten Straßen sind
sauberer gehalten, was allmählich in die entlegeneren Stadt-
theile nachzuwirken nicht verfehlen kann. Die Stadt ist viel
besser erleuchtet als vor elf Jahren, und die große Zahl elend
und zerlumpt gekleideter, ja, zum Theil kaum bekleideter
Menschen, die uns damals hier erschreckte, ist nicht mehr vor-
handen. Freilich wollen die Anhänger des früheren Regiments
behaupten, daß die Noth im Volke jetzt weit größer sei als
früher, daß man die Armuth nur verhindere, an das Licht zu
kommen. Das sind aber Redensarten und Nichts mehr. Keine
Regierung der Welt kant es hindern, daß die Frauen und
Männer und Kinder auf die Straße gehen, die Besorgungen
für das tägliche Leben zu machen; und in diesen fünf Wochen
habe ich nicht so viel schlechtgekleidete Menschen gesehen, als
dazumal an einem Tage.
Auch kann es bei der großen Menge von Bauten und von
öffentlichen Arbeiten, die man hier ausführen sieht, an lohnender
Beschäftigung schwerlich fehlen. Ein ganzes neues Stadtviertel,
man könnte sagen eine neue Stadt, entsteht in dem nordöstlichen
Theile von Rom, auf dem Boden der ehemals den Jesuiten
gehörenden großen Vigne Macao, im Bereich der Thermen
des Diocletian und zwischen St. Maria Maggiore und dem
Lateran; und da die hier angesiedelten Piemontesen und Neu-
Jtaliener von ihren Gegnern mit dem Spottnamen der bureuri
bezeichnet werden, so nennen dieselben denn auch das neue
Stadtviertel mit gleichem Spotte Burnurogolis. Dieses Stadt-
viertel bekommt oder hat sehr weite Plätze, sehr breite Straßen,
die, soweit sie fertig oder in der Anlage begriffen sind, für
mein Auge von den Reubauten in aller Herren Länder sich
nicht unterscheiden, und gleich vielen dieser neuen Straßen und
Plätze förmlich nach baldmöglichster Bepflanzung mit Bäumen
zu flehen scheinen, um ihrer Oede abzuhelfen. Große historische

== IH ==
Namen, Erinnerungen an große Ereignisse bilden die Straßen-
bezeichnungen: Piaza dell' Indipendenza, Via Manzoni, Via
San Martino, Via Nazionale, Via Solferino, Via Cavour
steht es in der Neustadt an den Straßenecken zu lesen. Auch
in der innern Stadt sind die oft so nichtssagenden und häß-
lichen Namen der Straßen jetzt verändert worden, was sich
aber mitunter komisch und gelegentlich auch geschmacklos aus-
nimmt, wenn der große Name der gar zu jämmerlichen Gasse
in keiner Art entspricht. Indeß nicht nur neue Stadtviertel
werden errichtet, es wird auch in den alten Stadttheilen viel
gebessert, namentlich eine ganz unerläßlich nothwendige Ver-
breiterung des Corso ist beabsichtigt, und es hat mich neulich
sehr unterhalten, die Verhandlungen in den Zeitungen zu lesen,
welche von Seiten der Stadtbehörden geplant und von ihnen
gefordertwerden. Neue Brückenbauten, DurchbrüchevonStraßen
sind im Werke. In den Vorstädten sollen die hohen Mauern
allmählich niedriger gemacht werden, welche die Villen, Vignen,
Mazzarien einschließend, dem Auge den freundlichen Einblick
in dieselben, der Luft den erfrischenden Durchzug entziehen,
und kein Tag vergeht, ohne daß man mit lobenswerther Acht-
samkeit die Behörden in den Zeitungen auf Sünden gegen die
Reinlichkeit aufmerksam macht, wo sie sich zeigen.
Daß man mit den Neubauten im Nordosten allmählich
die Trümmer der Diocletians-Thermen vollkommen fort-
räumen wird, ist gewiß. Aber schon bei den bisherigen
Grundlegungen ist man, wie ich höre, unter den Fundamenten
der Diocletians -Thermen auf andere Mauerwerke gestoßen,
die wahrscheinlich auch Thermen gewesen sein sollen, und
was diese ersten Thermen sich von dem Zeitalter des Diocle-
tian geschehen lassen mußten, das werden die Diolectians-
Thermen sich mit Naturnothwendigkeit von dem Zeitalter,
das die Eisenbahnen, die Telegraphie, und nun vollends zu

==== Zs ==
allerseitiger Erleichterung und Beunruhigung gar noch die
Thelephonieerfunden und entdeckt hat, eben so gefallen lassen
müssen.
Glücklicher Weise aber wird man von den Wandlungen,
die sich jetzt in baulicher Hinsicht in Rom vollziehen, in dem
alten unerfaßbaren Durcheinander das wir Romn nennen und
als das alte Rom lieben, mit all seinen Unzuträglichkeiten
dennoch lieben, nichts Störsames gewahr.
Man hat eine große Straße hinuntergebahnt vom
Quirinal zum Korso. Wer merkt das, wenn er sie nicht
gerade geht? Und ist sie ihm, wenn er sie geht, eine Ver-
kürzung des Weges -- um so besser! Man zieht an einer
Stelle des Korso, gegen den Palazzo Venezia hin, bei einem
nöthigen Umbau die Vorderwand des Hauses beträchtlich
zurück. Daß muß Jeder heilsam nennen, denn das Gewirr
der Wagen ist in der engen Straße wirklich oft bedenklich.
Auf Piazza San Silvestro hat man das alte Nomnenkloster
niedergerissen, aus dem seiner Zeit, als Garibaldi dort sein
Hauptquartier gehabt, sechs Nonnen mit sechs Kanarienvögeln
und sechs Katzen ihren Auszug gehalten haben. Aber wer
beachtete je im Vorübergehen das alte Kloster, das mit seinen
grauen Mauern, wie so viele andere graue Mauern, schwei-
gend dalag?
Es ist eben noch Rom! Mag die Straße, die an der
Aqua Felice vorüber nach Porto Pia leitet, wie früher Via
di Porta Pia, oder wie jezt Via del W Settembre heißen,
es ist eben die Via di Porta Pia, die hinausführt zwischen
den langen hohen Mauern all. der Vignen und Villen, über
welche die Cypressen und die Pinien hervorragen, über denen
die jetzt reifen Früchte der Orangen- und Eitronenbäume
goldig niederhängen und an deren Ende das Gebirge uns
auch noch in dieser Zeit des Jahres in die Ferne lockt. Es

Kapitel 10

- s? -
ist noch immer Rom. Aber heut richtet man nicht weit von
seinen Gränzen zu Mentana das Denkmal für die Söhne
Jtaliens auf, die dort vor zehn Jahren für die Freiheit und
die Einigung ihres Vaterlandes ihr Blut. vergossen, ihr
Leben gelassen haben.
Schon gestern sah man Fahnen tragen und viel Leben
in den Straßen; und auch das Leben in den Straßen hat
seinen eigentlichen alten Charakter noch bewahrt, obschon es
sich geändert, doch nicht zu seinem Nachtheil verändert hat.
Indeß davon erst in meinem nächsten Briefe.
Zeünter Irief.
Einst und jeh t
Rom, l?ts! Kolaro,1. Dezember 187.
Wer weiß es nicht, daß der Spanische Platz in Rom mit-
ten in dem sogenannten Fremdenviertel gelegen ist? Wenn
man, vom Korso kommend, die Via Condotti hinan geht,
langt man grades Wegs auf dem Spanischen Plaz an, und steht
vor dem Springbrunnen, der sich aus einem steinernen Kahne,
aus der Navicella, in mäßiger Höhe, aber wie überall' in Rom,
in reicher Wasserfülle erhebt, während man an der entgegen-
gesettten Seite des Platzes die majestätische doppelarmige
Spanische Treppe vor sich hat, die, in breiten Terrassen empor
steigend, bis zu dem Platze hinaufleitet, auf welchem oben
auf der Höhe des Monte Pincio die große, dem französischen
Nomnenkloster gehörige Kirche von Trinitä di Monte gelegen
ist. Eine ganze Fülle von Schönheit und Herrlichkeit wird
für den, der einmal an jener Stelle gestanden, mit diesen
bloßen Ortsbezeichnungen lebendig; eine Fülle von Sehnsucht
F. Le wald, Reisebriee.

== ßZ -
für jene Andern, denen nur die Namen vertraut das Ohr
berühren. Aber wer in jetziger Zeit über den Spanischen
Platz geht, der wird noch weit mehr als in vergangenen
Tagen davon zu sagen wissen, wie schwer es ist, ihn zu über-
schreiten, ohne auf demselben einen kleinen Einkauf gemacht,
ohne einige Soldi ausgegeben zu haben und dafür irgend ein
Etwas in der Hand zu halten, das man eigentlich durchaus
nicht braucht und das man eigentlich gar nicht haben wollte,
wenn es nicht gerade Blumen sind, die man gekauft hat, und
die nicht haben zu wollen, man eben ein Barbar sein müßte.
Rom ist bis jetzt von Fremden noch immer leer. Man
sagt, die Fremdenzeit beschränkte sich jetzt auf die drei ersten
Monate des Jahres, Rom sei allmählich auch nur ein Ort
für Durchreisende geworden, wie die anderen Städte Jtaliens,
R ?N A -
Wer nach Jtalien reiste, trachtete die Alpenpässe zu über-
schreiten, ehe der Schnee und die Kälte sie unbeauem machten,
und man hütete sich, über die Alpen nach Norden zurückzu-
kehren, ehe die Wasser des Frühlings sich verlaufen hatten.
Man ging mit der ernsten Absicht eines langen Verweilens
nach Jtalien, man ließ sich in Rom für den ganzen Winter
häuslich nieder. Man hatte eine für fünf, sechs Monate fest-
stehende Fremden-Gesellschaft, man lebte sich fest mit einander
ein und schied in der Regel von Rom, wie man meist vom
Leben scheidet, mit dem schmerzlichen Bewußtsein, bei allem
guten Willen mit seiner Aufgabe nicht fertig geworden zu sein.
Man mußte sich damals sein Wissen von den Dingen auch !
noch ziemlich mühselig selber zusammensuchen. Das Umhertrei-
ben in den Straßen und auf den Plätzen war aber leichter und
J ? ==vn =- nev-o = = we

= Z ==
Rom war damals eigentlich eine stille Stadt zu nennen.
Rechnete man die wenigen Stunden ab, in welchen auf dem
Corso oder auf der Passeggiata des Monte Pincio svazieren
gegangen oder gefahren wurde, so traf man wenig Leben und
Bewegung in den Straßen. Die schweren, reich verzierten
großen Kutschwagen der Kardinäle mit dem rothen Feder-
schmuck ihrer wohlgefütterten Rappen, mit den dicken Kutschern
und den hintenaufstehenden drei Bedienten, die Heilbutt in
seinen Bildern so ergötlich dargestellt und damit lebendig er-
halten hat, fuhren in gemessenem Schritt über die Höhen und
durch die Straßen. Miethswagen auf den öffentlichen Plätzen
waren in schr geringer Zahl vorhanden. Dann und wann am
Tage fuhr ein Omnibus nach S. Paolo fuori le Mura hin-
aus. Handel und Gewerbe machten sich wenig sichtbar. Von
den päpstlichen Truppen kam auch nicht viel zum Vorschein
im Innern der Stadt; aber vor den Häusern saßen die römi-
schen Matronen und römischen Mädchen Abends auf der Thür-
schwelle und kämmten einander das herrliche schwarze Haar.
Die rothen Flanelljacken, der seidene Busto, das weiße,
hinten am Halse zurückgestochene Halstuch, das auch in den
scharfen Wintertagen die schönen braunen Racken freiließ, be-
kam man eben so wie den silbernen Kamm und die silberne
Haarnadel noch überall zu sehen, am Brunnen wie in der
Kirche, auf der Passeggiata wie auf der Piazza Montanara
am kleinen Tisch des Serirano gablieo, des allgemeinen Brief-
schreibers. Spät an schönen Abenden schlenderten die jungen
Männer, die Montangaren und die Minenten von Trastevere,
in dem kleidsamen blauen Beinkleid, die lose Jacke über die
Schulter geschlagen, den spizen Filzhut, den VComo ei gsro auf
dem Scheitel, singend, die Mandoline, die Flöte und die
Guitarre spielend, leichten Schrittes durch die stillen nächtlichen
Straßen; während Winters in dem Morgengrauen schon die

Pß -
Pfeife und der Dudelsack und der Gesang der Pifferari hörbar
wurden, die, von einem Madonnenbilde zu dem andern ziehend,
das Herannahen der Weihnachtszeit verkündeten.
Von dem Allem war schon vor eilf Jahren, als die
französischen Zuaven das Regiment des Papstes hier noch
unterstützten und aufrecht hielten, viel. verloren gegangen, und
jetzt ist noch weit weniger davon übrig geblieben. Indeß es
ist doch immer noch ein Rest davon vorhanden.
Rom ist mit seinen 0 000 Einwohnern eine sehr lebens-
volle Stadt geworden, und die große Enge, die Winkligkeit
der Straßen, die sich im Innern der Stadt fast mäandrisch
durcheinander schlingen, macht, daß die Stadt eben in ihren
mittleren Theilen noch weit volkreicher erscheint, als es in
gleich weitem Umkreise und bei gleicher Menschenzahl in einer
besser gebauten Stadt der Fall sein würde. Dazu ist der
Kleinhandel hier in hohem Grade üblich. Jung und Alt,
Mann und Weib bieten ihre Schätze schreiend an und aus,
und zwar in langen, kadenzirten Sätzen, die sich in den ab-
sonderlichsten, meist sehr häßlichen Formen bewegen. Bis-
weilen wechseln sie mit einander ab, dann überschreien sie
einander nach Kräften; und was die rauhen römischen
Stimmen, wahre Stentorstimmen, in diesem Fache an Beharrlich-
keit zu leisten vermögen, das setzt mich täglich in Erstaunen, von
Morgens sechs Ühr bis nach zehn Uhr Abends. Und nicht
allein die Menschen schreien, die Thiere, vor Allen die sonst
so geduldigen Esel stehen ihnen darin bei, während über all
den Spektakel hinweg, hoch über unsern Häuptern, die Glocken
der zahllosen Kirchen ihr klingendes Spiel in den Lüften er-
schallen lassen. Aber in all dem Gelärm fehlt mir ein Klang,
der mir so lieb, der so ganz römisch war und den gewiß alle
diejenigen vermissen, die ihn sonst gehört hatten: es sind keine

1ß! -=
Pifferari mehr in Rom! und auch die Drehorgeln habe ich
noch nicht gehört wie sonst.
Die Regierung duldet die Pifferari nicht, ohne daß ich
erfahren kann, wodurch die ergötzlichen Schelme ihre Ver-
bannung verschuldet haben, die mir in allen Ecken und zu
allen Stunden fehlen, und von denen erweckt zu werden lieb-
lich war. Jett weckt statt ihrer mich ein Esel mit der fürchter-
lichen Regelmäßigkeit eines unfehlbaren Chronometers punkt
fünfeinhalb Ühr, der wahrscheinlich an einem Milchkarren
oder an einem ähnlichen Institut seinen Posten hat. Eine
Viertelstunde später schallen drei schwere Glockenschläge von
San Guiseppe Capo le Case zu mir herüber, sechs mattere
Schläge folgen. Dann hebt auch oben im Kapuzinerkloster,
wo der Ordensgeneral seinen Sitz hat, und im Kloster auf
Trinit di Monte und in San Andrea delle Fratte das Läuten
an, und nun tönt und tönt es weiter, bis sich das Klingen
wie Bienengesumme durch die ganze Luft verbreitet und man,
wenn man Glück hat, wieder einschläft, um nach einer oder
zwei Stunden später durch das Schreien der Zeitungsverkäufer
alles Ernstes für das Tagewerk geweckt zu werden. Danach
wirds nicht wieder still bis gegen Mitternacht. Ja, noch über
diese hinaus hört man die zwei, drei, vier gewaltigen Schläge,
welche die nachtschwärmenden Bewohner gegen die Hausthüren
führen, um sich zu den verschiedenen Stockwerken der im
Innern fast nirgend erleuchteten, meist ganz finstern Häuser
den Einlaß und Licht für das Ersteigen der Treppen zu er-
klopfen. Rom ist viel lauter als Berlin geworden. Aber,
obschon die Straßen reinlich gehalten werden - die Segnungen
der Eivilisation, ordentliche Wohnhäuser, reinliche Treppen
mit Geländer, Hausklingeln und vollends Gasbeleuchtung
in den Häusern fehlen Rom auch heute noch! Elende
Stalllaternen, die an dünnen Stricken von den Decken

=- 1ßF -
niederhängen und immer wieder gestohlen werden, sind auch
heute in den Fremdenwohnungen noch ein Luxus, wenn man
sehr vereinzelte Fälle abrechnet, in denen es etwas besser ist.
Und es ist die Unreinlichkeit der meisten Privathäuser, die
mich bestimmt hat, den Winter in dem vortrefflich gehaltenen
Gasthofe zu verweilen.
Von der Volkstracht keine Spur mehr in dem Volke
selber. Sogar der Carretiere, der auf seinem überdachten
Wagen seine Weinfässer von den Kastellen nach wie vor zur
Stadt bringt, hat ein Ding an, das einmal ein Paletot gewesen
ist, hat einen Hut vom Trödler auf dem Kopfe. Nur sein
Svitz läßt sich noch sein altes Fell gefallen, und bisweilen
hat der dienende Junge die haarigen Ziegenfelle zum Schutz
der Beine noch behalten. Dafür aber putzen die begüterten
Römerinnen ihre Ammen und Wärterinnen in den reichsten
Albaneser- und sonstigen Kostümen aus, und auf der Spanischen
Treppe so wie oben an der Ecke auf dem Wege nach der
Porta Pinciana und vor einer der Kirchen in der Via Sistina
kann man oft Gruppen von zehn, zwölf Modellen jedes Alters
und von beiden Geschlechtern auf den Stufen und auf den
Ecksteinen sitzen und herumliegen sehen. Aber - die Kultur
hat auch sie beleckt. Sie sind Statisten und nichts weiter.
Nuols la mis kotogratia? rief mir neulich ein bildschöner
zwölfjähriger Junge nach, und hielt mir seiner Bildnisse ein
ganzes Pack vor Augen. Die Frauenzimmer haben zu frieren
gelernt, woran sie früher niemals dachten. Sie haben, was
ihnen gewiß sehr heilsam ist, aber sehr komisch aussieht, bei
schlechtem Wetter schottische Plaids und alte Shawls um;
und neulich fand ich ein hübsches aber nicht mehr ganz junges
Modellmädchen oben an der Ecke der Via Sistina so tief ins
Lesen versunken, daß es die Augen nicht erhob, obschon ich
dicht an ihm vorüberging. Wenn Ernst Meier, wenn einer

= (Z -
der alten Römer, einer von denen, die schon die Alten waren,
da wir Rom als Neulinge betraten, wiederkommen könnte!
Ein lesendes Model! Seinen Augen würde er nicht trauen.
Nolö? Wollen Sie? Das ist die eigentliche Parole des
hiesigen, doch immer noch bunten und den Nordländer erfreulich
überraschenden Straßenlebens. Nuole? rufen die an allen Ecken
und Plätzen zahlreich vorhandenen Kutscher, die mit unfehlbarer
Sicherheit den Fremden augenblicklich erkennen, während sie
von rechts und links, ohne die Antwort abzuwarten, die
Peitsche als Signal emporhebend, rasch auf uns zufahren und
beängstigend dicht vor uns umwenden, wenn wir sie abwehrend
von uns weisen.
Nols? ruft auf dem Spanischen Plate der Bursche, der
eine Reihe kolorirter Ansichten von Rom, den Papst immer
an der Spitze derselben, wie eine Fahne vor uns niederschießen
läßt! ?udls? fragt sein Nachbar, der Zündhölzchen zu verkaufen
hat. Naolö? lächelt der alte Jude, der Couverts und Schreib-
papier feilbietet. Nuols bei wanarini? (ein Dutzend für
4 deutsche Pfenniges kort iv eas! hIch bringe sie Ihnen in
das Haus. uols Aälm! fragen die Krämer mit ihren
offenen Kasten voll Mosaiken, Gemmen und Korallen geringer
Art. ?uols Aläüm! und auf dieses Klüäln legen sie, als
müsse es uns ein heimisch verlockender Klang sein, einen
besonderen Werth und einen' bewunderungswerthen englischen
Akzent. Nols Ulälmu! Ras! Nls! desgols! darnisse! Gelso-
wins! Nols Reseäla? =- Ganz große Päcke für wenig Groschen!
Ja, das ist der schwache Punkt!
Du stehst vor diesen Blumen auf dem Spanischen Platz
immer wie Zerline im Don Juan! pflegte Stahr oft im Scherz
zu mir zu sagen: Lorrei s non worrei! (Ich möchte und möchte
nicht, wenn seine Güte mit der Ausgabe von einigen Soldi
meinen täglichen ökonomischen Bedenken ein rasches Ende machte.

== Ißg -=
Aber es ist ja für einen Nordländer auch gar nicht möglich,
nicht zu wollen und nicht zu kaufen, wenn man ihm mitten
im Dezember in goldenem Sonnenschein diese Fülle von
Farben, diese Fülle von Duft entgegenbringt. Also das
schmutzige Papiergeld - es gibt Scheine von O0 deutschen
Pfennigen - und das noch schmutzigere Kupfer, für das ich
mir einen eigenen Beutel zur Schonung meines Portemonnaies
genäht habe, nur rasch hervor und Blumen in das Haus!
Und uols? rufen auch heute noch wie vor dreißig Jahren
der Fruchtverkäufer und die Gemüseverkäuferin, der Fruttajole
und die Erbajola, vor ihren offenen Läden, wenn sie, den
feuerentfachenden Flederwisch in Händen, die Broccoli sieden,
die Kastanien rösten, während die Granatäpfel in Viertheile
aufgeschnitten, die Apfelsinen, die Birnen, die Aepfel neben
den weichen Sorben von Neapel in den Körben liegen, und
die Trauben, die Cerase Marina, die kleinen neapolitanischen
Tomaten, mit Käsen, mit Würsten, mit Geflügel und mit
allen möglichen andern Eßwürdigkeiten untermischt, anSchnüren,
in langen Bündeln und Festons unter der Thürbrüstung, über
den Fässern voll. Häringen und Sardinen niederhängen.
Inzwischen hört man das Pfeifen von der Eisenbahn. Von
allen Ecken fahren die Omnibusse, die Wagen zur Station
hinauf. Ich zählte neulich elf Omnibusse in wenig Augenblicken
auf der Piazza Barberina. Durch die sonst so stille Via di
Tritone jagt es hinauf über den Barberinischen Plat nach
den Thermen des Diocletian zum Bahnhof; während unter-
halb des Plates, vom Luirinal kommend, Victor Emanuel,
der König von Jtalien, in schlichtem zweispännigem Wagen,
er und sein Adjutant beide in bürgerlicher Kleidung, nach der
Promenade auf den Pincio fährt. Helle Militärmusik, die
dort wie früher von bis z Ühr täglich sich vernehmen läßt,
tönt durch die Luft. Die blau und gelben Federn auf den

Kapitel 11

=- Pß --
Hüten der Bersaglieri, der Gebirgsschüten, flattern im leichten
Winde. Hübsche Uniformen, glänzende Offiziere, Wagen,
Reiter, Geistliche aller Orden, Jesuiten mit ihren Schülern,
aber auch viele Lehrer und Lehrerinnen weltlicher Lehranstalten,
die es früher hier nicht gab, ziehen an einander mit ihren Zdgs
lingen zwischen der römischen Gesellschaft und der Fremdenwelt
einher; und da unten liegt der Vatikan wie sonst, da unten
hebt sich die Kuppel der Peterskirche wie sonst gegen den blauen
sonnendurchglühten Himmel empor. Was mag man da drüben
wohl denken, planen, hoffen? fragt man sich. Was wird noch
alles vorüberziehen an dem stolzen Riesenbau dort drüben?
Aber es ist spät und mein Brief ist lang geworden.
LJtalie! ruft eine Stimme aus. Il Corriere! La Capitale!
Fanfulla! LIndipendenza! tönt es von hier und dort. Vor
elf Jahren hatte Rom nur zwei Zeitungen, wenn ich mich nicht
irre. Rauhes, unmelodisches Singen, um es mit einem sehr
unverdienten Euphemismus zu bezeichnen, klingt dazwischen.
Die Tage der Mandolinen und der Ritornells sind wohl vorbei
für Rom. Nur deutsche Männer habe ich hier neulich ein hübsches
Ständchen einer deutschen Familie bringen hören. Aber trotzdem
und alledem ist Rom doch Rom und wird es ewig, ewig bleiben!
Der
Elster Vries.
Tod Vicor Emanuels.
Rom, Atsl Kolsro, B. Januar. -
Eben jett, am Bten Januar, da ich mich hinsetze, Ihnen mit
den besten Grüßen und Wünschen in diesem Jahre den ersten
Brief gen Norden zu senden, bricht durch das leichte Gewölk,
welches den Himmel heute bisher bedeckte, die Sonne plötzlich

==- Il =
hervor. Möge ihr helles Glänzen uns und allen, welche diese
Briefe lesen, eine gute Vorbedeutung sein. Es hieße ja von
den Neberlieferungen des Bodens abfallen, auf welchem wir
uns hier befinden, wenn man nicht an Vorbedeutungen glauben
wollte und an Zeichen! Und warum auch nicht, sofern sie uns
erfreuen?
Im Grunde stehen wir doch alle an des Reujahrs Pforte,
wie die Kinder vor der verschlossenen Thüre des Gemaches,
hinter welcher sie die Herrlichkeit des Weihnachtsbaumes er-
warten; nur daß wir uns nicht mehr wie die Kinder sicher
fühlen, unser Wünschen und Hoffen erfüllt zu sehen. Und
doch hoffen wir! Ja, der Mensch mnuuß nothwendig auf Etwas
hoffen, selbst wenn er, zu wünschen aufhörend, nicht mehr
weiß, worauf er eigentlich hofft. Und selbst ,noch am Grabe
pflanzt er die Hoffnung aufr
Jch betreffe mich manchmal darauf, wenn ich hier durch
die Straßen und vor die Thore hinausfahre, daß ich im tiefsten
Innern den Gedanken hege: jetzt werde plötzlich irgend Jemand
kommen, den zu treffen mir eine große Freude bereiten werde;
oder ich werde unerwartet Etwas erblicken, das zu sehen mir
ein ganz besonderes Vergnügen gewähren werde. Aber es
kommt natürlich keins von beiden. Es sind das Augenblicke,
in welchen das Freudebedürfniß der Jugend und die Resignation
des Alters in uns gleichzeitig und ganz wunderbar lebendig
sind, so daß man es mit Neberraschung wahrnimmt, wie in
unserem Wesen und in unserem Leben die Gegensätze anein-
anderstoßen.
Donnerstag, den 9ten Januar, Nachmittags 5 Ühr. =- Das
Blatt war liegen geblieben - und heute? -- Der Wunsch
guter Vorbedeutung hat sich nicht erfüllt. Das Land, in welchem
wir verweilen, ist in die tiefste Trauer versetzt worden -
Victor Emanuel ist todt.

==- J0? -
Am verwichenen Freitag, als wir um vier Uhr von der
Passeggiata heimkehrten, fuhr er im offenen zweispännigen
Wagen mit seinem Adjutanten dicht neben uns durch die eiserne
Gitterpforte an der Vila Medici. Er sah wie die Gesundheit
selber aus. Eine ältere Dame mit einem jungen Mädchen,
ihrer Erscheinung nach den gebildeten Ständen angehörend,
trat an den Wagen heran, das Mädchen überreichte einen
Brief, der König nahm ihn selber ab. Als die Kutsche dann
nach dem Umbiegen wieder an uns vorbei kam, hielt er den-
selben geöffnet in der Hand und las ihn.
Am folgenden Tage schon hörte man, der König, der eben
von Turin gekommen, wo seine Gemahlin schwer daniederlag
und wohin er eben deshalb zurückzukehren gedachte, sei selber
ernstlich erkrankt. Aber obschon die Berichte sich mit jedem Tage
beunruhigender gestalteten - man hoffte doch, die starke Natur
des Königs werde den Sieg davon tragen. - Man hoffte,
was man wünschte.
Heute war ein trüber Tag, einer jener Tage, in denen
ein langwährender Scirocco in Tramontane übersetzen will. und
bei denen die kalte Feuchtigkeit unangenehm emwpfindlich ist.
Es war ein Gewitter gewesen, hatte geregnet, gehagelt. Es
waren wenig Leute hier oben auf der Straße. Ich kam um
drei Ühr aus dem Hause. Wenig Schritte von demselben traf
ich einen schon langeuin Jtalien ansäßigen Engländer mit
seiner in Jtalien geborenen Tochter. Er sah sehr traurig aus,
das junge Mädchen schwamm in Thränen.
,Vor einer Viertelstunde ist der König gestorben!'! sagte
er mir, ,ich will nach Hause, es erschüttert mich aufs tiefster
-- Es fiel auch mir aufs Herz.
Rasch tritt der Tod den Menschen an!
singen die Mönche im Wilhelm Tell. Und das schwer lastende

JlZ -
schmerzlich bange Gefühl, das den Einzelnen in einem Hause
überfällt, in welchem ein Menschenleben erloschen ist, lagerte
sich mit gesteigerter Gewalt über die Stadt und über das
Land, das in seinem Könige den Mann verloren hat, unter
dessen entschlossener Führung es sich aus der Zerstückelung zur
Einheit, aus der Ohnmacht zur Kraft, aus der Gewalt der
Fremdherrschaft zur Selbständigkeit herausgearbeitet, und be-
gonnen hat, sich auch aus der geistigen Knechtschaft zu befreien,
in welcher es seit Jahrhunderten mehr und mehr die Errungen-
schaften seiner großen RenaissanceZeit hat einbüßen müssen.
Mein Weg führte mich in die Stadt hinunter, ich traf
verschiedene Bekannte. Alle hatten das Wort auf den Lippen:
der König ist todt! Alle bedauerten seinen frühen Hingang.
Selbst ein entschiedener Gegner der jetzigen Zustände, ein un-
bedingter Anhänger des Papstes und der weltlichen Herrschaft
desselben, sagte: ,Der Papst wird das Ende des Königs be-
dauern. Es war nicht Victor Emanuel's Wille, der dem
Papste anthat, was. ihm geschehen ist. Der König fügte sich
einer ihm hart fallenden Nothwendigkeit, und der Papst hat
ihm gestern seinen Almosenier geschickt, ihm seine Vergebung
zu verkünden. Er war ein guter Katholik und ist gestorben
wie ein solcher!r
Wenn das wahr ist, und Viele behaupten, daß es wahr
sei, um so größer das Verdienst des Königs, daß er sich zum
Vollbringer dessen machte, was Jtalien bedurfte, daß er den
Willen des Volkes, das Verlangen der Gesammtheit höher
achtete, als sein eigenes Wünschen, als seine persönliche
Meinung; daß er sich, wie unser alter Friy, als den ersten
Diener des Staates, und, wie unser Kaiser Wilhelm, als die
Wacht betrachtet, die das ihm anvertraute Schützeramt mit
nicht wankender Treue und auch mit Selbstverleugnung übt.

=- ,(ß ==
Man muß es mit erlebt haben, als Augenzeuge es erlebt
haben, was Jtalien vor einem Menschenalter war; man muß
die erschreckende Unwissenheit der unteren Volksklassen in
Genua vor dreißig Jahren beobachtet, man muß das bleierne,
angstvolle Schweigen, das scheue Mißtrauen gekannt haben,
das damals auf der Lombardei lastete; man muß die Ver-
zweiflung im Stillen haben knirschen hören, mit welcher man
1846 hier in Rom in den Zeitungen von den Hinrichtungen
in der Romagna, von den Hinrichtungen der beiden Brüder
Baniera, die Kunde las, um zu wissen, welche Erinnerungen
der Tod Victor Emanuel's in den Herzen der Jtaliener wach-
ruft, um zu begreifen, wie wahr die Worte des tiefsten
Schmerzes sind, in denen heute die Zeitungen dem Empfinden
des Volkes Ausdruck geben, das erst unter diesem Könige
wieder zu einem selbstherrlichen Volke geworden ist. Man
muß die Männer, die unter ihm gekämpft haben, erzählen
hören, wie er sich rückhaltslos in den Schlachten preisgegeben,
um zu verstehen, wie man ihn den besten Jtaliener heißen
konnte.
Als am Tage von San Martino - so erzählte uns ein-
mal ein Augenzeuge - die Position kaum haltbar schien und
alles von dem Besitze San Martinos abhing, setzte der König
sich selber an die Spitze der stürmenden Kolonnen und rief
den Truppen lachend in piemontesischem Dialekt die Worte
zu: ,Jungens! wenn wir nicht San Martino nehmen, werden
sie uns San Martino machen !'' und man erzwang den Sieg.
Der Martinstag ist eine der Ziehzeiten in Jtalien, in denen
zahlungsunfähigen Miethern, wie überall, ein kurzer Prozeß
gemacht und sie hinausgeworfen werden.
Wie in einem Trauerhause ward es still in der Stadt.
Die Musik auf dem Monte Pincio verstummte plötzlich. Alle
Läden, selbst die Kaffeehäuser, wurden geschlossen. Hier oben

= 1 jß -
bei uns in den Straßen standen einzelne Gruppen vor den
Werkstätten in ernstem Gespräche bei einander, hinaufblickend
zu dem Quirinal und seiner gesenkten Flagge. Unten im
Corso, wo die Menschen durch einander wogten, überall leb-
haftes aber leises Sprechen. Wagen nach Wagen fuhren zum
Quirinal hinauf, wo die dichtgedrängte Menge ihnen kaum
das Durchkommen gewährte.
Und nun? - Eine Fermate in der an Dissonanzen so
überreichen Harmonie, die wir die Weltgeschichte nennen. Ein
Moment, der uns zum Rückwärtsblicken, zum Erinnern zwingt.
Ein warmer Herzschlag der Verehrung für ein stillstehendes
Königsherz, dessen Streben, dessen Ziele mit den unseren zu-
sammenfielen. Ein Dank, daß er verwirklichen helfen, was
wir in unserer Jugend für Jtalien wie für uns selbst er-
sehnten; daran sich knüpfend die Hoffnung, daß das für Europa
und damit für die Menschheit so wichtige gute Einvernehmen
zwischen Deutschland und Jtalien, die gleichzeitig zu ihrer
Einheit gelangt sind, fortbestehen, wachsen und sich kräftigen
möge. Und Victor Emanuel wird eingereiht werden in die
Namen der guten Regenten, welche die Geschichte zu verzeichnen
hat, und wie vor dem Standbilde Marc Aurel's, das auf
dem Capitol seine Hand noch heute segnend über das Land
ausbreitet, werden kommende Geschlechter voll Verehrung stehen
vor dem Standbild Victor Emanuel's - des ersten Königs
von Jtalien.

Kapitel 12

= J1 h -==
Zuölfien Vrief.
Noch einmat Nom und Sett und Einst.
Rom, 1. Januar 178.
Das Begräbniß Victor Emanuel's ist in schöner, würdiger
Feier vorübergegangen. Noch flattern die italienischen Fahnen
mit den schwarzen Kreppstreifen von den Fenstern nieder,
Fremde und Landvolk und Militärs aus allen Theilen von
Jtalien fluten durch die Straßen und über die Plätze. Neberall
riecht es nach den Lorbeerzweigen, die man gestern über
den Sarg und vor demselben niederwarf und streute, und von
denen heute noch die einzelnen Zweige unter dem Tritt der
Menge ihren Duft verbreiten. Indeß das Alltagsleben tritt
bereits wieder in sein gewohntes Recht. Die Menschen sind,
sofern sie arbeiten, zu ihrer Arbeit, die Müßigen und die
müßigen Fremden zu ihrem hinschlendernden Genießen zurück-
gekehrt. ,Konco ! ? (das ist der Weltlaufs pflegte unsere
Signora Lucia vor Jahren zu sagen, und auch wir haben
heute wieder einmal in dem herrlichen Wetter eine der Aus-
fahrten gemacht; bei denen die weite Umschau etwas Herz-
befreiendes hat.
Wir waren nach der Vila Pamfili hinaus- und hinauf-
gefahren. Sie ist als Parkanlage und um ihrer Aussicht
wegen eben so die schönste Villa, wie Villa Albani, die jett
der Fürst Torlonia besitzt, die schönste der Villen ist in Bezug
auf die Pracht und stilvolle Vornehmheit des Schlosses und
der andern Baulichkeiten - abgesehen von den Kunstschätzen,
die sie in sich schließt.
Aber nicht nur der Aufenthalt in Villa Pamfili ist ein
Genuß; schon der Weg durch die Stadt vom Monte Pincio

=== P1Z --
bis Ponte Sisto ist ein Vergnügen. Er bringt einem das
ganze Rom des 1. und 1. Jahrhunderts in so auffallender
Weise vor Augen, daß man sich unwillkürlich, von dem freilich
in der Menschennatur begründeten Verlangen ergriffen fühlt,
das Unmögliche möglich zu machen. Man möchte den ent-
fernten Freunden mit der Feder begreiflich machen, oder eine
Vorstellung davon geben, was an Rom so durchaus anders
ist als an allen andern Orten. Man weiß, daß man dies
nicht kann, und vermag es doch nicht, den Versuch zu unter-
lassen.
Zunächst hat Rom nur sehr wenige lange, gradlinige
Straßen, und auch diese sind im Verhältniß zu den Straßen
der neueren und zu denen vieler alten Städte äußerst schmal.
Wie die mit dem Auge nur schwer zu verfolgenden Linien
einer orientalischen Arabeske, so schlingen und winden die
kurzen, engen Gassen sich in- und durcheinander. In Zeit
von zehn Minuten ist man um sechs, acht Straßenecken ge-
bogen, durch so und so viel Winkel, über so und so viel kleine
Plätze gefahren: alle einander ähnlich an Eigenartigkeit, alle von
einanderverschiedenin derselben. Häuser,die denNamen vonHäu-
sern in unserm Sinne gar nicht verdienen. Hohe glattwandige
Kasten mit schmalen Fenstern. Die einen mit so dicken, schwarz-
grünangestrichenen,mitEisenstangenundeisernenBuckeln beschla-
genen Thüren, mit schwarzen, schweren eisernen Klopfern daran,
daß man Grabgewölbe oder Pulverkammern dahinter vermuthet.
Sie müssen nothwendig aus Zeiten herstammen, in denen jedes
Haus sich gelegentlich gegen Aufläufe und Straßenkämpfe zu
vertheidigen hatte. Dann wieder Häuser, im Erdgeschoß ganz
offen, mit höhlenartigen Räumen unterwwölbt, in deren uner-
gründlicher Finsterniß, gegen das Licht hin, sofern dasselbe
überhaupt in diese engen Gassen und Spelunken jemals dringen
kann, alle ersinnlichen Gewerbe und Hantirungen getrieben

=- P1Z -
werden. Hier eine, in irgend eine Ecke oder in die grade
Straßenreihe hineingebaute Kirche mit verfallender Treppe,
mit verloschenem Freskobilde über dem Portale; schräg über,
ein paar Schritte weiter, wieder eine solche oder eine große und
stattliche Kirche. Dann eine lange, lange Mauer. Neberall.
wuchert aus ihrem Mörtel üppiges Geranke lustig hervor.
Färber trocnen davor an aufgestellten Stangen dicht am Fahr-
weg ihre Wollen und gefärbten Stoffe, oder Wäscherinnen
und Familien ihre Wäsche, während über die Mauer Eypressen
und Orangenbäume emporragen, in deren Zweigen die goldenen
Apfelsinen und Mandarinen zwischen den glänzenden Blättern
funkeln. Drüben ein Einblick in den feuchten, säulenumgebenen
Hof eines ehemaligen Palastes mit dem nie fehlenden, von
Venushaar umrankten sprudelnden Wasserguell, und über den
mit schwerem, oft sehr schönem eisernem Gitterwerk versperrten
Fenstern des Erdgeschosses, aus den Fenstern der oberen Ge-
stocke, zum Lüften und Trocknen aufgehängt, ein unsagbarer
Plunder von alten Röcken, Hosen, Betttüchern und Gott weiß
was noch alles!
Von Bürgerstegen im Innern der Stadt gar keine Spur.
Man hat zu sehen, wie man durchkommt durch das Gedränge
der kleinen und größern zweirädrigen Karren, auf denen die
ganze Zufuhr für die große volkreiche Stadt besorgt wird, so-
fern sie nicht zu Wasser geschieht - wo sie doch auch noch der
Weiterbeförderung durch die Karren bedarf.
Sie wollen vorwärts? Da knarrt ein Eselwagen, thurm-
hoch mit Wasserrüben, mit Radies, mit anderm Grünkram
beladen, auf dessen Gipfel der Fuhrmann liegt. Maulthiere
mit Schellen und buntem Feder- und rothem Wollbüschel-
Schmuck, die Holz und Kohlen zur Stadt bringen, fahren mit
den Botti, den zahllosen offenen Straßenkabriolets zusammen,
und versperren der prächtigen Equipage einer Fürstin den
F. Lenald, Reisebriefe.
s

- IPF -=
Weg, daß auch wir halten müssen, und Zeit gewinnen, drüben
an dem alten verfallenen Gebäude die prächtige Marmortafel
zu bemerken, und die pomphafte Inschrift zu lesen, wie einst
der und der Pontifex Maximus (Papsts aus dem oder jenem
vornehmen Geschlechte, hier an dieser Stelle, diese oder jene
Verschönerung oder Verbesserung ausgeführt hat. Endlich
wird auf das Einschreiten der Stadtpolizisten, mit ihren
flatternden bunten Federbüschen an den Hüten, Luft geschaffen,
für die schon lange wartenden Omnibusse. Die Menge, die
sich gestaut hat, kommt vorwärts; und das Lärmen, Schreien,
Hausiren, wie ich es Ihnen neulich beschrieben, hebt wieder
auf das Neue an.
Das geht so fort, bis man endlich, die Mauern der Stadt
verlassend, in das Freie kommt!
Nun verbreitert sich der Weg! Nun sieht man Licht!
Nun überwölbt uns plötzlich ein Himmelsdom, so blau, wie
ihn der Norden niemals sieht. Ein heller, heißer Sonnenschein
umfluthet uns. In dem frischen Luftzug, der von dem weiß
beschneiten Gebirge über die weite Fläche der Campagna her-
überweht, wiegen sich die Zweige der immergrünen Bäume.
Die dicken, phantastisch aneinander gereihten Scheiben des
Feigenkaktus setzen schon neue Früchte an, die neue Mispel-
blüthe verbreitet ihren vanillenartigen Geruch. Die starre
Alos läßt die Riesenstengel ihrer letzten Blüthe wie bewimpelte
Masten gen Himmel steigen. Sie schauen stolz hinab auf die
niedere, unzählbare Schaar von dunkelroth und weiß blühenden
Maßliebchen und Tausendschön, welche, als die Vorläufer der
Anemonen, jetzt schon überall zu Tage kommen, wo nur ein
Stüückchen Rasenland zu finden ist.
So geht es den Weg zum Janiculus hinauf:
Wo fünfströmig berver aus der ßract der Marmer-Artaden
Stürzet der Paola Fluti, niccer ins Becken mit Macht.

= I1H -
Seit wir vor elf Jahren hier gewesen sind, ist dieser Weg
in eine weit schönere und breitere Straße verwandelt worden,
die man so gemächlich hinauffährt wie die Viale dei Colli
in Florenz; und wie oft man auch hier oben an dem Riesen- -
becken der Aaua Paola gestanden haben mag, ihr Rauschen,
ihr Wellenschlagen, ihre Frische und das Funkeln der Somnen-
strahlen in und über ihrem Wasser, haben immer wieder etwas
Wundervolles. Immer wieder betreffe ich mich vor all diesen
römischen Fontainen auf Stahr's Worten:
Wie vielen Herzen hat der Luell gerauscht!
Wie vielen Herzen wird der Quell noch rauschen!
Hier oben vor Porto S. Pancrazio, in den Gärten und
Gehegen der Villen Giraud, Savorelli, Doria Pamfili, und
vor allem in dem, und um das kleine Vascello ist 119 der
verzweifelte Kampf der Jtaliener gegen die Armee der Franzosen
gekämpft worden, welche sich während des Waffenstillstandes
verrätherisch aller festen Plätze bemächtigt hatten. Hier hat
Garibaldi sein lettes Hauptquartier gehabt, und Via Garibaldi
heißt jett die Straße, welche man nach Villa Pamffili hinauf-
fährt. Es sind schöne Gartenanlagen auf dem kleinen ab-
geplatteten Platze, unterhalb dem noch in Trümmern liegenden
Vascello, angelegt worden, von denen das Auge mit Entzücken
die Stadt in allen ihren Theilen, die Campagna und die jett
mit Schnee bedeckten Gebirge überschaut. Aber während in
der Villa Pamfili Doria noch immer das schlimme Marmor-
denkmal steht, mit welchem der Besitzer der Villa, Fürst Doria,
das Andenken der hier im Kampfe gegen die italienische Einheit
gefallenen Franzosen feiert, bezeichnet auf der Via Garibaldi,
unterhalb der Villa Corsini, jetzt eine schöne Marmortafel die
Kamvfesstätte, auf welcher die Massimo, Menara und viele
Andere mit ihnen, ihr Herzblut und ihr Leben dem Vater-

= PIs -
lande opferten. Ihre Inschrift lautet in der Verdeutschung:
,Wenige gegen eine sehr große Anzahl, ohne Hoffnung zu
siegen, kämpften hier, die nicht aus der Art geschlagenen
Söhne von Rom und von Jtalien, unter Garibaldis Führung
einen ganzen Monat lang. Ein Beispiel für die kommenden
Geschlechter, daß den Feind nicht zählt, wer für die Freiheit
streitet und für das Vaterland. Belagerung von Rom 149.
Gestiftet von den Nichtwählern des 5. Bezirks 187K.
Die Angabe, daß die ,Nichtwähler' diese Denktafel den
Gefallenen errichtet, verkündet, daß die unbemittelteren Büürger
von Trastevere sie gestiftet haben, da das Wahlrecht an einen
bestimmten Census geknüpft ist.
Zwei ähnliche Tafeln befinden sich an der Stadtmauer
zwischen Porta Pia und Porta Salara, an den Stellen, an
welchen die Jtaliener 17 in Rom eindrangen. Die Stadt-
mauer ist erneuert in der Gegend. Die Inschrist der ersten
Tafel, von Porta Pia aus, lautet: ,Die Namen der italienischen
Soldaten, welche, die Einigkeit ihres Vaterlandes mit ihrem
Blute besiegelnd, hier am W. September 179 ruhmwoll fielen,
weiht und überliefert die Nationalgarde von Rom der
Geschichte.!
Die zweite trägt die Worte: ,Durch diese Mauer zog
das siegreiche italienische Heer am W. September 17 in
Rom ein, die lange gehegten Gelöbnisse und Wünsche der
Römer erfüllend, und dem Lande Jtalien den Besitz seiner
Hauptstadt sichernd. Zur dauernden Erinnerung an diese
Thatsache stiftete die Kommune diese Tafel am s. Juni 17.
Wer sie gekannt hat, die Männer, deren ganze Seele an
der Erreichung dieses Zieles hing: die Pellico, Mazzini,
Garibaldi, Cernuschi, Mannin, und so viele, ihrer weniger her-
vorragendenGesinnungsgenossen; wer noch dieZeiten erlebt hat,
in denen Silvio Pellico und Maroncelli auf dem Spielberg

Kapitel 13

- F1? -
unter haarsträubenden Leiden schmachteten, und jene späteren
Tage, in denen vornehme mailändische und venetianische Frauen
ihre Vaterlandsliebe in Kerkerzellen büßten, kann nicht ohne
tiefe, freudige Bewegung vor diesen Tafeln der Geschichte stehen.
Aber er wird auch vor ihnen, wenn er ein Deutscher ist, mit
seinen Erinnerungen in das eigene Vaterland, in die Zeiten
von 11516s zurückversett, in welchen es in Deutschland
ebenfalls je nachdem für Schwärmerei oder für ein Verbrechen
galt, die Einigung Deutschlands herbeiführen zu wollen, auf
die nothwendige Errichtung eines mächtigen Deutschen Reiches
hinzuarbeiten und auf das große Deutsche Kaiserreich zu hoffen.
Es hat auch in unserem Vaterlande nicht an Märtyrern aller
Art gefehlt!
In einem meiner nächsten Briefe schreibe ich Ihnen einmal
von einer Opern-Aufführung, der ich dieser Tage im Theater
Apollo beigewohnt und von der ich einen sehr sonderbaren
Eindruck mit nach Haus genommmen.
Dreizeünier Vrief.
Historisches Erinnern.
Rom, am W. Dezember 17?.
Niemals bin ich hier in Rom, durch die Via di Venti
Settembre gegangen, die nach der Porta Pia und den Dio-
kletiansthürmen hinauf führt, ohne des erhaben trotzigen Aus-
spruchs zu gedenken, des stolzen ,e gur si muors!t, das ich
einst erschütterten Gemüthes an dem großartigen Denkmal
Galileis las, als ich vor zweiunddreißig Jahren zum ersten-
male die geweihten Hallen der Kirche von Sta. Eroce in
Florenz betrat. Daneben taucht dann auch gleichzeitig in

= PK -
meiner Seele immer wieder der schöne Herbstmorgen auf, an
welchem uns in dem kleinen märkischen Städtchen Eberswalde,
vor sieben Jahren der elektrische Funke die geflügelte Bot-
schaft brachte: ,Die Jtaliener sind in Rom eingerückt, die
dreifarbige Fahne flattert von dem Capitol, Pius der Reunte
hat sich in die Engelsburg geflüchtet, die weltliche Macht des
Papstes ist gestürztr'
So lange man diese Wandlung auch erwartet und ersehnt,
sie hatte damals doch noch etwas Neberwältigendes, und die
Art und Weise, in welcher sie sich vollzog, gab ihr das Ge-
präge eines ethischen Gerichtes. Denn vor den Mauern von
Metz und von Sedan, an den Ufern der Mosel und der
Maas hatten die Deutschen den Stoß gethan, der den päpst-
lichen Königsthron in dem Augenblick zertrümmerte, in wel-
chem der Papst ihn auf dem Infallibilitätsdogma höher und
fester als je zuvor zu gründen glaubte. Der alte Kampf
zwischen Deutschland und Rom, zwischen deutschem und
römischem Geiste war anscheinend am 1September für Deutsch-
land siegreich ausgefochten; der alte Kampf der Welfen und
Ghibellinen hoffentlich für immmer beendet worden; und was
in diesem Jahrhundert ein deutsches Fürstengeschlecht, was das
Haus Habsburg und Lothringen an den Jtalienern gesündigt,
das hatten die deutschen Völker auf den böhmischen und fran-
zösischen Schlachtfeldern jett vollauf gesühnt. Jtalien war
geeinigt. Deutschland vollzog die That seiner staatlichen Eini-
gung, und deutschem Geiste, dem Geist der freien Forschung,
der freien Entwicklung, dem Geiste der wahren Menschlichkeit
und bürgerlichen Gesittung, wird jettzt von den stolz wallenden
Wogen der Ost- und Nordsee bis zu den schönen südlichsten
Inseln des Mittelländischen Meeres voraussichtlich keine
Schranke mehr gesettzt sein.
Vor zweiundreißig Jahren aber sah es in dem vielfach

=- F19 -
zerstückelten, geistig geknechteten Jtalien freilich anders aus
als jetzt, und es war damals keine Nebertreibung in dem
Ausspruch eines meiner Bekamnten, daß man in Jtalien nicht
zwei Stunden fahren könne, ohne von einem Beamten die
Worte: Vogans und kasssgorto zu hören.
Ich war im Herbste 1845 vom Simplon nach dem Lago
maggiore gekommen. Wir fielen also mitten in die Herrschaft
des österreichischen Polizeistaates und des politischen Mißtrauens
hinein; und wenn damals in Deutschland die Belästigung
mit den Aufenthaltskarten und Paßbescheinigungen in den ver-
schiedenen Ländern und Städten auch noch groß genug war,
so war sie in der Lombardei geradezu unerträglich. Jn jedem
Orte, in dem man übernachtete, wurden die Pässe abgefordert
und visirt Das kostete jeden Abend einen oder mehrere Liren,
und da die Taxe für das Visa in den verschiedenen Orten
nicht gleich war, so war man obenein in das jemalige Be-
lieben des Gastwirths, des Lohndieners und des Polizeiboten
gegeben, die Einem gelegentlich Abends um neun Uhr den
Paß abnahmen, um ihn am Morgen im letzten Augenblick
vor der Abreise zurückzubringen, in welchem man die Mög-
lichkeit eines Einspruches gegen Nebervortheilung gar nicht,
mehr besaß. Am Ende eines vierzehnmonatlichen Aufenthaltes
in Jtalien war es uns belustigend, das Paßbüchelchen durch-
zusehen, und nachzurechnen wie viel Leibzoll wir gezahlt hatten.
Die Zahlen sind mir entfallen, sie waren aber so hoch, daß
man, um Glauben zu finden, das Buch vorlegen mußte. Und
dazu kam noch das Visitiren nach verbotenen Büchern K.
Man brauchte kaum ein Reisetagebuch zu führen. Die Paß-
visitationen vermerkten jeden Aufenthalt von ein paar Stun-
den und jedes Nachtauartier, ja fast jedes kleinste Städchen,
durch dessen Thore man ein- und ausgefahren war.
Die erste große italienische Stadt, in welcher wir einen

=- JZß -
längeren Aufenthalt machten, war das vornehme Mailand.
Es war voll von österreichischen Soldaten und Polizeibeamten,
und das Kastell auf der Piazza d'Arme streckte aus seinen
Schießscharten die Kanonenschlünde über die Weitung des
Plates aus, auf dem österreichische Korporale, den Prügelstock
an der Seite, vom frühen Morgen bis zum späten Abend
deutsche, sßlavische und ungarische Soldaten exerziren ließen.
Die italienischen Soldaten wurden meist außerhalb Jtaliens
verwendet, wie man uns sagte.
Ich hatte mein Jtalienisch an Silvio Pellico's unwer-
gleichlicher Schilderung seiner Gefängnißleiden erlernt, welches
Buch, um seiner erhabenen Einfachheit willen, seitdem eines
meiner Lieblingswerke geblieben ist; und die Worte: ,ll e-
neräi 1Z ottohrs 18W0 kui arrestato a Klano e condotto a
Sata Klargberitar (am 1 Oktober 1W0 wurde ich in Mailand
verhaftet und nach Sancta Margherita geführts, mit denen
er seine Schilderung anhebt, waren mir lebhaft gegenwärtig,
als ich in Mailand ankam. Ich wollte also die Gefängnisse
von St. Margherita sehen, mit ihren zeamere äi lü, eamers
äi guür (Zellen hier, Zellen dort, wie das zu einem Gefängs
niß eingerichtete ehemalige Nonnenkloster sie aufwies. Ich
wollte wo möglich die Zelle sehen, in welcher man Silvio
gefangen gehalten und in der er durch den sanften traurigen
Gesang eines ebenfals eingesverrten jungen Frauenzimmers,
durch das:
,Cbi renäe alls mesebins
Ds sns. kslieitäE?
hwwer giebt der Unglücklichen ihr verlorenes Glück zurück?
so erschüttert und so gerührt worden war.
Wir, d. h. meine ältere Reisebegleiterin und ich, waren
in dem damals von Deutschen besonders gern besuchten Hotel

- P -
Reichmamn auf dem Corso di Porta Romana abgestiegen,
hatten dort unerwartet einen Bekannten von mir, den be-
rühmten Zoologen Staatsrath Karl von Bähr aus Peters-
burg getroffen, der früher in meiner Vaterstadt Königsberg
Professor gewesen war, und da er gleich uns darauf aus war,
Mailand kennen zu lernen, machten wir uns in der Regel
des Morgens gemeinsam mit dem Plane in der Hand auf
unsere Wanderungen. Dabei sollte es denn endlich an einem
Mittage auch nach St. Margherita gehen; und da wir uns
nicht hinzufinden vermochten, fragten wir Vorübergehende um
unsern Weg. Aber während man uns sonst auf ähnliche Fragen
stets sehr freundlich und dienstwillig Bescheid gegeben hatte,
sah man uns bei diesem Ansuchen mit Verwunderung an;
und als ich endlich auf die Erkundigung : ,Was suchen Sie
in St. Margherita? unumwunden die Antwort gab, ich
wolle sehen, wo ,der Pellicor' gefangen gewesen sei, verneigte
der Gefragte sich kurz und meinte, er bedaure, mir nicht
dienen zu können.
Am Abend sprachen wir davon mit unserm Wirth. Der
zuckte mit den Schultern. ,Sie sind in Mailand, meine
Herrschaften! sagte er. ,Hier ist eine andere Luft als bei
uns jenseits der Alpen. Man darf hier Niemand um solche
Namen fragen. Einer hält den Andern hier für einen Spion;
das ungeheure Mißtrauen der Regierung macht hier Jeden
vorsichtig. Man weiß wirklich nicht, wie das hier einst noch
werden wird. Sie können sich ja immer das alte Kloster-
gebäude von außen betrachten, wenn Sie das interessirt, aber
fragen Sie nicht nach Pellico: Sie könnten sich in der That
Verdrießlichkeiten damit zuziehen!r
Mailand sah übrigens damals sehr reich und glänzend
aus. Die Abendfahrt im Giardino publico zeigte eine sehr
elegante Gesellschaft. Vor dem adeligen Kasino, der Scala

- PF? -
gegenüber, saßen schöne, vornehme Männer in dem Cafs;
in den Logen der Scala bewegte man sich frei und heiter
wie in einem Gesellschaftskreise, denn die Logen waren zum
großen Theil hypothekirtes Eigenthum der Familien, die sie
inne hatten; aber Mittags und Abends zogen unter Trommel-
schall österreichische und ungarische Soldaten in beträchtlichen
Massen durch alle Hauptstraßen der Stadt, als sollten die
Einwohner es nicht vergessen, in wessen Hand und Macht sie
wären. Und es waren keine freundlichen Blicke, mit denen
man die Soldaten begleitete.
Jn Genua, wo wir wie in Florenz längere Zeit und in
größerer landsmännischer Gesellschaft verweilten - außer
Herrn von Bähr war noch der gelehrte und liebenswürdige
Kunstforscher Geheimrath Schnaase mit den Seinen zu uns
gestoßen - athmete man freier auf. Das Militär in Genua
bestand aus Eingeborenen. Von den unheimlichen täglichen
Märschen durch die Straßen war keine Rede, dafür wimmelte
die Stadt aber von Mönchen; und bei den verschiedensten
Alnlässen hatten wir Gelegenheit zu merken, wie das Lesen zu
den Dingen gehörte, mit deren Kenntniß die handarbeitenden
Stände nicht, oder doch nur sehr ausnahmsweise, gesegnet
waren. Dabei waren die Schiffer und Arbeiter im Hafen
auffallend streitsüchtig, alltäglich sahen wir die heftigsten
Schlägereien vor unseren Fenstern und die Stille, das ge-
fällige Betragen, die höfliche und gute, ja poetische Redeweise
der Florentiner fiel uns nach der Roheit der Genueser später
doppelt angenehm auf. Um mir einen jungen schlanken
Dänen zu bezeichnen, der öfter bei mir gewesen war und
dessen Namen sie nicht wußte, nannte ihn unsere Florentiner
Wirthin: ,iener Jüngling hoch und schlank wie der
Campanile! =- (Der schöne Glockenthurm am Dome.s
Florenz hatte damals auf seiner Oberfläche noch etwas

- PZZ -==
träumerisch Friedliches. Es war noch die Stadt der Blumen;
und wenn man im Giardino Boboli hinter der großherzog-
lichen Residenz, durch die langen, schattigen Alleen von immer
grünen Eichen an den langen Taxuswänden hinging, wenn
die Marmorgebilde so feierlich aus dem Grün hervorsahen,
wenn von den Blumenterrassen der Heliotrop und die Tube-
rosen und das Zitronenkraut dufteten, und von der Höhe des
Gartens die prachtvolle Kuppel des Domes und der stolze
Thurm des Palazzo Vecchio sichtbar wurden, so vergaß man
unwillkürlich, in welcher Zeit man lebte. Man vergaß das
neunzehnte Jahrhundert, man vergaß die politischen Kämpfe,
die Zahl der Märtyrer, welche die verschiedenen revolutionären
Erhebungen in den verschiedenen Staaten der Halbinsel in
den Tod und in die furchtbarsten Kerker geschickt hatten -
und man sagte sich, dieser Garten, diese Natur, und die von
ihnen erzeugte Stimmung müßten es gewesen sein, die Goethe
einst für seinen Tasso die Schilderung von Bel Riguardo
eingegeben hätten. Es war äußerlich ein von allem Gegen-
wärtigen verschiedener Eindruck, eine in das Leben getretene,
völlig eigenartige Welt voll Poesie und bestrickendem Zauber.
Unter dieser sanften Oberfläche barg sich aber in den
Kreisen der gebildeten und gelehrten Männer eine lebhafte
Betheiligung an den Bestrebungen für die Wiedergeburt
Jtaliens; und in den Seitenzimmern des Cafs Vieusseux fand
sich eine Gesellschaft zusammen, die es wußte, daß sie, wenn
auch mit verschleierter Strenge, genau beobachtet wurde. Eines
der Mitglieder dieses Kreises, Doctor Thomas Gar, ein
Trientiner, hatte länger in Berlin gelebt und war mir
bekannt. Später ist er als Oberbibliothekar der Bibliothek
von S. Marco in Venedig gestorben. - Im Nebrigen waren
die Paßvisitationen und die Zoll- und Polizeiüberwachung im
Großherzogthum Toscana ebenso peinlich wie in der Lom-

- JZg -
bardei und wie in Piemont, und von dem Augenblick ab, in
welchem man das päpstliche Gebiet betrat, wurden diese
Nebel wo möglich nur noch ärger.
Es war in dem letzten Lebensjahre Gregor's des R..
und der finstere, mißtrauische Sinn dieses beschränkten, aber
gelehrten Kamaldulensermönches lag wie ein Bamn über
Rom und dem Kirchenstaate. Eben erst war eine revolutio-
näre Erhebung in der Romagna niedergeworfen worden,
zahlreiche Todesurtheile waren vollstreckt. Die beiden Brüder
Baniera, Söhne eines unter österreichischen Fahnen in Venedig
dienenden Generals, waren hingerichtet worden, die Gefängnisse
und die Galeeren waren voll sogenannter politischer Ver-
brecher. In Rom mißtraute Einer dem Andern, und die
gerade in jenem Winter sehr zahlreiche und glänzende Fremden-
gesellschaft erhielt oft von den mit ihr verkehrenden Jtalienern
heimliche Winke, sich vor dieser oder jener Person in Acht
zu nehmen. So fanden sich denn auch zu dem großen Kreise
von Fremden, welcher in dem Hause einer reichen und ge-
lehrten Kölnerin, der Frau Sybille Mertens Schaafhausen,
seinen Mittelpunkt hatte, allmälig allerlei Personen von
anderen Nationen heran. Griechen, Serben, Franzosen, die
sich auf ihren Visitenkarten Ritter aller möglichen, fremden
und päpstlichen Orden nannten, die bei allen großen Kirchen-
zeremonien in sehr auffallenden, nirgend heimischen Uniformen
und immer in erster Reihe zu sehen waren, und über deren
Woher und Wohin sehr unklare Berichte im Schwunge gingen.
Von Einem oder dem Andern derselben pflegte der gelehrte
Abbate Matranga, einer der Kustoden der Vatikanischen
Bibliothek, der zu meinen näheren Beamten gehörte, mir wol
gelegentlich zu sagen: ,baäato Signorins! ö ue Spia!? =-
MNehmen Sie sich in Acht, Fräulein, er ist ein Spion! -
Ganz dasselbe sagten andere Personen aber wieder von dem

= PZJ -=
liebenswürdigen Matranga selbst, und wer etwa staatsgefähr-
liche Geheimnisse zu verbergen gehabt hätte, dem hätte es
recht unheimlich in einer so beschaffenen Gesellschaft sein
müssen. Päpstlich gesinnte Personen warnten mich vor meinem
Arzte, Ir. Pantaleoni, einem bedeutenden und freisinnigen,
sein Vaterland liebenden Mamne, der später lange im Exil
gelebt hat., Jetzt nach dem Einrücken der Jtaliener in Rom
hat die gewählte Giunta ihm, einem der ersten Chirurgen, die
Sorge für die ganze Medizinalpolizei übergeben - und in
dem Bereiche der Sanitätspolizei wird in dem furchtbar ver-
sumpften und verpesteten Rom Etwas zu schaffen sein!
Die einflußreichsten Personen in Rom waren in jenen
Tagen der Barbier des Papstes und dessen Frau. Sie hatten
einen nahen Verwandten, der einen Handel mit feinen Eß-
waaren auf dem Corso betrieb (einen girrianrolo, dessen Zu-
spruch außerordentlich war. Es gab täglich neue Geschichten
über die gefährlichen Geheimnisse, welche durch diesen. Mann,
und durch den Barbier und dessen Frau, dem Papste bekannt
geworden waren; und dann wieder andere Erzählungen darüber,
wie berühmte italienische Künstler dieses Delikatessenhändlers
Frau gemalt und beschenkt hätten, um bei irgend welchen
Arbeiten für die Kirchen verwendet zu werden. Ob dies wahr,
ob es unwahr sei, würde schwer zu beweisen sein; die Mög-
lichkeit dieser Gerüchte bewies aber für die Zustände um so
mehr. Man sprach von dem Vermögen, das jener päpstliche
Barbier durch die Bestechungen gemacht haben sollte, die man
an ihn wendete; und Alles, was man Schlimmes und Un-
würdiges von den großen Würdenträgern der Kirche, was
man Gehässiges gegen den Papst selber aussagte, fand einen
böswillig bereiten Glauben. Es war damals, wie auch in
späterer Zeit, für Denjenigen, der nicht an solche Eindrücke
gewöhnt war, geradezu unfaßbar, wie man vor denselben

== PZs -==
Geistlichen knieen und den Segen Derjenigen erbitten und Ver-
gebung seiner Missethaten von denselben Männern erhoffen
konnte, welchen man alle Arten von Sünden nachsagte. Man
verlachte, was man anbetete, und spottete heimlich über die
Priester, denen man doch unbedenklich das Amt ,zu binden
und zu lösen' zuerkannte. Die schreiendste Unwissenheit, der
blindeste Aberglaube waren in den niederen Ständen allgemein.
Lesen und Schreiben gehörten auch unter dem römischen Volke
wie in Genua zu den Gottesgaben, die nur wenig Auser-
wählten zu Theil geworden waren. Der ,serinano gablieo,
der öffentliche Schreiber, war noch eine vielgesehene, auf den
Marktplätzen sitende Figur; und die Geistlichkeit sprach es
unumwwunden aus, daß das Schreibenlernen namentlich für das
weibliche Geschlecht, nicht nur eine überflüssige, sondern eine
gefährliche Kunst sei, denn: ,Was haben Frauenzimmer zu
schreiben und was können sie schreiben als Liebesbriefe? Sie
führen sich besser ohne das auf!'
Und viel besser war es, wie man allgemein behauptete,
mit der Bildung der Frauen in den Mittelständen und in der
vornehmen Gesellschaft auch nicht bestellt, wenn man einzelne
gelehrte Frauen, deren es in Jtalien immer gegeben hat,
ausnahm. Eine derselben, eine Gräfin Dionigi, welche vor-
züglich improvisirte, lernte ich damals kennen. Eine Andere
sah ich auf dem Kapitol als Dichterin in großem feierlichem
Akte krönen. Licht und Schatten standen sich, wie in den
klimatischen Verhältnissen, so auch in der Bildung der Frauen
in Jtalien damals noch weit greller als in den anderen Kultur-
ländern gegenüüber.
Neben diesen und anderen Nebelständen war aber in jener
Zeit auch manches Gute noch vorhanden, das sich später ver-
loren hat. Das Volk, sowol in Rom wie auf dem Lande,
war schön und kräftig, hielt etwas auf sich und betrug sich

= P? -
demgemäß bei jedem öffentlichen Auftreten in einer selbstge-
wissen Schicklichkeit, die bei einem so lebhaften und leiden-
schastlichen Volke doppelt angenehm auffiel. Frauen und
Mädchen hatten etwasZurückhaltendes bei großer Freimüthigkeit.
Ihr Verkehr mit Männern war anständig. Die Fremden und
die Künstler unter ihnen wußten, daß sie sich selbst ihren
Modellen gegenüber in Schranken zu halten hatten, und daß
man in Bezug auf die Ehre der Frauen und Mädchen in den
Familien keinen Spaß verstehe. Die Behörden settten der Abreise
eines Fremden Hindernisse entgegen, wenn römische Familien
gegen ihn für ihre Töchter klagbar wurden; und manche große
deutsche Künstler - Peter von Cornelius an ihrer Spitte =
haben auf diese Weise römische Frauen in die deutsche Heimat
zurückgebracht, die sich dort fast immer Freunde und Theilnahme
erworben, und ehrbar und häuslich erwiesen haben.
Es herrschte auch in Rom und in der Umgegend eine
verhältnißmäßig große Sicherheit. Man zog sorglos in der
Campagne und in den Gebirgsstädtchen umher. Selbst in Rom
war man weit weniger vorsichtig im Verwahren der Wohnungen,
als man es sonst in gleich großen Städten zu sein nöthig hat;
und vorausgesetzt, daß man politisch unverdächtig war, hatten
die Fremden ein gutes Leben, denn es war in den päpstlichen
Staaten wie in einem Badeorte: die Fremden bildeten die
Haupteinnahmequelle der römischen Bevölkerung, und die Polizei
hatte ausdrücklich Anweisung, ihnen, wenn erst einmal das
Paßwesen überwunden war, Nichts in den Weg zu legen und
sie möglichst frei gewähren zu lassen.
Dafür sprach man in der Gesellschaft kein Wort von Politik.
Von fremden Zeitungen, namentlich von deutschen, war nur
die Augsburger Allgemeine in zwei oder drei öffentlichen Lokalen
zu finden. Eine deutsche, d.h. protestantische Kirche, oder eine
solche Schule waren nicht zugelassen, und der Geistliche der

-= FFF -
preußischen Gesandtschaft, an den die protestantischen Fremden,
die Schweizer und Skandinavier mit eingerechnet, sich zu halten
hatten, war, soviel ich mich erinnere, nicht als Geistlicher,
sondern als einer der Sekretäre der Gesandtschaft in deren
Listen aufgeführt. Das erschien um so ungerechter, wenn man
bedachte, wie die preußische Regierung den Katholiken die freieste
Religionsübung und völlige Gleichstellung mit den Protestanten
in allen ihren Landestheilen zuerkannte. Es war damals die
Zeit der deutschkatholischen Bewegung. Ronge's und Czerski's
Namen waren viel genannt. Die gebildeten Römer wußten
davon, und sogar ein junger Franciskanermönch, den ich häufig
bei mir sah, ein geborener Sicilianer, hatte von neuen Auf-
lehnungen gegen die Kirche,reden gehört. Aber wenn besonders
Gebildete im engen Vertrauen gegen ihnen sichere Personen es
auch aussprachen, daß in der Kirche wohl Aenderungen nöthig
wären, daß Männer, die wie alle päpstlichen Beamten sämmtlich
Geistliche wären, schlecht zu Räthen der Regierung taugten,
weil sie keine eigenen Familien und deshalb kein Interesse an
dem Emporkommen und Gedeihen des Landes hätten, so sah
man, ohne es eingestehen zu mögen, die Zustände doch noch
als etwas durchaus Festes und Dauerndes an, und die vielen
mißlungenen revolutionären Erhebungen liehen diesem Glauben
eine anscheinende Berechtigung.
Man hatte den Wunsch nach einer Aenderung der Zustände,
ohne die Aussicht sie erreichen zu können, und vollends an einen
Sturz der weltlichen Macht des Papstes dachten sicherlich da-
mals nur wenig Auserwählte. Die römische Aristokratie hatte
etwas ruhig Stolzes und äußerlich Würdiges. Das Volk liebte
seine alten Adelsgeschlechter und es waren nur Einer oder
der Andere unter den alten Familien, denen man um ihres
Geizes oder sonst um einer übeln Eigenschaft willen Böses
nachsagte. Man hielt die alten Familien hoch, auch wenn

===- PZ =-
ihre Paläste bereits viel zu groß für ihre gegenwärtige Be-
deutung und Mittel geworden, und in traurigen Verfall ge-
rathen waren. Bisweilen mochte freilich die Eauipage, mit
der man sich auf dem Korso und bei der Spazierfahrt auf
dem Monte Pincio sehen ließ, nebst den Familienbrillanten,
welche die Frauen der alten Geschlechter bei den ersten Em-
pfangsabenden der neuernannten Kardinäle und auch in der
Oper anzulegen pflegten, so ziemlich noch der einzige Luxus
sein, den sie zur Schau zu tragen vermochten. - Nachtheilige
Urtheile über die Sitten der römischen adeligen Frauen erinnere
ich mich nicht damals irgendwie gehört zu haben; und manche
dieser Frauen standen, wie die eben jung verstorbene Fürstin
Borghese und die Fürstin Colonna, um ihrer Frömmigkeit
und Wohlthätigkeit willen bei dem Volke in besonderer Liebe
und Verehrung.
Jn Neapel war das anders. Ein Zusammenwirken
günstiger Verhältnisse hatte mich nach den ersten Tagen
meines Aufenthaltes in Neapel, als Gast in das Haus einer
russischen Gräfin geführt, welche mit der Hofgesellschaft und
den verschiedenen Gesandten in lebhaftem Verkehr stand. Der
eben in jenen Tagen erfolgte völlig unerwartete Tod meines
Vaters und mein Schmerz über denselben, machten es mir
unmöglich, in größere Gesellschaften zu gehen, oder die Ge-
legenheit zum Besuch einzelner Hoffeste zu benutzen, die man
mir bot. Aber ich sah jene Gesellschaft vielfach, ja fast täglich
in dem stets offenen Hause meiner Gastfreundin, und ich war
überrascht davon, wie das laute, genußsüchtige Leben in der
südlichen Königsstadt von der vornehmen römischen Feierlich-
keit verschieden war.
In Rom war selbst auf den Straßen und im Volke
Mlles still, wenn nicht die Kirchenglocken läuteten oder junge
F. Le w ald, Reisebrieee.

==- 1Z0 =-
Mämner anmuthig singend und die Mandoline spielend bei
Sternenschein durch die schweigenden Straßen zogen. Von
soldatischem Wesen sah man Nichts. In Neapel hingegenn
machte sich trotz dem außerordentlich bewegten Volksleben,
trotz der großen Einwohnerzahl unh eines regen Handels-
verkehrs in den dem Hafen zunächst gelegenen Stadttheilen,
das Militär und König Ferdinands Vorliebe für dasselbe
überall gar sehr bemerklich. Auf dem Largo di Castello
trommelte und exerzirte man den ganzen Tag. Vom Castel
St. Elmo sahen die Kanonen drohend auf die Stadt hin-
unter, und es war Grund dazu vorhanden, denn die Unzu-
friedenheit in Neapel war außerordentlich groß.
Nicht nur in den Familien der reichen Kaufleute, deren
ich durch Empfehlung deutscher Freunde verschiedene hatte
kennen lernen, sprach man sich sehr bitter über die willkür-
liche Mißregierung, über die unheilvolle Pfaffenwirthschaft
aus, sondern selbst in den aristokratischen Kreisen konnte man
sehr harte Urtheile über den König und die Regierung hören;
und beliebt war vom Hofe eigentlich nur die verwittwete
Königin Mutter, eine Schwester der Herzogin von Berry,
während die regierende Königin auch in der Aristokratie
durchaus unbeliebt war. Darin lag aber eine Ungerechtig-
keit, die nur durch die große Sittenverderbniß der damaligen
vornehmen Welt von Neapel erklärlich wurde.
Die regierende Königin war eine Tochter des Erzherzogs
Karl von Desterreich, eine stolze, sittenreine Frau, eine tadel-
lose Gattin, eine pflichttreue aber herrschsüchtige Mutter. Sie
war jung nach Neapel gekommen, von dem sehr rohen König
brutal behandelt, von den freien Sitten des Hofes zurück
gestoßen worden, und hatte sich deshalb in sich und in den
Kreis ihrer Kinder zurücgezogen. Man sagte, sie lebe nur
in der Kinderstube, habe das Jtalienische nur von den Ammen

= PZ =-
ihrer Kinder gelernt, sie sei geistlos und habe den kalten
beleidigenden Stolz der Habsburger. Sie war aber damals
noch eine schöne Frau, und selbst zwanzig Jahre später, da
ich sie als eine Vertriebene, immer schwarz gekleidet, all-
abendlich mit ihrem finstern Gesichtsausdruck auf dem Monte
Pincio zu Rom die übliche Spazierfahrt machen sah, war
ihre Erscheinung noch gebieterisch. Ihr entthronter Sohn,
König Franz, und die Königin Marie sollten, wie man 186?
in Rom behauptete, viel von ihr zu leiden gehabt haben,
aber sie hatte auch selber viel gelitten. Es waren 1846 in
Neapel viel Anekdoten über ihres Gatten Betragen gegen sie
im Umlauf, und man verzieh ihm leichtsinnig alle die Krän-
kungen, welche seine vielfachen Untreuen ihr bereiteten, während
man über die wirklichen Rohheiten, die er gegen sie begangen
haben sollte, mit einem Achselzucken fortging. Einmal hatte
sie, wie man erzählte, sich am Flügel niederlassen wollen, und
der König als liebenswürdigen Scherz den Sessel hinter ihr
fortgezogen, so daß die große, starke Frau schwer zu Boden
gefallen war.
,Das ist das Betragen eines Lazzaroni!r hatte sie im
Schreck und in ihrer Beleidigung ausgerufen, und der König
war im Beisein ihrer Hofdame auf sie losgestürzt und hatte -
sie mit den Worten: ,Ich will Ihnen zeigen, wie die Lazzaroni
es machen!rr in rohester Weise mißhandelt. Auch in Rom
war sie freilich später nicht beliebt; und doch ist sie als ein
Opfer ihrer Mutterliebe gestorben, als sie im Sommer des
Jahres 186?, zur Zeit der in Albano bei Rom pestartig
wüthenden Choleraepidemie, selbst schon von der Krankheit
ergriffen, nicht von dem Lager ihrer beiden jüngsten zun
Tode erkrankten Kinder zu entfernen war, bis der Tod sie
selbst ereilte.
Ganz im Gegensatz zu der Ungunst, mit welcher man

== 1ZZ =
die eben erwähnte Königin betrachtete, war die Königin-Wittwe
beliebt, und man nahm keinen Anstoß an ihrem Lebens-
wandel, der zuletzt so arg geworden war, daß der König,
ihr Sohn, sich in das Mittel legen mußte. Die Art, mit
welcher es dabei zuging, war aber auch durchaus charakteristisch
für das Land und für die Sitten desselben.
Der König hatte, wie man behauptete, seiner Mutter
durch ihren Veichtvater Monsignore C. eröffnen lassen, daß
er ihr die bisherige Freiheit ihres Lebenswandels nicht
länger nachsehen könne, und daß sie, wenn sie nicht als
Wittwe leben wolle, sich einen Gatten wählen müsse. Sie
hatte entgennet, daß sie keine besondere Vorliebe für irgend
Jemand hene, daß sie aber, wenn ihr Sohn es verlange,
nicht abgeneigt sei, sich wieder zu verheirathen. Darauf hatte
man aus den Garden zwölf junge schöne Offiziere aus alten
Familien ausgewählt; der Beichtvater der Königin hatte ihnen
die Absichten des Königs mitgetheilt, man hatte ihnen be-
greislich gemacht, daß es sich darum handle, dem königlichen
Hause seine Ergebenheit zu beweisen und zugleich das Seelen-
heil der Königin - Wittwe zu wahren. Danach hatte man
ihnen eine Messe gelesen und nebenher auch die weltlichen
Vortheile auseinander zu setzen nicht ermangelt, welche der
künftige Gatte der Königin zu gewärtigen haben würde; und
nach gehörter Messe war dieses Elitekorps von Heiraths-
kandidaten der Königin - Wittwe vorgeführt worden, die sich
denn freimiitlig und schnell entschlossen, sich den stattlichsten
unter diesen jungen Männern antrauen zu lassen. Der Er-
korene genos; keiner Art von königlichen Ehren, sondern hatte
seinen Nang unter den ersten Hoibeamten; aber man schien
ihn in der Gesellschaft nicht zu mißachten. Seinen Namen habe
ich vergessen, habe aber sein Bild, da ich ihn oft mit seiner
bedeutend älteren Frau in offener Kalesche auf der Riviera

= 1ZZ -
die Chiaja habe spazieren fahren sehen, noch vollständig im
Gedächtniß. Man rühmte ihm nach, daß er seine Stellung
sehr taktvoll zu behaupten wisse, daß er sein Amt, die
Königin-Mutter in Ordnung zu halten, sehr gut und gewissen-
haft erfülle, und die Zuneigung, welche man für die Königin-
Mutter hatte, trug sich bis zu einem gewissen Grade auch
auf ihren wachhaltenden Gatten über. Sie war eben wie
die Welt, in der sie lebte, und gab sich kein tugendrichter-
liches Ansehen.
Diese,Welt'' war aber in sittlicher Beziehung als wäre
sie aus einem französischen Roman entlaufen; und obschon
sich sehr geistreiche Männer und Frauen von den verschiedensten
Nationen in ihr zusammenfanden, obschon die Umgangsformen
äußerst angenehm und abgeschliffen waren, mußte Jeder, der
in anderen Sittenbegriffen- oder vielmehr überhaupt mit
der Vorstellung erzogen worden war, daß nicht Alles erlaubt
sei, was gefällt - sich mit Staunen davon abwenden. Die
ernsteren Männer und Frauen in derselben, wie meine
Freundin, wie der spanische Gesandte und historische Schrift-
steller, Herzog von Rivas oder die Dichterin Irene Capecellatro
und Andere, sprachen bisweilen mit Sorge von dem Ende,
das diese Zustände nothwendig einmal nehmen würden; aber
der Liebesabenteuer verheiratheter Männer und Frauen, in
denen damals der österreichische unverheirathete Fürst Felix
Schwarzenberg, der später erbitterte Gegner Preußens, eine
sehr hervorragende Rolle spielte, waren so viele, und es gab
täglich so viel zu berichten und vorsichtig zurecht zu legen,
damit wenigstens der äußere Anstand und Zusammenhalt
einigermaßen gewahrt blieb, daß man für die kommenden
Tage und für die eigene ferne Zukunft nicht viel Nachdenken
übrig behielt.
Von Politik war viel mehr die Rede als in Rom -

==- 1I -
aber nicht von der Politik des Königreichs Neapel. Man be-
sprach die österreichischen, die französischen Zustände. Preußen
und das nicht österreichische Dentschland, kamen dabei so wenig
wie das Feuerland oder Grönland in Betracht. Man nahm
lebhaften Antheil an allen Erscheinungen der französischen
Literatur. Die Rerne äes ääenc monäes und alle irgendwie be-
deutenden französischen Journale waren Gegenstände der täg-
lichen Unterhaltung. Man hatte dabei, namentlich die zahl-
reichen Russen, die sich in der Gesellschaft befanden, eine aus-
gesprochene Vorliebe für jene Art von Sozialismus, wie sie
sich in den französischen Romanen kundgab; aber über Das,
was sich Soziales in der nächsten Nähe zutrug, glitt man
leicht hinweg.
Der Einfluß der Geistlichkeit war allmächtig, und die
vornehmsten Prälaten verschmähten es nicht, ihren Vortheil,
wie ihre Zuneigungen und Abneigungen bis in die intimsten
Angelegenheiten des Familienlebens geltend zu machen. Ein
sehr merkwürdiges Bild von diesem Einfluß der Geistlichkeit,
wie von dem Leben in den aristokratischen Familien und in
den von der Aristokratie begünstigten und für ihre Mitglieder
benutzten Klöstern, bieten die Memoiren einer Nonne dar, der
Gräfin Henriette Caracciolo, die sie veröffentlichte, als Neapel
in das neue Königreich Jtalien aufgenommen und die Klöster
aufgehoben worden waren. Sie hat sich später mit einem
bürgerlichen Advokaten verheirathet.
In Sizilien aber sah es, wie man mir in dort lebenden
deutschen und sehr gebildeten Familien berichtete, mit den
Sitten der begüterten Familien und des Adels noch weit
schlimmer aus. Die ärgsten Ausschreitungen gegen die Sittlich-
keit waren in den Familien gang und gäbe. Mann und
Frau hatten gelegentlich ihre Geliebte und ihren Liebhaber
unter irgend welchem annehmbaren Titel zu ständigen Haus-

- PZH -
genossen. Die partis guarrss war vollständig eingerichtet. Der
Hausgeistliche und Beichtvater machte den Vertrauten und
Vermittler zwischen den verschiedenen Theilen, und weil Jeder
seines Beistandes bedürftig war, und namentlich die Frauen
darauf hielten, sich ihre Sünden vergeben zu lassen, war der
Einfluß der Geistlichkeit, die durch den geradezu noch heidnischen
Aberglauben in den unteren Volksschichten unbedingt herrschte,
auch in den begüterten Familien fest begründet; um so mehr,
als auch unter den Frauen der wohlhabenden Stände die
Unwissenheit unglaublich war.
Indeß trotz der sinnlichen Genußsucht, trotz der sehr ver-
breiteten Sittenverderbniß, troz der Unwissenheit und Gedanken-
losigkeit der großen Mehrzahl, gab es in Neapel einen Kreis
von Männern und Frauen, in denen die Erinnerung an die
von den Bourbonen mit Schwert und Strick niedergeworfene
Revolution nicht erloschen war. Es lebten noch die Angehörigen
der Männer, welche die blutdürstige Reaktion an den Galgen
und auf den Hochgerichten hatte sterben lassen. Ihr Gedächtniß
war treu und fest, und das ,hunge Jtalien' hatte seine An-
hänger und Mitglieder vom Fuß der Alpen bis zum Meere.
Hie und da tauchte, wenn man mit gebildeten Adeligen oder
mit Personen aus den bürgerlichen gebildeten Kreisen, mit
Aerzten, Gelehrten, Kaufleuten zusammentraf, ganz unerwartet
und ganz rücksichtslos eine das Gouvernement oder die Geist-
lichkeit bittertadelndeAeußerung, ja eine fluchende Verwünschung
derselben auf. Im niedern Volke sprach sich die Unzufriedenheit
mit den Zuständen meist in einer Sehnsucht nach der frühern
Franzosenzeit, nach der Regierung Joachim Murat's aus, der
im Munde des Volkes nur als ,der brave Gioaccchino'' lebte,
und der, weil er durch die verhaßten Bourbons erschossen
worden, sich für das Bewußtsein der Menge halbwegs in einen
Heiligen verwandelt hatte.

= PZE -
Die Unsicherheit im Lande entsprach den übrigen Zuständen.
Die Regierung paktirte mit den Briganten, ohne sich, wenn
die Gelegenheit ihr günstig war, vor offenem Verrath an den
Briganten zu scheuen; und das Landvolk paktirte ebenfalls
mit ihnen, hielt ihnen aber aus Furcht dieZusagen besser als die
Regierung, und trat aus Abneigung gegen diese auf Seite
der Briganten, wenn es zwischen diesen und jener einmal zu
ernsten Zusammenstößen kam. Kurz, von den äußersten
Nordgrenzen des österreichischen Jtaliens bis hinab zu den
italienischen Inseln, überall die höchste Unwissenheit im Volke,
überall. Mißregierung, überall Mißtrauen und Mißwollen
zwischen den Herrschern und den Beherrschten; und über sie
Beide mächtig, eine selbstsüchtige, habsüchtige, einzig auf ihre
Zwecke gestellte Geistlichkeit, aus welcher denn hie und da, wie
Sterne aus tiefer Nacht, einzelne erhabene Charaktere auf-
tauchten: Männer, in denen eine ideale Auffassung des Christen-
thums und ihres Berufes neben einer begeisterten Liebe für
ihr Vaterland lebendig war.
Natürlich wurden diese von ihren geistlichen Vorgesettten
mit Unerbittlichkeit verfolgt, wie das Leben eines der bedeu-
tendsten unter ihnen, des bolognesischen BarnabiterMönches
Hugo Bassi es beweist, dessen Auftreten in die ersten dreißiger
Jahre dieses Jahrhunderts üel, und der schon damals dem
Gedanken an die Einheit Jtaliens von der Kanzel Worte zu
geben wagte. Stahr hat einen Lebensumriß des im Jahre
1819 am 1. August von den Oesterreichern standrechtlich er-
schossenen und als Märtyrer gestorbenen Mannes, in unserm
gemeinsamen Buche: ,Ein Winter in Rom'' geliefert, der für
die Tyrannei jener Tage ein allseitiges und sehr sprechen-
des Zeugniß bietet. -- Diese Tyrannei der Kirche gegen
ihre Diener kann und wird aber nicht enden, so lange die

PZ? -
Kirche besteht, denn sie ist für dieselbe Bedingung ihres
Bestehens.
Ich hatte Neapel verlassen, und war von der mir be-
freundeten Famile des Kammerherrn Baron von Schwanen-
feld eingeladen, zu ihr nach Ischia gegangen, als uns die
Nachrichten von dem Tode des Papstes Gregor des R..
von der Erhebung des Kardinals Mastai Ferretti auf den
päpstlichen Thron erreichten; und noch erinnere ich mich sehr
deutlich der Freude, mit welcher die ersten Regierungsakte
des neuen Papstes in Jtalien aufgenommen wurden.
Namentlich in Neapel - ich brachte über ein halbes
Jahr in Neapel und in seinen Umgebungen zu -= wo die
Kerker voll von politischen Gefangenen waren, riefen die
Amnestie, mit welcher der neue Papst seinen Regierungs-
antritt bezeichnete, wie die Verheißung grüündlicher, im Sinne
der Freiheit zu machender Reformen eine wahre Begeisterung
hervor. Wie man es von Carlo Alberto seiner Zeit be-
hauptet, daß er in seiner Jugend ein Mitglied der in der
Mitte der zwanziger Jahre untergegangenen geheimen Gesell-
schaft der Carbonari gewesen sei, so wurde das Gleiche auch
von Pius dem l. geglaubt. Als dann nach dem Vorgange
des Papstes auch Carlo Alberto den Weg zu einer freiern
Gestaltung der Staatsverhältnisse betrat, wurden jene Gerüchte
fir die leichtbewegliche, schnell entzündete Phantasie des Volkes
eine Neberzeugungssache, und man erwartete von dem neuen
Vapste nicht mehr und nicht minder, als daß er, der ver-
kündete Nachfolger Christi, nun der Erde den Beginn des
tausendjährigen Neiches und das goldene Zeitalter bringen
werde. Tie Begeisterung für ihn war so groß, daß selbst
sehr arme Männer und Frauen auf Ischia die ersten mit
dem Bilde des ,Wohlthäters der Menschheit'' geprägten

==- PZZ =
Silberstücke, deren fie habhaft wurden, nicht für ihren Bedarf
verwendeten, sondern sie durchschlagen oder mit Henkeln ver-
sehen ließen, um sie als Amulete um den Hals zu hängen.
Und in der That, man darf behaupten, das Pius K.
mit idealistischen Gedanken auf den Thron des heiligen
Vaters gestiegen ist, daß ihm Etwas wie die Rolle eines
neuschaffenden Weltbeglückers vorgeschwebt, als er sich die
dreifache Krone auf das Haupt gesetzt hat. Jett, wo man
seine nahezu zweiunddreißigjährige Regierungszeit im Ganzen
überschauen kann, tritt für mich jene Aehnlichkeit zwischen
seinem Charakter und dem Charakter des Preußenkönigs
Friedrich Wilhelm ., die uns in dem Aeußern der beiden
Herrscher gleich damals aufgefallen war, in überraschender
Weise hervor, und diese äußere Aehnlichkeit war noch größer
geworden, da wir den Papst in Rom zwanzig Jahre später
als Greis wiedersahen. Es waren dieselbe Feinheit der
ursprünglichen Gesichtsformen, die weiche, fast weibliche Fülle
der Wangen und des Kinnes, die frischen Farben, das geist-
reiche und spöttische Lächeln, und der bei aller Freundlichkeit
unverkennbar stolze Ausdruck beiden Herrschern gemein; wie
sich die Erkenntniß von den Ansprüchen des neunzehnten
Jahrhunderts in Beiden mit einer ganz orthodoxen Glaubens-
richtung zusammenfand, welche, im Mittelalter wurzelnd, in
Einem wie in dem Andern die Neberzeugung erweckte, daß
sie an ihre, ihnen direkt von Gott zugewiesene Machtvoll-
kommenheit nicht rühren lassen dürften; daß sie bestimmt
seien, das Ideal königlicher und päpstlicher Würde darzu-
stellen, nach dem Bilde, welches sie selber von diesem Ideale
in sich trugen. Sie traten Beide mit einem durchaus persön-
lichen Akte ihrem Volke entgegen. Beide viel versprechend,
große Hoffnungen durch ihre ersten Aeußerungen erregend,
Beide begierig nach jener Liebe des Volkes, welche persönliche

- 1Zß -
Einwirkung auf die Massen und persönliche Berührung mit
dem Einzelnen verleihen; und Beide sofort erschreckend, als
die von ihnen beherrschten Völker sich geneigt zeigten, sie
beim Wort zu nehmen und die Umsetzung der unbestimmten
Zusagen in Zugeständnisse zu verlangen, wie das jetzige
Bewußtsein der Völker sie für die Theilnahme an der Macht,
für die konstitutionelle Mitregierung fordert. Selbst die
Neigung, denjenigen Männern in Person zu begegnen, welche
sich zu den Organen der den Regenten nicht mehr erwünschten
Freiheitsforderungen machten, fand sich bei Pius K. wie
bei Friedrich Wilhelm 1.; und wenn ich auch weit davon
entfernt bin, den als Märtyrer im Kampfe für die über-
wundene römische Republik untergegangenen Hugo Bassi mit
dem Dichter der Lieder oines Lebendigen zu vergleichen, so
war die Idee, in welcher der König den damals gefeierten
Dichter vor sich kommen ließ, dem Gedankengange sicher
ähnlich, der den Papst bestimmte, Hugo Bassi zu sich zu be-
scheiden. ,Wir wollen ehrliche Feinde sein!r hatte der König
gesagt, als er Herwegh nach längerm Zwiegespräch entließ.
,Welch ein edles Herz ist Pater Bassi!r rief der Papst aus,
nachdem er den jungen BarnabiterMönch mnter Thränen der
Rührung umarmt hatte. Aber weder die Freiheitsideen des
Dichters, noch die erhabenen Ziele des Mönches waren nach
dem Sinn der beiden ,Selbstherrscherr und Beide scheiterten,
wie Stahr es von Friedrich Wilhelm M. in seiner Geschichte
der preußischen Revolution genannt hat, an dem unlösbaren
Problem: zu geben ohne aufzugeben! -
Beide wurden durch Das, was sie den Undank des
Volkes nannten, jedem, auch dem gerechtesten Verlangen des
Volkes feindlich; und während sie selber dazu beigetragen
hatten, die Bewegung in den von ihnen regierten Völkern
zu erzeugen, kamen sie dahin, diese Bewegung plötzlich hemmen

-= 1g --
und stauen zu wollen, und die Revolution heraufzubeschwören,
durch den in das Leben getretenen Gegensatz der Volksideen
und ihrer eigenen Ideen von Volksbeglückung durch des
Fürsten Gnade. Wäre Friedrich Wilhelm 1. Katholik ge-
wesen, hätte er statt des Throns von Preußen den päpstlichen
Thron eingenommen, so hätte er auch allmälig aus einer
mißverstandenen kirchlichen Auffassung von dem gottgegebenen
Beruf des Herrschers, dahin gelangen können, an die
Infallibilität des Gesalbten zu glauben und sie, wenn er die
Macht dazu besessen hätte, zum allgemeinen Glaubenssatze
erheben zu wollen.
Im Herbste des Jahres 1S4s, als ich Jtalien verließ,
war aber der Glaube an Pius lK. noch in seiner ersten
Zuversicht, und wohin ich auf meiner Durchreise durch Jtalien
kam, überall hörte man Aeußerungen der Bewunderung und
der Verehrung über und für ihn; üüberall hoffte man durch
ihn zu einer Wiedergeburt Jtaliens zu gelangen.
Auch auf dem Dampfschiffe, welches uns von Neapel
nach Livorno brachte, und auf welchem sich eine nicht unbe-
trächtliche Anzahl von gelchrten Jtalienern befand, war viel
von den Hoffnungen die Rede, welche man für die Zukunft
Jtaliens hegte, das man auch in dieser Gesellschaft bereits
als eine Einheit zu betrachten anfing. Es waren zum großen
uheil Männer, welche sich zu einer der ,Gelehrtenversamm-
lungen begaben, die von dem Fürsten Carlo Canino, dem
ältesten Sohne Lucian Bonoparte's, begründet worden waren,
und in denen sich mehr und mehr die italienischen Patrioten
zufammenfanden, kennen lernten, und für die Einigung ihres
Vaterlandes vorzubereiten begannen.
Der Zufall fügte es, daß der Prinz und sein Begleiter
meine Tischnachbarn waren. Ter Prinz war damals ein
Mann gegen das Ende der vierziger Jahre, mittelgroß und

b- PI -
stark wie alle Bonoparte's; und auch sein Gesicht zeigte den
scharf ausgeprägten Typus des Geschlechtes. Es war von
den allgemeinen politischen Zuständen Europa's, von der
religiösen Bewegung in Deutschland, von den Lichtfreunden,
den Deutschkatholiken, von den Aussichten auf eine konstitutio-
nelle Gesetgebung in Preußen die Rede. Der Prinz sagte,
daß er sich für deutsche Literatur interessire, daß seine Gattin
-- sie war eine Tochter des Prinzen Joseph Bonoparte -
unserer Sprache mächtig sei und Schiller'sche Dramen in das
Jtalienische übersetzt habe. Auch der junge Begleiter des
Prinzen, Ur. Luigi Masi, der ihm bei seinen wissenschaftlichen
und literarischen Arbeiten zur Hand ging - der Fürst von
Canino war Zoolog- nahm an diesen Unterhaltungen in
einer sehr geistreichen, oft mit schlagenden Einfällen und
Worten entscheidenden Weise Theil. Er mochte kaum in der
Mitte der Zwanziger sein, war eher klein als groß, schlank
und beweglich; und die gemeinsame Fahrt hatte uns so viele
gute Stunden geboten, daß ich, nur durch die Nothwendigkeit
dazu gezwungen, darauf verzichtete, nach dem Vorschlag dieser
Reisegefährten bis Genua mitzugehen und der Gelehrtenver-
sammlung beizuwohnen, statt in Livorno zu landen.
Beide Männer sah ich danach nicht wieder. Der Prinz
starb 185s, aber seinen Sohn, den Kardinal Bonwparte,
Groß-Almosenier des Papstes, zeigte man mir zwanzig Jahre
später bei einer der großen Funktionen im Sankt Peter, und
erwähnte dabei, er stehe bei Pius K. in besonderer Gunst,
was man als bedrohlich ansah.
Nur von Pr. Masi hörte ich in Zwischenräumen wieder.
Er schrieb mir ein paar Mal, schickte mir später einzelne
Blätter eines von ihm begründeten politischen Journals, dann
verschwand er aus meinem Gesichtskreis, bis ich ihn in den
Kriegen für die italienische Freiheit und Einheit unter den

- TL --
hervorragenden Offizieren genannt fand. Und am W. Oktober
1870 war er es, General Masi, der an der Spitze der
italienischen Armee den Einzug hielt in die, dem Vater-
lande wiedergegebene alte unvergleichliche Tiberstadt, in die
ewige Roma.
Viele Jahre waren vergangen, wir waren viel herum-
gekommen, Jtalien hatten wir nicht wiedergesehen; aber wir
waren seiner Entwickelung mit unausgesetter Theilnahme ge-
folgt, als wir im Herbst des Jahres 1858 in Paris in dem
Hause Daniel. Stern's der als Geschichtsschreiber bekannten
und bedeutenden Gräfin Marie d'Agoults, dem ehemaligen
Diktator Venedigs, Daniello Manin begegneten.
Auch sein Auftreten hatte sich an die italienischen Ges
lehrten-Gesellschaften geknüpft, in welchen er mit der in seiner
advokatorischen Praxis erworbenen Gesetzkennmiß und Geschick-
lichkeit der österreichischen Regierung eine sehr feste und ent-
schiedene Opposition zu machen begonnen hatte. Aber von dem
Laufe der Ereignisse, welche er schaffen geholfen, weit und weiter
fortgetragen, hatte er am E. März 14S die österreichische
Herrschaft in Venedig gestürzt, später die Diktatur in Venedig
ausgeübt, und die Stadt heldenmüthig gegen die unverhältniß-
mäßige Nebermacht der esterreicher vertheidigt, bis Hunger
und die in der Lagunen - Stadt wüthende Cholera ihn am
. August 14 zur Nebergabe derselben genöthigt.
Als wir Manin sahen, lebte er in großer Zurückgezogen-
heit in Paris, sein und seiner kranken Tochter Dasein mit
dem Ertrag des Unterrichtes fristend, den er als Lehrer der
italienischen Sprache ertheilte. Seine Frau war ihm gleich
bei seiner Ankunft in Frankreich, sein treuester Freund am
Vorabend seines Scheidens aus der Vaterstadt gestorben. Er

JZ -
selbst war krank an einem Herzübel, das ihn im Jahre 185?
hinraffte. Aber obschon man seinem bleichen Antlitz die
Spuren des Leidens, seiner breiten, von langem, schwarzen
Haar umwallten Stirn die Gedankenarbeit seines mächtigen
Geistes ansah, war nichts Nervöses oder Aufgeregtes in seiner
Erscheinung oder in seiner Ausdrucksweise zu bemerken. Er
war im Gegentheil so gehalten und ruhig, so sanft bestimmt
in Allem, was er sagte und wie er's sagte, daß man kaum
den Südländer und noch weniger die Abstammung von einer
jüdischen Familie in ihm vermuthen komnte. Er war eine
nicht eben große, breitschulterige Gestalt, welcher der kräftige
Kopf auf kurzem Halse saß, was an ihm den Ausdruck von
Festigkeit erhöhte. Die Nase war stumpf, der Mund ziemlich
groß, die starken Lippen fest und energisch geschlossen, das
Kinn sehr kraftvoll. Stehend, legte er beim Sprechen die
Hände öfter auf den Rücken zusammen, was immer ein ge-
wisses in sich selbst Beruhen anzeigt; aber wenn er sich im
Sitzen zu der mit ihm sprechenden Person hinüberneigte,
wurde seine Physiognomie sehr weich, sein Mienenspiel belebt,
und seine Züge so sanft wie seine Worte.
Mild und versöhnlich war auch seine Politik; oder soll
ich sagen das Bild, das er sich von der durch fortschreitende
Gesittung umgestalteten Zukunft Europa's machte, war ein
friedliches und schönes. Er sprach mit schmerzlicher Resig-
nation von dem augenblicklichen Schicksal seines Vaterlandes,
hörte antheilvoll, was Stahr ihm über die in unserer Heimat
damals herrschende Reaktion berichtete, und sagte, als der
Letztere ihn an einem der folgenden Tage in seiner Wohnung
auffuchte - ich schreibe diese Worte nach Stahr's Aufzeich-
nungen in seinen ,HerbstMonaten in Oberitalien'? - ,Ge-
ran R arrA aaa

== IIg -
kung der heimischen Reaktion, von der Sie sprechen, läßt sich
immer Etwas thun, man darf nur nicht müde werden. E
giebt eine Wahrheit, die man ohne Gefahr verfechten kann,
und diese Wahrheit, in welcher die ganze Zukunft Jtaliens
enthalten ist, lautet für Deutschland: Was Du nicht willst,
daß man Dir thue, das thue selbst keinem Andern! Sie
wollen eine unabhängige Nation werden, wir auch. Nationen
aber sind Individuen wie wir Einzelne. Das Wohlergehen
und die Unabhängigkeit, Bildung und Selbstherrlichkeit der
einen Nation, kann daher nie ein Hinderniß, sondern nur
eine Förderung des Wohlergehens und der Unabhängigkeit,
der Bildung und Selbstherrlichkeit der andern sein. Predigen
Sie und Ihre Freunde diese Wahrheit! Sie ist das Funda-
ment der neuen Zukunft für alle Völker Europa's, wie sie
die Erfüllung des Christenthums ist, das man durch die
jetzige politische Praxis der Herrschaft und des Einflusses ver-
leugnet, während man es mit den Lippen bekennt!
Manin tarb zwei Jahre danach! Er hatte gewußt,
weshalb er, der italienische Patriot, den Beistand stolz zurück-
gewiesen hatte, den der Kaiser der Franzosen, und ebenso
verschiedene französische Bürger ihm persönlich in seiner
Armuth angeboten hatten. Er hatte es nicht vergessen, daß
es die französische Republik gewesen war, welche der freien
Entschließung der Jtaliener, sich nach ihrem Verlangen üaat-
lich einzurichten, überall und zu allen Zeiten aus selbst-
süchtigen Gründen entgegen getreten war. Er hatte weder
vergessen, was die erste Republik an Venedig, noch was die
zweite gegen Rom gesündigt hatte; und er verschmähte es,
Hülfe von dem neuen Kaiser der Franzosen anzunehmen, der
in Frankreich jene Politik der unberufenen Einmischung in
die Entwickelung der anderen Nationen, welche Manin als
eine unchristliche Politik bezeichnete, mit leichtsinniger Ver-

IH -
messenheit bis zu dem Gipfel führte, von dem er endlich
selber niedergeworfen werden mußte.
Im Jahre 185S aber, als wir zwölf Jahre nach unserm
ersten langen Aufenthalte in Jtalien, wieder einmal die Alpen
überschritten hatten, war der französische Einfluß in Jtalien
in vollster Blüthe, und diente, je nachdem es den Planen der
französischen Regierung paßte, in Sardinien der geistigen und
nationalen Befreiung, in Rom der, diese beiden Strömungen
niederhaltenden päpstlichen Tyramnei:
Außer in dem Königreich Sardinien war die Freiheits-
bewegung der Jahre 148 und 1O in ganz Jtalien nieder-
geworfen, der Druck, der auf den verschiedenen Ländern
lastete, schwerer als zuvor, das Mißtrauen der Fürsten, der
Haß der Völker tiefer als je. In Sicilien und in Neapel
war die Reaktion unerbittlich, die Verfolgung aller in der
Freiheitsbewegung betheiligt Gewesenen von schonungsloser
Grausamkeit.
Der Papst seinerseits hatte es seinen Unterthanen nicht
vergessen und vergeben, wie sie ihn gezwungen, nach Gasta
zu fliehen. Die Franzosen, welche ihn wieder in seine Staaten
eingesetzt hatten und zu seinem Schutze im Lande geblieben,
waren die Herren und Gebieter im Lande. Die Jesuiten
übten im Vatikan eine besondere geheime Herrschaft aus.
Das hoffnungsreiche: Eeeieu Mo K., das uns durch ganz
Jtalien umtönte, als wir die Halbinsel einst verlassen, war
längst verstummt. Schon in Chur, noch ehe wir in Jtalien
eingetreten waren, hatten wir die dort beschäftigten nord-
italienischen Steinmetzen im Abenddämmerlichte italienische
Freiheitslieder singen hören. Die Namen Cavour, Victor
Emanuel und Garibaldi waren an die Stelle von Pius K.
getreten.
Wir machten zuerst einen Aufenthalt am Comersee, in
F. Le nald, Reisebriefe.

=- PIH ==
einem jetzt eingegangenen sehr angenehmen Gasthof am öst-
lichen Ufer des Sees, in Cadenabbia. Das Haus war fast
ganz von Jtalienern, von Mailändern und Bewohnern der
Brianza eingenommen, welche dort die Herbstvilleggiatur den
September und Oktober hindurch genießen wollten. Es waren
keine adeligen Familien darunter, die Gesellschaft bestand aus
Kaufleuten, Advokaten und anderen studirten Männern mit
ihren Frauen und Kindern. Wir waren die einzigen Deutschen
unter ihnen, und unsere Theilnahme an dem Schicksal Jtaliens
machte uns bald heimisch in ihrem Kreise. Die politische
Lage ihres Vaterlandes war das tägliche Gespräch. Niemand
hatte es jetzt noch ein Hehl, wie fest man entschlossen sei, die
österreichische Herrschaft sobald als möglich abzuschütteln und
den Anschluß an das Königreich Sardinien durchzusetzen. Daß
zu diesem Zwecke Verbindungen und Vorbereitungen im Lande
vorhanden waren, das sagte Niemand; aber es fiel uns nicht
shwer, zu bemerken, wie bald hier, bald dort eine Zusammen-
kunft gehalten wurde, wie die Männer unter dem Vorgeben
von Jagd - und Fischfangspartien spät am Abend in das
Boot stiegen und im Morgendämmer wiederkehrten, wie oft
Besuche von den verschiedensten Gegenden plötzlich zu der
gleichen Zeit bei unseren Hausgenossen eintrafen; und mehr
als einmal fielen uns die Worte Freytag's ein, die er so
charakteristisch in seinem ,Soll und Habenr von den polnischen
Edelleuten sagt: ,Sie reiten zusammen und reiten von ein-
ander.?
Endlich sprach auch einer der jungen Männer, wenn
schon vorsichtig, es gegen uns aus, daß sich Etwas vorbereite,
und wie die halben Versöhnungsmaßregeln der österreichischen
Regierung, ebenso wie die Anstrengungen, welche der Erz-
herzog Maximilian als Generalgouverneur des Lombardisch-
Venetianischen Königreichs fortdauernd mache, die Neigung

=== Pg? --
und das Zutrauen der Mailänder zu gewinnen, ohne alle
Wirkung blieben.
,Es giebt für uns keine Versöhnung mit Oesterreich
mehr !r sagte er und sagten Alle. Er erzählte uns, wie der
Kaiser Franz Joseph und die schöne Kaiserin im November
von 156 in Mailand eingezogen waren, wie die Kaiserin
die italienischen Farben, ein grünes Kleid und einen weißen
Hut mit dunkelrothen Bändern getragen habe, wie aber außer
den Straßenbuben und einigem von der Polizei zusammen-
gebrachtem Volke kaum ein Jtaliener auf den Straßen gewesen
sei, die Landesbeherrscher zu begrüßen. Man hatte die Laden
der Fenster geschlossen, kein Bürger hatte sich sehen lassen, es
hatte todtes Schweigen auf den Straßen geherrscht, die Stadt
hatte ausgesehen, als wäre sie ausgestorben. Hinter den
Jalousieen verborgen, hatten die Frauen es beohachtet, wie
bleich die Kaiserin, wie finster der Kaiser ausgesehen; und
als Abends auf Befehl der Polizeibehörden die Häuser er-
leuchtet werden mußten und die kaiserlichen Herrschaften einen
Umzug hielten, die Jllumination zu betrachten, war der Ein-
druck der menschenleeren Straßen noch schrecklicher als am
Tage gewesen. Auch der längere Aufenthalt des kaiserlichen
Paares in Mailand hatte zur Verbesserung der Stimmung
nichts gefruchtet, und ebenso war es geblieben, seit der
Erzherzog Maximilian mit seiner Gemahlin in Mailand
residirte.
Er hatte bald nach seiner Ankunft einen Versuch gemacht,
sich den Adel durch sein Entgegenkommen zu gewinnen.
Radetzky hatte seiner Zeit das Kasino des Adels, welches der
Scala gegenüber gelegen war, in eine Kaserne verwandeln
lassen. Der Erzherzog gab es gleich nach seiner Ankunft der
Gesellschaft zurüc, die es besessen hatte, und sie ging sofort
heran, es wieder für ihre Zwecke, und zwar glänzender noch
p

PIK -
als zuvor, einrichten zu lassen. Die neue Einweihung sollte
mit einem Feste begangen werden, zu welchem man bereits
die Vorkehrungen traf. Da sprach der Erzherzog in verbind-
licher Weise das Verlangen aus, Mitglied des Klubs zu
werden, und an dem folgenden Tage löste die Gesellschaft sich
als solche auf und man vermiethete das Gebäude einem
Kaffee- und Speisewirth. - Solcher Züge gab es die Menge.
Als wir derselben bald danach gegen einen unserer deutschen
regierenden Fürsten Erwähnung thaten, konnte er sie durch
persönlich in Mailand gemachte Erfahrungen vermehren. Er
war in Mailand in dem nämlichen Jahre mit einem seiner
Vettern, der als Militär in österreichischen Diensten stand,
zu Pferde auf der Abendpromenade gewesen, hatte dort eine
auffallend schöne Frau in offenem Wagen halten sehen, den
Prinzen um ihren Namen gefcagt, und da dieser die Schöne
kannte, ihr vorgestellt zu werden gewünscht. ,Das kann ich
nicht machen!r hatte der Prinz entgegnet. ,Ich bin ihr auf
dem Balle vorgestellt worden, den der Kaiser hier gegeben hat
und den die Damen besuchen mußten. Als ich sie später auf
einem Balle bei dem Herzog von Litta angeredet und einen
Tanz von ihr gefordert habe, hat sie sich kurz weg von mir
abgewendet. Sie ist eine leidenschaftliche Patriotin und spricht
mit keinem Deutschen!r
Als wir dann selbst nach Mailand kamen, wo immer noch
die ,feindlichen Patrouillen' sich Morgens und Abends durch
ihre Umzüge kund gaben, wiederholten österreichische Offiziere,
mit denen wir ein paar Mal in einer kleinern deutschen Speise-
wirthschaft neben der Brera unsern Mittag zusammnen gegessen
hatten, uns Alles, was die Jtaliener über ihr Verhältniß zu
den Oesterreichern berichtet hatten. Sie bezeichneten ihren
Aufenthalt in Mailand als etwas äußerst Drückendes. Jn
keine italienische Familie gönnte man ihnen Zutritt. Man ver-

= JPß-
mied die Kaffee's und die Orte, welche das Militär besuchte.
Man hatte - und darin lag eine Charakterstärke und eine
Bürgschaft für die künftige Befreiung -- die Mißhandlungen
nicht verziehen, welche die italienischen Patrioten von der öster-
reichischen Regierung erlitten hatten. - Man zeigte uns dies-
mal bereitwillig den öden finstern Bau, die Gefängnisse von
Sta. Margherita in der Contrada di Sta. Margherita. Die
Leiden Pellico's und Maroncellis; die Stockschläge, welche
man Giacomo Ungarelli zuerkannt, waren ebenso wenig ver-
gessen, als die jedes Gefühl empörende Behandlung, welche
italienische Frauen in der letzten Revolution durch die Oester-
reicher erlitten hatten. Wir verließen Mailand mit der
festen Neberzeugung, daß vor der zornigen Entschlossenheit
der Jtaliener die österreichische Herrschaft in Jtalien nicht mehr
lange bestehen werde.
Bei der Fahrt über das Schlachtfeld von Novara hatten
wir im Eisenbahnwagen einen lombardischen Fabrikanten
und einen jungen Grafen Borromeo, einen hübschen noch
knabenhaften Jüngling, mit seinem geistlichen Erzieher zu
Gefährten. Der prachtvolle Komet jenes Jahres stand in aller
Herrlichkeit am Himmel und es kam die Rede darauf, daß das
Volk jetzt noch, wie in früheren Zeiten, den Vorboten großer
Ereignisse und Kriegsgefahren in demselben erblicken wolle.
, Eh! wer weiß!r rief der Fabrikant, ein großer, breitbrustiger
Mann, ,das Volk könnte Recht haben! wer weiß, was kommt?
Aber es ist nicht das Volk, das bei uns auf solche Einfälle
geräth, denn das Volk macht sich bei uns noch gar keine
Gedanken; es sind die Pfaffen, die es ihm in den Kopf setzen
und dem Volke einbilden, sie könnten es wegbeten, daß der
Schwanzstern die Erde berührt. Die Pfaffen schlagen Geld
aus Allem und die Regierung stützt sich auf die Pfaffen!r
rief er mit bitterm Lachen und erging sich dann ganz

= JH -
rückhaltlos in dem Aussprechen seiner antikirchlichen und
antideistischen Ansichten, so daß wir namentlich seinen Spott
gegen die Geistlichkeit in Gegenwart eines Geistlichen, der im
Beisein seines Schülers es nicht wol zu einem Streite über
diese Dinge kommen lassen, und eben so wenig sich mit dem-
selben aus dem dahinsausenden Waggon entfernen konnte,
als eine Unschicklichkeit und Grausamkeit empfanden. Aber
wohin man damals in Ober - Jtalien blickte und hörte, der
Haß und die Empörung gegen die bestehenden Zustände waren
bis zu einem Grade gestiegen, bei dem Jeder, so zu sagen,
die Scheide fortgeworfen und das Messer in die Hand ges
nommen hatte.
Es war nls ob man in eine andere Welt käme, so wie
man den Fuß auf den Boden des Königreichs Sardinien setzte
Alles war fortgeschritten in dem Lande. Genua war eine
ganz andere Stadt geworden. Während uns in Mailand ver-
schiedene deutsche und schweizer Kaufleute gesagt hatten, daß
man dort wie auf einem Vulkane in völligster Ungewißheit
über die Ereignisse des nächsten Tages lebe, und selbst ihr
bedeutender Einfluß uns auch damals noch nicht über die
Weitläufigkeiten forthelfen konnte, welche das Zollamt und
die Zensur uns bei der Ankunft der uns nachgesendeten
Korrekturbogen in den Weg gestellt, lagen in Genua auf den
Verkaufsständern der Straßenbuchhändler und Antiguare alle
die Schriften aus, welche in dem österreichischen Jtalien streng
verboten waren. Neberall. standen junge Geistliche, Soldaten,
ja selbst Knaben vor den Tischen dieser Buchhändler, lesend
und kaufend nach freier Wahl; und wohin man sich fragend
wendete, von den Chefs der großen deutschen Handlungss
häuser, von dem Hotelbesitzer bis zu dem Soldaten, der neben
uns im Kaffeehause saß, und bis zu dem Schiffer, der uns
in das Meer hinausfuhr, war Alles darin einstimmig, daß es

- Phh -
besser im Lande geworden sei. Es sei gut, daß die Kinder
jetzt alle lesen und schreiben und noch mehr als das in den
Schulen lernten. Selbst der Krieg -- der Krimkrieg -
habe das Land nicht geschädigt, weil neue gute Gesetze sein
Emporkommen möglich gemacht; und überall' war der Glaube
felsenfest, daß bald noch ganz andere Dinge gescheben, und
daß es im übrigen Jtalien auch bald anders werden würde.
Man hatte zu diesem Glauben guten Grund. Der sardinische
Staatsmann, Graf Cavour, welcher nach dem als Politiker,
als Maler und als Schriftsteller bedeutenden Marchese Massimo
d Azeglio an das Ruder des Staates gekommen war, hatte
von der einen Seite, der im Exil lebende ehemalige Diktator
Venedigs, Daniello Manin von der anderen Seite, den Ge-
danken angeregt, daß Jtalien nur durch Anschluß an das
bereits bedeutend gewordene, konstitutionell regierte Königreich
Sardinien, zur Einheit und Freiheit gelangen könne. Der
italienische Nationalverein war begründet worden. DenBeistand
Frankreichs gegen Oesterreich hatte sich Sardinien durch die
Heereserfolge im Krimkriege erkauft, die Armee hatte sich
versuchen, das Volk sich fühlen lernen.
,Wenn Sie in ein paar Jahren wiederkommen, wird
Vieles anders geworden sein!? hatten unsere Freunde in
Mailand, am Komersee und in Bergamo gesagt, und sagten
in Genua zuversichtlich lächelnd die Lffiziere, mit denen wir
bekannt geworden waren. Und in der That, es wurde an-
ders und in allerkürzester Frist.
Wir hatten Jtalien im Spätherbst von 158 verlassen.
Im Frühjahr von 159 wurden mit dem Beistand der Fran-
zosen die Schlachten von Magenta und Solferino gegen die
Oesterreicher siegreich ausgefochten. Die Lesterreicher hatten
die Lombardei geräumt und waren bis zum Mincio zurück-
gedrängt. Der Großherzog von Toskana, die Herzogin-Regentin

= PI? --
von Parma (Mdarie Louise, die Wittwe Napoleon's l. waren
durch Revolutionen aus ihren Ländern vertrieben worden,
die Romagna hatte sich von der päpstlichen Herrschaft befreit.
Jn Reapel, wo König Ferdinand gestorben und sein Sohn
Franz ll. ihm gefolgt war, hatten die Schweizergarden wegen
Empörung aufgelöst werden müssen; und auch aus dem süd-
lichen Jtalien blickte Alles hoffnungsvoll nach Norden hin. wo
Vichor Emanuel, begleitet und geleitet von Rapoleon Ül. am
i. Juni 159 in Mailand seinen Einzug gehalten hatte, wo
der Friede von Villafranca die Einigung Jtaliens und die
Macht des Königs von Sardinien wesentlich gefördert hatte.
Aber wie der Reisende Sindbad im orientalischen Mär-
chen, so hatte das wachsende und fortschreitende Jtalien von
da ab, und bis zum Tage von Sedan, seinen bösen Dämon,
die Abhängigkeit von Frankreich, in Gestalt Napoleon's des
Dritten, auf feinem Nacken siten, und wurde von ihm in
freier Bewegung gehemmt, zu Scheinhandlungen und Halb-
heiten gezwungen. Ja es war sogar genöthigt worden, die
Vortheile und Provinzen, welche es esterreich abgewonnen
hatte, als Geschenke aus der Hand Napoleon's des Dritten zu
empfangen; und diese anscheinenden Geschenke mit dem sehr
wirklichen Gegengeschenk von Savoyen und Nizza -- einen
Erwerb mit einem Verluste -= zu bezahlen.
Trotdem war Jtalien mächtig fortgeschritten, und als
wir im September von 16 wieder, und diesmal über den
Julier, nach Jtalien kamen, war das Königreich Sardinien
bereits zum Königreich Jtalien geworden.
Garibaldi hatte dem Könige Victor Emanuel das König-
reich Neapel erobert; aber Cavour, der Staatsmann, der
Jtaliens Denken, Wünschen und Hoffen in Thaten umgesest,
war todt. Unzufrieden und erbittert über das ,Salt !', wel-
ches Napoleon der Dritte dem italienischen Einigungswerk

== PHZ -
entgegengesett, hatte er sein Amt und die Führung des
Staates nach dem Frieden von Villafranca niedergelegt. Als
aber später, nach dem erfolglosen Kongreß zu Zürich, Jtalien
sich von seiner Abhängigkeit von Frankreich befreien zu wollen
schien, war er wieder an das Steuer getreten, hatte im Fe-
bruar von 16 das erste vereinigte italienische Parlament
eröffnet, und war mit höchster Energie auf dem Wege der
Neugestaltungen fortgeschritten, bis ihn eines jener heftigen
typhösen Fieber, die in Jtalien so schnell zerstörend sind, zu
Boden warf.
Der große Staatsmann Cavour war am S. Juni 16
gestorben; Jtalien hatte den größten Verlust erlitten, der es
in eben jenem Augenblick betreffen konnte. Die Trauer um
ihn war eine Landestrauer. Selbst in dem noch von Oester-
reich behaupteten Venedig stand man nicht an, ihr Ausdruck
zu geben. Patriotische Frauen aus den verschiedensten Stän-
den veranstalteten in Venedig eine religiöse Leichenfeier für
Eavour. Die österreichische Regierung zog sie dafür zur
Rechenschaft und setzte Geld- oder Gefängnißstrafen gegen sie
fest. Die vornehmsten unter diesen Frauen, eine Gräfin
Labbia, eine Signora GarettiGargnani, eine Signora Se-
condi, wählten die Gefängnißstrafe, obschon sie dieselbe unter
Verbrecherinnen abzubüßen hatten, und zahlten die ausgesetzte
Geldstrafe noch zum Nebrigen an die städtischen Armenkassen.
Man suchte die Gelegenheit, seinen Haß gegen Desterreich,
seine Liebe zum Vaterlande kund zu geben, und man kannte
aus vieljähriger Erfahrung die Macht der Demonstration,
die wir Deutsche noch immer unterschätzen.
Schon bei dem ersten Schritte in das Land hatte uns
an dem Grenzpfeiler das stolze ,keame ä' ltalia (Königreich
Jtaliens entgegengeleuchtet. Die zuvorkommende Leichtigkeit
und Freiheit der Zollbehörde, die weder unsere Pässe noch

= IZg -=
den Inhalt unserer Koffer zu sehen verlangte, sondern uns
mit dem freundlichen Wunsch einer glücklichen Reise passiren
ließ, hatte einen großen Gegensat zu den früheren öster-
reichischen Polizeiplackereien gebildet, und diese günstige Aen-
derung blieb sich an allen Orten und in allen Beziehungen
gleich.
Wir hatten zuerst einen Aufenthalt an den baummreichen
Ufern des Lago maggiore gemacht, waren darauf nach Maß-
land gegangen, um dortige Freunde wiederzusehen, und hat-
ten uns dann nach dem Comersee gewendet, an dessen aos=
lichem Ufer wir uns am Eingange des Sees von Lecco in
dem Städchen Varenna niederließen, weil wir dort ebenfalls
eine Weile in der Nähe befreundeter Personen zuzubringen
wünschten.
In Pgtennua, im Hause unserer Freunde, waren wir in
einem Kreise von Jtalianissimi. Der Herr des Hauses, Advo-
kat Venini, war zugleich Vorsteher des Ortes, seine Frau eine
hochgebildete, ja gelehrte und in den klassischen Sprachen
völlig bewanderte Frau, zugleich die tüchtigste Hausfrau, in
einfachster, fast ländlicher Kleidung im Kreise ihrer Mägde
schaffend und arbeitend. Da seine Geschäfte den Hausherrn
sehr in Anspruch nahmen, hatte die Mutter allein, ohne einen
Hülfslehrer, die beiden Söhne des Hauses in den Wissen-
schaften bis zu dem Punkte gebracht, der sie zum Eintritt in
die obersten Klassen eines Kollegiums berechtigte, aber der
Krieg von 59 hatte in den stillen Studien der Söhne eine
plötzliche Unterbrechung herbeigeführt. Heimlich und bei Nacht-
zeit war der laum dem Knabenalter entwachsene älteste Sohn mit
einem Freunde aus dem Vaterhause entflohen, um zu den
Freischaaren zu stoßen, welche Garibaldi am Comersee ver-
sammelt hatte. Die jungen Leute hatten das Boot des hart
am See gelegenen Hauses benutzt, waren in der Nacht ein

== PHJ -
Ende abwärts gerudert und dann zu Fuß durch das Gebirge
gegangen, bis sie den Sammelplat der Freischaaren erreicht.
Dort hatte Signora Venini den Knaben wieder eingeholt,
und man war zufrieden gewesen ihn der Mutter zurückzugeben,
weil er in der That noch nicht die Körperstärke für solche
Unternehmung besessen hatte. Aber er war ihr mit Wieder-
streben in die Heimat gefolgt, und sein kindisch pathetischer
Ausruf: wenn ich zu schwach bin, so ladet mich in die Kanone
und schießt mich gegen die Oesterreicher, damit ich ihnen doch
auch Schaden thue! hatte selbst den Kommandirenden gerührt.
Als wir nach Varenna kamen, war der junge Mensch
nicht mehr im Hause, sondern auf einer Militärakademie,
und der andere, für eine gelehrte Laufbahn bestimmte
Sohn, ordnete in den oberen Zimmern der Villa die
Bibliothek des in Padua beim Ausbruch der Erhebung
von 159 ermordeten Professors Ripamonte, welche der
Signora Venini, der Nichte des Ermordeten, als Erbe zu-
gefallen war. Als sie der Thatsache Erwähnung that, sagte
sie: ,Es war ein furchtbares Ereigniß und es traf uns mit
seiner Plötzlichkeit und Gewaltsamkeit sehr schwer; aber -
ihn hatte das Volksurtheil nicht unverdient ereilt. Er war
immer ein Verbündeter und Anhänger der Oesterreicher ge-
wesen, und er hatte kein Herz gehabt für sein Vaterland!r
Unten in dem Garten der Villa hatte man in einer Grotte
ein kleines Denkmal für die Freunde der Familie errichtet,
welche im Kampfe für das Vaterland gefallen waren. Dicht
daneben befand sich das Grab eines nahen Anverwandten,
der in Mailand noch in der Stunde, in welcher die Oester-
reicher für immer das Kastel auf der Piazza d'arme räumten,
ruhig und unbewaffnet über den Platz dahin schreitend, von
der Kugel eines Kroaten niedergeworfen war. Ein ganzer
Roman knüpfte sich an das Schicksal dieses liebenswürdigen

= PHs --
Mannes, eines Dr. Genari, dem wir bei unserm frühern
Besuche im Venini'schen Hause an der Seite seiner jungen
schönen Gattin flüchtig begegnet waren. Mit der Leiche ihres
Mannes und ihrem noch ganz kleinen Kinde war die unglück-
liche junge Wittwe aus Mailand zu ihren Angehörigen an
den See gekommen, hatte dem Manne hier die letzte Ruhe-
stätte bereitet, ihr Kind der Pflege ihrer mütterlichen Freundin
überlassen, und war fortgegangen, um als Krankenpflegerin
in den Lazarethen ein Leben, das ihr selber in dem Augen-
blicke werthlos geworden war, für andere Leidende noch
nutzbar zu machen und ihren Schmerz durch Thätigkeit zu
bekämpfen.
Allabendlich kam man in zwangloser Weise, wirklich nur
zum Plaudern, im Hause unserer Freunde zusammen, und
die leichte und formvolle Sitte, in welcher die den ver-
schiedensten Ständen angehörenden Personen sich zu einander
stellten, konnte als mustergiltig angesehen werden. Es kamen
mitunter aus den benachbarten Ortschaften und von den ver-
schiedensten Punkten des Sees, Familien mit großen Namen
unerwartet zum Besuch, welche, in Mailand, Como, Monza
und der Brianza ansässig, ihren Herbst am See verlebten;
es kamen Künstler vom andern Ufer aus der Vila Riccardo
herüber, in welcher der große Musikverleger offenes Haus
hielt. Das hinderte aber gar nicht, daß ebenso die schöne
Wirthin des Hotels Marcionni, in dem wir wohnten, nach
gethaner Arbeit als Gast sich in dem Salon einfand und
gelegentlich auch einen ihrer Gäste mitbrachte, den sie für die
Aufnahme in dem edeln Hause geeignet glaubte. Heiterer,
zwangloser, geistig angeregter ist mir selten eine Gesellschaft
erschienen; und ich habe dort es recht deutlich empfunden,
U ra: E

- 1H? --
Deutschland die geistig fördersame Geselligkeit zu Grunde geht.
Man sprach bei einem Glase Eiswasser und einer Tasse ge-
eistem oder heißem Thee, mit voller Freiheit und Offenheit
alle großen Tagesfragen, und trot der Heiterkeit, sehr ernsthaft
durch. Ganz mit derselben offenen Freimüthigkeit sprach unsere
Freundin auch an einem der folgenden Tage, an welchem sie
mit uns über den See gen Menaggio fuhr, um uns zu der
auf den Höhen gelegenen Villa von Massimo d'Azeglio zu
führen, sich in Gegenwart der beiden Bootführer, es waren
zwei Garten- und Feldarbeiter des Hauses, die uns hinüber-
ruderten, über die Zukunft Jtaliens und über die übeln
Einflüsse aus, welche die katholische Geistlichkeit noch immer
auf das geistige Vorwärtskommen des Volkes übe. Sie
tadelte die Unwissenheit und Trägheit, die durch das Coelibat
genährte Unsittlichkeit der Geistlichen. Sie beklagte das
Unheil, welches durch sie in viele Familien gebracht würde,
mit sehr entschiedenen Worten; und der eine der Rudernden,
ein älterer Mann, nickte dazu immer mit dem Kopfe, als ob
er Ja und Amen sagen wollte, wenn Signora Luisa ihre
Neberzeugung aussprach, daß auch für dieses Unwesen ein
Ende kommen werde.
Eben so rückhaltlos offene Unterhaltungen hörten wir,
wenn wir bald in dem, bald in jenem kleinen Orte einmal
vor einem der landesüblichen Kaffeehäuser saßen; und wir,
machten dabei wieder die schon in früheren Jahren gethane
Bemerkung, wie die anspruchslose, selbstgewisse Natürlichkeit,
mit welcher die Grundbesitzer und Edelleute sich bei ihren
Landaufenthalten an diesen öffentlichen Orten mitten unter
das Volk begaben, mit ihm an demselben Tische den Kaffee
tranken, mit ihm verkehrten und diskutirten, wesentlich dazu
beigetragen haben mußte, die Verbindungen zwischen den
Patrioten imnerhalb des Landes, und jene andere zwischen

= FHs --
ihnen und der piemontesischen Regierung zu ermöglichen und
lebendig zu erhalten, welche trotz der Wachsamkeit der öster-
reichischen Regierung seit dem Jahre 4S fortdauernd bestanden,
und die Revolution von 59 vorbereitet hatten.
In den großen Städten, in Pglgnd und Como, machte
sich die Wandlung der Verhältnisse noch viel auffallender
bemerkbar als in den kleinen Orten und auf dem Lande. Die
Freude über die Befreiung des Vaterlandes lag wie ein
Somnenschein über den Menschen. Die fremden Soldaten
marschirten nicht mehr drohend durch die Straßen, die öster-
reichischen Korporale mit dem Stock an der Seite waren ver-
schwunden. Leichten Schrittes gingen die italienischen
Bersaglieri mit den lustig wehenden Federbüschen an den
aufgeklappten Hüten, auf dem Corso Vittorio Emanuele einher.
Zivilisten und Militär mischten sich jetzt fröhlich vor den
Kaffeehäusern, italienische Frauen gingen am Arme der
Offiziere spazieren, das Kastell war nicht mehr ein Schrecken
der Bürger, das ganze Leben in den Straßen war flüssiger
und freier geworden. Die Auslagefenster der Buchläden -
diese Gradmesser des Volksgeistes und der Volksbildung -
hatten einen völlig veränderten Inhalt gewonnen. Die
Bilder des Königs und des vor wenig Monden gestorbenen
Grafen Cavour, waren in allen Größen und überall' vor-
handen. Sie fehlten selbst nicht in den Zimmern eines uns
befreundeten kunstgelehrten Geistlichen, der Rhetor am Dome,
und Besitzer einer schönen Sammlung von Kunstwerken ist.
Er besizt beiläufig den schönsten Erespi, den ich kemne. Selbst
die hochbetagte Mutter unseres Freundes, obschon wie der
Sohn dem katholischen Bekemntniß und der Kirche mit Innig-
keit ergeben, sprach mit fromm gefalteten Händen den Dank
gegen Gott über die Befreiung des Vaterlandes von der
harten Fremdherrschaft, und zugleich die Hofäung aus, daß

= J9 -
Gott auch Mittel und Wege finden werde, die vollständige
Einigung Jtaliens durch die Hinzufügung von Venedig und
des Kirchenstaats herbeizuführen, denn die Einigung des
Vaterlandes sei ja eine heilige Sache und stehe unter Gottes
Schutz! - Wie sich die treffliche Matrone die Stellung des
weltlichen Oberhauptes der Kirche zu dieser heiligen Sache
vorstellte, darüber sprach sie sich nicht aus; und es war nicht
an uns danach zu fcagen, da die Gesinnung an sich schon
merkwürdig und erfreulich genug war.
In Turin erhoben sich die Standbilder jener früheren
italienischen Patrioten: des Abbate Gioberti und des General
Pepe bereits bor den Augen alles Volk auf den Plätzen der
Stadt. Große Denksäulen nannten die Namen aller der
Männer, welche für dasZustandekommen der freisinnigen Gesetze
gestimmt hatten. Auch König Carlo Alberto, la spaäa ä'ltalia
das Schwert Jtaliens, der zuerst die Fahne für die Einigung
des Vaterlandes erhoben, wennschon er sie entmuthigt wieder
hatte fallen lassen, hgtte sein prächtiges Monument erhalten.
Als ergreifendstes von allen Ehrenstandbildern trat uns aber
die Statue des einfachen Soldaten, das Denkmal entgegen,
welches die Bürger des Landes als Zeichen ihres Dankes
eben in der Gestalt des einfachen Soldaten all' denjenigen
Braven errichtet hatten, welche in den Befreiungskämpfen
mitgefochten hatten; und es war auf dem Denkmal aus-
drücklich verzeichnet, daß Mailand und Venedig, obschon zur
Zeit der Aufrichtung des Standbildes noch unter öster-
reichischer Herrschaft, zu demselben ihren Betrag eingesendet
hatten.
Werke über Volkserziehung, über die Nothwendigkeit die
Klostererziehung nicht nur für die Knaben, sondern auch für
die Mädchen aufzuheben, und die Frauen in das Leben und
in eine gewerbliche Thätigkeit eintreten zu lassen, fanden wir

=- hZh --
selbst in den Kästen der fliegenden Buchhändler; und in allk
den Flugschriften, welche wir in die Hände bekamen, gingen
die Leidenschaft des Volksverlangens und die politische Be-
sonnenheit der Staatslenker einen so richtig zusammenpassenden
Schritt, daß man über den Sieg ihrer gemeinsamen Bestrebungen
durchaus nicht mehr im Zweifel sein konnte.
Unseren Bekannten von dem ersten Aufenthalt am Comer-
see, den schönen Vr. F. M., der Jura studirt und' in dem
Bankhause seines Vaters, in einem Assekuranzgeschäfte, mitge-
arbeitet hatte, fanden wir im Finanzministerium beschäftigt.
Wir erhielten nachträglich von ihm manchen Aufschluß über
jenes geheimnißvolle Kommen und Gehen der Männer, das
wir 158 am See beobachtet, und über dessen Zweck wir uns
in unseren Vermuthungen nicht geirrt hatten. Die äußerst
anmuthigen und für die italienische Sittengeschichte und Staats-
entwickelung höchst lehrreichen Memoiren vonMassimo d'Azeglio,
die nachdem unter dem Titel: ,l misi rieoräir erschienen sind,
gaben uns dann in weiterm Maßstab den Beleg dafür, wie
reiflich der Boden vorbereitet worden war, auf welchem im
gegebenen Augenblicke die Entwürfe in Thaten umgewandelt
wurden -- wie man zu warten und zu handeln verstanden.
Und man hat nach 16 noch geraume Zeit zu warten gehabt,
ehe wieder ein bedeutender Fortschritt zu der Einigung Jtaliens
gemacht werden konnte. Diesmal kam der Anstoß von Norden
her. Denn Preußen und seine damaligen Bundesgenossen in
Deutschland dürfen dreist behaupten, mit ihrer mächtigen Kraft
zu der abschließenden Neugestaltung Jtaliens ihr redlich und
dankenswerthes Theil gethan zu haben.
Der deutsche Krieg von 166 lag zwischen unserem eben
erwähnten Aufenthalte in OberFtalien und unserem Wieder-
sehen des uns so theuren Landes.

==- I! --
Es hatte inzwischen eine bedeutende geistige Amnäherung
zwischen Jtalien und Deutschland stattgefunden. Mit jedem
Jahre hatte die Zahl der jungen Gelehrten sich vermehrt,
die nach den in ihrem Vaterlande beendeten Universitätsstudien
gen Norden gekommen waren, diese Studien auf deutschen
Universitäten fortzuseten. Junge Aerzte, Archäologen, Chemiker,
Nationalökonomen, Philologen, Philosophen und der Land-
wirthschaft Beflissene aus den verschiedensten Theilen Jtaliens
hatten wir im Laufe der Jahre in unserm Hause gesehen.
Sie Alle waren durch gründliches Studium der deutschen
Sprache mehr oder minder mächtig geworden, und bei Vielen
von ihnen war durch vertrauten Verkehr in deutschen Familien
eine wirkliche Vorliebe für deutsches Leben und deutsche Häus-
lichkeit rege geworden.
,Wir können nicht nur deutsche Wissenschaft bei uns noch
sehr gebrauchen, es thäte uns auch gut, wenn wir deutsche
Frauen mit nach Hause bringen könnten !'' sagten einmal ein
paar junge sehr gebildete italienische Universitätsdocenten zu
mir, die sich auf Kosten ihrer Regierung lange in Deutsch-
land und in England aufgehalten hatten; und sie haben deutsche
Frauen heimgeführt. Daneben bemerkte man an anderen
Jtalienern wieder ein stolzes Abweisen des Fremden, ein sehr
einseitiges Pochen auf die einstige, seit hunderten von Jahren
nicht mehr vorhandene Neberlegenheit der italienischen Kultur
über die Kultur der anderen europäischen Völker, und ein
Neberschätzen dessen, was das gegenwärtige Jtalien an ererbter
Ausbildung der schönen Form in Sprache, Kunst und in
gesellschaftlicher Umgangsweise vor Deutschland, nach dem
Glauben jener Jtaliener noch voraus besaß. Es half nicht,
wenn man es ihnen vorhielt, daß in der nationalen Ent-
rrurr
F. Le wald, Reisebriefe.

=== PsZ -
wahrheit und Naturempfindung Goethe'scher Poesie, daß wir
Goethe und den Faust nicht gegen Dante und die göttliche
Komödie, Schiller nicht mit seinem Nachahmer Alsieri ver-
tauschen möchten, ohne daß wir deshalb die italienischen Dichter
herabzusetzen dächten; daß wir eben so wenig unsere, einem
nordischen Klima und seinen häuslichen Bedingungen ent-
sprossene Geselligkeit und unser Familienleben gegen die
italienische Sitte vertauschen könnten noch möchten, und daß
wir unsere eberlegenheit über andere Nationen, wenn von
Neberlegenheit überhaupt die Rede sein dürfe, wo man bei
reiflicher Erwägung vielmehr nur die, aus den jedesmaligen
Verhältnissen hervorgegangenen Besonderheiten anzuerkennen
habe, daß wir unsere Neberlegenheit vor Allem in den ver-
ständigen guten Willen settten, mit welchem die Deutschen
fremde Nationen und deren Literatur zu verstehen, und sich
das Gute derselben anzueignen bemüht gewesen wären. Das,
was Deutschland geworden sei, sei es geworden durch seine
Kraft, durch seinen Fleiß und seinen Ernst, wie durch die
Werthschätung und Benutzung dessen, was es an Jtalienern,
Franzosen, Engländern, Nachahmens - und Benutzenswerthes
gefunden und auf deutsche Verhältnisse übertragen, ihnen an-
gepaßt und eingefügt habe; und wenn Jtalien vorwärts-
kommen wolle, so müsse es den gleichen Weg einschlagen.
Eine sich in der Nationalität versteifende Entwickelung sei
ebenso verderblich, wie die blinde und verflachende Nachahmung
fremder Zustände. Der Kosmopolitismus, den man erstreben
müsse, schließe die einseitige Entwicklung der Nationalitäten
aus, aber es könne unter ihm auch nicht ein völliges Ver-
waschen des Nationalcharakters gemeint sein. Derjenige,
welcher im neunzehnten Jahrhundert noch daran glaube, daß
sein Volk der Inbegriff alles Könnens sei, daß sein Volk aus
sich heraus Alles Das erzeugen könne, oder erzeugt habe und

= PZZ -
erzeugen werde, was eben das Zusammenwirken der ver-
schiedenen nationalen Fähigkeiten für die Menschheit Förder-
sames hervorgebracht habe, sei eben solch' ein Thor, als jene
Jdealisten, welche Norweger, Sizilianer, Russen, Engländer
und die slovakischen Mäusefallenhändler durch plötzliche staat-
liche Umgestaltungen in den menschheitsbeglückenden Verband
der vereinigten europäischen Republiken hineinzuzwingen dächten.
Es war Ende Oktober, als wir achtzehn hundert sechs und
sechszig in Como zum erstenmale wieder mit Jtalienern innerhalb
ihres Landes in Berührung kamen. Wir trafen dort auf die
Offiziere der Garibaldischen Freischaaren, die sich dort nach be-
endetem Feldzuge zusammengefunden hatten, um ihre Abrech-
nungen und die Auflösung des Korps zu besorgen. Auf den
Schlachtfeldern vonBöhmen, auf denen dieösterreichischenHerrsch-
suchtsgelüste so weit sie Deutschland betrafen, in ihre Grenzen
zurückgewiesen worden waren, hatte das siegreiche Preußen mit
seinen deutschen Bundesgenossen für Jtaliens Befreiung mit-
gekämpft, das, den gegebenen Anstoß benutzend, auch wieder
gegen Oesterreichaufgestanden war;und abermals hatteNapoleon
der Dritte sich dazwischen gedrängt, hatte den beiden siegenden
Völkern die Erlangung ihres vollen Siegespreises unmöglich
gemacht. Preußen war nicht nach Wien gegangen, vor dessen
Thoren es gestanden. Es hatte mit der Einigung Deutschlands
am Maine Halt machen müssen, und Jtalien war genöthigt
worden, den ehrlichen Erwerb dieses Krieges, Venetien, wiederum
als ein Geschenk aus der Hand des Kaisers der Franzosen
hinzunehmen - der damit auf's Neue seine Schutzherrlichkeit
über Jtalien gefestigt hatte.
Unter den Garibaldinern war damals die Stimmung sehr
erbittert gegen Napoleon. Viele von ihnen, welche Garibaldi
in allen seinen italienischen Feldzügen gefolgt waren, hatten
es nicht vergessen, wie allein der französische Einfluß ihnen
1

= F8g -
den Tag von Aspromonte bereitet, wie französische Truppen
in Rom die vollständige Einigung Jtaliens immer noch un-
möglich machten; und wir wurden in dem Kreise der Männer,
mit denen wir damals in Como beisammen waren, um unserer
Nationalität willen mit großer Wärme begrüßt, mit Zutrauen
und Herzlichkeit empfangen.
Sie sprachen es aus, wie lebhaft ,der General' eine feste
Alliance von Deutschland und Jtalien gewünscht. Man wollte
wissen, daß er durch Absendung eines seiner begabtesten und
vertrautesten Offiziere an Graf Bismarck auf diesen engen und
dauernden Anschluß hingewirkt, und man hatte kein anderes
Verlangen, als endlich dem Nebergreifen einer fremden Macht
in die Gestaltung der italienischen Verhältnisse ein Ende ge-
sett zu sehen.
Garibaldi selbst war nicht mehr in Como, aber sein Geist
war in dem ganzen Kors lebendig, unb''FFhabe selten edlere
und schönere Eindrücke empfangen, als in der Unterhaltung
mit jener, aus Männern verschiedensten Alters und verschiedenster
Lebensberufe zusammengesetzten Gesellschaft. Ich habe auch
niemals ein Offizierkorps angetroffen, dessen Haltung mehr
an unsere Landwehroffiziete erinnert hätte; und dabei hatten
sie die Anmuth des Behabens und jene phantastische Leb-
haftigkeit voraus, welche solchen Freischaaren eigen zu sein
pflegte. Auch ihre Uniform hatte etwas sehr Gefälliges,
sowol für die Gemeinen als für die Offiziere. Die rothe
Blouse und das Käppi für den Soldaten, der fest anliegende
rothe Rock der Offiziere, mit reicher goldener Zierrath, die
kornblau seidene breite Schärpe über dem blaßgrauen Beinkleid,
sahen mit der rothen, goldverbrämten Mütze und dem grauen
fliegenden Mantel sehr geschmackvoll aus, und standen Alt
und Jung wohl an. Die Behauptung aber hörten wir von
verschiedenen Offizieren wiederholen, daß das Garibaldische

== PJ -
Korps diesmal nur um deshalb weniger glücklich opperirt
habe, weil es zu groß gewesen sei. ,Freischaaren sind nur in
mäßiger Anzahl mit Erfolg zu verwenden; sobald sie diese
Anzahl überschreiten, werden sie schwer zu handhaben und
verlieren ihre eigentliche Bedeutung !' sagte Der und Jener.
Wir haben uns an diesen Ausspruch jener in Freischaaren-
kriegen geübten und erfahrenen Führer oft erinnert, wenn
wir von der französischen Massenerhebung in den Zeitungen
gelesen haben.
Mit Garibaldi selber trafen wir erst zehn Monate später
am R oder W. Sept., im Hötel Byron am Genfersee zusammen,
als er sich zum Friedenskongreß nach Genf begab. Einer der
Offiziere, der junge und schöne Obrist Frigyesi, mit dem wir in
Como bekannt geworden waren, stellte uns dem General vor. Er
war müde von der Reise in dem Hötel angekommen und seine
Weiterreise erlitt einen Aufenthalt, weil die französisch-savoyen-
schen Dampfschiffe die Weisung erhalten hatten, die Fest-
gesellschaft, die ihin von Genf entgegenfuhr, nicht zu befördern.
Und damals -- die Franzosen hatten eben erst ihren mexika-
nischen Feldzug beendet, und Kaiser Maximilian die Ein-
mischungsgelüste Frankreichs mit dem Leben bezahlt - damals
sprach Garibaldi sich vor der im Hötel Byron zusammen-
gekommenen Versammnlung mit größter Entschiedenheit gegen
die tyrannische Einmischung Frankreichs in die Schicksale
der anderen Völker, ,mit erhabenem Zorne gegen Napo-
leon lll. aus.
,Ich rechne mir den Haß dieses Mannes gegen mich zur
Ehre an!'' sagte er fest und bestimmt, und er sah mächtig bei
den Worten aus, obschon seine Gestalt nicht eben groß war.
Aber er war stämmig gebaut und sein Gesichtsausdruck sehr
klar und ruhig. Er trug trott des sehr warmen Wetters einen
weiß und grau gestreiften Poncho als Mantel über der rothen

= IZs -
Blouse, einen kleinen grauen Filzhut, und stütze sich, dem bei
Aspromonte durch einen Schuß verwundeten und nie völlig
hergestellten Fuß zu Hülfe kommend, auf einen starken Stock.
Sein braunblondes, ergrauendes Haar, die blauen tiefliegenden
Augen, die hohe und mächtig gewölbte Stirn, selbst der Schnitt
der kurzen, starken und gradlinigen Nase und die Form des
sehr energischen Mundes haben bei Garibaldi etwas Deutsches,
was ihm von seiner aus Westphalen stammenden Großmutter
angeerbt sein mag. Aber obschon man es ihm damals bereits
ansah, daß er viel gelitten hatte, war doch die Mischung von
Kraft und Milde, die ihn kennzeichnete, noch immer in ihm
unwerkennbar und wirkte anziehend, ja durch die Schlichtheit
seines Benehmens überwältigend.
Damals! = Wer hätte es damals voraussehen können,
daß Garibaldi, nachdem er noch einen neuen, seinen dritten
Versuch gemacht, Rom und damit Jtalien von der französischen
Abhängigkeit zu befreien, daß er, nachdem im Jahre 18? die
Chassepots bei Mentana ihre ersten Wunder gegen ihn und
seine Getreuen gethan, sich plötzlich lossagen könne von seinen
eigenen Traditionen? - Wer hätte glauben können, daß der
eifrigste Bekenner der Friedenspolitik, der Mann, welcher durch
sein Erscheinen dem Friedenskongreß in Genf eine erhöhte
Bedeutung gegeben hatte, sich in dem, nach frechstem Friedens-
bruche, durch Frankreich gegen Deutschland heraufbeschworenen
Kriege, zum Bundesgenossen der Franzosen gegen Deutschland
machen könne? Man möchte mit bitterm Schmerze das Wort
Paul Louis Courrier's von ihm sagen, das dieser aussprach,
als der erste Napoleon sich zum Kaiser machte: il aspire ß
äeseenäre! =- Aber das trübe Niedersinken eines leuchtenden
Sternes ist ein melancholischer Anblick - und wenn man sich
auch sagen darf, daß man es in der spätern Handlungsweise
Garibaldis mit einem Verstandesfehler des heldenhaftenMannes

-- IR? -
zu thun habe, so thut es wehe, mißbilligend zu verurtheilen,
wo man bis dahin mit freudigem Vertrauen verehrte.
Florenz fanden wir in hellem Jubel im Herbste von
186s. Hü Venedig war von Napoleon Ül., dem gekrönten
maitrs äe plaisir von Frankreich, das Plebiscit wegen des
Anschlusses an Jtalien, zur billigen Unterhaltung seiner be-
ständig der Zerstreuung bedürftigen Franzosen, in Scene
gesetzt worden. Victor Emanuel zog eben, von den Depu-
tationen des ganzen Landes umgeben, in Venedig ein. Florenz
schwamm im Fahnenschmuck und im Lichterglanz einer präch-
tigen Erleuchtung, die sich bis zu den Thürmen des Palazzo
Vecchio, bis auf die Zinne des Campanile und bis zur
höchsten Spitze des Domes hinauf erstreckte. Die Stadt,
welche zwanzig Jahre früher in blumenhafter Traumseligkeit
geschlummert, war eine ganz moderne und sehr unruhige Stadt
geworden.
Man riß Straßen ein, um Raum für freiere Bewegung
zu finden; Klöster und Kirchen, wo ihre Vorsprünge hinderlich
erschienen, wurden dabei nicht geschont. Das Gesetz zur
Aufhebung der Klöster war erlassen, die Räumung derselben
zum Theil erfolgt, zum Theil bevorstehend. Wo man noch
Mönche in ihnen antraf, standen sie auf dem Aussterbeetat. -
Es gab Zeitungen von allen Farben. Sie wurden laut lärmend
in den Straßen ausgerufen, der Straßenkleinkram war bei
weitem freier als bei uns in Preußen, das ganze Leben in
den Straßen hatte einen Pariser Charakter angenommen,
Alles war modisch. Elegante Kaffees und Restaurants hatten
sich neben den alten bekannten Speisehäusern aufgethan, es
war Alles theurer geworden, obschon im Vergleich zu anderen
großen Städten Alles noch billig genug war. Die Beauf-
sichtigung der Fremden durch die Polizei hatte auch hier auf-

b JZZ -
gehört, dafür aber wurden uns die veränderte Besteuerung
und der Geldmangel im Lande sehr bald fühlbar. Es mußten
städtische Steuern auf Lebensmittel aufgelegt sein, denn so
oft man von einem Ausfluge vor das Thor in die Stadt
zurückkehrte, wurde man um steuerpflichtige Dinge befragt.
Dasselbe geschah bei der Ankunft in allen Städten auf den
Bahnhöfen; und Papiergeld des Königreichs gegen baares
Geld zu wechseln war selbst in den Kassen auf den Bahn-
höfen nur in soweit möglich, als man kleinere Appoints
desselben Papiers darauf herausgeben konnte; denn es wurde
nicht die kleinste baare Scheidemünze von den Kassenbeamten
ausgegeben, und das Papiergeld der Städte galt eben nur
innerhalb der Stadt, die es geschaffen hatte, während der
Werth des Goldes überall sehr hoch war.
Man hatte aber guten Muth und großes, ja man darf
sagen, ein übermäßiges Selbstgefühl. Neberall hörte mnan
das stolze: Utalia kard: äs se! und man dachte schon damals
weit weniger als im Kreise der Garibaldiner an den Antheil,
welchen die Massen der unter Preußens Führung gegen
Desterreich kämpfenden Deutschen an den Freudentagen hatten,
deren man eben jezt in Jtalien genoß. Man war vielmehr
sehr dazu geneigt, den deutschen Beistand zu verkleinern und
zu vergessen, während die neue Erhebung Jtaliens gegen
Desterreich doch nur durch die Auflehnung und das Vor-
gehen des mächtigen Preußens möglich geworden war.
Man berauschte sich in der Idee nationaler Großthaten,
welche die italienische Armee 1866 nicht vollführt hatte.
Man warf der Bequemlichleit halber Lesterreicher, Preußen
und alle anderen deutschen Volksstämme in den von den öster-
reichischen Zeiten her verhaßten Namen Tecesehi zusammen,
wobei denn die alte sehr berechtigte Abneigung gegen Oesterreich
obenauf schwamm, und das Gute und den Beistand, den man

= ,hß -
von Deutschland und namentlich von Preußen empfangen
hatte, ganz verhüllte.
Es lebte eine kleine sehr gebildete deutsche Kolonie in
Florenz, und in dem Hause des von der Regierung nach
Florenz berufenen Physiologen und Professor Moriz Schiff,
im Hause von Fräulein Ludmilla Assing, die aber mit ihren
Sympathien auf Seiten der italienischen Republikaner stand,
bei Fräulein Malvide von Meysenbug, welche als Erzieherin
und Freundin von Alexgnder Herzen's schönen Töchtern sich
damals mit diesen in Florenz aufhielt, wie am Theetisch von
Frau von Treskow, einer Freundin Rahel's, und ebenso
wie ihre einzige, an einen Jtaliener verheirathete Tochter, eine
Berlinerin von stärkster Ausprägung des alten, geistig be-
deutenden Berliner Wesens, konnte man sich nach der
Heimat versett glauben, während es zugleich dort an be-
ständigem Zusammensein mit italienischen Gelehrten und
Schriftstellern nicht fehlte. Dabei konnte man es aber be-
obachten, wie die beiden Strömungen für und wider Deutsch-
land uwwermittelt neben einander hergingen, wie man sich zu
Frankreich neigte, das in Rom die Priesterherrschaft aufrecht
erhielt und die Einigung Jtaliens verhinderte, während man
in Jtalien gegen die Priesterherrschaft anging und die Einigung
des Vaterlandes erstrebte. Ja sogar diejenigen deutschen
Gelehrten, welche die Regierung zur Hebung der italienischen
Bildung nach Jtalien berufen, hatten darüber zu klagen, daß
man sie hemme, wo sie fördern sollten; und daß jenes instinktive
Gefühl der Sympathie für die stamnverwandte gallo-romanische
Rasse und ein gewisser Zug einer Nationaleitelkeit es selbst bei
vielen Gebildeten über die richtige Erkenntniß von Demjenigen,
was dem Lande nothwendig und zweckmäßig sei, davontrage.
Freilich gab es hinwiederum Jtaliener genug, welche den wie
ein Rechenexempel einfachen Saty begriffen, daß die feste Ver-

- ,?ß -
einigung von zwei aufsirebenden, nach ihrer innern Abrundung
und äußern Sicherheit ringenden Nationen die beste Abwehr
gegen störsame Einflüsse und feindliche Angriffe von außen
darbieten, ja solche Angriffe halbwegs unmöglich machen würde.
Aber gegen die unklare Empfindung bleibt die Vernunft oft
lange ohnmächtig. Man haßte und verabscheute Napoleon
den Dritten als Despoten und Tyrannen, man kämpfte um
eine ganz andere Verfassung als diejenige, welche das Ver-
brechen des zweiten Dezembers erzeugt hatte. Der Zauber
der französischen Gloire, das grestigs äe ls Lronee, wirkten
aber trotzdem in Jtalien noch immer fort. Man mochte
glauben von diesem Glanze Etwas abzukommen, wenn man in
dem Kreise desselben blieb, und man konnte wirklich aufJtaliens
Verhältniß zu Frankreich parodirend die Worte des Dichters
anwenden:
,Die Sinne sind in seinen Banden noch,
Hat gleich die Seele blutend sich befreit.
In Einem aber stimmte Alles überein: in der Auflehnung
gegen die weltliche Macht des Papstes, in dem Verlangen,
Rom als die Hauptstadt für das geeignete Königreich Jtalien
zu gewinnen. Indeß selbst diesem Verlangen war ein Rad-
schuh angehängt, der, wenn er auch die fortziehende Bewegung
nicht aufzuheben vermochte, sie doch störte und aufhielt. Die
Frauen standen auch noch hier, wie fast in allen katholischen
Ländern, unter dem Einfluß der Geistlichkeit, sie waren weit
zurückgeblieben hinter der Bildung der Männer; und der
König selber hatte, wie man sagte, neben sich eine ganz un-
gebildete Frau aus niederm Stande, deren Bigotterie die
Geistlichkeit sich zu Nuten zu machen wußte.
Während die jungen, der deutschen Sprache mächtigen
Jtaliener uns in Berlin vielfach versichert hatten, daß man,

- 17h --
seit die Lombardei und Toscana von dem österreichischen Joche
und Einfluß frei geworden, sich vielfach mit dem Studium
der deutschen Sprache, der deutschen Klassiker und mit den
Resultaten der deutschen Wissenschaft beschäftige, fanden wir
weder in Mailand noch in Florenz in der Buchhandlung
deutsche Bücher ausgelegt. Alle Fenster und Ladentische waren
noch immer voll von französischen Werken, wissenschaftlicher
sowol als dichterischer. Der französische Roman war die Lektüre
der Gesellschaft, Nebersetungen französischer Komödien füllten
die Repertoire. Nur im Theater Pagliano sahen wir einmal
den größten Mimen des jetigen Jtaliens, Rossi, sich in der
Rolle des Shakespear'schen Hamlet versuchen, der sich denn,
freilich in italienischer Sprache und für das italienische
Publikum gehörig zugerichtet, für Unsereinen so befremdlich
ausnahm, wie ein alter hochverehrter Freund in wunderlicher,
ihm nicht anstehender, ihn entstellender Tracht.
An neuern historischen Werken fand Stahr von italienischen
Verfassern sehr bedeutende Arbeiten, darunter vor Allen
Villaris uns höchlich fesselnde meisterhafte Geschichte Savon-
arola's. Ebenso brachten die zahlreichen politischen Journale
zum Theil sehr lebendig geschriebene und schlagende Artikel,
aber meine Erwartung, daß die Umgestaltung der politischen
Verhältnisse, daß das Freiwerden der Presse auch den sozialen
Roman in Jtalien hervorgerufen haben würde, fanden wir
186 noch nicht bestätigt. Man emwpfahl uns, als wir danach
fragten, die noch in österreichischer Zeit erschienenen Raconti
der im Friaul heimischen Gräfin Gaterina Percotto, eine Art
von sehr eigenartigen und erschütternden Skizzen, die wir
schon lange vorher in Deutschland gelesen hatten. Man wies
uns auf die in englischer Sprache erschienenen Romane Giuseppe
Ruffinis hin, die doch zum Theil auch schon vor der eigent-
lichen Befreiung Jtaliens entstanden und nicht ausschließlich


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.

= 1g -==-
der Handsäcke so peinlich, daß man trotz eines Gewittersturmes,
zu nächtlicher Stunde in den provisorischen Eisenbahnbaracken
an der Grenze die Bilder in den Porträtalbums einzeln
besichtigte, welche die Reisenden mit sich führten; und in dem
provisorischen Eisenbahnhof in Rom waren die Vorkehrungen
für den Empfang, für die nochmalige Visitation und für die
Fortbringung der Reisenden und ihres Gepäcks in einer Weise
getroffen, als handelte es sich nicht um die Ankunft eines
Bahnzuges, sondern als erwartete man eine Postchaise mit
ihren Beiwagen.
Und wie bei dem Eintritt in Rom gab sich der Wider-
spruch, in welchem das Leben des Kirchenstaates und der Geist
seiner Regierung sich mit dem gegenwärtigen Tage befanden,
in dem Größten wie in dem Kleinsten kund. Während der
Papst in seinem phantastisch mittelalterlichen Glauben die
Welt, wie die Inschriftstafel im St. Peter es besagte, mit dem
Dogma von der unbefleckten Empfängniß der Jungfrau Maria
begnadigt hatte, während man das Konzil' schon vorbereitete,
auf welchem die Unfehlbarkeit des Papstes ebenfalls zum
Dogma erhoben werden sollte, und in den alten Kirchen mit
großem Eifer und großem Kostenaufwande daran gearbeitet
wurde, die Kirchen für die Zeit des Konzils glänzend zu
erneuern, war ein Hauch der Verwitterung über das ganze
römische Wesen gekommen, sofern es nicht direkt die Kirchen
anging, von deren Verwaltung abhing, und mit deren Privat-
vermögen zusammenhing. Die alten Kardinalsequipagen und
deren Dienerschaft hatten etwas Schäbiges bekommen. Das
Volk ging zum Theil sehr gleichgiltig an den Kardinälen
vorüber, wenn diese sich, gefolgt von ihrem Wagen und ihrer
Dienerschaft, zu Fuße auf der StraßeJzeigten, und mehr als
einmal sah ich es, wie Gewerbtreibende, wenn der Papst mit
seiner großen Begleituug durch die Straßen zog, rasch ihre

= 17H -
Ladenthüren schlossen und die Ihrigen anhielten in das Haus
zu treten. Das geschah in dem nämlichen Augenblick, in
welchem vornehme Männer ihre Wagen verließen, um vor
dem Papst auf der Straße das Knie zu beugen, und Frauen
des hohen Adels in ihren Eauipagen niederknieeten um seines
Segens theilhaftig zu werden.
Der Fremdenverkehr hatte, Dank den Eisenbahnen und
Dampfschiffen, sehr bedeutend zugenommen, aber man merkte
das nicht besonders, weil das militärische Element in der
Stadt vorherrschte. Der Statthalter Gottes unterhielt in
Rom ein Heer von mehr als zehntausend Mann, nicht sowohl
zum Schutze gegen den auswärtigen Feind, sondern hauptsächlich
zur Niederhaltung der eigenen Unterthanen. Das geistige
Oberhaupt der Christenheit, das Oberhaupt der Kirche, der
Repräsentant der Lehre, deren Reich nicht von dieser Welt sein
sollte, behauptete sich mittels einer sehr ansehnlichen Kohorte auf
dem Throne seines weltlichen Besitzes. Er hätte nicht, wie
der liebe Gott in Beranger's Chanson, von sich sagen dürfen:
,Si j'si jamsis eommaaaee une eokorts
Ie reu, mes enkants, gae ls äiable m'emports !!
Wohin man blickte sah man Soldaten: heimische und
französische Truppen, alle sehr geschmackvoll, zum Theil sehr
glänzend uniformirt, die päpstlichen Zuavenoffiziere sich spreizend
wie die Studenten in kleinen deutschen Universitätsstädten,
die päpstlichen Karabiniere, ein Korps von lauter Marsgestalten;
und Trommelschall und Exerzieren im Giardino publico hart
an den Ruinen der Karakallabäder. Exerzieren und Trommel-
schall unter den Augen zuschauender Geistlichen in dem alten
Prätorianerlager, unfern von den Bädern des Diokletian.
Große Wachtposten von Zuaven in der Leoninischen Vorstadt,
in nächster Nähe des St. Peter und des Vatikan. Aber neben

= ,Z -=
den prächtig aufgeputzten Truppen und selbst in den Kirchen,
die man mit Aufwand von kostbarem Gestein und seltenen
Marmorarten restaurirte, traf man auf Geistliche, die sich den
Fremden schüchtern näherten und leise um ein Almosen baten,
,zu einem neuen Hut'' oder ,zu einer neuen Soutane', und
im Vergleich zu den Soldaten sahen sie in der That oftmals
sehr armselig aus.
Neberall, aber überall, stieß man auf schroffe Gegensätze.
In den Häusern, denen gegenüber Nonnenklöster lagen, mußten
die Fenster bis in die oberen Geschosse mit Läden versehen
werden, die den Hausbewohnern Licht und Luft entzogen und
den Einblick in die Klostermauern hinderten; dafür stürzte
sich denn gelegentllch ein junger Geistlicher aus den Fenstern
des Collegio Romano, des großen Jesuitenhauses, auf die
Straße, um verzweifelnd seinem Leben ein Ende zu machen.
Hinten in der Villa des Fürsten Doria Pamfili feierte,
wie ich erwähnte, ein Marmordenkmal die im Jahre 119
im Kampfe gegen die römische Republik gefallenen französischen
Offiziere, und am Eingang der Villa, an dem vierfrontigen
Triumphbogen von gnatri enti, zeigte der Aufseher derselben,
ein italienischer Patriot, mit stolzer Heimlichkeit die Stellen,
an denen der letzte heiße Kampf der Republik gekämpft worden
war, und wies erklärend nach den Villen Korsini, Giraud,
Savorelli hinüber, vor und in denen so viel edles italienisches
Heldenblut geflossen war, und nach der noch in Trümmer
liegenden ganz zerschossenen Villa - il ?asesllo - an
welcher jetzt die Inschriftstafeln stehen. Damals befand
sich eine der wenigen in Rom existirenden Fabriken, eine
Stearinlichtfabrik, in der Villa Savorelli, welche der aus
dem Exil zurückgekehrte Besitzer derselben dort für seine Rech-
nung betreiben ließ; und wie die Besitzer der nahe an ein-
ander grenzenden Villen PamfiliDoria und Savorelli in

= 17? -
politischer Richtung aus einander gingen, so hatte zwischen
den beiden Familien in den letzten Jahrzehnten ein Roman
gespielt, der auch im geselligen Leben eine Feindseligkeit zwischen
ihnen hervorgerufen. - Ein junger Fürst Doria hatte sich in
eifriger Bewerbung um eine ungewöhnlich schöne und geistig
begabte Tochter des Hauses Saöorelli bemüht, ihr Jawort
erhalten und dann das Verlöbniß wieder, wie man be-
hauptete, um materieller Vortheile willen gelöst, die sich
ihm von anderer Seite geboten. Die junge Marchesina war
in ein Kloster gegangen und dort nicht lange danach an ge-
brochenem Herzen gestorben. Aber Tagebücher und Briefe,
welche sie hinterlassen, waren im engen Vertrauen von einem
ihrer Angehörigen einem damals in Rom lebenden, noch
wenig bekannten französischen Schriftsteller zur Durchsicht über-
geben, und von diesem im Mißbrauch des Vertrauens, in
einem Romane benutzt worden. Der Schriftsteller war Edmund
About. Der Roman, der seinen ersten Ruf begründete und
jenen Papieren entnommen war, hieß Tola; und es leben
noch Viele von Denen, welche sich des peinlichen Aufsehens
erinnern, den sein Erscheinen einst in der römischen Gesell-
schaft gemacht hatte.
Aber 16 war man nicht mit den Dichtungen irgend
eines Franzosen, sondern mit dem bevorstehenden Abmarsch
der französischen Truppen von Rom beschäftigt, und sah auf
denselben je nachdem mit bangen oder freudigen Empfin-
dungen hin. Der Höchstkommandirende der päpstlichen Trup-
pen, General Kanzler, hatte kurz vor dem für den Ausmarsch
festgesetten Tage die päpstlichen Truppen in der Villa Bor-
ghese eine Revue passiren lassen, gleichsam um den Bürgern
darzuthun, daß man ihnen auch ohne die Franzosen Stand
zu halten wissen werde. Denn daß vom Volke eine Erhebung
gegen das weltliche Regiment des Papstes, daß ein Versuch
F. Lenald, Reisebriefe.

=- 17F -=
gemacht werden werde, die Vereinigung mit dem Königreich
Jtalien nun endlich durchzusetzen, das nahm man als gewiß an.
Es lag schwül und unheimlich über der Stadt. Heute
sagte der Hauswirth: ,In dieser Nacht hat man drüben einen
braven Jüngling aus dem Bette geholt und fortgebracht!
-=-,Wohin ? fragten wir -,Wser weiß das? Sie haben
vorige Woche auch aus der und aus jener Straße (er nannte
sies in nächtlicher Weile hier ansässige Bürger verhaftet.? =-
,Aber weshalb? Er zuckte die Achseln. ,In Rom fragt
man nicht! Mit der päpstlichen Regierung ist kein Sprechen
und Verhandeln. Es ist ein Faktum. Das genügt !! =-
,Aber man muß sich doch erkundigen ? - Er lachte höhnisch.
, Ich bin mich einmal nach Jemand erkundigen gegangen'',
sagte er. ,DDa haben sie mich nichtswürdig behandelt. Ich habe
ihnen das gesagt, sie haben mich selber festgehalten und ein-
gesperrt. Seitdem - frage ich nicht wieder. Ich thue nie
wieder einen Schritt in den Bereich der Polizei!
Dazwischen brachte man uns Flugblätter in das Haus,
von einem bestehenden geheimen Nationalkomitee verfaßt und
verbreitet, die in herbsten Ausdrücken die päpstliche Regierung
tadelten, ihr alle ihre Sünden vorhielten, ihr einzeln die Raub-
und Mordanfälle und Diebstähle vorzählten, welche von den
aus dem ganzen übrigen Jtalien herbeigeströmten und von
der Regierung geduldeten Banditen fortwährend theils in der
römischen Kampagna, theils dicht vor den Thoren der Stadt,
und in dieser selbst, an höheren Geistlichen verübt wurden;
und unter den Bürgern fürchtete man in der beim Abmarsche
der Franzosen erwarteten Revolution vor Allem die Unordnun-
gen und die Plünderung, welche durch das aus Neapel ausges
wiesene, sich in dem Kirchenstaate herumtreibende und von
König Franz unterhaltene Gesindel, hervorgerufen werden
könnten. Jeden Tag gab es andere Gerüchte. Heute erzählte

=- 1 ß -
man: König Franz von Neapel sammle in dem von ihm
bewohnten Palast Farnese heimlich Truppen, mit denen er
nächstens in sein Königreich einfallen und seinen Thron wieder
erobern würde. Das klang dann wie eine Scene aus Schil-
ler's Fiesko, und die schöne Königin Marie sah sehr nach
einer Gräfin Leonore aus, wenn sie Abends krank und müde
wie sie war, und doch stolzen Blickes, in den Polstern ihres
Wagens lehnend, über den Monte Pincio fuhr. Dann wieder
am nächsten Tage ließ man es durch heimliche Winke errathen,
Mazzini sei in Rom, und kein Anderer als er selber werde
die Fahne der neuen Revolution erheben. Sehr wahrscheinlich
klang dies -nicht, indeß es war doch keinesweges außer dem
Bereich des Möglichen.
Mazzini gehörte jener Zeit der politischen Entwickelung an,
in welcher in Jtalien mit Geheimbünden und Verschwörungen
viel geleistet worden war. Es mochte davon Etwas in seinen
Gewohnheiten zurückgeblieben sein. Man behauptete, daß er,
ohne die ihm drohenden Gefahren zu achten, zum Oeftern
aus der Verbannung nach Jtalien gekommen sei, um die
Patrioten anzufeuern und zusammenzuhalten; und da er die
Einheit seines Vaterlandes immer als das erste Ziel aufge-
stellt hatte, war es nicht undenkbar, daß er seinen Lands-
leuten auch bei der neuen erwarteten Erhebung von Rom
wieder seine Mitwirkung und den Einfluß seines Namens
darbringen wollte; wenn es sich diesmal auch nicht um die
Errichtuug einer Republik, sondern um die staatliche Einigung
Jtaliens zu einem Königreich handeln sollte. Jn seinem,
etwa zu Anfang des Jahres 1850 erschienenen Werke:
,Republik und Königthum' hatte er gesagt: ,Der erste Zweck
und der ewige Seufzer unserer Seelen ist sonst wie jetzt
die Unabhängigkeit Jtaliens vom Auslande gewesen. Der zweite:
Die Einheit des Vaterlandes, ohne welche die Unabhängigkeit
1

== , Zß -
eine Lüge ist. Der dritte: die Republik. Gleichgiltig gegen
unser persönliches Schicksal, sicher über die einstige Zukunft
unseres Landes, hatten wir nicht nöthig uns in dem dritten
Punkte unduldsam zu zeigen. Hätte man mir zur Zeit als
Karlo Alberto Verhandlungen mit der republikanischen Partei
einzuleiten suchte, die Unabhängigkeit und eine schnelle Eini-
gung und Einheit Jtaliens zugesichert, so wüürde ich zwar nicht
meine Neberzeugungen geopfert haben, denn das ist unmöglich,
aber ich würde aller thätigen Propaganda für den nahen
Triumph dieser Neberzeugung entsagt haben.?
Auch gegen mich hatte sich Mazzini, den ich 150 in
England zu drei verschiedenen Malen gesehen, in gleicher
Weise ausgesprochen, und ich bewahrte und bewahre die Er-
innerung an ihn mit großer verehrender Theilnahme. Sein
Aeußeres, seine Ausdrucksweise, seine ganze Haltung waren
sehr edel. Er war von ansehnlicher Mittelgröße und sah da-
mals in seinem fünfundvierzigsten Jahre mit seiner schlanken,
nervigen und sehr elastischen Gestalt noch jugendlich aus, ob-
gleich sein schlichtes schwarzes Haar und der kurzgeschnittene
Bart schon stark mit Grau gemischt waren. Nase, Mund und
Kinn waren für einen Jtaliener nicht sehr scharf ausgeprägt,
aber fein und edel, die Form des schmalen Kopfes war sehr
schön, und der Ausdruck desselben im höchsten Grade durch-
geistet. Es war nichts in seinem Aeußern, was überraschte;
aber wenn man auf dieses Gesicht einmal aufmerksam ge-
worden war, konnte man das Auge nicht mehr von ihm ab-
wenden. Man fühlte sich wie von einem Zauber sanft anges
zogen und gefesselt, und der ruhige sanfte Ernst der dunklen
Augen hatte dabei etwas so Gebietendes, daß man sehr wol
die Gewalt begrif, welche dieser Mann in entscheidenden
Augenblicken über die Menschen üben mußte.
Meine erste Begegnung und Unterhaltung mit Mazzini

==- IZ! -=-
war originell. Frau Thomas Carlyle, die ihn sehr verehrte,
hatte mir zu verschiedenen Malen von ihm gesprochen und
mir seine Bekanntschaft verheißen, ohne daß es doch dazu ges
kommen war. Da begleitete ich sie eines Tages auf einem
Wege durch die Stadt, bei dem sie verschiedene Besorgungen
zu machen hatte; und vor einem Magazin von Flanellwaaren,
in welchem Frau Carlyle einen Einkauf beabsichtigte, trafen
wir Mazzini an. Wir wurden einander vorgestellt, er trat
mit uns in das Magazin, und während Madame Carlyle ihre
Auswahl traf, kamen wir, Jeder von uns auf einem Flanell-
ballen sittend, in das Sprechen, so daß unsere Freundin uns
vorschlug, siten zu bleiben, bis sie in einem Nachbarladen noch
einen Einkauf gemacht haben und uns holen kommen würde.
Das geschah auch, und wie zerstreuend und ungefügig die Um-
gebung auch war, hatte ich doch in diesem ersten Zusammen-
treffen mit Mazzini einen großen, schönen, ruhigen Eindruck
erhalten, der sich später nuur noch gesteigert hat.
Was an ihm auffiel und sich zunächst geltend machte, war
die völlige Selbstlosigkeit, mit welcher er nur sein Ziel, seines
Vaterlandes Auferstehung, nicht den Antheil im Auge hatte,
den er selber etwa an ihr haben würde. Es gehört aber zu
den Segnungen, deren das neue Jtalien theilhaftig geworden
ist, daß es unter seinen, die Wiedergeburt des Landes be-
treibenden Männern zwei Gestalten von solcher Uneigennützigkeit
und Charakterreinheit wie Giuseppe Mazzini und Giuseppe
Garibaldi als Vorbilder für die nachstrebenden Geschlechter zu
verzeichnen hat, wenngleich die Wege dieser beiden Männner
nicht dauernd zusammengingen, und - wie Garibaldis un-
seliger Entschluß es in unseren Tagen nach dem dritten
September von 17 dargethan hat - nicht dauernd zusammen
gehen konnten.
Damals aber, im Winter von 166, war sicherlich auch

= ZZ --
A
Garibaldi noch sehr fern von dem Gedanken, daß er jemals
wieder eine Verbindung mit Frankreich eingehen, seine Waffen
und seinen Beistand den Franzosen bieten könne, deren Ent-
fernung aus Jtalien von allen das Vaterland und seine Un-
abhängigkeit liebenden Männern heiß ersehnt und als der -
Zeitpunkt angesehen wurde, in welchem man endlich gleichzeitig
das Joch des fremden Einflusses und der weltlichen Herrschaft
des Papstes werde von den Schultern werfen können. Man
zählte buchstäblich die Tage bis zum Abmarsch. Man berechnete
die Lage der verschiedenen Wohnungen und die Sicherheit oder
die Gefahren, denen man möglicher Weise bei dem Ausbruch -
der erwarteten Revolution ausgesetzt sein könnte; und so sehr
hielt man sich auf große Ereignisse in Rom gefaßt, daß man
darüber vergaß, wie sich eben damals in Folge der Luxem- -
burger Frage ein drohender Konflikt an dem europäischen -
Horizont zusammen zog.
So waren wir damals bis in die letten Tage des -
Novemhgg, ggfommen. Stahr lag noch än ben'' Folgen der-
schberen Erkrankung darnieder, die ihn bald nach unserer An- -
kunft in Rom befallen hatte, als es eines Abends an der
Außenthüre unserer kleinen Wohnung schellte. Ich ging, die -
Lampe in der Hand, zu hören, wer es sei; und auf das landes- I
übliche ehi s? kam als Entgegnung die Antwort: ,General -
von Haug !' zurück.
Ich öffnete, ein großer, breitbrüstiger Mann von etwa Z
fünfzig Jahren stand vor mir und bot mir die Hand. Es -
war der nämliche General von Haug, der im Jahre 149 ,
als General der römischen Republik sich neben Garibaldi in I
der Vertheidigung von Rom mitEhren bekannt gemacht hatte, und -
seine Anwesenheit in Rom war deshalb höchlich überraschend
-
für uns. Als ich ihm dies mit meinem Willkommen aussprach
und Besorgnisse für seine Sicherheit äußerte, sagte er lachend:

gggggggggpggggpg
-= PZZ -
,Das hat unter den hiesigen Verhältnissen keine Noth! Sie
haben hier so viel mit der Beobachtung der Eingesessenen und
mit Verfolgung von lauter nichtswürdigen Angebereien zu
schaffen, daß sie gar nicht Zeit haben sich um die Fremden zu
bekümmern. =
,Aber unter welchem Namen sind Sie hier?
,Herr von Haug aus Holstein !' entgegnete er mit völliger
Sorglosigkeit.
,Und wo sind Sie abgestiegen?
,Wie Sie, im Hotel d Angleterre, und das hat mir zu
der Kenntniß von Ihrem Hiersein verholfen. Ich fand Ihren
Namen in dem Fremdenverzeichniß des Hauses, erfuhr, daß
Sie noch ii Rom und in welcher Wohnung Sie wären, und
da ich Sie in Berlin, wo ich Sie früher aufgesucht, nicht an-
wesend gefunden hatte, dachte ich das Versäumte hier nachholen
zu können.?
Wir fanden uns denn auch plaudernd bald zusammen.
General von Haug ist ein geborener Ungar, war einst in
österreichischen Diensten gewesen und nun seit Jahren mit
einer Holsteinerin verheirathet und in Holstein auf dem Lande
angesessen. Er hatte vom Jahre 119 her viele und nahe
Beziehungen zu der römisch-italienischen Partei und war der
Ansicht, daß man zunächst in Rom Nichts unternehmen und
Alles ruhig bleiben würde. Er hatte übrigens von der Kriegs-
tüchtigkeit und dem Muthe der Zuavenregimenter, in denen
sich fanatische Katholiken aus allen Ländern Europa's zu-
sammenfanden, wie von den stattlichen Karabinieri eine gute
Meinung. Dafür aber dachte er von den übrigen Truppen um
so geringer und hielt, wie es auch kommen möge, einen nachs
haltigen Kampf der päpstlichen Trupven, gegen wessen Angriff
es auch sei, für unwahrscheinlich. Wir sahen ihn noch zu
verschiedenen Malen bei uns, und seine Behauptung, daß das

==- hZF
Nationalkomitee die Erhebung der Stadt gegen die Regierung
für das Erste zu verhindern trachte, bewährte sich als richtig.
Die Spannung der Gemüther in Rom blieb sich aber
trotzdem gleich, und je näher der Abmarsch der Franzosen
bevorstand, um so unverhohlener gab der ihnen feindliche Theil
des Volkes seine Abneigung gegen sie kund. Heute hörte man
von Zusammenstößen, welche Marmorarbeiter mit französischen
Soldaten gehabt haben sollten, morgen, daß ein paar Zuaven
in kurzen Zwischenräumen Nachts in den Straßen meuchlings
ermordet worden wären, und daß die Zuaven deshalb Befehl
erhalten hätten, nicht einzeln in der Tunkelheit auszugehen.
Und dunkel genug waren die Straßen! denn da ein Verwandter
irgend eines kirchlichen Würdenträgers ein Lelhändler, und
mit den Lellieferungen für die Straßenbeleuchtung betraut
war, so wurde die Gasbeleuchtung nicht durchweg eingeführt,
und wo sie fehlte, war die Erleuchtung so unvollständig, daß
wir oft genug, selbst ganz in der Nähe des Korso's, in den
Seitenstraßen die Bemerkung machten, wie leicht bei der Ein-
samkeit und Finsterniß in allen diesen Seitenstraßen - ich
denke z. B. an die neben dem Krankenhause der Unheilbaren
sich hinziehenden Gassen - hier Raubanfälle unternommen
werden könnten, die denn auch in der That nicht fehlten.
Am Ende der ersten Tezemberwoche hatten wir die
Franzosen noch zu einer Parade ausrücken sehen. In der Nacht
vom neunten zum zehnten Tezember weckte uns Trommel-
gerassel aus dem Schlafe und ferner Marschschritt schlug durch
die Stille an unser Ohr. Wir sahen nach der Uhr, es war
eben vier vorbei. Die Franzosen rückten aus Rom aus, das
sie als Beschützer des Papstes siebzehn Jahre in Abhängigkeit
von Frankreich, und von der Vereinigung mit dem Gesammt-
vaterlande zurück gehalten hatten. Trotzdem war die Stunde
der Befreiung für Rom noch nicht gekommen.

-= 1ZH --
Am nächsten Morgen war der Wachtposien auf der Höhe
des Monte Pincio vor der Kirche von St. Trinitä di Monte,
den die Franzosen sonst inne gehabt hatten, von päpstlichen
Jägern besetzt; auf dem Kapitol, in dessen unteren Sälen ein
uäheil der französischen Militärverwaltung ihre Büreaus gehabt,
verkaufte man schmutzige Schränke, Tische, Bänke und Regi-
straturen. Die französischen Fouragemagazine in den Thermen
des Diocletian standen leer, nur die bezeichnenden Nummern
der Bataillone prangten noch auf schwarzen Blechschildern
über den Thüren. Der Papst war für den Augenblick mit
der Führung und Erhaltung seines weltlichen Regimentes
auf seine eigenen Schutzmittel angewiesen, die Franzosen waren
fort. Aber die großen Nachtheile, welche ihr siebzehnjälniger
Aufenthalt für die Sitten und die Gesundheit des Volkes
hervorgebracht, waren damit nicht vorüber und es wird Zeit
brauchen, den angerichteten Schaden herzustellen, wenn es
überhaupt gelingt.
Im Nebrigen ging in Rom Alles seinen gewohnten
Gang, nur das Gefühl, daß man auf einem unterhöhlten
Boden stehe, wurde man nie los, und wo man mit dem Volke
in Berührung kam, hörte man gerechte Klagen.
Handel und Wandel, im Sinne des übrigen Europa,
gab es im Kirchenstaate nicht, eine landesübliche Industrie,
wenn man die nicht unbedeutende Fabrikation gestreifter Seiden-
zeuge und die Kunstindustrie der Mosaikarbeiter und Gemmen-
schneider abrechnete, ebenso wenig. Sobald man das Geringste
brauchte und kaufte, konnte man das bemerken.
Ich erstand einmal ein paar Kämme aus Büffelhorn,
die man in Rom als inländische Fabrikate auszugeben pflegte,
aber selbst biese waren, als wir sie näher betrachteten und
den Fabrikstempel besahen, in Wien fabrizirt, und Alles, was

=-= IZs -
aus dem Auslande kam, war übermäßig hoch besteuert. Jedem
einzelnen von Neapel oder Mailand eingeführten Paar Hand-
schuh, jedem Gürtelbande hing der schwere bleierne Stempel
an. Neberhaupt waren die Steuern äußerst drückend. Die
einzelnen Stücke Möbel in den Wohnungen zahlten Stück für
Stück, Stuhl für Stuhl eine jährliche Abgabe. Jedes Thier,
Rindvieh, Pferde ., die aus einer Hand in die andere
gingen, zahlten von jedem Kauf und Verkauf eine Abgabe;
und die Lasten, die auf den Häusern und auf dem zum
größern Theil in den Händen der Klöster und Kirchen oder
der großen Adelsfamilien befindlichen, sehr schlecht verwalteten
Grundbesitz lagen, hinderten im Verein mit der Gesetzgebung,
iede vortheilhafte und die Kultur fördernde wirthschaftliche
Benutzung des Bodens.
Wohin man sein Auge wendete, ging Alles rückwärts,
war Alles in Verfall.
Stahr und ich haben in unserm gemeinsamen Buche
,Ein Winter in Rom'' über die Ursachen dieses Verfalls
mancherlei Auskunft gegeben, aber man hätte ganze eigene
Bücher schreiben müssen, um es nach allen Seiten darzuthun, wie
unerläßlich nothwendig es war, der weltlichen Herrschaft des
Papstes ein Ende zu machen, und welche Wohlthat für die
dort lebenden Menschen es ist, daß jett in dem Kirchen-
staat eine Regierung herrscht, die mit dem neunzehnten
Jahrhundert noch in einem andern Zusammenhang steht, als
dem - es zu verfluchen.
Eines Abends war ich ausgegangen, um in einem Bäcker-
laden in der Via del Babuino etwas einzukaufen. Ich traf
außer dem Bäcker noch zwei Männer im Laden, deren Einer
mit dem Bäcker Abrechnung über so und so viel Säcke Mehl
hielt, welche in langen Reihen vor der Thüre abgeladen
waren. Als ich meinen Kauf gemacht hatte und mich um

-= 1F? -=-
irgend eine wirthschaftliche Auskunft an den Bäcker wendete,
den ich kannte, weil ich öfter in dem Laden gewesen war,
sagte mit einem Male der Mehlverkäufer, der, wie ich später
erfuhr, ein Gutsbesitzer war, zu seinem Begleiter:,Seht
einmal! das sind die fremden Frauen! Ich habe das seit
Jahren schon beobachtet! die denken an Etwas! die helfen in
dem Hause; und selbst vornehme Frauen wie diese thun
das. Tie wollen nicht nur Ringe an die Finger stecken und
die Hände übereinander schlagen, wenn sie in der Karosse
sitzen wie unsere Frauen. Wer eine Römerin heirathet, ist
ein Narr! Wir müssen Frauen von auswärts nehmen!
Obschon er dies Alles nicht zu mir, aber doch so laut
und so lebhaft sagte, daß ich das Lachen nicht unterdrücken
konnte, wendete er sich zu mir. ,Sie lachen, Madame!r
sagte er,,aber für unser Einen ist da Nichts zu lachen.
Unsere Frauen sind zu Nichts gut, als dem Mann ein Ver-
gnügen zu sein und Kinder in die Welt zu setzen, die man
ernähren muß. Sie können Nichts, sie verstehen Nichts, sie
lernen Nichts und wollen Nichts thun; aber so können die
Pfaffen sie am Besten brauchen. Darum werden keine Schulen
für sie eingerichtet, darum lehrt man sie Nichts als Beten
und zur Messe gehen und beichten. Es hat schon Manche
ihren Mann in die Gefängnisse gebeichtet. Die Pfaffen haben
einen langen Arm und wissen, was sie thun! Im Regno
(Königreich Jtaliens da geht's zu Ende mit den Pfaffen und
all' die Pfaffen, die ie dort über die Zäune werfen, die
fallen bei uns in's Land und machen das Nebel gröfer.?
Ich hütete mich natürlich ein Wort zu erwidern, das
seine Herzensergießungen ermuntern konnte; aber man ver-
nahm ähnliche Aeußerungen gegen die obwaltenden Zustände
bei jedem Anlaß. Auch erinnere ich mich noch, welchen Ein-
druck uns einmal, als wir gegen Somnenuntergang auf den

FZF
Steinbänken vor der Kirche von S. Pietro in Montorio auf
dem Janiculus saßen, ein großer, stattlicher, schöner Römer
aus dem Volke machte, als er uns schilderte, wie er bei dem
besten Willen nicht zu einem ordentlichen, dauernden Erwerbe
kommen könne, weil alle Arbeit niederliege. ,Es bleibt
zuletzt Nichts übrig, schloß er, ,als die Flinte zu nehmen
und in die Campagna zu gehen, wenn's nicht bald anders
wird.?
Oftmals, wenn ich damals während der langen Krankheit
meines Mannes einsam durch die Straßen ging, um mir die
nöthige Bewegung zu machen, und dabei an den langen,
nach den Straßenseiten hin völlig fensterlosen Mauern mancher
Klöster vorüberkam, die mitten in den belebtesten Stadttheilen
-- ich denke dabei z. B. an das riesige Kloster auf der
Piazza di S. Silvestro und an das Jesuitenkloster, das
Collegio Romano - einen Flächenraum einehmen, auf welchem
ganze Stadtviertel stehen könnten, habe ich mich häufig gefragt:
wie wird dies Rom einmal aussehen, wenn es zum König-
reich Jtalien gehört, wenn die Klöster aufgehoben, die Kloster-
güter verkauft, und an die Stelle dieser leeren, todten Stein-
haufen Häuser mit Wohnungen entstanden sein werden, wie
die bürgerlichen Sitten und Gewohnheiten des neunzehnten
Jahrhunderts sie fordern, und wie sie im Jahre 186? nur
ganz vereinzelt und nur eben da in Rom zu finden waren,
wo Fremde es unternommen hatten, sich in irgend einem der
durchweg unwirthlichen römischen Häuser Etwas herzurichten,
das einer europäischen Wohnung aus unseren Zeiten möglichst
ähnlich war. -
Und ich habe ebenso oft, wenn ich mit er-
schreckender Verwunderung die Trümmer der alten Götter-
tempel und die Trümmer der antiken und mittelalterlichen
Paläste durchwanderte, mir es klar vorstellen können, wie

= ,Z -
unter veränderten religiösen Anschauungen und unter den
staatlichen Bedingungen der neuen Zeit, gar viele der Hunderte
von Kirchen und der, für die jetzigen Lebensverhältnisse auch
der reichsten Adelsfamilien völlig unangemessenen Pracht-
paläste ihrem Untergange entgegen gehen werden. Ja, es hat
sich für mich damals die Neberzeugung festgestellt, daß Bau-
werke wie die Peterskirche, wie der Lateran, wie die Kirche
von San Paolo außerhalb der Mauern und St. Maria degli
Angeli unmöglich aus den Staatseinkünften des Königreichs
Jtalien und des Papstes erhalten werden können, wenn ihnen
etwa nicht mehr, wie unter dem zeitlichen Regiment des
Papstes, durch die Gläubigen die Zuschüsse aus aller Herren
Länder und allen Gegenden der Welt zu Hülfe kommen
sollten. Schon 18? fand man gar häufig, wenn man in die
Kirchen eintrat, sie völlig menschenleer; schon jetzt gehen sie
mit ihrer kolossalen Größe und außerordentlichen Pracht weit
über das eigentliche Bedürfniß der Gläubigen hinaus, und
wenn das Schisma, das seit dem Konzil der katholischen
Kirche droht, sich vollziehen sollte, wenn die Gläubigen auf-
hören sollten, den Papst als ihr irdisches Oberhaupt und
Rom als den Zentralpunkt der katholischen Welt zu betrachten
-- wenn daneben die Güter der einzelnen Kirchen, aus deren
Einkünften man die Restauration derselben bisher betrieb und
z. B. in St. Maria in Trastevere während unseres Aufenthaltes
in Rom die großartigsten Bauten und Ausschmückungen
machte, von dem Staate eingezogen werden sollten, was nicht
ausbleiben kann, so werden auch diese stolzen Kirchen ihres
Glanzes beraubt werden; denn kleiner, unbeachteter Verfall
wird größern nach sich ziehen. Wie jetzt in den schönen Sälen
und Hallen von Villa Negroni und Villa Madama werden
allmälig die Frescobilder als feuchter, farbiger Kalk von den
Wänden herniederfallen; die nicht mehr so sorgfältig unter-

= (Zß -
haltenen Dächer und Kuppeln und Fenster werden den
Elementen ihren zerstörenden Einfluß nicht wehren. Die
Feuchtigkeit wird mit ihrem trügerischen Grün vom Boden
zu den Gewölben hinansteigen, warme Lüfte werden hie und
da Samen von Bäumen und Sträuchern und Blumen in die
des Mörtels entbehrenden Fugen verstreuen, und neues
blühendes Leben die alten Gefuge auseinander sprengen.
Dann werden neue Menschengeschlechter wieder anfangen sich
von den vielen verfallenden Tempeln und Paläsien auf ihre
Weise nutzbar zu machen, was den alten Zwecken nicht mehr
dient; und Menschen und Völker, deren Denken und Glauben
von dem Unsern sehr verschieden sein dürfte, werden vor den
Ruinen der christlichen Kirchen und der Feudalpaläste dastehen,
wie wir vor dem Jupitertempel auf dem Forum, vor den
Ruinen des Sonnentempels, vor dem Palast Cenci oder dem
Palast Castelani in Trastevere. -- Sie werden unter den
zerfallenden Mauern einhergehen, das gewaltige Können und
das Schönheitsgefühl vergangener Tage bewundernd, und in
lebensfrohem Genuß des Augenblicks die Vergänglichkeit des
Menschen, die Vergänglichkeit alles Dessen, was er erschafft,
beklagend. Sie werden sich schmerzlich bescheiden vor der eigenen
Vergänglichkeit mit dem Hinblick auf das allgemeine Vergehen
und Werden, auf das die Wissenschaft den Menschen zu seinem
Troste - ach und wie vergeblich! - hinweist.
Am 18. Mai des Jahres 186? ging ich allein von
unserer Wohnung in der Via Sistina über die Piazza di Si
Silvestro und den Corso nach dem großen Palast auf dem
Monte Eitorio, in dem sich die Polizeibureaus befanden, um
unsern Paß sür die bevorstehende Abreise nach Neapel visiren
zu lassen. Es war ein sehr schwüler Nachmittag, der Himmel
bewölkt, der Seirocco brütete über der Stadt. Die Straßen

- 1I! -
waren sehr leer, die Fremden schon abgereist. Auch uns
hatten nur ein wiedergekehrtes Nebelbefinden meines Mannes
und die von uns übrigens nicht bewährt gefundene Ver-
sicherung einiger in Rom ansässiger Freunde, daß die Stadt
im Mai besonders anmuthig sei, noch in derselben zurücge-
halten. Aber damals, wie zwanzig Jahre früher, fand ich
den Mai in Rom nichts weniger als angenehm. Die stille
bewegungslose Wärme - ich finde keinen andern Ausdruck
zur Bezeichnung jener Atmosphäre - hat dann etwas sehr
Melancholisches. Alles sieht so müde aus, Alles so verfallen,
so menschenleer und ausgestorben, daß Einem zu Muthe wird,
als fühle man das Hinsausen der Gegenwart, als empfinde
man ihr Versinken und sein eigenes Versinken in die Ver-
gangenheit. An solchen Tagen ist in Rom oft eine völlige
Gleichgiltigkeit gegen das Sein, ja jene Gleichgiltigkeit gegen
Alles über mich gekommen, in welcher man sich fragt: wozu
das Alles, was Du gethan, gewollt, gehofft hast? - und in
der man sich achselzuckend und mit dem Lächeln des Lebensüüber-
drusses sagt: was kommts auch darauf an! -- Ich glaube
nicht, daß man diese Empfindungen an irgend einem andern
Orte der Welt so scharf und deutlich, so überwältigend in sich
ausgebildet findet als in Rom.
Der Palast auf Monte Eitorio ist außerordentlich groß,
die Höfe im Innern wie Plätze weit. Es waren, wie ich glaube,
auch eine Reihe von Gefängnissen in demselben. Ein paar
thürhütende Posten waren auf den Steinbänken halb einge-
schlafen. Als ich sie um den Weg nach dem betreffenden
Bureau fragte, wiesen sie mich mit müder Handbewegung und
einem schlaftrunkenen: äi gui! - (dortens über den einen
Hof nach dem andern hin. Es war als käme man wie im
Mährchen in einen verzauberten Palast, und mir fiel die
entschiedene Weigerung unseres Wirthes, den Polizeipalast

=== (ßF -
auch nur zu betreten, um mir die Paßvisitation zu besorgen,
fast unheimlich auf's Herz-
Im zweiten Hofe zu ebener Erde, neben einem, trotz der
schon seit Monaten warmen und sommerlichen Jahreszeit,
dumpfig feuchten und schmutzigen Korridor, trat ich in einen
großen Saal. Zwei Beamte arbeiteten an Stehpulten darin.
Ich legte unsern Paß vor, man revidirte und visirte ihn nach
einer Reihe von Fragen. Der Beamte, der,sich damit beschäftigte,
war ein Deutscher. Als er mir den Paß aushändigte und ich
die fünf Franken für das Visa bezahlt hatte, fragte ich:,Muß
der Paß, wenn wir im Herbste von Neapel hierher zurück-
kommen, wieder eingereicht werden?r
,Ja! wenn wir dann noch hier sind !'' gab er mir zur
Antwort.
Wenn wir dann noch hier sind! - - Und der Lateran
und der Vatikan und die Peterskirche standen da in stolzer
Majestät, wie für dieEwigkeit gebaut; und man traf alle Vor-
kehrungen für das ökumenische Konzil, das die Unfehlbarkeit
des Papstes anerkennen sollte.
Die Worte kamen mir nicht aus dem Sinn.
An einem der folgenden Abende waren wir nach dem
Palazzo Gaetani gefahren, um uns bei seinem Besitzer, dem
Herzog von Sermoneta, zu verabschieden. Der Herzog, Don
Michele Angelo, ist ein direkter Nachkomme des berühmten
Geschlechtes der Gaetani, dessen Hausmacht der gewaltige Papst
Bonifaz Al. begründet hat. Das Geschlecht, das einst Güter
im Umfang eines deutschen Königreichs und in den noch auf-
rechtstehenden Mauern auf der Via Appia seine Festung besaß,
in welche das Grabmal der Cäcilia Metella als einer der
Festungsthürme mit eingeschlossen war, war noch reich begütert
und mächtig im Kirchenstaate wie in Neapel. Eine Inschrift
über den Thüren des Archives im Halbgeschoß des Palastes

== 19Z -
Gaetani besagte aber mit stolzer Rechtschaffenheit: ,Ich, Don
Michele Angelo Gaetani, Herzog von Sermoneta k. habe die
große Schuldenlast, welche meine Ahnen auf unsern Besitz ge-
häuft, in vier Jahren abgetragen.? - Ich habe es schon in
dem Buche ,Ein Winter in Rom' ausgesprochen, welchen
Einblick in die Sinnesart dieses römischen Fürsten diese Jn-
schrift thun lasse.,Ein Mann kann nichts Bessers von sich
aussagen, als daß er seine Ehre darein setze, nicht nur seine
Schuldigkeit zu thun, sondern auch die Fehler und das Un-
recht seiner Vorgänger auszugleichen! Und edle, männliche
Festigkeit, stolzes, würdiges Selbstgefühl waren und sind noch
heute der Eindruck in dem ganzen Wesen des Fürsten, der,
obschon der Familie eines auch in weltlicher Herrschaft mäch-
tigen Papstes entsprossen, doch zu den entschiedensten Geg-
nern des weltlichen Regiments der Päpste und zu den eifrigsten
Anhängern des neuen vereinigten Jtaliens gehört.
Als wir den Vorzug hatten im Frühjahr von 16? dem
Fürsten zu begegnen und seine Einladung zu erhalten, mochte
er in der Mitte der Fünfziger stehen, aber man würde ihn
bei seiner kräftigen, breitbrüstigen Gestalt, der der Kopf auf
dem starken römischen Nacken sehr stolz aufsitzt, und bei dem
dichten, rabenschwarzen, gewellten Haar für einen Mann in
den ersten Vierzigen angesprochen haben, hätte man den Zügen
des edlen Antlitzes nicht die Spuren großer Leiden und
Schmerzen angesehen, und hätten die gesenkten Augenlider
nicht den Ausdruck der tiefen Schwermuth getragen, die den
mächtigen Mann befallen hat, seit er erblindet ist. Dies Un-
glück, doppelt groß für ihn als gelehrten Archäologen und aus-
übenden Künstler (der Herzog hat sich mit Glück in mannich-
fachen plastischen Arbeiten bewährts, hat aber seine geistige
Klarheit und Lebhaftigkeit und seine eingreifende Theilnahme an
der politischen Entwickelung seines Vaterlandes nicht gebrochen.
F. Lewald, Reisebriefe.

= 1F -
Er ermaß und würdigte es schon 16?, welch' eine
Bedeutung das von Oesterreichs Einfluß unabhänig gewordene
und geeinte Deutschland unter Preußens Führung für die
Einigung Jtaliens und für dessen Freiwerden von fran-
zösischem Einfluß dauernd haben würde, und er hat sein Fest-
halten an dieser wie an allen seinen Neberzeugungen auch bis
auf diese Zeit vollauf bewährt.
An dem Abende, dessen ich eben gedachte, wendete die
Unterhaltung sich auch sofort auf die Wandlung, welche sich
seit dem Sommer von 1866 in unseren Zuständen vollzogen
hatte, uud als ich dem Herzog dann erzählte, welche Aeußerung
am Nachmittage der Polizeibeamte im Postbureau gegen mich
gethan, versetzte et: Ich wollte, seine Zweifel wären begründet,
aber ich besorge, Sie werden ihn und die ganze regierende
Elerisei noch wiederfinden, wenn Sie im Herbste zu uns
wiederkehren. So rasch machen sich die Dinge auf diesem
Boden nicht. Aber die Menschheit steht nicht still, und der
Wille einer verblendeten Association von zurückgebliebenen
Geistern hält ihren Fortschritt nicht für immer auf. Ich
wiederholte ihm das Wort, das, wie man mir erzählt, die
Großfürstin Helene von Rußland einmal über den Kaiser
Nikolaus geäußert haben sollte: ,Er hält sich für einen Riesen,
der die Zeit zurückhalten kann, wenn er dem rollenden Rade
der Geschichte in die Speichen greift; aber das Rad ist nicht
zu halten, es wird weiter rollen und ihm den starken Arm
zerschmettern !'! =- Der Herzog nickte zustimmend mit dem
Kopfe.,Wir erleben hier das Aehnliche an dem Glauben
des Papstes'', sagte er, ,und werden Aehnliches erleben in
seiner Enttäuschung!''
So schieden wir.
Ein paar Tage später waren wir in Neapel und in
Neapel waren die Klöster aufgehoben, die ganze Stadt sah

-= P1H -
wie gelichtet aus. Der Hafen lag voll Schiffe, Handel und
Wandel belebten die Plätze, neue, großartige Straßenbauten
waren am Ufer des Meeres, am Fuß des Pausilipp und von
Kapo di Monte bis in das Thal hinab entstanden und im
Entstehen. Die Fenster des königlichen Palastes waren aber
geschlossen, in der königlichen Villa Chiatamone war ein Gast-
haus errichtet und wir wohnten darin.
Seit Jahren hatte ich mich an den Berichten erfreut,
welche ein Neffe PoSrio's, Vittorio Imbriani, der früher in
Berlin studirt hatte und dessen Vater an der Spitte des
neapolitanischen Unterrichtswesens stand, mir hin und wieder
nach Berlin gesendet. In den freigewordenen Klöstern hatte
man öffentliche Schulen für Knaben und Mädchen errichtet,
vornehme Adelsfamilien schickten ihre Töchter in diese Volks-
schulen, um mit ihrem Beispiel voranzugehen. Fortbildungs-
schulen für Handwerker waren eröffnet. Statt der finsteren
Schaaren von Mönchen und Mönchsschülern, welche eine der
Hauptstaffagen der römischen Straßen bildeten, zogen prächtige
Bataillone von Nationalgarden mit klingendem Spiele durch
die Straßen, über welche auf der Riviera di Chiaja eine
Parade abgehalten wurde. Die Zeiten, in denen Enrichetta
Karracciolo ihre Klosterleiden durchlebt, waren für Neapel
vorüber, es war eingetreten in die volle, frische Strömung
der Zeit. Indeß man behauptete, das partikularistische,
republikanische und sogar französische Sympathien in Neapel
mehr als sonst irgendwo in Jtalien der friedlichen Einigung
des Königreiches und seiner Selbständigkeit gegenüber Frank-
reich entgegenständen.
Wir aber konnten uns über diese Behauptungen durch
Selbsterfahrung leider kein eignes Urtheil bilden, denn unser
Aufenthalt währte eben nur vierzehn Tage. Die ungewöhnlich
frühe Hitze und der Ausbruch der Cholera zwangen uns,
1R

== ,Zs -
Neapel und Jtalien zu verlassen, und der Herbst des Jahres
siebenundsechzig traf uns am Genfersee. Dort sahen wir
Garibaldi, wie ich erwähnt am neunten September auf seiner
Reise zu dem Genfer Friedenskongreß. Dort erfuhren wir
später von seinem neuen, zur Unzeit unternommenen und
mißglückten Versuche, die weltliche Herrschaft des Papstes zu
stürzen, den Kirchenstaat für die Vereinigung mit Jtalien zu
befreien.
Einer von Garibaldis Offizieren, der treffliche junge
Obristlieutenant Frigyesi, den wir fünfzehn Monate früher
am Komersee kennen lernten, und von dessen eigenartigen
Lebensschicksalen ich in meinem Tagebuch vom Genfersee einen
flüchtigen Umriß gegeben, meldete uns am S. Oktober 16? von
Genf, wo er sich aufhielt:
,Garibaldi hat mir von Caprera geschrieben. Er sagt von
sich: ,Ich muß abreisen, auf!s Neue in den Kampf, aber ich
scheue die Gefahren nicht. Das Vaterland ruft mich, ich gehe
gern. Die Heiligkeit der Sache giebt mir Zuversicht, ich hoffe,
das Unternehmen gelingt. Wenn nicht, so wird's nicht meine
Schuld sein. ,Das Lettere', fügte der Briefschreiber hinzu
==- ich übersetze diese Briefe aus dem Jtalienischen - ,wird
sicherlich wahr sein ! =- Danach langes Schweigen.
Mit bangem Herzen dachten wir unseres jungen Freundes,
der dem Rufe seines Generals gefolgt war, mit gespannter
Sorge dachten wir an Rom und an die Freunde, die uns dort
lebten. Wir erfuhren die widrige Komödie, zu welcher die
Abhängigkeit von Frankreich die italienische Regierung abermals
gezwungen, die Gefangennehmung Garibaldiis in Asina lunga,
seine Befreiung, sein Vorwärtsgehen, den Einmarsch seiner
Truppen in das päpstliche Gebiet, die Kunde von dem Siege
bei Monte rotondo, die Trauerbotschaft von der Niederlage
Garibaldi's bei Mentana, die Schilderung ,der Wunder'', welche

gggg
== 19? -
bie Chassepots dort zum erstenmale gethan. - Endlich, nachdem
wir in Florenz und Rom vergebens um Kunde von dem edlen
jungen Freunde nachgesucht und nur erfahren hatten, daß er,
obschon verwundet, bei Mentana das Schlachtfeld bis zulettt
behauptet und den Rüchhug des Generals decken helfen, erreichte
uns gegen das Ende des Jahres ein Brief von ihm.
,Da bin ich wieder, schrieb er uns aus Genf, ,noch
etwas lahm, aber ich lebe! Das Glück, das ich bei Mentana
hatte, war außerordentlich. Der Baum, unter welchem ich
stand, wurde vollständig von den Kugeln des ,wunderthätigen
heiligen Chassepot entblättert, mein Pferd bekam einundzwanzig
Flintenschüsse. Als es schon am Boden lag, zerriß eine Kanonen-
kugel das arme Thier. Gegen drei Ühr erhielt ich eine starke
Kontusion an der Hüfte, aber um die Meinen nicht zu
entmuthigen und um bei dem armen General zu bleiben, der
sich übermäßig aussette, bin ich, auf einen Stock gestüttt, noch
bis sechs Uhr auf dem Schlachtfelde geblieben. Mentana war
keine Schlacht, es war ein Schlachten von Unbewaffneten. Ich
bin, wie Einer, an die Schrecken des Krieges gewöhnt, aber
ein Elend wie in dieser Campagne habe ich noch nicht
durchgemacht. Die schlechtesten Gewehre, die nur zweihundert
bis dreihundert Schritte trugen, zwei bis elf Kartouchen für
den Freiwilligen. Die Leute halb nackt ohne Sold, mehrere
Tage des Brodes und was schlimmer war, genüügenden Trink
wassers beraubt, auf etwas Fleisch ohne Salz beschränkt. Erst
die Geschichte wird diesem kleinen aber ehrewwollen Feldzuge
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ja, meine Freunde! ich lebe
noch, aber meine Seele ist sehr traurig. Zu denken, daß so
viel Opfer und Leiden vergebens gewesen sind. Eine Blüthe
italienischer Jugend hingeschlachtet! Mütter, Schwestern,
Freunde in Thränen um ihre Geliebtesten. - Und ich, der
völlig einsame Exilirte am Leben, um dies traurige Schauspiel

== , Is -
zu betrachten, um Zeuge zu sein von so vieler Infamie. Wie
gern hätte ich mein Dasein hingegeben, das Leben jener groß-
herzigen Märtyrer zu erhalten, aber ich bin übrig geblieben
und weiß nicht das Weshalb. Ist es eine Strafe, ist es ein
Lohn? Gott allein weiß es! Der arme General ist wieder
in demselben Gefängniß von Varignano, in welchem wir nach
Aspromonte waren, bewacht von den Schergen des Königes,
dem er Königreiche gegeben hat. Ich konnte keinen Zutritt
zu ihm erreichen. Armes Jtalien! Preisgegeben von dem
ihr Angetrauten, der geschworen, sie heilig zu halten; von den
Fremden unter die Füfe getreten, troz ihrer beiden großen
Söhne, um welche eine Welt sie beneidet.? - Es folgen dann
bitttere Anklagen gegen die französisch - italienische Alliance,
gegen die dynastische Selbstsucht, und die bestimmt ausgesprochene
Neberzeugung, daß Jtaliens Einheit und Freiheit, wie das
Glück der Völker überhaupt nur von republikanischen Staaten
zu erwarten sei - ein Irrthum des Verstandes, in welchen
großmüthige Herzen so leicht verfallen, weil in ihnen die
Vorstellungen eines idealen Volkes, sich zwischen ihr Urtheil
und zwischen die bestehenden Zustände stellt! Ein Irrthum
des Verstandes, der Garibaldis und seiner Anhänger unseligen
Entschluß erklärt, sich auch in dem letten Kriege wieder mit der
französischen republikanischen Regierung gegen das deutsche Volk
zu verbinden, das unter monarchischer Führung bei Sedan den
Feind Jtaliens und der italienischen Einheit vom Throne
stieß, das bei Sedan dem durch französische Willkür in Banden
geschlagenen italienischen Volke die Banden löste, und ihm
den Weg nach Rom ermöglichte - den kein Telegramm der
französischrepublikanischen Regierungsgesellschaft den Jtalienern
eröffnet hatte, den sie erst durch Scheingefechte gewinnen konnten,
krarn

- FIs -
vorenthielt, tragt das Licht der Erkenntniß, die Leuchte dieser
Zeit, in das von tiefer Nacht umhüllte Rom! Die Zuaven
und ihr General Charette, welche sich der vollen Einigung
Jtaliens in den Septembertagen von 17 widersetzten, waren
die Truppen und der General der damaligen französischen
Republik -- der Republik des Zu falls - wie die
deutsch-amerikanischen Journale sie mit spottender Gerechtigkeit
benannten. - In der That, nur ein schwerer unheilvoller
Irrthum des Verstandes konnte Garibaldi, der im Jahre 166
die Alliance von Deutschland und Jtalien als etwas Natur-
gemäßes, Unerläßliches erstrebte, auf die entgegengesetzte Seite
getrieben haben. Aber für Diejenigen, welche sich berufen
glauben, in die Schicksale der Welt handelnd einzugreifen, giebt
es Irrthümer, die Verbrechen sind, und sich wie solche rächen.
Wir kehrten damals nicht nach Jtalien zurück, denn was
man von Rom vernahm, war zur Rückkehr nicht ver-
lockend. Nach der Schlacht von Mentana hatten die Franzosen
sich zur Sicherung der päpstlichen Herrschaft wieder im Kirchen-
staate festgesctt, unter ihrer Aegide bereitete man sich auf das
Konzil, auf diese Blendwerkskomödie mit Knechtungsunterlage
vor, und auch an der Seine wurden immer neue Feste und
Präponderanzschauspiele mit ethnographischer Färbung aufge-
führt. Der Ausstellung von Völkern und von Souverainen
in Paris, folgte die Fürstenpromenade nach dem Nil; dem alten
ls rois z'amnse! war ein neues: on amuse les rois et les
geugles !' gefolgt; und weil Alles, was der Maschinenmeister
an der Seine zur Unterhaltung und Zerstreuung der mit
ihm unzufrieden werdenden Pariser plante, so glatt und schön
von Statten ging, waren zaghafte Gemüther nahe daran, auf
seine Infallibilität noch früher als auf die des Papstes zu
glauben und zu schwören.

Z0ß -
,Es steht der Welt ein großes Unheil bevor'', sagte im
Frühjahr von 168 der arme Edgar Quinet zu uns, der in
bescheidenem Hause am Genfersee fern von dem Vaterlande
lebte, weil er es unter Napoleons des Dritten Herrschaft nicht
wieder betreten wollte. ,Es steht der Welt ein großes Unheil.
bevor. Napoleon befestigt seine Dynastie, sein Einfluß auf
den Klerus von Jtalien und von Frankreich ist ein entschei-
dender. Der Kardinal Bonaparte wird der nächste Papst sein,
und die Welt von einem Kaiser und einem Papste aus diesem
verruchten Stamme beherrscht, wird der schrankenlosesten welt-
lichen und geistlichen Tyrannei verfallen. Nur weil er für
sich und seine Dynastie davon Nuten zu ziehen hofft, tritt
Napoleon nicht gegen die Infallibilitätsgelüste des Papstes
auf. Wir gehen einer Zukunft entgegen, vor der mir schaudert,
weil ich voraussehe, wie sie sich gestalten wird ! - Wir ehrten
und schätzten Quinet als Charakter aufrichtig, aber sein echt
französischer Glaube an die Dauer der augenblicklich bestehenden
Herrschaft machte uns doch lächeln. Es war gerade, als ob
Napoleon der unsterbliche Stellvertreter Gottes auf der Erde,
als ob er immer dagewesen wäre und immer da sein würde,
als ob er den Schlußstein des Weltgebäudes bildete, der nicht
fortgenommen werden könnte, ohne daß Alles auseinander
fiele. Und doch waren die lächerlichen Abenteuer von Boulogne
und Straßburg nicht so gar lange her, doch hatte Quinet den
A. und L. Dezember mit erlebt. Er kannte die Anfänge dieses
Kaisers der Franzosen und schien nicht an die Möglichkeit
seines plötzlichen Untergehens zu denken. ,Ich habe immer den
heißen Wunsch gehabt?, sagte Stahr zu Quinet, ,nicht zu
sterben, ehe ich nicht den schmählichen Untergang dieses ge-
krönten Verbrechers erlebt habe, und verlassen Sie sich
darauf! wir erleben ihn Beide!'r
,O, mein Freund! Sie vergessen die Armee!' ent-

- Zß! --
gegnete der Exilirte mit einem schweren Seufzer, und Sie
vergessen es, wie Napoleon es verstanden hat, Frankreich
solidarisch mit sich zu verbinden ! - Er glaubte nicht im
Entferntesten an die Möglichkeit von Napoleons jähem Sturz.
Es gab Leute genug, die ebenso dachten, nicht allein in Frank-
reich, sondern auch bei uns - vornehmlich unter Jenen, deren
sittliche Weltanschauung von dem Courszettel bestimmt und
an jedem Mittag an der Börse neugestaltet wird.
Wie besorgt um Napoleon oder auf ihn bauend aber die
Einen und die Anderen auch in die Zukunft blickten, wie hoch
sie seine Macht und die des Papstes auch veranschlagten -
und die letztere ist, vom weltlichen Besitze abgesehen, doch weit
gewaltiger, tiefgreifender und der Zukunft wahrscheinlich sehr
viel versicherter als jene = es ging neben und in dem Drama,
das man die Weltgeschichte nennt, neben den großen han-
delnden Heldengestalten und dem Chor des Volkes immer und
unablässig noch ein Chor von besonderen Stimmen, gleich dem
Chor in der antiken Tragödie, einher, der, für sich selbst
agirend, sich nicht beirren und nicht bestechen ließ, der, ohne
dazu besonders angestellt zu sein, die eigentliche Stimme der
Völker und der Zeit, der das ethische Gewissen der Welt, die
richtende und verurtheilende Stimme repräsentirte, ,weil es
ihm so gefiel'': ein Gerichtshof aus eigener Machtvollkommen-
heit, unerschrocken, unerbittlich, schlagend und vernichtend mit
dem erhabenen Zorne seines Humors. Er gebot nicht über
Kanonen, er hatte nur Blätter, Papier und Druckerschwärze,
und die frische Energie von wenig Männern als Macht und
Waffe zur Verfügung. Aber Napoleon und der Papst haben
keinen beharrlichern Gegner im Felde wider sich gehabt, die
ganzen achtundzwanzig Jahre lang, als das Berliner satyrische
Blatt - den Kladderadatsch. -
Wie entschiedene Feinde die Menschenliebe und Weltbe-

-= IßZ -
glückung heuchelnde Selbstsucht Napoleon's und der Infalli-
bilitätsirrsinn des Papstes den Beiden auch hervorgerufen
hatten, Niemand hat sie so unausgesezt bekämpft als dieses
geistreichste und unabhängigste Wizblatt der Welt - als seine
Redacteure und sein Zeichner. Mit jedem Jahre, welches die
napoleonische Herrschaft in Frankreich gewährt, mit jeder Ver-
schlechterung der öffentlichen Moral in jenem Lande, mit jeder
Vergewaltigung der Franzosen gegen fremde Völker, war das
Blatt an sittlicher Bedeutung gewachsen. Vom Throne bis
in die Dorschänke hinab, hatte es nicht aufgehört die Deutschen
an die Verbrechen zu mahnen, welche der Kaiser und mit ihm
die von ihm geführte französische Nation begangen. Auf Tritt
und Schritt hat es ihn wie ein gespenstiger Rächer durch alle
vier Welttheile in den Raubzügen seiner Franzosen begleitet.
Mit warnender Drohung hat es ihn endlich angerufen bei dem
Beginn des feindseligen Angriffs gegen Preußen, bis es dem ver-
brecherischen Kaiser schließlich in einer meisterhaften Jllustration
sein nahes Ende prophezeit und dargestellt. Das Bild des
Kladderadatsch, in welchem Navoleon selber, seinen mit dem
Krönuungsmantel und der Kaiserkrone gezierten Sarg als
Lenker des eigenen Leichenwagens, den gleißend aufgeschmückte
Pferdegerippe vorwärtsziehen, zu Grabe führt, ist eine alle-
gorisch-historische Komposition im größten Style und von
größter Kraft; und obschon nur in engem Raume und im
kargen Holzschnitte ausgeführt, lebte doch kein Meister, der sich
ihrer zu schämen gehabt haben würde.
So war denn, wenn auch langsam vorbereitet durch eigene
Missethat und Neberhebung, das Ende für des Kaisers Macht
plötzlich herangekommen. Das Gericht hatte sich plötzlich er-
füllt. Der von besorgten Gemüthern gefürchteten Knechtschaft
der Welt durch den am Tiber und an der Seine wirksamen
Bonapartismus, war mit gewaltiger Kraft von der sittlichen

=- WZ =
Energie, von der Vaterlandsliebe und dem Selbstgefühl des
deutschen Volkes ihr: ,Bis hieher und nicht weiter!? zu-
gerufen worden. In den wilden Todesschlachten, welche uns
vom K. August bis zum U September Tausende und Tau-
sende unserer heldenhaften Männer und Jünglinge gekostet,
hatten die vereinten Dentschen die bonapartistische Tyrannei
gebrochen, die völkerfeindliche, eitle Selbstüberhebung der
Franzosen gezüchtigt, und den Sturz der weltlichen Macht des
Papstes vorbereitet. Die Ströme schuldlos vergossenen deutschen
Blutes, die Ströme von Thränen, die in Deutschland über
dieses theure Blut geweint worden sind, haben wie die Wogen
des Rothen Meercs den prahlerischen Pharao und sein Heer
verschlungen. Wie der blonde Erzengel Michael hat Deutsch-
land den Fuß gesettt auf des Erbfeindes Nacken, sich Tügel-
kräftig emporschwingend vor dem staunenden Auge der Welt,
und mit seinem starken Arm auch für Jtalien die Pforte er-
schließend, durch die es leichten Kaufes eingehen konnte in das
ihm bisher vorenthaltene Rom, um sich aufzurichten zu freier
Selbstbestimmuung, zu freier geistiger Entwickelung in der Reihe
der lebenden, fortschreitenden Völker unserer Zeit.
Es waren erschütternde Augenblicke, große, historisch - un-
vergeßliche Tage, als am . September des Jahres 17 König
Wilhelm der Welt vor Sedan verkündete, die ganze Armee
Mae Mahon's habe kapitulirt, der Kaiser Louis Napoleon
habe sich als Gefangener ergeben; als wenig Wochen später
am W. September die Botschaft durch die Welt ging: heute
haben die Kanonen der italienischen Armee die Mauern nie-
dergeworfen, welche von Frankreich gestützt, Rom abtrennten
von dem geistigen Fortschritt, den die übrige Welt gemacht
hat; als von den deutschen Thronen bis hinab in die letzte
deutsche Hütte und vor Allem in Preußen, jeder denkende
Mensch sich sagen durfte: in diesem Herbste hat das deutsche

=- Zßg -=-
Volk die Frucht Jahrhunderte langer treuer, gewissenhaster
Arbeit eingeerntet, haben deutscher Geist und deutscher Muth
die Machtverhältnisse hoffentlich zum Heil der Welt wie zu
dem eigenen Heile, in Europa umgestaltet, hat der germanische
Geist sich auf den Thron der Zeit gesettt -= jener Geist, der
die freie Forschung als sein Panier erkennt. Und auch in den
romanischen Ländern fehlte es nicht an Solchen, welche die
Bedeutung dieser Thatsache würdigten und sie als segenbringend
anerkannten.
,Ich wünsche von Herzen', schrieb mir damals einer der ein-
flußreichsten Männer Roms in den ersten Tagen des Oktober,
,eine dauerhafteAlliance zwischenJtalien und Deutschland, damit
Beide sich dauernd vor den eiteln Beeinflussungs- und Erobe-
rungsgelüsten bewahren, welche in der französischen Natur vor-
herrschen. Unser Jtalien hat es sehr nöthig, sich von der
Schwäche zu entwöhnen, die in seiner Nachahmung des gallischen
Wesens liegt. Ihr Volk hat das Glück, eine Natur zu besiten,
welche dem ebenso unrationellen als sinnlichen Charakter der
Franzosen völlig entgegengesett ist. Bonaparte und der Papst
hielten einander aus Selbstsucht mit gegenseitiger Abneigung
an der Hand. Der Sturz des Einen mußte den Fall des
Andern nach sich ziehen. Die katholische Partei in Frankreich
wird jetzt, sonderbar genug, durch eine Vereinigung von
Garibaldis rothen Republikanern mit den Zuaven des Herrn
Charette vertreten. Die Metamorphose in Rom vollziehen wir
sehr allmälig, um Kämpfe gegen den Staat und die Kirche zu
vermeiden. Die Letztere macht ,böse Miene zu gutem Spiel'.
Der Papst genießt in der vatikanischen Oasis alle Vortheile
des reichlichen Wohlstandes ßogulenees und der Freiheit, während
er sich darin gefällt, die Rolle des mißhandelten Gefangenen
zu spielen, weil er, wie er sagt, nicht mehr frei über die Brief-
post verfügt, die er durch die Polizei durchsieben (tamisers zu

== Z(H -
lassen pflegte. Die römische Regierung, welche an dem ge-
segneten Morgen des W. September durch die italienischen
Kanonen gebrochen worden ist, war Nas letzte übrige Stück
von der Barbarei des Mittelalters, versteinert durch die Jahr-
hunderte und aufbewahrt in dem zoologischen Museum des
Vatikans. - Der Jubel war ein allgemeiner durch ganz
Jtalien. Die Haltung, welche überall bewahrt worden ist, hat
die Gerechtigkeit seiner Sache bethätigt. Der Fall der politischen
Religionsmacht verbürgt der Welt die Wiedergeburt des wahren
Christenthums, das nichts Anderes ist, als die Ausübung der
friedlichen Menschlichkeit und duldsamen Bruderliebe!r
Aber während sich die provisorische Regierung, die Giunta,
mit dem edlen Herzoge von Sermoneta an ihrer Spitze, in-
Rom organisirte, während einige Wochen später eine Deputa
tion von Römern dem Könige Victor Emanuel die Abstimmung
der Römer nach Florenz überbrachte, welche sich für die Ver-
einigung mit dem Königreich Jtalien erklärt, fehlte es nicht
an Jtalienern, welche, uneingedenk Dessen, was die fran-
zösischen Republiken erster und zweiter Auflage gegen die Un-
abhängigkeit Jtaliens gefrevelt, und noch mehr uneingedenk
der außerordentlichen Förderung, welche das jetige Königreich
Jtalien von Preußen durch die Siege bei Sadowa und Sedan
erfahren, einem Bündniß Jtaliens mit der französischen Re-
publik neuesten Datums das Wort fortdauernd redeten. Feind-
liche Stimmen gegen Deutschland wurden in den zahlreichen,
schnell entstandenen römischen Journalen so laut, daß die in
Rom am meisten gekannte deutsche Zeitung, die Augsburger
Allgemeine, diese Stimmung gegen Deutschland als eine Un-
gerechtigkeit zu charakterisiren unternahm.
Da war es denn wieder der Präsident der Giunta, der
obschon das Augenlicht ihm fehlt - hellsichtig und weit-
sichtiger als viele seiner Mitbürger, einen gedruckten offenen

==- Ls -
Brief an die Redaktion der Augsb. Allg. Zeitung veröffent-
lichte, der mir vorliegt und der also lautet:
,Michel Angelo Gaetani, Herzog von Sermoneta, an die
verehrte Redaktion der Augsburger Allgemeinen Zeitung.
,Der Vorwurf, welchen Sie in Ihrem Blatte der perio-
dischen Presse Jtaliens machen, ist wohlverdient. Sie sündigt
zuweilen durch Vernachlässigung der Anerkennung, welche sie
Andern schuldet, bisweilen durch Unklugheit in ihren Urtheilen.
Die Stimme der Journale, welche in diesem Augenblick Werk
zeuge der Leidenschaft und auch der Gewinnsucht sind, darf
nicht als die verläßliche Kundgebung der nationalen Meinung
angesehen werden. Die verständige Bürgerschaft Jtaliens, vor
Allem die von Venedig und von Rom, darf wol durch Wort
und That bezeugen, welche Dankbarkeit sie den wundervollen
Siegen des heutigen Germaniens schuldig ist.?
,Der geistige Fortschritt Deutschlands ist das einzige sichere
Versprechen, welches Europa für seinen künftigen politischen
Fortschritt besitzt. Es ziemt sich zu wünschen, daß Jtalien
daraus ein Beispiel und Nutzen zu ziehen verstehe, weil ein
unreifer politischer Fortschritt, dem die rechte Unterlage geistiger
Bildung fehlt, jene furchtbare Zerstörung herbeiführen kann,
unter welcher in diesem Augenblick verschiedene Theile unseres
europäischen Welttheiles leiden. Empfange das siegreiche
Deutschland von den besten Bürgern Jtaliens das Zeugniß
ihrer nationalen Dankbarkeit, und möge Rom einst die Herrin
der alten Welt, sich an und nach dem Beispiel Deutschlands
zu der geistigen und bürgerlichen Höhe der modernen Welt
erheben !''
a ,sotteghe oseurs (ßlatz auf welchem der Palast Gaetani
liegts am L. November 17.?

-- I! --
Wie die alte Roma, in ihrer antiken Ruinen Schatten,
mit ihren geheimnißvollen Klöstern, mit ihren mittelalterlichen
Mauern, mit dem Glanze ihrer nur von den Steuern der
ganzen Welt zu erhaltenden Kirchen und Basiliken es anfangen
wollte eine moderne Stadt zu werden, wie neues Leben
einziehen sollte in das wunderbare, weltabgeschiedene, ver-
fallene und für jede empfängliche Seele unwiderstehliche
Rom - das konnte man sich damals eigentlich nicht denken.
Wie sollten ein König von Jtalien und das Oberhaupt
der katholischen Kirche neben einander residiren innerhalb
der Mauern Ron's? = Ein deutscher kleinstaatlicher Diplomat,
der nicht durch weitreichende Gedanken glänzte, sagte einmal
kurz weg zu mir: ,Das ist ganz unmöglich! denn wem sollen
die Truppen die Ehrenbezeugungen als Souverain erweisen?
dem Papste oder dem Könige ?
Das ist freilich immer noch eine unentschiedene Frage, da
Pius der Neunte heute noch in der Rolle des Gefangenen
beharrt. Aber Rom ist seit sieben Jahren die Hauptstadt des
geeinigten Jtaliens. Das Luirinal ist die Hofburg des Lan-
desherrn, das Parlament, der Senat vertreten hier in Rom
des Volkes Willen; und die Zeit, d. h. die Menschen, die in
ihr leben und Wunder wirken, werden das Nebrige thun.
Das deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm neu aufgerichtet,
Jtalien geeinigt unter seinem selbstgewählten Fürstengeschlechte
-- der Papst ein freiwilliger Gefangener in den Sälen des
Vatikans! - Wer hätte das für möglich gehalten heut' vor
einem Menschenalter? und wie kurz ist die Spanne Zeit, die
man als ein Menschenalter bezeichnet!
Das Jahr neigt zum Ende! möchten Friede und Eintracht
an des neuen Jahres Pforte stehen für alle Völker, denn die
Welt hat des Blutvergießens nur allzuviel gehabt!

Kapitel 14

Z08 -
lierzeünter Vrief.
Am Tage der Paptwahl.
Rom, W. Februar 178.
War das eine Zeit der unruhigen Erwartung! War das
ein Vermuthen, ein Prophezeien in den Tagen, die seit dem
siebenten Februar, seit der Todesstunde Pius lK., bis zu der
heute erfolgten Wahl des Kardinals Pecci, des dreizehnten
Leo, uns hier verflossen sind!
Man hatte Papst Pius im Laufe des Winters schon mehr-
mals sterbend oder todt gesagt. Der siebente Februar war ein
fcischer, klarer Tag. Es hatte, wie durch den ganzen Januar,
in der Nacht gefroren, und obschon in den Gärten die Rosen
und die vanilleduftigen japanischen Mispeln blühten, war es
trotz des Sonnenscheins in der Antiken-Gallerie der Villa
Ludovisi empfindlich kalt, so daß wir bald das Freie und die
Sonne suchten. Beim Heimwege erfuhren wir den Tod des
Papstes. Aber von der großen Aufregung, welche der Tod des
Königs hervorgerufen hatte, war den Tag Nichts zu merken.
Nur hier und da sah man einen Laden schließen; im
Nebrigen ging Alles ruhig seinen Weg, und im Verkehr mit
Jtalienern hörte man nicht nur gleichgültig von dem Ereigniß,
sondern unehrerbietig und oft mit bitterer Geringschätzung von
dem Papste sprechen. Man hatte ihm zuviel zu vergeben, was
man ihm nicht vergessen konnte; und weil er die überspannten
Hoffnungen nicht verwirklicht, die man einst auf ihn gesett
hatte, grollte man ihm um so schwerer. Nun war er abge-
than! Es hieß sntt! - und das Schaugepränge derAusstellung
und Beerdigung des verstorbenen Papstes, kam neben der
ZP v - ==s == eeo

- ZIß -
Es war gar nicht möglich, sich an Silvio Pellico's oßt
von mir wiederholten Ausspruch zu halten: laseio la golitiea
o slla sta, e porlo TUltro! (Ich lasse die Politik, wo sie eben
liegt, und spreche von Anderem !s Denn Niemand dachte an
etwas Anderes, Niemand sprach von Anderem - weder die
Zeitungen noch die Leser derselben, weder die Heimischen noch
die Fremden, weder die Herren noch die Diener. Man erging
sich in Rückerinnern, in Voraussehen. Man stritt, man eiferte,
man hoffte, man zweifelte. Theilnahmlos und ruhig konnte
man dabei nicht bleiben. - Und dennoch fragte jett bei dem
Tode des Papstes Niemand: aber was wird nun werden? -
wie man sich das gefragt hatte, an dem Tage, an welchem
dereinst die französische Besatzung Rom und den Papst, dem
Schute seiner Landeskinder überließ.
Was aus Rom werden würde, darauf hatte die tiefe
Trauer bei dem Tode Victor Emanuels die Antwort ein- für
allemal gegeben. Nur die Frage warf man sofort auf, werden
die Kardinäle fort, nach Malta gehen, um das Konklave dort
zu halten, um den Papst unter dem Schute der protestan-
tischen Macht zu wählen, in deren Hauptstadt, wahrscheinlich
auch heute noch, die Papst - Puppe in jedem Jahre zur Er-
innerung an Guy Hawks verbrannt, und das ,rewember,
rememher tbe ästb ok Koremherr gesungen wird. Es war
überflüssig, darüber viel zu ßreiten; denn mich dünkt, es giebt
historische Lächerlichkeiten, die zu begehen selbst Fanatiker Be-
denken tragen müssen. Dazu war das Fortgehen der Kardinäle
von Rom die leichteste Sache von der Welt, denn die Straßen
nach der Eisenbahn sind und waren offen für Jedermann.
Aber Rom als den Siz des Papstthums ohne Weiteres auf-
zugeben, daran hatte man wohl kaum gedacht, und das Wieder-
kommen mit dem neuen Papste bot für jeden einigermaßen
praktischen Verstand doch Schwierigkeiten. Wie sollte diese
F. Lew ald, Reisebriefe.

= Z1l -
Rackkehr vor sich gehen? Im Triumwphzug? Ein solcher war
ohne Zulassung und Mitwirkung der italienischen Regierung,
die man nicht anerkennen wollte, nicht in Scene zu setzen. ,
Wie der Heiland nach Jerusalem, auf einem Esel mit vorge-
tragenen Palmenzweigen? Das wäre christlich, rührend, viel
leicht erhaben und schön gewesen -- aber doch neben der Eisen,
bahn veraltet und nicht recht thunlich! - Und mit dem Papste
ankommen, wie alle anderen Reisenden im Paletot und Mantel
das ging doch vollends nicht. Hier war Rhodus, hier mußte-
der Sprung gemacht werden! Und man hat ihn denn auch
hier gemacht, und der Bann ist gebrochen, mag man sich stellen
wie man will.
Am Montag, dem 1., als wir durch Porta Cavaleggieri
fahrend auf den Petersplatz kamen, bivouakirte unter den
Arkaden, die von St. Peter ausgehen, italienische Infanterie. -
Die Waffen, Tornister u. s. w. waren regelrecht auf dem Boden -
geordnet, die Truppen standen und lagen umher. Sie hatten
die Sicherheit des Vatikans, die Freiheit des Konklaves zu
bewachen. Sie waren auch einige Tage früher herbeigeholt
worden, die Ordnung in der Peterskirche aufrecht zu erhalten. -
Schon das war eine Bresche in dem bisherigen System, die -
nicht verdeckt werden komnte durch die Aufrechterhaltung des ;
ganzen alten Ceremoniels und durch die klösterlichen Holzver- -
schläge vor den Fenstern des Flügels, in welchem das Konklave ?
abgehalten wurde.
Freilich behaupteten die klerikalen Blätter, daß Pius dem --
K. mit Nothwendigkeit ein Pius K. folgen müsse, daß dieser ?
nichts thun könne und werde, als völlig in die Fußtapfen ?
seines Vorgängers treten; daß er alle seine infallibeln Anord- I
nungen und Traditionen fortführen müsse -- als ob z. .
ein Martyrium erblich sein könne! Kurzum Jeder hatte vom
. Februar bis heute seinen orthodoxen Glauben, Jeder war

Z1 -=
infallibel, und in der Atmosphäre dieser allgemeinen Infalli-
bilität stieg mir, der ich in diesen Dingen völlig ein Laie bin,
bisweilen der Gedanke auf, ob und in wie wett der neue
infallible Papst berechtigt sein könne, das Dogma von der
Infallibilität, welches sein Vorgänger erfunden, als einen
Irrthum zu erklären und es zu widerrufen? Es hätte in
den Tagen Manches komisch erscheinen können, wäre die
Wahl und die Person des neuen Papstes nicht von so weit-
greifender und, je nach dem, von segensreicher oder unheil-
voller Wirkung gewesen.
Inzwischen rastete, wie in ähnlichen Fällen im Mittel-
alter, der Volkswiz nicht. An den Buden der Zeitungsverkäufer
hingen Flugblätter aller Art aus. Ein hübsches farbiges
Blatt zeigte die Taube, das Sinnbild des heiligen Geistes,
mit dem Kardinalshut auf dem Kopfe, brütend über der ihr
als Ei untergelegten päpstlichen Tiare. Auf einem anderen
Blatte reichten der Papst und Victor Emanuel sich im Jenseits
als gute Jtaliener versöhnt die Hände. Auf einem dritten
ging der Eine die Hintertreppe, der Andere die Vordertreppe
zum Paradies empor; und auf noch einem anderen Blatte
begehrte Pius lK. von Sankt Peter Einlaß ins Paradies,
der zaudert, die Thür aufzuthun. Aber ich bin ja der in-
fallible Papst! sagt Pius. Oh, um Vergebung entgegnet der
heilige Petrus, irren ist menschlich! - Aber keines von allen
diesen satyrischen Blättern war beleidigend oder roh.
An und für sich liegt, wenn man die Sache ganz abstrakt
nimmt, etwas sehrJdealistisches in dem Gedanken einen Menschen
aus dem ganzen Kreise der Menschheit zu erwählen, um in
demselben alle die großen, die guten Eigenschaften der mensch-
lichen Natur zu verehren, welche die Menschheit als das Gött-
liche in jedem Einzelnen und in der Gesammtheit bezeichnet.
Die Vorstellung ist schön und erhebend, wie das Bild einer
1

Z -
Mutter, die in liebender Anbetung das von ihr geborne Kind
als ein ewig unfaßbares Wunder und Geheimniß verehrt.
Aber dem Göttlichen in uns ist das Irdische nur zu überwiegend
beigemischt. Der Ideal-Mensch, als welcher der Gekreuzigte
verehrt wird, ist nur einmal geboren worden, und seine Jde-
alität hat sich nicht fortgeerbt in der Reihe Derjenigen, welche
sich die Verwalter seines Reiches auf Erden nannten, und
deren Einer eben jett gestorben war, deren Einer eben jetzt
erlesen werden sollte.
Heute, als ich mit einem Bekannten aus meinen Zimmern
niedersteigend, von diesem, der es wissen konnte, die Mittheilung
erhielt, daß im Vatikan der Befehl gegeben sei, die päpstlichen
Karossen neu zu lackiren, was nicht auf die Fortsezung
des bisherigen Verhaltens schließen ließ, eilte Jemand die
Treppe rasch hinauf. Es war ein Bote, der zu einem im
Hause wohnenden Diplomaten gesandt wurde. Und von allen
Ecken und Enden rief man: ,Der neue Papst ist gemacht!
Kardinal Pecci ist gewähltrr
Es war der Mühe werth nach dem Petersplatze zu fahren, um
die Physiognomie der Stadt in diesem Augenblicke zu betrachten,
in welchem von dem Balkon über der großen Eingangsthür
der Peterskirche eben erst ein Kardinal es der katholischen
Christenheit verkündet hatte, daß ihr ein neues Oberhaupt ge-
funden sei. - Ich ging die spanische Treppe hinunter. An
einem der Pfeiler stand ein Bücherverkäufer. Er hatte seinen
Vorrath insauberen Bänden nebeneinander zierlich aufgestellt.
Ich blickte darnach hin: la sonts bibbia DDie heilige Bibels stand
auf den Rücken zu lesen. - Die Gegensätze sind überall zu
finden und stoßen hier eng zusammen in unserer Zeit. Der
Verkauf italienischer Bibeln auf offener Straße war nirgend zu
finden vor einem Menschenalter hier in Rom. Und sie glauben,
das Dogma von der Infallibilität des Papstes könne aufrecht er-

AZ -
halten bleiben in einem Lande und in einer Zeit, in welcher
Jedweder lesen lernen muß, und die Bibel, aus deren Quellen
alle religiösen Reformationen ihre Beweise geschöpft haben,
auf Straßen und Plätzen feilgeboten wird.
Um zweieinhalb Ühr war es noch ziemlich leer auf der
ungeheuren Weitung des Petersplatzes; aber das Leben nahm
in sich steigernder Schnelle von Minute zu Minute zu. Geist-
liche, in allen Zungen redend, stiegen die gemächliche Treppe
hinan, die zu der Vorhalle St. Peter's führt. Die Fremden-
Gesellschaft eilte zu Fuß und zu Wagen herbei, die Bericht-
erstatter der Zeitungen gingen hin und wieder. Die Jesuiten-
schüler kamen von ihren Lehrern geführt herbei. Soldaten oder
Offiziere sah man nur sehr vereinzelt. Vornehm aussehende
Frauen und Männer stiegen aus ihren Wagen, die Eauipagen
der Botschafter und Gesandten hielten mit ihren Insassen auf
dem Plate. Die Zahl der Menschen aus allen Ständen wurde
immer größer. Die Neugier war die Göttin des Augenblicks.
Aus den Fenstern meines kleinen Wagens sah sich das Ganze
wie ein schönes, farbiges Bild in engem Rahmen höchst er-
freulich an. Man harrte ungeduldig der Entscheidung, welche
die Stunde bringen sollte.
Trat der neue Papst aus der Loggia der Peterskirche auf
den dem Platze zugewandten Balkon hinaus, den Segen zu
sprechen ,über die Stadt und das Land'', wie es sonst am Oster-
sonntage geschah, so war der Bruch mit dem System des
neunten Pius ein- für allemal vollzogen. Die Einen hofften,
die Anderen fürchteten es. Niemand, selbst die Beamten der
Sicherheitsbehörden wußten, was werden würde. Die Menge
strömte in das weite Portal der Kirche, das offen stand,
hinein und strömte wieder zurück; und die sämmtlichen Glocken
der Peterskirche klangen mächtig und vielstimmig durch die

=- Z4 -
Luft, während die Minuten zu Stunden wurden und die
Entscheidung auf sich warten ließ.
Gegen fünf Ühr, als ich, eine Verabredung einzuhalten,
vom Petersplatze fortfuhr, stand noch Alles in derselben
Spannung vor der Kirche. Bald danach ist der Papst inner-
halb der Kirche erschienen und die Segensprechung dort erfolgt.
Personen, welche den Vorzug hatten, den Kardinal Pecci
persönlich zu kennen, behaupten, daß er es liebe, sich im Freien
zu ergehen. Man wird erfahren, ob er sich dem Prinzip zu
Ehren lebenslänglich zum Gefangenen machen wird.
Jett, am Morgen des A., da ich dieses Blatt beendet,
läuten alle Glocken aller Kirchen der kirchenreichen Stadt voll-
tönend über unseren Häuptern. Man singt das Ls Veum für
die gegen alles Vermuthen rasch erfolgte Wahl des neuen
Papstes.
Möchte sie die richtige gewesen sein. Man ist geneigt, sie
als eine solche anzusehen; aber auch jetzt treibt der Witz
des Volkes bereits sein Spiel.
Warum nennt Kardinal Pecci sich Leo Alll. und nicht
Pius K.? fragt man. Weil der Zehnte das Fluchen nicht
vertragen kann! lautet darauf die doppelsinnige Antwort.
Gut und ein Segen wäre es, wenn des Volkes Stimme,
wie der Mund der Kinder, hier die Wahrheit ausgesprochen
hätte, wenn das neue Papstthum eine Zeit des Friedens und
der Duldung mit sich brächte in die Welt, die deß so sehr
bedarf.

Kapitel 15

= Z1J -=-
Nmsosiikb- l»sss
ö uu sgu wuuu-u Esusus-
lom oder lalta?
Rom, den . März 1878.
Nicht einen Brief habe ich von meinen Freunden seit
dem Tode des Königs Victor Emanuel und dem ihm folgenden
Ableben des neunten Pius erhalten, der nicht das Verlangen
ausgesprochen hätte, von mir noch eine besondere ausführliche
Auskunft über die Eindrücke zu erhalten, welche die großen
Ereignisse auf mich gemacht hätten. Aber die Betrachtung
dessen, was sich hier in wenig Wochen, in raschem Nachein-
ander unter unseren Augen vollzogen hat, war so über-
wältigend, und die Fortentwickelung dessen, was geschehen, ist
von so unabsehbarer Tragweite, daß man sich mit seinem
Denken, Vermuthen, Möglichglauben, beständig auf neue, in
ihrem Ausgang unerkennbare Wege geführt sieht. Es voll-
zieht sich hier eben ein rückbildender Prozeß innerhalb der
Geschichte. Solche kommen in der Weise, wie es hier
geschieht, wohl nur selten vor; und ich glaube, Niemand kann
auch nur mit annähernder Gewißheit, voraussagen, was dieser
Prozeß mit sich fortreißen, welche Neubildungen sich danach
gestalten werden.
Jeder von uns kannte die Zustände, welche hier nach
der Errichtung des geeinigten, konstitutionell regierten König-
reichs Jtalien geschaffen worden waren. Wer in Rom gelebt
hatte, wer es aus eigener langjähriger Bekanntschaft mit
Land und Leuten erfahren hatte, wie tief der christliche
römisch-katholische Glaube in der Masse der Jtaliener wurzelte,
wie fest Rom mit der Tradition des Papstthums verwachsen

= Z1s -
war, und wie man daneben die päpstliche Mißregierung ver-
wünschte, wie lebhaft das Verlangen nach nationaler Unab-
hängigkeit und nach der staatlichen Einigung Jtaliens sich
aussprachen, der konnte, auch fern von Rom, nicht darüber
in Zweifel sein, daß man mit der Aufrichtung der nationalen
Königsherrschaft in Rom, gegenüber einer an demselben Orte
weilenden, das katholische Königreich Jtalien und die ganze
christkatholische Welt umfassenden internationalen Herrschaft,
zwei Gegensätze einander dicht und hart gegenüber gestellt
hatte. Damit war ein Widerspruch in sich selbst erzeugt
worden, der schwer zu beseitigen, schwerer zu vereinigen -
sein mußte.
Kam man dann wieder selbst nach Rom, sah man von
der Höhe des Monte Pincio, jenseits der Tiefe des Tiber-
thales den Riesenbau der Peterskirche mit dem Vatican in
ihrer Jahrhunderte alten majestätischen Pracht sich ernst und
stolz erheben, während von der Höhe des Luirinals die
italienische dreifarbige Fahne fröhlich in dem hellen Sonnen-
lichte flatterte, so fragte man sich unwillkürlich: kann das
Beides, so wie es jettt ist, neben einander bestehen? und die -
Möglichkeit dafür schien in der Nähe noch unwahrscheinlicher
als aus der Ferne.
Von der stattlichen und staatlichen Pracht des Papstthums,
das noch vor elf Jahren, bei unserem letzten hiesigen Auf-
enthalte, wenn schon von französischen Soldaten gegen die
Auflehnung der eigenen Unterthanen beschüzt, sich unver-
mindert und glänzend darstellte, war im letzten Herbste Nichts
mehr zu bemerken. Keine Cardinalsequipagen mit den schwarzen
Rappen und den hintenaufstehenden, meist sehr alten drei
Bedienten; keine rothe Galakutsche des Papstes mit voran-
sprengenden Karabinieren und dem sonst üblichen Gefolge.
Vor elf Jahren ging Pius rüstigen Schrittes am Mittag,

=- Z1? -
bisweilen in den eigentlichen Promenadestunden, durch die
Anlagen auf dem Monte Pincio, und die römischen Fürsten
stiegen dann aus ihren Wagen, um, auf der Straße knieend,
seines Segens theilhaftig zu werden, während die Frauen in
ihren Wagen niederknieend, ihm ihre Huldigung bezeigten.
Aber in dem Volke war von jener begeisterten und hoffnungs-
reichen Liebe für den Papst, mit welcher man ihn bei seiner
Thronbesteigung begrüßt und bis zu der Reaktion von 148
umfangen hatte, schon vor elf Jahren Nichts mehr übrig ge-
blieben. Während der hohe Adel noch vor ihm kniete, schlossen
Handwerker, an deren Läden und Werkstätten er vorüberging,
ihre Thüren und zogen ihre Kinder von der Straße zurück,
damit sie nicht genöthigt wüürden, ihm eine Ehrfurchtsbezeugung
darzubringen. Diese Auflehnung aber galt dem staatlichen
Herrscher, vielleicht auch dem Papstthum überhaupt, nicht der
katholischen Kirche. Man verwünschte das Regiment, man
sagte: ,Der Papst ist ein Mensch wie wir Alle? - aber man
beobachtete in den Familien im Allgemeinen doch alle kirch-
lichen Gebräuche, und die Mehrzahl der Frauen hing mit dem
Herzen an dem Glauben, den man mit der Muttermilch ein-
gesogen, und in dem man durch ein auf das geschickteste
verkettetes System erzogen und durch mannigfache weltliche
Vortheile festgehalten wurde.
Indeß eben so wenig als das Papstthum machte sich jettt
im Herbste das Königthum durch irgendwelche Pracht be-
merklich. Nicht ein einziges Mal habe ich in den drei Monaten,
die ich hier zu Lebzeiten Vichor Emanuel's zugebracht habe,
ihn anders als in bürgerlicher Kleidung, in einfachem, offenem
Wagen, in den Straßen gesehen. Wer den König nicht nach
seinen Bildern wiedererkannte, wurde auf sein Erscheinen durch
gar Nichts aufmerksam gemacht; und vielleicht eben weil die
Römer, wie alle Südländer, die Pracht und den glänzenden

===- Z1s -
Schimmer ihrer Natur nach lieben, imponirte ihnen die
Einfachheit ihres Königs, der in höchstem Maße von ihnen
geliebt und geschätzt ward. Man sah, wie gesagt, vom
Papstthum und vom Königthum so gut wie Nichts. Aber
die leichtschreitenden italienischen Bersaglieri und die bar-
füßigen Kapuziner, die Menge der schön uniformirten Soldaten
des königlichen Landes- und Kriegsherrn, der im Luirinale
residirte, und die Menge der Geistlichen und Mönche in allen
Trachten aus aller Herren Länder, die sich hier um ihr Ober-
haupt im Vatican zusammenscharten, bildeten entschiedene
Widersprüche; und wie die Stadtburgen im Mittelalter, lagen
die beiden Residenzen an den beiden Enden der Stadt gewaffnet
und feindselig einander gegenüber.
Als ich mich einmal darüber gegen einen mir befreundeten,
in den hiesigen Verhältnissen genau bewanderten Englände:
mit Verwunderung aussprach, sagte er: ,Die Sache ist nich
so gefährlich, als es den Fremden erscheint. Das geht hier
Alles, weil weder der Papst noch der König Dasjenige sind,
was sie durch die Macht der Verhältnisse als Träger der
Prinzipien, die sie vertreten, scheinen müssen. Der Papst ist
im Grunde seines Wesens ein für die italienische Einheit be-
geisterter Jtaliener, nur daß er nicht der Mann danach war,
sie unter einem Papste herzustellen; und der König, weit davon
entfernt, ein Gegner des Papstthums zu sein, ist ein sehr
orthodoxer Katholik, der den Papst an der Spitze der katho-
lischen Welt für eine Nothwendigkeit erachtet. =- Daß im
Jahre 11 ein unter päpstlicher Herrschaft geeinigtes Jtalien
mehr als nur denkbar war, mußte ich nach meiner eigenen
damaligen Erfahrung zugeben; das Andere mußte ich glauben,
da ein Erfahrenerer es mir berichtete.
Nun kam der Tod des Königs, und die tiefe, allgemeine
Trauer über denselben bethätigte die Allgemeinheit des National-

I19 -=
gefühls. Der Zusammenfluß von Menschen aus dem ganzen
Königreich war überraschend groß. Es schien, ein Jeder wolle
sich augenscheinlich überzeugen, ob das Unglück wirklich geschehen
sei, ob der riesenkräftige Mann wirklich dem Tode so rasch
erlegen sei. Es war eine Volks»Wallfahrt nach dem Luirinale,
ernst, ruhig, gehalten. Der Eindruck, den man davon hatte,
war sehr erhaben. Man hatte an Victor Emanuel wie an
einem einstigen Leidensgefährten, wie an einem Kampf- und
Siegesgenossen gehangen. Man verdankte seinem tapfern
Wagen ebensoviel, als er dem Vertrauen und der Hingebung
des ganzen italienischen Volkes schuldig war; und er war mit
seinen Eigenschaften, seinen Eigenarten und Fehlern eine
Gestalt, welche die Mythenbildung zuließ, jene Mythenbildung,
welche die Völker an ihren Fürsten auszuüben lieben. Wenn
die Zeitungen seiner Rechtschaffenheit, seiner Tapferkeit, seiner
Regententugenden gedachten, waren daneben im mündlichen
Verkehr ganze Reihen von Erzählungen von den Abenteuern und
Begegnungen im Schwange, die er bei seinem einsamen Umher-
streifen als Jäger bestanden hatte. Man erzählte mit Ver-
gnügen, wie er mit einem Handwerker, der ihn nicht gekannt,
gleichzeitig auf einen Hasen geschossen und um das erlegte
Thiir handgemein geworden, den Sieg davon getragen habe,
und dann den Besiegten zum Mitessen des Hasen zu sich ein-
geladen. Man hob geflissentlich sein treues Festhalten an der
Kirche hervor; und wurden jetzt nach seinem Tode die Stimmen
über sein nichts weniger als sittliches Verhältniß zu den
Frauen einmal ehrlich laut, so zuckte Der und Jener die
Schultern und sagte -- in bester Gesellschaft - lächelnd:
Machen wir's denn anders? =- Selbst seine piemontesische
Derbheit hatte man sehr gern; und wenn ich den Ausdruck
brauchen darf, er war körperlich und geistig eine kompakte
Masse, die das Auge auf sich zog und an sich feshielt. Sein

=== LZ --
plötzliches Verschwinden ließ daher eine Lücke offen, welche
auszufüllen möglicherweise seinem Sohne schwer fallen wird,
der körperlich dem Vater an Kraft nicht gleich, und weniger
als dieser befähigt sein soll, die kluge, mißtrauisch berechnende
Vorsicht der savoyenschen Fürsten hinter dem Anschein des
sorglosesten männlichen Freimuths zu verbergen.
Dem Schrecken über des Königs Tod kam nur die tief
empfundene Trauer gleich, mit welcher das Volk die Leiche
seines ersten Königs zu ihrer letzten Ruhestätte im Pantheon
an sich vorüberführen sah. Sie bildete den würdigen, dunkeln
Hintergrund und erhob die königliche Pracht des Leichenzuges.
Drei Wochen später, als bereits König Humbert dem
Volke seinen Eid geleistet und begonnen hatte, durch sein
ehrenhaftes Auftreten sich Vertrauen und Zuneigung in dem-
selben zu gewinnen, durchlief die Nachricht von dem Tode des
Papstes die Stadt.
Sie machte im ersten Augenblicke durchaus keinen nennens-
werthen Eindruck. Sie war schon oft verbreitet, schon oft wider-
rufen worden, man hatte diesen Tod so lange schon erwartet.
Mochte die orthodoxkirchliche Partei auch den Verlust ihres
Oberhauptes betrauern, das zuletzt zu einem bloßen Werkzeug
in ihren Händen geworden war, die großen Massen verhielten
sich kalt und gleichgültig dagegen. Der Unterschied zwischen
dem Ansehen der Straßen, dem Ausdruck der Menschen am
9. Januar und ?. Februar war auffallend. Er würde gewiß
noch greller hervorgetreten sein ohne die im letzteren Falle von
der Regierung ausgesprochenen Wünsche und angeordneten
Maßnahmen. Kein Zusammenstehen der Leute, kein besorgtes
leises Sprechen, kein solches Hinströmen der Menschen wie

- ZF --
am A Januar nach dem Luirinale. Es ging Alles ruhig
seinen Weg. Nur ein Bruchtheil der Magazine ward ge-
schlossen. Von wirklicher Trauer war wenig oder nichts zu
merken. Die Sympathie für Pius war längst erloschen. Es
hafteten zu schlimme Erinnerungen an seinem Regiment.
Man hatte ihn schwankend in allem Guten, nur in dem Un-
heilvollen fest und beharrlich gefunden. Man konnte es dem
weltlichen Herrscher nicht vergessen, daß er seine freisinnigen
Zusagen gebrochen, daß er mit der Gewalt fremdländischer
Waffen, Rom bombardirend, sich die Rückkehr in dasselbe ge-
bahnt, daß dicht neben der Peterskirche vor Porta Cavalleggieri
und Porta St. Pancrazio der Kampf der von ihm herbei-
gerufenen Franzosen gegen die edelsten Söhne Jtaliens ge-
wüthet hatte. Man konnte es dem Oberhaupt der katholischen
Christenheit nicht vergeben, daß er, allem Wissen und aller
Erkenntniß des neunzehten Jahrhunderts vermessen und trotig
Hohn sprechend, die Dogmen von der unbefleckten Empfängniß
der heiligen Jungfrau und von der Unfehlbarkeit des jeweiligen
Papstes in die Welt geschleudert hatte.
Das Volk hatte im Laufe der Zeiten nicht nur Lesen und
Schreiben, sondern auch Denken gelernt. Auf den offenen
Plätzen werden seit Jahren alle Arten Bücher verkauft,
die sonst auf dem Index verbotener Bücher gestanden hatten.
Statt der zwei zensirten Zeitungen, die vor eilf Jahren in
Rom erschienen waren, werden jetzt über zwanzig Zeitungen
von den verschiedensten Farben von Morgens acht Uhr bis
Abends eilf Ühr unablässig ausgerufen. Jeder Droschken-
kutscher, jeder Arbeiter liest. Selbst die weiblichen Modelle,
auf den Stufen der Kirchentreppen, an den Straßenecken
sitzend und kauernd, lesen wenn sie nichts zu thun haben
und nicht stricken.
Es find hier große geistige Wandlungen vor sich gegangen.

= LZ! -
Die Politik ist bedeutend in den Vordergrund getreten, das
Staatsbürgerthum hat die Oberhand gewonnen.
Sieben Jahre einer freiwilligen vergeblichen Gefangen-
schaft hatten Pius K. für das Volk zum Schatten, wemn
auch zu einem unheimlichen Schatten werden lassen. Seit
Jahren hörte man von ihm in jähem Wechsel Aussprüche,
die schlimmer waren, als die Selbstverblendung der vergötterten
Imperatoren sie je gewagt, neben den leichtfertigsten Witzen.
== Victor Emanuel vermißte man überall. Pius lK. ver-
mißte Niemand außerhalb der Partei, die ihn beherrscht.
Die Zeitungen besprachen seinen Tod, sein Leben, seine
Handlungen mit großer Schonung, aber wahrheitstreu und
würdig. Was man sagen und erzählen hörte, war ihm
keineswegs günstig. Man sprach von ihm weder wie von
einem bedeutenden noch wie von einem guten und ernsten
Mann; und wenn bei dem Tode des Königs nach allen
Seiten hin für das Fortbestehen des Reiches klare, feste
Aussichten vorhanden waren, über die Niemand Zweifel hegen
konnte, so tauchten nun von allen Ecken und Enden die
Fragen auf, was von Seiten des Klerus geschehen, was man
im Lande und in der christ- katholischen Welt von demselben
zu gewärtigen haben werde.
Wer Rom und das römische Kirchenwesen kannte, hat
schwerlich in all dem Berathen über ein auswärts zu haltendes
Konklave, über einen auswärts zu wählenden, auswärts
residirenden Papst etwas Anderes gesehen als hinhaltende
Schachzüge in einer Partie, deren Ende mit Sicherheit im
Voraus zu erkennen war. Daß die königliche Regierung
ihren, der Welt gegenüber festgestellten Verpflichtungen nachs
kommmnen würde und mußte, war eben so gewiß, als daß es
keinen Ort gab, an welchem das Konklave gehalten werden,
keinen Ort, an welchem das Oberhaupt der katholischen

= IZA -
Christenheit in der Gestalt des Papstes residiren konnte, als
hier in Rom.
Man brauchte sich die Dinge nur in ihrer wirklichen Aus-
führung vorzustellen, um sichgu sagen, was geschehen konnte
und was nicht. Ich schrieb es neulich schon einmal: das Fort-
gehen war die leichteste Sache von der Welt, denn die Straßen
und die Eisenbahnen stehen frei zu Jedermanns Verfügung.
Aber eine solche Gesellschaft von zum Theil hochbetagten
Männern, von Greisen, von welchen manche seit Jahren
schwerlich eine andere Bewegung ertragen hatten als das
langsame Fahren in ihren Kutschen, war zu Lande und zu
Wasser doch immerhin schwer zu transportiren. - Die Eisen-
bahn und das Dampfschiff konnten Existenzen gefährden, deren
Stimme schwer in das Gewicht der Entscheidung fiel. Mehr
als einmal kam mir bei den Erörterungen über die Abreise
der Kardinäle jener junge französische Offizier in den Sinn,
der Pius M. zur Krönung Rapoleon's l. nach Paris zu be-
fördern hatte, und von dem Anfang seines Auftrags die
Meldung mit den Worten machte: eeu nn gspe en asser
wauraiss eonäition! - Der englische Beamte, welcher die
Mitglieder des Konklaves in Malta zu empfangen gehabt
hätte, würde viele von ihnen voraussichtlich en asser mauraiss
conäition gefunden haben; und wie bereit der oder jener der
Kardinäle auch zu Opfern für die ihm heilige Sache gewesen
sein möchte - das Martyrium der Seekrankheit entbehrt
jeglicher Erhabenheit.
Nebenher fragte man sich, ob grade der eifrigste Vertreter
des Konklaves unter dem Schutze der Kanonen von Malta
die gelasene Antwort vergessen haben sollte, welche sein großer
Landsmann Wellington seiner Zeit einem französischen
Diplomaten gegeben, der übermüthig die Frage an ihn ges
richtet: ob Wellington es denn für unmöglich halte, daß die

= Lg -
Franzosen in Dover landen und gen London rücken könnten?
-- ,Durchaus nicht,! hatte ihm der edle Lord entgegnet. ,Sie
können sehr gut in England einrücken; nur wie sie von dort
wieder zurück kommen sollten, eiß ich nicht!r
Ungefähr ebenso verhielt es sich mit dem Fortgehen des
Konklaves und mit dem auswärts zu wählenden Papste. Wie
sollte man mit demselben nach Rom zurückkommen? =- Mit
dem neuen Oberhaupt der Kirche in Rom auf dem Bahnhof
anzulangen, ungehindert quer durch die ganze Stadt zu
fahren, um sich dann bei sich selber im Vatikan freiwillig
wieder als Gesangenen abzuliefern und so die Sage von dem
Gefangenen im Vatikane noch unter der neuen Aera fortzu-
setzen, wäre erst recht unmöglich und ein Spiel mit einem Jdealen
gewesen, zu welchem weder die Kardinäle, am wenigsten aber
der Erwählte selber sich bereitwillig finden lassen konnten.
Ganz ebenso verhielt es sich mit dem Gedanken, das
Papstthum wo anders festzusetzen, den Papst an einem
anderen Orte residiren zu machen, als eben hier in Rom.
Die ganze Tradition desselben steht auf dem Festhalten an
Rom, fällt mit dem Aufgeben des hiesigen Bischofssittes.
Hier in Rom hat der Sage nach Sankt Peter in den
Mamertinischen Gefängnissen gesessen. In St. Pietro in
Vincoli auf dem Esauilin sind die beiden Enden seiner Ketten,
die sich durch ein Wunder einten, aufbewahrt. Auf dem
Janiculus, an der Stätte, auf welcher der heilige Petrus
gekreuzigt worden, hat seiner Zeit schon der Kaiser Konstantin
die Kirche St. Pietro in Montorio erbaut. In der Peters-
kirche, dem gewaltigsten und erhabensten Dome, den die christ-
liche Menschheit errichtet hat, ruhen unter der Riesenkuppel
in der Gruft die Gebeine des Apostels. Nach der Kirche
von St. Eroce in Jerusalemme hat Konstantin's Mutter selber
das Holz von dem Kreuze bringen lassen, an dem der Heiland

- IH -
geopfert worden. Die Laterankirche, ,aller Kirchen der Stadt
und des Erdkreises Mutter und Haupt', auf welche die
Heiligkeit des Tempels zu Jerusalem übergegangen, ward
durch Kaiser Konstantin's Schenkung die bischöfliche Kirche der
Nachfolger des heiligen Petrus. Der jedesmalige Papst ist
Bischof von St. Giovanni in Laterano. Alle Traditionen,
alle Mythen der christ-katholischen Kirche sind mit Rom ver-
knüpft. Wo fände sich für den Sitz ihres Oberhauptes ein
solcher Boden wieder? und wohin könnte das Oberhaupt der
katholischen Kirche sich wenden, um einen neuen festen Mittel-
und Stützpunkt für die, über die ganze weite Erde verbreitete
christ-katholische Gemeinde zu begründen?
Nach England? Ob trotz der unbedingten Religions-
freiheit England und seine Königin und sein Parlament geneigt
sein würden, seinen katholischen Büürgern, vor allen den
Irländern, die der Regierung so viel zu schaffen gemacht,
ihr geistliches Oberhaupt in nächster Nähe, oder auch nur
unter dem Schutze der Kanonen von Malta, dauernd zu
beherbergen, möchte nicht mit Zuversicht zu behaupten sein.
Jn Frankreich? Man hat dort Frieden predigende Geist-
liche vor den Barrikaden erschossen, und die Commune hat
die Geweihten der Kirche auch nicht geschont. - In Spanien?
Emilio Castelar ist dort unvergessen; und man baut nicht
Etwas, was dauern soll, auf einem von den Erdbeben der
Revolutionen immer neu erschütterten Boden! -
Weder unter dem weithin seine Arme ausbreitenden
Kreuze der griechischen Kirche, noch - wie Schwärmer
gelegentlich träumten - auf den Trümmern von Jerusalem,
ließe eine neue oder die alte Papstherrschaft sich begründen.
Und in einem Staate, in welchem eine konstitutionelle Ver-
ar :.e
J. Le wald, Reisebriefe.

Kapitel 16

- IZZ -
oberhaupte abhängende Gewalt oktroyiren lassen würde, eine
Gewalt, welche Macht hat über die Gewissen, ,Macht zu
binden und zu lösen', und sich damit einen Dorn in das
lebendige Fleisch zu setzen, der willkürlich oder unwillkürlich
reizen, entzünden und gelegentlich bedenkliche Krisen erzeugen
kann und muß.
Was in dem neuen Königreich Jtalien, wo alle die alten
Traditionen dem Papstthume zur Seite standen und im Volke
mehr oder weniger festen Boden hatten, schon schwer genug
zu vermitteln war und ist und sein wird, das würde in
jedem anderen Lande zu einer thatsächlichen Unmöglichkeit
geworden sein. Und trotz und nach alle dem vielen Sprechen,
Schreiben, Drucken, ist denn auch hier in kürzester Frist der
neue Papst erwählt, eine bedeutende Kraft an die Spitze der
katholischen Gemeinde gestellt worden, und es ist damit nach
gewissen Seiten hin ein Wechsel vollzogen, der, wie reng
Leo K.uue. auch an dem Glauben und an den Rechten und
Vorrechten seiner Kirche festhält, doch schon in den höcst
geistreichen Hirtenbriefen zu erkennen ist, welche er als Bischof
in Perugia im vorigen Jahre in seiner Diöcese verbreitet
hat. Davon in einem meiner nächsten Briefe.
Heäiszeünker Prief.
Eine neue Kaut - Oper.
Rom, den S. März 178.
Ich schrieb Ihnen neulich von einem sonderbaren theatra-
lischen Eindruck, den ich hier empfangen hätte. Denn einen
sonderbaren Eindruck macht es immer, wenn man einen alten
hochverehrten Bekannten in wunderlichster Maske, hier und

b- IF? -
da bis zum Komischen entstellt und doch unverkennbar er
selber, vor sich sieht. So aber ist es mir ergangen, als ich
hier in der großen Oper, dem Apollo - Theater, die Oper
Mefistofele von Arrigo Boito aufführen sah. Sie ist ganz
und gar dem Goethe'schen Faust nachgebildet, oder vielmehr
in einzelnen Stücken dem Faust entnommen, und unsereiner
steht davor wie vor den zerbröckelten Fragmenten der alten
griechischen Plastik, von denen jedes Bruchstück, so zerstoßen
und verwittert es auch sein mag, uns noch auf die Vollendung
des Kunstwerkes schließen macht, dem es entstammt.
Dem Goethe'schen Faust begegne ich nun in solcher Zer-
stückelung und Verkleidung zum vierten Male auf den Bühnen
des Auslandes. Zuerst sah ich ihn im Jahre 14 in Mai-
land in der Skala als Ballet. Das war gar nicht schlimm.
Da es unmöglich war, Faust's geistiges Ringen nach der
höchsten Erkenntniß tanzend oder pantomimisch, mit den Füßen,
den Armen oder den Mienen auszudrücken, so hatte man den
tiefsinnigen Denker in einen Bildhauer umgewandelt, dem die
Kraft des Schaffens erloschen war. Faust bewegte sich arbeitend,
und an seiner Arbeit verzweifelnd, in seiner Werkstatt. In
dieser erscheint ihm Mephistopheles und bietet ihm seine Hülfe
an. Der verzagende Künstler verschreibt sich ihm, Mephisto
führt ihm in Gretchen ein neues Ideal vor, und die Sache
nimmt danach ganz ruhig den Goethe'schen Verlauf. Die Dar-
steller des Faust, des Gretchen und namentlich des Mephisto,
spielten ihre Rollen ganz vortrefflich. Eine Scene, in welcher
Mephisto Gretchen und Faust in immer engeren Kreisen tanzend
umgarnte, bis er die Widerstrebende in Faust's Arme gedrängt
hatte, und mit triumphirendem Hohne über die in ihr Glück
versunkenen Beiden, die Hände zun Zugreifen ausbreitete,
war sehr charakteristisch. Das ganze Geister- und Hexenwesen
fügte sich geschickt in das Ballet ein. Es hatte Alles einen geist-
1

- ZI -
reichen Zug, und man konnte sich es vorstellen, wie Altmeister
Goethe an ,dem wunderlichen Wesen' seinen ernsthaften Spaß
gehabt haben würde.
Dann trafen wir den Goethe'schen Faust im Jahre 16
in Michel Carrö's ernstlich gemeinter und darum lächerlicher
Bearbeitung. Da saß Faust wirklich in der Osternacht, über
dem Evangelium brütend, im Studirzimmer; aber statt der
Osterlieder erklangen von draußen die Lieder von Studenten,
welche die Liebe und den Wein besangen, und Faust fing an
sich in Betrachtungen darüber zu ergehen, wie wohl es diesen
jungen Burschen sei und wie er über all. dem Grübeln und
Studiren es vergessen habe, sein Leben zu genießen. Das
allein bekümmerte ihn sehr, und seufzend klagte er: ,Sie singen
von ihren Geliebten und vom Wein! Deine Geliebten, armer
Faust, sind die Theologie, die Philosophie, die Medizin' u. s. w.
Mephisto kam ihm denn auch in dieser Noth auf seine
Weise zu Hülfe. Siebel figurirte daneben als ein verschmähter
Liebhaber von Gretchen, ward von Mephisto in einen Baum-
stamm hineingezaubert, mußte aus diesem der Liebesscene
zwischen Faust und Gretchen zusehen - und dann pflückten
Gretchen oder Siebel oder Faust Rosen, die immer vom
Stengel abfielen, wenn die Hand sie berührte, was natürlich
eine sgmbolische Bedeutung haben sollte. Es war recht abge-
schmackt das ganze Machwerk. Stahr, Moriz Hartmann und
ich kamen über all die Verkehrtheit nicht aus dem Lachen,
unsere Nachbarn hingegen fanden das zuujet beaucouy trog
serieuk et gar krog allemand !
Darauf kam, nach dem Michel. Carrs'schen Drama gee
arbeitet, die Gounod'sche Faustoper mit ihrem schönen Walzer,
mit ihrem prächtigen Landsknechtsmarsch, mit all ihren Gehörigs
keiten und Ungehörigkeiten, mit Madame Milho Carvallo in
blonder Perrücke als dickköpfiges Gretchen. Aber mit dieser

s - ZZß -
Gounod'schen Oper kam für Deutschland in Albert Niemann
ein FaustDarsteller dem Gretchen gegenüber, mit welchem ich
für mein Theil keinen von all den dramatischen Künstlern,
die ich als Faust gesehen habe, zu vergleichen wüßte.
Jett endlich folgt hier in Jtalien die Oper von Boito.
Er hat sich, dem Beispiele Wagner's folgend, sein Textbuch
selbst zurecht gemacht; aber weitergreifend als seine chorogra-
phischen, dramatischen und musikalischen Vorgänger, hat er sich
für seine Oper Mefistofele nicht mit dem ersten Theile des
Faust begnügt. Er hat das Vorspiel im Himmel und den
ganzen zweiten Theil des Faust mit in seine Bearbeitung hin-
eingezogen, und ein Werk hingestellt, das in vier Theile zer-
fällt: in den ,Prolog im Himmelr = in den ,Ersten Theil'',
der in drei Akte getheilt ist, in den zweiten Theil, der den
vierten Akt bildet, und in den Epilog. Thatsächlich aber sind
es nichts als sechs Scenen aus dem Gesammtwerk, neben-
einander gestellte Scenen, welche für denjenigen, dem das
Gedicht nicht vertraut, als Ganzes, wie ich glaube, schwer ver-
ständlich sein werden. Darauf kommt es jedoch bei der Mehr-
zahl der Opernbesucher und namentlich in Jtalien, vielleicht
nicht wesentlich an.
Die handelnden Personen sind: Mephistopheles, Margarete,
Martha, Wagner, Helena, Pantalis und Nereus. Die Sängerin,
welche im ersten Theile des Faust das Gretchen spielt und
singt, macht im zweiten Theile die Helena; die Darstellerin
der Martha macht die Pantalis, und mich dünkt, für alle die-
jenigen, welche die deutsche Dichtung nicht kennen, also an
eine Metamorphose des gestorbenen Gretchens in die Helena,
und der Martha in die Pantalis zu glauben verführt werden,
muß der sachliche Gehalt der Oper dadurch noch viel räthsel-
hafter werden.
Die erste der sechs Scenen führt im Textbuch die Neber-

=- ZZß -
schrift: Prolog im Himmel, und das Motto: ,ld noto baasu?
Goethe. (Kennst du den Faust? Im Nebel wallen, erstens:
der Klang der sieben Drommeten; zweitens: die sieben Töne,
dann die himmlischen Heerschaaren, der mystische Chor, die
Cherubim und der Chor der Büßenden. Diese Gesellschaft von
Chören singt ihre Jubel- und Buß- und Anbetungs-Hymnen
mit einem nach jeder Strophe als Echo einfallenden ,Ave'',
bis Mephisto erscheint und seine Unterhaltung mit dem Un-
sichtbaren, mit einem: Ave Signor! beginnt. Er sagt darauf
ohne Weiteres, er könne nicht hohe Worte machen, und spricht
seine Verachtung des Menschengeschlechts aus. Der mystische
Chor fragt: Ve noto baust? (Kennst du den Faust?
l gia binarro garro, eh'io eonoseo! (Der wunderlichste
Narr, den ich kenne ! giebt Mephisto dem Unsichtbaren zur
Antwort, charakterisirt mit ein paar Zeilen den Faust und
schlägt die Wette vor. Der mystische Chor nimmt sie mit
einem ,k sia! (Seis so!s an. Mevhisto bekräftigt sie mit
der Bemerkung: ,Seis drum, alter Herr! Du läßt Dich auf
ein hartes Spiel' ein !r Die Engel und die Cherubim stimmen
wieder ihre Loblieder an, Mephisto spricht wie im Original
seine Zufriedenheit mit der Herablassung ,des Alten' aus.
Die Chöre dauern fort, der Prolog, der sich wie der Text
eines Oratoriums ausnimmt, ist zu Ende, und er ist nichts
weniger als uneben. Mephisto's Wesen ist in aller Kürze
gar nicht übel herausgearbeitet. Es ist viel Bewegung und
Wechsel, Klang und Farbe in dem sprachlichen Rhythmus der
Chöre, man kann sich das Ding gefallen lassen.
Nun folgt der ,Erste Theilr mit dem Motto:
Se arrien eb'io lieo al' attimo kaggents:
Arrestanti, sei belo alor eb'io mnois!
(Werd' ich zum Augenblicke sagen, rerweile doch, du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu
Grunde gehn.

- ZZ -
Dieser erste Theil hebt mit dem Ostersonntag an. Faust
und Wagner gehen in dem Volksgewüühl spazieren. Vornehme
Leute werden in Sänften vorübergetragen, es wird gezecht,
sehr viel getanzt, gesungen. Sogar das Iuh! Jl Juheiza!
beisa! bS! wird zwischen den italienischen Versen als Refrain
sehr absonderlich vernehmbar. Statt des Pudels wird unter
den Spaziergängern ein grauer Frate sichtbar. Herr Boito
sagt in einer der Anmerkungen, deren das Textbuch zum
Schlusse eine Anzahl bringt, daß er mit dieser Aenderung
sich der Widmann'schen Lebensbeschreibung des Faust anschliese.
Der Klosterbruder, der ßch sonst ganz anständig beträgt,
macht wunderliche Seitensprünge, wenn hier und da eine
schöne, gläubige Spaziergängerin ihm die Hand küssen will,
und umkreist und umzieht den auf ihn aufmerksam werdenden
Faust, dem er ,wie ein Gespenst erscheint'', auch mit den
gleitenden, sprunghaften Schritten Arlecchino's, welcher dem
italienischen Theater so tief eingewurzelt ist, daß er für unser
nicht daran gewöhntes Auge immer noch irgendwo zum Vor-
schein kommt. Wir sahen z. B. einmal im Toutro -liurno
in Genua, in dem zum Schauspicl umgewandelten Trauer-
spiel Kabale und Liebe, den Musikus Müller mit rothem
Zopf und rother Nase als vollkommenen Harleguin. --
Wagner beruhigt den Faust über den unheimlichen Frate, er
macht ihn darauf aufmerksam, daß derselbe den Rosenkranz
trägt, Gebete murmelt. Lb der Teufel das kann und darf,
weiß ich nicht. Er thut's aber, und damit ist die Scene
zu Ende.
Es folgt der ,Paktr in Faust's Zimmer, und diese
Scene ist wirklich vortrefflich gearbeitet - wenn man bedenkt,
daß die Scene eben als das Unterschlagsgewebe einer Oper
dienen soll, daß man ein Textbuch in Händen hat.
Mephisto's ,Ich bin der Geist, der stets verneint!r in

= LF --
eine zweistrophige Arie gebracht, ist für uns natürlich be-
fremdlich. Aber wie der Darsteller des Mephisto, Castelmary,
der einzig gute Sänger und Schauspieler der Gesellschaft ist,
so ist auch die Partie des Mephisto dem Nachdichter und
Komponisten weitaus am besten gelungen. Des Beispiels
halber will ich die erste Hälfte der Arie in wörtlicher Neber-
setzung wiedergeben:
Ich bin der Geist, der verneint,
Immer, Alles; die Sterne, die Blumen.
Mein hämisches Lachen und mein Wesen
Stören die Mußestunden des Schöpfers.
Ich will das Nichts, und des Geschaffenen
Vollständigen Untergang.
Mein Lebenselement
Ist das, was man Todsünde nennt:
Der Tod, das Unheil!
Ich lache und schleudre die Silbe hin:
Nein!
Ich löse auf, ich führe in Versuchung,
Ich heule, ich zische:
Nein!
Ich beiße, ich verlocke llege SchlingenK
Ich pfeife, peife, pfeife!
Bei den letzten Worten setzt er den Finger an die Lippen,
und ein greller, langer Pfiff aus dem Orchester, scharf wie
von einer Dampfmaschine, bildet den Refrain. Die Verse
mit ein paar glücklich angebrachten und hier zu billigenden
Alliterationen machen sich italienisch viel besser. Dieses
Lied und diese Scene kommen mir wie der Glanzpunkt der
Oper vor.
,Zweiter Akt.? gfie Gartenscene.s Motto:
Tanst. Oi oserebbe aKkermare ta äetto: Oreäo in Dio --
(Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub ihn?

=- LZ -
Die sämmtlichen Vorgänge von dem Begegnen zwischen
Faust und Margarete, zwischen Martha und Mephisto u.s.w.
bis hin zur Walpurgisnacht sind in diese eine Scene zu-
sammengedrängt. Martha ist eine hübsche, junge Witwe,
welcher Mephisto dringend zuredet, ,die Zeit nicht zu ver-
passen, um nicht alt im einsamen Witwenbette zu sterben,'
und was die Beiden miteinander kommend und gehend ver-
handeln, ist sehr heiter, und vollends im italienischen Sinne
sehr verständig. Wie aber Gretchen dazu kommt, ihren
Faust so aus heiler Haut zu katechisiren, das ist schwer be-
greiflich. Es dauert glücklicherweise auch nicht lange. Etwas
von dem wirklichen Faust kommt doch dabei zum Vorschein.
Gretchen erwähnt ihrer stillen Häuslichkeit, der Schlaftrunk
für die Mutter wird ihr übermacht. Zum Schluß der Scene
spielen die beiden Paare Haschens ,Alle lachen. Margarete
und Faust singen: Ich liebe dich! Ich liebe dich! und unter
lautem Lachen zerstreuen sich Alle =- der Vorhang fällt.
Nun folgt die Walpurgisnacht auf dem Brocken. Sie
umfaßt fünf Seiten des Textbuchs, während die vorige Scene,
welche das ganze Liebesleben von Faust und Gretchen in sich
schließt, kaum drei Seiten einnimmt. Von dem Geisterhaften,
von dem Spukwesen ist Nichts darin geblieben als die Irr-
lichter. Die Hexen erscheinen wie anständige Bürgerfrauen
des fünfzehnten, sechszehnten Jahrhunderts gekleidet. Statt
der Meerkatzen und ähnlichen Gesellen findet man wohl-
gekleidete Jungen, die bunt durcheinander springen, springend
sich niederwerfen und vorwärtsrutschen. Nichts, gar Nichts,
was an die deutsche Volkssage des Brockenspuks erinnert.
Aber auch hier ist das Wesen des Mephistopheles gut durch-
gehalten, und das einstrophige Lied, an dessen Ende er die
Erdkugel zerschmettert, die er in Händen hält, sprachlich und
musikalisch eigenartig und fesselnd.

-= ZZ --
Faust, der als Person überall sehr zusammenschmilzt,
sieht Gretchen mit dem Blutstreif am Halse erscheinen. Unter
,infernalischem Gelächterr verschwindet diese Erscheinung.
Lebhafte Chöre bilden den Schluß. Es folgt ,Margaretens
Tobr. Motto:
E giaäieats. (Sie ist gerichtet.
Es ist die Kerkerscene. Gretchen singt beim Aufziehen
ihre ganze Leidensgeschichte in einem vierstrophigen Liede,
das mit den Worten anhebt:
Neulich in der Nacht haben sie
Mein Kleines (il mio bimbos ins Meer geworfen,
Jetzt, um mich wahnsinnig zu machen,
Sagen sie, ich hätt's ertränkt.
Die folgenden drei Strophen sagen alles Nebrige. Faust
und Mephisto erscheinen, und als Faust Gretchen endlich
halbwegs dahin gebracht hat, in die Flucht zu willigen,
,,kommen sie vorwärts, einander in die Augen blickend, und
murmeln schmachtend zusammen - eine Art von Barcarole,
die darauf hinausläuft, daß sie nach der blauen Insel. flüchten
wollen, auf der die befreiten Liebenden die tiefste Ruhe zu
finden hoffen.
Das ist von einer verzweifelten Komik. Es ist gerade
als sängen sie - und es wäre viel hübscher und eben so
ungehörig, wenn sie's thäten - das Heine-Mendelssohn'sche:
Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag' ich dich fort! u. s. w.
Darüber bricht der Tag an. Mephisto treibt zum
Aufbruch; und die Scene und der erste Theil des Faust
kommen damit zu ihrem vorschriftsmäßigen Schlusse.
Großer Zwischenakt. Bis hierher war Alles gut genug.
Aber nun kommt der zweite Theil des Faust - und das

=- WH -
Verwundern beginnt. Der Vorhang geht auf, eine Gegend
wie die Gärten der Armida liegt vor uns. Ein Strom, ein
Tempel mit Sphinxen. Im Hintergrunde in einem Kahn
von Perlmutter und Silber: Gretchen als Helena, Martha
als Pantalis. Faust schläft auf blühendem Rasen. -- Wir
sind mitten in der klassischen Walpurgisnacht.
Wie das zusammenhängt und was das auf sich hat, das
wissen in Deutschland doch auch nur die literarisch gebildeten
Leute. Was sich aber das italienische Opernpublikum dabei
denken soll und denkt, wenn es das eben zur Hinrichtung
abgeführte irrsinnige Gretchen, in der Fülle der Gesundheit,
in königlicher antiker Pracht, in einer paradiesischen Gegend
seelenvergnügt umherspazieren sieht und mit der ebenfalls in
eine Griechin verwandelten Frau Martha die fröhlichsten Ge-
sänge singen hört, das mag der Himmel und das möchte ich
selber wissen.
Sie besingen den Frühling und die Liebe. Die Chöre
und die Sirenen helfen ihnen dabei. Faust ruft im Schlafe
nach Helena. Mephisto erscheint, Faust erwacht. Er erfährt,
daß er im Reich der Fabel sei. Das ist ihm sehr angenehm.
Er geht aber trotzdem für das Erste ab, um sich standesmäßig
anzukleiden. Der Tanz beginnt, das behagt Mephisto nicht.
Er geht ,gelangweilt und verwirrt von dannen, weil er,
wie er vorher bemerkt, sich hier nicht wie unter den nordischen
Hexen des Brockens Gehorsam zu verschaffen weiß. =- So
viel zur Erklärung für das Publikum.
Und nun wird in möglichster GazeDurchsichtigkeit darauf
losgetanzt und in Chören gesungen, bis Faust ,vrächtig als
Kavalier des fünfzehnten Jahrhunderts gekleidet'? auf der
Scene erscheint, um sich mit Helena in Liebesgesängen zu er-
gehen. Sie preisen in kurzathmigem Wechselgesang alle
Arten von Liebe: die delirirende, die lächelnde, die jauchzende,

==- ZZs -
die visionäre Liebe, lamors goeme, lamore ennrone. Was
das bedeutet, habe ich zu meinem Bedauern nicht verstanden.
Mephisto, der währenddeß schon eine Weile auf einer Rasen-
bank unter einem Rosenbusch gelegen und zugehört hat, fängt
eben so wie Pantalis und Nereus dazwischen zu singen an,
endlich kommen Helena und Faust auf denselben Gedanken
wie in der Kerkerscene Gretchen und Faust. Sie erinnern
sich, daß in Arkadien ein friedensvolles Thal zu finden ist,
in welchem sie zusammen ,in der Grotte der Nymphe ihr
Nest bauen und zum Kopfkissen das feuchte Haar der Nymphe
haben werdenr. Darauf freuen sie sich und ,verlieren sich
Arm in Arm hinter den blühenden Hecken. =- Ende der
klassischen Walpurgisnacht.
Abermals große Pause. Da das Theater spät anfängt,
war es inzwischen - nach 1 geworden. Im Textbuch
steht: ,Epilog, Motto: Verweile doch, du bist so schön! -
Faust's Tod - Faust in seinem Studirzimmer, das älter
und verfallener aussieht. Faust sitzt in Nachdenken versunken
in seinem Lehnstuhl, Mephistopheles steht hinter ihm u. s. w.?
u. s. w. Neue große musikalische Einleitung vergnüglicher
Art. Man sieht nachdenklich auf das Textbuch hin und auf
die Worte: ,Faust's Tob !? =- Nach einem Trauermarsch
klingt die Musik durchaus nicht.
Der Vorhang geht endlich in die Höhe und =- Alles
tanzt! Es ist Kirmeß in St. Goar! = Das Publikum ist
im Theater weit zahlreicher geworden als während der Oper.
Das Ballet ,die Loreley' hat begonnen.
Nun war's für uns mit dem Faust zu Ende. Denn
sich anderthalb Stunden, von 1,, bis UF, Uhr, ein
tragisch endendes Ballet mit sechszehn Seiten langem, ernst-
haftem Textbuch vortanzen zu lassen, und dann noch den
Faust sterben zu sehen, das war doch mehr, als wir mit

==- ZZ? -
allem guten Willen zu leisten vermochten. Auch haben unter
meinen hiesigen deutschen Freunden nur zwei das Ende der
Oper erlebt. Der Eine, als durch einen Zufall das Ballet aus-
siel, der Andere, ein gelehrter Musiker, aus Gewissenhaftigkeit.
Ich halte mich an das Textbuch und finde, daß auch
der letzte Akt desselben nicht ungeschickt gemacht ist. Der
Boito'sche Faust erschaut in einer Vision all das, was der
Goethe'sche Faust experimentirend unternimmt. Dann ver-
scheidet er, indem er der Vision Dauer wünscht, während die
Chöre der Cherubim, und unter Mephisto's Leitung die Chöre
der Sirenen ihn wechselnd an sich zu ziehen trachten; und
Mephisto geht, ,gegen die Lichtstrahlen und den Rosenregen
sich zornig wehrendr, wie sich's gehört zu Grunde.
Im Textbuch folgen dann drei Seiten gelehrte Noten
über den Faust, über den Hexensabbath, über das Jodeln
u. s. w. Marlow, Widman, Henry Blaze de Bury werden
zitirt. Das macht bei einem Opern - Textbuch einen ent-
schieden komischen Eindruck, und doch ist es eigentlich ein
schönes Zeichen für den lobenswerthen und achtungsvollen
Ernst, mit welchem Boito an seinen Versuch gegangen ist
das größte Meisterwerk der deutschen Dichtung für seine
persönlichen Zwecke zu benutzen. Man hat das also anzu-
erkennen!
Boito hat sich's überhaupt Mühe kosten lassen mit seiner
Arbeit. Die Oper ist zuerst vor fünf, sechs Jahren in der
Skala aufgefüührt und durchgefallen. Er hat sie danach gründ-
lich umgearbeitet, und Text und Musik verrathen einen
Künstler, der Talent hat. Die Gestalt des Mephisto ist sehr
gut durchgehalten, sowohl der Text als die Musik. Das Er-
scheinen des grauen Mönches, die Arie ,Son lo spirito ehe
vega? und das zbeeo il monäo ! sind sehr dem Geiste
der Tichtung angemessen; und da der Darsteller des Mephisto,

= =-
wie schon gesagt, eine schöne Baßstimme hat, gut singt und
meist gut spielt, so war die ganze Rolle von entschiedener
und großer Wirkung. Auch die Arie, in welcher Gretchen
im Kerker ihre Leidensgeschichte erzählt: ,l'altra notts in
kdndo äel maror bezeichnet, wie mir scheint, den Ausdruck des
irrsinnigen Selbstgesprächs richtig genug. Sie hat sich mir nach
einmaligem Hören eingeprägt. Doch maße ich mir über den
musikalischen Werth der Dichtung kein Urtheil an. Deutsche hier
verweilende Musiker von Gewicht wollen sie nicht gelten lassen,
obschon auch sie Boito für talentvoll halten. Mir kommt vor, als
fehle ihm noch ein rechter Glaube, und das macht in aller
Kunst das Kunstwerk styllos. Es ist stellenweise eine Hin-
neigung zu deutscher Musik, dann wieder ist man mitten in
neuester italienischer Musik. Die Atmosphäre, in welcher man
gehalten wird, ist schwankend wie der Luftton an den Tagen,
wenn nach langem Scirocco eine Tramontane aufkommen
will. Es ist ein Nebergangsstadium, und man darf hoffen,
daß Boito zu einer erfreulichen Klärung und Entwicklung
seines Strebens und Könnens gelangen wird.
Die Aufführung? - Ja, an das, was man in Paris,
in London Jtalienische Oper nennt, und an die Zeiten, in
welchen in London die Grisi, Mario, Lablache, die Castellani,
die Sontag zusammenwirkten und Aufführungen zu Stande
kamen, die man nie vergessen und schwerlich ähnlich erleben
wird, darf man gar nicht denken; aber selbst gegen die Oper,
welche ich früher hier gehört habe und deren Primadonna
die de Julia war, steht die jetzige weit zurück. Die Prima-
donna, eine Gestalt und ein Kopf wie die Marie Antoinette
von Paul Delaroche, sah mit der blonden Perrücke über den
ohnehin starken Kopf ganz unförmlich aus. Als Gretchens
Mutter hätte man sie sich denken mögen, als das junge un-
schuldige Gretchen war sie lächerlich. Etwas besser ging es

Kapitel 17

= LII -
ihr vom Herzen, da sie als Helena älter und erfahrener sein
durfte; aber sie ist in keinem Betracht eine Primadonna, wie
man sie hier erwartet, und ebenso ist es mit den Anderen
bestellt. Nur Mephisto, Signor Armando Castelmary, ist ein
Sänger und Schauspieler, der auf jeder Opernbühne seines
Erfolges sicher sein dürfte.
Das Orchester ist stark besetzt und gut. Dekorationen,
Inscenesetzung und Ballet stehen sehr weit zurück hinter dem,
was wir bei uns in der Oper zu sehen gewohnt sind. Aber
trotz alledem war die Aufführung dieser Faust -Oper gerade
für uns Deutsche anziehend. Wenn hier und da der Eindruck
auf uns auch ein komischer sein mußte, ist damit Boito's
Arbeit keineswegs abgeurtheilt, oder als eine verfehlte zu -
bezeichnen. Im Gegentheil! und ich möchte es von Boito als
einen Akt der richtigen Selbsterkenntniß und der gebührenden
Unterordnung unter Goethe's Genius nennen, daß er es nicht
gewagt hat, seiner Arbeit den großen Namen ,Faust zu
verleihen, sondern sich beschieden hat, ihr den Titel der Ge-
stalt zu geben, die so weit als möglich in einer Oper wieder-
zugeben ihm in der That gelungen ist.
Hiebenzeünter Imef.
Allerlei Nachahmens werthes.
Rom, im März 1778.
Seit vielen Wochen habe ich immer gedacht, wenn es
einmal regnen würde, wollte ich meinen Landsleuten von
einer Vorrichtung gegen das Naßwerden schreiben, die wir
in unserem Klima für alle unsere Kutscher und besonders für
die Tausende von armen Droschkenkutschern dringend nöthig

hätten. Aber wir haben in dem ganzen Jahre kaum ein
paar Stunden Regen gehabt, und als man mir am S. März
von Hause geschrieben hatte, ,der Regen prasselt bei Nordost-
wind gegen die Fenster'', dachte ich: wie würden sich die
armen Pfefferbäume, die vor Dürre ganz kahl geworden sind,
und all die anderen jetzt blühenden Mandel- und Aprikosen-
bäume, und die Ulmen, Platanen, Kastanien freuen, deren
dicke Knospen und grünschimmernde Blätter nicht recht vor-
wärts kommen können, und wie grün und blühend würde
die Campagne werden, wenn solch ein ordentlicher Regen
einmal zwölf Stunden lang herniederfallen würde.
Eigentlich sind der November und der März hier die
Regenmonate, und es heißt vom März: guanco marro won
marreggis o'ö aprils ebe ei pensa. (Wenn der März nichtordentlich
März macht, trägt der April es nach. Aber der Rovember
war sehr warm und hell, und seit dem . Februar, wo es
einige Stunden regnete, haben wir unausgesett das herrlichste
Sommerwetter gehabt. Hier zu Lande fürchten die Menschen
für sich den Regen. Sie sagen, er erzeuge das Fieber,
namentlich wenn es vorher warm und dürr gewesen ist, und
es wird daran sicher etwas Wahres sein. Sie gehen denn
auch im Regen so wenig als nur möglich aus, und sind sie
dazu durchaus genöthigt, so vermeiden sie es weit ängstlicher
als wir, ,ein bischen naß zu werden?.
Das hat es denn auch im Gefolge, daß man für die
Kutscher eben die Regenschirme an jedem Wagen befestigt
findet, von denen ich Ihnen sprechen wollte, und die sie bei
uns noch weit mehr brauchen könnten. Vorn an der Mitte
des Kutschersitzes findet sich hier bei jedem Fiaker und bei
vielen der herrschaftlichen Wagen ein hölzener Cylinder ange-
bracht, oben und unten mit Messing beschlagen, in welchem
der obere Theil eines sehr großen Regenschirmes steckt. Bei

ZPP --=
dem ersten Tropfen, der vom Himmel fällt, zieht der Kutscher
dieses Schirmdach heraus, steckt es auf den Cylinder, mit dem
zusammen es die nöthige Höhe bildet, und er und ein Diener
sitzen dann unter diesem Dache völlig gegen die Unbill' des
Wetters geschützt, während die Insassen des Wagens all' das
Mitleid sparen, dessen man sich bei uns im Norden, wenn
man nicht unbarmherzig ist, mit den armen naßwerdenden
Leuten nicht zu erwehren vermag, ohne ihnen helfen zu können.
Ja, bei der Mehrzahl der Fiaker, bei den sogenannten botte,
ist der Kutscher reichlich so gut daran, als sein Fahrgast, denn
die botto ist ein halb zu verdeckender muschelförmiger, zwei-
sitziger Wagen, an den Seiten völlig offen, so daß man um
die Füüßße und Kniee dem Winde ganz preisgegeben ist, wenn
man sie nicht eigens decken läßt. Manche haben dazu nicht
einmal eine Vorrichtung, und ein gut Theil der hier vor-
kommenden Erkältungen ist gewiß diesen nur auf schönes,
heißes Wetter eingerichteten, unseligen botte zuzuschreiben.
Es giebt daneben allerdings vortreffliche und gar nicht theure
Koupees und Landauer, aber man findet diese nur auf dem
spanischen Plate, und ist also meist auf die botts angewiesen.
Um aber auf die Regenschirme zurückzukommen, so meine
ich, wer so wie ich in Berlin seit 1 Jahren einen Droschken-
halteplat gegenüber seinen Fenstern vor Augen gehabt hat,
und es die langen, langen harten und traurigen sechs Winter-
monate hindurch also oftmals gesehen hat, wie die armen Kutscher
unter des Winters Unbill leiden; wer von den Aerzten gehört
hat, wie grade diese Leute von Rheumatismen geplagt werden,
der muß wirklich wünschen, daß die Behörden, welche das
öffentliche Fuhrwesen beaufsichtigen, einem Jeglichen, der
Fuhrwerk aufstellt, die Pflicht auferlegen, einen solchen Regen-
schirm an seinen Wagen zu befestigen, dessen Beschaffung und
Erhaltung nicht theuer sein können. Die Personen, welche -
F. Le wald, Reisebriefe.

=- ZgZ -
eigenes Fuhrwerk und Luxusfuhrwerk halten, hätten ja für
ihr Theil auch ihr besonderes Interesse daran und würden
schon für sich selber sorgen.
Im Ganzen ist hier aber überhaupt nach allen Seiten
hin, in den wenigen Jahren, welche seit der Errichtung des
Königreichs verflossen sind, so viel. Nützliches geschehen, daß
man eigentlich jeden Brief, in welchem man über die hiesigen
Zustände etwas nach Hause schreibt, mit der Neberschrist ,Jett
und Einst! versehen müßte, die ich schon auf zwei meiner
Briefe gesettt habe.
Das ist mir neulich wieder lebhaft eingefallen, als ich
Abends mit einem Freunde eine Stunde in der Bibliotses
Rttorio Kmmunusle gewesen bin. Sie Lefindet sich an der
rechten Seite des Korso, in der ehemaligen Lehranstalt der
Jesuiten, in dem Vollegio Komao, in welchem sich neben
anderen Anstalten auch das alte, von dem deutschen Jesuiten
Athanasius Kirchner im siebenzehnten Jahrhundert gegründete
Bluseo Kirehneriano befindet. Allerdings hat die hiesige
Regierung es mit der Errichtung von Schulen, Bibliotheken
und ähnlichen Anstalten insofern leichter als andere
Regierungen, da sie durch die Aufhebung der Klöster über
eine bedeutende Anzahl großartigster Baulichkeiten verfügt,
und so mit verhältnißmäßig geringem Umbau und Kosten-
aufwand nicht um die Unterbringung derartiger Institute
verlegen zu sein braucht.
Die Libliotses sittorio bwmswuels nun ist eine Anstalt,
die in keiner größeren Stadt, und namentlich in einer Stadt
wie Berlin durchaus nicht, fehlen dürfte. Den Stamm zu
derselben lieferten die 880 Bände und die I00 Handschriften
des Collsgio Kowsno. Die Bibliotheken verschiedener anderer
Klöster wurden damit vereinigt,und so eine Büchersammlung von
15000 Bänden und mehreren Tausend Handschriften geschaffen,

-== ZIZ =
die in freiester Weise dem Publikum zur Benutzung offen
steht. Morgens von R bis 3 Ühr kann man in dem großen,
schön eingerichteten und hellen Lesesaal der Bibliothek ohne
weitere Präsentation oder Empfehlung jedes in der Bibliothek
vorhandene Buch erhalten. Was man in den Abendstunden
von S bis 1 Uhr zu haben wünscht, das muß man während
der Tagesstunden mittels eines eingereichten Zettels für sich
begehren, denn die Bibliothek selber ist Abends geschlossen
und nur der Lesesaal bleibt geöffnet.
Als wir zwischen S bis Ühr Abends in demselben
anlangten, war der lange, große und hohe Saal, ein Neubau
mit basilikenartiger Decke, aber nicht eben elegant oder
künstlerisch eingerichtet, an allen seinen Tischen dicht besetzt.
Er ist so hell erleuchtet, daß man an jedem der in demselben
befindlichen zweiundsiebenzig, mit dem nöthigen Geräth ver-
sehenen Schreibpulte in aller Bequemlichkeit arbeiten kann.
Auf großen Lesetischen liegt eine reiche Anzahl von Zeitungen,
Monatsheften, Broschüren u. s. w. in den verschiedenen lebenden
Sprachen zur Auswahl bereit. Der auch am Abende anwesende
Sekretär des Instituts, Ir. Pasqualucci, den ich schon früher
in Gesellschaft hatte kennen lernen, machte mich freundlich
darauf aufmerksam, daß neuere Literatur wesentlich berücksichtigt
werde und die deutsche Sprache nicht zu kurz dabei komme;
wie ich denn überhaupt zu meiner Freude auch hier in Rom
die Bemerkung mache, daß unsere schöne Sprache mehr und
mehr gelernt wird, daß in den Familien der vornehmen Welt
die deutsche Erzieherin vielfach die französische Gouvernante
ersetzt, und durch die stillen deutschen Frauen eine friedliche
Eroberung für das deutsche Wesen in aller Ruhe, sicherlich
nicht zum Nachtheil der Jtaliener, vollzogen wird.
Was in Städten wie Köln und wie Berlin, in einem
Klima und in einem Lande mit so langen Abenden wie die
;e

=- ZIg -
unseren, für Hunderte und Hunderte von Menschen damit ge-
wonnen und geleistet würde, wenn sie von ihren Geschäften,
von ihrer Arbeit und ihrem Nachtessen kommend, für die späten
Abendstunden ein solches warmes, helles, wohlversorgtes Lese-
und Schreibzimmer für sich unentgeltlich geöffnet fänden, das
brauche ich nicht erst auseinander zu setzen. Den Frauen stehen
der Emtritt und die Benutzung der Bibliothek in ganz gleicher
Weise wie den Männern frei; doch waren an dem Abende
nur Männer, alle tief in ihre Beschäftigung versenkt, in der-
selben anwesend.
In einem andern, nicht weit davon entfernten ehemaligen
Kloster, in dem auf Monte Eitorio, dicht neben dem jetigen
Parlamentsgebäude gelegenen Missionshause, hat die Stadt eine
Schule und Erwerbsschule für Frauen eingerichtet, der eike
Inspektorin vorsteht und der eine Anzahl von Frauen aus
den gebildetsten Ständen, wie die Frau des Senators und
Historikers Michael Amani, wie die Tochter Manzoni'su.s.wg,
ihre beaufsichtigende Theilnahme angedeihen lassen.
Die Schule hat in dem obersten Stockwerk des ungemein
umfangreichen Baues ihr Unterkommen gefunden. In dem
großen Flur, in den Seitengebäuden und in den unteren
Stockwerken arbeiteten und hämmerten Handwerker aller Art,
denn es soll auch noch anderen Anstalten in diesem Missions-
hause ihr Platz vorbereitet werden. Es ist eben überall Arbeit
und Fortschritt zu merken.
Die Erwerbschule, die ganz in der Weise, wie die unseren
und die von Madame Jules Simon vor Jahren in Paris
begründeten organisirt ist, wurde vor vierzehn Monaten mit
fünf Schülerinnen eröffnet und zählt jetzt deren zweihundert-
fünfundzwanzig im Alter von zehn Jahren bis hoch in die
Zwanzig hinauf. Kinder und nicht mehr junge Personen lernen,
wie das unter den hiesigen Verhältnissen begreiflich ist,

- ZIH -=
gelegentlich zusammen Lesen, Schreiben, Rechnen. Man lehrt
in verschiedenen Klassen Geographie, Französisch, Buchführung,
so weit sie für den kleinen kaufmännischen Betrieb nöthig ist,
Zeichnen und Handarbeiten aller Art. Ich habe die Zimmer
für Wäschenähen, Weißstickerei, Passementerie- und Woll- und
Seidehäkelarbeiten, für Blumenmachen, Spitzenklöppeln, Hand-
schuhmachen und Schneiderei, eben so die Zeichensäle der beiden
verschiedenen Klassen, mit der Vorsteherin besucht und bin
überrascht gewesen über das, was man nach so kurzer Lehrzeit
hier bereits zu leisten vermag. Es läßt auf eine große, natür-
liche Anlage, auf viel angeborene Handgeschicklichkeit unter den
Frauen schließen, und die Lehrerinnen und der junge Zeichen-
lehrer bestätigten mir das. Natürlich darf man bei solchem
Urtheil nicht nach einzelnen ungewöhnlichen Talenten urtheilen,
denn in der ersten Zeichenklasse sah ich z. B. ein Mädchen von
1 bis 1 Jahren, das erst seit einem Jahr Unterricht hatte,
und mit großem Geschick den Kopf einer ihrer Gefährtinnen
in Kreide zeichnete. Aber was man im Durchschnitt im
Blumenmachen nach der Natur, im Weißsticken, im Anfertigen
der sogenannten alten spanischen Klosterspitzen leistet, die hier
sonst wirklich in den Klöstern zum Schmuck der Altardecken
und Gewänder viel gearbeitet wurden, war sehr anerkennens-
werth. Ein Theil der Schülerinnen wird umsonst, der andere
Theil gegen ein sehr mäßiges Schulgeld unterrichtet, und es
ist zu wünschen, daß, wie die Zahl der Schulen und der
Kinderbewahranstalten hier zugenommen hat, auch die Zahl
der Erwerbschulen für die Frauen wachsen möge. Denn auf
der Erwerbsfähigkeit der Frauen, welche ihnen Zutrauen zu
sich selbst, und mit diesem Zutrauen auch Achtung ihrer selbst
giebt, beruht ein großer Thheil der Lösung jener Frage, welche
der nicht genug zu segnende ,ßerein zur Hebung der öffent-
lichen Moral'', der im September in Genf getagt, sich zur

== ZIs -
Aufgabe gestellt hat. Das Wohl und Wehe der Nationen,
ihr Emporkommmnen und Zugrundegehen, hängen nach meiner
festesten Neberzeugung zum großen Theil von dem sittlichen
Werth ihrer Frauen ab.
Eine derartige Erkenntniß hat man aber offenbar auch
hier. Man nimmt sich der Bildung der Frauen vielfach an.
Jtalien hat noch eine überwiegend große Anzahl bigotter,
unter dem gewiß oft sehr bedenklichen Einfluß der Priester
stehenden Frauen, und die Unsitte des einst völlig durch die
Gewohnheit geheiligten und geregelten Eicisbeats wirft ihren
dunklen verwirrenden Schatten auch noch in unseren Tagen,
mehr als vielleicht anderwärts, über das Familienleben in
gewissen Kreisen. Aber daneben hat es dem Lande nie an
Frauen gefehlt, die als Gattinnen, als Mütter, als begeisterte
Vertreterinnen der hingebenden Vaterlandsliebe gelten konnten,
und seit den Zeiten, in welchen die Wissenschaft und die Kunst
in Jtalien neu erblühten, haben sich einzelne Frauen auf den
Lehrstühlen der Universitäten, in der Poesie, in der Literatur,
in der Malerei, den Männern nachstrebend an die Seite zu
setzen vermocht. Vittoria Colonna, die edle Freundin Michel
Angelo's, hat nicht vereinzelt dagestanden. Es hat Dichterinnen,
Improvisatorinnen gegeben, die man der Krönung auf dem
Kapitol würdig erachtet hat. Ich selber habe einer solchen
hier im Jahre 146 beigewohnt, und in Padua befindet sich
eine in ihrer Art vielleicht einzige Bibliothek, die von einem
Grafen Ferri dort zusammengebracht, ein paar Tausend Bände
stark, sich nur aus Werken von Frauen zusammensetzt.
Auch die aus Kunstfreunden bestehenden freien Akademieen
zählen Frauen zu ihren Mitgliedern. Erst ganz neuerdings
hat man ein junges Mädchen, das ein hübsches Sonett auf oder
an die Madonna gemacht hat, in eine dieser Akademieen auf-
genommen. Derlei will vielleicht nicht viel bedeuten, ist aber

= ZI? -
doch als Anerkenntniß der Gleichberechtigung der Geschlechter
lobenswerth.
Nun hat man daneben auch hier angefangen, die geistige
Bildung, welche sonst nur einigen wenigen bevorzugten Frauen
zzu Theil ward, auf weitere Bereiche auszudehnen und eine
praktische Bildung damit zu verbinden. Man leistet darin
natürlich nicht mehr, sondern vorläufig noch weniger als bei
uns; aber es ist hier dennoch mehr und anerkennenswerther,
weil unter der päpstlichen Herrschaft Nichts der Art geschehen
war und man völlig unworbereiteten Boden vorfand. Man
hat Kinderbewahranstalten und Fröbel'sche Kindergärten ein-
gerichtet, für die man sich erst die Lehrerinnen zu schaffen und
heranzubilden hatte, was zum Theil in Deutschland geschah,
wohin die Regierung und verschiedene Vereine junge Jtaliene-
rinnen geschickt hatten.
Einen der ersten Kindergärten hat der jetige Präsident
der Deputirtenkammer, Cairoli, zur Erinnerung an seine
Mutter, Adelaide Cairoli, eröffnet, deren Namen die in der
Nähe des Kapitols gelegene Schule trägt. Die Gräfin Cairoli
war eine der Frauen, deren Name mit der Erhebung und
Befreiung Jtaliens unvergeßbar verbunden ist. Alle ihre
vier Söhne fochten in den Reihen der italienischen Revolutions-
partei. Drei von ihnen hat sie auf den verschiedenen Schlacht-
feldern verloren, nur der mit Wunden bedeckte jetzige Minister-
Präsident hat sie überlebt.
Es war nach der Einigung der verschiedenen italienischen
Staaten, vor Allem hier in Rom, eben Alles neu zu schaffen.
Man hatte weltliche Mädchenschulen statt der Klosterschulen
einzuführen, und hat jetzt in den lettten Jahren bereits in den
sogenamnten Seuole superiors kemminile in den Fortbildungs-
anstalten für die Frauen, eine Reihe zusammenhängender
wissenschaftlicher Vorlesungen veranlaßt, die zu halten sich

= ZF -
eben wie bei uns Männer von Ruf und großer Bedeutung,
ein De Sanctis, Bonghi u. s. w., haben bereit finden lassen.
Sie werden zahlreich besucht, sind vielfach gewiß sehr anziehend,
werden aber eben so wie bei uns nichts Wesentliches nützen.
Alle diese Lyceen, Senole superore u. s. w. helfen dem Grund-
fehler der Frauenerziehung, der Oberflächlichkeit und Halbheit
des Wissens, nicht ab, sondern steigern sie, wie sie die Ein-
bildung und Selbstüberschätung ihres Wissens in den Frauen
steigern. So lange wir nicht ordentliche Realschulen für
Mädchen, völlig gleich eingerichtet wie die für die Knaben,
haben, bleiben alle diese sogenannten Fortbildungsschulen
Halbheiten. Sie sind unschädliche, aber dem Kardinalfehler
der Frauenerziehung durchaus nicht abhelfende Untermh-
mungen. Ich weiß, daß ich mit diesem Ausspruch Anstoß
errege, weiß aber auch, daß er kein ungerechter ist.
Wenn ich in diesem Briefe nun anerkenne, was die
Jtaliener Gutes mit uns gemeinsam, was sie hier und da
vor uns voraus haben, was wir von ihnen annehmen und
brauchen könnten, so hätten sie sich doch noch viel mehr Nütz-
liches und Zweckmäßiges von uns anzueignen. Dahin rechne
ich hier in Rom in erster Reihe einen ordentlichen Wohnungs-
Anzeiger, wie ihn bei uns jede Stadt von irgend welcher
Bedeutung besityt. Es existirt hier etwas Derartiges, der
Guiäa Cowmereiale, ossia oltrs 10 000 Tnäiearioni. Das Buch
ist aber so unvollständig, daß es Mühe kostet, selbst von
Beamten, von Militärs und anderen angesehenen Leuten die -
Wohnung zu ermitteln.
Wenn man dann mitunter in den Zeitungen liest, wie
das Munizipium diese oder jene zu Ehren eines berühmten
Gestorbenen gehaltene Rede auf Kosten der Stadt hat drucken
lassen, so findet man das natürlich sehr vortrefflich; aber
man kann sich doch dabei des Gedankens nicht entschlagen:

Kapitel 18

=- Zgß -==
ließen sie doch lieber erst einen Wohnungs-Anzeiger drucken
und in das Publikum bringen!
Das alte Utalia ba molto äa kare, ma karü da ss!
(Jtalien hat noch viel zu thun, aber es wird Alles aus sich
selber heraus erzeugen, das man 1866 und 18? immer zu
hören bekam, hört man auch heute noch und mit erprobterem
Recht aussprechen, denn es ist recht viel geschehen. Aber
wenn sie einen Wohnungs-Anzeiger machen wollten, das wäre
wirklich eine Wohlthat in einer Stadt von 10000 Ein-
wohnern und so und so viel Tausenden von Fremden. Be-
kommen werden sie ihn - indeß was hilft das uns armen
kurzlebigen und noch kürzere Zeit hier verweilenden Menschen,
die wir jettt oft zwei, drei Billete schreiben und herumschicken
müssen, um zu erfahren, daß Jemand, dem wir empfohlen
sind, dicht neben unserer Thüre wohnt. Rom zu schelten, fällt
mir aber trotzdem gar nicht ein; denn es ist eben Rom!
Und das sagt Alles für jeden, der einmal so glücklich war, es
zu bewohnen.
Tss»Knk== N
ö-p-ng ==-b-o =oMs,
Wie die Jinge sich hier machen.
Rom, im April 178.
Was mich an den hießgen Zuständen immer auf das
Neue überrascht, ist, daß sie den Eingebornen, den Jtalienern
selber, weniger auffallend und keineswegs so unvereinbar
dünken, als den Fremden, daß sie sie für ausgleichbar halten.
Läßt man es sich dann beikommen, sie um eine Erklärung
zu bitten, so erhält man in der Regel einen Bescheid, der -
nach unserem Ermessen -= auf eine Halbheit hinausläuft

= ZJg -
während die Eingebornen sich damit, wie es scheint, sehr gut
in das Gleiche zu setzen wissen.
Das tritt mir immer sehr deutlich, auch in Bezug auf
die Klöster und die Nonnen und Mönche, entgegen. Seit
der Errichtung des Königreiches Jtalien, mit der Residenz in
der Hauptstadt Rom, sind natürlich auch hier, wie früher
schon im übrigen Jtalien, die Klöster aufgehoben, und man
kann sich hier sehr bald überzeugen, wie vielfach die Landes-
regierung die alten Klöster für ihre Zwecke benutzt. Sie
hat sie, wie berichtet, zu Bibliotheken, zu Schulen, zu
MinisteralGebäuden umgebaut und eingerichtet, und z. B.
in dem ehemaligen Missions - Gebäude auch dem hiesigen
Verein der Presse ein schönes Lokal überlassen, in welchem
derselbe schon in den nächsten Tagen seinen feierlichen EinzuF
halten und einen sehr würdigen Versammlungsort damit
gewinnen wird.
Obschon nun die Klöster nicht mehr bestehen, ist Rom
eben so voll von Nonnen und Mönchen aller Orden als vor-
dem, und der Fremde fragt verwundert: wo kommen denn,
wenn die Klöster aufgehoben sind, alle diese Nonnen, diese
Mönche, alle diese Kapuziner, Dominikaner, Jesuiten her?
Wo wohnen, wo leben, was thun sie hier? = Was thun
die Nonnen hier? =- Die Antwort, die er darauf erhält, ist
eigenartig.
Was zuerst die Nonnen anbetrifft, sind unter anderen die
französischen Nonnen in dem Erziehungskloster auf Trinitd
di Monte mit ihrer großen Zahl von Schülerinnen heute noch
in dem Kloster wie vordem. Den Anderen hat man meistens
erlaubt in ihren Häusern auszusterben, wenn sie nicht gewillt
gewesen sind dieselben zu verlassen, oder wenn man diese
Häuser nicht für die Zwecke des Staates nöthig gehabt hat.
Es wäre ja grausam gewesen, diese weltfremden, zum Theil

= ZH! -==
alten Personen in die Welt hinauszustoßen; und wo sie in
ihren Klöstern sitzen bleiben wollten, hat man sich mit ihnen
abzufinden gesucht. Auf dem Viminal baut man zum Beispiel
gegenwärtig ein physikalisches und chemisches Laboratorium,
auf dem Grund und Boden und in den Mauern eines Nonnen-
klosters. Die Aebtissin erklärte, als man sie von dem Vor-
haben in Kenntniß setzte, nicht weichen zu wollen. Man fing
trotzdem in dem entlegensten Flügel abzubrechen an. Der
Direktor des Laboratoriums, Professor Blaserna, verhandelte
mit der Aebtissin. Man kam zu keiner Verständigung. Die
Kurie protestirte in feierlichem Akte. Man legte den feierlichen
Akt aä aeta, und brach weiter ab, so weit man's nöthig hatte.
Die Nonnen zogen sich in einen Flügel zurück, den man ent-
behren, den man ihnen stehen lassen konnte, und das Labo-
ratorium wächst vorn nach der Straße stattlich in die Höhe;
und hinten in dem Hofe bleiben die Nonnen ruhig siten.
Man hat sich nebeneinander eingerichtet und verträgt sich mit
einander.
In dem größten hiesigen Hospitale, um ein weiteres Bei-
spiel anzuführen, in dem zwischen der Engelsburg und dem
Petersplatze gelegenen Hospitale von San Spirito, das ein
Stadtviertel einnimmt, ist die medizinische Klinik eingerichtet.
Aber neben den Studirenden und den von der Universität ein-
gesetzten Krankenwärtern sind auch, wie man mir sagt, die
barmherzigen Brüder und Schwestern dort noch thätig -- und
San Spirito nimmt viele Kräfte in Anspruch, denn es ist
vielleicht das reichste Hospital der Welt und hat große Leistungen
zu erfüllen. Da zwischen Rom und Neapel kein Ort existirt,
der ein nennenswerthes Krankenhaus hat, so werden die sämmt-
lichen Kranken aus der Campagna nach San Spirito gebracht,
wenn man mit ihnen Nichts weiter anzufangen weiß, und den
Statuten nach muß das Krankenhaus sie aufnehmen. Aerzte,

=- ZH! -
mit denen ich über die Sterblichkeits-abellen in den Zeitungen
und über den hohen Prozentsatz der römischen Todesfälle sprach,
meinten dabei die Anzahl von Todesfällen in Abzug bringen
zu müssen, die man eben durch die von auswärts kommenden
und immer schwer Erkrankten in San Spirito in Rom zu ver-
zeichnen habe. - Indeß das ist hier Nebensache. Es handelt
sich in diesem Falle nur um das Zusammenwirken von den
beibehaltenen Geistlichen neben den Laien. - Man ist nicht
rigoristisch hier. Winckelmann könnte jett mit gleichem Recht
wie damals sagen: ,Denn dieses ist ein Land der Mensch-
lichkeit!r
Aber ist denn die Aufnahme neuer Mönche verboten?
fragten wir ein andermal. Die Antwort lautet: Wie Sie has
nehmen wollen! Ja! und nein! Der Staat erkennt allerdings
die Orden nicht mehr als zu Recht bestehende Gemeinschaften
an; aber so wenig als er Sie und mich, oder irgend welche
Engländer, Japanesen oder Chinesen, hindern würde, gemein-
sam ein Haus zu miethen, in demselben nach verabredeter
Weise in Gemeinschaft zu leben und sich nach beliebiger Weise
gemeinsam zu kleiden, so wenig wehrt er es den Orden, dies
zu thun. Die Jesuiten haben, seit man ihnen die Klöster ge-
nommen, hier und aller Orts wieder Häuser gekauft und
kaufen deren noch, in denen sie sich niederlassen; und dies ist
um so natürlicher, als die Propaganda noch in ihren Händen
ist und bleiben muß. Man hindert sie also daran ganz und
gar nicht.
Ebenso ist es mit den französischen Karthäusern zu San
Paolo alle Tre Fontane. Sie haben das Kloster und die
Kirche von San Paolo alle Tre Fontane, das einige Miglien
von Rom in einem der ungesundesten und deshalb verlassensten
Theile der Campagna gelegen ist, in den letzten Jahren der
weltlichen Papstherrschaft bezogen, und sie sind heut' noch dort.

-= ZZZ -
Sie hatten das, um des Fiebers willen gar nicht mehr bewohnte
Kloster übernommen, hatten dort den Eukalypthus-Baum, der
noch mehr als alle anderen Baumarten für Fieber bannend
gilt, in größeren Massen anzupflanzen begonnen, hatten über-
haupt den Boden zu kultiviren, den jett sehr beliebten Euka-
lypthus-Liqueur, nach Weise des Chartereuse, zu fabriziren
angefangen, und sie sitzen heute noch dort und pflanzen
Eukalypthus, fabriziren Ligueur und treiben Gartenbau. -
Die Klosterländereien sind 17 zu Spottpreisen verkauft. Die
Mönche haben das Kloster jetzt zur Miethe, haben die Ländereien
von den gegenwärtigen Besitzern derselben billig gepachtet und
existiren als,AgrikulturGesellschaft'' friedlich in Gottes Namen
weiter fort, wie der liebenswürdige Pater, der uns dort her-
umführte, es gegen mich aussprach.
Man kann hier, wie gesagt, keinen Schritt aus dem Hause
thun, ohne von solchen Gegensätzen betroffen zu werden, und
alle bedeutenden Ereignisse bringen sie doppelt auffallend zur
Erscheinung.
Als der König gestorben war, hatten die Behörden lange
Verhandlungen mit der Kurie nöthig, ehe es möglich wurde,
dem Landesherrn in seiner Hauptstadt in dem Pantheon die
Grabstätte zu gewinnen, in welchem die Nation ihren König
beerdigt zu sehen verlangte. Und als man sich endlich darüber
verständigt hatte, verweigerte der gefangene Papst dem Landes-
herrn das ihm gebührende Geleit durch die hohe Geistlichkeit
des Landes. Nur der Pfarrer des Kirchsprengels, zu welchem
der Quirinalpalast gehört, ging dem Sarge Victor Emanuel's
voran. - Als dann aber einen Monat später der Papst ge-
storben war, forderte der ihn vertretende Klerus zur Aufrecht-
erhaltung der Ordnung auf dem Petersplatze - und es war
gar kein Auflauf und gar kein gefährlicher Andrang dort zu
merken - die Soldaten des Königs, die Truppen des nicht-

= ZJ -
anerkannten Königreichs Jtalien, und sie wurden augenblicklie
dorthin abgesendet.
Jtalienische Infanterie war in die Peterskirche kommandirt,
als der Leichnam des Papstes dort zur Verehrung in einer
der Kapellen ausgestellt war. -- Jtalienische Infanterie
bivouakirte Tag und Nacht in voller Kriegsausrüstung unter
der linken Kolonade vor der Peterskirche, um das Konklave
vor jeder Störung zu bewahren; und Niemand schien daran
zu denken, daß der Staat nach den Garantiegesetzen der Kirche
hatte gewähren müssen, was der Gefangene im Vatikan, das
Oberhaupt der Kirche, dem Staate zu verweigern sich berechtigt
gehalten, und die Freiheit gehabt hatte.
Als an dem Tage der Papstwahl die Nachricht um Mittag
sich in der Stadt verbreitete, daß ,der Papst gemacht serh
fuhr ich aus Neugier nach dem Petersplate hinunter. Auf
dem Wege dorthin fiel mir gegenüber der Engelsbrücke, an
dem Plate, auf welchem einst Beatrice Cenci hingerichtet
worden war, ein neu gebautes Haus auf, das ich sonst unbe-
achtet gelassen hatte. Cbiesa ebristiana libero - (Freie christ-
liche Kirches stand mit großen Lettern in italienischer Sprache
über dem Erdgeschoß des Hauses zu lesen. Auf dem Wege
zu der Peterskirche machte mir das einen ganz besonderen
Eindruck; obschon ja überall. solche Gegensätze in den Grund-
anschauungen der Menschen vorzufinden sind.
Der Glaube Derjenigen, welche nach Lourdes wallfahrten
--- hier in den Vatikanischen Gärten hatte Pius lK. in fast
kindischem Spiel sich eine genaue Nachbildung der kleinen
Grotte von Lourdes und des wunderthätigen Madonnenbildes
herrichten lassen - der Glaube also Derjenigen, welche nach
Lourdes wallfahrten, und die Erkenntniß jener Anderen, die
mit allem Glauben zu brechen sich gezwungen fühlen, stehen
sich in unseren Tagen überall vielfach gegenüber. Hier aber

== LHH -
kennzeichnet sich das Alles noch weit plastischer als anderwärts.
Jenseits des Tiber versammelte sich in jenen Tagen, von
italienischen Soldaten beschützt, im Vatikan bei vernagelten
Fenstern und vermauerten Thüren das Konklave, um den
unfehlbaren Papst zu erwählen, den geistlichen Beherrscher der
christkatholischen Welt, den geistlichen Herrn auch des italie-
nischen Volkes in seiner weitaus größten Mehrheit. Diesseits
des Tiber, im Teatro Correa aber, zwischen der Via del
Babuino und dem Corso, in dem als Eircus für Kunstreiter
und Seiltänzer dienenden Mausoleum des Augustus, ver-
sammelten sich in derselben Zeit die ,Freidenker'', um darüber
zu verhandeln, ob es möglich sei, an das Dasein eines per-
sönlichen Gottes, an die Lehre von der Menschwerdung des
Gottessohnes, und an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben.
Und dazwischen fuhr König Humbert mit seinem Adjutanten,
in bürgerlicher Kleidung, im offenen Wagen über den Peters-
vlat, um, wie wir Alle, sich dort umzusehen. Denn wie
thöricht man dies von sich selber findet, meint man doch immer,
man müsse an dem Orte irgend etwas Besonderes bemerken
können, an welchem ein wichtiges Ereigniß, ein großer Wechsel.
in den Zuständen sich vollzogen hat. Und ein großer Wechsel
war nach Allem, was man bis dahin von Kardinal Pecci er-
fahren hatte, durch seine Erhebung auf den päpstlichen Thron
vorauszusehen.
Papst Leo Alll. hatte den päpstlichen Thron bestiegen.
Wenige Tage vorher war er von Palazzo Falconieri aus, in
welchem er gewohnt hatte, ungehindert alltäglich durch Rom und
seine Umgebungen umher gefahren. Jetzt hatte er sich freiwillig
tAarer

-=- ZHs -
schehen machen kann, daß die Peterskirche in der Hauptstal
des Königreichs Jtalien liegt.
Das Asylrecht, welches die allmächtige Kirche einst in
ihren Mauern dem Verfolgten darbot, das genießt jetzt der
Beherrscher dieser Kirche in Jtalien, als ein ihm zuerkanntes
Recht. Es steht ihm frei, sobald es ihm gefällt, herumzuziehen
durch das ganze Land, unter dieses Landes Schutz und
Garantie; aber der König dieses Landes betritt die Schwelle
der Peterskirche nicht. Er verrichtet seine Andacht nicht in
dem Gotteshause, welches jedem Anderen, selbst dem Verbrecher,
seine ehernen Pforten tröstlich öffnet - denn der König des
Landes ist exkommunizirt von dem Papste, dem er freie
Machtübung gewährleistet.
Darüber kommt der Fremde auf keine Weise fort. Die
Jtaliener legen sich auch das zurecht.
Etwa acht Tage nach dem Tode des Königs schrieb eine
der besten Zeitungen, die Libertb:,GGegenüber den Thatsachen,
welche sich in diesen feierlichen Tagen vor den Augen von
ganz Jtalien vollzogen haben, konnte man sich überzeugen,
daß Alles, was über den Zwiespalt zwischen der Kirche und
dem Staate geschrieben worden, verschwendete Tinte gewesen
ist. Dieser Zwiespalt ist nicht in den Herzen der Jtaliener.
Da man ihnen das Feld zu kämpfen frei läßt, verschwindet
er. Er ist zu drei Viertheilen ein künstliches Produkt der
Politik und wird von einigen Wenigen, nicht von Vielen, auf-
recht erhalten. Wir haben den am meisten eifernden Papisten
es tausendmai gesagt, daß, wenn jemals der von ihnen gott-
los ersehnte Tag herankäme, welcher auf das Neue die
Fremdlinge in unsere Halbinsel zurückbrächte, sie es zu ihrer
ewigen Schande und Strafe erleben würden, wie selbst die
Priester sich einreihen würden in die Armee der Vaterlands-
vertheidiger.! - - ,Wir haben ihnen tausendmal gesags,

ZH? -
daß es abgeschmackt und lächerlich ist, aus den Jtalienern
etwas Anderes machen zu wollen, als ein von der Liebe für
Jtalien durchglühtes Volk. Aber eben so ist es von der
anderen Seite unsere Pflicht, es offen zu bekennen, das Der-
jenige, welcher die Jtaliener in ein Volk von Freidenkern
verwandeln wollte, es unternähme, das Meer mit einer Muschel
auszuschöpfen; und daß Derjenige vergebliche Arbeit machen
würde, welcher es versuchte, das religiöse Gefühl in den Herzen
der Jtaliener zu ersticken. Er würde an ihrem festen Vor-
sate scheitern, an dem Vorsatz, Dasjenige zu sein und zu
bleiben, was ihre Väter sind und waren. Wir sind Katholiken
und sind vor Allem Jtaliener! Und wir empfinden darüber
eine so aufrichtige Genugthuuung, daß sie zu stören ein Ver-
brechen sein würde. Fanatische und unversöhnliche Papisten
sind so gewiß auf der einen Seite vorhanden als auf der
anderen Freidenker, die lieber den Scheiterhaufen besteigen,
als ihre Meinung ändern würden. Aber die große Masse
von uns ist . nicht mit den Einen, nicht mit den Anderen;
und wer mit Einem von diesen Beiden geht, kann gewiß sein,
sich auf einem schlechten Wege zu befinden. Die Masse der
Jtaliener sagt sich mit Bestimmtheit, die Kirche muß sein,
und das Vaterland muß sein. Beide müssen sich frei in
ihren Bereichen bewegen. Beide können das thun, obschon
sie besondere Angelegenheiten, besondere Zwecke, besondere
Mittel zur Verwirklichung derselben haben. Sie sind be-
stimmt, sich nicht im Wege Pu stehen, sich jedoch immer zu
begegnen, so oft ein großes Mitleid die Herzen vereinigt und
die Gefühle vermischt u. s. w. u. s. w. -- ,Es ist,! heißt
es dann weiter, ,eben diese gleichmäßige Anhänglichkeit an
die Kirche und an den Staat, welche die Jtaliener von allen
anderen Nationen unterscheidet. Ganz Jtalien besteht aus
gemäfigten Bürgern, die vor jeder gewaltsamen Revolution
Z. Lewald, Reisebriefe.

=- A =
zurückschrecken; und die sehr freie Verfassung bietet die Gewiß-
heit dafür, daß die Jtaliener, je nach ihrem Bedürfniß, in
freier Entwicklung ebenso ihrer Vaterlandsliebe als ihrem
religiösen Glauben genügen können.?
Diese Zuversicht blieb sich gleich, ja die Hoffnung auf
friedliche Zustände gewann an Festigkeit, als man die Wahl
des Kardinals Pecci zum Papste erfahren hatte. Er galt
für einen gelehrten Theologen, besaß, was Pius dem Neunten
vollkommen gefehlt, eine staatsmännische Bildung, hatte sich
in praktischen Verwaltungen erprobt und war frei von dem
Fehler, der ein für allemal einen zum Herrschen berufenen
Mann für seine Aufgabe untüchtig macht - er war kein
Phantast.
Pius der Neunte hatte in früheren Zeiten uns in seinem
Verhalten und in seinen Kundgebungen sehr häufig an den
verstorbenen König Friedrich Wilhelm 1. von Preußen
gemahnt. Er war erregbar gewesen wie dieser, begeisterungs-
fähig, hatte Lust an der Popularität, Freude daran, seinen
Geist in Witzworten zu zeigen. Er war leicht durch bedeutende
Menschen hinzureißen, leicht für neue und große Jdeen ein-
zunehmen -= aber unbeständig und unfähig, großen Krisen
muthig zu stehen. Er ward getragen von dem felsenfesten
Glauben an sich selbst, von dem Glauben an seine ihm von
Gott zuertheilte Mission. Eben deshalb hatte er auch die
Selbstüberhebung, die es für möglich hielt, in das Rad der
Zeit einzugreifen, und nicht nur es zum Stehen zu bringen,
sondern es rückwärts drehen zu können. Sie hatten auch im
Aeußern eine gewisse Aehnlichkeit, jener König und der
letztverstorbene Papst.
Neber Leo de« fällten die Personen, die ihn kannten,
ein ganz anderes Urtheil als über Pius l. Sie nannten
ihn, tro seiner großen Lebendigkeit, vorsichtig, kaltblütig

=- LH -
besonnen. Sie erinnerten daran, daß er ein Gönner des
aus dem Jesuiten-Orden ausgeschiedenen Pater Curci, ja sein
Beschützer gewesen sei Sie meinten daraus schließen zu
dürfen, daß er für das Oberhaupt der Christenheit eine weit-
reichende und segensreiche Gewalt, auch ohne die weltliche
Herrschaft über Land und Leute möglich glaube. Und man
fügte diesen Erörterungen gern die Bemerkung hinzu, daß
Leo R1l. und König Humbert sich in ganz anderem Ver-
hältniß zu einander befänden als Pius l. und Victor
Emanuel.
Leo R1l. war nicht des Landes beraubt worden, das er
als Erbe seiner Vorgänger besessen hatte. Er war nicht
herabgestiegen von weltlicher Macht zu weltlicher Ohnmacht.
Er war erhöht worden aus dem Range, den er bisher ein-
genommen. Der Bischof von Perugia, der Kardinal, war
Bischof von Rom, war Papst geworden. König Humbert
und die Jtaliener hatten ihn persönlich nicht entthront, er
hatte ihnen persönlich Nichts zu verzeihen. Man meinte, die
Dinge würden sich machen; und daß der neue Papst zunächst
in seinem Hause Ordnung herstellen zu wollen schien, das
nahm für ihn ein.
Mehr noch that es die Gemessenheit seiner ersten öffent-
lichen Aeußerungen; denn die Kundgebungen der klerikalen
Partei bei dem Tode des Papstes hätten wahrhaft gottgläubigen
Menschen in ihrer Nebertreibung fast gotteslästerlich erscheinen
müssen.,Ein höchstes, ein unermeßliches Unglück,' hieß es
in denselben, ,ist herniedergefallen auf die Kirche, auf Rom,
auf die Welt, in dem Augenblicke, in welchem der Himmel
sich aufthat, um einen neuen Heiligen in seinen Schooß auf-
zunehmen. Der höchste Priester, Pius l., der erhabene
r D k r
zR

-- ZZß -
Vater, der Freund, der allgemeine Wohlthäter, hat gestern
um S, Ühr seine heilige Seele an Gott zurückgeben. Die
Thränen, das Flehen, die Verzweiflung des christlichen Volkes
genügten nicht, es von der göttlichen Vorsehung zu erreichen,
daß dem gesegneten Engel des Vatikans die ewige Belohnung
länger vorenthalten wurde, welche seine Tugenden, seine
Werke, seine Opfer und seine unsagbaren und übermenschlichen
Leiden ihm erworben hatten !'
Es hatte geradezu etwas Widerwärtiges, das noch gesteigert
wurde durch die Aufzählung dessen, was er, der Papst, Alles
für die Verherrlichung der Gottesmutter gethan hatte. -
Und als solle auch in diesem Falle wieder der Beweis für die
Verschiedenheit und das oft komische Durcheinander der hier
herrschenden Anschauungen geliefert werden, hub das eine ger
Extrablätter, welches die Nachricht von dem Tode des Ober-
hauptes der katholischen Christenheit verkündete, mit den Worten
an: ,Die traurige Parze hat auch den erhabensten Priester
hinweggerafft ? - Die heidnische Todesgöttin und der christliche
Papst nahmen sich wunderlich nebeneinander aus.
Aber man war verhältnißmäßig mit dem Verstorbenen
in wenig Tagen fertig, denn ,neues Leben blüht aus den
Ruinen'', und aus den Hirtenbriefen, die Kardinal Pecci
187? in Perugia erlassen hatte - die klerikalen Blätter ver-
öffentlichten dieselben gleich nach der Thronbesteigung des
neuen Papstes -= sprach ein Geist, der darauf schließen ließ,
daß Leo KÜl. schwerlich die Welt des neunzehnten Jahrhunderts
mit ähnlichen Dogmen begnadigen würde, wie Pius sie ihr
aufgebürdet hatte.
Die Hirtenbriefe waren das Werk eines glänzenden
Stylisten, der die Bedeutung der Wissenschaften in unserer
Zeit vollauf erkannte, und sie in einer Weise deutete, wie jeder
Deist und gläubige Christ, welchem christlichen Bekenntnisse

== Zß -==
er auch angehören mochte, sie zu der seinigen machen konnte,
vorausgesettzt, daß er nicht jener Ansicht ist, die einst in dem
Ausspruch gipfelte, daß ,die Wissenschaft umkehren müssetr
Sie liefen hinaus auf den Sinn der Antwort, welche mir
einst der gelehrte Direktor der Geologieal lnstitation in London
auf meine Frage gab: ,Wie fangen Sie es an, Mr. Hood,
mit Ihrem Wissen von den Dingen an das Dasein eines
persönlichen Gottes zu glauben?! -,Es muß für alle Dinge
eine letzte Ursache geben', sagte er, ,und diese letzte Ursache
nennen wir Gott !f! =-
Weil das Wort: ,Der Styl ist der Mensch,' so unwider-
legbar richtig ist, will ich einige Stellen aus diesen Hirtenbriefen
des Kardinals Pecci in möglichst treuer Nebersetzung hier
wiederzugeben versuchen.
Ess ist in dem einen dieser Briefe die Rede davon, daß
das Seelenheil des Menschen ihm das erste und höchste alles
Erstrebenswerthen sein müsse, daß kein anderer irdischer oder
geistiger Erwerb dagegen in Betracht kommen dürfe; und es
heißt danach:,Aber es ist deshalb nicht zu sagen, daß die
Kirche der Wissenschaft, dem Studium der Naturwissenschaften
feindlich ist, daß sie den Erforschungen der Naturkräfte und
ihrer Benutzung für die Zwecke des Menschen, für die Be-
friedigung seiner Bedürfnisse entgegen ist. - Kann die Kirche
Etwas lebhafter wünschen, als die Verherrlicung Gottes? als
die Erkenntniß des erhabenen Werkmeisters, der sich in allen
seinen Werken offenbart? =- Wenn das Weltall ein Buch ist,
in welchem auf jeder Seite der Name und die Weisheit seines
Schöpfers zu lesen und zu erkennen sind, wie liebevoll, wie
hingegeben wird ihn nicht derjenige verehren, der sich voll und
ganz in das Studium dieses Buches der Schöpfung versenkt.
Wenn es genüügt, zwei Augen im Kopfe zu haben, um zu
erkennen, wie die Sterne des Himmels den Ruhm ihres Schöpfers

= Zß! -
verkünden, wenn es genügt, zwei Ohren zu haben, um zu
vernehmen, wie ein Tag dem anderen das Lob des Höchsten
wiederholt, und wie die Nacht der Nacht die Geheimnisse der
göttlichen Weisheit verkündet; um wie viel tiefer muß nicht
demjenigen die Allmacht und die Allweisheit der Gottheit ein-
leuchten, der den Blick verständnißvoll zum Himmel und in
die Tiefen der Erde wendet; dem das Atom und die Pflanze
und jeder kleinste Zweig den Beweis in die Hand geben, wie
der höchste Geist überall das Maß und das Gewicht bestimmt
hat. (ßuc. 1e, 50.s Und Ihr wolltet, daß die Kirche grund-
sätzlich solche Studien anfeindete, oder mit kalter Gleichgültigkeit
Forschungen betrachtete, die so kostbare Früchte tragen? daß
sie eigensinnig darauf beharrte, dies Buch der Erkenntniß
verschlossen zu halten, damit Niemand in demselben weiter
fortlese? Nur der, welcher die heiligen Flammen des Eifers
unterschätzt, welche in der Braut des Heilandes, in dem Herzen
der Kirche erglühen, kann sie ähnlichen Irrthumes für fähig
halten.
,Aber in der Kirche ist neben dem Eifer für die Ehre
Gottes noch ein anderes ebenso starkes Gefühl lebendig: die Liebe
für den Menschen, das lebhafteste Verlangen, daß er eingesettt
werde in alle Rechte, welche sein Schöpfer ihm zuerkannt hat. -
Der Mensch erhielt als sein zeitliches Theil diese Erde, auf
welcher er lebt, und zu deren Herrn er geschaffeü und bestimmt
ist. Das Wort, das am Schöpfungstage vom Himmel erklang:
,Unterwerft euch die Erde und herrschet auf ihrr (Gen. 1 W
ist niemals widerrufen worden. Wäre der Mensch im Zustand
der Unschuld und der Gnade geblieben, so hätte er seine
Herrschaft ohne Gewalt ausgeübt, und die Unterwerfung der
Geschöpfe würde eine freiwillige gewesen sein; während jettt
die Herrschaft eine mühevolle ist und die Geschöpfe nur gezwungen
dem Zügel der überlegenen Gewalt sich fügen. Aber die

- IßZ -
Weisung für den Menschen bleibt dieselbe; und der Kirche,
welche seine Mutter ist, kann Nichts so sehr am Herzen liegen,
als daß der Mensch sich bethätige in seiner Aufgabe, daß er
sich in Wahrheit kundgebe als den Herrn der Schöpfung, zu
welchem er ausersehen worden. Das aber kann er nur, wenn
er als König alles Erschaffenen die Schleier zerreißt, welche
ihm seinen Besitz verhüllen; wenn er sich nicht auf dasjenige
beschränkt, was er unter seinen Augen und unter seinen Händen
hat; wenn er in die innersten Geheimnisse der Natur eindringt,
wenn er die Schätze der Kraft und der Fruchtbarkeit sammelt,
die in ihr verborgen liegen, und sie verwendet zu seinem und
zu dem Besten seiner Mitmenschen.- Wie schön und wie
erhaben erschejnt der Mensch, meine Geliebtesten, wenn er den
zündenden Blitz des Himmels unschädlich zu seinen Füßen
niederfallen macht; wenn er den elektrischen Funken zu sich
entbietet und ihn als den Boten seines Willens durch die
Tiefen der Meere, über die höchsten Gipfel der Berge und
über die ödesten Weiten entsendet. Wie glorreich zeigt sich der
Mensch, wenn er dem Dampfe gebietet, ihm seine Flügel zu
leihen und ihn mit der Schnelle des Blitzes über Länder und
Meere zu tragen. Wie mächtig zeigt er sich, wenn er mit seinem
Geiste eben diese Kraft gefangen nimmt und einbannt, und
sie zwingt, in vorbereiteten Wegen der todten Masse Bewegung,
und so zu sagen Verstand zu verleihen, damit sie sich an den
Platz des Menschen stellend, ihm die härtesten Anstrengungen
erspart! Und sagen wir uns, meine Geliebtesten! ist in dem
Menschen nicht Etwas wie ein Funke von dem Geiste seines
Schöpfers, wenn er das Licht erzeugt und es leuchten macht
durch das nächtliche Dunkel unserer Städte, daß die Straßen
und die Säle und die Paläste in hellem Tagesglanze strahlen?
D! die Kirche, diese allerzärtlichste Mutter, welche alles Dieses
weiß und kennt, ist weit davon entfernt, dieser Herrschaft des

=- ZßF --
Menschen über die Natur Schranken setten zu wollen! Sie
freut sich ihrer und sie jubelt ihr zu!
,Und anderseits, welche Gründe könnte die Kirche haben,
eifersüchtig auf die wunderbaren Fortschritte und Entdeckungen
zu sein, welche die Wissenschaften in unseren Tagen gemacht
haben? Ist in ihnen Etwas, das im Entferntesten dem
göttlichen Recht und dem Glauben schaden könnte, über welche
die Kirche die strafende Richterin und die unfehlbare Herrin
ist? =- Bacon von Verulam, der berühmte Physiker, schrieb:
daß die Wissenschaft, schluckweise getrunken, von Gott entferne;
aber in vollen Zügen genossen, zu ihm zurückführe. - Dieser
goldene Ausspruch ist auch heut noch wahr; und wenn
die Kirche zurückschreckt vor den Gefahren, welche diejenigen
Hochmüthigen herbeiführen können, die Alles verstanden
zu haben wähnen, weil es ihnen gelang, von Allem einei
leisen Anflug zu gewinnen, so vertraut sie zuversichtlich
jenen Anderen, die sich voll und ganz an das Studium
der Naturwissenschaften hingeben; denn sie weiß, daß sie
auf dem Boden derselben die unwiderleglichen Zeichen von
Gottes Allmacht, von seiner Allweisheit und seiner Güte
finden werden. Wenn Jemand, der die Naturwissenschaften
studirt, sich dabei von dem Schöpfer abwendet, so ist das nur
ein Zeichen, daß das Herz des Unglücklichen schon früher von
dem Giste des Unglaubens vergiftet gewesen ist, welches un-
lautere Leidenschaften ihm eingeflößt hatten. Er wird ein
Gottesleugner, nicht weil er den Wissenschaften oblag, sondern
obschon er den Wissenschaften oblag, welche in Anderen andere
und edlere Wirkungen erzeugen. -- - Kopernikus, der große
Astronom, war tief religiös. Kepler, ein anderer Vater der
neueren Astronomie, dankte dem Herrn für die Freuden, für
die Entzückungen, welche der Herr ihn in der Betrachtung der
Werke seiner Hände hatte genießen lassen. (ölzster. eos. wogr.

- IIH -=-
Galileo Galilei, von dem die experimentale Physik die
wichtigsten Impulse empfing, kam in seinen Studien zu dem
Resultate, daß die heilige Schrift und die Natur gleichmäßig
von Gott entstammnnen, die eine als Eingebung des heiligen
Geistes, die andere als strengste Befolgerin seiner Gesetze.
MNalilei Opere tom. W. Linns entbrannte in dem Studium
der Naturwissenschaften zu solcher Begeisterung, daß die Worte
seines Mundes wie ein Psalm erklangen. ,rewiger Gottt,
ruft er aus, ,unermeßlich, allwissend, allmächtig hast du dich
mir in sicherer Weise in deinen Werken enthüllt, und ich bin
hingenommen worden von erstaunender Bewunderung. - Fn
allen Werken deiner Hände, in den kleinsten und kaum sicht-
baren, welches Können, welche Weisheit, welche unbeschreibliche
Vollkommenheit!'
,Die Nützlichkeit, welche die Schöpfung für uns hat, be-
weist die Güte dessen, der sie gemacht hat; ihre Schönheit und
ihre Harmonie beweisen seine Weisheit; ihre Erhaltung und
ihre unerschöpfliche Fruchtbarkeit verkünden seine Machtr
(özst. untur.s
Soviel aus den Hirtenbriefen des Kardinals Pecci zur
andeutenden Charakterisirung des Papstes, der jett auf dem
Stuhle des heiligen Petrus seinen Platz eingenommen hat.
Daß er absieht von den Erfahrungen, welche die Mutter
Kirche den, von ihm um seiner Gottesfurcht willen gepriesenen
Galilei seiner Zeit hat machen lassen, das ist eben in der
Ordnung jener klugen, wenn auch nicht aufrichtigen Benutzung
der Umstände, welche Macaulay in einem seiner Essays der
katholischen Kirche nachrühmt, und auf deren Wirksamkeit er
seinen Glauben von ihrem Fortbestehen gründet.
Er spricht von der Politik der katholischen Kirche, welche
sich selbst die ihr widerstrebenden Kräfte anzueignen und für
ihre Zwecke nutzbringend zu machen weiß. ,WSährend die

= Zß -
anderen Kirchen,' sagt er -= ich zitire aus der Erinnerung,
da mir hier keine Bücher zur Hand sind - ,die Mitglieder,
welche abweichende Meinungen äußern, von sich ab- und aus-
zustoßen geneigt sind und auf solche Weise Sektirer erschaffen
und SektenBildungen veranlassen, hat es die katholische Kirche
in den Zeiten ihrer größten Macht verstanden, sich die Glieder
wieder zu gewinnen und dienstbar zu machen, die sich von ihr
loszureißen bereit schienen. Die heilige Therese und der heilige
Ignaz von Loyola konnten der Kirche feindselige Elemente
werden; aber die Kirche bemächtigte sich dieser großen Kräfte,
nahm sie zu ihrer eigenen Stärkung in sich auf, und machte
diejenigen zu Heiligen, die sie, weniger geschickt operirend,
vielleicht als Abtrünnige hätte verdammen müssen.?
Diese Erkenntniß von der Weisheit solchen Aneignens
spricht aus den sämmtlichen Hirtenbriefen des Bischofs von
Perugia, soweit die Zeitungen sie mitgetheilt haben. Ja, die
große umsichtige Behutsamkeit, von welcher alle Kundgebungen
des Papstes das Gepräge tragen, läßt darauf schließen, daß
der neue Papst nicht nur die Forschungen und Fortschritte der
Wissenschaft zur Verherrlichung Gottes und zum Vortheil der
Kirche zu nutzen wissen wird, sondern daß er auch die ganze
Richtung der Zeit, in welcher er lebt, in das Auge fassen und
zu den Zwecken der Kirche zu verwenden bemüht sein dürfte.
Im Nebrigen verräth Alles, was von seinen mündlichen
Aeußerungen in das Publikum kommt, einen heiteren und
ruhigen Sinn.
Die Krönung des Papstes fand am 5. März statt. Es
war der letzte Sonntag des Karnevals, wenn von einem
Karneval in Rom jetzt überhaupt noch die Rede sein konnte.
Schon vor eilf Jahren hatte der Karneval alle die Heiter-
keit und Anmuth eingebüßt, die ihn einst so reizend gemacht

=- L? -
und vor allen Volksfesten aller anderen Länder so lieblich aus-
gezeichnet hatten. Er war häßlich und roh geworden, und da
in diesem Jahre die doppelte Trauer um den König und den
Papst den öffentlichen Kundgebungen irgend einer Freude
ohnehin Zügel anlegte, so sah man von dem Karneval kaum
noch die Spur; wie denn von dem alten römischen Volksleben
und von den Volkstrachten so gut wie gar Nichts mehr übrig
geblieben ist. Hier und da schritten ein paar halbwüchsige
Buben und Mädchen in armseligsten Verkleidungen durch die
Straßen; oder junge Mütter führten bisweilen ihre kleinen
Mädchen als römische Bäuerinnen aufgeputzt an der Hand.
Dann und wann liefen ein paar verlarvte Policinells, einige
ungeschlachte Burschen in Frauenkleidern über die Plätze; und
an den sonnenhellen Nachmittagen, oder Abends bei Lampen-
licht, tanzte allerlei Volk im Freien in den Osterien vor der
Porta del Popolo und am Ponte Molle. Einzig die alte
Sitte, daß Männer häufig mit Männern und Weiber mit
Weibern tanzen, hat sich theilweise noch erhalten. Da man
aber nicht mehr, wie früher, den schönen charakteristischen
Saltarello tanzt, sondern Walzer und Polka, so nimmt sich
besonders das Zusammentanzen von zwei Männern schlecht aus.
Nichts als der blaue Himmel und die schön blühenden
Lorbeerbäume, in deren Bereich die Tanzenden sich, bewegten,
konnten dem Auge des Nordländers noch etwas Wohlgefallendes
bieten.
Auch die Schönheit der Männer und der Frauen, die uns
hier vor einem Menschenalter überraschte, ist nicht mehr dieselbe.
In all den sechs Monaten, die ich jezt wieder hier verlebt,
habe ich noch nicht einmal, selbst in Trastevere nicht, jene
wahre äonna romana gesehen, eine der Frauengestalten, welche
die Urbilder für Robert, für Horace Vernet, für Rudolph
Lehmann, Rahl, Riedel, für die Baumann u. A. gewesen find.

== IZs -
Sonst traf man sie auf allen Straßen und Plätzen und blieh
mit froher Neberraschung, sie zu betrachten, stehen; und sie
ließen sich das gern gefallen. Jetzt sind sie zum Mythus ge-
worden, und die römischen Matronen sprechen das selber oft-
mnals mit Bedauern aus.
Auch in den Zeitungen dachte man wenig an den Karne-
val. Nur in einem der Blätter, die mir am S. März in die
Hand kamen, behandelte man die Krönung des Papstes, ganz
gegen das sonstige respektvolle Verhalten, als den eigentlichen
Karnevalsscherz, den der Klerus absichtlich für den letzten Tag
des Karnevals aufgespart habe. Die ernsthaften Leute hin-
gegen beobachteten mit Spannung jede Aeußerung und Kund-
gebung von Seiten des Vatikans, denn dort weiß man, was
man mit jedem Worte meint und will.
Am Abend des päpstlichen Krönungstages versuchte man
hier und da eine Erleuchtung der Fenster; sie fiel aber sehr,
sehr unbedeutend aus. Auf dem Wege, den ich zurückzulegen
hatte, um mich in eine Gesellschaft zu begeben, und wir hatten
ein ganzes Ende zu fahren, sah man kaum irgendwo einige
spärliche Papierlämpchen trübe schimmern. Im Palazzo Bar-
berini hatte ein dort wohnender Kardinal an seinem Flügel
eine bescheidenste Erleuchtung angebracht; und im Korso, wo
die Einwohner des Palazzo Teodoli eine größere Jllumination
hergerichtet hatten, warfen Vorübergehende die Fenster ein.
Ee kam zu einem kleinen Auflauf, man mußte Polizei herbei-
rufen, die bald Ordnung schaffte. Als man danach dem Papste
von dem Vorfall mit der Frage Meldung machte, was man
in dem Falle zu thun habe? soll. er geantwortet haben: ,Das,
dünkt mich, geht nur den Besitzer des Palazzo Teodoli Etwas
an, und der wird, wie ich denke, den Glaser rufen lassen.?
Seitdem ist fast ein Monat über Feld gegangen, und wie
zwei geübte Fechter stehen sich die Kirche und das Königthum

== Zß -
an den beiden Enden der Stadt, vorsichtig beobachtend, ein-
ander gegenüber.
Die Erwartung, welche man von mancher Seite bei dem
Regierungsantritt des Papstes hegte, daß Leo K. den Bann
gleich und energisch brechen werde, den Pius mit seiner Ge-
fangenschaftsrolle über den Papst verhängt, daß er öffentlich
erscheinen werde, hat sich bis jett nicht erfüllt. Es stehen
auch seinem öffentlichen Erscheinen allerdings Bedenken ent-
gegen, die zur Vorsicht mahnen.
Es ist nicht zu leugnen, daß es eine Partei der Un-
versöhnlichen giebt, der gar Nichts erwünschter sein würde, als
ein auffallender Bruch der beiden Gewalten. Als an dem
Tage der Papstwahl der Papst für einen Augenblick innerhalb
der Peterskirche auf der Galerie erschien, den Segen zu spenden,
wollten einige dieser Unversöhnlichen den Ruf in der Kirche
vernommen haben: ,Es lebe der PapstKönig!? Niemand
sonst hatte Etwas davon gehört. Aber es würde nicht schwer
halten, bei einem öffentlichen Auftreten des Papstes eine Anzahl
von Menschen zusammenzubringen, die ihn mit solchem Gruß
empfingen; und wie die Regierung dies nicht leiden dürfte,
würde ebenso das für seine freie Einheit durchweg begeisterte
Volk einer sölchen Kundgebung wahrscheinlich mit Heftigkeit
entgegentreten. Weder das Königthum noch das Papstthum
können aber in ihrem wohlverstandenen Interesse sich solchen
Möglichkeiten auszuseten wünschen. Das alte italienische
Sprichwort: Di ebe mi äeo, mi guaräu läio - li ebs uon
mi kco mi guarcero io - dies: Herr, bewahre mich vor
meinen Freunden! hat also sicherlich auch der neue Papst zu
beherzigen und zu beten; und noch hat ihn Niemand außerhalb
des Vatikans gesehen, in welchem die Schaar der Neugierigen,
mehr als die der Gläubigen, ihn rücksichtslos mit ihrem Ver-
langen nach nichtsbedeutenden Audienzen belästigen. Wie

Kapitel 19

=- L7( -
Menschen, welche den Anspruch auf irgend welche Bildung
erheben, sich solcher Zudringlichkeit schuldig machen mnögen, ist
mir immer räthselhaft gewesen.
Rleunzeknier rief.
Verträglichkeit.
Rom, W. April 1s.
Wenn man hier in der Gesellschaft lebt, wenn man den
Personen begegnet, die hier inmitten der sehr bewegten poli-
tischen Ereignisse thätig sind, so hört man bis jettt nur Zu-
stimmungen zu dem Verhalten des neuen Papstes; und hört
neben dem Wunsch auch den Glauben äußern, daß es zu einem
verhältnißmäßig guten Einvernehmen zwischen der Kirche
und dem Staate kommen könne. Ebenso sprechen sich die
Zeitungen aus.
Heute z. B., wo die Allokution des Papstes und die
Antwort des heiligen Kollegiums auf dieselbe bekannt sind,
schreibt ein hier in französischer Sprache erscheinendes
Blatt: ,Diejenigen, welche über die neue, durch die Thron-
besteigung Leo's KÜl. geschaffene Lage erfreut sind, haben sich
nicht von den Umständen Rechenschaft gegeben, welche dieselbe
vorbereitet haben. Sie haben sich nicht Rechenschaft darüber
gegeben, daß eine Haltung, wie Pius l. sie der Kirche auf-
gezwungen hatte, nach seinem Tode nicht fortdauern komnte,
daß das Grab, welches den Leichnam des Papstes in sich auf-
nahm, auch sein System in sich begrub. Als das heilige
Kollegium seine Wahl auf einen Kardinal lenkte, der ebenso
durch seine Gelehrsamkeit, als durch die Heiligkeit seines
Lebenswandels und durch seine Mäßigung bekannt war, hat

=- L! --
es vollkommen die Tragweite seiner Wahl ermessen. Es hat
mit hoher Einsicht die Forderungen unserer Zeit und das
Interesse der Kirche erörtert.! - ,Die Antwort, welche Kar-
dinal di Pietro im Namen des heiligen Kollegiums auf die
Mllokution des heiligen Vaters gegeben hat, beweist ganz un-
widerleglich, daß der heilige Stuhl entschlossen ist, aus der
Isolirung herauszutreten, in welcher er sich bisher gehalten
hatte, und daß wir in nicht zu ferner Zeit das Oberhaupt
der Kirche die Funktionen werden wieder aufnehmen sehen,
welche seit 17 unterbrochen worden sind. Als Jtalien sein
Geschick durch die Besitznahme von Rom vollendete, hat es
gleichzeitig das Papstthum als eine glorreiche, fast nationale
Institution betrachtet, die es verehrt und auf welche es stolz
ist. Das Oberhaupt der Kirche und der heilige Senat (diese
Bezeichnung klingt geradezu konstitutionells, der ihm beisteht
in der Ausübung der ihm anvertrauten erhabenen Mission,
werden in unseren Gesetzen, gleichviel welche Partei am Ruder
steht, den Schutz und die Freiheit des Handelns finden, deren
sie benöthigt sind. Und mit diesen Thatsachen wird man Den-
jenigen antworten, die bemüht sind, unser Vaterland syste-
matisch zu verleumden.'!
So stehen die Sachen heute hier, drei Wochen vor dem
Osterfeste, das die Antwort geben wird auf die Hoffnungen
und Erwartungen, mit welchen das Land, und die Fremden
nicht zum wenigsten, sich getrösten. Denn die Feierlichkeiten
der Osterwoche: Die Bekehrung der Juden und Heiden in
Lateran - die Fußwaschung im Vatikan - die Beichte der
Todsünden in der Peterskirche - das Miserere am Charfreitag
-- die großen Zeremonien am Ostersonntage - die Kuppel-
beleuchtung an der Peterskirche und die Girandola, das waren
die Herrlichkeiten, mit welchen sonst der Winteraufenthalt der
Fremden hier den Abschluß fand, den pomphaften Abschluß,

- I?Z --
den sie nun seit sieben Jahren schon entbehren mußten. Ob
es ihnen schon in diesem Jahre beschieden sein wird, sich der-
selben wieder zu erfreuen? -- Niemand weiß es zu sagen.
Ich bezweifle es.
Aber unter den Politikern macht sich mehr und mehr die
Ansicht geltend, daß der Geist, welcher das Studium der
Naturgeschichte und ihrer Forschungen und Entdeckungen als
einen Weg betrachtet, auf dem die Erkenntniß und Verherr-
lichung Gottes wachsen und gedeihen; daß dieser selbe Geist
auch in der politischen Entwicklung unserer Zeit, wie ich schon
vorher angedeutet, ein Mittel finden könnte, zur Ehre Gottes
und der Kirche beizutragen.
Papst Leo KÜ. hat in Belgien gelebt und dort den Ein
fluß ermessen können, den die Kirche in das Gewicht deg
Wahlen und durch sie in das Gewicht aller staat-
lichen Unternehmungen zu legen vermag- Man hält es
deshalb für nichts weniger als unwahrscheinlich, daß er be-
treffenden Falls den italienischen Klerus an seine Nationalität-
an seine Bürgerpflichten und an seine Bürgerrechte, d.h. an
sein Wahlrecht erinnern und ihn zur Ausübung desselben
ermahnen könnte. -- Ein greiser, dem gegenwärtigen Mini-
sterium nicht geneigter Jtaliener, ein Staatsmann, der in
seinen jungen Jahren in den Reihen und an der Spitze seiner
Landsleute gegen die Oesterreicher gefochten hat, sagte neulich
nachdenklich zu mir: ,WSer kann voraussehen, ob ss nicht
möglich ist, daß Jtalien noch auf diese Weise einmal dem
Papstthum für eine konservativere Kammer und für ein kon-
servativeres Ministerium als das gegenwärtige zu danken haben
wird? Gebrauchen könnte es ein solches zu seiner inneren
Festigung wohl für eine SpanneZeit!' Ich sage, was ich hörte.
Möglich! Unmöglich! - Was dünkt, was kann uns un-
möglich dünken hier auf diesem Boden, auf welchem die Welt-

b==- L7Z -
geschichte wie die Länder auf einer Landkarte in scharf be-
stimmten, fest erkennbaren Umrissen vor unseren Augen liegt?
Wo die Steine sprechen, wo das Entstehen und Schaffen, das
Untergehen und das Neuwerden der Zeiten und der Ge-
schlechter, gleichsam in Schichten übereinander gelagert, das
,Alles fließt'' sinnbildlich uns vor das Auge füühren?
Wir stehen unter den riesigen Trümmern alter Thermen
und Tempel und steigen unter ihnen hinunter in die Tiefe
ebenso riesiger Trümmer, auf welchen jene Bauten sich erhoben.
Eine Welt von Schönheit ist zerstört, zerstört mit einer Gewalt,
von welcher wir uns kaum eine Vorstellung zu machen ver-
mögen. Wir blicken hinauf zu den in Goldglanz leuchtenden
Gewölben der Peterskirche. Ihre Schönheit reißt uns hin,
ihre Pracht und' Herrlichkeit überwältigen uns, und wir sagen
uns: auch der Jupitertempel wird einst geleuchtet haben in
solchen Glanzes Fülle, und er ist untergegangen und in
Trümmer zerfallen, als der Götterglaube die Herzen der
Menschen, die ihn errichtet hatten, nicht mehr erwärmte und -
erfüllte. - Und wir fühlen uns ergriffen von den Schauern
der Vergänglichkeit, durchzittert von der Gewißheit, daß auch
dem Glauben, in welchem die gegenwärtige Menschheit sich
entwickelt, dereinst, wer weiß es, welche Wandlungen und sein -
Untergang bevorstehen; daß auf den Trümmern der Kirchen,
deren Herrlichkeit uns jett entzückt, in denen Tausende von
Menschen ihre Kniee in Andacht beugen, ihr Auge zu dem
Bilde des Gekreuzigten erheben, in welchem die christliche Welt
das Menschheitsideal oerehrt, sich dereinst Neubauten erheben
werden - welchen Zwecken? - welchem Glauben? - welchem
Hoffen?
Man lernt es, auf die Fragen, welche jeder Blick auf
die große historische Weite in uns anregt, die uns hier um-
giebt, keine Antwort zu erwarten. Man wird bescheiden hier
. Le wald, Reisebriefe.

==- Z7g -=-
in Rom; und nur um so bescheidener, wenn man der raschen
und unerwarteten Wandlungen gedenkt, welche man in dem
Laufe seines eigenen bewußten Lebens sich in der West hat
vollziehen sehen.
Die Einen nennen, wie ich es Ihnen nach den Berichten
der italienischen Zeitungen in diesen Briefen mitgetheilt, die
Jtaliener ein von Herzen katholisches Volk, die Anderen, und
darunter Männer, welche ihre Landsleute sehr gut kennen
müssen, behaupten, das Volk sei völlig glaubenslos und
hänge nur an den Gebräuchen der Kirche, die ihm liebe Ge-
wohnheiten und bequem sind; vor Allem die Frauen des
Volkes, deren einzigcs Vergnügen der Kirchenbesuch ausmacht.
Eine junge Römerin, die ich seit ihrem siebenzehnten Jahre
kenne, und die jettt seit Jahren Hausfrau und Mutter it,
sagte neulich zu mir: ,Sehen Sie, mein Mann ler gehört
als Marmorar dem Kunsthandwerke ans ist sehr gut und
brav, aber er glaubt an gar Nichts; und Sie wissen, Signora,
an all die Wunder, die die Statuen verrichten, und an solche
dummen Dinge haben wir auch in meines Vaters Hause nicht
geglaubt. Aber daß mein verstorbener Vater Nichts mehr von
uns wissen soll, und daß der Herr Gott uns nicht straft und
lohnt für unsere Thaten, das glaube ich nicht - denn das
wäre ja gottlos! Für die Männer mag das gehen, die haben
andere Köpfe. Ich muß aber beten, wenn ich meine Kinder
Abends niederlege, ich bin dann sicher und bin ruhig. Jn
die Kirche gehe ich nicht mehr so oft als vordem, aber ich
nehme die Kinder immer mit. Es ist doch gut, wenn der
Mensch weiß, was er zu glauben hat. Ich kann mir darüber
auch nicht den Kopf zerbrechen wie mein Mann. Glauben
Sie, daß ich damit Unrecht habe?' setzte sie hinzu und sah
mich mit ihren großen blauen Augen - denn sie ist roth-
haarig und blauäugig - in dem Vertrauen an, daß ich ihr

Kapitel 20

-- F7H -
nicht widerspechen würde. Wer hätte das zu thun vermocht?
wer hätte es verantworten dürfen, falls er es gethan hätte?
Man braucht nicht nach Rom zu gehen, um die Menschen-
natur in ihren verschiedenen Bedürfnissen verstehen zu lernen;
und doch ist Rom lehrreicher als jeder andere Ort für den,
der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören. Es war mir
zu Beidem eben in diesen letzten Monaten mehr als je die
Gelegenheit geboten.
Nach dem Osterfeste schreibe ich wohl wieder. Wir werden
dann wissen, ob die Voraussicht Derer, die den Papst die
Osterfeierlichkeiten persönlich vollziehen zu sehen erwarten,
sie nicht täuschte! Ob die Taube, die über dem Hochaltar der
Peterskirche und in schönster Marmorarbeit an ihren Pfeilern
überall zu sehen ist, den Delzweig, den sie trägt, als Zeichen der
Friedensbotschaft herniederfallen lassen wird in die kriegdurchs
tobte Welt, deren Menschheit des Friedens doch so nöthig hat!
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Kus der römischen
Ns-lss
E011DF-
Künstlerwelt.
Rom, A April 1878.
Wenn wir Alten in den Tagen unserer Jugend an Rom
gedachten, so kamen uns alle Vorstellungen von demselben
durch Vermittlung von Personen, die in Rom der Kunst und
ihrer Betrachtung gelebt oder klassische Studien neben ihren
Kunstbetrachtungen getrieben hatten. Rom war der Mittel-
punkt des Kunst- und des Künstlerlebens für die ganze Welt;
und es waren die Franzosen und die französische Regierung,
die frühzeitig zu der Erkenntniß gekommen waren, was für
18n

=== I7ß -
die Heranbildung künstlerisch begabter Naturen durch einen
andauernden Aufenthalt in Rom und eine dort umsichtig ge-
leitete Bildung zu gewinnen sei.
Während schon Franz l und seine Nachfolger sich die
großen Künstler der Renaissancezeit dienstbar gemacht und ihre
Werke für Frankreich, so weit möglich, zu erwerben gesucht
hatten, wurde unter Ludwig Kl. in Rom eine französische
Akademie für Künstlerbildung gestiftet. Sie hatte ursprünglich
inmitten der Stadt im Korso ihren Sitz; aber Napoleon l.,
dem man Großartigkeit in allen seinen Unternehmungen zu
Gunsten der Kunst und Wissenschaft schwerlich absprechen kann,
verpflanzte 10 als Konsul diese Akademie nach der pracht-
vollen, auf der Höhe des Monte Pincio gelegenen Villa Medici,
in welcher seitdem die Stipendiaten der französischen Regierung
ihre Ausbildung in Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Kupfer-
stechkunst erhalten. Sie haben dort ihre Wohnungen, ihre
Werkstätten, eine bedeutende Gypsabgußsammlung, Raum für
ihre Ausstellungen. Sie erhalten vier Jahre hindurch jährlich
5000 kr. Stipendien, Modelle und Kostüme werden ihnen, wie
man mir sagt, bezahlt. Sie haben einen Koch im Hause, der
sie gratis - und gegen Entgelt auch viele Fremde in der
Stadt - vortrefflich versorgt. Sie leben inmitten der wunder-
vollen Gärten der Villa, deren immergrüne Eichen zu den
schönsten Bäumen Roms gehören; und von dem hochgelegenen
Bosauet der Villa genießen sie einen Rundblick über Rom,
wie ihn in gleicher Weise nur das Belvedere des deutschen
Botschaftsgebäudes, des Palazzo Caffarelli, bietet.
So gut ist es der deutschen Kunst und den deutschen
Künstlern weder vordem noch bis jettt geboten worden. Die
Hackert, Tischbein, Carstens, Cornelius, Koch, Overbeck, Veit,
die wir als die Erneuerer der deutschen Malerei zu betrachten
haben, hatten ihren Weg nach Rom aus eigener Machtvoll-

=- I?? -
kommenheit zurüchhulegen und fast durchweg schwer genug zu
machen. Den Bildhauern ist es mit wenig spärlich geförderten
Ausnahmen nicht besser ergangen; denn die Stipendien, welche
die eine oder die andere der deutschen Regierungen hier und
da einem Künstler für eine Studienzeit in Rom angedeihen
ließ und noch angedeihen läßt, sind knapp und kurz bemessen.
Trotzdem ist die Zahl der hier studirenden und lebenden
deutschen Künstler, namentlich in früheren Jahren in Rom,
eine überwiegend große gewesen, ehe München, Düsseldorf,
Wien, Berlin und Weimar zu Mittelpunkten eines eigenen
Kunstlebens geworden sind und eigene Kunstschulen gegründet
haben.
Als wir im Jahre 145 und 1846 hier in Rom ver-
weilten, bildete die deutsche Künstlergesellschaft eine sehr her-
vorragende Gemeinde, an deren Spitze Peter von Cornelius
stand. Er arbeitete in jenem Winter an den Kartons für das
Campo Santo, welches Friedrich Wilhelm der Vierte neben
dem beabsichtigten neuen Dom in Berlin zu erbauen gedachte.
Der alte Reinhard, der alte Wagner lebten auch noch in Rom.
Neben ihnen waren die Maler Rahl, Schrader, Riedel, Rudolph
Lehmann, Karl Becker, Gurlitt, Willers, Böhnisch, Lindemann-
Frommel, Helfft, Ernst Meyer, Pollac, Hauschild in voller
Kraft zu tüchtigen Meistern geworden. Die beiden Bildhauer
Wolff, Kümmel, Bläser, Eduard Meyer hatten große Werk-
stätten. Der geniale, zu früh gestorbene Hallmann und andere
Architekten studirten hier und machten ihrem Vaterlande in
jedem Sinne Ehre. Aber nur die Landsmannschaft und das
gleiche frohe, frische Streben hielten sie zusammen. Einen
deutschen Gesandten gab es damals so wenig als ein Deutsches
Reich. Der Sohn von Werther's Lotte, der hannoversche
Gesandte Herr von Kestner, pflegte mit den Künstlern mannigs
fachen Verkehr. König Ludwig von Bayern ließ einigen von

==- FF --
ihnen aus der Ferne seinen Schutz angedeihen, doch es gab
für sie keine deutsche Akademie, keinen gemeinsamen Mittel-
punkt, kein Ausstellungslokal. Deutschland oder vielmehr die
verschiedenen deutschen Regierungen kümmerten sich um die
Künstler kaum; während die meist unbemittelten deutschen
Künstler in ihrem von ihnen gegründeten Versammlungslokal
im Palazzo Fiano, den hier anwesenden deutschen Winter-
gästen aus aller deutschen Herren Ländern eine um so er-
wünschtere Geselligkeit und eine heitere Unterhaltung boten,
als das damalige päpstliche Rom außer der Gesellschaft der
hohen römischen Aristokatie und den diplomatischen Kreisen
keine Gesellschaft hatte. Und zu dieser italienischen Gesellschaft
fanden die bürgerlichen Fremden selten oder gar nicht Zutritt.
Der oder jener Deutsche empfand es wohl, daß dieses
Verhältniß der Deutschen zu ihren Künstlern ein Verfahra
aus der verkehrten Welt war; es hieß auch hier und da, der
Deutsche Bund wolle sich der deutschen Kunst in Rom werk
thätig zuwenden. Es ging das Gerücht, der hier lebende
kinderlose Banquier Valentini habe sein schönes Haus oben
am Ende von Piazza S. Apostoli der preußischen Regierung
zum Geschenk für die deutschen Künstler angeboten, wenn
Preußen in demselben eine Akademie errichten wolle=- indeß
der Deutsche Bund ließ es bei dem Wollen sein Bewenden
haben; von den preußischen Entschließungen vernahm man
auch Nichts. Der Banquier Valentini starb inzwischen, und
als wir 1866 nach Wjähriger Abwesenheit von Rom wieder
hierher zurückkamen, stand noch Alles wie vordem. Auch das
Gerücht von der beabsichtigten Schenkung war noch erhalten
geblieben, jedoch von dem Zusatze begleitet, daß dieselbe an
gewisse, schwer zu erfüllende Bedingungen geknüpft gewesen
sei, welche ihre Annahme unmöglich gemacht hätten.
Jetzt - andere zwölf Jahre später - im Jahre der

=- I7ß -
Gnade 17S, da das Königreich Jtalien seit acht Jahren in
Rom seinen Mittelpunkt gefunden hat, und seit acht Jahren
in Berlin der Deutsche Kaiser der Schirmer des Deutschen
Reiches geworden ist, ist damit für die deutsche Kunst und
die deutschen Künstler in Rom auch die erhoffte Förderung
noch nicht herbeigeführt worden.
In dem ihnen dereinst von Herrn Valentini zugedachten
Hause befindet sich die Präfektur von Rom. Sie selber sind
seit Jahren und Jahren aus dem Palazzo Fiano im Korso
nach dem ersten Stockwerk des Palazzo Poli über der Fontana
Trevi übergesiedelt. Sie bieten immer noch den hier ver-
weilenden deutschen Gästen die alte freundliche Gastfreundschaft:
die unentgeltliche Benutzung ihrer kleinen Bibliothek, den
Eintritt in ihr Kasino, das gut mit Zeitungen versehen ist,
gegen einen sehr geringen Beitrag, und alle vierzehn Tage
am Samstag einen ,Damen-Abend, an welchem von den
Künstlern kleine dramatische Scherze aufgeführt, Musik gemacht
und schließlich zum Vergnügen von Deutschlands Töchtern bis
in die tiefe Nacht getanzt - und um Weihnachten für die
deutsche Kolonie der aus Tirol verschriebene mächtige Tannen-
baum aufgebaut wird, die Weihnachtslieher gesungen, die
Kinderhändchen mit kleinen Gaben gutherzig bereichert werden.
Das thun die deutschen Künstler für die Deutschen in Rom!
Was aber thut Deutschland für die deutschen Künstler in der
ewigen Stadt?
Lesterreich ist dem Deutschen Reiche darin vorausgegangen,
denn es gewährt seinen zehn Stipendiaten in dem alten öster-
reichischen Palazzo Venezia, in welchem die bei dem Papste
beglaubigte österreichische Botschaft ihren Sitt hat, eine je-
weilige Heimat. Auch ein Ausstellungsraum ist ihnen dort
gewährt, und erst vor wenig Monaten hatte man daselbst
diejenigen Bilder ausgestellt, die theils nach Wien, theils

=- ZZ( -
nach Paris für die Ausstellung dieses Jahres gesandt werden
sollten.
Erst Baron v. Keudell, der hier im weitesten und würdigsten
Sinne sich als den Schützer und Vertreter seiner Landsleute
bewährt, der in der Botschaft den Deutschen einen Mittelpunkt
geschaffen, in welchem ihnen, wo er gefordert wird, Rath und
Beistand und daneben die großartigste und freundlichste Gast-
lichkeit geboten wird, hat eben jett im Frühjahr den hier
lebenden deutschen Künstlern den großen Empfangssaal des
Botschaftsgebäudes für einige Wochen zur Verfügung gestellt,
um zum ersten Male in dem deutschen Botschaftspalast selber,
unter dem Panier des Reiches, eine Ausstellung vön Werken
deutscher Kunst zu veranstalten. Sie ist nach raschem Eppt-
schluß unvorbereitet aus denjenigen Arbeiten zusammengestellt
worden, die sich eben in den Werkstätten fertig vorräthig ges
funden haben, und man hat sie am Ersten dieses Monats
eröffnet.
Wenn man dieser kleinen Kunstausstellung gerecht werden
will, so muß man sie zunächst in keiner Weise mit der Ausstellung
der vier Bilder und der vier Skulpturwerke in der französischen
Akademie vergleichen, wie italienische Blätter es gethan haben.
Eine hier in französischer Sprache erscheinende Zeitung
hat den Ausspruch gethan: ,Die Franzosen haben für die
Ehre (den Ruhm, die Deutschen für das Brod gearbeitetr'
Die deutschen Künstler können sich das durchaus nicht böse
gemeinte und in sich vollkommen wahre Urtheil gefallen lassen.
Es sind in der französischen Akademie vier Malerarbeiten,
einige Bildhauerwerke nebst architektonischen Zeichnungen
u. s. w. ausgestellt. Sie sind das Werk der hervorragendsten
Talente unter den jungen französischen Künstlern, eben der
Künstler, welche man der Unterstützung durch den Staat
würdig befunden hat.

-= Z!
Ihnen gegenüber nun steht die ohne alle Vorbereitung
nach einer plötzlichen Aufforderung entstandene, recht eigentlich
improvisirte deutsche Kunstausstellung der Künstler, die, zum
Theil nur für kurze Zeit in Rom verweilend, an große
Arbeiten nicht denken konnten, während sie andererseits, da sie
ganz auf sich selber angewiesen sind, wirklich auch hier in
Rom für ihren Unterhalt arbeiten und in ihrem hiesigen
Schaffen darauf Rücksicht nehmen müssen, welche Art von
Arbeiten unter den vorüberziehenden Touristen Aussicht auf
rasche Verwerthung hat und welche nicht. Man soll sich nicht
scheuen, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen.
Man würde der deutschen Kunst im Allgemeinen, wie den
deutschen Künstlern in Rom, ein großes Unrecht thun, wenn
man ihre Bedeutung und ihre Leistungsfähigkeit nach der
Zahl oder nach der Art der hier ausgestellten Bilder endgültig
beurtheilen wollte. Man hat vielmehr zunächst die That,
d. h. die Ausstellung als solche in das Auge zu fassen. Man
hat den Entschluß anzuerkennen, mit welchem die deutsch-
römische Künstlerschaft unter dem Schutze des Reiches sich als
Einheit darstellt, und damit den Boden und die Weise ange-
deutet hat, wo und wie sie Wurzel zu schlagen und zu ge-
deihen wünscht und hofft.
Die Ausstellung settt sich aus fünfundneunzig Nummern
zusammen, die von dreiundvierzig Künstlern eingesandt sind:
einunddreißig Arbeiten und Skizzen von Bildhauern; einund-
zwanzig Aquarellen und dreiundvierzig Oelbildern. Historische
Bilder oder Entwürfe zu solchen sind gar nicht vorhanden.
Außer drei Portraits und einigen Studienköpfen sind nur
Landschaften, Architektur - und verschiedene Genrebilder aus-
gestellt.
Von den mir bekannten alten hiesigen Meistern haben
die Maler Salomon Corradi, Max Hauschild, Romako, Linde-

== IH -
mann-Frommel, Riedel, eben so die Bildhauer Eduard Meyer
und Emil Wolff Beiträge geliefert. Ihnen hat sich Louis
Gurlitt, der, in Dresden lebend, diesen Winter wieder einmal
in Rom zubringt, zugesellt. Aber auch von diesen haben düh
meisten eben nur Proben ihres Könnens geboten; einmal, weil
der Raum für die Ausstellung ein sehr beschränkter war, und
dann, weil in vielen Fällen die Arbeiten dieses Winters bereits
verkauft oder zu andern Ausstellungen gen Norden gesandt
worden waren. Der greise Riedel, der Maler der Sakontala
und der andern lichtschimmernden Bilder, die uns einst ins
Herz geleuchtet, hat eine ihrem nackten Kinde zulächelnde
römische Bäuerin in der Ausstellung. Lindemann- Frommel
hatte nur eine kleine, feine Landschaft, ein Gebirgsstädtchen,
zu bieten, während die hier lebende Frau Grunelius aus
Frankfurt eines der in ihrem Besitze befindlichen Frommelschen'
Marinebilder hergab: ein silberhelles, im Morgennebel duftig
schimmerndes Meer, aus welchem in der Ferne die ver-
schwimmenden Umrisse von Capri in feinen Tönen sichtbar
werden. Gurlitt hat eine sehr feingefühlte Ansicht des Nemi-
sees im Morgenlicht ausgestellt, und ein vortreffliches Bild
aus der Villa Massimo Doria in Nemi. Große Bäume, in
deren Zeichnung und Kraft und Fülle seine alte Meisterschaft
sich kundgiebt, stehen auf mosigem, sich gegen den See nieder-
senkenden Abhange. In der Tiefe schimmert der See hervor.
Eine Art von Altar im Mittelgrunde, ein paar langsam ein-
herschreitende Gestalten staffiren die Scene und machen zugleich
die Einsamkeit und die Stille empfindbar. Es ist seine alte
träumerische Ruhe in dem Bilde.
Eben so wie diese Meister sind Salomon Corradi, Hau
schild, Romako und Zielke in der Wahl ihrer Stoffe, in der
Naturwahrheit ihrer Auffassung und in der strengen, liebe-
vollen Gewissenhaftigkeit der saubern Ausführung sich durchweg

=- IZ -=
treugeblieben. Und in Hauschild's wie in Romako's Architektur-
bildern wirkt das Bild des römischen Volkslebens gar erfreulich
und bezeichnend mit. Sie sind römisch im besten Sinne des
Wortes.
Unter den Aquarellen sind sehr schöne, eigenartige Blätter
von Rudolf Müller hervorzuheben. Die Ruinen des Palatin
mit einer Fernsicht auf Rom, der Wasserfall von Terni und
eine Gebirgsstadt am Meer.
Von dem jüngeren Corradi befinden sich in der Aus-
stellung eine Ansicht von Venedig im Mondschein bei bewölktem
Himmel, ein Bild aus den pontinischen Sümpsen und eine
neapolitanische Landschaft. Alle drei Delgemälde sind sehr
charakteristisch und sehr ansprechend. Wenn man die Kirche
am Kanale sieht, auf deren Kuppel das Mondlicht, aus dem
durchleuchteten Gewölk hervorbrechend, in bleichem Schimmer
niederfällt, während in dem Halbdunkel Schiffer im Wasser
stehend die Netze einreffen, um den Fang ins Boot zu bergen,
klingen Einem unwillkürlich Platen's Verse in der Seele:
Venedig lebt nur noch im Reich der Träume
Und wirft nur Schatten her aus fernen Tagen!
Es ist viel Poesie und Stimmung in dem Bilde. Ganz
dasselbe gilt von der offenen, breiten, südlichen Landstraße,
die sich gegen das Meer hin zu öffnen scheint und von der
man hinübersieht nach den Bergspiten am anderen Ufer.
Links und rechts vom Wege liegen einzelne Häusergrupven,
von Pinien und anderen Bäumen überschattet. Wagen fahren
in das Land hinein und dem Beschauer entgegen. Der Staub
wirbelt leicht vom Boden auf, wie die Wolken am Himmel
leicht vorüberziehen. Es ist warm in dem Bilde. Corradi
hat von beiden Malerschulen, von der französischen und von
der deutschen, sich sein Theil genommen. Ich glaube über-

-- s
haupt, wenn die deutsche und die französische Schule zu einer
gegenseitigen Durchdringung kämen, wenn die eine von der
andern annehmen wollte, was jede von ihnen von der andern
voraus hat, so könnte ein außerordentlicher Gewinn für die
Kunst daraus erwachsen. - Welsch hat die Pyramiden von
Ghizeh, eine venetianische Marine und eine engadiner Berg-
spitze ausgestellt. Er hat kräftige Farben, es ist Leben in
den Bildern.
Ein kleines Bild von dem Frankfurter Steinhardt, eine
badende Nymphe, hat einen hübschen, landschaftlichen Hinter-
grund; aber die Nymphe würde sich nymphenhafter und
schöner machen, wenn sie tiefer in dem Bilde im Baumes-
schatten sichtbar würde. Gewaltsam in den Vordergrund ge-
rückt, ist sie geistig und körperlich in dem engen Raume nicht
an ihrem Platze. Sehe ich, da ich schließen muß, den Katalog
der Bilder durch, so kommt mir bei den Namen dieses und jenes
hübsche Bild noch ins Gedächtniß. Das Köpfchen eines veilchen-
verkaufenden Mädchens von Otto Brandt aus Berlin - ein
Bettler von Elthofer aus Wien - und noch Dies und Jenes.
Was mir bei der Wahl der Stoffe für die ausgestellten
Genrebilder im Allgemeinen aufgefallen, ist ein Mangel an
Originalität. Romako, Wilhelm Wider, der jetzt in Berlin
lebt, Rudolf Lehmann und die verstorbenen Künstler Ernst
Meyer und Schweinfurt wußten dem römischen Volksleben,
das freilich fast zum Mythus geworden ist, immer neue, heitere
oder auch sentimentale Seiten abzugewinnen. Davon ist jetzt
nicht viel zu merken. Und doch hat das hiesige Leben, obschon
ihm das Volkskostüm verloren gegangen ist, immer noch so
viel Eigenthümliches, daß es dem achtsamen Auge überall
entgegentritt. Die Genrebilder, welche ausgestellt sind, sind
hübsch gemacht, würden zu besitzen angenehm sein; aber es
sind Darftellungen, die an jedem andern Orte als in Rom ganz

= IH
eben so gut hätten gemacht werden können und gemacht worden
sind. Es ist überhaupt keine bedeutende Originalität in der
Masse der ausgestellten Sachen; und wo eine solche sich in
ein paar Bildern ausspricht, wie z. B. in den beiden Studien-
köpfen von Julius Antz aus Karlsruhe, der sich an Lenbach
anzulehnen scheint, ist das Suchen nach Originalität noch
nicht an seinem Ziele angelangt. Die beiden Köpfe, ein weib-
licher und ein männlicher, haben, obschon sie unschön sind, für
mich einen sehr fesselnden Reiz; doch ist die Farbe derartig
ins Goldbraune gerathen; daß man vergebens darüber nach-
sinnt, welcher Menschenrasse diese beiden anziehenden Köpfe
angehören können.
Die Bildhauer haben es mit der Ausstellung ihrer Arbeiten
überall schlimmer als die Maler, und vollends in dem Falle,
wenn die Ausstellungsräume sich, wie im Palazzo Caffarelli,
nicht zu ebener Erde befinden. Große Werke ein paar Treppen
hinaufzubringen, hat immer seine Schwierigkeiten, selbst wenn
die Treppen so breit und schön sind und so gelind ansteigen,
als die in dem deutschen Botschaftspalast. Man mußte sich
also darauf beschränken, Büsten und leicht tragbare Statuen
und Gruppen auszustellen; und dabei ist noch zu be-
merken, daß weder der geniale Müller von Karlsruhe, noch
die beiden Cauer oder Kopf sich an der Ausstellung betheiligt
haben.
So sind denn von den alten Bildhauern, die schon seit
vielen Jahren hier verweilen, nur ein paar Arbeiten zu ver-
zeichnen. Von Emnil Wolff eine in dem Zauberkreise knieende
Eirce, den Zauberstab über ihrem Haupte schwingend; von
Eduard Meyer, der seinen für die Nationalgalerie in Berlin
angekauften Merkur im Laufe des Winters nach Deutschland
gesandt hat, eine kleine, durch Wilhelm Wiedemann sehr sauber

=- ZZß -
ausgeführte Kopie einer Statue der ihr Haar trocknenden
Venus und eine Büste.
Man hat es in der Ausstellung dadurch fast durchweg
mit der jüngeren Generation zu thun, und unter dieser treten
die Arbeiten des Berliner Karl Begas als die eigenartigsten
sehr entschieden hervor. Ein in Marmor ausgeführter, mit
seinem Knaben spielender Faun ist eben so heiter erdacht als
schön in seiner Ausführung. Er hat sich, traubenbekränzten
Hauptes, die Augen im Spiele halb geschlossen, mit dem Ober-
körper weit nach hinten zurückgeworfen, während er mit der
Rechten eine große Traube, sie halb verbergend, umschlossen
hält. Das Knäbchen, auf seinen Knieen sittend, stützt sich mit
der Linken auf des Vaters breite Brust und sucht mit der
Rechten nach der Traube hinaufzulangen, die an des Vaters
linker Schläfe niederhängt. Es ist Leben, Bewegung in der
Gruppe, und doch ist die ruhige Anmuth solch hinträumenden
Spieles in dem Bildwerk sehr lieblich dargestellt. Die Büste
eines eben der Jungfräulichkeit entgegenreifenden Mädchens
mit halb entblößter Brust, ein Kettchen, an welchem ein
Amulett hängt, um den zierlichen Hals geschlungen - Begas
nennt die Kleine Giuditta - ist reizend in dem Ausdruck
kindlicher Unbefangenheit, und in der Behandlung fein, wie
die Knöchelspielerin, die mir immer als ein Muster solcher
Zierlichkeit erschienen ist. - Die Portraitbüste, Gypsmodell,
einer jungen üppigschönen Frau erinnert an ähnliche Leben
und Sinnlichkeit athmende Arbeiten von Reinhold Begas;
aber gradezu ein Meisterwerk ist die ebenfalls nur in Gyps
ausgeführte Büste eines magern Mannes. Ein schmaler,
scharf ausgeprägter Kopf mit einem von dem Leben und seinen
Erfahrungen tief durchfurchten Antlitz. Man vergißt diesen
Kopf nicht, auch wenn man, wie ich, das Original niemals
gesehen. Mir fiel, ohne daß eine Aehnlichkeit zwischen den

= ZH? -
Köpfen vorhanden wäre, die herrliche Büste des Julius Cäsar
in dem Berliner Museum ein, als ich vor der Arbeit stand;
und es kann nichts Geringes sein, das uns solch ein Meister-
werk plötzlich in der Erinnerung hervorruft.
August Sommer aus Koburg hat das Modell zu einem
Springbrunnen geliefert: einen Centaur, der sich aus den ihn
umwindenden Ringen einer Riesenschlange frei zu machen
strebt. Sich mit dem Oberkörper rückwärts kehrend, hebt er
mit der mächtigen Rechten den gewaltigen Leib der Schlange
über seinen Körper in die Höhe, um ihren Druck von seinen
Weichen abzuwehren; und hebt mit der Linken den Kopf
der Schlange, sie an der Gurgel zusammenpressend, hoch über
seinem Haupte empor, so daß sie, den Rachen öffnend, dem
Wasserstrahl den Durchgang bietet. Ich glaube, groß aus-
geführt, müßte die Arbeit von bedeutender und schöner
Wirkung sein.
Von Speiß aus Würzburg ist in Marmor ein nackter
Knabe da, der den antiken, gegen die Kniee gestützten Wein-
krug, mit der Rechten vorsichtig haltend, mit vollen Zügen
den Durst aus der gefüllten Schaale löscht, die er zum Munde
geführt hat.
Von Volz aus Karlsruhe das kleine Gypsmodell einer
nackten, sitzenden, nur mit einem Neberwurf bis zum halben
Leibe bekleideten Kleopatra, die todtverlangend und doch
schaudernd vor dem Tode, nach der Vase hinblickt, aus der
die Natter sich hervorwindet. Der Kopf ist ausdrucksvoll, der
Körper gut durchgeführt, die Pose recht schön.
Konstantin Dausch, ein frischer, rasch und geschickt
arbeitender Künstler, hat in Marmor eine Bacchantin und
zwei figurenreiche Reliefs, Kindergruppen, den Herbst und
vUarrar

==- ZZ -
hat das anzuerkennen und zu wiederholen, unter den Bildern
wie unter den Skulpturen nichts Schlechtes, nichts Verfehltes,
sondern viel Gutes, viel Gelungenes vorhanden. Alle diese
Talente sind ,sich des rechten Weges wohl bewußt''; aber
man meint es ihnen anzufühlen, daß eine innere Gebunden-
heit sie fesselt, daß Bedenken sie in den Schranken des Her-
gebrachten halten, daß ihnen die fortreißende Kraft gebricht,
die sie zwingt, eigene Bahnen zu suchen, selbst auf die Gefahr
hin, falsche Pfade einzuschlagen und sich auf diesen gründlich
zu verlaufen, wie dies verschiedenen der höchst talentvollen
französischen Künstler begegnet ist. Aber man tröstet sich vor den
sonderbaren Einfällen und Ungeheuerlichkeiten, welche die
jugendlichen Meister in der französischen Akademie sich guf
Kosten ihres Vaterlandes passiren lassen dürfen, mit döm
Dichterworte: ,Mit Kraft begannen, die mit Schönheit enden!r
Und Frankreich wird es voraussichtlich gegenüber keinem von
den Stipendiaten, welche jetzt ihre Arbeiten eingeliefert, zu
bereuen haben, daß es ihnen die Freiheit gewährt, sich nach
eigenem Ermessen genug zu thun und sich mit ihrem großen
Talent an der Schönheit nach Gefallen zu versündigen.
Das bedeutendste Werk in der französischen Ausstellung
ist das große historische Bild des seit vier Jahren in Rom
verweilenden Malers Morot. Ambronische Weiber, die nach
der Niederlage der Männer von einer Wagenburg hernieder,
sich und ihr Land gegen römische Kavallerie vertheidigen und
sie zum Rüchuge zwingen. Es ist ein Bild, groß gedacht,
wie Kaulbach's Hunnenschlacht, wie die apokalyptischen Reiter
von Cornelius. Ein wildes, entsettliches Kampfgewühl unter
hellem, grauem Himmel. Ein furchtbares, erschreckendes
Durcheinander, das Herz ergreifend, den Sinn verwirrend,
wie der Vorgang selbst es thun würde, fände man sich einen
solchen plötzlich und unvorbereitet gegenüber; aber es ist so

= ZZß -
gräßlich in der Wahl der einzelnen Motive, daß man das Auge
widerwillig davon wendet und das Bild so bald nur möglich
zu vergessen sucht. Weiber von so erschreckender Häßlichkeit,
daß man meint, sie brauchten gar nicht zu kämpfen, sondern
nur zu erscheinen, damit Männer vor diesen alten Megären
mit blutunterlaufenen Augen, mit weit aufgerissenen Mäulern
schaudernd die Flucht ergreifen. Ein Weib, dem die Hand
mit scharfem Messer durchgeschnitten wird, ein Weib, das die
Hände in die Augen eines Kriegers krallt. Es ist geradezu
grauenhaft; und selbst der völlig nackte, schön gestaltete
Körper eines jüngeren Weibes, den, so viel ich mich erinnere,
im linken Vordergrunde ein Reiter an seinem Pferde mit
sich schleppt, kommt nicht auf, neben dem Graus dieses fürchter-
lichen Hexensabbaths. Wie Morot selber einmal in späteren
Jahren dieses Bild beurtheilen wird, da er nicht verfehlen
kann, ein großer Meister zu werden, das möchte ich wissen.
Diesem Bilde gegenüber steht ein anderes Bild, ebenfalls
lebensgroße Figuren von Counnere hß. Jahrs. Es war in
der Zeitung, welche den Bericht über die Ausstellung gebracht,
als ,le lion amonrenkr (der verliebte Löwes betitelt, und ich
hatte, als ich diese Worte las, darüber nachgedacht, was das
etwa sein könne. Ich war auf Franz den Ersten und Diana
von Poitiers, auf Heinrich den Vierten und Gabriele, auf
Napoleon und Josephine, und schließlich sogar auf irgend einen
zeitgenössischen Stutzer mit seiner Schönen verfallen. Mich
dann in der Ausstellung von der Ambronenschlacht nach dem
verliebten Löwen wendend, stand ich da und traute meinen
Augen nicht.
Der verliebte Löwe ist kein Mensch. Er ist eine wirkliche
langmähnige Bestie und nichts weiter. Inmitten eines Tribus
von mir unbekannter Race - die Leute sehen wie Ungarn,
Slovaken oder so etwas aus, können aber vielleicht Hindus
S. Lewald, Reisebriefe.

=- ZI -
sein - liegt, umstanden von verschiedenen bekleideten, halb-
bekleideten und unbekleideten Personen verschiedenen Geschlechts,
auf einem Felsstück im Hintergrunde ein großer Löwe, der
ein ihm zulächelndes nacktes, schönes Mädchen zärtlich angrinst,
während ein Mann ihm die Krallen beschneidet. Gemalt is
das Alles sehr schön. Was es bedeuten soll, ist mir unver-
ständlich geblieben, und Alle, die ich darum befragt, ob sich
das auf eine Fabel, auf eine Sage, auf eine Dichtung bezieht,
haben nicht mehr davon gewußt als ich. Aber Herr Counnere
zeigt, daß er sowohl Menschen als Thiere zu malen versteht,
und darauf allein kommt es ja in seinem Falle an.
Die beiden andern ausgestellten Proben, eine friesartig-
dekorativ gehaltene Skizze von Besnard Gs. Jahr, der Einzug
Franz des Ersten in Bologna und eine in Königskleidern er-
scheinende heilige Elisabeth von Ungarn, einen nackten, ver-
wundeten Greis in ihrem Schlosse auf den Stufen ihres Thrones
verbindend, von Venker (l Jahrs haben ihr Verdienst, doch
nichts so Neberraschendes Originelles, wie die beiden erstge-
nannten Bilder.
Künstler von Fach rühmen die architektonischen Zeichnungen
und zollen den in Gyps ausgeführten Arbeiten der Bildhauer
volle Anerkennung, namentlich in der anatomischen Kenntniß.
Mich machte dagegen eine Gruppe von Hugues (. Jahrs voll-
kommen betroffen, weil sie nach meiner Meinung auch eine
vollkommene Verirrung kundgiebt. Es ist die Gruppe von
Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, wie Dante sie
dargestellt hat, und Herr Hugues hat auch die Verse Dante's:
,Kein größerer Schmerz, als sich im Elend glücklicher Tage
erinnern'', darunter gesett. Aber wie Jemand darauf verfallen
mag, Schatten, ,die wie sanfte Tauben vorüberziehen (ich
glaube, so lautet die Bezeichnung ungefährz in Gyps, und
zwar nicht etwa im Relief, was denkbar wäre, sondern in

Kapitel 21

== Zßh -
großen, schweren, aneinander hängenden Figuren darzustellen,
von denen oben ein noch die gypserne thränenweinende Francesca
nichts weniger als liebreizend erscheint, ist schwer zu verstehen.
Die Körper haben viel Naturwahrheit, ihr Zusammenhalten
ist sehr geschickt gemacht, aber schön ist die Gruppe nicht, von
soviel Talent sie auch zeugen mag.
So ist es denn beinahe, als ob die hiesigen Deutschen zu
weit gingen in dem Festhalten an dem Ausspruch ihres Dichters:
,Nur daß die Kunst gefällig sei! - und als ob die Franzosen
wirklich an das Paradoxon glaubten: ls laiä e'est ls beau!
(Das Häßliche ist das Schöne !, das unter den Romantikern
eine Zeit lang zu einer Art von Schiboleth erhoben, noch nicht
beseitigt ist. Dieses Abirren auf den Weg des Häßlichen ist
aber nicht ein bloßer Zufall. Dieses Abgehen von der Schön-
heit, wie die antiken Bildwerke und die Bilder der Perugino,
Rafael, Tizian und ihrer Nachfolger sie uns in ihren
Schöpfungen hinterlassen und in die Seele geprägt haben, ist
ein ganz bewußtes Thun, ist auf die Grundsätze einer be-
stimmten Schule zurückzuführen. Wir haben in den Aus-
stellungen der letten Jahre in Berlin davon die Beweise mehr
und mehr vor Augen gehabt, und es wäre Noth, daß man
die Betrachtungen darüber einmal zusammenfaßte und sich
fragte: Wohin kommen wir auf diesem Wege?
I-fsu= ls-ls
Einunlzualllgs=- ==ps-
Frühling in Nom.
Es ist ein großer Irrthum der vom Norden kommenden
Reisenden, wenn sie zu wissen meinen, was der Süden ist,
sofern sie denselben, wie die Mehrzahl thut, nur im Winter
kennen lernen. Man behauptet, und wahrscheinlich mit Recht,
19

=== IßF -
daß Petersburg sich im Winter am schönsten darstellt; und
es ist gewiß mit gleichem Rechte zu behaupten, daß man den
Süden nur im Sommer völlig kennen lernen kann. So
weit es Rom betrifft, muß man das späte Frühjahr dort ver-
leben, um sich zu überzeugen, wie schön Rom sein kann, wenn
die Wintermonate, der Dezember und der Januar, vorüber
sind, die sich auch hier fühlbar und geltend machen. Denn
die nordischen Bäume werfen ihr Laub in Rom sammt und
sonders wie bei uns zu Hause ab. Die Ulmen, die Rüstern, die
Platanen haben kahle Aeste. Die feineren Blumenarten machen
im Blühen einen Stilstand; und wenn schon der Fremde, der
von jenseits der Alpen nach Jtaliei kommt, sich hier mitten
im Winter auch im Süden empfindet und im Sommer zu
leben glaubt, so fühlt Derjenige, der hier eingelebt ist, den-
noch, daß es auch in Rom winterlich sein kann, und genießt den
Frühling und sein rasches, feuriges Werden mit eben so großem
Entzücken, als hätte er in der Heimath viele traurige Monate
ohne Licht und Wärme, ohne Grünen und Blühen in ,der
Straßen guetschender Enge'' zugebracht.
So oft ich im Süden den Frühling erwachen sehen, habe
ich an die heiß auflodernde, plötzlich in vollen Flammen
stehende Liebesgluth von Shakespeare's Romeo und Julia
gedacht. Ein Augenblick des scheuen Erwachens, des zurück
haltenden Zögerns, und sie ist da in aller ihrer überwältigenden
Pracht. So war es auch in diesem Jahre hier wieder mit
dem Frühling, obschon der Januar kälter gewesen ist, als ich
ihn jemals in Rom erlebt, und obschon der März uns seine
hier sprichwörtliche launenhafte Unfreundlichkeit empfindlicher
als gewöhnlich zu kosten gegeben hat.
Dafür aber ist es etwas ganz Herrliches jetzt, in den
frühen Morgenstunden einen Gang durch die Gartenanlagen
auf dem Monte Pincio zu machen, die, ganz abgesehen von

-- ZZ -
dem wundervollen Blick über Rom und bis zum Gebirge
hinaus, mir in gartenkünstlerischer Hinsicht immer als
das Vollendetste erschienen sind, was auf einem so kleinen
Raume geleistet werden kann; denn den ganzen Umkreis der
Abplattung auf dem Berge, zu welchem breite Terrassen mit
vortrefflichen Fahrwegen hinanführen, umgeht man hin-
schlendernden Schrittes in zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten.
Und auf diesem engen Raume ist eine Fahrstraße ge-
schaffen, in welcher sich allabendlich um Sonnenuntergang
Hunderte und Hunderte von Wagen in bequemer Sicherheit
zur Korsofahrt bewegen, wenn sie nicht auf dem mit prächtiger
Balustrade umgebenen Vorsprung gen Westen hin Halt
machen, um der Militärmusik zuzuhören oder der Unter-
haltung zu pflegen, wie in einem großen Gesellschaftssaale.
Die Männer steigen dann aus den dicht neben einander
stehenden Wagen und gehen zwischen denselben, mit den
Frauen plaudernd, hin und wieder, während man von Wagen
zu Wagen sich gleichfalls unterhält. So lange das jeweilige
Musikstück dauert, kann kein Wagen sich von seinem Platze
rühren. In den Pausen erst wird eine Bewegung möglich,
die aus Gewohnheit und Nothwendigkeit die regelmäßige
Straße einhält, und nebenher von Polizeibeamten innerhalb
derselben festgehalten, ohne jede Störung, ohne das bei uns
nur zu übliche Zanken und Schreien der Kutscher, anmuthig
von Statten geht.
Neben den Fahrwegen die schattigsten Alleen, die lauschigsten
Bosquets. Springbrunnen steigen aus weiten, schön verzierten
Becken in die Höhe; Quellen, an denen zahllose Vögel zur
Tränke kommen, rieseln durch den üppig grünen Rasen.
Unter Bäumen fast verborgen eine Turnhalle für die männ-
kKnArraM

==- ZZF -==
Büsten der berühmtesten Römer und Jtaliener, von Scipio
abwärts oder hinauf, bis zu den Helden und Dichtern,
Denkern, Künstlern und Staatsmännern unserer Tage, auf
daß die Namen ihrer großen Männer der Jugend früh ge-
läufig werden. Marmorsitze, schöne eiserne Bänke überall! =
Und das Alles verschönt durch eine Blumen- und Blüthenfülle,
deren Duft etwas Berauschendes hat. Rosen, Levkoyen,
Goldregen, spanischer Flieder, Rhododendron, Kamelien,
Azaleen, wohin das Auge sieht. Hoch von den Gipfeln der
Pinien, der Cedern, der Araukas und anderer mir dem
Namen nach unbekannter Bäume, hängen die traubenartigen
lila Blüthen der Glyzinien, der weißen, gelben, rothen
Kletterrosen hernieder, die sich emporgerankt bis zu des Baumes
höchster Spitze. Vergißmeinnicht blühen an dem Rand der
Wasser. Ganze Massen von schönkelchiger weißer Calla heben
ihre Stengel aus den Wasserbecken und Grotten zwischen dem
feinen braunstengligen Grün des Venushaars hervor. Gelbe
Butterblumen glänzen uns dazwischen heimathlich entgegen.
Die weißen Akazien, die rothen Judasbäume, die Kastanien,
die Mandeln, der Kirschbaum und der Apfelbaum stehen in
voller Blüthe. Die Knospen der Orangenbäume fangen sich
zu öffnen an und erfüllen mit ihrem Dufte den ganzen
Raum. Schlanke Schwarzdrosseln hüpfen über den Rasen,
die Schmetterlinge gaukeln durch die Luft, und rasch und
flüchtig schlüpft die leichtbewegliche Lacerte aus dem Tufstein
an den Quellen hervor und über die Mamorbank hinweg,
daß unser Auge ihrem zierlichen Erscheinen und Verschwinden
kaum folgen kann.
Morgens aber, wenn kein Wagengerassel und keine Musik
die Stille unterbrechen, wenn Nichts vernehmbar ist als der
helle Vogelgesang und das Rauschen und Rieseln und Plät-
schern der Wasser, dann erst ist der Pincio schön. Alles

=== IH -=
leuchtet in dem frischen Thau der Nacht. Das Somnenlicht
huscht mit den Lacerten um die Wette über den Boden, wenn
ber Windhauch, der vom Meere oder aus den Bergen kommt,
die Zweige der Bäume bewegt. Nur vereinzelt begegnet mnan
einem Spaziergänger, und ab und zu sieht man Jemand, in
sein Buch vertieft, auf einer der beschatteten Marmorbänke
sitzen. Langsam dahinwallend blickt man die Marmorbüsten
Michelangelo's und Andrea Doria's, Petrarca's, Leopardis,
Tasso's, Tizian's, Giobertis, Giustis, Garibaldi's und
Mazzini's an, und blickt hinüber zu der Peterskirche und
hinaus nach dem Monte Mario, nach der verfallenen Villa
Madama, nach dem Kloster von Santa Maria del Rosaria,
nach der Aqua Paolo und weit fort nach der anderen Seite
hin in das Gebirge, wo die Lionessa und der Sorakte hervor-
ragen aus den sanften Höhenzügen. Ach! mich dünkt, nirgend
auf der Welt läßt es sich so köstlich sinnen und träumen als
auf dieser Höhe, nirgend empfindet man Glück und Leid so
in sich selbst verklärt wie hier! An manchem lieben Morgen
bin ich Ferdinand Gregorovius, meinem Landsmann und
alten Freunde, da oben begegnet, der sein Rom auch so für
sich allein genießen wollte; das Rom, zu dessen großen Ge-
schichtsschreibern und zu dessen Ehrenbürgern der tiefsinnige,
immer noch schöne Mann gehört.
Wird es dann acht Uhr am Morgen, so kommen die
Schüler der Propaganda zum Vorschein, ihren Spaziergang
zu machen. Die Schweizer in den feuerfarbenen Soutanen,
die Deutschen schwarz mit feuerrothen Paspoilen, die Schotten
und Engländer schwarz und violett gekleidet. Dann geht
einmal ein Bischof, mit grünem Güürtel und grünen Quasten
auf dem Hute, ein Monsignor in Violetttracht durch die
t NraA

Is -
Somnenlichte und in der offenen Natur. = Noch ein wenig
später erscheinen die Klassen der weltlichen Schulen. Sie
sammeln sich auf dem Platze vor der Kirche von Trinita di
Monte, treiben um den alten Obelisken ihre Spiele, ver-
muthlich in einer Zwischenstunde; und kehrt man dann von
dem offenen Platze in die Via Sistina zurück, so rührt zu beiden
Seiten der Straße das Kunsthandwerk die fleißigen Hände.
Fast Haus bei Haus ist eine Werkstatt im Erdgeschoß
zu finden. Mosaik- und Bronzearbeiter, Rahmenfabrikanten,
Gemmenschneider, Gypswaarenarbeiter, Marmorare, Kunst-
tischler, Elfenbeinschnitzer u. s. w. u. s. w.
Ich glaube kein Ort auf der Welt ist so sehr wie Rom
dazu geeignet, Kunstbetrachtungen im großen Ganzen und
daneben in allen und üüber alle Theile der Kunst bis in das
kleinste Kunsthandwerk erfolgreich anzustellen. Denn hier i
seit Jahrtausenden zusammengehäuft worden, was die ver-
schiedenen Zeiten und Völker an Kunstwerken hervorgebracht.
Hieher hat man die bedeutendsten Künsiler in den Tagen
ihrer höchsten Meisterschaft berufen; und gerade durch den
Anblick desjenigen, was diese Meister in Rom geschaffen haben,
und all' jenes Anderen, was man in den Tagen der großen
päpstlichen Macht, durch diese Macht und ihre gewaltigen
Mittel in Rom, als in dem Mittelpunkt der damaligen Welt,
ansammeln konnte, haben sich hier jene Fertigkeit und Ge-
schicklichkeit in der Kunst und im Kunsthandwerk herausgebildet,
die uns auf Schritt und Tritt entgegentreten, ja die uns über-
raschen, wenn wir in unseren bescheidenen Zimmern zu den
in der Regel mit allerlei zierlichem Bilderwerk bemalten Decken
in die Höhe blicken. Denn auch diese arabeskenhaften Zimmer-
malereien, die in Deutschland erst seit Kurzem sichtbar zu
werden beginnen, sind in Rom ganz unwerkennbar auf die
uralten Vorbilder zurückzuführen.

= I? -
Ach! es ist etwas Schönes und Großes für den Menschen,
unter einem sonnigen Himmel, in einer schönen Natur, in
einem milden Klima, in einem alten Kulturlande geboren zu
werden und als ein Angestammtes in das Leben mit hinein
zu bringen, was wir Anderen uns erst mühsam anzueignen
haben! Tüchtig, kräftig, beharrlich macht diese Anstrengung
uns freilich, und ich bin gewiß die Letzte, die ihres Vater-
landes und ihres Volkes Eigenschaften unterschätzt; aber schön
ist die Anmuth in dem Wesen der Südländer, der Romanen,
dieser Jtaliener, die man mit Wenigem befriedigt, und deren
freundliche, förmvoll' höfliche Weise im täglichen Verkehr für
uns, die wir sie nicht gewohnt sind, eben so wohlthuend als
bestechend ist. Man macht darüber oft sehr artige Er-
fahrungen.
So war ich neulich einmal genöthigt, einer Arbeiterin
eine eigens für mich bestellte Arbeit zurückzugeben. Ich that
es mit einer Entschuldigung, denn sie hatte sie ganz neu zu
machen, und ich hatte mich darauf gefaßt gehalten, sie höher,
wenn nicht doppelt bezahlen zu müssen. Am anderen Tage
brachte sie mir die neue Arbeit. Als ich sie um den Preis
befragte, nannte sie einfach die fünf Lire, die sie für dieselbe
gefordert hatte. - ,Aber Sie haben die Arbeit zweimal
machen müssen und können die erste schwerlich verwerthen!
bemerkte ich. - ,Es war meine Schuld, daß ich sie ver-
paßte!r entgegnete das Mädchen. Ich dankte ihm. ,Oh!
Sie haben nicht zu danken; aber es macht mir Vergnügen,
Sie jetzt zufrieden gestellt zu haben!'' gab sie mir zur Ant-
wort und war voll freundlichen Dankes, als ich ihr unauf-
gefordert eine Kleinigkeit vergütete. -
Und ich bin durchaus nicht die Einzige, die mit römischen
Arbeitern und Arbeiterinnen so angenehme Erfahrungen ge-
macht hat. Alle meine Bekannten waren ihres Lobes voll.

Kapitel 22

== Zßs -
Es ist ein gutes, ein liebenswürdiges Volk, mit dem man's
hier zu thun hat.
»-us M
?
Zmeiunlzuantzh= os-
Ein Amerikaner über die Vegabung der Staliener.
Rom, Ende April 187.
Wie freundlich der Zufall uns oft in die Hände arbeitet!
Heute, da ich dies Papier zur Hand nehme und in ihm das
Lob italienischer Kunstgeschicklichkeit und Höflichkeit in den zu-
letzt von mir geschriebenen Zeilen wieder lese, wird das Werk
des Amerikaners Draper über die ,Geschichte der geistigan
Entwickelung Europa's? mir von Freunden mitgetheilt. An
dem zusammenfassenden Schlusse dieses Werkes finde ich ein
Kapitel, welches die Bedeutung Jtaliens und der Jtaliener
in einer Weise anerkennt, wie ich sie nie zuvor habe geltend
machen hören.
Der Verfasser sagt: ,An dem wissenschaftlichen Fort-
schritt, unter dessen Triumphen wir leben, sind alle Nationen
Europa's betheiligt gewesen. Einige beanspruchen mit einem
verzeihlichen Stolze den Ruhm, vorangegangen zu sein. Allein
vielleicht würde jede von ihnen, wenn sie das Land und die
Nation bezeichnen müßte, welche den Ehrenplatz einnehmen
sollten, Jtalien auf ihren Wahlzettel schreiben. In Jtalien
wurde Columbus geboren; in Venedig wurden Zeitungen
zuerst herausgegeben. In Jtalien wurden zuerst die Gesetze
vom Fall der Körper zur Erde und vom Gleichgewicht der
Flüssigkeiten durch Galileo bestimmt. Im Dom von Pisa ver-
folgte dieser berühmte Philosoph das Schwingen des Kandelabers
und verließ, beobachtend, daß seine Schwingungen, groß und

=- Iß
klein, in gleichen Zeiten gemacht wurden, das Gotteshaus,
ohne seine Gebete gesprochen zu haben, nachdem er die Pendel-
uhr erfunden hatte. Den venetianischen Senatoren zeigte er
zuerst die Trabanten des Jupiter, die Halbmondform der
Venus, und im Garten des Kardinals Bandini die Flecken
auf der Sonne. In Jtalien erfand Sanctorio das Thermo-
meter, konstruirte Torricelli das Barometer und bewies den
Druck der Luft. Dort war es, wo Castelli den Grund der
Hydraulik legte und die Gesetze des Fließens des Wassers
entdeckte. Dort auch wurde das erste christliche astronomische
Observatorium errichtet, und dort zählte Stancari die Zahl
der Schwingungen einer musikalische Töne aussendenden Saite.
In Jtalien entdeckte Grimaldi die Beugung des Lichts, und
die Florentiner Akademiker zeigten, daß dunkle Wärme durch
Spiegel mitten durch den Raum zurückgeworfen werde. In
unserer Zeit lieferte Melloni das Mittel zu beweisen, daß sie
polarisirt werden kann. Die ersten philosophischen Gesell-
schaften waren die italienischen, der erste botanische Garten
wurde in Pisa errichtet, die erste Klassifikation der Pflanzen
von Cäsalpinus gegeben. Das erste geologische Museum
wurde in Verona gegrüündet: die Ersten, welche das Studium
fossiler Neberreste betrieben, waren Leonardo da Vinci und
Fracaster. Die großen chemischen Entdeckungen dieses Jahr-
hunderts wurden durch Instrumente gemacht, welche die Namen
Galvani's und Volta's tragen. Und warum brauche ich allein
von der Wissenschaft zu reden? Wer will jenem berühmten
Volke die Palme der Musik, der Malerei, der Skulptur und
Architektur bestreiten? Die dunkle Wolke, welche tausend Jahre
lang über jener schönen Halbinsel gehangen hat, ist mit
Strahlen von Licht gesäumt. Es giebt kein Gebiet mensch-
lichen Wissens, auf welchem Jtalien nicht Ruhm geerntet,
keine Kunst, in welcher es sich nicht bewährt hätte!r

===- Zlß -
Mag man nun dieser Anerkennung Jtaliens mit Recht
die große Arbeit und den großen Antheil gegenüüberstellen,
welche die anderen Völker sür die Fortbildung der Menschheit
geleistet und gehabt haben, immer wird es auch dem ober-
flächlichen Beobachter in Rom bei jedem Ausgang und bei
jedem Anlaß merkbar, daß er sich auf einer der ältesten Kultur-
stätten von Europa befindet, und man kann sich kaum erwehren,
den Zusammenhang der vergangenen Zeit und ihrer Kunst-
leistungen mit denen in unseren Tagen zu vergleichen.
Irre ich nicht, so sind neben den Spuren von Malerei,
welche sich in den Gräbern in der Campagna finden, die
Wandmalereien in der Villa der Livia bei Prima Porta die
ältesten in Rom. Vor eilf Jahren noch war es gewissermaßen
ein Kunststück sie zu sehen, denn der Aufseher war Sakristan an
einer im Korso gelegenen Kirche. Kam man nach dieser Kiche,
so erfuhr man, daß er ,draußen'' sei. Kam man hinaus, so
erhielt man die Nachricht, daß er heute ausnahmsweise früh
in die Stadt zurückgekehrt sei; und eine bestimmte Verabredung
einzuhalten, erlaubten ihm seine kirchlichen Funktionen bisweilen
nicht. Man mußte ein Sonntagskind sein, um damals die
glückliche Stunde zu treffen.
Jetzt ist der Weg zu dem kleinen, kahlen Hügel, auf, oder
richtiger, in welchem die Villa liegt, bequem zugänglich gemacht,
und man steigt auf einer gut gehaltenen Treppe in die
gewölbten, aber weder großen noch hohen Zimmer hinab. Die
Farben in dem größten der Räume sind vollkommen erhalten.
Die Malereien stellen rund um das Zimmer ein Gartengehege
dar. Sein vergoldetes Gitter zieht sich gut gemalt etwa drei
Fuß hoch am Boden hin. So wird es also in den kaiserlichen
Gärten ausgesehen haben. Unter blauem Himmel ist ein
dichter Baumwuchs dargestellt: Laub- und Nadelholz, Frucht-
bäume und Buschwerk in enger Verbindung. Pinien, Palmen,

-- Zß -==-
Orangen- und Granatbäume mischen sich untereinander. Die
reifen Früchte hängen im Gezweige und eine Menge von
Vögeln, Goldammern, Wiedehopfe, Eisvögel a. fliegen umher
oder sitten in dem Dickicht. Alles ist mit großer Naturtreue
wiedergegeben, und ein ganz entschiedenes Geschick ist in der
Arbeit nicht zu verkennen, die vielleicht nur in einem Zimmer
für untergeordnete Zwecke angewendet worden ist, denn nach
einem Prachtgemache sieht der Raum nicht aus.
Ganz dasselbe gilt von den Zimmern in dem sogenannten
Hause der Livia mitten in den Trümmern der Kaiserpaläste.
Die Räume sind auch nur klein, und es ist ja völlig unmöglich
zu bestimmen, wer sie bewohnt, welchen Zwecken sie gedient
haben, ob man die Zimmer einer sürstlichen Frau oder die
einer Dienenden in denselben vor sich hat. Wenn man die
Fülle und die Verschiedenfarbigkeit des Marmors in Betracht
zieht, dessen Bruchstücke man in den alten Bauwerken findet,
so kann man es sich kaum anders vorstellen, als das die von
den Reichen und Vornehmen bewohnten Gemächer ihre Wand-
zierde nicht in al kresoo gemalten Mauern, sondern in Marmor-
mosaiken mit Marmorreliefs und Hautreliefs gehabt haben
müssen, wie man sie z. B. in dem großen Saale der Villa Albani
antrifft. So oft ich denselben besucht, hatsich mir der Gedanke
aufgedrängt: so müssen die Säle in den Kaiserpalästen einst
ausgesehen haben. Diese Wände von blaßgrauem, schön
geadertem Marmor, diese Abtheilungen durch weiße Marmor-
einlagen, auf deren Grunde sich die schönsten Mosaiken in gietra
eura, Blumengewinde, Thierbildungen, Arabesken in einander
verschlungen emporranken; diese herrlichen Bildhauerarbeiten,
die, der Architektur völlig untergeordnet und einverleibt, nur
als Unterbrechung der Flächen erscheinen, diese Goldbronze in
den Höhlungen und Wölbungen des Deckenansates, in denen
auch wieder das marmorne Gebild sich einfügt - so, von solcher

=- Z0! --
aus dem edelsten Material zusammengesetzten Schönheit ausge-
stattet, habe ich mir die Kaiserpaläste immer vorgestellt. Was ich
dann in dem Museo Borbonico, in den Häusern in Pompeji
und in den Titusthermen von Wandmalereien gesehen, das
hat mich immer in der Vermuthung bestärkt, daß der Ausschmuck
mit Wandmalerei sich zu dem Schmuck der Paläste verhalten
haben werde, wie in unseren Tagen die Tapeten der Bürger-
häuser zu den Damast- und Sammetbekleidungen der Wände
in den Häusern der Reichen und der Fürsten. Aber meine
Bewunderung für jene Leistungen in der Wandmalerei, die
uns erhalten geblieben sind, ist dadurch nur gestiegen.
Auch die drei Zimmer in dem sogenannten Hause der
Livia sind, wie ich vorhin bemerkte, nicht geräumig; der Maler
hat es jedoch verstanden, sie für die Phantasie dadurch aus-
zuweiten, daß er die mythologischen Scenen, mit denen er sie
geschmückt, als außerhalb des Zimmers vor sich gehend, dargestellt
hat. Ein schön verziertes Paneel schließt sich dem Fußboden
an. Neber demselben bilden die gemalten Pilaster freie Aus-
blicke wie durch weit geöffnete Thüren, und durch diese sieht
man in die Landschaft hinaus, in welcher die Mythen von
Polyphem und Galathea, von Argos und Jo uns vorgeführt
werden.
Das lettere Gemälde, um ein Viertel höher als breit,
ist am besten erhalten. Ein Felsblock, vor dem auf einer
mächtigen Säule sich die bekleidete Statue der Göttin erhebt,
nimmt die Mitte des Bildes ein. Jo, eine volle, jugendlich
schlanke Gestalt, ist sitzend an die Säule gefesselt. Ein dunkles
Gewand, das sie mit der rechten Hand über der Brust zus
sammenfaßt, läßt nur die linke Seite des Oberkörpers und
den entblößten linken Arm frei. Etwas hinter den Felsblock
zurückgetreten, hält Argos stehenden Fußes, einen Stab oder
einen Speer in der Rechten, das Auge fest auf die Gefangene

=- Z0Z --
gerichtet, seine Wacht; während in der entgegengesetzen Seite
des Bildes der den Fels raschen Schrittes emporsteigende
Gott sich der Gefangenen nähert. Er ist schlank, langbeinig
und nervig wie der Borghesische Fechter, wie der schöne Pro-
metheus der Galerie Torlonia; und diese Langgliederigkeit
giebt der Gestalt eine große Leichtigkeit in der raschen Bewegung.
Der Körper des Argos ist völlig nackt, wie der des Mercur.
Nur daß dieser die Chlamys über den linken Unterarm und
die Hand geworfen hat, so daß sie das Schwert zum Theil
verdeckt. Nur die Lanze trägt er frei und offen. Argos und
Jo werden ihn gleichzeitig gewahr. Die Hand auf das Gestein
stützend, den Fuß vorwärts gesett, wie Einer, der sich, von
einem Unerwarteten betroffen, schnell erheben will, wendet sie
das schwarzlockige Haupt mit weit geöffneten Augen dem nahen-
den Gott zu, nicht wissend, was ihr sein Erscheinen zu bedeuten
habe. - Die Bildung und der Ausdruck der drei Köpfe sind
ungewöhnlich schön und sprechend, die Gestalten edel, voller
Bewegung und von einer Richtigkeit der Zeichnung, die eine
vollkommene Meisterschaft verräth. Auch die Farben in diesem
Bilde sind noch schön, was bei den anderen nicht mehr in
dem gleichen Grade der Fall ist.
Neber dieser Darstellung zieht sich eine Art von Fries
rund um das Gemach zwischen den kannelirten Säulen hin,
welche die Rahmen für die mythologischen Bilder abgeben.
Schwere Blumen- und Fruchtguirlanden, in deren Mitte ges
hörnte Satyrmasken, Gartengeräthschaften, Reisegeräthschaften
niederhängen, reichen von Säule zu Säule. Hinter den
Säulen, auf gelbem Grunde, landschaftliche Schilderungen;
Ansichten von Städten, in denen Menschen umhergehen, Tempel
in Trümmern, Triumphbogen, Gebäude aller Art. Darüber
noch einmal buntes Arabeskenwesen: Pfauen, Greife und
derlei. Die Darstellungen bilden kein in sich fest bedingtes

- Zg -=-
organisches Ganzes, aber ein hübsch gegliedertes Neben- und
Durcheinander.
Soviel ich an Ort und Stelle und auf den sehr undeut-
lichen Photographien des Frieses, der sehr gelitten hat, er-
kennen konnte, kommt in den landschaftlichen Bildern kaum
ein Baum vor; und das fiel mir auf, weil Bäume auch in
den pompejanischen Wandgemälden, wie ich glaube, selten
vorkommen. Sie geben Luft und Erde und Meer und
Architektur, und vor Allem den Menschen mit den Dingen,
mit welchen er zu thun hat, in vollkommenster Naturwahrheit
wieder. Sie malen den Weinstock und die an Geländen nieder-
hängenden Trauben, welche Knaben oder Genien brechen und
zur Kelter bringen, aber für den Wald oder auch für dsn
einzelnen Baum geben sie uns immer nur einen oder ein
paar Stämme mit ein paar kaum belaubten Zweigen, mit
leicht zu zählenden Blättern, so daß man es wirklich nur für
das Symbol eines Baumes gelten lassen kann.
Dagegen sind in dem Hause der Livia in dem als
Speisesaal bezeichneten Zimmer Glasgefäße eigenthümlicher
Form, mit Früchten angefüllt, sehr gut erhalten und gemalt;
und überall ist die Eintheilung und Benutzung der Fläche
so geschickt gemacht, daß sie das Auge angenehm beschäftigt.
Dieser nämliche gute Geschmack, oder dies Gefühl für die
richtige Vertheilung und Benutung der Wände, setzt sich durch
die Jahrhunderte fort. Von den Loggien und Stanzen des
Vatikans, durch die Paläste der Fürsten, durch die Villen in
der Campagna, bis in die Speisesäle der Gasthäuser und bis
in die Deckenverzierungen meiner Stuben kann ich das ver-
folgen.
Für uns, die wir gewöhnt sind, uns in Zimmern zu
bewegen, deren Wände von oben bis unten mit meist häßlichen,
halbweg geometrischen Linien, mit den sich wiederholenden

ure
= ZH -
Figuren und Schnörkeln der Tapeten bedeckt sind, von denen
man in gesunden Tagen beleidigt wird und in kranken Tagen
zu leiden hat, wenn das Auge in fiebernder Hast die ewigen
Wiederholungen zu zählen unternimmt, während es an den
kahlen Decken haltlos hin und wieder irrt, für uns hat es
etwas das Auge Erquickendes, innerhalb der Zimmer nicht
nur durch angehängten, sondern durch einen Bildschmuck ge-
fesselt zu werden, der dem Raume eignet.
Es hat mir, ja wie soll ich's nennen? es hat mir ein
Gefühl von geistiger Vornehmheit gegeben, so oft ich im Laufe
dieses Winters in den Sälen des Palazzo Costagutti an der
Piazza della Tartaruga der Gast einer deutschen Familie ge-
wesen bin, die, im Sommer auf ihren Gütern in der Heimath
lebend, sich in Rom in dem Palazzo Costagutti eine feste
Heimath für den Winter eingerichtet hat. Es waren aber
nicht die schweren dunkelrothen und kornblauen Seidenstoffe,
welche die Wände bedeckten, sondern die großen Deckengemälde
von Domenichino und Guercino, die mir jenen Eindruck
machten. Das erste dieser Bilder hatte für mich einen wahrhaft
bannenden Zauber.
Im weiten Blau eines lichten Aethers zieht der gold-
gelockte Sonnengott, den Purpurmantel auf den Schultern,
von seinem Wagen seine Rosse lenkend, achtlos der Erde, über
sie hinweg. Aber unter der von ihm durchmessenen Bahn
schwebt eine Frauengestalt, von weißen Schleiern theilweise
verhüllt, die, von einer Greisesgestalt verfolgt, eben von ihr
ergriffen wird. Das dunkle Gewand, die nächtlichen Flügel
und seine andern Attribute kennzeichnen den Gott der Zeit.
Er hält die verhüllte Wahrheit in ihrem entschwindenden
Fluge auf. Mit fester nerviger Hand hat er sie erfaßt, und
mit raschem Griffe reißt er die Schleier hernieder, die ihre
strahlende Schönheit verhüllen, während sie das leuchtende
S. Le wald, Reiiebriefe.

===- ZßZ -
Haupt zum Himmel emporhebt, dessen sonnige Klarheit sie im
Widerschein erglänzen macht. Einen schöneren Frauenkörper,
ein klareres Menschenantlitz habe ich nicht gesehen; und so
oft ich in dem Saale meine Augen zu dem schönen Decken
gemälde emporgehoben, habe ich mich der sinnenden Frage
nicht entschlagen können, welche Erlebnisse oder Ereignisse es
gewesen sein mögen, die den Besitzer des Palastes veranlaßt
haben, eben diesen allegorischen Vorgang an der Decke seines
Saales zur Ausführung bringen zu lassen? =- Man malt,
wie Guercino in dem Nebensaale, wohl eine schöne Armida
und einen Rinald aus freiem Antrieb, wenn man einen Saal
zu schmücken hat; aber jene Allegorie muß, wie ich glaube,
einen bestimmten Zusammenhang mit der Geschichte des Hauses
und seiner Besitzer haben, und ich bin nicht müde geworden,
darüber nachzudenken.
Mehr oder weniger schöne Deckengemälde finden sich in
allen diesen italienischen Palästen; und auch in den Schlössern
auf dem Lande begegnet man der Wandmalerei. Als wir im
Anfang des April einmal zu Wagen eine Landfahrt durch
das Albaner-Gebirge über Albano, Arricia, Genzano, Castel
Gandolfo, Grotta Ferrata, Marino machten, nahmen wir in
Albano unsern Mittag in dem ehemaligen kleinen Palazo
Feoli ein, in welchem im Jahre 186?, zur Zeit der in Albano
grauenhaft herrschenden Cholera-Epidemie, die Königin-Mutter
von Neapel mit ihren beiden Kindern der Seuche zum Opfer
gefallen war.
Jetzt ist dieser Palast in das sehr wohlgehaltene LBtsl
ds Euris verwandelt, dessen große Säle im Sommer einen
sehr angenehmen Aufenthalt bieten müssen. Aber eben diese
großen Säle sind vortrefflich gemalt. Große römische Archi-
tektur, wie z. B. die Fontana Trevi; Ansichten von anderen
Städten und Gegenden bedecken die Wände, und daneben sind

= Z(? -
über den Paneelen, in den Friesen, in den Fensterbrüstungen,
überall wieder diese Arabesken zu finden, die, aus dem tiefen
Alterthum kommend, mich auch in meinen Stuben in Rom
erheitern. Es hat etwas sehr Anmuthendes, dem Spiel der
Phantasie zu folgen, das aus den Kelchen der Blume sich
einen hübschen Frauenleib entstehen macht, das Genien auf
schwanken Säulchen sich behaupten läßt, das die kleinen
Seepferdchen durch die Fluthen führt und sich in ein Getändel
von Linien verliert, die nichts Bestimmtes mehr bedeuten
und doch unserem Auge wohlthun und es an sich fesseln.
Dazwischen finden sich denn in den neuern römischen Häusern
neben den herkömmlichen pompejanischen und altrömischen
Gestalten von Menschen, Nymphen, Meermännern und Meer-
weibern, jetzt vielfach landschaftliche, durchaus nicht schlecht
gemachte Schilderungen; und so groß ist in diesen Südländern
das Bedürfniß nach Farbe und nach festgestalteter anschaubarer
Form, daß ich selbst in den schlechtesten Miethswohnungen,
zwischen dem Gebälk der Decke, die Räume mit Violinen und
Tambourins, mit Köcher und Bogen, mit Blumen und
Früchten, mit Vasen und Krügen in ziemlich wahllosem
Durcheinander bemalt gefunden habe.
Ess ist dies Malenkönnen eine uralte, dem Volke fast
zur Natur gewordene Technik, und gerade deshalb ist es mir
aufgefallen, daß nach bestimmten Seiten hin die Industrie
keinen Vortheil von dieser Geschicklichkeit der Eingeborenen zu
machen weiß. So konnte ich z. B. zur Weihnachtszeit, als
ich ein paar Kleinigkeiten nach Deutschland zu senden wünschte,
nicht einen Bilderbogen mit römischen oder italienischen Land-
schaften, mit Scenen aus dem römischen und italienischen
Volksleben, ja nicht einmal in Jtalien gemachte Bilderbogen
mit italienischen Soldaten in den Läden finden. Dafür gab
es billige kleine Hefte mit photographirten Ansichten und eben
B

Kapitel 23

==- Zs -
solche mit italienischen kolorirten Volkstrachten, die man eben
nur noch in der Photographie und in der Malerei zu sehen
bekommt. Es wäre schade, wenn auf diese Weise die Maschine
und die Chemie am Ende dem Geschick der Menschenhand
seine Fäihigkeit raubten. Aber ein Werkführer aus einer unserer
Bilderbogenfabriken könnte, wie ich glaube, in Rom bald
geschickte Hände finden und wahrscheinlich auch vortreffliche
Geschäfte machen.
»-fsu= N
Ireiunlzwazg=- ==s-
»-iss
Die Antiken-Galerie des Hürten Rlerander Torlonio
Rom, . April 17s.
,Mit Rom wird man nicht fertig, wenn man auch noch
so lange dort lebt und seine Zeit noch so fleißig benutzt, es
kennen zu lernen!' pflegte unser Freund, der jetzige deutsche
Gesandte in Washington, Freiherr Kurd von Schlözer, zu
sagen, als er noch Legationsrath und in Rom war, das er
liebte, und verstand, wie es geliebt und verstanden zu werden
verdient.
Die Erkenntniß dieser Wahrheit und das natürliche Ge-
fühl, sich vor dem Nichtzuüberwältigenden zu bescheiden, haben
mich, so oft und so lange ich das Glück gehabt habe, in Rom
zu verweilen, immer sehr ruhig im Genießen desjenigen gee
macht, was die ewige Stadt einem gebildeten Menschen zu
bieten hat. Gegenüber der jetzt möglich und üblich gewordenen
Hast, mit welcher man die Welt durchjagt und mit welcher
die Leute Rom in vier Wochen, oder gar in zehn und vierzehn
Tagen ,absolviren'', habe ich mir manchmal mit Verwunderung
eingestehen müssen, daß diese unermüdlichen Beseher, die das

==- Z0ß -
Besehen wie jeden anderen Sport als Kraftäußerung betreiben,
mitunter in ihren wenigen Tagen Vielerlei abgethan hatten,
was mir im Laufe der drei Winter, welche ich in Rom ver-
lebt hatte, fremd und unbekannt geblieben war. Wenn sie
mir von der oder jener, nur an einem Tage in jedem Jahre
geöffneten Kirche, von der oder jener neuen Ausgrabung als
von einem Höchsten, Wundervollsten, berichteten, so habe ich
ihnen immer ruhig zugehört und mir gesagt: so viele Jahr-
hunderte waren vor mir, so viele werden nach mir sein. In
der Endlichkeit und der Beschränktheit, die unser Loos ist, ist
Beschränkung und Ergründung dessen, was uns eben genehm
und werth ist, sicherlich das Fruchtbringendste für die innere
Befriedigung; und es hat mich dann niemals angefochten,
wenn ich von einem Kunstwerk, einer Kirche u. s. w. einzu-
räumen hatte, daß ich sie nie gesehen. Ich hatte dabei ein
ganz ruhiges Gewissen. Ich hatte auf meine Weise mein Theil
von Rom gehabt und ich hielt mich an das Wort von Goethe:
Sehe Jeder, wie er's treibe!
Heute aber befinde ich mich einmal in dem Falle, den
zahlreichen Rom-Besuchern unter meinen Lesern die Frage vor-
legen zu können: ,Haben Sie das Museum Torlonia in
Trastevere gesehen?? Und ich glaube, es werden nicht Viele
sein, die diese Frage bejahen können, denn Fürst Alexgnder
Torlonia, der als gegenwärtiger Besitzer der Villa Albani
diese letztere nach altem Herkommen allwöchentlich einmal den
Besuchen des Publikums öffnet, hält die andere noch bedeutend
größere Sammlung von Antiken, die er besitzt, ganz und
gar verschlossen. Sie ist der großen Menge der Fremden
nicht zugänglich. Selbst von den Einheimischen haben nur
wenige sie gesehen und es bedarf immer einer ganz beson-
IF- vwe == e - =--

-- Z ß -
Von allen meinen diesjährigen römischen Bekannten war
Niemand in die Galerie gekommen, und doch hatte ich im
Laufe der Jahre ab und zu von den in dem Museum Tor
lonia befindlichen Kunstwerken mit großer Bewunderung
sprechen hören. Aber da wir Menschen alle mehr oder minder
geneigt sind, das, was wir vor Andern voraus haben, zu
überschätzen, so hatte ich mir gesagt: was kann denn neben den
Sammlungen des Vatikans, des Kapitols, der Villa Borghese,
der Villa Albani, noch so gar Bedeutendes vorhanden sein?
Und ich hatte mich dann auch wieder bereits beschieden, das
Museum Torlonia nicht zu sehen, als die Güte der dauernd
in Rom lebenden und mit dem Fürsten Torlonia befreundeten
Fürstin Caroline von Sayn - Wittgenstein mir freundlich die
Möglichkeit eröffnete, jene Sammlung wiederholt in Aller
Muße zu betrachten. Und sie ist es, nach alle dem was Rom
besitzt, im höchsten Grade werth, gesehen und womöglich von
gründlichen Kennern studirt zu werden.
Weit abgelegen von dem Mittelpunkte der Stadt, nahe bei
dem Palazzo Corsini, jenseit der Tiber, fährt man in eine
enge Gasse hinein und hält vor einer jener unscheinbaren
römischen Mauern, hinter denen sich ein Palast, ein Kloster,
eine Stellmacherwerkstatt, oder wie in dem orientalischen
Märchen von der Höhle Sesam eine Wunderwelt verbergen
kann, und in diesem Falle in der That verbirgt.
Man klopft, die schwere hölzerne Pforte thut sich auf,
man tritt in einen kleinen im Blütenduft schwimmenden
Orangengarten. Ein langes barackenartiges, wie eine große
Bildhauerwerkstatt anzusehendes Gebäude zieht sich längs dem
Hofe hin. Marmorblöcke rechts, Skulpturfragmente links!
Hier ein Stück Akanthusfries, dort ein Stück von einer
Säule. In dem Vorraum restaurirte Torsen, eine weibliche
als Diana dargestellte Portraitstatue. Der Raum so schlicht

b= ZP! -==
als möglich gegen das Innere des Gebäudes mit dunklem,
grünem Leinwandvorhang abgetheilt. Man hebt ihn auf,
und eine lange, lange Fernsicht thut sich auf, an deren Ende
man eine schöne sitzende Frauenstatue erblickt.
Man sieht sich um, und schon die höchst einfache Ein-
richtung des Museums hat etwas ganz und gar Eigenthüm-
liches und Besonderes. Nichts von Mauern, nichts von
Säulen oder irgend einer prunkenden Architektur. Vorhänge
von grüner, grober Leinwand theilen den Bau, der ein
zweckmäßiges Oberlicht hat, in lange Galerieen. Jede dieser
Galerieen ist durch eben solche Vorhänge, die derartig zurück-
gebunden sind, daß sie eben nur die Längenaussicht auf den
Anfang und das Ende der Galerie gestatten, in mäßig große,
viereckige Gemächer gesondert, und in jedem dieser Gemächer
sind in der Regel zwei große Statuen und vier kleinere, oder
zwei Statuen und vier Büsten aufgestellt. Diese Algrenzung,
diese jedesmalige Beschränkung, geben eine Ruhe, die sehr
wohlthuend wirkt und in keinem andern Museum so zu finden
ist. Das Auge wird durch Nichts beirrt, wird nicht durch
rastlos verlockende Neugier von dem Gegenstande der jedes-
maligen Betrachtung abgezogen. Einfache Stühle laden
überall zu ruhigem Verweilen ein. Jedes einzelne Kunstwerk
ist für sich selber da; jedes spricht gesondert für sich selbst zu
uns. Es ist Alles so einfach als zweckmäßig, und es ist
wohl zu verstehen, wie der Gründer dieser Sammlung gerade
auf diese Weise in ihr einen Schatz und eine Gesellschaft besitzt,
die er, so lange er lebt, nur für sich selbst genießen, an der
er seine ausschließliche, nur von Wenigen, denen er es gönnt,
getheilte Freude haben will. Man kann das, ich wiederhole
es, sehr wohl verstehen, wie sehr man auch Andern die
großen und schönen Eindrücke wünschen mag, deren man
selber in dem Museum theilhaftig geworden ist.

=- Z1? -
Die Sammlung setzt sich aus fünfhundertundsiebzehn
Stücken zusammen. Fast der vierte Theil derselbeg, nämlich
einhundertfünfzehn Stücke, und es sind die schönsten Werks
darunter, entstammen der Galerie Giustiniani, welche, wenn
ich nicht irre, schon der Vater des Fürsten Alexgnder an sieh
gebracht hatte. Dreißig Kunstwerke, unter ihnen einige der
kolossalen, durch ihre Reliefs berühmten Vasen, sind der Villa
Albani entnommen, die der Fürst Alexander Torlonia im
Jahre 1866 von der Familie Castelbarco kaufte. Verschiedene
andere Statuen und Büsten kommen aus den Sammlungen
Cavaceppi und Vitali; aber eine große, vielleicht die größere
Zahl sind neue Funde, welche durch Ausgrabungen in den
weit verbreiteten Besitzungen des Fürsten, in Porta, in der
Villa des Claudius, in der Villa der Quintilier, in der
Milla Torlonia auf der Via Nomentana ans Tageslicht ge-
fördert, oder, sofern sie auf andern Gebieten, wie in der
Villa des Hadrian oder in Roma Vecchia und an zahlreichen
andern Orten gefunden, von dem kunstliebenden Fürsten für
seine Sammlung erworben worden sind.
Alle diese Kunstwerke sind, und das wird vielleicht von
den eigentlichen strengen Archäologen bedauert werden, voll-
ständig, aber sehr geschickt und sehr gewissenhaft restaurirt.
Ein erklärender Katalog von P. E. Visconti gibt zugleich die
Fundorte an; und man geht auf diese Weise wohl geführt
aus einem der Räume in den andern, in genießendem
Erstaunen über eine Zeit, in welcher durch das ganze Land
hin, bis in die Villen und bis in die kleineren Städte,
Kunstwerke in solcher Fülle und von solcher Schönheit ver-
breitet waren, wie wir sie auch in dieser höchst merkwürdigen
Galerie in so überraschend großer Anzahl beieinander finden.
Zu dem Eigenartigsten, was mir von antiker Plastik,
soweit es den Vorwurf betrifft, überhaupt vorgekommen ist,

ZZ --
gehört der aus der Galerie Giustiniani stammende Prometheus,
ein vollendetes Werk der schönsten griechischen Zeit. Völlig
unbekleidet steht die etwas über sieben Fuß hohe, schlanke
Männergestalt auf ihrem Sockel da. Sich auf der Spitze des
einen Fußes leicht erhebend, um die natürliche Größe, das
Emporreichen zu vermehren, hat sie die beiden Arme hoch
über ihrem Haupt erhoben. Der linke, etwas gebogene
Arm hält die Fackel an ihrem unteren Ende fest gefaßt,
während der noch höher erhobene rechte Arm sie an ihrem
oberen Ende mit schöner Handbewegung stützt; und das edle,
charaktervolle Haupt zurückgebogen, blickt der Titan mit
wartendem Verlangen zu den Bereichen hinauf, von denen
er den zündenden göttlichen Funken hernieder zu führen
denkt, in die noch unvollendete Gestalt des von ihm ge-
schaffenen Menschen, der in hermenartiger Gebundenheit, ihm
kaum bis an des Schenkels Hälfte reichend, sich an seine
linke Seite anlehnt. Von welchem Standpunkt man den
feinen, schlanken und doch so kraftvollen Männerkörper auch
betrachtet, immer erscheint er in gleicher Schönheit. Die
Art, in welcher der Leib sich von den Hüften aufwärts
emporhebt, die Bildung des ganzen Rückens, der Ansatz des
Nackens und des krauslockigen Kopfes, den ein weicher, eben-
falls krauser Vollbart einschließt, sind von unvergleichlicher
Schönheit. Selbst die etwas langen Beine tragen dazu bei,
den Ausdruck des gewaltigen Emporstrebens noch zu steigern.
Jeder Muskel, jeder Nerv sind gespannt und auf das eine
Ziel, auf die Erreichung des Zweckes gerichtet, und doch ist
Nichts gewaltsam in dem Akte. Man meint, diese Gestalt,
dieser Mann brauche nur zu wollen, um sich über die Erde
emporzuschwingen, zu dem Urquell des Lichtes und des
Feuers, brauche nur zu wollen, um zu erreichen, was er be-
gehrt. Es ist kein Riese, kein Herkules, es ist eben ein

= Zh g, -
Titan. Der ganze Körper erscheint nur als die Hülle eines
göttlichen, selbstgewissen Geistes, als der Ausdruck des
mächtigsten, leidenschaftlichsten Wollens und Vermögens. Man
kann sein Auge nicht losreißen von der Gestalt; und nie
zuvor habe ich vor einem anderen antiken Bildwerk es sa
lebhaft empfunden, als vor diesem Prometheus, welches die
Elemente sind, die das vollendetste Können der fernen Ver-
gangenheit mit unserem tiefsten Erkennen und Empfinden eng
und sgmpathisch verbinden. Es ist ein erhabenes, in seiner Art
einziges Werk, abgesehen davon, daß es, so viel ich weiß
und von Unterrichteteren gehört habe, die einzige Prometheus-
Statue ist, die auf uns gekommen. In Gemmen soll ein
ähnliches Motiv vorhanden sein.
Eben so einzig in ihrer Art, wenn schon nicht griechißche,
sondern römische Arbeit aus später Zeit, ist die schöne, eben-
falls über Lebensgröße, sitende Gestalt einer Frau, unter
deren Sessel eine große Dogge gelagert ist. Nur von der
Seite sichtbar, hebt des Thieres starker Schweif an der einen
Stelle das Gewand der Ruhenden ein wenig in die Höhe,
und bringt auf diese Weise eine anmuthige Bewegung in den
sonst ganz regelmäßigen und ruhigen Faltenwurf des Kleides.
Ich glaube nicht, daß noch eine ähnliche Darstellung vor-
handen ist.
Eine Venus aus der Galerie Giustiniani, in keuschem,
leichtem Zusammenschauern; die Statue des Hortensius in
seiner Villa zu Laurentum gefunden; eine sitzende Livia als
Kaiserin thronend, das Diadem auf dem Haupte, den Schemel
unter den fein gekreuzten Füßen; der aus der Sammlung der
Caetani Ruspoli stammende, sogenannte Filosofo di Ruspoli
(eine sitzende, griechische Männergestalts sind nie zu vergessen,
wenn man sie einmal in sich aufgenommen hat. Aber
während ich mich in diesem Augenblicke erinnernd in die

- Z1J -=
Stunden zurückversetzte, die ich in den stillen, einfachen und
von der Kunst geweihten Räumen verweilen konnte, finde ich,
daß es eben unmöglich ist, in flüchtigen Skizzen, wie ich sie
Ihnen bringen kann, auch nur annähernd eine Vorstellung
von demjenigen zu geben, was man selber in dem Verlauf
von ein paar Vormittagen kaum in sich aufzunehmen
fähig war.
Die Hauptsache ist, daß durch den Kunstsinn des fürst-
lichen Sammlers in Rom eine neue höchst merkmürdige
Antiken-Galerie zusammengebracht, daß herrliche Werke der
alten Kunst für die beglückende Betrachtung der kommenden
Geschlechter aufbewahrt worden sind.
Dabei hat das Durchwandern dieses Museums mir den
Gedanken gegeben, daß vielleicht in keinem anderen, so wie
in diesem, die Mittel vorhanden wären, es nachzuweisen, wie
in den späteren Zeiten mehr und mehr das Individualisiren
nicht nur der Göttergestalten, sondern auch das Ausdrücken
des Persönlichsten in und an den Portraitstatuen zugenommen
hat, bis jener Nebergang sich vollzogen hatte, den man in
der Malerei als das historische Genre zu bezeichnen pflegte.
Selbst die herrliche Statue des Prometheus mit der neben
ihr stehenden halbfertigen Menschengestalt, vor deren Füßen
noch ein Theil des Thonklumpens sichtbar ist, aus dem ihr
Schöpfer sie geformt hat, ist wohl dieser Auffassnng ent-
sprungen.
Ein Apoll hat neben dem schlangenumwundenen Dreifuß,
den Bogen, den Greif zur Seite. Eine außerordentlich schöne
Minerva, herber und jungfräulicher im Ausdruck des feinen
Kopfes als die kapitolinische und die vatikanische, die in
Gypsabgüssen zur Vergleichung neben ihr aufgestellt sind, hat
einen volllaubigen Delbaum zu ihrer Rechten, in dem die
Eule nistet. Ist dieses Letztere nicht eine Restauration,

== Z1ß -
welche man dem ursprünglich vorhandenen Stamme des Dels
baumes aufgesett hat, so wäre diese Ausschmückung eben s
auffallend, wie der unter dem Sessel der vorhin erwähnten
Frauengestalt hingelagerte Hund. Eben so eigenthümlich ist
eine Herkulesgestalt. Sein troyig zur linken Seite erhobenes
Haupt ist mit dem Löwenfell derart bedeckt, daß die Löwenzähne
ihm einen Stirnreif gleich einer Krone bilden, während er
auf und in dem Löwenfell, das ihm über den linken Arm
herniederhängt, den Sohn trägt, der sich fest und sicher auf
ihn stütt.
Es ist eine Fülle neuer, höchst anziehender und zum
Nachdenken einladender Eindrücke, die man aus dem Museum
Torlonia mit nach Hause bringt. Aber - in zwei, duei
Tagen gehe ich fort von Rom. Meine Zeit ist mir heute
schon sehr knapp bemessen.
Wenn das Blatt in Ihre Hände kommt, habe ich Rom
bereits verlassen; und wenn ich von Rizza niederschaue auf
das blaue Meer, wird es, wie in dem italienischen Volks-
liede, auch für mich wohl heißen: eol gensiero in Koms
sto! gMit dem Gedanken bin ich in Romz, und ich kehre
auch mit meinen Mittheilungen sicher noch oftmals dorthin
zurück.

Kapitel 24

= Z? -
liernnlzuallzhgs-=- ==s-
s-K=- ssss
Eängs dem Ufer.
Nizza, im Mai 178.
Es war Mittag und heller Sonnenschein, als ich am
1. Mai den Wagen bestieg, der mich in Rom von meinem
Hotel nach dem Bahnhof bringen sollte. Am Ende der Straße
streifte das Licht den Obelisk, der auf dem Monte Pincio
oben an der spanischen Treppe aufgerichtet ist. Weil ich ihn
alle Tage gesehen hatte den ganzen Winter hindurch, siel
mir's kaum ein, daß ich ihn am nächsten Morgen nicht mehr
sehen, daß ich ihn vielleicht nie mehr wieder sehen würde. Ich
fühlte mich mit Rom so eng verwachsen, daß mir gar nicht
zu Muthe war, als ginge ich wirklich fort. Nimmt man es
doch als einen unverlierbaren Gewinn in seiner Seele für
alle Zeiten mit sich.
Der Zug war aus dem Bahnhof hinausgefahren, die
Freunde, die mich geleitet hatten, waren zurückgeblieben. Eine
um die andere entschwanden die mächtigen Kirchen, die schönen
Villen, in denen ich so oft geweilt, vor meinen Blicken. Es
rührte mich gar nicht. Ich fühlte mich immer noch in Rom;
und rührend ist Nichts an Rom, dazu ist es zu ernsthaft.
Die weite Ebene der Camwagna that sich vor uns auf.
Das hohe Gras wogte leicht im Winde. Hier und da ein
verfallenes Castell, hier und da ein antiker Grabstein, ein
antiker Trümmerhaufe. Hier und da eine aus Canna gebaute
Hütte, die eben so gut in Lappland oder unter dem Aequator
stehen könnte. Große Herden weißer Rinder, die ihre mächtig
gehörnten Köpfe langsam nach dem vorüberbrausenden Zuge

= Z1F -
wandten. Ziegenherden, Schafherden, große Herden von
Rossen, die in wildem Laufe über die Fläche jagten, wenn
das Schnaufen der Lokomotive ihr Ohr erreichte. Ein Hirt
mit der Lanze in der Hand, vor einem alten Gemäuer schla-
fend; ein anderer Hirt auf raschem Pferde, von seinen lang-
haarigen Hunden in weiten Sprüngen gefolgt - und tiefe,
tiefe Stille! Das war immer noch Rom!
Allmählich aber erhob sich der Boden zur Rechten. Hügel
mit Gestrüpp besetzt, Eichen, Pinien in verkrüppelter Gestalt.
Auf dem dunklen Grün des Mastix und Wachholders dicke
Büsche goldig gelben Ginsters. Zur Linken zog mit weißlich
grauen Wolken feuchte Luft heran. Canna wuchs aus sum-
pfigem Boden hoch empor, und ganze Flächen waren übersget
mit den bräunlich und weißgestreiften Glocken des Asphodelos,
der Todtenblume der Alten, von der mir Freunde einmal im
Winter ein Exemplar aus den Wäldern von Ostia mitge-
bracht hatten.
Der Himmel hatte sich bewölkt, als wir uns dem trau-
rigen, grauen EivitaVecchia nahten. Das Meer that in
fahlem Glanze sich vor uns auf. Es fing zu regnen an, Luft
und Meer verschwammen ineinander. Der Abend war her-
niedergesunken, es war kalt und schaurig. Wir schlossen die
Fenster des Waggons. Es regnete die ganze Nacht. Die
Rufe der Conducteure: Orbitello, Livorno, Pisa! klangen
durch das Dunkel. Nun fiel mir's auf das Herz. Ich war
schon fern von Rom, und ich war traurig, recht von Herzen
traurig!
Da, mit dem ersten hellen Tagesscheine leuchtete das
Meer vor meinen Blicken auf! Das Mittelländische Meer,
aufathmend in leise sich hebenden Wellen dem jungen Tag
entgegen, in lichtdurchfunkelter Bläue. Und wenn auch fern
von Rom, schön war es dennoch auf der Welt!

= Z1 -
Das war La Spezia, das war Rervi mit der schönen
Vila Gropallo, in der wir einst, Stahr und ich, einen ganzen
Nachmittag, auf umgelegtem Bote sitzend, in frohem Natur-
genuß still verträumt. Nun stieg sie empor, die Meer-
beherrscherin Genova la Superba, auftauchend aus den Fluthen,
sich erhebend am Bergesrand mit ihren Kirchen aus zwei-
farbigem Marmorgestein, mit ihren buntbemalten Häusern,
mit ihren von Cypressen umgebenen Palästen, mit den rosen-
roth getünchten Villen und mit den Olivenwäldern, die sie
rings umgeben. Das war der Palazzo Doria. Das war
Pegli, mit der phantastischen orangenfarbenen Villa Pala-
viccina. Ach, es war Alles wie vordem, nur schöner noch,
denn ich hatte Genua nur immer im Hochsommer und im
Herbstesanfange gesehen, und jettt schmückte der Frühling es
mit seinem Glanze!
Wie im Fluge ging es vorüber an Savona, auf das die
Schneegebirge der Apenninen niederschauten; an San Remo,
Bordighera, an Mentone, alle hingelagert an dem langsam
sich erhebenden Gestade, alle umflutet von des Meeres Hauch,
von dem Duft der blühenden Orangengärten, alle voll schmucker
Villen, voll glänzender Hotels, alle lachend und zum Verweilen
ladend.
Dann auf stolzem einzelnen Felsblock in das Meer
hineinragend, das feste Schloß von Monaco mit Wällen und
mit Thürmen, und endlich Nizza, funkelnd in der Mittags-
sonne Glut!
Man hatte mir von Rizza viel erzählt, hatte es mir in
jedem Sinne angepriesen, ich hatte Ansichten von Rizza oft
genug gemalt gesehen, aber ich fand weit mehr, als ich er-
wartet hatte. Zwei, drei Tage hatte ich zu verweilen gedacht,
aaaErr :R

-= ZZß -=
schönsten und morgen war's noch schöner. Man athmete ein
mal den Süden und die Meeresfrische und den Blumenduft
in aller ihrer Herrlichkeit.
Der Golf, an welchem Rizza liegt, ist in weitem Bogen
von zwei Vorgebirgen eingeschlossen, die ihn wie Arme rund
umspannen. Auf dem östlichen Vorgebirge liegt das befestigte
Villafranca, auf dem westlichen das ebenfalls befestigte Antibes.
Die Feuer in den beiden Leuchtthürmen machen den Halbkreis
auch am Abend kenntlich. Hinter Nizza steigt das reich be-
waldete Vorgebirge auf, überragt von den schneebedeckten
Gipfeln der Apenninen, und von den Bergen kommen die
Ströme, der Palione mitten durch die Stadt, der Magnan
im Westen derselben, und weiterhin der Var, der früher die
Grenze zwischen Frankreich und Jtalien bildete, zum Meer
hernieder, während weit im Westen die breite Felsmasse der
Esterelles das Auge festhält, schön gezeichnet und gezackt wie
der Monte Pellegrino bei Palermo.
Das alte Rizza, das Nizza, in welchem Oelhandel und
Schifffahrt ihren Sitz haben, das am Hafen und um den-
selben gelegen ist, sieht der Fremde wenig. Es hat etwas
bürgerlich Wohlhabendes, etwas häuslich Behagliches mit ent-
schieden französischem Gepräge. Es liegt beträchtlich tiefer
als die neue Stadt, die, ganz auf und für die Fremden ein-
gerichtet, diesen einen Luxus und Bequemlichkeiten bietet, wie
sie, so dicht, so mit Vorbedacht aneinander gestellt, vielleicht
an keinem andern Orte zu finden sind. Und außer der
Villa Reale in Neapel, deren Baumgänge und Statuen am
Meere eben einzig sind, mag es kaum einen herrlicheren
Spaziergang am Meere geben, als den Quai von Rizza, die
Promenade des Anglais und die Promenade du Midi mit
ihren Palmbäumen längs des Weges, mit den in allen
Blumenfarben schimmernden öffentlichen Gärten in ihrer

-= ZZh -
Mitte, mit der langen Reihe der GasthofsPaläste und
Prachtvillen, mit den Bänken und Sitzen, die überall zum
Ruhen, zum Verweilen laden, wenn gegen den Abend hin die
Musik im Jardin Publigue ertönt, während die blauen Wellen,
leise an das Ufer schlagend, über die Kiesel hin verrinnen.
Jett im Mai waren die Gasthöfe am Meeresufer und
am Quai Massena, waren die fremden Luxusmagazine sammt
und sonders geschlossen, denn die Kurgäste verlassen Nizza in
ber Mitte des April. Die lange Reihe der auf das zierlichste
und zweckmäßigste eingerichten Seebadeanstalten, die mit ihnen
zusammenhängenden warmen Bäder und Turnanstalten, die
Wasserheilanstalten, die Schwimmschulen für Männer und für
Frauen, die Fechtschulen, Skating-Rings und irischen Bäder,
waren nur wenig besucht. Die Bäckereien, die englisches und
,echt russischesr Brod backen, hatten ihre Läden geschlossen.
Aber da die Stadt an sich belebt ist, war sie mit allem
Wünschenswerthen wohl versehen, und man hatte das Reich,
man hatte die bezaubernde Gegend, man hatte all das Blühen
und Duften halbwegs für sich allein. Und wms Blühen und
Duften heißen will, habe ich erst in Nizza recht erfahren.
Aus meiner frühen Kindheit war mir ein Bild im Ge-
dächtniß geblieben von der Dekoration der längst vergessenen
französischen Operette: Aline, Königin von Golkonda. Es
war gewiß eine recht geringe Dekoration gewesen, aber meine
kindliche Phantasie hatte sich an ihr berauscht, und ich meinte,
so etwas Herrliches an Blumenpracht könnte es auf der Erden-
welt nicht geben. In Nizza und an der Riviera von Villa-
franca bis über Cannes hinaus, namentlich aber von Nizza bis
Monaco und dem SpielortMonte Carlo hinauf, habe ich ein neues
Bild für Blumen und Blüthenpracht gewonnen, das alle
meine bisherigen phantastischen Vorstellungen weit hinter sich
zurückgelassen hat.
S. Le wald, Reisebriefe.

= ZZ -
Eines Morgens fuhr ich mit dem Berliner Landschaftge
maler Albert Härtel, der mich auf seinen Studientouren
freundlich mit sich nahm, in das Gebirge hinaus. Es steigt
dicht hinter der Stadt in Felspartieen rasch empor, die an
Großartigkeit und romantischer Bildung nur mit dem Sabiner-
gebirge zu vergleichen sind, vor denen sie noch den Ausbligg
auf das Meer voraus haben. Die Wege sind vortrefflich
gehalten, die zeltüberdachten, offenen, aus Korbgeflecht gemachten
Wägelchen recht für die Fahrt geeignet. Wir wollten nach
Villafranca hinunter. Gleich hinter Nizza steigt der Weg
empor. Orangengärten, so weit das Auge reicht, durchweg
mit Hecken von rothen, weißen, gelben Rosen eingefaßt. Hier
Orangenblüthen, dort reife Früchte in den Zweigen. Oel-
bäume, Palmen, Eukalypthusbäume, Weingerank, blühonder
spanischer Flieder und Jasmin, japanische Blüthenbäume, die
ich nie gesehen, mit dunkelvioletten Blumen überladen; das
deutsche Maßlieb und die Wolfsmilch in großen Büschen und
mit großen Blüthen, kaum als Altbekanntes zu erkennen, und
alle Wände an den Wegen, jegliches Gestein wie übersäet mit
den handgroßen, asterartigen, in allen Farben schillernden
Blüthen der verschiedenen Cactusarten.
An schönen Landsitzen vorüber, durch wildes Steingeklüft,
von welchem dunkle Pinienwälder ernsthaft niedersehen, geht
der Weg steigend und sich senkend auf und nieder, bis man
vlötzlich das kleine, freundliche Villafranca mit seinem
Hafen dicht vor seinen Füßen hat, und in rascher Fahrt am
Ufer hält. Zwei amerikanische Kriegsschiffe lagen in der Bucht
vor Anker. Okäes ok tbe lniteä States pazmaster war auf
einem Schilde über der Thüre eines Hauses zu lesen, von dem
das Sternenbanner flatterte. Unter einer Veranda von Wein-
laub und Glycinien, zwischen denen die Landesblume, die
Rose, nicht fehlte, saßen wohlgenährte amerikanische Marine-

= ZZ -
Pfsiziere in ihren tüchtigen, dunkelblauen Uniformen beim
Weine. Amerikanische Matrosen trugen in Körben Lebensmittel
nach den Booten; rothhosige Soldaten gingen nach dem Takt
ber Blechmusik zu ihren Verschanzungen hinauf. Offiziere
ohne Degen, mit Stöcken und Gerten in den Händen, standen
auf der Straße an ein paar geöffneten Fenstern, mit Frauen-
zimmern plaudernd, während Fischer, an hellen Wachholder-
holzfeuern zwischen ihren braunen Netzen auf dem Boden
kauernd, sich ihr Mittagsmahl bereiteten. Ein Maler hätte
die Scene nur abzuschreiben brauchen, um ein sehr anmuthiges
Bild zu gewinnen.
Den nächsten Tag nach Monte Carlo, dem letzten Zufluchts-
ort des privilegirten Spiels. Wie in die Gärten der Armida,
so verlockend führen die blühenden Wege von dem rosen-
umrankten Stationsgebäude nach dem Plateau hinauf, und
man sagt mir, daß während der Saison halb Nizza in be-
ständigem Auf und Nieder diesen Pfad zum Tempel der
Fortuna wandere. Schatten, Sonne, Blumen, Springbrunnen
in reizendstem Wechsel überall. Einige große, prächtige Hotels
und die Spielhäuser: das ist Monte Carlo. Die Lage, die
Vegetation, sind schöner als es sich beschreiben läßt. Die Spiel-
häuser und die dazu gehörenden Anlagen und Säle bleiben
hinter dem, was Baden-Baden und Wiesbaden der Art in
ihrer Zeit besaßen und als Erbe derselben noch besiten, weit,
sehr weit zurück. Ein Konzert, das wir hörten, war kaum
mittelmäßig, der Saal nicht elegant, das Kaffeehaus gut ver-
sehen, doch nicht eben lockend. Es waren nicht mehr viel
Leute da, aber man spielte doch noch stark. Unten, als wir
auf der Station des Zuges warteten, saß eine etwa fünfzigs
jährige Frau von noch immer auffallender Schönheit neben
Eatae
A

= ZZg -=
ließen vermuthen, daß sie dereinst wohl auch am Spieltisch
des Lebens großes Spiel gespielt. Ihre Wangen, ihre Augen
glühten in zorniger Röthe, ihr Busen hob sich unruhig. Reben
ihr saß ein junger Mann mit ziemlich nichtssagendem Gesicht
und sah stumm in die Weite. Er schien ihr Sohn zu sein.
Mit einem Male fuhr sie auf: In der Weise, in der Du's
treibst (sie sprach französischs la kortune äes Rotbsebilä
sepniserait! Er antwortete nicht darauf. Ein eleganter älterer
Mann, der auch nach Nizza zurückkehren wollte, trat zu den
Beiden heran. Nun, fragte er, haben Sie ,Chance'' gehabt?
Eine schöne Chance, entgegnete die Frau, der Unglückliche hat
in einer Stunde fünftausend Francs verspielt! Das war
Monte Carlo. - Der Zuug brauste heran. Wir fuhren fgt,
sie auch; vermuthlich um am nächsten Tage zurückzukehren und
die bessere ,Chance'' zu erwarten.
An einem der folgenden Tage ging es hinein in das Thal
von St. Andrs. Gleich am Eingang desselben liegt wohl-
geschützt und wohlgehalten die Abtei St. Ponse, weiterhin die
ebenso herrschaftliche Abtei von St. Andre, von der abwärts
sich die Schlucht immer mehr verengt, bis zu der eigentlichen
Grotte des heiligen Andreas, aus welcher, wenn ich mich nicht
irre, ein wunderthätiger Luell entspringt. Es hat mit dieser
Anachoretenhöhle nicht viel auf sich, doch sieht sie immerhin
ernsthafter aus, als die kindische Nachbildung der Grotte von
Lourdes, welche Pius K. in den vatikanischen Gärten hat
ausführen lassen.
Oben von der Höhe des Monte Calvo sehen die Ruinen,
Häuser, Thore, und die Kirche von Villeneuve herab, einer wegen
Wassermangels von den Bewohnern verlassenen Stadt. So
öde, so kahl, so einsam ist die Gegend da oben, daß man, wer
weiß wie weit von Nizza, weit von aller Eivilisation zu sein
glaubt, und daß man erstaunt ist, wenn man sich gleich da-

==- ZZH -
neben wieder in bewaldete Gehege versetzt findet, wenn man
das Städtchen Falicone, ein echt italienisches Gebirgsstädtchen,
auf seinem Wege findet, und nun bald wieder, umschattet von
Wallnußbäumen, Platanen, Eichen und Pinien, rasch gen Eimis
hinabkommt, um abermals zwischen Orangengärten und Rosen-
hecken einzuziehen in die blühenden Bereiche von Rizza.
Nur der Wassermangel in den Strömen, der sich in Nord-
italien so vielfach bemerklich macht, ist auch in Nizza traurig
anzusehen. Der Magnan ist so völlig ausgetrocknet, daß man
in ihm spazieren gehen könnte. In dem Palione, der Nizza
durchschneidet und dessen breites Bett majestätische Brücken
überspannen, klopfte man Teppiche und Möbel aus, während
an den wenigen Stellen, in welchen das Wasser sich spärlich
gesammelt, Wäscherinnen im Flußbett still und gemächlich ihr
Wesen trieben und gleichzeitig auf den Kieseln ihre Wäsche
trockneten und bleichten.
Dafür aber geht es am Morgen an dem linken Ufer des
Palione, an dem von herrlichsn Platanen beschatteten Boule-
vard Charles Albert und Boulevard du PontNeuf, der sich
gegenüber dem Luai Massena hinzieht, um so munterer zu.
Nizza ist die Vaterstadt Massena's und hat ihm auf einem
nach ihm genannten Plate eine Statue errichtet. Auf diesen
beiden Boulevards wird alltäglich, selbst am Sonntage, der
Blumen- und Gemüsemarkt von Nizza abgehalten, und ihn zu
besuchen ist eine immer neue Lust. Sträuße von einer Pracht
und Herrlichkeit, wie selbst Paris und London sie nicht kennen,
die Fülle aller Rosenfarben und ganze Bündel von Orangen-
blüthen naturwüchsig zusammengebunden, mit Blumen aller Art
gemischt, kauft man für so viel Centimes als man bei uns
Mark und mitunter auch Thaler dafür bezahlen würde.
?r ar r

== ZFss -
kann; und zwischen den Rosen und Nelken und zwischen den
Blüthen der Akazien und den Blüthen des Eukalypthus, die wie
Passionsblumen anzusehen sind, liegen sie in dieser Jahreszeit
aufgestapelt die Artischoken, die grünen Erbsen, die Bohnen,
der Salat, die Kirschen, die Orangen, die Erdbeeren aus Gar-
ten und aus Feld, die getrockneten Feigen und der grüne Kohl,
die Traubenrosinen und der Spinat, die feinen getrockneten
Pflaumen und der Riesenblumenkohl, der Broccoli und die
Frucht des Brodbaumes und die Cocosnuß. Hier reicht Einer
die langen, an Schnüren aufgereihten, wie Apfelsinen großen
Zwiebeln und den weißglänzenden Knoblauch her, dort bietet
ein Andrer Körbe voll. Ananas und Datteln zum Kaufe an,
und das Alles ist so frisch, das Alles ist jedes in seiner Art
so vollkommen ausgebildet und so billig, daß das Herz einer
Hausfrau seine Freude daran hat und das Auge sich nicht satt
daran sehen kann, während man in dem Duft der Blumen
schwelgt, die man in den Händen mit nach Hause trägt.
Abends ist es jett, wenn die Musik im Jardin Public zu
Ende ist, am Meeresufer still und einsam. Auf den Bänken
am Quai des Anglais sitzen nur wenig Leute, man kann die
Stadt vergessen, in der man sich befindet. Nur das Meer hat
man vor Augen. Kein Schiff zieht vorüber an dieser Seite,
kaum daß eine Barke sich auf den Wellen schaukelt. Der
Mond stand in diesen Tagen immer hell am Himmel, leichtes
Gewölk durchziehend, wenn er aufstieg. Man sagte, da wo
das Gewölk sich sammelt, da liegt Corsica, und weiter hin
in fernen Bogen ziehen die Schiffe, die das Meer befahren,
nach Afrika, nach Indien, weit, weit fort, und die Leuchtthürme
zeigen ihnen ihren Weg, die Leuchtthürme - und die Sterne,
die wir so gern unsere Gefährten, unsere treuen Gefährten
nennen, weil wir zu ihnen hinaufgeschaut in der Sehnsucht
unserer Jugend, in Glück und Leid, weil wir nach einen

-- ZF? -
Festen, einem Dauernden verlangen, in der Vergänglichkeit,
der sie unterliegen so wie wir. Es träumt sich sanft im Mon-
denlicht am stillen Meeresufer.
Wenn es dann stärker zu rauschen begann vom Meer,
wenn die verspritzenden Wellen heller flimmerten im Monden-
schein und es kühler ward, daß wir, an den Heimgang gemahnt,
uns vom Meere in die Stadt zurückwandten, so sahen wir,
wenn wir in die Rue du Paradis eintraten, guer über der
Straße an Schnüren, die von einer Häuserseite zu der andern
hinüberreichten, bunte Papierlaternen aufgehängt. Die Lichter
spielten an den Wänden, Knaben brannten kleine bengalische
Flämmchen auf dem Boden ab. Die ganze Straße war voll.
kleiner Buben und voll kleiner Mädchen, junge erwachsene
Frauenzimmer mischten sich unter sie. Man sang, man tanzte
einen Abend wie den andern in harmloser Lust. Die Bür-
gersleute und ihre Frauen standen vor den Häusern und sahen
dem Spiele zu.
Man tanzte, sich in großem Kreise bei den Händen hal-
tend, la Ronde, man sang in provenzalischem mir unverständ-
lichem Dialekt die Rose und die Nachtigall in immerwieder-
kehrenden Refrains, denn: Lozer-rors, Klacame, a'est ls mois
cs ai! Sehen Sie, Madame, es ist der Monat Mai, sagte
man mir auf meine Frage.
Es war der Monat Mai, der Mai in Nizza, hart an der
Grenze der Provence, der die Ministrels und die Troubadours
entstammen! Und sie haben es noch nicht vergessen, daß sie im
Lande der Lieder, daß sie die Kinder der Provence, des rosen-
duftigen Südens sind. Es war ,le mois äs Aui!n

Kapitel 25

-- ZFs -=
Funfunlzwatzhgs= =aief.
--= Ns-
Freskenbilder in Rom.
Nizza, den 1. Mai 1t7A.
Es giebt kaum einen besseren Ort, sich in der Stille aus-
zuruhen, als dies paradiesische Stück Erde an dem purpurnen
Meere, wenn die Tausende von Gästen, welche hier während
der Wintermonate die Gunst des milden Himmels suchten und
genossen, die Stadt verlassen haben, wie in diesem Augenblick
Stille Straßen, Stille in den von Fremden fast ggns
leeren Hotels, am Morgen Stille und Einsamkeit in dem
öffentlichen Garten und an dem herrlichen Spazierweg längs
dem Meere. Gar Nichts, was uns antreibt unsere Ruhe zu
unterbrechen! Keine Kirchen, die man durchaus besehen muß,
keine Paläste, keine Museen! keine Ateliers! = Nichts als
die große, weite Natur! Aber welch eine Natur! welch ein
Licht und welcher Meereshauch inmitten dieser Wärme!
In Rom lebt man eigentlich immer mit einem beschwerten
Gewissen und mit dem stillen inneren Vorwurf, seine Schuldigs
keit nicht recht zu thun, weil man so viel des Großen und
Schönen an sich ungenossen vorübergehen lassen muß. Ja ich
habe mich manchmal darauf betroffen, halbwegs zufrieden zu
sein, wenn irgend eine Galerie verschlossen oder nicht mehr
für die Fremden zugänglich war. Das galt namentlich von
der Galerie im Palazzo Sciarra auf dem Corso, in welchem
sich unter anderen Schätzen der herrliche Violinspieler von
Rafael und die Bella äi Tiriano befinden, und von der Far-
nesina, mit ihren wundervollen Fresken von Rafael und
Sodoma.

= ZZß =
Früher konnte man die Galerie im Palast Sciarra in
jeder Woche einmal sehen, und die Farnesina war den Fremden
an dem ersten und fünßßehnten jedes Monats zugänglich. Was
bie Familie Sciarra, die durch Erbstreitigkeiten und Zwistig-
keiten in sich vielfach beunruhigt sein soll, bewogen hat, den
Kunstsreunden den Zutritt zu ihrer Sammlung zu erschweren,
weiß ich nicht. Aber es bedarf jetzt einer besonderen Für-
sprache von Personen, die mit dem fürstlichen Hause befreundet
sind, um den Einlaß zu erhalten, der mir und den Meinen
denn auch einmal, und natürlich zu unserer großen Freude,
gewährt worden ist.
Mit dem spanischen Herzoge von Ripalta, dem gegen-
wärtigen Besitzer der schönen Farnesina, hat es aber ein
anderes Bewandtniß. Man hat ihm, und wie er behauptet
unnöthiger Weise oder mindestens sehr vorzeitig, den schönsten
schattigsten Theil seines bis zu dem Tiber hinunterreichenden
Gartens expropriirt, weil man ihn für die TiberRegulirung
zu bedürfen geglaubt hat. Dafür rächt sich der Herzog an
den Stadtbehörden von Rom, indem er sein Eigenthums-
und Herrenrecht in seinem Hause strenger als die früheren
Besitzer desselben geltend macht.
Verdenken kann man es Niemandem, wenn er das, was
er als freies Eigenthum für sich erworben, für sich allein und
auf seine Weise genießen will. Aber wo ungewöhnliche
Mittel und ein sie begünstigendes Zusammentreffen von Um-
ständen einem einzelnen Menschen, oder einer Familie, einen
ganz einzig dastehenden Besit zugänglich machten, ist es eine
Pflicht jener Gesittung, die wir, viele Vorstellungen in dem
einen Worte zusammenfassend, als Humanität bezeichnen, auch
anderen Menschen jenen flüchtigen und doch so nachhaltigen
und fruchtbringenden Mitgenuß dieses Schönen zu verstatten,
wie die Betrachtung desselben ihn gewährt, ohne dem Besitzer

= ZZ0 -
Etwas damit zu rauben. Sich mittels der Abweisung der
Fremden an den Stadtbehörden von Rom zu rächen, ist immer
eine sonderbare Logik. Da jedoch alle Regeln nur um der
Ausnahmen willen gegeben zu werden pflegen, so macht auch
der Besitzer der Farnesina zu Gunsten der Fremden eine ge-
legentliche Ausnahme und erlaubt ihnen den Besuch seines
Palastes, wenn Personen seines näheren Bekanntenkreises sich
bereit finden lassen, diese unter ihren Schutz zu nehmen und
sie selber nach der Farnesina hinzuführen.
Der freundliche Schutz von Frau von Heimerle ist es ge-
wesen, der mir in den letzten Wochen, während deren ich in
Rom verweilte, den Eingang und Zutritt in die Farnesina
auch in diesem Jahre eröffnete, und ich hatte dabei Gelegenheit,
eine mir neue und wichtige Erfahrung zu machen.
Als wir in dem Winter von 115 bis 1846 und dann wieder
in dem Winter von 166 bis 16? in der Farnesina gewesen
waren, hatte sie sich noch im Besitz des Königs von Reapel
befunden, der sie auf neunzig Jahre an den spanischen Herzog
von Lema vermiethet hatte, und sie war damals in traurigem
Verfall gewesen. Ich erinnere mich nicht irgend ein mit
Geräth versehenes Zimmer in der ganzen Villa bemerkt zu
haben. Die Säle und Galerien waren öde und leer wie die
Erde am Tage ihrer Entstehung, oder wie die St. Paulskirche
in London, die mir immer als ein trostloses Urbild von Leere
vorgekommen ist. Wände, deren ursprüngliche Farbe nicht
mehr zu erkennen war, und von denen die Verputzung nieder-
fiel. Die Fußböden ausgetreten, die Fenster verblindet. Und
mitten in diesem Verfall, in der Vorhalle und in dem ersten
Saal des Erdgeschosses, Rafael's Galathea und seine Geschichte
der Psyche. In dem oberen Stockwerk, in Zimmern, in denen
mit Ausnahme der Deckenverzierungen auch Alles fürchterlich
verwüstet war, Giulio Romano's herrlicher ovidischer Fries

== ZZ! -=
und Sodoma's entzückende Hochzeit Alexgnder's und Roxgnens.
Der Abstand konnte gar nicht größer sein!
Jn einer der Täuschungen, in welche man so leicht ver-
fällt, wenn man ,glaubt und meint'', wo man gesehen haben
müßte, wenn man an Eindrücke, die mit den Sinnen auf-
gefaßt sein wollen, mit dem Verstande herantritt, hatte ich
mir damals eingebildet, die Kunstwerke müßten, eben in diesen
leeren Räumen, neben den grauen Wänden, ohne irgend eine
Umgebung, welche von ihnen abziehen konnte, uns noch schöner,
noch leuchtender erscheinen, als die Gäste Agostino Chigis sie
bei den Festen gesehen hatten, welche jener kunstliebende
Handelsherr, der Bankier Leo's K., der sich diese Villa zu
Anfang des sechzehnten Jahrhunderts erbaute, in derselben mit
königlicher Pracht zu veranstalten gewohnt war.
Stahr aber schüttelte zu meinen damaligen Vermuthungen
ablehnend das Haupt. ,Die Leute wußten, was sie thaten!'
sagte er. ,ergiß nicht, daß sie in einer Farbenpracht und
Farbenfülle lebten, von denen unser in schwarzer und grauer
und mißfarbiger Kleidung verblaßtes Zeitalter keine Vor-
stellung mehr hat. Dieses dunkelrothe Gewand der Galathea,
die rothen Rücken in den Deckengemälden, die uns hier in den
verfallenen Räumen als Nebertreibungen von Giulio Romano
erscheinen, werden anders gewirkt haben in jenen Tagen, in
denen sie noch die Umgebung hatten, für die sie bestimmt
gewesen sind. Ich möchte diese Galerie, diese Säle gesehen
haben, gegen den erleuchteten Garten hin geöffnet, lichterhell
oder im hellen Glanz des Tages; belebt durch eine Gesellschaft,
die sich in farbiger Tracht und reichem Schmuck genug zu thun
wußte, belebt von einer Gesellschaft, wie sie uns in den
Bildern von Veronese vor die Augen tritt! Da diese gött-
lichen rafaelischen Gebilde trotz des elenden Hintergrundes
noch auf uns so bezaubernd zu wirken vermögen, bin ich

- ZZ! -
gewiß, daß diese Wirkung früher noch eine unendlich ver
schiedene und größere gewesen sein muß !' =-
Er hat leider die Farnesina in ihrer Wiederherstellung
nicht mehr gesehen, aber ich habe mich überzeugen können,
wie richtig er geurtheilt hatte. Denn obgleich es fast lächerlie
klingt, daß die Kunst eines modernen Tapeziers, daß nicht
eben schöne vergoldete Sessel, mit farbigen Seidenstoffen
überzogen, daß eigens für die Farbe dieser Räume gewirkte
Teppiche, daß Bronzekronen und Auffrischung der Bronzen
und des Nebensächlichen in der Stukkatur- und Wandverzierung
den Bildern eines Rafael zu Gunsten kommen können, so ist
das doch in der That der Fall. Vieles, was früher in den-
selben gegen die Nacktheit der Wände in der Farbe hart ünd
zu grell erschien, wird durch die farbige Umgebung gemildert.
Aber unverkennbar bleibt es trotzdem, daß hier durch die
Jahrhunderte hindurch starke Nebermalungen und vielleicht in
verschiedenen Zeiten durch verschiedene Meister immer neue
ebermalungen stattgefunden haben uüssen. Das ist ja auch
natürlich. Denn wie mild das Klima von Rom im Verhältniß
zu dem unseren uns auch erscheinen mag, so hat es seine
nassen Zeiten, hat es im Laufe von viertehalb Jahrhunderten
seinen Schnee und seine Witterungsunbill gehabt, die an den
Fresken der bis vor wenig Jahren offenen Halle ihr Zer-
störungswerk geübt haben. Ich glaube selbst die Galathee in
der zweiten Halle, an welcher Rafael die Hauptgestalt ganz
und vollständig selber gemalt haben soll, ist von der Zerstörung
und der durch sie bedingten verschiedentlich wiederholten
Nebermalung ebensowenig frei geblieben, ja von ihnen vielleicht
mehr noch betroffen worden als manche Theile in den Dar-
stellungen aus der Geschichte der Psyche.
Die Komposition in ihrer Meerluft athmenden Fröhlichs
keit und naturwüchsigen Frische ist dadurch glücklicher Weise

= ZZZ -
nicht angetastet; indessen so ketzerisch es klingen mag, ich kann
mir nicht vorstellen, daß das rothe Gewand, welches, vom
Windhauch geschwellt, segelartig sich um Galathea aufbauscht,
gu Rafael's Zeiten und unter seinen Augen so schwermassig
ausgesehen haben soll als jett, wo es eines Sturmes bedürfte,
um dies Gewand in Bewegung zu setzen. Ich kann mir nicht
vorstellen, daß die Luft so wenig hell und luftig, das Meer
so einförmig grau und so wenig flüssig ausgesehen haben
sollen, daß die Füße der Seerosse kaum eine merkliche Spur
in dem Wasser hervorbringen. Und selbst an dem Kopf der
Galathee müssen, wie mich bedünken will, wenn ich ihn mit
anderen Köpfen von Rafael vergleiche, die mir in der Er-
innerung sehr deutlich sind, Nebermalungen vorgenommen
worden sein. Es ist für mein Auge - aber ich bescheide mich
leicht, daß mich dieses trügen kann - in dem Kopf der Gala-
thee etwas Kantiges, was z. B. die Nereide nicht hat, und das
selbst in den Köpfen der von Rafael gemalten Matronen
nicht leicht zum Vorschein kommt. Ich glaube, daß man sich
vor allen Freskobildern, wenn sie obenein wie diese in den
Hallen der Farnesina den Einflüssen der Luft ausgesetzt gewesen
sind, zunächst an den Gesammteindruck zu halten hat; denn von
dem, was sie gewesen sein müssen, an dem Tage, da sie zum
ersten Male das Auge der Betrachter erblickte, kann nur ein
schwacher Abglanz noch für uns erhalten sein.
Aber in allen Kompositionen von Rafael begegnet man
der wahrhaft griechischen Sinnesart, die nicht durch die Massen
Eindruck machen, sondern, in der gesonderten Gruppe die
Gesammtheit kennzeichnend, durch Beschränkung den Eindruck
nud die Wirkung zu erhöhen weiß. Es ist das - neben all
dem Anderen - eines der Kennzeichen, welches die neuere,
auf Rembrandt als ihrem großen Vorbilde fußende Realisten-
schule, die in Delacroix einen der größten Meister aller Zeiten

= ZZg -
sieht, von den Jdealisten unterscheidet, die in Rafael und-
selbst in den voxrafaelischen Malern ihre Vorbilder suchen. I
Ich bin auf diese verschiedene Art zu sehen gleich wiedee-
bei meiner diesmaligen Ankunft in Rom durch einen unserer -
bedeutendsten deutschen Maler hingewiesen worden, der eine
Zeit hindurch in Rom verweilte. Auf das Urtheil französischer
Kunstkritiker und Touristen gestützt, nannte er Rafael, nicht
nur im Vergleich zu Rembrandt und zu dessen Nachfolgern, -
sondern selbst im Verhältniß zu den neuen Franzosen und
namentlich im Vergleich zu Delacroix, ,unbelebt und kalr!.
Rafael. sollte nur Akte gemalt haben, nirgend sollte sich in ihm
wirkliche Handlung, nirgend der Ausdruck großer Leidenschaft !
finden, nirgend ein Ereigniß mit der ganzen Fülle der Natur-
wahrheitwiedergegebensein.DerganzeDelacroixFanatismus,
der im Jahre 15ö zur Zeit der ersten großen französischen -
Ausstellung in Paris im Schwange gewesen war, und alle.
die oft sehr heftigen Erörterungen jener Tage kamen dabei
wieder zur Sprache.
Das eigentliche Hauptstück der damaligen DelacroixAlus- -
stellung war ein Gastmahl bei irgend einem Herzog oder Bischof
von Brabant, der bei diesem Gelage ermordet wurde. Ein-
wildes, wüstes, vor Qualm- und Lichteffekten kaum zu unter-
scheidendes Durcheinander war es in der That. Man stand
verblüfft davor und sah es an; und ward noch verblüffter
vor der Kritik, die von einem Bilde zu dessen höchstem Lobe
sagen mochte: ,sla sgars, osla bruls, esla sns, oela pas !!
Grade auf dies Bild wird von den Realisten auch jett noch
hingedeutet, um zu beweisen, daß die Constantins-Schlachht,
in der ein so wunderbar bewegtes Ringen herrscht, während -
das Auge doch die geschickte Gliederung der Massen bald durchs
schaut, gar keine Vorstellung von einem Kampfgewühle gebe;
daß in den Stanzen im Brand des Borgo Alles unglaublich,

= ZZH =
gelassen und friedlich vor sich gehe; daß die ganze Masse des
Volkes, die dabei betheiligt sei, sich aus einem Dutzend Figuren
gsammensetze, und daß von dem Feuer eigentlich gar Nichts
zu merken sei. -
Aber wirkt denn Viel in Wahrheit viel? - und was ist
es, das der gebildete Mensch von der Kunst ewwartet? oder
soll man sagen, was die Menschheit überhaupt für ihre Bildung
von der Kunst zu erwarten hat? - Und damit sind wir denn,
gleich wieder auf dem Punkt angekommen, der die beiden
Richtungen von einander trennt. Ich aber brauche wohl nicht
zu sagen, wohin mein Sinn sich neigt.
Wenn man vor manchen von Rafael's Arbeiten die maß- -
volle Bescheidenheit der Mittel, welche er anwendet, mit der -
Wirkung vergleicht, die er auf die Menschen durch Jahrhunderte
hervorgebracht hat, so sollte man denken, dies spreche klar und
entschieden dagegen, daß das Höchste in der Kunst durch die
direkteste Wiedergabe des wirklichen Vorganges geleistet werden
könne. Wäre das Letztere der Fall, so würde der wahrscheinlich
nicht ausbleibende Nachfolger Daguerre's, der es zu Wege
brächte, einen Vorgang, während er geschieht, in voller Lebens-
größe farbig zu photographiren, der größte Künstler aller
Zeiten sein. Die todte Maschine würde die Stelle des künst-
lerischen Genius einnehmen, der größte Chemiker würde der
größte Künstler sein. Und befremdlich ist mir eine solche An-
schauungsweise gar nicht, seit mir ein eifriger junger Physiolog
einmal auseinander setzte, daß man aufhören würde, Gedichte
zu machen und Romane zu schreiben, wenn die Erkenntniß
erst eine allgemeine sein werde, daß all' unser Denken, Em-
pfinden, Lieben, Hassen und Begehren gar Nichts wären als
vhysiologische Vorgänge, von denen es gar nicht der Mühe
verlohne, viel Aufhebens zu machen, weil alle Geschöpfe, wenn
auch in geringerem Maße, sie mit uns gemein hätten. Und

==- ZZs -
er schien nebenher von dieser Erkenntniß einen großen Ford-
schritt für die Entwickelung der Menschheit zu erwarten.
Mir ist es vor den antiken Statuen und Reliess,
namentlich aber vor den Bildern von Rafael immer vorge-
kommen, als offenbarte sich in ihren Werken am deutlichsten
jenes eigentliche Wesen der Kunst, das darin besteht, mit maß-
vollstem Aufwande von Mitteln in unserer Seele die vol
ständige Vorstellung des Vorganges zu erwecken, der die Seele
des Künstlers beschäftigte, und uns in den immerhin beschränkten
Andeutungen desselben die ganze Fülle dessen, was der Künstler
innerlich erschaute, nachempfinden zu machen. Ja ich glaube,
daß man mit dem Wiedergeben der vollen Wirklichkeit, welches
jene oben erwähnte Photographir-Maschine denkbarer Weise
leisten könnte, die menschltche Phantasie allmählich zu Grunde
richten würde, wie der Kanonendonner einer Schlacht das
Gehörvermögen lähmt. Die Kunst, welche uns die Wirklichkeit
so ganz und voll vor Augen stellte, daß wir sie nur anzusehen,
anzustaunen hätten, würde uns jenes unbewußten Mitschaffens
berauben, welches das von dem Künstler idealistisch erfaßte
und darum idealistisch wiedergegebene Bild des Lebens in uns
anregt. An die Bilder der modernen Realisten denkt man,
je nachdem, mit Lust oder Unlust zurück; aber wenn ich von
mir auf Andere oder auf die mit mir gleich Empfindenden
schließen darf, deren es ja wohl geben wird, so beschäftigen sie
uns weniger als die Darstellungen maßvoller Schönheit; und
eben darum behalten wir diese fester in der Erinnerung, ver-
gessen wir jene leichter.
Es ist ganz gewiß, daß die Mehrzahl der gegenwärtigen
Maler eine Feuersbrunst anders darstellen würde, als Rafael
es in den Stanzen gethan hat. Das:
,Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtetr

- ZZ? -
würde mehr zur Geltung gebracht werden. Aber einmal hatte
Rafael nicht bloß die Aufgabe eine Feuersbrunst, sondern
bie Beschwichtigung derselben durch den wunderthuenden Papst
zu schildern; und der nackte Jüngling, der sich in der Noth
von der Mauer herniederläßt, die Frau, die ihrem Manne
aus dem brennenden Hause das Kind zuwirft, der Sohn, der
den Vater aus den Flammen, die man hinter der Mauer
aufschlagen sieht, hinwegträgt, diese Einzelheiten geben uns
bie Vorstellung des Vorgangs, ohne uns quälend in ihn hin-
einzuziehen. Wir erleben eine Feuersbrunst, ohne ihre Pein
mit zu erleiden; sie wirkt auf uns, geläutert von dem Lualm
und von dem Rauch, von der Angst und Noth derjenigen, die
in ihr zu Grunde gingen. Irre ich mich nicht, so ist diese
maßvoll geläuterte Wiedergabe der Wirklichkeit die eigentliche
Aufgabe der Kunst; denn wirklich all die Tausende zu malen,
die in solchen Augenblicken der Noth verzweifelt durcheinander
stürmen, vermag kein Künstler. Horace Vernet in dem ge-
waltig großen Schlachtbild der Smala kann die Tausende von
Menschen, die dort kämpften, Delacroir, in dem Gelage in
Brabant kann die Hunderte, die einander dort die Köpfe ein-
schlugen, doch auch nur andeutend wiedergeben, und wenn
man den Begriff ,der Reinigung der Leidenschaften durch die
Kunst auf die bildende Kunst übertragen darf, so kommt es
mir vor, als ob dies neben den Alten Niemand vollständiger
geleistet habe als Rafael.
Wenn man, um bei Rafael zu bleiben,z. B. seine jett
in der Galerie des Palast Borghese befindlichen Fresken, die
Hochzeit Alexgnder's und Roxgnens darauf betrachtet, so ist
auch diese mit sehr geringen Mitteln uns geschildert, und doch
wie anmuthvoll' und wie natürlich! - Ich habe diese Fresken
dereinst noch an den Wänden des kleinen Hauses gesehen,
das man, vielleicht irrthümlich, die Casa Rafaela nannte, und
F. Lewald, Reisebriefe.

= ZZs --
das man sich gefiel, als den Ort zu bezeichnen, in welchem ee
mit der Fornarina sein Liebesglück genossen haben sollte. Die
Belagerung Roms im Jahre 149 zerstörte das kleine Haus,
die Fresken wurden durch einen glücklichen Zufall verschont
und in die Galerie Borghese hinüber gerettet.
Der Gestalten sind, wie gesagt, nur wenige auf dem
Bilde. Der schöne gliederschlanke Held in frischer Mamnes-
jugend wird von dem Freunde und dem Gott der Ehe zu dem
Brautgemache geführt. Er hat die Waffen abgelegt, Liebes-
götter treiben ihr Spiel damit. Roxgne, die in dem Besieger
ihres Volkes und Landes den eigenen Besieger zu empfangen
hat, der ihr die Krone bietet, wird von anderen Liebesgöttern
entkleidet. Das ist alles so sprechend, so wahr, so unschuldig
dargestellt, daß man die reine freudige Erregung mitempfindet,
die alle diese lebensvollen, lebensfrohen Gestalten wie ein
inneres Sonnenlicht durchleuchtet und erwärmt. Man lächelt,
wie Hephästion lächelt, man blickt bewundernd zu Alexgnder
hinüber, wie Roxane es thut; und wenn man daneben vor
diesen und anderen, der heidnischen Welt angehörenden Dar-
stellungen Rafael's sich seine christlich mythologischen Gestalten
vergegenwärtigt, wie bleibt sich in allen, welchem Geschlecht
und welchem Alter sie angehören mögen, trotz der Verschiedenheit
des Gegenstandes und der Auffassung, das Gefühl für die
Schönheit an sich, für das Maß und die geistige Keuschheit
durchweg gleich.
Die Schönheit in allen Köpfen des Rafaelischen Sposa-
lizio in der Brera zu Mailand, die Madonna von Foligno in
der Bildersammlung des Vatikan, die Sixtinische Madonna
in Dresden, die jetzt nach Petersburg verkaufte Madonna
aus dem Hause Conestabile Staffa in Perugia, die Ge-
stalten auf der Grablegung in der Galerie Borghese, selbst
die Köpfe der älteren Sibyllen, und wieder die Porträts, wie

- ZZ -
bas des schönen Violinspielers in der Galerie Sciarra, sie
alle sammt und sonders prägen sich uns durch ihre frische,
volle, lebenswarme Schönheit unverlöschbar in das Gedächtniß;
und denken wir an sie zurück, so ist es wie das holdeste
Erinnern an Jugend, an Unschuld, an Liebe und an hoffnungs-
reiches Glück. Man badet sich die Seele rein in dem Be-
trachten der Werke Rafael's. Er erhebt und adelt uns indem
er uns entzückt.
Und von dieser Keuschheit der Auffassung ist das vorher
erwähnte Gemälde Sodoma's die Hochzeit Alexander's und
der Roxgne, in dem oberen Stockwerk der Farnesina auch ein
erfreulicher Beweis. - Rafael hatte den Gegenstand ganz
antik gedacht und ihn für das kleine Kasino auch ganz antik,
fast mit der Einfachheit der pompejanischen Wandmalereien
ausgeführt. Sodoma hatte ihn für einen großen Raum in
einem Palast darzustellen. Er hatte ein großes Gemälde zu
machen, das obenein von zwei gegenüberliegenden großen
Fenstern sein scharfes Licht erhält. Das forderte mehr und
lebensgroße Figuren, forderte eine andere Komposition, eine
reichere Ausschmückuug und prächtigere Farben.
Das bräutliche Lager auf dem Sodoma'schen Bilde ist
mit königlicher Pracht geschmückt. Unter schwerem Thron-
himmel auf üppigen Polstern, reich gekleidet harrt die Er-
wählte des Königs. Er tritt ein. Sie richtet sich empor
und wendet sich nach ihm hin, ihn zu empfangen. Die leb-
hafte Bewegung macht die Schleier niedersinken, die sie über
sich geworfen hat; aber der Genius der Liebe hat das zarte
Gespinnst eben so schnell ergriffen, und mit zierlicher Hand
verhüllt er den Busen und die Schulter, welche die eber-
raschung der Jungfrau dem Blick des Siegers, ehe er es
begehrte, Preis gegeben hatte.
Es muß ein großes Glück sein, dauernd in Räumen zu
W

Kapitel 26

- ZIß -
wohnen, welche mit solcher Schönheit ausgestattet sind. =-
Manche der neueren Zuthaten und Erwerbungen des jettigen
Besityers, wie z. B. große, an sich nicht häßliche lebensgroße
und farbige Statuen in englischer Terrakotta, stechen nicht
zu ihrem Vortheil von der alten Herrlichkeit des Hauses ab.
Es sind aber auch einige werthvolle alte Gemälde und mancher
schöne alte Hausrath in den Wohngemächern; und jeden
Falls ist der Gesammteindruck, den man jetzt empfängt, wohl-
thuender als jener, den man vor einem Menschenalter aus
der Verfallenhetnn der Farnesina mit nach Hause nahm. Da-
mals mußte man den Untergang der sämmtlichen Fresken
fürchten. Jetht hingegen darf man hoffen, diese Werke
Rafael's noch der Bewunderung kommender Geschlechter er-
halten zu sehen, welche ohne das Dazwischenkommen des
gegenwärtigen Besitzers der Zerstörung in nicht zu ferner Zeit
sicher entgegengegangen wären.
Hecusunlzuallzhgs==- ==s-
--fs=- Nsss
Ktelier-Einrichtungen und das Atelier von Simeratky
in Rom.
Rizza, den 1. Mai 1778.
Was ich Ihnen in dem vorigen Briefe von dem Einfluß
der Umgebung auf die Wirkung eines Bildes hervorgehoben
habe, das bringt mich auf Erörterungen zurück, die in Rom
oftmals zwischen uns zur Sprache gekommen sind.
Es ist eine Reihe von Jahren her, daß man an allen
Schauläden Kupferstiche aushängen sah, welche die Ateliers
von Leonardo da Vinci und von anderen großen Malern

=- ZI -
barstellten. Ich weiß im Augenblicke nicht von welchen. Die
Künstler erschienen in denselben in schön verzierten Räumen
wohlgekleidet. Sie malten vornehme Leute, Könige und
Fürsten; prächtig anzusehende Männer und Frauen leisteten
ihnen bei ihren Arbeiten Gesellschaft. Es war ein Leben,
wie man es sich gefallen lassen und wünschen konnte. Wenn
man es mit den Werkstätten verglich, in denen man gewohnt
war, die befreundeten Maler gelegentlich aufzusuchen, so gefiel
es Einem nur noch besser, und man kam auf die Sage zurück,
nach welcher Buffon sich immer in ein großes Kostüm ge-
worfen haben sollte, so oft er sich vor seinem Schreibtisch zur
Arbeit an seinem großen Werke niedergesett.
Ganz unbedingten Glauben hatte man nicht daran, daß
Rafael immer im Sammetrock und im Barett, daß Rembrandt
und Rubens gerade immer im Federhute und mit großem
Kragen vor der Staffelei gestanden haben würden. Man
dachte sich wohl, daß Rubens, der seine schöne Helena For-
mann so fröhlich auf den Knieen gewiegt, doch bisweilen auch
mit aufgelöstem Haar und offener Brust es sich in seiner
Werkstatt bequem gemacht haben würde; aber wenn man die
kahlen, ganz grauen, oft auch schmutigen Wände der zeitge-
nössischen Malerwerkstätten betrachtete, und die bisweilen recht
vernachlässigte Kleidung der Meister vor Augen hatte, so fiel
Einem wohl der Ausspruch ein, daß ,der Stil der Mensch
sei', und man war geneigt, dem Satze die rückbildende, gewiß
berechtigte Wendung zu geben, ,so wie der Mensch, so ist
sein Stll'.
Nun kam dazu die immer wiederkehrende Klage der
Maler gegen die Kunstausstellungen, in denen ein Bild das
andere todtschlüge, in denen kalt und farblos erschien, was
daheim in der Werkstatt warm und farbig gewirkt hatte; und
unberechtigt waren diese Klagen nicht. Aber wie das oft

- ZIZ -
geschieht, man klagte, obschon man wußte, daß an der Art dee
Ausstellung nichts Wesentliches zu ändern sein würde, da es
ja unmöglich war, jedes Bild für sich selber und in einem
besonderen Gemach zur Geltung zu bringen; und trotzdem
verging eine lange Zeit ehe einer der Maler darauf verfiel.
seine Werkstatt und die Ausstellungsräume einander versuchs
weise so weit möglich anzuähnlichen. Es war eine Geschichte
wie mit dem Ei des Columbus!
Jeder hätte sich es sagen können, daß Bilder, die auf
kahler grauer Fläche entstanden und auf dieser farbig genug
erschienen waren, blaß und fahl und lichtlos und schwach er-
scheinen mußten, wenn sie von starken Farben in allen ersinn-
lichen Tönen und Abstufungen umgeben wurden. Michts-
destoweniger hatte jener Maler eine große Entdeckung und
einen wesentlichen Fortschritt zur Erhöhung und Vertiefung
der Farbe in den neueren Malerschulen gemacht, der darauf
verfallen war, die Wände seiner Werkstatt in einem tiefen
pompejanischen Roth anstreichen zu lassen. Wenn man nur
wüßte, wer dieser Entdecker gewesen sein mag! -
Was aber auf dem rothen Grunde sich gut ausgenommen
hatte, kam in der Ausstellung oder in dem Saale des Bilder-
käufers neben einem Gemälde zu hängen, in welchem vielleicht
blaue oder gelbe Farbentöne die Herrschaft hatten: und -
den ersten Schritt aus dem farblosen Atelier in das farbige
einmal gethan, war der zweite leicht gemacht. Man fing an,
die Ateliers wie Säle auszuschmücken, alte Gobelins, alte
Waffen, allerlei bunter Kram wurden zusammengetragen,
man malte mitken unter Farben aller Art. = Die alten
Maler von der leeren, grauen, strengen Observanz schrieen
Zeter und Wehe über den hohlen, aufgebauschten Charlataniss
mus der sogenannten Koloristen und ihrer Werkstätten, die
wie Trödlerbuden anzusehen wären. Aber obgleich ich, wie

- ZgZ -=-
ich Ihnen später vielleicht noch auseinanderzusetzen denke, weit
davon entfernt bin, zu der Fahne derjenigen unter den
neueren Malern zu schwören, denen das Motiv gleichgültig
und nur die Naturwahrheit und die Farbe wichtig sind, ist es
nicht abzuleugnen, sondern es ist höchst erfreulich anzuerkennen
welche außerordentlichen Fortschritte die Malerei seit einem
Menschenalter in Frankreich und Belgien gemacht hat, wie
Jtaliener, Deutsche und Engländer ihnen rüstig nachfolgen,
und wie unter den jüngeren Spaniern sich ebenfalls eine neue
und bedeutende Malerschule hervorthut.
Daß hierauf, soweit es die Vertiefung der Farben betrifft,
die farbig aufgeputzten Werkstätten von großem Einfluß ge-
wesen sind, glauube ich so gewiß, als daß man vielleicht es
bald nicht mehr nöthig haben wird, jeder Werkstatt einen
solchen farbigen Hintergrund zu geben, wenn unser Auge,
d. h. in diesem Falle vor Allem das Auge der Künstler, sich
wieder an kräftige Farben gewöhnt haben wird.
Wie sehr man von der Farbe abgekommen war, das. ist
mir z. B. immer vor den Landschaftsbildern von Hackert,
von Blechen, ja vor allen Porträts und selbst vor den histo-
rischen Bildern der Zeit aufgefallen, in welcher die Düssel-
dorfer und Münchener Schule neues Leben in die deutsche
Kuust hineinbrachten; und es ist höchst charakteristisch, daß
der größte Meister dieser Schule, daß Peter von Cornelius
von der Farbe eigentlich gering dachte. Erst in seinen lettten
Lebensjahren soll er größeren Werth auf das eigentliche Malen
und auf die Farbe zu legen angefangen haben. Als wir
gegen das Ende der vierziger Jahre ihm einmal bei einem
Gange durch den Thiergarten in Berlin begegneten und auf
gemalte Statuen zu sprechen kamen, meinte er, das sei doch
wohl die roheste Darstellungsweise in der Kunst. Die Skulptur
habe schon an und für sich etwas sehr Materielles, indem sie

== Zgg -
mit fester Masse die ganze volle Form in ihrer massigen
Wirklichkeit wiedergebe. Die Malerei, welche auf der Fläche,
durch die Kunst, den Schein der Wirklichkeit darstelle, sei
schon geistiger; aber eine vollkommene Zeichnung leiste im
idealen Sinne der Kunst doch das Höchste und wirke eben
deshalb auch am reinsten und idealsten.
Solche Aussprüche darf man in der Regel nicht als
Glaubensartikel aufnehmen, da sie oft von augenblicklichen
Stimmungen erzeugt werden; sie bleiben jedoch Kenn-
zeichen der Sinnesrichtung, wie jedes Extrem. Abzustreiten
ist es nicht, daß man jett auf dem Wege ist, die Werth-
schätzung der Farbe im Kunstwerk, und ebenso auch die Aus-
schmückung der Ateliers zu übertreiben, daß man hie und da
nahe daran ist, aus derselben eine Hauptsache zu macsen,
und daß in Rom verschiedentlich die Frage an mich gerichte
worden ist, ob ich dieses oder jenes Malers Atelier gesehen
habe, das so und so viele ganz prächtig eingerichtete Zimmer
enthalte? Von den Bildern war dabei nur in zweiter Reihe
die Rede, obschon sie in erster Reihe genannt zu werden ver-
dient hätten.
Dies Letztere galt im wahrsten Sinne auch von dem
polnischen Maler Siemieratky, der im März in seiner Werk
statt die Bilder ausgestellt, welche er für die Pariser Aus-
stellung bestimmt hatte. Es war seiner Zeit in Berlin viel
von seinem großen historischen Bilde, von den ,Fackeln des
Nerorr, die Rede gewesen, das zu sehen, Krankheit mich gehindert
hatte. Ich ließ es mir also in Rom doppelt angelegen sein,
die Bilder des Meisters kennen zu lernen, denn mit einem
Meister hat man es in Siemieratzky in der That zu thun.
Sein Atelier liegt in der Via Margutta, einer der
Straßen, die wie Via und Vicolo di S. Nicolo di Tolentino
im Erdgeschosse Haus bei Haus eine Bildhauerwerkstatt, und

= ZIh --
in den übrigen Stockwerken ebenso Haus bei Haus Maler-
ateliers enthalten. Da wird geklopft, gesägt und gemeißelt;
da riecht es nach Delfarbe und nach Firniß; da liegen Mar-
morblöcke, Gyps- und Thonklumpen, stehen Kisten in jeder
Form und Größe, da merkt man es, daß man sich in der
Stadt befindet, die eine der großen, wenn nicht die größte
Kunstwerkstatt der Erde ist.
Zu Siemieratzky's Atelier steigt man durch einen der
wunderlichen, vielgetreppten, mit kleinen Bäumen bepflanzten
terrassirten Winkel hinauf, denen man außerhalb Jtaliens
selten einmal begegnet. Wir öffneten die Thüre, und in
einem sehr reich mit persischen Teppichen behängten, mit
Divans, mit Sesseln und vielen Bric d Brac-Herrlichkeiten
versehenen Raume stand im Mittelpunkt desselben das große
Bild vor uns, das -- selber eine Bric d BracSammlung
aus der antiken römischen Zeit - unter dem Titel des ,an-
tiken Kunstfreundesr in der diesjährigen römischen Gesellschaft
einen der Gegenstände des Tagesgesprächs bildete und große
Anerkennung fand.
Mitten in einem noch reicher ausgestatteten Raume als
derjenige, in welchem wir uns befanden, sitzt ein Römer, eine
schöne Gestalt in reifen Mannesjahren, ein feiner ausdrucks-
voller Kopf. Er hält eine Vase von seltener Masse und
eigenartiger Form in seinen Händen. Kunstwerke, Statuetten,
Lampen, Papyrus-Rollen, Krüge aller Art, sind an den Wän-
den und neben ihm auf dem Tische aufgehäuft. Zur rechten
Seite des Bildes, ein wenig in den Hintergrund gerückt, steht
ein Jüngling in farbigen Gewändern, das eine Knie auf den
von ihm geschaukelten Sessel gestützt. Man sieht, beide
Männer waren mit der Betrachtung der Vase beschäftigt ge-
aaarrirr

=- ZIs -
dargeboten hatte. Aber ein Zwischenfall hat die ruhige Prds
fung des Kunstwerks unterbrochen. Von der linken Seih
des Bildes ist ein anderer Händler eingetreten. Auch ee
rechnet auf den Schönheitssinn, auf die Besitzeslust mnd auf
das Geld des reichen Römers. Er führt ihm eine junge
schöne Sklavin zu. Mit dreister Hand dem sich sträubenden
Mädchen das Gewand von den Schultern nehmend, während
es mit unwillkürlicher Bewegung des erhobenen Armes das-
selbe zurückzuhalten oder sich mit dem Arme zu verdecken
trachtet, entblößt er den reizenden Körper der Sklavin vor
dem Blick der beiden Männer. Sie sind Beide von der
Schönheit des Mädchens überrascht und geblendet. Der
Kunstfreund hält die Vase in der Hand, schwankend, für
welchen Gegenstand, für welchen Ankauf er sich entscheiden
solle, doch meinen wir ihm anzusehen, daß die Vase den Sieg
behaupten werde. Die Wahl des Jünglings würde, nach
seinen leuchtenden Blicken zu schließen, wahrscheinlich eine
andere sein, aber das Auge des Sklavenhändlers hängt for-
schend und ausschließlich an des älteren Mannes Mienen, auf
dessen Wohlgefallen an der Sklavin er seine Rechnung ge-
macht hat. - Das ist Alles sehr schön gemalt. Der Aus-
druck in den Köpfen der verschiedenen Personen ist, bis aus
die in allen solchen Darstellungen unberechtigte und über-
triebene Verschämtheit der Sklavin, sehr bezeichnend. Man
vergißt den Kopf des antiken Kunstfreundes nicht leicht; man
erinnert ßch wahrscheinlich des Raumes, in dem er sich be-
findet, lange. Man hat mit dem Bilde möglicher Weise eine
auf ernsten Studien beruhende Darstellung aus der alten
Welt erhalten. Das theegrüne Gewand des Jünglings sticht
hübsch gegen das Untergewand und den jugendlichen Kopf
und Körper ab. Die Sklavin ist ein schöner Mädchenleih,
der Arm, den sie emporhebt, ist so plastisch und so rund her-

=- ZFF -
vortretend, daß man ihn anfassen zu können meint und sich
kaum wundern würde, wenn er sich bewegte. Aber - in
sich wahr dünkt mich der Vorgang nicht, und darum glaube
ich ihn für die Dauer auch nicht fesselnd. Es ist ein mit
Meisterschaft gemaltes, mit Absicht zusammengestelltes Allerlei.
Die Menschen in dem Bilde, so schön sie sind, gehören mit
in die Ausstaffirung. Der Vorgang ist erfunden, um solche
Menschen in solche Umgebung hineinmalen zu können. Dem
Bilde liegt kein zusammenhängender, kein uns ergreifender
Gedanke zu Grunde, und die Größe der Gestalten macht die
Kleinheit und Geringfügigkeit des gemalten Gegenstandes nur
noch fühlbarer. Trotz all seiner Farbenherrlichkeit kommt
das Bild mir geistig leer vor; und ganz dasselbe möchte ich
von dem zweitcn Bilde behaupten, das ebenfalls für Paris
bestimmt war.
Eine vornehme Römerin, auch aus der altrömischen
Welt, ist bereit, in eine reich geschmückte Gondel einzusteigen.
Eine andere noch jüngere Schöne sitzt bereits in der Barke
und sieht unter dem Zeltdach mit einladendem, Blicke zu dem
Beschauer hinaus. Ein Knabe lagert auf dem Gelände am
Hafen. Ein Bettler, eine Tafel um den Hals gehängt, welche
die Leidensgeschichte des Schiffbruchs darstellt, den er erlitten
hat, spricht die vornehme Dame um ein Almosen an; und
das blonde Haupt mit den halbgeschlossenen Augen ein wenig
nach ihm hingewendet, schreitet sie an ihm vorüber. Wie
das erste Bild durch die Tiefe der Farben wirksam ist, so ist
es das zweite durch sein helles Licht und durch die fast durch-
sichtige Klarheit desselben. Indeß auch dies Bild kommt mir
für sein Motiv zu groß vor. Es gehört für Denjenigen, der
in einem Kunstwerk mehr zu finden verlangt als einen an-
genehmen Eindruck auf die Sinne, in den Bereich der schönen,
farbigen Schaugerichte. Man erinnert sich ihrer, erinnert sich

ZgZ -
ihrer sogar gern, ohne daß sie irgend Etwas in uns geförder
oder wachgerufen hätten.
Ein drittes nicht vollendetes Bild, mit Gestalten, die
kaum halbe Lebensgröße haben, hatte für mich einen
bei weitem größeren Reiz, weil Inhalt und Umfang einander
besser entsprachen. Eine Gesellschaft von Männern - eben-
falls altrömischen - sind in der weinumrankten Veranda vor
einer Villa, die, irre ich nicht, auf das Meer hinausschaut,
um ein Mahl gelagert, und sehen dem zierlichen Gliederspiel
einer, nur mit einem Schurze bekleideten schönen Sklavin zu,
die sich zwischen den in dem Boden aufgesteckten Messern in
geschicktem Tanze mit sicherer Anmuth ihren Weg sucht. -
Wenn die Ausführung, wie das bei Siemieratzky nicht anqers
zu erwarten ist, der Arbeit ihren letzten Glanz verleiht, wird dies
Bild ein sehr gefälliges werden. Alle diese Bilder sind jedoch,
obschon man sich darin gefällt, sie als historische Bilder zu
bezeichnen, so weit ich es verstehe, trotz ihrer Größe, Genre-
bilder. Es ist nicht der Umfang, sondern die Art des Ge-
dankens, die einem Bilde das historische Gepräge giebt. Das
Porträt Bertin de Vaux's, des Begründers der Debats, von
Ingres gemalt; Adolf Menzel's ,Friedrich der Große und
seine Tafelrunderr sind, obschon das erstere nur ein reines
Porträt ist, und die Figuren auf dem andern nur klein sind,
fraglos historische Bilder. Daß aber Siemierazky, der sich
für die Pariser Ausstellung in solchen großen Genrebildern
aus der antiken Welt erging, auch des wirklichen historischen
Erfassens fähig ist, das konnte man mit wahrhafter Genugs
thuung an dem untermalten Christusbilde erkennen, welches,
vorläufig noch dem Auge der Besuchenden ferngerückt, hoch
oben von der Seitenwand herniedersah, und meine Blicke ge-
waltsam an sich festhielt, während unten rund um mich her
eine elegante Gesellschaft vornehmer Männer, schön geputzter

==- Zg9 --
Frauen, Offiziere und Geistliche, mit und ohne Ordenszeichen,
mit und ohne Augengläser, in aller Länder und Völker
Sprachen das Lob des in der That sehr tüchtigen Meisters
verkündete. Ein Buch war neben einem Schreibzeug auf
einem mit persischer Decke behängten, reich mit schönen
Geräthschaften und frischen Blumen bestellten Schreibtisch auf-
gelegt. Eine kostbare Schaale daneben war für die Visiten-
karten bestimmt. Man schrieb seinen Namen ein oder gab
seine Karte ab. Der Meister hatte ,Empfang' nach neuer
römischer Künstlersitte, ohne, wie es sonst wohl geschieht, in
Person zu empfangen. - Es war so Etwas, wie in den
Bildern von Leonardo's und der anderen Maler Ateliers,
wie in den Kupferstichen, deren ich zu Anfang dieses Briefes
gedachte.
Während ich nun so da stand und mir die Herrlichkeiten
der Werkstatt und die vollendeten und unwollendeten Bilder
und die bunte Fremdengesellschaft betrachtete, drängte sich mir
imnerlich, durch eine sehr natürliche Gedankenverbindung, die
Frage auf: Worin liegt es, daß die Bilder von Veronese,
daß seine Festgelage, daß seine Hochzeit von Gana, die doch
auch nichts als ein Festgelage, als eine Art von Vorwand
für die Darstellung schöner Menschen in reicher Kleidung
innerhalb architektonisch schöner Umgebung ist, worin liegt es,
daß diese Vorwürfe entschieden anders auf uns wirken als
diese neueren, an sich gauz vortrefflichen Bilder? Daß es
uns nicht einfallen kann, sie genrehaft zu finden, daß wir sie
unbedingt als historische Bilder betrachten? Daß es uns kaum
auffällt, geschweige denn stört, wie der Heiland in seinem
traditionellen Gewande mitten unter den schön gekleideten
Venetianern an der Tafel sitzt? Daß dieses Absehen von
der historischen Wirklichkeit, neben der anderweitigen Neber-
legtheit und Durchdachtheit des Bildes und seiner Aus-

= ZJß -
führung, unsern Genuß durchaus nicht beeinträchtigt? Worin
liegt es, daß diese Bilder uns, so wie sie sind, naturwüchsig
erscheinen, und daß wir sie auf uns eben deshalb unbefangen
wirken lassen?
Vor den Nerobildern von Kaulbach und von Piloty,
vor den Bildern von Tadema und von Siemieratzky fragen
wir uns, vielleicht eben weil ihnen die genauen historischen
Studien der Künstler zum Grunde liegen: war es denn da-
mals so? sah es so aus, wie sie es schildern? =- Es wird
ein historisches, ein ethnographisches Interesse in uns an-
geregt. Dem Studium des Künstlers, das wir nicht über-
sehen können, tritt unser prüfendes Urtheil, tritt der Zweifel
entgegen; und gelingt es dem Bilde, diesen in uns zu über-
winden, so sind wir in erster Linie mit dem Wissen des
Malers und mit unserer Belehrung zufrieden. Vor der
historischen Unbekümmertheit der alten Meister fragen wir uns
gar Nichts. Es ficht uns nicht an, wenn die Tracht der
Kriegsknechte, die den Heiland umgeben, eine völlig unge-
hörige ist; wenn auf den Bildern die Juden wie italienische
Bürger gekleidet sind; wenn der schöne Jüngling der auf
dem Rafaelischen Sposalizio den Stab über seinem Knie zer-
bricht, die Tracht eines ritterlichen Pagen trägt. - Wir
nehmen es einfach, wie sie es bieten. Wir glauben, wie sie
glaubten. Was ihnen die Hauptsache war, wird dies auch
für uns; und vielleicht ist es gerade die Unbefangenheit, mit
welcher die ganze Kraft ihrer Phantasie auf ein Ziel, auf
ihr bestimmtes Ziel gerichtet ist, die unsere Phantasie in
Banden schlägt und uns dazu bringt, uns nach dieser Seite
hin kritiklos und rein genießend ihnen hinzugeben.

Kapitel 27

= ZH! -=
iebenunlzwanzgs« »mef.
T=s- I
Die Ateliers von Vertunni, Antokolski und Epekiel
in Rom.
Nizza, den W. Mai 187s.
In dem Rückerinnern an das alte, uwwergleichliche,
geliebte, ungesunde Rom habe ich Ihnen neulich von der
Werkstatt eines nicht deutschen Künstlers gesprochen; ich will
auf dem Wege fortfahren und Ihnen, heute noch, ehe ich gen
Norden ziehe, von eines Jtalieners, eines Russen und eines
Deutsch-Amerikaners Atelier ein paar Worte sagen
Zunächst von Vertunni, der sein Atelier auch in der
Via Margutta hat. Er ist, nach dem Urtheil seiner Lands-
leute und der anderen Künstler, der erste unter den italienischen
Landschaftern, und daneben ein feiner, geistreicher und sehr
gebildeter Mann auf des Lebens schöner Mittelhöhe. Er hat
sich, wie fast alle neueren Jtaliener, nach den Franzosen ge-
bildet, aber mir erscheint seine Auffassung der Landschaft, soll
ich sagen, lyrischer oder sinniger als die der Franzosen, so
weit ich dieselbe kenne. Er hat viel von der Welt gesehen,
hat mit verständnißvoller Hingabe an die Natur ihre
wechselnden Erscheinungen in sich aufgenommen. Land und
Meer, Berg und Thal, Sturm und Sonnenschein weiß er,
immer stylvoll und immer deutlich zu uns sprechend, fein und
kraftvoll wiederzugeben. Ich habe orientalische Bilder von
ihm gesehen, die in ihrer gewagten farbengewaltigen Nach-
ahmung augenblicklicher Beleuchtungen an Hildebrand er-
innerten, und daneben so sanste, vom Sonnenlichte kaum
durchdrungene Frühnebel auf dem Meere, daß ein alter

== ZIF -
Niederländer oder daß Dücker sie auf seinen träumerischen
Marinen nicht naturwahrer gemalt hat. Dazu ist er auch
nicht einförmig in dem Format, ich meine nicht in der Größe
seiner Bilder, obschon nicht allen Malern so wie ihm kleine
und große Arbeiten gleich gut gelingen. Aber es liegt in
der Art und Weise der üblichen, regelmäßig oblongen Land-
schaftsbilder zuletzt, ohne daß man sich dessen immer klar
bewußt wird, etwas Ermüdendes. Es langweilt schließlich,
immer die Bilder von s Fuß Länge und S Fuß Höhe, oder
dies nämliche Verhältniß auf größere Dimensionen übertragen,
vor Augen zu sehen; und wenn dies auch nicht das Wesentliche
an der Leistung und dem Werthe eines Kunstwerkes ist, ist
es nicht ohne Einfluß auf den Antheil, welchen wir an dem-
selben nehmen.
Es begegnet uns ja oftmals bei unserm Wandern, daß
wir durch eine mäßige Weitung einen überraschenden und
eben, weil er eng umrahmt ist, um so schöneren Ausblick in
das Freie gewinnen. Es kommt vor, daß wir von einem
bestimmten Standpunkte eine verhältnißmäßig lang ausge-
dehnte Strecke vor uns sehen. Gelingt es dem Maler, uns
dies in einem Bilde, das beträchtlich höher als breit ist, oder
in einem Bilde, das, von der Regel abweichend, beträchtlich
länger als hoch ist, zu verdeutlichen, so trägt er zur Belebung
dessen, was wir in der Wirklichkeit gesehen haben, ganz
entschieden bei, und erspart uns die Langeweile des ewigen
s Fuß zu Fuß.
Vertunni hat diese Abweichung von dem Herkommen,
das so leicht handwerksmäßig wirkt, in vielen der Bilder, die
ich in der Reihe von Sälen gesehen habe, welche sein Atelier
ausmachen, mit großem Glücke ausgeführt. Auch in anderen
Werkstätten, wie in der unseres Landsmanns Lindemann-
Frommel, habe ich verschiedenformige schöne Bilder gesehen, die

= ZHZ -
nach Karlsruhe und nach Paris gegangen sind. =- Leider
waren durchweg in diesem Jahre in den Ateliers mehr Bilder
anzutreffen, als den Künstlern lieb sein konnte, so sehr es uns
zu Statten kam. Die Zahl der Fremden war geringer als
in anderen Zeiten. Die Russen und ihre südwestlichen Grenz-
nachbarn fehlten. Auch Amerikaner waren weniger als sonst
in Rom, und die politischen Verhältnisse machten die Leute
zu Ausgaben nicht geneigt, die unterlassen werden konnten.
Dazu winkte aus der Ferne die Pariser Kunstausstellung, und
nach dieser sind denn auch viele der Bilder hingesendet worden,
an denen wir im Winter uns in Rom erfreuen durften.
Abgesehen aber von seinen Gemälden ist Vertumni's
Werkstatt eines der ausgewähltesten Museen für das Kunst-
handwerk, für das er Vorliebe hat, und dessen Herunter-
kommen in den letzten Jahrhunderten er auf die gesamnmten
politischen und sozialen Verhältnisse zurückführt. Die Unter-
haltung über diesen Gegenstand, in die wir uns völlig unge-
sucht und zufällig mit dem uns damals noch fremden und
tiefdenkenden Manne verwickelt fanden, zog mich eben so sehr
als seine Bilder an. Er hat seiner Zeit mit seiner Person
für die Befreiung seines Vaterlandes eingestanden, hat, wie
so Viele von uns, an die Möglichkeit geglaubt, große soziale
Umgestaltung durch guten opferfreudigen Willen rasch voll-
bracht zu sehen, und steht jetzt, wieder ebenso wie Viele von
uns, mit schmerzlichem Zweifel vor den großen Fragen, deren
Lösung, vor den Hoffnungen, deren annähernde Verwirk-
lichung die Zukunft der Menschheit noch zu bringen hat.
Ich habe in diesen Briefen schon einmal von der durch
die Jahrhunderte vererbten Handgeschicklichkeit, von der Kunst-
fertigkeit und dem feinfühligen Schönheitssinn der Römer
gesprochen. Vertunni's Sammlungen sind dafür ein herr-
licher Beleg. Denn von dem Betrachten seiner Arbeiten und
J. Lew ald, Reisebriefe.

ZHT -=-
seiner Kunstschäte, seiner Truhen, seiner inkrustirten Möbel,
seiner schönen Teppiche und Waffensammlungen kommend,
findet man die Fortsetzung dieses künstlerischen Könnens an
allen Ecken und Enden. An allen Ladenfenstern hängen
Bilder, Aauarelle und Delgemälde jeder Art, von Jtalienern
gemacht, zum Kaufe aus. Es ist meist Mittelgut, es sinh
meist Veduten, kleine Genrebilder, einzelne Figuren in dem
und jenem Kostüm. Indeß die ganze große Menge dieser
malerischen Fabrikarbeiter - ich weiß sie nicht anders zu
bezeichnen - hat eine große Leichtigkeit im Skizziren, und
auch im fabrikmäßigen Kopiren sehr viel Sicherheit. Die
Preise dieser Dinge sind nicht hoch, selbst für unser Einen
nicht, und die Sachen sind doch immer danach angethan, in
unseren grauen Wintern uns das Auge zu vergnügen. Ihr
Himmel, ihre Farbenfülle giebt den Leuten kecke Farben.
Wenn ich manchmal Abends, an den Kunsthandlungen in der
Via Condotti vorübergehend, die dort ausgestellten, mit
blendendem Gaslicht effektvoll beleuchteten Bilder angesehen
habe, haben ihre dreiste Frische, ihre Farbe und die Gegen-
stände mich erfreut - obgleich ich sehr viel bessere Sachen
kannte und solche vielleicht an dem nämlichen Tage erst gesehen
hatte. Ich dachte dann immer an Regen und Schnee, an
lichtlose Wochen und Monate, und wie solch ein bischen
Farbe mir bei 1, 1 Grad Kälte die Seele erwärmen
würde!
Und nicht allein die Maler, auch die Tischler, Holz-
schnitzer, Inkrusteure, Stuckateure, die Bronzearbeiter und
Mosaikisten, die Gemmen - und Kameenschneider sind sehr
geschickt und arbeiten außerordentlich billig. Bilderrahmen,
Porträts in Muscheln geschnitten, wie alle in diesen Bereich
schlagende Dinge kauft man nirgend besser als in Rom.
Selbst die Leute aus dem Gebirge bringen die eigenartig

-= ZJ -
gestickten oder gewirkten, halbwollenen Sciuciaren - Schürzen,
die sich zu kleinen Teppichen und Decken gut verwenden lassen,
für geringes Geld zu Markte; und wie der Verkäufer von
Apfelsinen oder Oliven und Kürbiskernen, aus angeborner
Lust am bunten Schmuck, ein paar grüne Zweige, ein paar
Hahnenfedern oder einige frische Blumen an seinen Korb und
an die Wagschale befestigt, so weiß jeder Verkäufer in Rom
seine geringsten Sachen so gut auszulegen, daß man vor ihnen
stehen bleibt und - trotz aller Besonnenheit und gewohnter
Neberlegung immer mehr kauft, als man beabsichtigt hat,
weil Alles so hübsch, weil es billiger als zu Hause ist, und
weil sie sich zu Hause doch darüber freuen werden.
Die Bildhauer haben es nicht nöthig, so wie die Maler
an den farbigen Hintergrund für ihre Arbeiten zu denken.
Thon und Gyps und Marmorstaub verbieten die Herrlichkeit
der Teppiche von selbst, und die Wände in der Werkstatt des
russischen Bildhauers Antakolski außerhalh der Porta del
Popolo sind grau und leer, wie sich's von selbst versteht.
Ich war im Winter einmal hingegangen, seinen sterbenden
Sokrates zu sehen, von dem man mir gesprochen hatte.
Antakolski selber lebt gegenwärtig in Paris, läßt aber in
Rom seine Marmorarbeiten ausführen.
Das ist ein sehr merkwürdiges Werk. Eine sitzende
Statue über Lebensgröße. Auf einem breiten antiken Sessel
eine mächtige, breitbrüstige Gestalt, die Kopfbildung streng
nach der schönen Sokrates - Büste in der Villa Albani. Das
Gift hat seine Wirkung zu thun begonnen, der schalenartig
geformte Becher ist der erstarrenden Hand entsunken. Er liegt
era r.-
AA

== ZHs -
von dem Gewand verhüllt, strecken sich weit nach vorn aus,
die Füße, breit von einander abstehend, sind auf die Fersen
gestützt, so daß die Sohlen der Sandalen sichtbar werden.
Der Kopf senkt sich auf die Brust, ein wenig nach der linken
Schulter hin. Der linke Arm hängt schlaff zur Seite des
Sessels nieder. Die rechte, im Erstarren leise zusammenge-
krümmte Hand ruht auf dem Polster des Sessels. Das
weite Gewand, das vom Oberkörper herabgesunken, denselben
bis unter die Brust entblößt zeigt, ist in wenigen flachen
Falten über den Leib und die Kniee gebreitet. Der Ausdruck
des Kopfes zeigt den fürchterlichen Ernst des eben eintretenden
Todes.
Es ist ein Werk von ganz ungewöhnlicher Kraft, er-
schütternd bis in das Mark. Man verstummt vor dieer
Naturtreue und Wahrheit, und wer es einmal gesehen hat,
vergißt es niemals, wie ich glaube. Der Körper ist fast
plump zu nennen, der Kopf ist eben unschön, die Behandlung
von allem geflissentlichen Gefallenwollen ganz und gar ab-
sehend. Es ist ein Naturereigniß mit nackter Naturwahrheit
wiedergegeben, und darauf beruht die Wirkung, die es mnacht.
Ich erinnere mich nicht einer ähnlichen Arbeit, einer solchen
trockenen, kalten, man möchte sagen, grausamen Wiedergabe
der Natur durch einen Bildhauer. Aber der vielfachen
Süßlichkeit gegenüber ist diese Behandlungsweise ebenso
beachtenswerth als lobenswerth. Antakolski ist ein selbst-
ständiger und eigenartiger Geist. -- Auch seine anderen
Arbeiten geben davon Zeugniß. An zweien derselben paßt
sich seine strenge, harte Behandlungsweise dem Gegenstande
ganz vorzüglich an.
Das eine ist die ebenfalls sitzende Statue Jwan's des
Schrecklichen. Die russische Tracht mit ihrer halborientalischen
Mütze, an die Dogenkleidung mahnend, macht sich, so wie sie

hier benutt ist, ganz vortrefflich. Die Figur ist lebensgroß.
Ein aufgeschlagenes Buch auf dem rechten Knie, die eine Hand
auf dem Buche liegend, den scharf geschnittenen Kopf voll
harter Züge tief gesenkt, die Brauen zusammengezogen, sitzt
der Czar im finstersten Brüten ganz in sich versunken da. Es
ist eine merkwürdig einheitliche Arbeit, und eigentlich ist es
sehr auffallend, daß von dieses Künstlers Werken, so viel ich
weiß, gar keine Photographien bei uns bekannt geworden sind.
Eine Büste Peters des Großen, im dreispittzigen Generals-
hut, in voller Uniform ist sehr schön gemacht. Außerordentlich
schön aber dünkte mich ein Grabmonument, das man eben
dabei war, in Marmor auszuführen. Und auch dieses war
ganz eigenthümlich. Auf der obersten von drei einfachen
Treppenstufen sitzt eine junge Russin. Der Nationaltypus ist
unverkennbar. Ein ganz schlichtes, hemdartiges langes Ge-
wand ist unter dem feinen Busen einfach gegürtet. Es läßt
den Hals frei und die Arme, die in müder Traurigkeit über
die Kniee zusammengelegt sind. Die Hände sind inbrünstig
und fest in einander gefaltet, das liebliche schwermüthige Haupt
geneigt, das glatte Haar fließt an den schmalen Wangen lang
hernieder.
Noch jetzt, da ich die Worte niederschreibe, kommen mir
die Thränen in die Augen. Ich weiß mir kaum eine rüh-
zendere Grabfigur zu denken. Es ist Shakespeare's ,Geduld
auf einem Monument!'' und eine so einfache, liebliche Gestalt,
wie sie dem Künstler nur in dem glücklichsten Augenblick einmal
gelingt. - Von Antakolski ist vermuthlich noch Bedeutendes
zu erwarten. Freilich weiß ich von ihm selber Nichts. Nicht
einmal, ob er noch jung oder ob er schon seit lange in so
ausgezeichneter Weise thätig ist.
Ein BildhauerAtelier ganz anderer Art, und an sich auch
eine Merkwürdigkeit, die eben nur in einem Orte wie Rom

== ZJZ -=
u Stande kommen kann, ist die des jungen amerikanischen
Bildhauers Ezekiel.
Ezekiel stammt von jenen einst aus Portugal vertriebenen
Juden ab, die in Holland Zuflucht fanden. Die Erinnerungen
und Verbindungen seiner Familie reichen an Spinoza hinan.
Aber die Familie ist ausgewandert, hat in - ich glaube
Virginia - sich eine neue Heimath gegründet, und der junge,
von Eltern und Großeltern für den Handel bestimmte Mann
hat, sechszehnjährig, den Krieg in den Reihen der Südstaaten
mitgemacht. Nach Beendigung desselben hat er, da er jeder
eigung für den ihm zugedachten Beruf entbehrte, während
sein ganzer Sinn auf die Kunst, auf die Bildhauerei gestellt
war, es endlich durchgesett, daß man ihn seinen Willenkhaben
und nach Europa reisen ließ, wo er in Berlin der Schüler
von Siemering wurde und sich den Preis der Meyerbeer-
Stiftung errang. Das machte es ihm möglich, nach Rom zu
gehen, und dort hat er seit mehreren Jahren festen Fuß
gefaßt und sich die originellste Werkstatt ausgefunden.
Wenn man vom Quirinal und der Via di quattro
Fontane kommend, die Via del. Venti Settembre durchschritten,
die Aqua Felice mit der Fontaine, an welcher Moses das
Wasser aus dem Fels hervorzaubert, zur Linken gelassen hat,
und an dem Theil der Diokletiansthermen vorübergegangen
ist, in denen sich die Kirche von St. Maria degli Angeli mit
dem dazu gehörigen Karthäuserkloster befindet, welches jetzt das
Blindenhospital geworden ist, so befindet man sich auf der
Piazza di Termini. - Der Platt, halbwegs noch ungepflastert
und eine Art von Anger, ist mit Bäumen bepflanzt, die,
tüchtig in die Höhe gewachsen, schon angenehmen Schatten
geben. In der Mitte des Plates, den man mit Bänken ver-
sehen hat, sprudelt, auf gut römisch, ein kräftiger Wasserstrahl
aus weitem Becken hervor, in das er mit lautem Plätschern

-= ZHß -
niederfällt. Der Platz ist immer voll Soldaten, voll spielender
Kinder; auch Geistliche ergehen sich dort viel oder sitzen lesend
unter den Bäumen.
Vor sich hat man den Bahnhof, rechts daneben die noch
stehenden Einfassungsmauern der einstigen Villa Negroni, in
der wir noch vor zwölf Jahren allerlei sehr interessante, aber
schon äußerst verfallene Malereien sahen. Weiter zur Linken
thun sich die großen Straßen und Plätze der Neustadt auf,
die, auf dem Grund und Boden der früher den Jesuiten
gehörenden Vigne Macao gebaut, bis an die Stadtmauer
reicht, durch deren eisernes Gitterthor zwischen und über den
Pinien die blauen Berge der Campagna in die Stadt
hineinsehen.
Wendet man sich dann von diesem verlockenden Schauspiel
ab, so hat man einen von den riesigen uralten Mauern ges
bildeten halbrunden Winkel der Diokletiansthermen hinter sich,
in dem, auch auf gut römisch, das tägliche Leben und Gewerbe
es sich bequem gemacht haben. Höhlen oder Wölbungen, in
denen große Holzniederlagen sind; Höhlen, in denen Fiaker
und andere Kutscher auf gut Glück und ohne darin etwas
zu bauen oder zurecht zu machen, ihre Remisen und Stallungen
haben.
Dann rechts in diesem Winkel mit einem Male ganz
unerwartet die Spuren einer ordnenden Menschenhand. Eine
Art von neuer Aufmauerung, eine Treppe, führt zu einem
oberen Stockwerk der Thermen empor. Unter dieser Treppe
hat ein Weinwirth seine Osterie errichtet. Auf Bänken vor
der Thür sitzt meist viel Volk: Kärner, Kutscher, deren Wagen
auf dem Platze halten, und viel Soldaten. Denn die Piazza
d'arme und eine der Kasernen sind in der Vigne Macao, und
es ist Alles leere Redensart, was von der großen Mäßigkeit
der Römer gefabelt wird. Sie essen sehr stark, wenn sie es

== Zß --
dazu haben, Männer sowohl als Frauen, und die Männer
trinken sehr viel.
eber der Osterie, auf den ziemlich hochgemauerten Wangen
der Treppe, ragt allerlei Grün hervor. Ein paar junge
Bäume, einige der großen hier in Kübeln leicht gedeihenden
Pflanzen, gucken über die Treppenwand hinüber. Ein Marmor-
bruchstück hier, ein anderes dort auf dem Simse, ein drittes,
ein viertes eingemauert in die Wand. Man blickt hin, man
wird neugierig, man steigt die mit kleinen Steinen kordonaten-
artig gepflasterte Treppe in die Höhe, und wieder begegnet
man hier einem Stück von einem antiken Torso, daneben
einem Apollokopf von Gyps. Nun steht man vor einer neuen
Thüre in dem alten Bau. Ein großes Fenster, aus kleinen
runden Scheiben mittelalterlich zusammengesett, zeigt, daß der
alte Bau bewohnt ist. Man klingelt, die Thür öffnet sich -
und der phantastischste Anblick thut sich vor uns auf. Hoff-
mann und Callot und die orientalischen Märchen hätten kein
eigenthümlicheres Durcheinander erfinden können, als es die
Laune des Bewohners dieser Höhle hier zusammengebracht hat.
Denn es ist, so wie es ist, durchaus eine riesige Höhle, nur
keine unterirdische, sondern eine über der Erde, in welcher
Ezekiel wohnt und seine Werkstatt hat.
Der Raum ist sehr groß! hoch, sehr hoch! Es sind eben
die Maßstäbe der römischen Kaiserzeit in einem ihrer größten
Bauwerke. Nackte, kahle, graue Wände, wie die Zerstörung
durch die Zeit und durch Erdbeben und durch Kämpfe aller
Art sie uns anderthalb tausend Jahre nach der Gründung der
Thermen in den Resten des alten Baues hinterlassen hat.
Der kleinen Eingangsthür gegenüber ist ein dem Raume
angemessener, von Karyatiden getragener Kamin mit hohen,
breitem Sims und Rauchfang. Es ist kein Schornstein das
hinter. Der Besityer hat ihn aus Thon und Gyps erbaut und

- Zs -
mit Farbe dem Farbenton seiner Höhle glücklich angepaßt. In
der Außenwand eben das große Fenster mit den runden
Scheiben; von der Decke niederhängend ein mächtiger alter
Kronleuchter aus Messing, der einst, wer weiß es welchen
Fürstensaal erleuchtet hat. Amerikanische Flaggen über dem
Kamin; ein Gobbelinteppich an dieser, ein anderer an jener
Seite. Ein Thronbett aus der Zeit Napoleon's l. mit verblaßten,
grünseidenen Gardinen, dann wieder ein breites, ehrliches
Schlafsopha. Alte Schränke mit so viel Hausrath, als ein
Junggeselle nöthig hat, eine Anzahl anspruchsloser Freunde zu
bewirthen. Alte Truhen, alte Tische, alte Stühle und Lehn-
sessel. Schöne kleine und größere Oelgemälde, Geschenke
von Freundeshand. Hier Nachbildungen von Antiken, dort
wieder Gypsarbeiten, die der Künstler sich zur Schmückung
dieses Raumes skizzenhaft gemacht hat: Kindergestalten, Thier-
köpfe zwischen allerlei Spielereien. Von der Krone nieder-
hängend ein Luftballon als Feuerzeug, den junge amerikanische
Freundinnen diesem Durcheinander einverleibt. - Es ist ein
wahres Kaleidoskop von Andenken, ein Ding, das, wenn man
es vollständig zergliedern wollte, sich in Nichts auflösen würde,
und das, so wie es vor uns als ein Ganzes dasteht, uns als
ein Einziges überrascht und wohlgefällt, und an das man mit
Heiterkeit zurückdenkt.
Ich für mein Theil würde freilich in einer derartigen
innerlich zusammenhanglosen Umgebung weder zu leben noch
zu arbeiten fähig sein. Ich glaube, meine Phantasie hielte
nicht dagegen aus. Ich würde um mich her Alles lebendig
werden sehen mit wachen Augen, und in der Nacht erst
recht nicht Ruhe finden, wenn alle die einstigen Besitzer aller
dieser hier zusammengebrachten Herrlichkeiten sich mir dar-
stellen und zwischen ihrem Eigenthum herumwanken und herum-
huschen würden. Aber der junge Sohn des fernen Westens

-=- ZsF --
hat andere, festere Nerven als eben ich. Er hält es ohne
Menschenfurcht und ohne Scheu vor Gespenstern in diesem
ganz abgeschiedenen Bau schon seit Jahren einsam aus. Der
kleine, breitschulterige, krausköpfige Mann mit den schwarzen,
flammenden Augen, mit den energischen Gesichtsformen und
dem festen Mund und Kinn sieht eben aus, als stände er
im Nothfall seinen Mann; und er weiß auch, was er will.
Auf dem Hintergrunde dieser im eigentlichen Sinne
romantischen Werkstatt erscheinen die Statuen und der klare
weiße Marmor für mich wie ein ganz Fremdes. Eine ver-
kleinerte Nachbildung des Denkmals der Religionsfreiheit,
das der junge Künstler für Philadelphia ausgeführt hat,
nimmt die Mitte seiner Werkstatt ein. Die Jdealgestal, der
Freiheit breitet ihre Hand schützend und segnend über den
an ihrer Seite stehenden Knaben aus, der mit erhobenen,
Armen sein Gebet gen Himmel richtet. Die Stellung
und Geberde des letzteren mahnt an den Adoranten im
Berliner Museum, aber ich bin sehr weit davon entfernt,
dies tadeln zu wollen. Der Jünger in der Kunst thut wohl,
sich an die großen Vorbilder zu halten, die er vorgefunden
hat, und Niemand mehr als gerade die großen alten Meister
haben dies gethan. Die beiden Gestalten sind wohl gegliedert,
gut durchgeführt, und die des Knaben ist besonders fein.
Nur die Vorliebe Ezekiel's für ausgebreitete Hände, wie die
Gestalt der Freiheit und der Knabe sie Beide zeigen, die
erstere sie senkend, der andere sie erhebend, will mir nicht
gefallen, und um so weniger, als annähernd die ähnliche
Bewegung in der Gestalt einer Eva sich wiederholt, welche
Ezekiel, nach der Bedingung seines Stipendiums, im ver-
wichenen Jahre an die Akademie nach Berlin zu senden hatte.
Solche sich ausbreitenden Hände haben, wenn sie nicht sehr
vorsichtig und geschickt behandelt werden, etwas von den

= Z8Z -
Blättern einer Fächerpalme, und wirken namentlich in der
erstgenannten Gruppe, wo sie in der Wiederholung neben-
einander sind, nicht günstig.
Die Eva ist eine schöne, sitzende Frauengestalt, keusch in
der Nacktheit. Die Schlange ist von der linken Seite an sie
herangeschlichen und erhebt sich neben der Erschreckenden, die
in angstvoller Abwehr, eben mit ausgebreiteten Händen, sich
von ihr wendet. Die Bewegung ist entsprechend und lebhaft,
der Ausdruck richtig und nicht übertrieben; und wenn der
junge Künstler auf diesem Wege fortgeht, wird er seinem
Vaterlande, das sehr bedeutende, ja große Bildhauer unter
seinen Bürgern zählt, einst wie diese, Ehre machen. Aber
Amerika beschäftigt seine jüngeren Talente auch. Gerade in
diesem Augenblicke hat man Ezekiel vier große Statuen für
die Ausschmückung eines Museums aufgetragen: die Statuen
Michel Angelo's, Rafael's, und ich weiß nicht welcher beiden
anderen Meister.
Ein paar Marmor -Reliefs, für einen deutschen Privat-
mann bestimmt, ein kleiner weinender Merkurkopf in Marmor,
nach Art der weinenden Kinderköpfe von Fiamingo, waren
hübsch und würden zu besitzen sehr angenehm sein; und der
Entwurf zu einem Reiterdenkmal des General Lee, an welchem
Ezekiel aus freiem Antrieb arbeitete, als ich ihn zum letzten
Male besuchte, war vielversprechend.
Zum letzten Male? Nein! das lezte Mal, das ich in
der Märchengrotte war, in welcher der frohsinnige, gastfreie
junge Mann den ganzen Winter hindurch bald seine ameri-
kanischen, bald seine deutschen Genossen und Freunde in
schlichter römischer Weise bewirthete, bis seine deutschen
Freunde sich gewöhnten, die uralte Halle als das Lokal für
alle ihre improvisirten Zusammenkünfte und Picknicks zu be-
nutzen - das letzte Mal galt es einem Abschiedsfeste.

Zs -
Ein Theil der deutsch-römischen Künstlergesellschaft hate
das Fest zu Ehren meines Schwagers, des Landschafters Pro:
fessor Louis Gurlitt, veranstaltet, der mit seiner Familie,
wieder einmal ganz als deutsch - römischer Künstler unter den
jungen deutschen Künstlern lebend, den Winter in Rom zu-
gebracht hatte.
Für ein solches Künstlerfest war die phantastische Höhle
wie geschaffen. Es fügte sich in diesen Rahmen recht hinein,
in dem das Unerwartetste bei einander zu finden man ohnehin
gewohnt war.
Sie paßten auch in diesen Saal der Thermen gut hinein,
alle die Männer und Frauen in bunt - phantastischer Tracht,
alle, Künstler und Nichtkünstler, Mann und Weib, Jung und
Alt mit epheuumkränztem Haupte. Es fiel in dieser Um
gebung nicht besonders auf, als man auf ihrem Hintergruide
unter den Klängen der Musik mit einem Male die Fontana
Trevi sich enthüllen sah, in welcher jeder Deutsche, der von
Rom zu scheiden hat, eine Opfergabe hineinzuwerfen pflegte,
seit Goethe nach dem Abschied von der Geliebten, eine Rose
der Nymphe dieser Quelle dankbar weihte.
Und sie waren schön anzusehen, dieser Gott des Wassers,
dieser Neptun, diese Nereiden und Tritonen aus Fleisch und
Bein; daneben diese Seerosse und Delphine, die Künstlerhand
in wenig Tagen aus dem Nichts hervorgezaubert hatte. Sie
waren recht schön, die Worte, welche in guten Versen Neptun
den Scheidenden als Segenswünsche auf den Weg gab. Sie
klangen gut, die Lieder, die von kunstgeübter, mächtiger Stimme
durch den Saal ertönten, und jene anderen guten deutschen
Lieder, welche die muntere Schaar bei ihren Umzügen durch
den Saal vernehmen ließ. Lust, Licht, Freundschaft, Frohsinn,
Reden, Gegenreden bei dem vollen Glase überall. Heiterkeit
von einem Ende der mit schlichter Kost besetzten Tische bis zun

Kapitel 28

-- ZJ -
anderen; und zum Schluß die Bilder der Gefeierten, wiederum
Mann und Weib und Sohn und Tochter in Transparent-
Gemälden, mit Jubel bekränzt und mit Jubel begrüßt.
Ich war lange in meiner stillen Stube, als es dort noch
sang und klang!
Wenn er es hätte ahnen können, der römische Welt-
beherrscher, der seinem Volke in dem Prachtbau die herrlichen
Bäder, die begehrten Genüsse und Spiele bereitet hatte, wie
harmlos, wie fröhlich und wie poetisch die nordischen Barbaren
und die Bewohner ungekannter Welten sich eine phantastische
Welt in den Trümmern all der untergegangenen römischen Herr-
lichkeit erschaffen wärden!
Aber derlei kommt in solcher Weise eben auch nur in
dem alten, immer neuen und eben darum auch ewigen Rom
einmal zu Stande!
- Kö- Ns-lss
Fätunlzuallzlgs= ==s-
Lehte Tage im Süden.
Marseille, M. Mai 17s.
Ich erwähnte schon neulich, wie sehr in Nizza für alle
Bequemlichkeit der Reisenden gesorgt sei, aber daß für die
Kurzeit, d. h. für die Zeit vom Dctober bis zu Mitte des
Mai, besondere Eisenbahnzüge eingelegt werden, habe ich zu
erwähnen vergessen. Sie verbinden nach Osten hin Nizza
mit den andern Kurorten, mit Mentone, Bordighera, San
Remo, mit Monaco und San Carlo; nach Westen hin mit
Cannes und den Hyerischen Inseln.

== ZEs -=
Die Fahrt von Nizza nach Cannes währt eine Stunde
Bald hart am Meere, bald ein wenig landeinwärts fahrend,
überschreitet man den breiten, wasserlosen Var, den ehemaligen
Grenzfluß zwischen Frankreich und Jtalien. Vorüber an dem
hoch und malerisch wie eine echt sabinische Gebirgsstadt ge-
legenen Canges, an Antibes mit seinem Leuchtthurm und
seinem befestigten Hafen vorüber, wendet und windet der Zug
sich in und durch das braunrothe Gestein des mit niedrigen
Pinienwäldern bedeckten Gebirges. Der rothe, aus dem
tiefen Blau des Meeres in schroffen Formen emporsteigende
Fels, die dunklen Wälder und die unter dem leuchtenden
Himmel von ferne herüberschimmernden schneebedeckten Berges-
gipfel vereinigen sich zu einem Landschaftsbilde von großer
Schönheit.
So wie man aus dem Gebirge heraus ist, findet man
die lachende Ebene mit Landhäusern, mit Villen übersäet, die
sich näher und näher aneinander reihen, bis man, fast ohne
zu merken, wo die Stadt anfängt, an den Bahnhof von
Cannes gelangt.
Er ist klein und unansehnlich im Vergleich zu dem von
Nizza, dessen Wartesäle schöne Landschaftsgemälde schmücken,
und auch Cantes selbst ist klein. Es macht den Eindruck
eines kleinen Badeortes. Es ist freundlich, es ist auch mit
allen Mitteln für bequemen Lebensgenuß versehen, aber es
verhält sich zu Nizza wie etwa Montreux zu Genf. Dafür
hat es denn wieder den Vorzug, daß man in Cannes das
Leben und Treiben des Hafens stets vor Augen hat, von
dem man, obschon der Hafen von Nizza viel beträchtlicher
ist, dort in den Fremdenauartieren weit entfernt ist und auf
der Promenade Nichts gewahr wird.
In Cannes hingegen zieht sich der Hauptspaziergang in
einer Platanen-Allee, am Hafen beginnend, gegen Osten hin,

=- Z? -
und die Springbrunnen unter den Platanen, so dicht am
Meeresrande, die hübschen Kaffeehäuser, die ganze Einrichtung
haben etwas Einladendes. Einladend sind auch die kleinen
Wagen, die überall für die Fahrt nach den Bergen, nach der
sogenannten Grande Californie bereit stehen, von der man
eine wundervolle Aussicht auf die beiden dicht vor Cannes
gelegenen Lerinischen Inseln hat, auf St. Marguerite
und St. Honorat. Weshalb der Weg und die Bergeshöhe
aber La grande Californie heißen, ist mir räthselhaft ge-
blieben.
Alle halben Stunden fahren aus dem Hafen von Cannes
kleine Dampfboote nach den Inseln hinüber, und neben der
Lust, das einstige Gefängniß des Mannes mit der eisernen
Maske zu sehen, lockten uns die Meereskühle und die dichten
Pinienwälder der Insel. St. Honorat gar sehr dazu, die
Fahrt zu versuchen. Indeß die Hitze hatte uns trotz der
Zeltüberdachung unseres offenen Wagens während der Fahrt
nach der Californie doch sehr ermüdet, wir zogen also die
Ruhe im Kaffeehause am Meere allen weiteren Entdeckungs-
reisen vor, und als ich dann zum zweiten Male auf der
Tour nach Marseille durch Cannes kam, hielt der Zug nur
eben lang genug, um uns auf dem Bahnhofe die Zeit zu
der Bemerkung zu gewähren, daß Camnes an Blüten- und
an Fruchtreichthum nicht zurückstehe hinter Nizza.
Wie in einem der großen Panoramen, die uns Reisen
durch die halbe Welt vorführen und die mir viel genußreicher
erscheinen, als man sie im Allgemeinen findet, flog der inter-
nationale Schnellzug, voll von Wallfahrern zu den Wundern
der Pariser Ausstellung, durch die Tumnel des schönen
waldigen Esterelgebirges, das von Nizza aus allabendlich im
duftigen Schimmer des Sonnenunterganges und in der Ver-
klärung des Vollmondscheines unser Auge entzückt hatte.

=- Zs -
Frejus, St. Raphael, der Landungsort des erste
Napoleon, als er aus Aegypten zurückkam, riefen mir
die Zeiten meiner Kindheit und ersten Jugend zurück, in
welcher die Napoleonslegende noch im Vordergrunde dee
Geschichte gestanden hatte. Wie weit sind wir jetzt davon
entfernt! wie anders hat sich die Welt, hat Deutschland sie
seitdem gestaltet!
Es war schon dämmerig, als wir an Toulon vorüber-
kamen. Als wir Marseille erreichten, war es Nacht.
Vom Bahnhof fuhr man abwärts rasch hernieder. Da
mit Einem Male helles, glänzendes Lichtgefunkel. Breite,
prachtvolle Alleen, unter den mächtigen Bäumen strahlende
Helligkeit. Menschen hier und dort, Singen und Musikt
Es war bezaubernd, wie in einem der Märchen der
Tausend und einen Nacht! Noch eine kleine Strecke und,
wir befanden uns in dem Getriebe der wie im Festes
glanze strahlenden Rue Cannebiöre. - Mein Gott, das
sieht wie Weihnachten aus! rief die junge Person, die
ich mit mir habe. - Ja, wie Weihnachten, aber Weih-
nachten unter grünen Bäumen, unter offenem Himmel und
in warmer Luft. Ich habe selten einen überraschenderen
Eindruck durch eine Stadt empfangen. Die Rue Cannebiöre
hat kaum ihres Gleichen, und man kann den Marseillern
die selbstgefällige Phrase in der That verzeihen: Si
Eaeis aysit une bue Qannebiöre, il serait un getit
laseills!
In dem weiten viereckigen Hofe inmitten des Hotel de
Noailles plätscherte unter freiem Himmel ein grün umrankter
Springbrunnen. Eine Anzahl von Tischen war mit speisenden
Männern und Frauen besetzt. Der Seewind, der vom Meere
kam, bewegte die Aeste der Bäume in dem geräumigen, von
den offenen kleinen Zimmern des Erdgeschosses rings um-

= Zsß -
gebenen Hofe. In vielen dieser kleinen Zimmer tafelte man
bei offenen Thüren ebenfalls. Der ganze Anblick war sehr
fremdartig und hübsch.
Oben aus meinen Zimmern sah ich die Rue Cannebiöre
entlang. Schöne, große Häuser im Renaissance-Styl, glänzende
Läden, vor den Kaffeehäusern Alles voll von Menschen;
Musik hier, Singen dort, wie schon auf unserm Wege. Ein
Leben wie am Tage, nur lustiger, weil Alles sich dem Ge-
nusse und der Muße in der Abendkühle hingab - und es
war elf Ühr vorüber. Seit den Tagen, in denen wir vor
dem Kriege mit Freunden die Abende auf den Boulevards
von Paris genossen, hatte ich ein so heiteres, lachendes
Straßenleben nicht erblickt. Ich konnte mich nicht satt daran
sehen, konnte den Wunsch nicht unterdrücken, daß unsere
Heimat nur einen Strahl dieses fröhlichen Glanzes für
uns hätte!
Am nächsten Morgen der gleiche heitere Anblick. Es
giebt Städte, welche über die Gebühr bewundert und besucht,
andere, die viel zu wenig besucht, viel zu wenig bewundert
werden; und zu diesen letzteren gehört nach meinem Ermessen
Marseille in erster Reihe.
Die erste Kunde oder Beschreibung, die ich in früher Jugend
von Marseille erhalten hatte, war die von Johanna Schopen-
hauer gewesen. Sie hatte mit ihrem Gatten, einem Danziger:
Kaufmann, den Süden von Frankreich bereist; und so weit
in der Welt herumgekommen zu sein, das war vor jenen 60
bis 7 Jahren eine Sache, die einem Menschen, vor Allem
jedoch einer Frau, eine besondere Bedeutung für das ganze
Leben gab. Aber Johanna Schopenhauer hatte nicht zu viel
gesagt von Marseille. Ich für mein Theil kenne kaum eine
eigenartigere Stadt, und wenn man den französischen Städten
Beinamen geben wollte wie die italienischenStädte, wie Genona
F. Lewald, Reisebriefe.

-= Z7ß -
ls superbs, birenrs la hells, Vologna la grasss sie führen, sg
müßte man Nizza die blühende und Marseille die schatten
reiche heißen, denn von Norden nach Süden, von Osten nach
Westen hin sind in Marseille die breiten sich durchschneidenden
Hauptstraßen mit doppelten herrlichen Platanen-Alleen besetzt,
in denen zu beiden Seiten steinerne Bänke zur Ruhe laden
und an den Kreuzungspunkten große Springbrunnen eine
wohlthuende Kühlung spenden.
Marseille steigt ziemlich steil vom Meere an dem bergigen
Ufer empor, und es gewährt einen schönen, überraschenden
Anblick, wenn man von den oberen Stadttheilen kommend,
die breite Allee hinuntergeht, an deren Ende die zahllosen
Masten im Hafen sich erheben, deren Takelage wie ein unge-
heures Netzwerk die ganze Breite der Aussicht bedeckt, daß der
Himmel und das Sonnenlicht wie durch Schleier hindurch
sichtbar werden.
Die Rue Cannebiire ist breit wie die pariser Boulevards,
hat wie diese große, stattliche Häuser, breite Trottoirs, reich
ausgestattete Läden, große Kaffeehäuser, aber Alles ist süd-
licher als in Paris. Alles hat für mein Auge einen gewissen.
orientalischen Anstrich, der nicht nur von all den weit über
die Trottoirs ausgespannten, vielfarbigen Zelttüchern, nicht
nur von den hier mehr als anderwärts ausgelegten orienta-
.lischen Produkten und Waaren herrührt, oder von den Al-
gierern und Orientalen, die man in ihren Nationaltrachten
vor den Kaffeehäusern siten, die man an sich vorüberfahren
oder in ruhigem Schritte ihren Geschäften nachgehen sieht.
Ich glaube, es ist die Art, in welcher die Verkäufer in den
Läden ihre Sachen aushängen, die uns an den Orient mahnt,
wie die Bilder unserer Maler ihn uns kennen lehren.
Der Leinwandhändler hat ein Stück Leinwand in großen
Festons vor seinem Hause angebracht und diese mit farbigen

Handtüchern und farbigen Servietten aufgenommen. Der
Strohhutfabrikant hat sein Haus vom Dache bis zu seinem
Magazin mit Strohhüten von allen Arten und von Formen,
die kein Mensch mehr trägt, so dicht benagelt, wie ein
Schweizer sein Haus mit Holzschindeln. Vor den Fleisch-
waarenhandlungen sehen wir schon von Weitem die in Silber-
papier gewickelten Reihen von Würsten und geräucherten
Zungen von Dijon in langen Guirlanden niederhängen.
Korallen und Bernsteinperlen, Pfeifen und Eigarren, Alles,
Alles ist weit hinausgestellt vor die Fenster. Die Früchtever-
käufer haben ihre Waare zum Theil in großen Kiosks feil
und bauen ihre Vorräthe pyramidalisch auf. Neberall Farbe,
überall die Fülle alles Nothwendigen, alles Wünschenswerthen,
alles Neberflüssigen. Neben dem Luxus und der Zierlichkeit
von Paris, das Derbe und Kernige, was der Seehandel und
das Bedürfniß des Seemanns für die weite Reise fordern.
Da ich in einer Hafenstadt, einer handeltreibenden Stadt ge-
boren bin, hatte dies Letztere einen großen Reiz für mich.
Man hätte die Schätze Monte Eristo's haben mögen, der von
einer der vor Marseille gelegenen Inseln einst entfloh, um zu
kaufen, zu kaufen und noch einmal zu kaufen, um mitbringen
zu können recht nach Herzenslust.
In Nizza, wo man von der Promenade nur selten und
nur in weiter Ferne ein Segel, nur selten einmal die Rauch-
säule eines Dampfers gewahr wird, erscheint das Meer nicht
so wie in Marseille als das länderverbindende Element. Aber
hier, wo dichtgedrängt die Schiffe aus allen Ländern neben-
einander liegen, wo sich in dem Theil des Hafens, den man
La Joliette nennt, die großen Dampferstationen befinden, die
den Verkehr mit Afrika und Indien besorgen, da bin auch
N r=Na
A

==- Z7! -
von Schande sei, wenn der Mensch, ehe er von hinnen geht,
nicht einmal das kleine Stückchen Welt ganz und gar kennen
gelernt und umreist hat, das er die Erde nennt und als seine
Welt bezeichnet.
Es ist ein eigenes Vergnügen, in einer Hafenstadt zu
sein. Die großen Docks, die Lagerhäuser, die prachtvolle
Börse unten am Hafen in der Rue Cannebiöre, die fremd-
ländischen Matrosen, die fremdländischen Produkte, das Alles
führt die Phantasie verlockend in die Ferne. Das Binnen-
land engt die Seele ein; und den Verkehr mit Kaufleuten,
die große, überseeische Geschäfte betreiben, habe ich geistig fast
immer als einen sehr lohnenden gefunden. Aber nicht nur
durch den Hafen zu gehen, ist angenehm. Es ist überhaupt
ein Vergnügen durch die Straßen von Marseille zu wandern,
da sie, weil die Stadt eben amphitheatralisch gelegen ist, fast
überall, nach der Höhe wie nach der Tiefe hin, einen male-
rischen Abschluß bieten. Das ist namentlich auch bei der
Straße derFall, die den Namen des Cours de Belsunce trägt.
Mit Ulmen und Platanen bepflanzt, steigt sie von der linken
Seite der Rue Cannebiöre langsam empor bis zu dem
Triumphbogen, der, wie manche der römischen Triumphbogen,
mit den gewandelten Zeiten seinen Namen ändern mußte.
Ursprünglich dem Herzog von Angoulöme errichtet, wurde er
später Napoleon gewidmet und steht nun herrlich anzusehen
da, während das Kaiserreich niedergeworfen ist.
In der Mitte des Cours de Belsunce befindet sich die
Statue des Bischofs, dessen Namen die Straße trägt. Scenen
aus den Zeiten der Pest, die zu Anfang des Jahrhunderts
Marseille entvölkert, und in welcher der Bischof sich mit großs
artiger Aufopferung der Krankenpflege hingegeben hat, sind
in den Reliefs des Sockels dargestellt. Auch in dem Gesund-
heitsamte finden sich, in den Bildern großer französischer





== Z7Z -
Meister, Erinnerungen an jene Tage; aber auffallend war es
mir, bei meinen Fahrten durch die Stadt keinem Denkmal,
keiner Erinnerung zu begegnen, welche auf die Revolutions-
zeit hingewiesen hätte, in der Marseille und die Marseiller
doch eine so hervorragende Rolle gespielt haben. Nur am
Abende meiner Ankunft hörte ich in der Straße von ein paar
Männerstimmen die ersten Verse der Marseillaise singen, die
mir hier noch ganz besonders klang.
Wenn man ein so heiteres, so blühendes Gemeinwesen
wie das von Marseille vor Augen hat, hat man Mühe es sich
zu vergegenwärtigen, durch welche Noth und durch welche
Leiden es zu Zeiten gegangen ist. Ja man mag kaum daran
denken, was Länder, Städte, Menschen ertragen kdnnen, ohne
zu Grunde zu gehen. Mephisto's Worte kommen Einem un-
willkürlich in den Sinn:
So viel als ich schon unternommen,
Ich wußte nicht ihr beigukommen,
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand!
Geruhig bleibt am Ende Meer und Lnd:
--- Und immer circulirt ein neues, frisches Blut!
Und blühend und lebensvoll wie die Stadt, ist ihre ganze
Umgebung! Schon Frau Schopenhauer hatte mit Erstaunen
von der großen Zahl der Landhäuser, der Bastides, gesprochen,
von denen Marseille umgeben ist, und der Wohlstand dieses
Jahrhunderts hat sie natürlich sehr vermehrt. Gleich von
der Rue Cannebiüre fährt man durch die ebenfalls schöne,
mit den reichsten Magazinen versehene Rue Fereolles nach
dem Prado, einer herrlichen, wohl eine halbe Meile langen
Allee. Villen und Landhäuser liegen zu ihrer rechten wie zu
ihrer linken Seite. Schöne Gartenanlagen bilden ihren An-
fang, und wo sie sich am Ende gegen das Meer hin öffnet,
steht zur Seite des nicht eben großen oder besonders schönen

-= Z?g -=-
alten Museums für die schönen Künste, eine sehr gelungene -
Statue des Bildhauers Le Puget. Gegenwärtig befindet sieh. -
wie ich glaube, die Gemäldegalerie nebst den anderen Museen --
in dem, gm Ende des Boulevard Longchamp gelegenen präch
tigen Palais Longchamp. Aber mein Aufenthalt in Marseill--
war nur auf ein paar Tage angelegt, und aus Rom kommend-
fühlte ich zum Betrachten von Kunstwerken mich um so weniger
geneigt, als der Reiz der Stadt und ihrer Umgebung mich
völlig gefangen nahm.
An der Corniche hinzufahren, vor welcher die Inseln
Chateau dIf, les Jles des Pendus, Pomögue et Ratomneau -'
sich wie Wächter hingelagert haben; hier ein Segelschiff z
sehen, das man mit sichern Ruderschlägen zum Hafen hinaus- -
bugsirt, dort ein anderes, das ein Schleppdampfer hinaus-
bringt, während der große, nach Algier gehende Dampfer mit
der ruhigen Sicherheit eines Pfadfinders, hinter den Inseln
zum Vorschein kommend, seinen gewohnten Kurs einschlägt,
ungehindert durch den ihm entgegenstehenden Wind, ungehin-
dert durch das hochgehende Meer, dessen aufgeregte Wogen
gegen die Dämme anschlugen und ihren weißen Gischt hoch
in die Luft verspritzten das ist ein herrlicher Anblick, ein-
wahrhaftes Vergnügen und die Aussicht von Notre Dame de
la Garde ist wahrhaft großartig.
Gegen den Abend hin, als das Treiben und Arbeiten
im Hafen nachließ, als vor allen Garküchen und Weinwirth-
schaften in demselben die braunen Matrosen und manche von
der tropischen Sonne gefärbte Gestalten die Bänke und Stühle
füllten, sah es in der Stadt und in ihren Alleen noch weit
lustiger als am ersten Tage aus. Alle Bänke und Hunderte
und Hunderte von Stühlen mit Menschen besetzt. Ein fröh-
liches Umhergehen zwischen ihnen, eine strahlende Helle überal,
überall' ein Plaudern, Scherzen und nirgend ein Nebermaß, -

--
-

s
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-

:
-=- Z7J -
nirgend eine Rohheit, so weit ich es beobachten konnte. Man
hätte länger bleiben mögen, als die paar Tage, weil das
Land so schön, die frische Meeresluft so warm, der Eindruck
bes Wohlstandes und der Heiterkeit so gar erfreulich waren.
Aber Zeit und Stunde für die Abreise, für die Ankunft
bei den Freunden waren festgesettt. Spät am dritten Abend
ging es fort von der schattigen, der lebensvollen Stadt am
Meere, landeinwärts durch die Nacht.
In der Frühe fuhren wir an Lyon vorüber, am Mittag
waren wir in Genf. Abends ein Gang durch seine schönen
Straßen, über die mächtige Montblancbrücke. Der Bergriese,
von dem sie ihren Namen hat, lag im rosigen Abendscheine
vor uns. Genf war schön und blühend wie vordem.
Am nächsten Tage eine rasche Fahrt den See entlang,
am Nachmittage Bern, die trotzige alte Stadt.
Heute blickt ihr massiger Münsterthurm zu mir hinüber
über das rauschende Wasser, der grünen, schnellströmenden
Aar, zu dem traulichen, dichtumlaubten Heim, in dem alte,
treue Freundschaft mich umgiebt. Und mein dritter, mein
einsamer Römerzug ist nun beendet. - = Möchten die Er-
innerungen an denselben, die ich in diesen Briefen festzuhalten
suchte, Ihnen lieb sein, so wie mir.

Kapitel 29

=- Z7s -
Nleununlzuanzgs=« =»aef.
s-f=s- Md
Die Hrauen in der amilie und der Socialismus.
Hof Ragaz, den A. Juli 1878.
Der Aufenthalt bei meinen Freunden in Bern war mir
sehr erquickend. Das alte Bern mit seinen alten, originellen,
aber sicherlich sehr ungesunden Laubengängen vor den Häusern,
mit seinem gewaltigen Dom, seinem unvergleichlichen Don
platz auf der Terrasse, und seinen Weitsichten in das Gebirge
erfreute mich wie vordem. Nun sitze ich wieder in diesem
friedlichen Hause, in den gewohnten sonnigen Stuben.
Es ist jettt gerade ein Jahr her, daß ich eben in diesem
friedlichen Hause und eben in diesen Zimmern die deutchen
Frauen gegen die ungerechten Angriffe und Anschuldigungen
einer Engländerin zu vertreten unternahm, und schon in
früheren Fällen habe ich bei verschiedenen Anlässen zu Ihnen
in meinen Briefen zu sprechen versucht, um Ihnen Mancherlei
an das Herz zu legen, das mir der Beherzigung werth
erschien. Dann wieder bin ich bemüht gewesen, manche För-
derung in der Erziehung und in den bürgerlichen Verhält-
nissen für uns zu begehren, und ich habe zu meiner Genug-
thuung mich fast immer einer mich ermuthigenden Zustim-
mung zu erfreuen gehabt.
So hat sich denn für mein Gefühl zwischen mir und
Ihnen ein feststehendes Verhältniß ausgebildet, eine der Ver-
bindungen, die uns antreiben, einander in guten und in bösen
Tagen zu nahen, und mit einander von demjenigen Erlebten
zu sprechen, das eben in dem betreffenden Augenblick den
Sinn beschäftigt.
Ich weiß nicht, ob es Ihnen so ergeht wie mir, ob Sie
in diesem Falle gleich mit mir empfinden? So oft ich im

- Z7? -
Leben innerhalb meines Bereiches ein Unheil habe geschehen
sehen, oder wenn mir nach meiner Meinung ein Unrecht wider-
fahren ist, habe ist immer das Bedürfniß gefühlt, mir zunächst
bie Frage vorzulegen: hätte ich dieses Unheil durch Vorsicht,
durch die richtige Voraussicht abwenden können? Oder: was
habe ich meinerseits verschuldet, daß mir dieses Unrecht ge-
schehen konnte? Ich habe dann, wenn es mir gelang, einen
Fehler in meinem Verhalten aufzufinden, eine doppelte Be-
ruhigung gefühlt. Denn unwerschuldet Unglück zu ertragen,
ist ja überall, wo man nicht Naturnothwendigkeiten, wie dem
Tode zum Beispiel gegenübersteht, noch härter, als sich einen
Fehler einzugestehen, den man in Zukunft vermeiden und
verbessern kann, während man. dabei die richtige und noth-
wendige Folge von Ursache und Wirkung, also etwas Ver-
nunft- und Gesetzmäßiges anzuerkennen hat, was immer eine
Art von Trost gewährt.
Wir Alle, das ganze deutsche Volk, ist in den lettten
Tagen durch Frevelthaten gegen unseren greisen Kaiser erschreckt
worden, welche wir innerhalb unseres Vaterlandes für un-
möglich gehalten hatten; und gleichviel ob man sie als ver-
einzelte Verbrechen einzelner entsittlichter Menschen oder als
die Folge unheilvoller Irrlehren betrachtet, diese Thaten sind
in unserem Volke erzeugt und geschehen. Es tritt also zunächst
mit der Frage: wie ist das möglich geworden? die andere
Frage an uns heran: was haben wir gethan oder unterlassen,
das solche Thaten möglich machen, das Irrlehren annehmbar
machen konnte, vor deren Folgen wir jetzt mit Empörung
und Erschrecken dastehen. Und was können wir thun, damit
es allmählich wieder besser in unserm Vaterlande werde?
Denn wo man einem großen Unglück, einem schweren Scha-
Aerrra ta r

==- Z7s -
gehalten, bleibt dem Menschen, sofern der Schrecken ihn niehht
lähmt und ihm die unerläßliche Besinnung raubt, ja gar
nichts Anderes übrig, als Hand anzulegen, um das Zerstörte
aufzubauen, um von sich abzuwehren, was nicht allein dee
Untergang eines Einzelnen, sondern ein allgemeiner Untergang
sein würde, wenn er es Herr werden ließe über sich.
Ich habe es in meinen Briefen gegen Sie zum Deftern
und habe es in denselben auch den Männern ausgesvrochen,
daß nach meiner Meinung die Frauen vom Staate die gleichen
Bildungsmöglichkeiten, die gleiche freie gewerbliche Bethätigung
wie die Männer zu fordern, daß sie Rechte an den Staat
haben, dessen Mitglieder sie sind. Wo man aber Rechte gewährt
zu sehen verlangt, hat man auch Pflichten anzuerkennen und zu
erfüllen. Und wenn wir die Einen dargelegt haben, müssen
wir uns die Andern ebenso klar zu machen und ihnen zu ge-
nüügen suchen. Denn es ist gerade der Irrthum derer, deren
Lehren mit dem Wesen des Staates, mit der Allgemeinheit
nicht verträglich sind, daß sie den Besitz der Rechte weit
stärker als den Besitz der Pflichten anzuerkennen und zu be-
tonen gewohnt sind.
Daneben müssen wir uns vorhalten, daß der Staat die
Gesammtheit der Einzelnen umfaßt, und daß Nichts im Ganzen
gut sein kann, was im Einzelnen unvollkommen oder schlecht
ist. Der sittliche Werth eines Volkes hängt von dem sitt-
lichen Werthe seiner einzelnen Bürger, und ganz gewiß nicht
zum geringsten Theile von dem sittlichen Werth der Frauen,
von dem ernsten Sinn der Mütter, von der Tüchtigkeit der
Hausfrauen, von der Sinnesreinheit der Mädchen, mit einem
Worte, von dem Geiste ab, den die Frauen in der Familie
pflegen. Auf dem tüchtigen Geiste der einzelnen Familien
beruht die Tüchtigkeit der Gesammtheit. In der Familie
wird die Jugend erzogen oder sollte sie erzogen werden. Aus

=- Z79 -
ihr werden die Jünglinge und Männer in das Leben und
an jene Gesammtarbeit der Einzelnen hinausgeschickt, aus
welcher sich, wie aus den kleinen unscheinbaren Stiftchen einer
Mosaik, das festbestimmte, in sich abgerundete Bild eines
wohlgeordneten Staatswesens zusammensetzen soll. Aus der
Familie trägt der Einzelne seine Gesittung in das Leben hin-
über; und je nachdem er in der Familie es gelernt hat, sich
den Geseten und Nothwendigkeiten der Familie unterzuordnen
und anzupassen, je nachdem er ein Beispiel verständigen Zu-
sammenhaltens, verständigen Befehlens und Gehorchens vor
Augen gehabt hat, je nachdem wird er sich in die ihm vor-
kommenden Verhältnisse einzufügen, wird er verständig zu
befehlen und zu gehorsamen verstehen. Ein Mädchen, das im
Vaterhause ein nützliches Mitglied gewesen, wird eine gute
Frau im Hause ihres Mannes sein. Ein Knabe, der ein ge-
horsamer Sohn, ein verträglicher Bruder, ein ordentlicher
Schüler gewesen, wird voraussichtlich auch ein guter Bürger
werden. Die Schule kann viel leisten und leistet in der That
auch für die Erziehung der männlichen Jugend das Mögliche,
namentlich wenn man berücksichtigt, wie überfüllt die Klassen
unserer Schulen meist zu sein pflegen. Aber ohne die unaus-
gesetzte Mitwirkung der häuslichen Erziehung vermag auch
die Schule ihre Aufgabe nicht zu erfüllen.
Das Alles ist oft genug gesagt, es sind alte im Grunde
von Niemand bestrittene Wahrheiten. Sie sind so feststehend
wie die Lehre, daß eins und eins zwei machen, und daß man
drei von zwei nicht abziehen kann. Jedermann weiß das,
jedes zehnjährige Kind würde lachen, wenn man ihm dieses
als eine neue besondere Lehre verkünden wollte; und doch
hätten es manche Erwachsene, manche Familien in den letzten
Jahren recht nöthig gehabt, an diese Grundlehren erinnert zu
werden und sich nach ihnen einzurichten. Indeß zwischen dem

- ZZZl -
Erkennen einer Wahrheit und dem Thun und Handeln nach
dieser Erkenntniß ist oft ein großer Unterschied.
Dazu ergeht es den Völkern wie den Familien und wie
jedem Einzelnen. Sie sind geneigt, nach großen Anstrengungen,
nach großen Erfolgen, in müder Zufriedenheit, in gutem, wohl-
berechtigtem Glauben an sich selbst die Hände in den Schoß
zu legen, um in sorgloser Ruhe sich des Gethanen, des Er
worbenen zu erfreuen. Sie vergessen, daß es leichter ist, im
Drange begeisterter Leidenschaft einen Sieg zu erringen, als
sich dauernd auf der Höhe der Kraft, der Tüchtigkeit und der
Begeisterung zu erhalten, in welcher man die That vollbrachte.
Sie beherzigen in solchen Tagen nicht, daß geistiger Besitz,
geistiges Kapital, eben so wie jeder andere Besitz sorgfältig ge-
hütet, sorgfältig gepflegt und vermehrt werden müssen, wenn sie
sich nicht vermindern sollen, und daß selbst ein großer Besitz
und großes Vermögen durch Sorglosigkeit und Leichtsinn ver-.
loren werden, daß Völker wie Einzelne an Werth herunter-
kommen und zu Grunde gehen können.
Ihre Familie vor solchem Herunterkommen an Wohlstand
zu bewahren, sieht jeder einigermaßen verständige Vater, sieht
jede solche Hausfrau als ihre Pflicht an. Ihre Familie vor
geistigem Herunterkommen, vor Verwilderung zu bewahren,
Zucht, Gesittung, Gehorsam, Ordnung innerhalb derselben
aufrecht zu erhalten ist aber erst recht eine ernste Pflicht; und
wenn wir es jettt leider zum öfteren in den Zeitungen lesen
müssen, wie schon von Kindern aus dem Volke häufig schwere
Verbrechen begangen werden, wenn wir es eben jetzt erfahren
haben, daß man selbst Kinder der sogenannten gebildeten
Stände wegen unehrerbietiger Aeußerungen gegen das Ober-
haupt des Staates zur Rechenschaft zu ziehen hatte, so ist es
sicher geboten, daß wir darüber ernstlich mit uns selbst zu
Rathe gehen; daß wir darüber nachdenken, in wieweit das

= Zß -
Leben innerhalb der Familien Schuld trägt an dem jett plötz-
lich an das Tageslicht tretenden, uns erschreckenden Unheil;
daß wir uns überlegen, was die Eltern gethan und unter-
lassen haben, solche Anmaßung und Zuchtlosigkeit in den Kin-
dern möglich zu machen? Was gethan und verabsäumt wor-
den ist, zwischen den mehr und weniger Besitzenden jene Kluft
sich aufthun zu lassen, in welcher das Nebelwollen und die
Abneigung der Unbemittelten gegen die Bemittelten wie ein
giftiges Unkraut aus dunkler, unermessener Tiefe emporge-
wachsen und zu einer bedenklichen Höhe aufgeschossen ist?
Solche Wucherpflanze kann man nicht mit einem Tritt ver-
tilgen, auch nicht mit einem Male ausroden, selbst mit ver-
einten Kräften nicht. Der Boden muß aufgerissen, umgepflügt,
den Wurzeln des Unkrauts muß beigekommen und reine, ge-
sunde, gute Frucht versprechende Saat muß eingestreut werden
in den gereinigten und erneuten Boden. Das ist nicht von
heute auf morgen zu leisten, das fordert Zeit, Hingebung und
stille geduldige Arbeit, welche nicht gleich auf der Oberfläche
sichtbar, die nicht verzeichnet wird mit goldenen Lettern in den
Tafeln der Geschichte, und die doch gethan werden muß, weil
schon unsere Selbsterhaltung sie erfordert.
Geschehenes kann man so wenig ungeschehen machen, als
man sich zurückverseten, sich zurückleben machen kann in Tage
und in Zustände, die eben vergangen sind und bleiben. Wir
haben mit den Bedingungen der jetzigen Zeit zu rechnen, unter
ihren Bedingungen das Nothwendige zu leisten. Wir müssen
uns fragen: sind wir innerhalb ihrer Grenzen auf dem rechten
Wege? Und scheint es uns, daß dies nicht der Fall ist, so
müssen wir es machen, wie jeder Wanderer, der von dent
richtigen Pfade abgekommen ist.
Wir müssen innehalten und uns umschauen. Wir müssen
uns fragen: wie kamen wir auf diesen Irrweg und wohin

- ZZZZ -
wollen wir gelangen? Wir müssen uns besinnen, wie es aa
dem Punkte aussah, von dem wir ausgegangen sind, uns
fragen: wie möchten wir es finden an jenem andern, den wir
zu erreichen wünschen?
Ich für mein Theil kann weit zurücksehen in die Ver
gangenheit. Von mehr als zwei Menschenaltern habe ich ein
deutliches Erinnern an persönliche und an allgemeine Zustände,
an das Familienleben und an die großen Ereignisse der Zeit.
Ich habe die Erinnerungen einer Hausfrau und zugleich die
einer Schriftstellerin, die seit fast vierzig Jahren, mit Guten
vereint, bei vielfachem Irren und unter wechselnden Ansichten
bemüht gewesen ist, das Gute, das Wahre und das Schsne
in ihrem Kreise und in dem Vaterlande fördern zu helfen,
so weit ihre Einsicht und ihr Können es ihr möglich machten.
Es war nicht Alles gut vordem. Vieles ist besser gewor-
den, als es war. Vieles war aber auch besser, als es jetzt ist.
Vielleicht gelingt es mir, mich mit Ihnen darüber zu verstän-
digen, was wir aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüber
zu nehmen haben, wenn dieselbe bewahrt bleiben soll vor Er-
eignissen, wie wir sie jetzt erleben mußten, wenn wir das Lob
verdienen wollen: ,ein großes Volk und auch ein gutes Volk
zu sein.
Sie denken vielleicht: ,nun kommen die Lobpreisungen
der vergangenen Zeiten, welche die Alten uns immer aufzus
tischen pflegen''.
Sie irren jedoch, wenn sie glauben, daß ich die mannichs
fachen Fortschritte nicht gewahrte, welche in unserer Zeit gee
macht worden sind, daß ich die veränderten Lebensbedingungen
nicht würdigte, welche eben durch diese Fortschritte sich heraus-
gebildet haben, oder daß ich wähnte, man könne rückwärts leben.
Das Todte wird nicht lebendig, wie sehr wir's auch ersehnen,
und was man aus der Vergangenheit auch nachahmend wieder

== ZsZ -
herzustellen versucht, es wird in der Gegenwart nicht wieder
dasjenige sein können, was es vordem gewesen ist.
Der Zustand der Menschheit ist in vielem Betrachte ein
anderer, ein besserer geworden als vor hundert Jahren. Die
Macht des Absolutismus ist gebrochen, die Sklaverei, die Leib-
eigenschaft, die Hörigkeit sind aufgehoben. Die Gleichheit
der Menschen vor dem Gesetz ist anerkannt, und in Folge
der außerordentlichen Erfindungen der neuen Zeit hat das
Wohlleben der Menschen sich durchwegs sehr bedeutend gehoben.
Dank diesen Erfindungen, Dank den Maßnahmen der
jetigen Regierungen können Pest und Huungersnoth die civili-
sirten Länder nicht mehr in dem Grade verwüsten, wie in
früheren Zeiten. Selbst der Krieg ist menschlicher geworden,
trotz der furchtbarer gewordenen Zerstörungsmittel; und das
Gemeingefühl der gesitteten Menschen ist dem Kriege zwischen
den Kulturvölkern entschieden abgeneigt. Dem Taglöhner, der
jett fern von seiner Wohnung in den großen Städten seiner
Arbeit nachgeht, erspart die Eisenbahn die Mühe des Weges.
Der Handwerkobursche legt seine Wanderschaft zum großen
Theile auf ihren Schienen zurück. Er ist besser daran als
dereinst sein Großvater, der mit wundgelaufenen Füßen die
langen Meilen zu durchmessen hatte. Er ist nicht wie Jener
an die Scholle gebunden, er ist besser unterrichtet als Jener es
gewesen. Was er erlernt in der Schule wie in der Werkstatt,
erlernt er in gesunderen Räumen, in erleichternder Weise.
In seinem ärmlichen Vaterhause, in der Hütte des Land-
mannes, die ihm bei seinen Wanderungen gelegentlich ein
bdach bietet, leuchtet ihm ßgst immer der Petroleumlampe
heller Schein, statt des früheren Kienspans, oder statt der
elenden Unschlittkerze, bei deren matten Lichte wir, selbst in
rR. Da

= ZZg. -
zu machen hatten. Vieles, was früher als ein seltener Genuß
erschien, ist den Menschen zum täglichen Bedürfniß geworden.
Neberkommt ihn Krankheit, so findet der Unbemittelte jettt in
den Krankenhäusern eine ganz andere Pflege als vordem, denn
sie sind mit einer Sorgfalt eingerichtet, von welcher die Vor-
zeit keine Ahnung hatte. Eine Menge schwerer, kraftverzehrender
Arbeit nimmt dem Arbeiter die Maschine ab; und was die
Forschungen der Gelehrten, die Fortschritte in den Wissen
schaften und die auf denselben beruhenden Entdeckungen und
Erfindungen in den letzten hundert, den letzten fünfzig Jahren
für die Menschheit geleistet haben, das hat selbst Papst Leo KÜ.
als Bischof von Perugia in seinen geistreichen Hirtenbgiefen,
wie ich Ihnen mitgetheilt, mit poetischem Schwunge gepriesen.
Er bezeichnet es geradezu als etwas Göttliches, daß der Mensch
dem Dampf gebietet, ihm seine Flügel zu leihen; daß er den
Blitz zwingt, sein Bote zu werden von einem Welttheil zu dem
andern; daß er es Licht werden läßt in der nächtigen Dunkel-
heit der Häuser, der Städte, der Heerstraßen. Aber - zufrie-
dener sind die Menschen nicht dadurch geworden. Im Gegentheil!
Zum Theil gerade durch die hülfreichen Erfindungen,
welche jetzt dem Unbemittelten zur Gewohnheit gemacht haben,
was früher dem Reichsten und Mächtigsten nicht erreichbar
war, ist der Sinn der Menschen unruhig geworden, und nur
in den seltensten Fällen arbeitet die Erziehung diesem ge-
fährlichen Hange entgegen. Schnell wie der Dampfwagen die
Menschen von einer Station zu der anderen führt, fliegen sie
von Wunsch zu Wunsch, von Begehren zu Begehren, ohne in
nachdenkender Rast des Erreichten froh zu werden. Und selbst
zugegeben, daß in diesem rastlos vorwärtsstrebenden Begehren
sich eine Kraft ausspricht, so fragt es sich doch, welche Ziele
diese Kraft sich steckt und mit welchen Mitteln sie dieselben zu
erreichen trachtet.

==- Z8J -
Eben in dem verschiedenen Ziele aber, das sie im Auge
hatten und haben, liegt der Unterschied zwischen der Ver-
gangenheit und unserer Zeit, und darin war sie der Gegenwart
sittlich überlegen, denn ihr Ziel war ein würdigeres. Sie
war idealistisch und glaubensvoll. Ich brauche absichtlich das
Wort glaubensvoll, nicht gläubig. Unsere Zeit ist materia-
listisch und glaubenslos, allein auf das forschende Erkennen,
auf den raschen, sinnlichen Genuß gerichtet. Die Hinwendung
zur Forschung ist eine folgerichtige Entwickelung des früheren
Glaubens, und es ist Großes durch sie geleistet worden. Indeß
welchen Einfluß die kritisch forschende Richtung unserer Zeit,
die Alles und Jedes, auch die Empfindung, dem prüfenden
Urtheil des Verstandes unterwerfen muß, die nicht anerkennen
kann, was nicht zu wägen, zu messen, zu begreifen ist, welchen
Einfluß der Materialismus auf die Erziehung der Jugend,
auf den Zusammmenhang der Menschen hat, die unter ver-
schiedenen Bedingungen neben- und miteinander zu leben haben,
und wie weit diese zersetzende Kritik dem Bedürfniß all jener
Hunderttausende von Menschen begegnet, deren Natur und
Neigung sie zum Glauben, zu einem Jdealen hinzieht, das ist
gewiß der ernsten Erwägung werth.
Das Erziehen des einzelnen Menschen wie die Erziehung
der Menschen im Allgemeinen ist eine Kunst, die ein erken-
nendes Sondern, d. h. ein genaues Individualisiren fordert.
Man darf nicht jedem Alter, nicht jeder Natur das Gleiche
bieten, wenn man ihnen gerecht und fördersam werden will.
Man darf dem Kinde, dem Unwissenden, den Sprengstoff
nicht in die Hand geben, mit welchem man den Erfahrenen,
den Unterrichteten experimentiren läßt. Es leben Millionen
von Menschen auf der Erde und unter uns, denen nach
der Natur ihres geistigen Auges nicht wohl werden kann in
dem scharfen Lichte, in welchem der sorschende Denker sich be-
F. Le wald, Reisebriefe.

==- 8 -
hagt, in der schrankenlosen Unendlichkeit, in welcher er, ohne
sich haltlos zu fühlen, sich bescheidet zu leben, zu vergehen,
sich aufzulösen in das All, dessen Unendlichkeit er zu denke
vermag und das ihm deshalb nie Eutsetzen einflößt. ,äines
schickt sich nicht für Alle!'k und ohne idealistisches Glauben
kann und darf man die Jugend nicht erziehen. Kein Gärtner
setzt den Steckling dem scharfen Sonnenlichte aus.
Man hat uns Deutsche lange Zeiten hindurch Idealisten
genannt, hat den Ausdruck gelegentlich wie eine Art von Spott
gegen uns gebraucht, und wie weiland die Geusen haben wir,
wir wußten wohl weshalb, diesen Namen als Ehrennamen auf
uns genommen. Ein Jdealist, welcher die Erreichung eines
sittlichen Jdeals innerhalb der Wirklichkeit für möglich hält
und anstrebt, ist kein Phantast. Er ist auch kein Träuuummer,
sofern er damit beginnt, die Verwirklichung seines Ideals zu-
nächst in strenger Selbsterziehung und sich bescheidender Selbst-
verleugnung gegenüber dem Allgemeinen zu versuchen. Phan-
tasten und Träumer sind weit eher jene Materialisten, welche
von einer durch keine sittlichidealen Gedanken in strenger
Gesetzlichkeit zusammengehaltenen Gesellschaft die Befriedigung
ihrer persönlichen Wünsche erhoffen, und aus einer Allgemein-
heit, in welcher Jeder sich selbst der höchste Zweck ist, das
Wohlbefinden jedes Einzelnen gefördert zu finden erwarten.
Jdealisten, die von sich abzusehen, sich einem Allgemeinen in
freiwilliger, gesetzlicher Dienstbarkeit unterzuordnen vermögen,
sind zufrieden zu stellen. Materialisten können niemals zufrie-
den sein, weil ihre Ansprüche sich unablässig erneuern und
steigern müssen, so lange die Kraft eines weiteren Begehrens
ihnen innewohnt. Genießen wollen die Einen wie die Andern
-- nur daß das Was und das Wie sehr verschieden in ihrer
Wirkung auf sie selbst und Andere sind.
Unsere Eltern waren zum weitaus größten Theile Jdealisten

=- Zß? ==
und zugleich gottgläubig. Sie erzogen uns deshalb, bewußt
und unbewußt, zum Jdealismus und zum Glauben, selbst in
den Fällen, in welchen nicht von einem Glauben an die
Dogmen des Christenthums oder einer anderen geoffenbarten
Religion die Rede sein konnte, und das war ein großer Segen.
Denn das Kind und der Mensch im Allgemeinen haben feste,
bestimmte, haben personifizirte Vorstellungen nöthig, so lange
und überall, wo das Gefühl und die Phantasie in ihnen
mächtiger sind als der Verstand.
Wie die Menschheit in ihrer fortschreitenden Entwickelung
das Bild des einzelnen Menschenlebens vor uns aufstellt, so
wiederholt sich in der Entwickelung und wachsenden Erkennt-
niß jedes einzelnen Menschen der Gang, den die Menschheit
gegangen ist; nur daß der Einzelne für sich in unserer Zeit
in kurzen Jahren den Weg- durchmißt, den zurückzulegen die
Menschheit lange Jahrhunderte gebrauchte. Und da überall
eine der ersten Fragen aller Menschenkinder, sobald sie zu den-
ken beginnen, auf den Ursprung der Dinge gerichtet ist, so
wurde dieselbe von unseren Eltern mit dem Hinweis auf
einen Schöpfer des Himmels und der Erde, auf den persön-
lichen Gott, beantwortet. Damit wurde dem Kinde der Glaube
an ein höheres Wesen in die Brust gesenkt, der Glaube an
ein Wesen, das größer, mächtiger, vollkommener war, als das
Kind; an ein Wesen, das selbst über die Eltern Gewalt hatte,
wie diese über das Kind; an ein Wesen, zu dem man, der
Erhörung sicher, beten konnte für Alle, die man liebte, wie
für sich selbst, sofern man es mit reinem Herzen that. Frage
ich aber heute meine Erinnerungen, die ich keine Pietistin oder
gläubige Frau geworden bin, so war das ein sehr beglücken-
des, unser Dasein heiligendes Gefühl. Es ist auch eine außer-
rr:
B

-=- Zßss --
in sich selber - und wie viele sogenannte fertige Frauen und
Männer haben dies Beruhen in sich? - an einen Gott zu
denken, der in das Verborgenste des Herzens sieht, der nicht
nur die That, sondern auch den Gedanken kennt und richtet,
der in der Stimme des Gewissens zu dem Menschen spricht,
der, wenn auch erst in der fernsten Zeit, am Ende der Tage
lohnt und straft. Der Glaube an einen persönlichen Gott,
ich stehe nicht an, dies auszusprechen, ist für denjenigen,
der ihn in sich lebendig fühlt, ein großes Glück. Denn wie
einst Schiller um die entthronten Götter Griechenlands geklagt
hat, hat sicherlich mancher der unter uns Lebenden in banger
Stunde gepreßten Herzens und mit Sehnsucht der Zeit gedacht,
in welcher er noch gläubig sein Auge zum Himmel aufhob,
und hat es in seiner Schwäche bedauert, daß er nicht mehr
vermochte es zu thun, daß ihm die Welt, in der er lebt, nicht
mehr als Gottes Werk erschien, daß er allein auf sich und seine'
ihm versagende Kraft und Selbsthülfe gewiesen war. Man
kann nicht wieder glauben lernen, wenn man aufgehört hat,
es zu thun; der in sich beruhende kraftvolle Mensch wird auch
nicht danach verlangen. Aber auch nur dieser nicht! und es
ist in meinen Augen in der That ein Frevel, dem Menschen
zu rauben, was ihm dienet, ihn stütt; und was wir
ihm nicht wiedergeben können, wenn ihn doch einmal danach
verlangt.
Wir Kinder aber wurden zu unserer Zeit recht eigentlich,
um Schiller's Ausdruck zu gebrauchen: ,erzogen in der Furcht
des Herrn!! und, ich wiederhole es, das war ein Segen und
ein Glück, für welche der Hinweis auf den Urbrei und auf
die Monade und die Zelle dem Herzen und der Phantasie
des Kindes, der Natur von Tausenden von Menschen nicht
den entferntesten Ersatz zu bieten vermögen. Wer das ver-
kennt, der kennt die Natur des Kindes nicht; der hat auch

=- ZZß -
bie Natur des Menschen nicht unparteiisch und nicht vielseitig
genug betrachtet.
Trat dann im Verlauf der Tage an gar Viele der Zweifel
unabweislich heran, zerstörte er mit unwiderstehlicher Kraft den
Glauben, der sie bis dahin beglückt, so war doch die Sehnsucht
nach etwas Höherem als dem bloßen äußern Genuß in den
Seelen erweckt worden, und sie blieb lebendig in denselben.
Man hatte das Glück des liebenden Verehrens kennen lernen.
Man hatte in den meisten Fällen das Bild eines göttlichen,
eines Jdeal-Menschen in sich aufgenommen. Man hatte in
der Gestalt des Heilandes, der sein Leben hingegeben für
seine Neberzeugung, für die Erlösung der Menschheit aus den
Banden des Heidenthums, ein erhabenes Vorbild gewonnen.
Mit einem Worte, man hatte die großen Gedanken des
Christenthums verkünden hören, man war zu einem Idealen
hingeleitet worden, und dies eben ist die Hauptsache in der
Erziehung des Menschen, das Hauptmittel zur Erhebung des
Einzelnen aus der ihn verwildernden Selbstsucht; und eben
dadurch auch das Mittel zu der jede Glückesmöglichkeit be-
dingenden Versittlichung der Menschheit überhaupt.
Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem idealistischen
Gebot: liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!- und jenen
Geseten, die wir in der Natur sich bethätigen sehen. In
dem Kampf um das Dasein ist keine Liebe, keine versittlichende
Kraft verborgen. Die Annahme, daß man mit dem Unter-
richt in den Naturwissenschaften den Menschen, oder sagen
wir zunächst das Kind und die Jugend, zu jenem selbstlosen
Adel der Gesinnung heranbilden könne, den die Grundsätze
der christlichen Morallehre und die großen Beispiele von
Vaterlandsliebe, von persönlicher Aufopferung, denen man in
LTRaU=== =-

-- Z( -
Voltaire hat es ausgesprochen, daß man zum Heil de
Menschheit einen Gott erfinden müsse, wenn es keinen gäbe.
Börne ist der Ansicht, daß es dem Menschen heilsam se,
wenn er, wie ich es vorhin angedeutet habe, in sich den
ganzen Weg zurücklegt, auf welchem die Menschheit vom
Glauben zum Forschen, zum annähernden Erkennen fortge-
schritten ist; und ein gelehrter Engländer, der Director dee
Geological Society, antwortete mir einmal auf meine Frage,
wie er es vermöge, bei seinem Wissen von den Dingen den
Namen Gottes fortdauernd als Urquell der Dinge zu gs-
brauchen, wie ich schon erwähnt zu haben glaube: ,All unser
Wissen ist ein tastendes Suchen. Wohin wir kommen, wie weit
wir vordringen, immer stoßen wir auf ein letztes Geheigniß,
auf eine letzte unerkennbare Ursache und Kraft, und diese letzte
Ursache, die nenne ich Gott !?
Gewiß, wir dürfen der Jugend, deren Erziehung uns
anwertraut ist, die Stütze nicht entziehen, deren Kraft und
Segen wir an uns erprobt haben. Wir sollen ihr auch die
Mühe des eigenen Suchens und Erkennens, die Geistesarbeit
nicht ersparen, die wir auf dem Wege vom Glauben zum
erkennenwollenden Denken, zum annehmenden Wissen für uns
fruchtbringend gefunden haben. Das Glauben und das
Prüfen sind beide die Bedingnisse gewisser Naturanlagen, und
alle Erziehung, aller Unterricht haben, wie mich dünkt, zunächst
die Aufgabe, jedem Menschen die Mittel in die Hand zu
geben, mit denen gerade er sich im Leben innerhalb seiner
Naturbestimmtheit selber fortzuhelfen und zurechtzuseten fähig ist
Die Erziehung kann, nach meiner sesten Neberzeugungs
für ein Volk nichts Besseres thun, als des Volkes Zugend in
gottgläubigem Jdealismus, in der Moral des Christenthums
zu erziehen. Was der reife Mensch dann aus sich macht,
das hat er selber zu vertreten. Jedenfalls wird es ihm

Kapitel 30

-=- Zßh -=
frommen, wenn er an das Leben so idealistisch herantritt,
wie wir in unserer Zeit: beseelt von einer bisweilen vielleicht
überspannten Sehnsucht nach einer Befriedigung des Herzens
und des Geistes, die für uns nicht an äußeren Besitz ge-
bunden war, und so bescheiden in unseren Ansprüchen an
biesen äußeren Besitz, daß kein Mehrbesiz der Anderen
unseren Neid erregen konnte. Wir waren stolz darauf, be-
bürfnißlos zu sein. Frühzeitig hatte man es uns als ersten
Grundsatz hingestellt, daß nur derjenige wahrhaft frei sei, der
sich selbst beherrsche und nicht abhängig sei von zufälligem
Besitz. Immer und immer wieder hörten wir es sagen, wer
nicht im Leinwandrock und am weißen hölzernen Tische eben
so groß denken, eben so zufrieden,sein kann als auf
Teppichen und in Brokat, der ist eine niedrige Natur.
Darin lag eine Art von Nebertreibung, und doch hob es
uns und war groß und schön. Die ganze Erziehung war
ernst und streng. Ist sie das noch heute? Fragen Sie sich
einmal ernsthaft dies selbst!
Dreißiger Gries.
Kn die deutschen Krauen.
BergischGladbach, August 178.
Eine ganze Reihe von Tagen liegt zwischen meinem
vorigen und diesem Brief. Ich habe Ragaz verlassen, ein paar
Tage in dem schönen, romantischen Inselhotel am See in
Constanz verweilt, die neue Schwarzwaldbahn kennen lernen,
und mich nach dreizehn Monate währender Entfernung wieder
auf deutschem Grund und Boden zu Hause gefühlt. In
Heidelberg bin ich wieder gewesen, habe römische Bekannte,

= ZF -
die Familie des Baron Berus in dem alten und schönen Stif
Neuburg besucht, das um seiner GoetheErinnerungen willen
an sich eine Reise verlohnte; habe Köln in seinem blühenden
Wachsthum angestaunt, und bin dann hierher gegangen in
das stattliche Haus einer Freundin, um mit ihr liebe römische
Erinnerungen zu genießen. Aber zunächst nehme ich doch den
Briefwechsel mit Ihnen wieder auf, weil die Sache, die wir
durchsprochen haben, mir sehr am Herzen liegt.
Ich hoffe fest, weil ich es wünsche, daß Sie mit mir
einverstanden sind über den religiösen und idealistischen Anhalt,
welchen wir der uns anvertrauten Jugend zu bieten verpflichtet
sind, und ich rechne zu dieser Jugend nicht allein die Kinder
des Hauses, sondern, sofern sie in unsern Häusern leben, auch
die jungen Männer und Frauenzimnner, die wir als Dienende
neben uns haben. Dazu ist es aber nöthig, daß wir uns
einmal in unsern Häusern und Familien, in denen der Be-
mittelten wie der Unbemittelten, umsehen. Und da ich dies
thue und Ihnen schildern möchte, wie es vielfach unter uns
aussieht und wie es früher war, fällt mir ein, daß ich das
Erstere sehr wohl mit dem Ausspruch eines deutschen Schweizers
thun kann, der, ohne dabei an uns zu denken, das Wesen
unserer Zeit im Allgemeinen charakterisirt.
Karl Hilty, er ist Professor an der Universität in Bern,
sagt in der Einleitung zu seinen ganz neuerdings erschienenen
geistreichen ,Vorlesungen über die Geschichte der Helvetik'
,Der Verkehr unter den Menschen ist vielfach gänzlich fiktiv;
ein großer Theil dessen, was unter ihnen gesprochen wird, ist
nicht eigentlich im Ernst gesprochen, ja, bei Vielen besteht das
ganze Leben in solchem gewohnheitsmäßigen Reden ohne Ernst
und Konsequenz eines Handelns danach. Beinahe alle mensch-
lichen Verhältnisse sind unstet und zum Theil falsch geworden.
Täglich wechselnde Diener, eher Feinde im Hause statt Freunde

==- Z9Z -
und Gehülfen. Innerlich unfeste Ehen; in Gasthöfen und auf
beständiger Wanderschaft lebende ganze Familien, ein eigent-
liches modernes Nomadenthum. Große Klassen sogenannter
Gebildeter, die blos beschäftigt sind, zu verzehren, was Andere
vor ihnen sammelten, und die sogar darin des Lebens Werth
und eine höhere gesellschaftliche Stufe erblicken. Andere
Klassen dicht daneben, denen es nicht gelingen will, mit aller
Anstrengung des Geistes und des Körpers sich ein menschen-
würdiges Dasein zu gründen. Reisende Kinder, die eigentlich
kein Elternhaus, keine Heimat und keinen Lebenszweck mehr
kennen, oder solche, die in Fabriken aufwachsen und von früher
Jugend an ihren eigenen Eltern Kostgelder bezahlen. Es muß
aus dieser Zersplitterung der menschlichen Verhältnisse aber-
mals, wie vor 100 Jahren, eine neuere bessere Weltordnung
aufgehen, in welcher der Mensch sich in Verbindung mit dem
Menschen fühlt, in der er in natürlichen Kreisen und unter
natürlichen Vorgesetzten lebt, die er liebt und denen er von
Herzen Verehrung zollt. Denn einen festen Kreis um sich zu
haben, den man liebt und von dem man sich geliebt fühlt,
das ist ein ursprüngliches, durch nichts Anderes zu ersetzendes
Verlangen der Menschennatur. Freilich müssen dazu die Lügen
in erster Linie fort aus der Welt. Aber dann müssen auch
die Wahrheiten sich wieder konstituiren. Die Reformation im
1S. und die französische Revolution des 1. Jahrhunderts
stellten sich beide Ziele, aber sie haben bloß das erste, die Zer-
störung der Lüge, zum Theil erreicht, nicht aber die Herstellung
der Wahrheit. Die Aufgabe, einen echt menschenwürdigen und
deshalb allgemein anerkannten und gegliederten Staat und
gleichzeitig eine geistesfrische Religion auf den Trümmern
vieles unwiderbringlich Vergangenen wieder aufzubauen, ist
Drrtr

==- Wßg -=-
Revolution haben die Völker frei gemacht. Die Neberzeugung
aber haben sie ihnen fortan unauslöschlich eingeprägt, daß sie
zur Freiheit berufen sind.
So weit Karl Hilty, Er bezeichnet in seinem ernsthaften,
zuversichtlichen, auf die Möglichkeit besserer Zustände ver-
trauenden Jdealismus das Grundübel unserer Zeit klar genug.
Obschon sein Werk nur einen kurzen Abschnitt aus der Ge-
schichte seines Vaterlandes behandelt, trifft er, weil er ein um-
fassender Geist ist, in der Darstellung des Allgemeinen immer
zugleich das Besondere. Auch wir dürfen es uns durchaus
nicht leugnen, auch bei uns ist es gar Vielen kein rechter Ernst
mit einer verständig in sich zusammenhängenden, auf ein
würdiges Ziel gerichteten Lebensführung, welche, indem sie sich
selber fördert, zugleich an die Förderung jener Anderen denkt,
für die wir mittelbar und unmittelbar zu sorgen und einzu-
stehen haben.
Im Großen und Ganzen meinen die Menschen und meinen
die Frauen im Besonderen es gut. Sie sind weit entfernt
von der nackten Selbstsucht, in welcher unsere Vorfahren das
harte Sprichwort: ,Jeder für sich und Gott für uns Allerr
erfanden. Sie denken auch nicht wie die leichtsinnige franzö-
sische Gesellschaft des vorigen Jahrhunderts: ,Nach uns die
Sündfluth!?! Im Gegentheil! Sie wollen das Gute, vieles
Gute, aber sie möchten gern, daß sich das Gute und das Ver-
nünftige beiläufig, so leicht und so beguem ausführen ließe
wie eine Stickerei, die man zur Hand nimmt, weglegt, gelegent-
lich, wenn man gerade sonst Nichts vorhat, wieder einmal zur
Hand nimmt und bei der dann zulett doch etwas ganz Er-
freuliches zu Stande kommt, woran wir selbst und Andere ein
Vergnügen haben. Eine verständige Lebensführung ist aber
nicht Etwas, was sich gelegentlich abmachen läßt. Sie ist Etwas
fest Zusammenhängendes. Sie ist nur möglich, wenn man es

=- ZH -=-
keinen Augenblick vergißt, was man zu leisten beabsichtigt. In
den Zeiten des letzten Krieges, wie in allen ernsten und schweren
Augenblicken, haben die Frauen es meistens auch bewiesen, daß
sie etwas Folgerechtes, Tüchtiges zu leisten, daß sie großer
Anstrengungen, daß sie große Opfer zu bringen fähig sind.
Weil sie aber bei ihrer Erziehung nur selten zu einem an-
dauernden, streng zusammenhängenden Arbeiten und Thun
angehalten werden, zeigt sich dann später auch in ihrer die
Lebensführung der Familie bestimmenden Art und Weise eben
der Mangel eines ernsten zusammenhängenden Wollens und
Handelns, und zwar nach meiner Erfahrung nirgend schlimmer
als in den rasch zu Reichthum emporgekommenen Familien
und unter deren Frauen.
Ich wage es nicht, an den übertriebenen Kleiderluxus zu
erinnern, der die kostbarsten Stoffe durch den Staub und
Schmut der Straßen schleppt. Ich weiß, die Freiheit, dies
zu thun, gehört zu den Menschenrechten dieser Art von Frauen,
daran darf man nicht rühren. Ich habe mich aber des Ge-
dankens niemals entschlagen können, daß die mannigfache
prahlerische, den Geldwerth der Sachen ganz geflissentlich nicht
mehr beachtende Schaustellung des Reichthums, welcher man
in diesen Kreisen wohl begegnet, daß deren Lust, es Jedem in
jedem Augenblicke darzuthun, ,ich bin reich und kann Geld
ausgeben so viel und wofür ich eben will'', viele weniger Be-
mittelte verletzen mußte. Und ich bin gewiß, daß dieses Ge-
bahren der Reichen sehr wesentlich dazu beigetragen hat, die
Aermeren mit ihrem Lose unzufriedener zu machen, als sie es
ohne jenes prunkende Schaustellen des Besitzes gewesen sein
würden; daß diese öde Prahlerei eben die bittere Mißgunst,
1, recht eigentlich den nicht genug zu beklagenden Klassenhaß
erzeugt haben, den wir jetzt plözlich mit Erschrecken wahr-

=- Zß --
nehmen, obschon er nicht seit gestern entstanden, sondern all
mählich großgezogen worden ist.
Es liegt in der That etwas Empörendes darin, Summen
völlig sinnlos vergeudet zu sehen, von denen ein sehr kleiner
Theil ausreichen würde, das Wohlbefinden mancher fleißigen
und sparsamen Familie für die Dauer begründen zu helfen.
Es nüützt nicht, sich zu sagen, daß der Luxus vielen Arbeitern
und Gewerbetreibenden Beschäftigung giebt. Das mag von
jenem edleren Luxus gelten, der die schöne Gewerbthätigkeit,
die Kunstindustrie befördert. Aber wem nützt es zum Beispiel,
als dem einen verbotenen Handel treibenden Billetverkäufer,
wenn man zehn, zwanzig Thaler und mehr, auf die Eitelkeit
verwendet, dem ersten Auftreten einer berühmten Sängerin,
der ersten Aufführung einer Oper beizuwohnen, die bei dem
ersten Male nichts Anderes und nicht besser als bei dem zweiten
Male sind, während das der Eitelkeit geopferte Geld eine
kleine, arme Familie mit Feuerung für Monate versehen
könnte? Welchen Einfluß diese Art des Luxus aber auf die
Erziehung der Kinder, auf das Verhalten aller der dem Hause
Dienenden hat und haben muß, davon spreche ich heute
noch nicht.
Eigentlicher böser Wille, ich wiederhole es, war und ist
diese auf den Augenblick gestellte Genußsucht, die kaum eine
nachhaltige Befriedigung hinterläßt, nur in den seltensten
Fällen, obschon es auch vorkommt, daß man denkt: ,Ich will
den Andern zeigen, was sie nicht können und was ich mit
meinem Gelde kann !' Es sind meisiens Unbildung und Ge-
dankenlosigkeit, die also prunken. Welche Mißgriffe, welche
thörichte Dinge dadurch aber unternommen werden, wie man
mit möglichst größtem Aufwande gerade das Gegentheil von
demjenigen thut, was die Natur der Sache fordern würde,
das würde zu betrachten oft belustigend sein, wenn's nicht so

-=- Zß? -
verkehrt wäre, daß es verständigen Menschen mitunter leid
thun kann.
Denken Sie einmal, um mit dem Anfange zu beginnen,
in welcher Weise in den reichen sogenannten gebildeten
Ständen das Leben einer neu zu gründenden Familie gegen-
wärtig eingeleitet zu werden pflegt.
Meta's Eltern z. B. sind reiche Leute, Rudolf ist das
auch, oder er hat ein Amt, ein Gewerbe, eine Stellung, die
ihm Ansehen geben, ihm verhältnisßmäßige Lebensfreiheit ge-
statten, und die Beiden lieben einander und ersehnen ihre
Verbindung, ihr gemeinsames Glück im eigenen Hause, in
ungestörtem Beisammensein am eigenen Herd. Handwerker,
Modehändler, Kleider- und Luxusmagazine werden in Thätig-
keit gesetzt. Man kauft Ühren, Vasen, vielleicht auch Bilder,
aber Bücher nur selten und noch seltener in großer Anzahl,
für den neuen Haushalt. Man dringt darauf, daß Alles,
aber auch Alles zum bestimmten Termine fertig sei. Der
Hochzeitstag wird- was mir von meiner frühesten Jugend
an immer als etwas recht Ungehöriges vorgekommen ist --
nicht in der Stille des Familienkreises, sondern mit möglichst
viel zerstreuender Unruhe, mit möglichst vielem Essen und
Trinken gefeiert. Man hätte die Angehörigen des Hauses,
aus dem die Tochter austritt, die Freunde des Kreises, in den
sie eintritt, eben so gut und schicklicher acht Tage vorher zu
einem glänzenden Feste versammeln und den ernstesten Schritt
des menschlichen Lebens mit der innerlichen Sammlung und
Feierlichkeit begehen können, welche in der Trauungsstunde
auch das Herz des oberflächlichsten Menschen bewegen. Man
hat jedoch das übliche lärmende Hochzeitsfest gefeiert, das
neue Haus mit all seinen Herrlichkeiten steht bereit und offen
da, Meta und Rudolf können es kaum erwarten, sich selber
überlassen, mit einander allein zu sein -- und sie steigen mit

=- ZZ -
zwei oder mit fünf andern, ihnen völlig fremden, nicht immnee
angenehmen Leuten in einen Eisenbahnwagen, fahren stunden
lang, landen in irgend einem Gasthof, und das Glück des er
sehnten ungestörten Beisammenseins, das Zusammenleben, das
sich ineinander Einleben des jungen Paares beginnt nicht i
der häuslichen Stille, nicht am eigenen Herde mit der liebevol
vorsorgenden Geschäftigkeit der jungen Hausfrau für den
neuen Hausherrn, sondern mit einem möglichst raschen Durch
jagen weiter Strecken Landes.
Die Amerikaner, denen man gesunde Vernunft nicht
absprechen kann, geißeln und verspotten auch bereits seit
einiger Zeit diese entstellte Nachahmung einer an und für sich
berechtigten Sitte. Die Hochzeitsreisen waren ein Bcauch in
den reichen grundbesitzenden Kreisen des am Hofe und in der
großen Welt lebenden französischen und englischen Adels, aus
dessen Mitte ein neu verbundenes Paar sich in die alten
Familiensitte zurückzog, um die ersten Wochen der Ehe sich
selber ganz allein zu leben. Das war begreiflich und war
schön. Was geschieht indessen gegenwärtig? Das junge Par
ist heute hier und morgen dort; und fast überall, wo die
Beiden sind, sind sie in ihrer neu erregten, gar nicht zu ver-
bergenden Zärtlichkeit der Gegenstand des Spottes für die
Kellner, des Lächelns für die meisten andern Reisenden. So
reine, gesunde, natürliche Freude und Verhältnisse, wie man
sie am eigenen Herde haben würde, kommen dabei natürlich
nicht heraus. Die neuen Lebensverhältnisse, das Reisen und
wieder Reisen, das Galerieenbesehen und Bergeerklettern
machen Meta müde, machen sie nervös. Rudolf, der sie von
Herzen liebt, denkt mit Sorge, aber nicht mit Vergnügen, daß
sie doch lange nicht so kräftig sei, als er geglaubt und als er
sich die Frau gewünscht hat. Er sorgt für sie, bedient, be-
hütet sie mit völliger Selbstverleugnung; sie findet das sehr

=- Zßß -
angenehm. Sie hat Nichts zu leisten. Sie nimmt das Be-
dientwerden, das Behütetwerden in das Register ihrer Rechte
auf, und er hat Nichts dagegen, denn sie ist so niedlich. Er
hatte freilich die Vorstellung gehegt, daß die Ehe auf die Ge-
genseitigkeit der Leistungen gegründet sei, indeß er sagt sich,
zu Hause werde sich das finden. Er denkt wie Mephisto:
Ich will mich hier zu jedem Dienst verbinden,
Auf Deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wieder finden,
So sollst Du mir das Gleiche thun.
Vier, sechs, acht Wochen gehen vergnüglich hin. Jeder
Tag bringt von außen so viel neue Anregungen an das
junge Paar heran, daß man sie kaum zu bewältigen vermag
Endlich witd der Rückweg angetreten und man kommt nach
Hause - froh zu Hause zu sein! Man hätte dieses Gefühl
eher, billiger und zufriedenstellender genießen können; denn
nach der langen, müßigen Reiselust will. die Arbeit nicht
gleich schmecken. Rudolf muß ins Comptoir, auf die Parade,
in die Praxis. Er hat viel versäumt, viel nachzuholen,
Manches mühsam ungeschehen zu machen. Er hat seinen
Kopf voll, hat nicht so viel Zeit für seine Frau als auf der
Reise. Sie kann sich's nicht wegleugnen, der Bräutigam, der
junge Gatte in den Flitterwochen waren heiterer, und sie
wird mit Erstaunen inne, daß es wirklich Flitterwochen giebt
und daß sie einmal enden. Man hat sich mit der Hochzeits-
reise, die viel Geld gekostet, eine ermüdende Zerstreuung --
und den Anlaß zu der ersten Enttäuschung eingekauft. Indeß
das Leben ist heiter und ist schön. Die Equipage rollt auf
den Gummireifen sröhlich durch den Park, Gesellschaften,
Theater füllen die Abende aus, man stellt bei den ersten
großen Festen, die man giebt, die neue, prächtige Einrichtung
zur Schau. Man fühlt sich glücklich, beneidenswerth. Man

= ßß -=
wird beneidet, und das geht so fort, ohne daß man irgend
zu einer ernsten Besinnung kommt, ohne daß man an etwas
Anderes als sich selber denkt, bis das ersehnteste Ereigniß,
die Geburt des ersten Kindes, einen beglückenden Stillstand
in dieses Treiben bringt und die Gedanken der jungen Mutter
von sich selber ab, und auf ein anderes Wesen hinlenkt.
Nun hat sie, was ihr Herz begehrt. Sie ist glücklie,
wenn der Vater bei der Arbeit ist, denn er schafft ja für den
Sohn. Es freut sie, wenn er mit dem Kinde tändelt und
nicht mehr mit ihr, wie auf der Reise. Es ist Alles auf
das Beste, wie es ist, und ihr Sohn soll auch besser als alle
anderen Kinder, er soll auf das Beste erzogen werden. Darin
sind die jungen Eltern einig. Zunächst aber soll er hübscher
aussehen, besser gekleidet sein als alle andern Kinder, damit
gleich ein Jeder es von ferne sieht, das ist reicher Leute, das
ist Meta's kleiner Junge! Das arme, kleine Menschenwesen,
das die Augen kaum dem Licht erschlossen, das von sich selber
noch Nichts weiß, wird der Gegenstand, an welchem die
Prunksucht und das Scheinenwollen, dieses unselige Ver-
langen der Unkultur, sich ihr reichliches Genüge thun.
Die junge Frau ist leider nicht so glücklich, dem Kinde
die erste Nahrung selber gewähren zu können, die rasche
Hochzeitsreise hat sie zu sehr mitgenommen. Man muß also
eine Amme nehmen, und des kleinen Lieblings Amme muß
doch hübsch aussehen. Man schafft reiche westfälische, ucker-
märkische Bauernkleider für sie an, und man nöthigt in solchem
Falle meistens ein armes, entehrtes Mädchen, das man allen
Grund hätte vorsichtig in die Bahn der Bescheidenheit zurück-
zuführen, durch eine auffallende Tracht auf Gassen und auf
Spaziergängen die Blicke der Männer begehrend auf sich zu
ziehen. Aber das ist nicht genug! Auch das Kind muß ans
gesehen werden. Man behängt den Kinderwagen mit gestickten

gß! -=-
Decken, das Kind mit kostbaren Hütchen, Kleidern, Bändern,
bie nothwendig im Augenblick verdorben werden. Indeß,
was hat das auf sich? Man ist ja reich genug, morgen und
übermorgen Ersatz dafür zu kaufen. Das Kaufen, das Be-
sorgen für das liebe Kind ist unterhaltend, ist ein Vergnügen!
Und dicht daneben geht eine arme, blasse Frau, ihr fünftes,
sechstes Kind an der müden, welken Brust. Sie kann der
vielen Kinder wegen keine erwerbenden Arbeiten machen; sie
wäre glücklich, ein warmes Tuch für sich, ein warmes Röck-
chen für ihr Kind zu haben. Mit dem Gelde, das man für
bie Maskentracht der Amme, für die seidene Decke auf dem
Kinderwagen und die breite Schärpe des speienden Säuglings
ausgegeben - wie viele arme Kinder könnte man damit
warm bekleiden? Und Ihr Säugling, schöne Meta, was
würde er entbehren, wenn Ihre Amme büürgerlich bescheiden
angezogen wäre, wenn eine einfachere, waschbare Decke ihn
bedeckte? Glauben Sie, daß alle die Unbemittelten, die an
Ihrem so verschwenderisch geputzten Kinde vorübergehen, diesen
Gedanken nicht hegen so wie ich? Glauben Sie, daß sie
Ihren aufgeputzten Säugling mit der Liebe, mit dem Wohl-
wollen betrachten, das wir sonst, wenn wir nicht bösens Her-
zens sind, jedem kleinen Kinde entgegenbringen? Ich glaub's
nicht! Und kann es Sie freuen, durch den Luxus, den ich
den herausfordernden, den beleidigenden nenne, das Nebel-
wollen, die Mißgunst hinzulenken auf das schuldlose Geschöpf,
das Sie zum Spielzeug Ihrer Thorheit machen? Ganz
gewiß nicht!
Es hilit nichts, sich zu sagen: wir sind Mitglieder des
Vereins, der die Wöchnerinnen pflegt; wir tragen zur Unter-
haltung der Kinderbewahranstalten bei; wir kümmern uns um
die Unterbringung verwaister Kinder; wir gehen selber uns
nach ihrer Haltung umzusehen. Das ist Alles gut und schön!
F. Le wald, Reisebriefe.

===- gßZ -=
Aber so lange Sie daneben einen Luxus zur Schau stellen,
der gar keinen Sinn hat als diese Schaustellung, so lange wirh
man Ihnen mit Recht sagen können: Ihr kömntet das Dop-
pelte, das Dreifache thun, wenn Ihr dieser übeln Gewohn-
heit entsagtet.
Ich spreche mit diesen Urtheilen mein Empfinden, mneine
eigene Erfahrung aus. Ich habe erwerben müssen, was ich
brauchte, habe mich beschränken, mich lange, lange Jahre sehr
beschränken müssen, um mir die Lebensnothdurft für die
Jahre sicher zu stellen, in denen das Arbeiten mir nicht mehr
möglich sein wird. Glauben Sie, daß ich mich nie gefragt
habe: was kosten diese Kleider, mit denen jene Frauen die
Straßen kehren? Was kosten die üppigen Mittagbrode der
Handelsgrößen, deren Speisekarten die Zeitungen als Merk-
würdigkeiten berichten, ohne sich zu fragen, ob diese Berichte
nicht fast unter den Bereich des Gesetzes fallen, das die Aus-
reizung der Stände gegeneinander bestraft? Ich habe mir,
und ich war idealistisch, war nicht begehrlich nach Prunk und
Schlemmerei, ich habe mir in jenen Zeiten oft genug gedacht:
mit dem, was solch ein Mittagbrod kostet, könntest du durch
viele Monate sehr reichlich leben. Und diese Empfindung,
dieser Gedanke blieben ganz dieselben, wenn ich selber an
solchem Mittagbrode später Theil nahm, und die Weine und
die Herrlichkeiten aus aller Welt Enden mir recht gut schmeckten.
Denn geistreicher, unterhaltender, fröhlicher waren diese Feste
nicht, als wir es in guter, gebildeter Gesellschaft bei zwei,
drei Schüsseln stets zu sein pflegten. Man kam nur müder
und erhitzter davon heim!
Falstaff's ,Denkst du, weil du tugendhaft bist, soll es
keinen Braten und keinen süßen Sekt mehr geben? (ich
glaube, so lautet der Ausspruchs fällt mir dabei ein. Gewiß,
es soll Genuß geben von aller Art, und der Knausernde, der

= gßZ -
teübselig Sparende, der unnöthig Geizende sind ebenso wider-
wärtig als der prahlende Verschwender. Wir sollen aber,
meine ich, im Genießen es nur nicht vergessen, daß Andere
entbehren. Wir sollen die mitfühlende Gemeinschaft mit den
weniger Begüterten sorgfältig pflegen. Wir sollen ihnen mit
persönlicher Theilnahme, nicht nur durch die Hülfe von Vereinen,
nahe bleiben; und vor Allem sollen wir Kinder nicht in der
Gewohnheit des Luxus, nicht in dem Glauben erziehen, als
hinge das Glück, das eigentliche Gllck des Menschen allein
vom Reichthum ab. Wenn die Kinder der Reichen in diesem
Glauben erzogen werden, was sollen denn erst die Kinder
der Armen von dem durch nichts auszugleichenden Werth des
Reichthums denken?
Ich glaube, es giebt keine Mutter und keinen Vater,
welche nicht die ehrliche Absicht hegen, ihre Kinder gut zu er-
ziehen. Die Eltern sind sich nur nicht immer klar darüber,
wozu der Mensch erzogen werden soll; und noch häufiger
meinen sie, wenn man sein Kind die Klassen der Schule durch-
machen lasse, und ihm außerdem noch Lehrer für Dieses und
Jenes halte, so habe man es erzogen. Sie übersehen, daß
man viel Wissen und daneben keinen Charakter haben, daß
man sehr gut unterrichtet und doch für seine Nächsten wie
für die Gesammtheit weniger brauchbar sein kann, als mancher
weit unwissendere Mann; und sie bedenken es nicht genug,
daß sie das Kind nicht nur zu ihrer Freude, nicht nur zu
seinem eigenen Besten, sondern im Zusammenhange mit der
Gesammtheit und für dieselbe zu erziehen haben.
In der Geschichte der Helvetik, deren ich schon neulich
erwähnte, weil sie mich viel beschäftigt hat, findet sich auch
der französisch geschriebene Brief eines krsrs Coräelier,
G. Girard, über die Erziehung, welche der Jugend innerhalb
der helvetischen Republik gegeben werden soll. In demselben
As

=== g,ßg =
heißt es: ,Aus den Händen der Natur kommend, ist das
Kind Anfangs nur eine vegetirende Pflanze, die allmählie
zum Thier wird und aus der wir einen Menschen machen
sollen. Man muß seinen Geist erleuchten, sein Herz dem
Guten zuwenden, damit die menschliche Gesellschaft in ihm
ein gesellig verträgliches Wesen und der Staat einen Bürger
finde.? Der Ausspruch bezeichnet das Nothwendige richtig
und genau. Das Erziehen des Menschenkindes fängt aber
schon mit seinem ersten Tage an, und wir haben es dabei
allerdings in Anschlag zu bringen, welche Kräfte und welche
Schwächen, welche Eigenschaften und welche Fehler das Kinb
als voraussichtliches Erbe des Geschlechtes, dem es entstammt,
mit sich auf die Welt bringt.
Irre ich nicht, so war es Or. Berthold Sigisnünd, ein
fein beobachtender Arzt, ein erfahrener Lehrer und dazu ein
trefflicher Dichter, der in seinem Buche ,Kind und Welr' die
Neberzeugung aussprach, daß das ganze Wesen des Menschen
sein Gepräge in der frühesten Kindheit erhalte, daß die eigent-
liche Erziehung des Menschen schon in seinen ersten fünf,
sechs Jahren festgestellt werden müsse. Einige Jahre, ehe
Stahr und ich diesen trefflichen und lange verstorbenen
Mann in Rudolstadt kennen lernten, hatte ich mit
einer mir befreundeten englischen Schriftstellerin den eng-
lischen Philanthropen Samuel Bamford in seinem kleinen,
ärmlichen Häuschen in der Umgegend von Manchester
aufgesucht. Er war ein feldarbeitender Tagelöhner gewesen,
hatte nicht lesen, nicht schreiben lernen, dankte seine ganzs
Bildung ausschließlich sich selbst; und obschon die Besten seines
Landes zu ihm kamen, seine Meinung anzuhören, wo es sich
um Volkserziehung handelte, war er selbst ein ganz schlichter
Mann geblieben, der, kinderlos, mit seiner alten Frau jede
Handarbeit des Hauses selbst verrichtend, in den allerbeschei-

= g0J -
bensten Verhältnissen lebte. Als ich nach längerem Gespräch
ihm die Frage aufwarf, was er für die ersten Bedingnisse
ber Erziehung halte? antwortete er mir mit kurzer Entschieden-
heit: Reinlichkeit und Gehorsam! - und zwar, wie er dann
im weiteren Gespräch auseinandersetzte, für die frühe Jugend
völlig bedingungslosen Gehorsam!
Das hat mir sehr eingeleuchtet, da ich an mir selber in
Haus und Schule den Vortheil dieses unbedingten Gehorchen-
lernens erfahren hatte. Seitdem, es ist fast ein Menschen-
alter her, daß ich bei Samuel Bamford war, habe ich oft an
ihn gedacht, wenn ich es zu beobachten hatte, wie wenig man
in unseren begüterten, auf den äußeren Lebensgenuß gestellten
Familien die Kinder zum Gehorsam gewöhnte, und wie man
den ersten Grundsatz der Erziehung verkannte und seine Aus-
übung verabsäumte. Dieser Grundsatz ist, das Kind von
Anfang an unter das Gesetz zu stellen, ihm von Anfang an
klar zu machen, daß es gewisse Dinge thun, gewisse Dinge
unterlassen müsse, gleichviel ob ihm das recht sei oder nicht;
daß gegen das gegebene Gesetz gar kein Einwand möglich sei,
daß es auf des Kindes Willen in diesen Fällen gar nicht an-
komme, daß es sich den ihm auferlegten Geboten zu fügen
habe, auch wenn es nicht versteht, weshalb es sich ihnen unter-
ordnen müsse. Das Kind muß gehorchen, weil es ihm von
denjenigen befohlen wird, die ihm zu gebieten haben: vom
Vater, von der Mutter, die für das Kind die Macht, die
Kraft, die Allwissenheit und die Allgüte darstellen; und
Ist Gehorsam im Gemüthe,
Wird nicht fern die Liebe sein.
Der ,Vater und die Mutterr stellen diese höchste Würdig-
keit für das Bewußtsein des Kindes dar. ,Papa und Mamar
thun das durchaus nicht. Es ist vielmehr ein Zeichen der un-
zweckmäßigen Tändelei, welche seit dreißig, vierzig Jahren

= g,0G -
unter uns zur Gewohnheit geworden ist, daß wir in unserm
Familienleben die edlen Worte Vater und Mutter, die das
Kind, so oft es dieselben aussprach, an sein Verhältniß zu
denjenigen erinnerte, an welche es sie richtete, daß wir, den
Ehrennamen des Vaters, der Mutter umgehend, die Eltern
von den Kindern mit den lallenden Silben anrufen lassen,
welche dem Säugling als Nothbehelf dienen. Von den Lippen
eines solchen sind sie rührend, von dem Munde eines älteren
Kindes sind sie geschmacklos, und geben dem Verkehr der Kinder
mit den Eltern einen falschen Ton. Sie haben etwas Nach-
lässiges, sie sind ein Sichgehenlassen, Sichsbequemmachen, das
den Kindern den Eltern gegenüber nicht geziemt.
Meine Mutter pflegte uns zu erzählen, wie die fran-
zösirende Gewohnheit des vorigen Jahrhunderts häflich ge-
wesen sei, nach welcher man seine Eltern, nicht wie es sich
gehöre, Vater und Mutter genannt, sondern sie mit Papa und
Mama angeredet habe, und wie das ,Gottlob ganz abge-
kommen sei, nachdem die Franzosen als Feinde im Lande ge-
wesen, und durch die Freiheitskriege aus dem Lande vertrieben
worden wären.r
Unseren Vater Papa zu nennen, wäre uns so unnatür-
lich, ja, so sündhaft vorgekommen, wie den Namen Gottes
zu mißbrauchen. Auch bin ich nicht die Einzige, welche diese
Tändelei der Kinder mit ihren ersten Vorgesetzten, mit den
Personen, die lebenslang der Gegenstand ihrer verehrenden
Liebe zu bleiben bestimmt sind, als etwas Ungehöriges und
Achtungsloses ansieht.
Fräulein Jenny Hirsch hat den Gegenstand einmal in
dem kleinen von ihr redigirten Blatte, das der LetteVerein
herausgiebt, in dem ,Frauen-Anwalt, sehr richtig in dem
Satz gekennzeichnet: ,Wir haben kein Papa-Land und keine
MamaSprache, sondern ein Vaterland und eine Muttersprache.'

= II? =
Und ich füge hinzu: ,Am Zeichen hält der Geist die Welt!r
Wer zur rechten Zeit, wenn er die Worte auszusprechen ver-
mag, mit dem rechten Sinne Vater und Mutter sagen lernt,
wer dahin gewöhnt wird, diese Worte nie zu brauchen, ohne
ihnen das Beiwort lieber, liebe, vorzuschicken, bei dem hat
man es nicht schwer, den Gehorsam und die Liebe zu er-
wecken; denn Gewöhnung wird zur Natur. Wer aber im
rechten ehrfurchtsvollen Sinne mit fünf und mit zehn Jahren
lieber Vater und liebe Mutter gesagt hat, der sagt mit zwanzig
Jahren auch in dem gleichen Sinne: mein Vaterland! und der
weiß, was seine Muttersprache werth ist. In die Familien des
tüchtigen Mittelstandes und in die Häuser der Handarbeitenden
ist, so viel ich bemerkt habe, jene spielende Unsitte iioch nicht
eingedrungen. Die weitaus größere Mehrzahl der Helden,
die mit todesmuthigem Ernst die Wacht am Rhein gesungen,
die hatten nicht Papa und Mama gesagt, die hatten von
,Vater und Mutter? Abschied genommen, hatten den
Segen von ,Vater und Mutter erhalten und wußten, was
sie gelobten mit den Worten: ,Lieb Vaterland kannst ruhig
sein!rr
Gewöhnen Sie Ihren Kindern, Ihren heranwachsenden
Söhnen und Töchtern das spielrige Papa und Mama mit
festem Willen ab, wenn Sie es ihnen bis jetzt nachgesehen
haben. Halten Sie darauf, daß die Kinder ihrem Vater
diesen Ehrennamen geben; lassen Sie sich von ihnen nicht
anders als Mutter nennen, und es wird Sie das, ich bin deß
sicher, selber häufig antreiben, sich dieser Ehrennamen in
neuem und ernsterem Sinne werth zum machen. Der Vater
und die Mutter werden sich leicht möglich vor ihren Kindern
mnancher Thorheit schämen, die der liebe Papa und die kleine
süße Mama sich durchgehen ließen, weil die Kinder sie nicht
oft genug daran erimnerten, daß sie Väter, daß sie Mütter

==- gIF -
und als solche verantwortlich, den Kindern, dem Staate, denr
Vaterlande, der Menschheit verantwortlich waren.
Und was weiter? Was verstehen Sie unter den Ge
seten, unter welchen man schon das kleine Kind zu stellen hat?
höre ich Sie fragen - sofern es Sie nicht abschreckt, daß man
ernsthaft zu Ihnen spricht, wo Sie es vielleicht zu hören nicht
erwarten - oder auch nicht lieben.
Goethe sagt, man soll' nicht am Verbieten Freude haben
=- und das soll man sicherlich nicht; aber man soll eben so
wenig sich das Vergnügen bereiten, einem Kinde Alles zu ge-
währen, was zu wünschen ihm einfällt, weil es so angenehm
ist, das Gesichtchen fröhlich zu sehen. Ein Kind ist zum Bei-
spiel gewiß nirgend besser aufgehoben, als in dem Zimmer
und unter den Augen seiner verständigen Mutter. Das Kind
muß innerhalb des Hauses auch seinen Theil Freiheit des
Bewegens und des Waltens haben. Es muß dabei aber von
Anfang an sehr genau wissen, daß es zu bestimmten Stunden
nicht bei der Mutter sein kann, daß es keinen Anspruch an
die Eltern zu erheben hat, wenn diese mit Anderen, mit
Fremden beschäftigt sind; daß es das Spielzeug, welches es
frei durch die Zimmer des Hauses herumgetragen, selbst und
ohne erst daran gemahnt zu werden, an den Ort und die
Stelle in aller Ordnung zurückzutragen hat, an die es hin-
gehört. Und ganz eben so muß das Kind von früh an
lernen, daß es unweigerlich fortzugehen hat, wenn man es
entfernen will.
Man führt sichs lange nicht genug zu Gemüth, welche er-
ziehende Kraft in dem Festhalten an diesen einfachsten Regeln
liegt; was es für alle Zukunft werth ist, wenn ein Kind
frühzeitig denken und sagen lernt: das muß ich thun, dies
darf ich nicht thun! Man kommt dadurch nicht beständig in
die Lage, verbieten, tadeln, unnöthig erklären zu müssen.

=- g(ß =
Man erspart die üble, meist vor Fremden aufgeführte Noth-
lüge, dem Kinde vorzureden, daß es ein folgsames Kind sei,
wenn es selber sehr gut einsieht, daß es eben ein unfolgsames
ist; und man verhindert oft ein Unglück, wo eine plötzlich
drohende Gefahr von dem Kinde nur durch sein rasches Ge-
horchen auf das erste Wort abgewandt werden kann.
Wie dem Lehrer in der Schule und dem Kinde in
gleichem Maße das Leben erleichtert wird, wenn es, an Ge-
horsam und Unterordnung gewöhnt, in die Schule eintritt,
das bedarf gar keiner besonderen Erwähnung.
Ein anderer Erziehungsfehler, der häufig begangen wird,
besteht darin, daß die Eltern es nicht genug bedenken, wie
schädlich es auf die Sinnesart des Kindes wirkt, wenn man
es dazu verleitet, sein Theil haben zu wollen von allem, was
es Andere, zunächst die es umgebenden Erwachsenen, haben
und genießen sieht. Ich habe es oftmals in falsch ver-
standener Liebe von zärtlichen Eltern sagen hören: Ich esse
nichts am Tische, wovon die Kinder nicht ebenfalls genießen!
Das ist die Weisheit der alten Kinderfrauen, die auch be-
haupten: ,Wenn der Kleine nicht von Allem etwas abbekommt,
fällt's ihm auf's Herzchen!-
Man muß vielmehr dem Kinde sagen: Das ist nicht für
dich! Das ist nur für die Eltern, für die Großen! Du darfst
noch nicht von Dem und Jenem genießen! Du mußt nicht
Alles haben wollen, was du vor dir siehst! Warte, die Reihe
kommt nachher an dich! Und in dem, was man ihm nachher ge-
währt, mag man ihm das ihm Liebste geben.
Neberall' das Kind in seiner Schranke, ihm überall das
Bewußtsein zu erhalten, daß ein großer Unterschied besteht
zwischen ihm und den Erwachsenen; überall das Kind zu einem
ruhigen Verzichten zu gewöhnen, das sind sehr wesentliche
Schritte zu seiner Versittlichung. Kindern eine fröhliche Kind-

=- ,ß -
heit zu bereiten, ihnen, soweit man es irgend kann, die Freuden
zu verschaffen, die ihrem Alter angemessen sind, das ist eine
Pflicht. Kinder frühzeitig an die Genüsse der Erwachsenen zu
gewöhnen, ist ein Unrecht, das nur zu oft begangen wird.
Ein Knabe, den man mit zwölf Jahren an die Leckerbissen
gewöhnt, die auf dem Tische seines Vaters mehr oder weniger
oft erscheinen, hält sich nach dieser Seite hin dem Vater gleich.
Mit fünfzehn Jahren gelüstet es ihn nach der Eigarre, mit
siebzehn nach dem Pferde - denn der Vater raucht und der
Vater reitet -= und der Vater thut und hat noch Dies und
Das. Warum soll der Bursche sein Theil nicht davon haben,
da der Vater es bezahlen kann, so gut wie die Austeru und
den Champagner und Burgunder, wovon das liebe Kind sein
kleines oder auch sein reichlich Theil gehabt hat?
Klar bewußt ist sich die Jugend des neidenden Begehrens,
zu dem sie systematisch angeleitet wird, nicht immer; aber solche
Fälle kommen doch vor. Ich ging vor ein paar Jahren einmal
auf dem Spaziergang hinter einer Mutter und deren etwa
dreizehnjährigem Sohne her. Ich kannte die Leute oberflächlich,
sie waren durch die Tüchtigkeit des Mannes rasch empor-
gekommen, reich geworden, sie wünschten sich zu bilden und
die Kinder ganz besonders. Der Vater hatte mir den Dreizehn-
jährigen als ein ,merkwürdiges Kind'' gerühmt mit dem Zusat,
,daß sein Junge seinen Faust wie Einer lese!'! An dem Tage,
als ich hinter ihnen herging, flog ein Wagen, dessen Räder
mit Gummi überzogen waren, lautlos und rasch an uns vor-
über. ,Mama, sagte der Bursche, warum haben wir keine
Gummiräder? Wir müssen auch Gummiräder haben !'! Ich
dachte mir mein Theil bei dem Faustlesen wie bei den Gummi-
rädern.
Wie soll ein Knabe sich erhoben fühlen in dem Gedanken
an spartanische Erziehung, oder angewidert von der Schlemmerei

= IF =-
eines Lucull, wie soll ihm die starke Mannhaftigkeit seiner
Altvordern zum Beispiel werden, mit welchen Gefüühlen soll er
Körner's Schwertlied von ,den Buben hinter dem Lfen' an
sein Ohr schlagen hören, wenn er dabei an Champagner,
persische Teppiche und an Gummiräder, als an das Ziel seiner
Wünsche denkt? Und abgesehen von ihm selber, dessen Be-
gehrlichkeit die Eltern zu vertreten haben! Aber solche Ge-
sinnung wirkt schlimmer als das Scharlachfieber, das am
meisten ansteckt, ehe man merkt, daß ein Kind davon ergriffen
ist. Freilich, die eppigkeit solch eines jungen Burschen ist
dem Sohne des tüchtigen Beamten, den seine Standesehre
schadlos hält für die große Beschränkung seiner materiellen
Lage, nicht gefährlich. Er verspottet sie in der Regel, denn
er ist meist idealistisch erzogen. Sie ficht auch den Sohn des
soliden Bürgers nicht sonderlich an, denn dem ist's wohl in
der gefesteten Behaglichkeit und in dem stetigen, wenn auch
langsamen Vorwärtskommen in seinem Vaterhause. Aber sie
reizt des Hauswarts Sohn, der vielleicht neben ihm in der
Schule sitzt; sie regt diesem die Phantasie auf, denn das
Wissen, das er erwirbt, wird mit seinem Leben durch kein
sittliches Element vermittelt; und wie sollte er nicht beneiden,
nicht leidenschaftlich begehren, nicht als das Erstrebenswertheste
Dasjenige betrachten, was er jene Genußsüchtigen höher schäten
sieht als den Erwerb der Kenntnisse, die er nur erringen kann,
wenn er und die Seinen sich durch lange Jahre harte Ent-
behrungen dafür auferlegen?
Das Beispiel einer maßvollen, sparsamen Häuslichkeit,
einer strengen und einfachen Kindererziehung in den begüterten
und gebildeten Familien ist eben so sehr eine verdienstliche
That für das Vaterland und ein Segen, als das Beispiel
des verwöhnenden Luxus unrecht und ein Unheil ist. Welch
guter Geist und welche böse Dämonen aus unseren Wohnungen

== I1Z -
ungesehen von uns, hinabsteigen in des Hauswarts Stube, in
die Stuben der Hinterhäuser, auf die Höfe und in die Dach
kammern über uns, das vergessen wir - bis wir sie als
menschgewordene Erscheinungen uns erschreckend und feindlich
fordernd, gegenübertreten sehen.
Der kostbare Flitter, mit dem die Frauen sich und selbsf
ihre Kinder behängen, noch ehe diese auf den Füßen stehen
können, führt die Dienerinnen des Hauses, führt die Töchter
der unbemittelten Nachbarn aus eitler Nachahmungssucht zu
Schimpf und Schande. Der Schulbube, der sich Gummiräder
wünscht, reizt den Schreiberlehrling in der Dachstube, auf dem
Miethsgaul als Sonntagsreiter sein Glück zu versuchen, und
treibt ihn, ohne es zu ahnen zu dem Gedanken, daß es nicht
so übel wäre, mit den Besitzenden zu theilen. Die Familie,
die ihre Kinder streng erzicht, von welcher der brave Handwerker,
die sparsame Näherin ihren Kindern sagen können: ,sieh oben
die Kinder der reichen Leute an, wie die fleißig, wie die be-
scheiden sind' - die macht sich verdient um die Gesammtheit!
Und noch Eines hat das Kind nöthig von frühesten Tagen
an. Es muß laut beten lernen, ehe es sein Auge für den
Schlaf zumacht.
Ich hatte in diesem Sommer in Ragaz eine Engländerin
mit ihrem kleinen Kinde neben mir. Sie wußte von mir so
wenig, als ich von ihr; aber allabendlich rührte es mich zu
hören, wie sie dem Kinde das Gebet vorsprach, wie die Kleine
es ihr nachsprach:,Segne meinen guten Vater, Herr, und
meine gute Mutter, und segne uns Alle! Und ich will ein
gutes Kind sein und will morgen nicht unartig sein !
Wenig Worte, wie es umfaßte, enthielt das kleine Gebet
eben doch den Aufblick zu einem Höheren, das Absehen von
dem Zeitvertreib und Spiel des Tages, das Anerkennen des
Guten, welches man besitzt, und den ausgesprochenen Vorsay,

= IZ -
seine Schuldigkeit zu thun. Und das Alles hat das Kind, hat
der Mensch, haben wir Alle nothwendig. Adolf Stahr hatte
die Gewohnheit, jeden Abend, ehe er sich niederlegte, ein paar
Seiten aus den Goethe'schen oder aus Anderer Sinnsprüchen
und Gedanken zu lesen. ,Man muß seinen Sinn rein waschen
von der Zerstreuung des Tages !' pflegte er zu sagen, und
er hatte Recht! Ob wir dieses Seelenbad mit den Werken
eines Geistes an uns vollziehen, dem wir uns als Schüler
unterordnen, ob wir es mit eigener Sammlung, ob mit den
Worten und Gedanken thun, die uns das Judenthum und
Christenthum in der Bibel aufbewahrt haben, immer ist es
das Anerkenntniß, daß es ein Höheres gibt, als den bloßen
sinnlichen Genuuß des Daseins, einen Aufblick zu einem Jdealen,
das uns erst des Menschen-Namens werth macht.
Lehren Sie Ihre Kinder sich beherrschen und gehorchen;
lehren Sie sie entbehren und nicht begehren; lehren Sie sie
die Augen zu einem Jdeal erheben und sich ihm in freier
Erkenntniß unterordnen - und sie werden aus ihrem engen
Kreise hinaus mitarbeiten an der Auferbauung des Anhalts,
dessen wir nicht entrathen können in der haltlosen Verirrung der
Geister, die sich uns in furchtbaren Zeichen offenbart hat.
Das klingt alles kurz und hart und scharf zugespitzt! ich
weiß das wohl. Aber ich habe eben nur in flüchtigen Briefen
zu Ihnen zu sprechen und muß zufrieden sein, wenn Sie sich
aus diesen abgerissenen Sätzen zu Ihrem Besten entnehmen,
was Sie für sich brauchen können. Die Wirksamkeit all dessen,
was ich Ihnen sagte, habe ich an mir selbst und an Anderen
erprobt. Und da vielfache Zuschriften mir in diesen Wochen
es dargethan haben, daß Sie mich über diese Dinge hören
mögen, daß es Ihnen daran liegt, ,Ordnung um sich her zu
schaffen'', so sprechen wir auch mehr davon.

Kapitel 31

= I,hF =
sslssü»»fss=- Nsss
EEtutllt«uog-zs==- =e=s-
An die deutschen rauen.
Haus Kaldenhof bei Hamm in Westphalen.
Ein brieflicher Verkehr, wie der meine mit Ihnen, kann
nicht ein umfassendes oder gar abschließendes Ganzes bieten.
Er kann aber um so weniger daran denken, es zu thun, wenn
es sich, wie in unserem Falle, dabei um Fragen und Neu-
gestaltungen handelt, deren Lösung und Feststellung, wenn sie
überhaupt möglich ist, jedenfalls einer wahrscheinlich nöh sehr
fernen Zukunft vorbehalten sein dürften. Ich wiederhole es
deshalb also, daß ich mit diesen Briefen Nichts beabsichtige,
als hier und da ein Streiflicht über unsere Zustände fallen
zu lassen, damit auch Sie durch diese Beleuchtung sehen
mögen, was mir aufgefallen ist; damit Sie selber über das-
jenige nachdenken, was der Erwägung werth ist, und Hand
an die Aenderungen legen mögen, wo solche nothwendig sind
und in Ihrer Macht stehen.
Wenn ich von den Wohnungen der Reichen in die Woh-
nungen unserer unbemittelten handarbeitenden Mitbürger
hineinblicke, und deren jettige Lebensweise mit jener vergleiche,
welche man in diesen Volksschichten vor fünfzig Jahren führte,
so sind die Ansprüche an dieselbe sehr wesentlich gestiegen und
haben auch nach vielen Seiten hin Befriedigung finden können.
Ein junges Ehepaar muß jettt schon sehr unbemittelt, ja leicht-
sinnig und aussichtslos in die Ehe treten, wenn es sich mit
dem zweischläfrigen Bett, mit einem Tisch, einem Kasten,
einigen Stühlen, einem kleinen Stück Spiegel und dem aller-
unentbehrlichsten Küchengeräth begnügen soll, wie das vordem

== gJ -
der Fall war. Denn so ganz nothdürftig habe ich es in
manchen der übrigens sehr reinlich gehaltenen Wohnungen
unserer Königsberger Milch- und Gemüsehändlerinnen, in den
Wohnungen von manchen der Arbeiter gesehen, die in meines
Vaters Weingeschäft gehalten wurden, und bei vielen der
Handwerker, die für unseren großenHaushalt arbeiteten. War
damals der Zuschnitt hier und da ein besserer, so hatte das
Bett eine Gardine von karrirter Leinwand, man hatte einen
Kleiderschrank, und ein sogenannter Schragen an der Wand
trug besseres Eß- und Küchengeräth, einige Fayenceteller,
zinnerne Löffel. und gemusterte Kaffeetassen. Aber freilich
waren die Alnforderungen an Hausrath vor jenen Jahren
im Allgemeinen geringer als jetzt, wennschon die einzelnen
Stücke besser sein mochten. Einer unserer großen Gelehrten
erzählte mir, daß ein Freund seines Vaters diesem seine Ver-
lobung, vor 80 bis 7 Jahren, mit der Schlußbemerkung ges
meldet habe:,eine Braut ist ein gar liebes und hübsches
Frauenzimmer, und sie besitzt eine schöne große Kommode voll
Wäsche und recht hübsches Zinngeräth !! Der Bräutigam war
aber kein Proletarier, sondern ein junger, später berühmt ge-
wordener Arzt. Eine Kommode, ein Kleiderschrank, Gardinen
an den Fenstern, die jetzt unerläßlich sind, waren vor fünfzig
Jahren nur bei den Meistern anzutreffen, und auch bei ihnen
stand der,Tisch'' zwischen den Fenstern unter dem Spiegel.
Der Spiegel trug den Kalender und die Briefschaften in sei-
nem Rahmen, und von einem Sopha war auch bei ihnen nicht
die Rede. Welches Dienstmädchen aber, das in die Ehe tritt,
mag es jett entbehren, ein kleines Sopha und seinen Tisch
davor zu haben?
An die Möglichkeit, die Fluren und Treppen der Häuser,
in denen sie wohnten, irgendwie erleuchtet zu finden, an
Wasserleitungen dachte man so wenig wie an die kalten oder

== g,hß -
warmen Bäder, die man jetzt für wenig Geld erlangen kann.
Volksküchen für den Unverheiratheten, Consumvereine für die
Familien, Fortbildungsschulen und unentgeltliche Vorlesungen
für beide Geschlechter, und alle jene Erleichterungen, mit denen
die als Pflicht allgemein anerkannte Vorsorge der Bemittelten
für die Unbemittelten diesen gegenwärtig wirksam zu Hilse
kommt, waren nicht vorhanden; ebensowenig wie die Krippen
und Kinderbewahranstalten, in welchen die auf Arbeit gehende
Mutter ihr Kind jetzt fast ohne Entgelt von gebildeten Per-
sonen behüten und unterrichten lassen kann. Das ist Ales
ein großer Fortschritt. Es ist auch gut, daß die Ansprüche an
das Wohlbefinden sich nach dieser Seite hin gesteigert haben,
sofern sie mit jenem auf das ruhige Erwerben und sparsame
Zusammenhalten des Erworbenen gepaarten Sinne verbunden
sind, in welchem die Franzosen, trot ihrer Lebhaftigkeit, vor
allen Völkern als unerreichte Vorbilder dastehen; und, so wie
mir es schien, auch die Engländer die Deutschen häufig über-
treffen. Daß der Franzose wie der Engländer das große
Gardinenbett, die beiden großen Stühle am Kamin, den Topf
mit Fleisch und Gemüse auf seinem Heerd oder das Stück
Fleisch auf seinem Rost nicht mehr entbehren können; daß die
Engländerin überzeugt ist, ohne den kleinen Teppich - und
wäre er von Stroh - vor ihrem Kamin, und ohne den
zinnernen Theetopf und ohne Dies und Jenes gehe es einmal
nicht, das macht den eifrigen Erwerb dieser Unerläßlichkeiten
nöthig, das steigert zum Vortheil des Volkes den Verbrauch
und die Gewerbthätigkeit. Es erhöht den ganzen Zuschnitt
der Lebensweise, und in deren andauerndem Verlauf auch die
Gesittung und die Bildungsmöglichkeit der Nation, sofern das
behaglichere Haus den Bewohner, den Herrn desselben, häus-
licher macht. Ob aber die Häuslichkeit der Männer in diesen
Ständen nicht eher abgenommen als zugenommen hat, seit so

= Ih ? -
und so viel. Vereine ihnen den Anlaß geben, so zu sagen von
Amtswegen außer dem Hause ihre Abende hinzubringen, das
ist die Frage. Eine andere Frage ist es, in wie weit es der
bürgerlichen Gesellschaft im Großen und Ganzen fördersam ist,
daß man jetzt in den Vorstädten eine Art von abgesonderter
Städte gegründet hat, in denen meist nur Unbemittelte und
Ununterrichtete ein von den übrigen Bürgern abgeschiedenes
Leben führen.
Daß die Leute, welche wenig Miethe zahlen konnten, auf
den Böden, in den Höfen und in der Kellerwohnung der in
den Hauptstraßen und Mittelpunkten der Städte gelegenen
Häuser oft schlecht wohnten, daß ihre Kinder des Spielraumes
entbehrten, daß das nahe Zusamnnmnenwohnen mit ihnen, daß
der Zusammenhang der uns Tienenden mit jenen Familicn
große Unzuträglichkeiten hatten, ist nicht zu leugnen. Hier
und da gab auch der Luus der Reichen und manche Unsitte
unter den Unbemittelten nach einer und der andern Seite
ein recht übles Beispiel. Es war eben viel in jenen früheren
Gewohnheiten unzuträglich und der Versuch einer Neuerung
und Aenderung nothwendig. Ich habe mich denn auch in
verschiedenen Orten von Deutschland, in Fabrikstädten und
anderwärts, habe mich in Manchester und London und wo
ich es immer konnte, in den für die Arbeiter gebauten neuen
Stadtvierteln umgesehen, um mich über die Zustände in denselben
zu unterrichten; aber neben all dem Guten, das die Gründer
und Förderer dieser Arbeiterquartiere mir für dieselben anzu-
führen wußten, blieb mir immer ein gewisses Widerstreben
gegen dieselben. Die Freunde, die mich dorthin führten, haben
mich darauf aufmerksam gemacht, wie das Nebeneinander-
wohnen der unter gleichen Verhältnissen lebenden Familien
rR NR
F. Lenaald, Reiseriefe.

-= g1Z -=
untereinander sich helfen könnten und auch wirklich helfen,
wie die Kinder in den nahe gelegenen Schulen es besser hätten,
wenn sie nur unter ihres Gleichen wären. Ich habe das Alleg
gesehen, habe in London zum Beispiel die trefflich eingerichteten
Familienhäuser mit Wohnungen von einer bis zu drei Stuben
- die eben so gut eingerichteten Häuser für unwerheirathete
Arbeiter mit ihren Lehrsälen, Badekammern u. s. w. gesehen
-= aber das beängstigende Gefühl, daß man mit dieser Ab
sonderung der Weniger- und der Mehrbesitzenden einen Kasten-
geist, eine Klassenscheidung herbeiführe, ist mit jedem Jahre in
mir gestiegen. Und je mehr ich darüber nachdenke, um so
mehr glaube ich, daß das frühere Verhältniß der Menschen
zu einander ein natürlicheres war, weil jener Zusammenhang
zwischen den Reichen und Unbemittelten, zwischen Gebildeten
und Ungebildeten dabei aufrecht erhalten werden konnte, der
sich auf das gegenseitige Kennen, auf den gegenseitigen
guten Willen, auf das gute Herz des Menschen gründete.
Abgesehen davon, daß dem Einen durch das Beisammenleben
manch kleiner Nebenerwerb zufiel, daß dem Andern gelegentlich
eine Bequemlichkeit geboten wurde, hatte man Verkehr von
jeder Art. Der Scheuerfrau im Hofe, deren Kind erkrankt
war, konnte man so leicht an jedem Tage die Suppe schicken,
--- dem alten Schlosser und seiner Frau, die, in der nächsten
Straße wohnend, nicht mehr recht zu arbeiten vermochten,
Sonntags das Essen besorgen. Die einsame Näherin, deren
Fenster am Weinachtsabend dunkel blieben, war leicht hinüber-
gerufen. Es fand sich immer Etwas, das sie brauchen konnte.
Und wie man ihnen Etwas leistete, leisteten uns die Andern
es auch. Hatte man in einem Nothfall einen Gang zu schicen,
so verließ man sich auf den guten Willen des Schuhmachers
im Hofe, der seinen Jungen gehen lassen werde. Ward ein
dienendes Mädchen im Hause krank, so fand sich eine Person,

== I1f ==
bie für dasselbe gern eintrat. Man wußte es eben, daß man
einander brauchen, nützen konnte, man ,sprang einander im
Nothfalle bei', wie man es hieß. Dieses Gefühl der natürlichen
Zusammengehörigkeit geht unter den gegenwärtigen Lebens-
verhältnissen nothwendig verloren. Das ist aber ein unersetzlicher
Verlust, ist vielleicht eine der mitwirkenden Ursachen, aus
denen sich der jetige oft so feindselige Kastengeist erzeugt hat.
DieöffentlichenWeihnachtsbescheerungenin denverschiedenen
Bezirken, die man vielfältig veranstaltet, ersetzen es nicht, daß
man von Person zu Person, von Familie zu Familie einander
nahe trat. Sie sind ein Abfinden, und sind nebenher nach
meinem Begriff eine Beeinträchtigung des Familienlebens in
den Häusern Derjenigen, die man beschenken will. Man soll
den Müttern geben, was man ihrem Hausstande zudenkt, und
sie in ihren Stuben die Bescheerung für die Ihren selber machen
lassen. Und so ist es nach allen Seiten hin.
Der Dienstmann, aus dem DienstmannsInstitute, den
ich in jedem Augenblicke haben, bezahlen kann, ist ganz beguem;
aber er weiß nichts von mir, nichts von dem Kinde, um dessen
willen ich ihn beschwöre, rasch zum Arzt zu laufen. Der
Nachbar im Hofe wußte von uns, kannte das Kind, hatte
Mitleid mit uns, und wir dankten es ihm, vergaßen es ihm
nicht, wenn seine Bereitwilligkeit uns in schwerer Stunde aus
der Noth geholfen hatte. Es hatte sich in solcher Stunde
mehr als ein bloßes Lohnwerhältniß, es hatte sich ein veredelndes,
ein dauerndes menschliches Verhältniß zwischen uns gebildet.
Es war nicht das kalte, abgelohnte Rebeneinander, nicht jene
Scheu davor, von einander abzuhängen, der man jett in dem
falschverstandenen Begriff von Unabhängigkeit so oft begegnet-
,Ich will von Niemandem abhängen !! Das klingt sehr stolz
und groß, und ist so leicht gesagt wie thöricht. Als ob irgend
Einer außer allem Zusammenhange mit den Anderen, als ob
A-

== gZß --
irgend Etwas unabhängig für sich selbst bestände oder bestehen
könnte!
Dieses meist falsche Streben nach möglichster Unabhängig-
keit hat viele Bande gelockert, deren mannigfach nützliche
Wirkung auch noch nicht ersetzt ist; es hat z. B. das Verweilen
der Lehrlinge, der Gehülfen, in den Häusern ihrer Lehrherren
und,Chefs'' aufgehoben. Die jungen Männer wollen nicht
mehr in den Familien Derjenigen leben, denen sie dienen und
von denen sie zu lernen haben. Die Familien und namentlich
die Frauen, wollen auch lieber unabhängig von Pflichterfüllung
sein. Sie scheuen die Mühe, die Verantwortung, nelche ihnen
erwächst, wenn sie die Lehrlinge des Meisters, die Handlungs-
gehülfen des Hauses bei sich wohnen, an ihrem Tische essen
lassen, für sie sorgen, sie in Krankheit pflegen und sich um
sie kümmern sollen, wo und wie es eben Noth thut.
Das Geld, die Bezahlung ist fast durchweg an die Stelle
der persönlichen Leistung getreten, und das ist ein Unglück,
denn es hebt den veredelnden Zusammenhang zwischen den
Menschen auf.
,Ich will keinen Hausarzt, dem ich ein Jahrgeld gebe
und der dabei den ungebetenen Hausfreund spielt!'! habe ich
sagen hören. ,Der Arzt dient mir mit seinem Wissen, wie
jeder Andere mit seiner Waare. Ich will dem Hausarzt nicht
hundert Thaler bezahlen, wo ich für zwanzig Thaler Leistung
empfangen habe, und bei dem ich mich dann vielleicht für
mein Geld im nächsten Jahre für mehr empfangene Leistung
unnnöthig bedanken soll. Klare Rechnung ist das Beste.! -
,Es ist eine zu große Last, sagt die Kaufmannsfrau, ,die
Handlungsdiener im Hause, diese Statisten, am Familientische
zu haben, wenn ich mit den Meinen allein sein will, und
vollends wenn ich Leute bei mir habe. Mein Mann macht das
mit Geld gleich im Gehalte ab.?- ,Gott soll mich vor der

- IZ! -==
Gesellschaft der Inspektoren und der Wirthschafter bewahren!'!
heißt es auf den Gütern. ,,Qie verdingen wir auswärts.? -
,Das sollte mir fehlen, mich mit den Gesellen zu schinden,
die jett gar nicht mehr wissen, was sie verlangen sollen.
Dafür sind die Schlafstellen und die Volksküchen!' erklärt
die Meisterin. ,Einem unbemittelten Primaner oder Studenten
Freitisch zu geben, ist ja drückend für ihn! hört man sagen,
man kann ihn ja anderweit unterstützen, und es ist doch
immer eine hindernde Verpflichtung, die man mit solchem
Freitisch übernimmt!? = Wo das Herz sich freundlich regen
sollte, klappert der Thaler, wenn er es thut! Wo man die Hand
reichen, die Hand des Andern ergreifen sollte, drückt man ihm
ein Papiergeld in die Hand. Aber daß der Handlungsdiener,
der Handwerksgesell, wenn sie in der Familie lebten, es sahen
und merkten, wenn schlechter Verdienst die Familien zu Ein-
schränkungen nöthigte, daß sie nicht daran denken konnten zu
fordern, was der Arbeitgeber sich selber versagen mußte: das
wird übersehen.
Wenn ich solche Vorstellung mache, so heißt es oftmals:
Was wollen Sie? Wir leben eben in unserer Zeit, in der
neuen Zeit! All diese Erscheinungen haben ihren nothwendigen
inneren Zusammenhang!
Der Mensch, der mit A Jahren mündig, der früh
Staatsbürger, Wähler wird, will sich nicht abhängig machen
von den Launen seines Herrn und denen der ganzen dazu ge-
hörenden Sippschaft. Er will nicht falsche Gefühls-Komödien
spielen. Arbeit und Lohn sind positive Dinge, die einander
ausgleichen und decken müssen, und damit holla! - Ich rechts!
Du links! Abends S Uhr sind Herr und Diener geschiedene
Leute und einander gleich!
Wenn man's so hört, möchts leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum!

-= IZZ -
Müssen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer denn durch-
aus geschiedene Leute sein? Kann der Herr dem Dienenden
nicht ein Berather, ein gutes Vorbild sein? Muß man es denn
dem Studenten drückend machen, an dem fremden Familien
tische zu sitzen? Kann man es ihm nicht freundlicher und an-
genehmer machen, als er's in dem öden Speisehause findet,
in dem er an unsauberem Tische und für seine paar Groschen
sicherlich nicht gut ißt? Und sind die Hausfrauen denn einzig
und allein für sich, für ihre Bequemlichkeit und für die nächsten
Ihren da, die sie mit Selbstsucht lieben, weil ße ein Theil
von ihnen selber sind?
Freilich hatten es die Hausfrauen vordem schwerer als
jetzt in jenen gebildeten und nicht eben reichen Familien, auf
deren Tüchtigkeit in allen Ländern die eigentliche Kraft des
Volkes beruht. Sie, und eben so die Meisterin, mußten sich
sehr plagen, und es war z. B. in meinem Vaterhause durchaus
nicht immer angenehm, neben der Familie von acht Kindern
noch vier Handlungsgehülfen und einen Lehrling zu versorgen.
Man that das auch nicht zum Vergnügen! Man that eben
seine Schuldigkeit, erfüllte seine Pflicht; und es ist keineswegs
gleichgültig für die Gesittung eines jungen Mannes, der doch
auch einmal Hausherr und Familienvater werden soll, ob er
Jahr aus Jahr ein in einer gesitteten Familie eine gesittete,
mehr oder weniger gebildete Hausfrau und deren Töchter vor
Augen hat, oder ob er Mittags und Abends in wechselnder,
zufälliger Gesellschaft mit Schenkmädchen, die ihm leicht zu
Willen sind, im Wirthshause verkehrt. Man steigt leichter
hinunter als hinauf. Es ist keineswegs gleichgültig, ob ein
junger Mann frühzeitig mit seiner ganzen Lebensführung sich
selber überlassen ist, oder ob das Auge eines Lehrherrn, eines
Handlungsherrn, mehr oder weniger achtsam über ihm offen
ist und eine Hand ihn gelegentlich zurückhält, ein mahnendes

== gZZ -
Wort ihn anruft, wo er sich zu sehr vom rechten Pfade zu
entfernen scheint. Ich weiß nicht von all unseren ,Herren
vom Comptoir'' was aus ihnen geworden ist. Viele habe ich
aus den Augen verloren; aber wo ich Einem von ihnen im
Laufe des Lebens begegnet bin, hat es ihn und mich gefreut.
Einmal, als ich vor Jahren mit meinem Manne in Florenz
in das große Magazin an Ponte della Trinits eintrat, wo er
einen Einkauf zu machen wünschte, hatten wir ein angenehmes
derartiges Erlebniß. Wir standen und besahen und behandelten
verschiedene Gegenstände. Mit einem mal tönte aus dem
entgegengesetzten Ende des Magazins der laut und mit
freudigster Neberraschung ausgestoßene Ruf: ,Herr Gott,
Fräulein Fanny !' an mein Ohr - ich war eine Frau mit
weißem Haar -= und Herr Sonnemann, ein früherer Reisender
meines Vaters, hatte meine Hände ergriffen, und uns Beiden
kamen die Thränen in die Augen in der Erinnerung an
,den Herrn Stadtrath, an den Herrn, an die Mutter und an
den großen Eßtisch in der Hinterstuber! Und so oft ich nachdem
in Florenz gewesen bin, habe ich an dem Tische von Herrn
Sonnemann gesessen, hat er mir erzählt, wie er sich bemüht,
seine Kinder nach dem Beispiel unseres Hauses zu erziehen,
und ich habe in seinem Rückerinnern immer ein paar gute
Stunden voll segnenden Gedenkens an meine trefflichen Eltern
genossen.
In diese patriarchalischen Verhältnisse können wir leider
nicht mehr zurückkehren. Aber grade den Frauen liegt die
Pflicht ob, durch werkthätige Theilnahme von Person zu Person,
die Entfremdung der Menschen untereinander zu verhüten.
Wie dies anzufangen ist, darüber muß jede in ihrem besonderen
Kreise und unter ihren besonderen Verhältnissen selber mit
sich zu Rathe gehen. Es hat mich oft erschreckt, wenn ich
gutwillige Frauen der reichen Leute vor Personen aus den

== g,Zg -=
ärmeren Klassen sich so ungeschickt, so unbehülflich, so ohne
richtige Kenntniß der Sachlage betragen sah, als wären sie
in ein fremdes Land verschlagen, dessen Sprache sie nicht ver
ständen. Sie flößten Abneigung ein, wo sie Gutes thaten
oder thun wollten; und mehr als einmal habe ich von ihnen
sagen hören: ich weiß mit den Leuten nicht zu reden, sie sind
mißtrauisch, es ist ihnen schwer beizukommen. Ist das der
Fall, nun, so bleibt doch wahrhaftig gar nichts Anderes übrig,
als es zu lernen wie man's macht, ihnen angenehm zu sein
und ihr Zutrauen zu gewinnen, um- ich wiederhole den
Ausdruck immer wieder - den richtigen menschlichen Zusammen-
hang zwischen den durch ihre Verhältnisse im Leben ungleich
gestellten Menschen ausgleichend herzustellen.
Wie wir dies, um immer mit dem Nächsten anzufangen,
in unsern Häusern mit den uns dienenden jungen Frauen-
zimmern vielleicht bewerkstelligen können, darüber habe ich
mich einmal in den,Osterbriefen für die Frauen'' ausgesprochen,
die seinerzeit bei Otto Janke in Berlin erschienen sind und
auf die ich Sie verweise, wenn die Frage Sie beschäftigt.
Mancherlei, was ich in dem Sinne versucht, ist mir geglückt.
Anderes zu versuchen, habe ich aus jener Bequemlichkeit
unterlassen, von der Keiner von uns frei ist -- und ich hatte
auch immer viel Unerläßliches zu thun.
In zweckmäßiger Werkthätigkeit für das Allgemeine sind,
so wie der französische Kleinbürger als Ersparer, die Eng-
länder für uns ein großes Vorbild. Was die Männer der
hohen englischen Aristokratie, was unverheirathete begüterte
und unbemittelte, alte und junge Engländerinnen für das
Gemeinwohl mit großer Selbstverleugnung gethan haben und
thun, davon auch nur ein Annäherndes zu leisten, sind wir
weit entfernt. Die elendeste Abendunterhaltung, die gleichs
gültigsten geselligen Gewohnheiten, der unnützeste Singverein

Kapitel 32

= IZJ -
sind bei uns leider immer noch die Gründe, welche gegen
jede Nebernahme werkthätiger Verpflichtungen für das All-
gemeine, oder auch für dauerndes regelmäßiges Leisten im
besonderen Falle, angeführt zu werden pflegen.
Daß jede Hausfrau und Mutter zunächst ihre Schuldigkeit
in ihrer Familie zu thun hat, darüber haben wir uns schon
vor Jahren in den ,Briefen für und wider die Frauen'' ver-
ständigt. Aber es leben unter uns so viel müßige Frauen
und Mädchen, die sich mit allen möglichen Vergnügungen vor
der ödesten Langeweile nicht zu retten wissen. Warum legen
diese nicht, wie in England, Hand ans Werkt es ist viel zu
lernen jenseit des Kanals!
ss»lsszlo
Zyeuutll==-z-= -
An die deutschen
S»mef.
Frauen.
Haus Kaldenhof, den A. September 178.
Wir hatten heute nach Hamm auf den Schießplat fahren
wollen, der Feier des Sieges von Sedan beizuwohnen, aber
das Wetter war uns nicht günstig, wir mußten davon ab-
stehen. Indeß wir hatten sie doch gesehen, die schwarz-weiß-
rothen Fahnen, die von den Giebeln der Häuser niederhangend
im Winde flatterten, und die kleinen Jungen, die mit ihren
Fähnchen an der Eltern Hand umherzogen in allen Straßen
der alten guten Stadt, die sich verschönt und verjüngt hat,
rund um ihren vierschrötigen Dom umher, vor dem das
Kriegerdenkmal steht, und die viel freundlicher geworden ist
seit den zehn Jahren, in denen ich sie nicht wiedergesehen
hatte.

= g,Zß ==
Wenn sie auferstehen könnten, dachte ich, jene Genossen
meiner Jugend, die Brüder, die jungen studirenden Freunde,
die in den Tagen der traurigen Zersplitterung von Deutsch
land, in treuem, muthigem Glauben und Hoffen das alte
schöne Lied der deutschen Burschenschaft und in ihm die Verse
von des alten Reiches Farben feierlich wie ein Gelöbniß zu
singen geliebt hatten:
Wie Flammen golden sei der Brüder Zeichen,
Roth wie die Liebe, die im Herzen glüht;
Und daß wir auch im Tode selbst nicht weichen,
Sei schwarz das Band, das unsre Brust unizieht!
Damals war es ein Verbrechen, an die Aufrichtung des
Deutschen Reichs zu denken, ein Verbrechen, die alten deutschen
Farben hochzuhalten. Jetzt ist das neue Deutsche Reich er-
standen, die deutschen Fahnen fliegen frei und stolz durch die
Lande und auf den Meeren. Dank dem deutschen Volk und
seinen Führern hat Deutschland den Tag von Sedan und
den 1. Januar des Jahres 17 in Versailles erlebt.
Ach, die jetige, in dem geeinten Deutschen Reich heran-
wachsende Jugend kann es kaum ermessen, was jenes Lied der
Burschenschaft, was Körner's, Arndt's, Schenkendorf's Lieder
uns gewesen sind! Wie in dem traurigen Verfall von
Deutschland die Liebe für das Vaterland in uns lebendig war,
wie fest unsere Hoffnungen auf seine einstige Wiederherstellung
gerichtet waren! Gewiß, die Vaterlandsliebe ist ein durchaus
religiöses, das Wesen des Menschen veredelndes Gefühl, und
es ist heilige Pflicht, ihren Kultus in den Familien aufrecht
zu erhalten; den Kultus jener reinen Vaterlandsliebe, die
eben so fern von Selbstverblendung als von Ausschließlichkeit
oder gar von Abneigung gegen die anderen Völker ist. An
dem häuslichen Herde muß sie großgezogen werden, die rechte
Liebe für das Vaterland, dort muß die heilige Flamme -

= P? -
wie in dem Hause der alten Deutschen - lebendig gehalten
werden für und für. An diesem Altar sind die Frauen
Priesterinnen.
Neberliefern Sie Ihre Kinder, Ihre Söhne und Töchter
dem Lehrer, der in den überfüllten Klassen unserer Schulen
sie fortzubilden hat für das weitere Leben und für die Ge-
sammtheit, genährt mit jener Vaterlandsliebe, in welcher der
Einzelne sich nur als ein dienendes Glied in dem großen
Ganzen empfindet, und die zu fühlen ein Glück ist. Sie
werden dem Lehrer damit einen großen Thheil an Arbeit er-
sparen, Sie werden ihm gefügige, sich selber gut vorwärts-
kommende Söhne und Töchter damit erziehen. Erziehen Sie
die deutschen Kinder in der Verehrung vor dem Kaiser, der,
unter der begeisterten Zustimmung des Volkes an die Spite
des Vaterlandes gestellt, in seiner Person das Vaterland und
das Gesetz darstellt, welches das Volk sich gibt, und das es
unter seinen, unter des Reiches Schutz stellt. In keiner
Kinderstube, in keiner Schulstube, in keinem Arbeitssaal, in
keiner Werkstatt sollte man sie fehlen lassen, die Bilder der
Germania und des Reichsoberhauptes. Die katholische Kirche,
diese vollendetste und betechnetste Organisation, weiß sehr
wohl, was sie fördert, wenn sie das Bild des Gekreuzigten
und der göttlichen Jungfrau den Menschen immer vor dem
sinnlichen Auge vorführt, wenn sie die Kinder täglich zur
Kirche geleitet. Lehren Sie Ihre Kinder die großen vater-
ländischen Gesänge und die hübschen deutschen Lieder von
Kindesbeinen an. Kinder sind für Musik und Poesie weit
früher empfänglich, als man es voraussetzt. Das einfache
kleine Liedchen von der Feldflasche - ich weiß nicht von wem
es ist, das jede Strophe mit dem Verse beschließt: ,Mein
König trank daraus !' tönt mir heute noch mit dem rührenden
Stimmklang meiner Mutter in der Seele, mit der wir es,

= PZZs =
unter andern ähnlichen Liedern, bei all unsern Spazierfahrten
zu singen pflegten; uns fünfjährige Kinder habe ich entzückt
und gerührt gesehen, wenn sie das ,Steh ich in dunkler
Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht!' mit ihren
Eltern sangen.
Das deutsche Lied ist nicht, wie Herr v. Beust es ein-
mal sehr zur Unzeit aussprach, des Deutschen Zukunft.
Deutschland hat sich seitdem Größeres und Höheres zu er-
obern gewußt, als nur das deutsche Lied. Aber das deutsche
Lied ist ein großes Element in der deutschen Erziehung, denn
Dichtung und Musik klingen lebhaft an in beutschen Herzen.
Mit Gesängen aus den Possen, mit Offenbachiaden aber er-
zieht man Kinder und Völker nicht zu dem sittlichen Jdealis-
mus, der sie groß und edel macht.
Und hier komme ich zu dem Gegenstande zurück, dessen
ich schon vor einem Jahre einmal in meinen Briefen Er-
wähnung that. Halten Sie Ihre Häuser und sich selber frei
von Schriften, Bildern u. s. w., die der Sittlichkeit zu nahe
treten; halten Sie die früh erregbare Neugier und Phantasie
der Kinder rein.
Daß der Schriftsteller, seit wir unsere Arbeiten keiner
staatlichen Zensur mehr zu unterwerfen haben und seit wir
obenein unsere Dichtungen in den Zeitungen drucken lassen,
die in jedem Hause Jedermann, dem heranwachsenden Knaben
und Mädchen wie dem Hausknecht und der Magd, zu Händen
kommen, daß der Schriftsteller jetzt die Zensur an sich selbst
zu üben hat, daß er verantwortlich ist für die Saat, die er
mit seinem Schaffen in die Herzen seines Volkes streut,
das ist für mich ein Glaubensartikel, den ich gleichfalls
schon mehrfach ausgesprochen und über den ich freilich
schon oftmals gegen anders Denkende zu streiten gehabt
habe. Wir brauchen deshalb keine ,bloßen Kinderschriften'

== gZß
und nicht blos ,Bücher für die reifere Jugend' zu schreiben.
Das Erlaubte und das Unerlaubte, das Schöne und Häßliche
sind überall nur durch eine Linie unterschieden, die einzuhalten
in meinen Augen ein Verdienst, die zu überschreiten ein Un-
recht ist.
Erinnern Sie sich an die französische Romanliteratur von
1880 bis auf diesen Tag und fragen Sie sich selber, welche
Früchte sie in ihrem Vaterlande, und auch unter uns getragen
hat, trotz der außerordentlichen Geschicklichkeit und des großen
Talents, mit welchem jene Dichter schufen. Ich habe eben
in diesen Tagen Mittheilungen über dieses Thema in Max
Jordan's ,Aus dem wahren Milliardenlande'r angetroffen,
die mir völlig richtig und wahr erschienen sind. Daß z. B.
Daudet ein großes Talent ist, wer könnte daran denken, ihm
das zu bestreiten? Aber fragen Sie sich selber, was Sie thun,
wenn Sie in Ihren Häusern solche Bücher wie die seinen
dulden, wenn Sie Ihre Kinder in Possen mit obscönen
Liedern, in Offenbachiaden führen, welche die schönen Ge-
stalten der alten Götterwelt in den Schlamm der Gemeinheit
hinabziehen? Fragen Sie sich selber, was Sie für die ethische
Bildung der Ihren - und Ihrer selbst - gewinnen, an
Dichtungen und Komödien, deren wesentliches Verdienst darin
besteht, daß sie aufregen, daß sie spannen, daß sie einen
prickelnden Reiz haben, mit einem Worte, daß sie, wie der
Kunstausdruck dafür lautet, Sensationsromane sind. Halten
Sie sich diese Worte in ihrem eigentlichen Wortlaut und
Wortsinne vor die Augen, und ich glaube, Sie werden sich
selber wundern, was sie aussagen, und daß man die Jugend
und die Halbbildung eben so sehr vor dieser Art von
Schriften, wie vor den aus dem Französischen übersetzten
Schauspielen und vor der Mehrzahl der modischen Possen
sorgfältig zu bewahren hat. Kindern frühzeitig die Meister-

- gZ0 -==
werke unserer großen Dichter auf der Bühne zugänglich z
machen ist sicher heilsam. Es giebt ihnen große Bilder, große
Vorstellungen, Liebe für die vaterländischen Dichter, Freube
an dem Adel unserer Sprache; aber welche Eindrücke, welche
Ausdrücke bringen sie aus der Mehrzahl der Possen heim?
Welch eine Verrohung hat sich durch das aus jüdischen und
Wirthshausredensarten gemischte Kauderwelsch, das sich dort
vielfach breit macht, selbst in den sogenannten gebildeten
Kreisen eingeschlichen! Das ,kurchtbar nett!r, welches ihrer
Zeit das sehr gewandte Fräulein Schramm kuf dem Wallner-
Theater in Mode brachte, war der schwache Anfang all der
sinnlosen und ungewaschenen Redensarten, welche man jetzt
von sehr sauber behandschuhten Personen wieder und wieder
zu hören bekommt. Es hat Vieles bei uns der Verbesserung
vonnöthen.
Wir stehen bei der diesjährigen Feier des Sedantages
in einem Zeitpunkt, der uns zu tiefem ehrlichem Einblick in
unser inneres Sein und Wesen zwingt. Wir haben es als
ein fast wunderbares Glück zu segnen, daß wir diesmal den
Tag von Sedan nicht in Landestrauer zu begehen haben,
daß wir ihn nicht zu begehen haben beladen mit der untilg-
baren Schmach, daß der erste Deutsche Kaiser des neuerstan-
denen Reiches von der Hand deutscher Meuchelmörder den
Tod empfangen hat. Denn die frevelnde Hand deutscher,
dem Gemeingefühl des Volkes entfremdeter Männer hat in
der Person des Deutschen Kaisers das Symbol des Reiches,
den Schützer der Reichseinheit und der Reichsgesetze zu zee-
stören getrachtet, hat zu zerstören getrachtet, was mit dem
blühenden Leben, was mit dem Herzblut von Tausenden und
Tausenden aufgerichtet und zusammengeschweißt worden ist.
Und leider waren jene Handlungen die Folgen einer Welt-
anschauung, die sich offen und unumwunden der Gesittung

= g,ZJ -==-
und den ganzen Zuständen feindlich erklärt, in welcher wir
uns auf dem Boden der antiken Kultur und des Christen-
thums durch die Jahrtausende zu der gegenwärtigen Staats-
gesellschaft entwickelt haben. Daß die Staatsgesellschaft, wie
sie jetzt besteht, die vollkommenste sei, die möglich ist, wer
wollte das behaupten? Daß sie einer Verbesserung fähig sei?
Wer wagte das zu bestreiten! Und wer kann es leugnen,
daß man von allen Seiten bemüht ist, zu ändern, zu bessern,
zu entwickeln und auszubauen, wo dies gefordert wird? aber
zu bessern und aufzubauen mit vorsichtig schonender und stützen-
der Hand, damit nicht einstürze, was des Erhaltens würdig
ist, damit auf dem tüchtigen, guten Grunde noch Besseres er-
wachse als bisher, damit uns das Haus, in welchem wir vor
der rohen Gewalt des Egoismus mehr oder weniger gesichert
wohnten, nicht über dem Haupt in wildem Zerstörungstrieb
zertrümmert werde, ehe man ein besser gesichertes für uns
bereit hat; damit es nicht mit uns zugleich, die von den
Jahrtausenden liebevoll gepflegte gute Frucht vernichte.
Die Reichsregierung bereitet strafende Gesetze vor, dem
unter uns herrschenden Nebel, wo es sich in verderblichen
Thaten kennzeichnet, entgegenzutreten. Aber gegen die Wand-
lung des Sinnes, aus welchem jene Missethaten hervorgegangen
sind, gegen den Mangel an sittlichem Jdealismus in des Wortes
weitester Bedeutung, hat sie keine Macht, kann das Strafgesez
nicht helfen. Hiergegen hat jeder wie bei einer großen Feuers-
brunst, die das eigene Haus bedroht, wie in Zeiten des
Krieges, wenn der Feind ins Land fällt, selbst die Hand mit
anzulegen. Wir haben - und nicht allein bei uns, sondern
auch in den andern Ländern -- eine innere Mission zu voll-
ziehen, eine Mission, die Jeder in sich selbst, die jede Familie
in ihrem Hause zu üben hat, und die nicht zum kleinsten
Theile den Frauen zu leisten obliegt. In einer Zeit, in

= gZZ -
welcher man von Seiten einer Sekte die Ehe aufheben, die
Familie auflösen möchte, ist es an den Frauen, die Ehe in
ihrer Würdigkeit, die Familie in ihren segensreichen Folgen
darzustellen und zu pflegen.
,Die Menschen lernen nur durch sehr wiederholte Ep
fahrungen und halten trotz aller noch so schweren gegentheiligen
Erlebnisse hartnäckig an der Selbsttäuschung fest, daß es fdr
die Nationen Freiheit und Glück auch ohne Hochsinn und Ans
strengung geben könne. Vaterlandsliebe ohne Opfermuth ist
ein Wort ohne Sinn!r (Karl Hilty.
Als nach den Zeiten des Tilsiter Friedens Preußen zer-
schmettert am Boden lag, als die französische Tyrannei das
Land in entehrender Knechtschaft hielt und die Gesinnung hier
und da eine schwankende geworden war, da traten sie zu-
sammen, die Männer und Frauen, in deren Herzen die Liebe
für das Vaterland in stiller, heißer Flamme brannte, und
reichten einander die Hände, sich und die Ihren neu zu er-
ziehen und aufzuerbauen, und aus engem, fest durch Tüchtig-
keit verbundenem Kreise in immer weitere Kreise den rechten
Sinn, die rechte Treue zu verbreiten. Man gab das Bei-
spiel für die Lehre, die man wirksam machen wollte. Man
entsagte mit bewußter Entschlossenheit der Neppigkeit und dem
Luxus, man gab unnüte, geisttödtende Zerstreuungen auf,
man suchte sich zu sammeln. Man ward häuslicher, als man
es lang gewesen war, man erzog die Kinder nicht nur für
die Gesellschaftswelt, nicht nur für ihren Broderwerb; man
bemühte sich, ihren Sinn edel und rein zu erhalten, sie zu
guten Menschen, zu guten Söhnen des Vaterlandes heran-
zubilden. Und damals war es zum großen Theil der Adel,
der in diesen Bestrebungen voranging, der die Gleichgesinnten
Aa a

= PZZ -
adelnder Verbrüderung aneinander zu ketten für den einen
großen Zweck. Aehnliches zu thun liegt auch uns jetzt ob.
Ich bin weit davon entfernt, Ihnen Lebensregeln geben
zu wollen. Jeder hat seine eigenen Nothwendigkeiten und
hat diesen gerecht zu werden. Aber gewöhnen Sie sich, um
mit dem Anfang anzufangen, ernsthaft an die Frage: Was
ist wirklich nöthig und was nicht? Wenn Sie sich diese
Frage oft genug vorlegen wollten, würden Sie zu Erkennt-
nissen kommen, daß Sie überraschen würden.
Ihre Lory muß eine rosa Schärpe für so und so viel
Thaler haben, weil Ihrer Freundin kleine Eugenie eine solche
Schärpe hat. Wie wäre es, wenn Sie Beide für Ihre
Kinder darauf verzichteten? Die Taillen würden nicht weniger
hübsch sein mit einem schlichten Gürtel. - Sie müssen die
wissenschaftliche Vorlesung des großen Naturforschers hören,
der so gefällig ist, süch zu dieser Leistung herzugeben, weil
alle Ihre Bekannten hingehen, die wahrscheinlich, so wie Sie
und ich, nicht die Hälfte von dem verstehen, was wir hören;
denn uns fehlt die ganze Vorbildung, die jenem Gelehrten
als etwas Selbstverständliches erscheinen muß. Vergnügen,
Vortheil haben Sie davon, wie ich bemerkt zu haben glaube,
selten. -- Wie wääre es, wenn Sie und Ihre Freundinnen
sich dahin vereinten, den unnützen Putz, die ,ersten Auf-
führungenr in den Theatern, den für Sie oft so unfrucht-
baren Zeitvertreib zu meiden? =- Wenn Sie von so manchen
völlig unnützen Vereinen, in welche es Mode ist zu gehen,
fern, und statt dessen zu Hause blieben, um mit dea Ihren
gemeinsam ein Buch zu lesen, das Sie allesammt verständen,
das in Ihren Kindern edle Gedanken wachruft, ihre Phantasie
in schöner Weise anregt? - Ihr Herr Gemahl, wenn er
sicher wäre, Sie zur rechten Zeit zu Hause zu finden, bliebe
vielleicht dann gleichfalls lieber bei Ihnen und den Kindern
J. Lewald, Reisebriefe.

= IZ
als im Klub; und mit dem Gelde, das Sie für die
Schärpen, für die Ihnen unverständlichen Vorlesungen, füt
die ,ersten Vorstellungen? nothwendig zu haben glauben,
könnten Sie viel Bücher für die Ihren kaufen und Bücher
für das Volk. Aber freilich mit den Phantasmagorieen von
Jules Verne, die angeblich belehren sollen, während sie die
Vorstellungen wie im Opiumrausche durcheinander werfen,
erzeugt man weder Ernst noch Edelsinn; und man soll
nicht spielend lehren. Die Arbeit soll von frühester Kindheit
an ein ernstes Thun, soll Pflichterfüllung, das Spiel sol
völlig freie Muße sein. Halbheit ist in allen Dingen stets
vom Nebel!
Ich sagte vorhin: Sie könnten GBücher kaufen für das
Volk. Ich bin Ihnen schuldig, zu erklären, was ich damit
meine. Ich habe in England und in der französischen Schweig
es beobachtet und es in meinen Reisebüchern aus jenen Län
dern vor achtundzwanzig und vor zehn Jahren bereits aus-
gesprochen, wie viel sich mit der unentgeltlichen Verbreitung
kleiner Druckschriften von zwanzig bis dreißig kleinen Seiten
wirken läßt; und ich habe andererseits von dem bedruckten Um
schlagblatt eines Buches in Jtalien gelernt, mit wie viel
Umsicht die Jtaliener sich das, was im Auslande für Volks-
bildung geschehen ist, durch Neberseyung anzueignen wissen,
wie ihre guten Schriftsteller selber sich dafür in eigenen
Schriften Mühe geben. Alles, z. B. was Smiles geschrieben
hat, die Lebensgeschichten der Männer, die sich selbst empor-
geholfen haben u. s. w., haben sie übersetzt und verkaufen sie
zu den billigsten Preisen. Es ist das ein wirksames Gegen-
gift wider das Begehren, zu genießen, wo man nicht ge-
arbeitet hat, die Frucht zu theilen, welche Andere säeten.
Ich weiß nicht, ob wir solche Biographieen besizen
An den Vorbildern fehlt es auch nicht unter uns. Das

== PIJ =
Leben der Vorsig und ihres Gleichen müßte man schreiben.
Bis das geschehen ist, thun Sie sich zusammen in Vereinen,
zu denen die Männer Ihnen sicherlich gern die Hand bieten
werden, und lassen Sie Volksschriften drucken für das Geld,
das Sie sonst sinnlos auszugeben pflegen. Sehen Sie -
wenn Sie ordentliche Buchführerinnen sind - in Ihren
Ausgabebüchern ernsthaft nach. Die Summen, welche frei
werden würden auf diese Weise, würden in kaum einem
Haushalt fehlen, und in manchem von erschreckender Größe sein.
Beginnen Sie damit, nach erhaltener Erlaubniß des Ver-
fassers die einzelnen Biographicen von Smiles aus dem Buche
,Hilf dir selbsr' überseten, einzeln drucken und in Hundert-
tausenden von Exemplaren unentgeltlich vertheilcn zu lassen. Es
wird nicht allzu theuer sein, nicht mehr verschlingen, als Sie
Jahr aus Jahr ein unnöthig auözugeben pflegten. Ein
Buch zu lesen nehmen die herumtaumelnden Lehrlinge, nimmt
die müde Näherin, der zerstreute Gesella, der müde Arbeits-
mann sich nicht die Zeit. Solch ein Ding von wenig Seiten,
das man ihnen wie die Anzeige von Seifen- oder Kleider-
handlungen unentgeltlich in die Hand gesteckt, das sehen sie
schon aus Reugier an, das bringt der Vater der Mutter und
den Kindern mit nach Hause; und wie mancher schöne
Baum im Walde ist erwachsen aus dem Samen, den der
Wind anscheinend verwehte.
Ich habe bei Freunden in diesem Sommer die Reise-
skizzen eines protestantischen Pastors Funke in Händen ge-
habt, und andere Biographieen aus den Zeiten vor Deutsch-
lands Wiedergeburt, von deren Verfasser der Name mir leider
entfallen ist. Beide Schriftsteller standen auf einem religiösen
Standpunkt, der nicht der meine ist; aber beider Schriften
haben mich gerührt und erhoben durch die Innigkeit der
Empfindung und die Tiefe ihrer Liebe für das Vaterland.
A

== Zü -
Auch dieser Männer Erlaubniß müßte mnan zu erlangen
suchen, um die einzelnen Aufsätze als Traktätlein in den
Straßen, auf den Eisenbahnen, in den Schulen, in den Kas
sernen, ja, überall da zu vertheilen, wo man es nöthig findet,
das Eindringen zerstörender Schriften zu verhindern. Diesen
Weg einmal betreten, würden die besten unter unseren Schrift-
stellern, die noch in der Kraft des raschen Schaffens sind, es
an sich nicht fehlen lassen, ihr Festhalten an dem Vaterlande,
an seiner Sitte und Zucht, in kleinen Flugschriften zu bethä-
tigen, welche die Frauenvereine kaufen und unentgeltlich ver-
theilen müßten. Und wir haben unter uns Schriftsteller, die
wie Meissonnier in seinen Bildern, gerade ihr Vortrefflichstes
leisten, je enger der Rahmen ist, in welchen sie ihre dich-
terischen Gestalten hineinkomponiren. Denn Dichtungen,
plastisch gestaltete Bilder, nicht Abhandlungen wirken auf den
Sinn der Jugend und des Volkes.
Es ist dies nur ein Vorschlag. Vielleicht scheint er Ihnen
so, ausführbar und zweckmäßig als mir. Und mit diesem
Vorschlage will' ich schließen.
Seien Sie Hausfrauen und Mütter in dem Sinne des
Wortes, der das Große stets im Auge behält und das Kleinste
nicht zu gering hält für seine Beachtung. Adeln Sie Ihr
Leben durch Ernst, um ein edles Geschlecht heranzubilden,
und erhalten Sie mit eifriger Beflissenheit einen hülfreich
fördernden persönlichen Zusammenhang zwischen sich und den
weniger gut gestellten, weniger bemittelten, weniger gebildeten
Leuten innerhalb Ihres Hauses, und so weit die Hand und
das Auge einer Jeden reichen, ohne die Pflichten im eigenen
Hause darüber zu versäumen, auch außerhalb desselben. Ein
Mann, der ein rechtschaffener Herr in seinem Hause ist, eine
Frau, die einem solchen Manne in Gehorsam sich freiwillig
unterordnet, die erziehen gute Kinder, gute Tienstboten, wirken

Kapitel 33

== gZ? -
durch ihr Beispiel weiter, tiefer als sie glauben. Sie bilden
gute Bürger heran und auferbauen in der neuen Generation
das Vaterland, wo ihm jetzt Gefahren drohen durch Selbst-
sucht und durch Leichtsinn. Und somit Jeder an seinem
Platze freudigen Muthes an die Arbeit!
Ob ich mit diesen Briefen an Sie das Richtige ge-
troffen? Mein Wille wenigstens war gut, und hiermit will
ich zugleich all den mir persönlich unbekannten Männern und
Frauen recht von Herzen danken, die, diesen guten Willen
anerkennend, mich während der Veröffentlichung dieser Briefe
durch ihren schriftlichen Zuspruch zu ihrer Fortsetzung er-
muthigt haben. -- Besten Dank!
Ineiull===--z=- =okef.
s=slsl»sfss= N
Der neugierige Nobby,
Eine Ges chichte für die Enkel erzählt.
Haus Kaldenhof, den S. September 178.
Wenn man immerfort für die Großen erzählt und schreibt,
so muß man doch bisweilen auch an die Kleinen denken; und
weil ich heute am lieben Sonntag hier im Hause eine sehr
merkwürdige Geschichte gehört habe, soll' der Sonntag Euch
zu Gute kommen, und ich will Euch die Geschichte erzählen,
und den Brief ganz allein für die Kleinen schreiben, weil ja
viele Großen auch ihre eigenen Kleinen haben. Paßt denn
nun auf!
Hoch oben, im Nordwesten von Deutschland, liegen in
der Nordsee die Inseln Norderney und Borkum, nach denen
sehr viele Leute im Sommer hinreisen, um dort die Seebäder

=- ZZ ==
zu brauchen, wie Eure lieben Eltern und Ihr in Misdroy.
Aber in Norderney hat sich die Geschichte nicht zugetragen,
auch in Borkum nicht, sondern auf der dazwischen liegenden
Insel Juist, die so klein ist, daß Ihr sie vielleicht gar nicht
auf der Landkarte finden werdet.
Es leben nur wenig Menschen auf der Insel Juist, in
kleinen schlechten Häusern, die treiben Fischfang und nähren
sich kümmerlich, und schlecht und recht. Gasthöfe giebt es dort
noch nicht. Badegäste kommen auch nur selten, und nicht viele,
hin. Ea ist dort noch nicht viel zu haben, auch nur schlechtes
Unterkommen, und die Fremden, die nach Juist reisen und
sich dort aufhalten, sind meistens Männer, welche die Jagd
lieben. Denn weil es eben noch still und ruhig auf der Insel
ist, bauen sich dort die Möwen und die Regenpfeifer und die
hübschen kleinen Seeschwalben und viele andere Vögel ihre
Nester lieber als auf den großen Inseln, wo sie nicht so sicher
vor den Menschen sind. Zu Tausenden und Tausenden sitzen
sie in Juist und brüten ihre Jungen aus. Auch die Delvhine,
wenn sie in die Gegend kommen, nahen sich dem Lande mehr
als anderwärts, und vor Allem haben die Seehunde dort ihr
eigentliches Absteigeauartier. Wenn sie lang genug im Wasser
gewesen sind, und einmal eine Abwechslung , haben wollen,
gehen sie nach der Insel Juist an's Land. Sie platschen sich
dann mit ihren Flossenfüßen aus dem Wasser in die Höhe,
schicken eine Schildwache voraus, die sich umsehen und auf-
passen muß, daß ihnen die Menschen nicht zu nahe kommen,
und wenn Alles sicher ist, legen sie sich nieder, wühlen sich in
den warmen Sand ein, und betrachten sich in aller Gemüth-
lichkeit das Meer und den Himmel einmal vom Lande aus-
Die Seehunde sind nämlich ein sehr kluges Völkchen.
Das sieht man ihnen gleich an den schönen Augen an, die
einen Blick haben, so sanft und verständig, wie eines guten

== gZß =
Menschen Auge. Sie wissen sehr wohl, daß auf die Menschen
kein Verlaß ist, daß der Mensch mit den Thieren kein Er-
barmen hat, wo es seinen Vortheil gilt; und zu brauchen ist
das Seehundsfell. sehr gut. Man macht Kofferüberzüge und
Schultornister davon, auch Stiefel und viele andere Dinge,
denn wasserdicht ist das Seehundsfell, das könnt Ihr Euch ja
denken. Die Seehunde sind also, wie ich Euch gesagt, ihres
Lebens vor den Menschen gar nicht sicher, denn Seehunde zu
fangen und zu schießen, das ist für die Jäger auf der Insel
das eigentliche Hauptvergnügen, obschon es den Seehunden
keinen Spaß macht, geschossen zu werden. Sie nehmen sich
gut in Acht vor den langen Schießgewehren, die sie kennen,
und vor dem Geruch des Pulvers, den sie wittern wie die
Thiere in Wald und Feld.
Einmal, vor ungefähr vierzehn Tagen, war ein schöner
warmer Sonntag. Es hatte die ganze Zeit in einem fort ge-
regnet, der Himmel war so grau gewesen wie das Meer, und
die kugligen Wolken waren hin - und hergezogen wie des
Meeres Wellen. Es war also ordentlich eine Freude, als die
Sonne eines Tages endlich zum Vorschein kam, um mit ihren
Strahlen die Wolken zu vertreiben und wieder einmal hell
und freundlich auf Land und Wasser hernieder zu sehen,
damit Menschen und Thiere, damit Alles, was lebt und kreucht
und fleucht, es einmal wieder inne würden, daß die Sonne
noch da sei, daß der gute alte Herrgott noch da oben das Re-
giment sühre, und zu rechter Zeit seine Sonne wieder scheinen
lasse über die von ihm geschaffene schöne Welt.
Den Menschen auf der Insel Juist ging das Herz vor
Freude in dem schönen Wetter auf. Die Seehunde aber,
denen das ewige Regnen, das Wasser von oben und Wasser
von unten, auch zu viel geworden war, dachten, den Sonnen-
schein habe der liebe Gott eigens für sie bestellt, damit sie ihr

= IFI -
Fell. einmal gründlich trocknen könnten; und da sie ordentlich
Leute sind, die ein anständiges, verträgliches Familienleben
führen, so wollten sie das Geschäft des Trocknens auch Ale
zusammen betreiben, und dem lieben Herrgott Sonntags, wie
es sich gehört, auch für die Wohlthat danken.
Sie steuerten denn auch, der Altvater voran, auf die Insel
los. Der Alte rumpelte sich zuerst aus dem Wasser in die
Höhe, guckte sich um, horchte mit den großen Löchern, die die
Seehunde statt der Ohren haben, nach allen Seiten hin, und
wie er sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr vorhanden sei,
winkte er zwei- dreimal mit seinem breiten Fischschwanz, und
sie kamen nun Alle nach: seine Söhne und Töchter, seine
Kindeskinder, und auch seine jüngste Tochter, der sie vor
wenig Monaten den Mann weggeschossen hatten. Die hatte
natürlich ihren kleinen Robby mitgebracht, den sie sehr verzog,
weil er ihr einziges Kind war. Sie nahm ihn an dem
Sonntag zum ersten Male auf das Trockne mit. Es waren
ihrer sechszehn oder siebzehn von der Familie auf die Insel
gegangen, und sie waren seelenvergnügt allesammt.
Sie guckten sich nach den Seeschwalben und Regenpfeifern
um, wie die mit den langen dünnen Beinchen so flink im
Sande umhertrippelten; sie wälzten sich nach rechts, wälzten
sich nach links, streckten die rundlichen Leiber langhin aus,
klatschten vergnüglich mit den Schwänzen auf den festen Sand,
und fühlten es recht wohlig, wie die heiße Sonne ihnen auf
die Rücken brannte, wie das Fell ihnen so schön trocken wurde,
wie die Wärme sie ganz und gar durchströmte, daß sie dar-
über allmählich alles Andere vergaßen. Erst machte die
Großmutter die Augen ein bischen zu, dann fiel der dicken
Tante der Kopf etwas nach vorne in den Sand; darauf ließ
der lange Onkel, der Größte unter Allen, der erst in der
Nacht von Borkum herübergeschwommen und müde war, die

= IF F =
langen Barthaare hängen, und endlich hatte das Augenschließen
etwas Ansteckendes.
Die Sonne schien so prachtvoll, man konnte sehen wie
die Wärme zitterte in der Luft über dem heißen glänzenden
Sande. Die Mücken spielten und schwirrten in der Luft.
Millionen von Funken glitzerten in dem Wasser, hoben sich
mit den Wellen, versanken mit ihnen in die Tiefe, und
kamen dann wieder wie aufsteigende Leuchtkugeln mit der
nächsten sich aufbäumenden und verspritzenden Welle in die
Höhe, um im Schaum auf dem Ufersande zu verrinnen.
Es war mit den Augen gar nicht dagegen Stand zu
halten, man mußte sie schließen. Nachmittag war es auch.
Jeder hatte seinen Theil Fische im Magen, und die Kirchen-
glocken von Juist klangen so sanft und gleichmäßig und
träumerisch durch die tiefe, stille Einsamkeit. Dem fiel dies
ein, und Jenem das; und es dauerte also gar nicht lange,
da schliefen sie fast Alle. Der Onkel träumte von Island,
wo er einmal zur Sommerfrische gewesen war; uud die schöne
weißfleckige Cousine träumte von der Insel Wight, wo sie,
weil es dort wärmer war, und weil die vornehmen englischen
Seehunde immer dorthin gingen, ihre Winter zuzubringen
liebte. Kurzum, Jeder schlief und Jeder träumte. Nur der
kluge Alte träumte nicht, sondern wachte und hielt die Augen
offen, und der kleine Robby wachte auch, denn der konnte
sich nicht satt sehen, an all' dem Neuen und Fremden um ihn her.
Er war ein ganz besonders hübsches, kleines Thier, recht
wie ein Aal geschmeidig, und neugierig wie Einer. Er merkte
Alles was um ihn her geschah. Was er noch nicht gesehen
hatte, das fiel ihm schnurstracks auf. Von Allem wollte er
wissen, wie es gemacht werde und wie es zugehe; und weil
es hier dicht am Meere auf dem kleinen Eilande schon so
schön war, dachte er in seinem glatten runden Seehundskopfe,

= zIZ -
wenn er nur erst größer sein, und die Mutter ihm nicht
mehr immer so dicht an der Seite schwimmen und so auf ihn
aufpassen würde, so wolle er schon mehr von dem trocknen
Lande sehen, als hier das Stückchen Ufer und das Stückchen
Düne, von dem der Windhafer ihn mit seinen schwachen
Fingern winkte, als wolle er ihn einladen, dort drüben nach
den Häusern hinzukommen, von denen der Rauch aufstieg
wie von den Dampfern, und nach dem Kirchthurm hin, von
dem die Glocken tönten mit so hellem, süßem Klingen.
Er war grade dabei es zu versuchen, ob sich's wohl auch
ohne Füße auf dem Trocknen gut vorwärts koummen ließe, da
schlug der Alte mit dem Schwanze dreimal auf den Sand, so daß
es klatschte. Alle fuhren erschrocken in die Höhe und waren
mit einem Satz am Wasser und kopfüber hinunter in die Tiese.
Robbn! Robby! rief die Mutter in ihrer Herzensangst,
da kommen Menschen!
Menschen ? dachte Robby, die muß ich mir doch ansehen!
Robby! Robby! komm geschwind! rief sie noch einmal
ängstlich. - Aber weil Robby so verzogen , war, dachte er
nicht daran, ihr zu gehorchen auf das erste Wort. Er meinte,
so eilig werd' es wohl nicht sein, die Mutter würde schon
noch warten Da -- was war das?
Ein Bliz! ein Knall! -- Es fuhr ihm durch den ganzen
Leib vor Schrecken. Er kniff die Augen zu, er konnte nicht
von der Stelle; und wie er dann endlich wieder zu sich kam
und wieder umsah, war auch die Mutter fort.
Ein breiter rother Streifen zog sich von dem Platze, an
dem sie gelegen hatte, bis zum Meere hin. Er wußte nicht,
was das zu bedeuten hatte, und zum eberlegen hatte er keine
Zeit, denn es standen zwei Wesen vor ihm, wie er sie noch nie gee
sehen hatte; und der Eine hatte ihn schon am Schwanz und hielt
ihn in die Höhe, ehe er sich noch recht besinnen konnte.

4PZ --
Es war ein wettergebräunter alter Mann, mit grauem
Haar und großen buschigen Augenbrauen. Er hatte eine
Theerjacke an, einen getheerten aufgekrämpten Nordwester auf
dem Haupte, und es war Robby gar nicht wohl zu Muthe,
wie die feste Faust ihn so gefangen hielt, und Miene machte,
ihm mit raschem Hiebe den Garaus zu machen. Er zappelte,
er wehrte sich, er probirte, ob er nicht beißen könne, aber der
Alte wußte, wie man so ein junges Ding zu fassen hatte,
und Robby schlug das Herz vor Angst. Er hätte jetzt auch
gern bei der Mutier unter dem Wasser sein und von der
Erde und all' ihren Herrlichkeiten Nichts mehr sehen mögen.
Daß die gute Mutter um seinetwillen angeschossen war und
sich im Wasser todtgeblutet hatte, davon wußte der arme un-
folgsame Robby nichts.
Zu seinem Glücke legte aber der andere Mensch sich in
das Mittel. Oh! nicht doch Jansen, sagte er. Laß das kleine
Thier doch leben! Wir haben's ja in- Sicherheit!
Was wollen Sie denn damit machen, Herr Doktor? es
ist ja zu nichts nutze! entgegnete der alte Fischer, und warf
Robby wieder auf den Sand.
Gott Lob! dachte Robby und athmete voll Hoffnung auf!
Er sah sich den Doktor an. Das war ein großer, schlanker
Mensch, mit langem, röthlichbraunem Bart, mit braungelocktem
Haupthaar, und mit so guten blauen Augen, daß Robby völlig
frischen Muth bekam.
Der Mensch, der ist nicht schlimm! Der thut Dir, der
thut Keinem was zu Leide, dachte er. Dabei sah er den
Doktor freundlich an, und platschte schmeichelnd mit dem
Schwanze, obschon ihm der Schwanz von der schweren Faust
des Fischers weh genug that. - Zu reden traute er sich noch
nicht, er meinte, der Doktor würde ihn am Ende nicht ver-
stehen.

= IIF -
Der Doktor lachte, als Robby also schön that. - Jst das
ein närrischer Kerl! sagte er. Was ich mit ihm machen will,
fragt Ihr mich, Jansen? = Für's Erste nehmt ihn einmal
mit. Ihr habt ja einen Strick an der Tasche hängen, an dem
schleift ihn immer mit. Heut Abend geht das Boot in See.
Einen Korb finden wir bei Euch. Morgen bei Sonnenauf-
gang ist das Boot in Norden. Von da bis Emden ist es
auch nicht weit, und von Emden kann er mit der Eisenbahn
zu meinem Jungen nach Westfalen reisen. Der Friz wird
seine Freude an ihm haben, und Robby mag's probiren, wie
es ihm bei den Eltern in dem alten Schlosse und bei meinem
Jungen, im Süßwasser, in schöner deutscher Sommerwelt
behagt.
Was man so sagt verstanden -= verstanden hatte der
Robby das nicht recht; und das Anbinden und das Nach-
schleifen im Sande, während Jansen und der Doktor rüstig
über die Düne hin schritten, war gerade auch nicht angenehm
zu nennen. Aber was er von der Rede so. aufgeschnappt
hatte, von Welt besehen und schönem Sommerwetter, das kam
ihm sehr gelegen. Und so ließ er sich denn geduldig fort-
schleppen, ohne viel zu zappeln, bis sie vor des Jansen Haus
anlangten, wo er losgebunden und in eine große Butte voll
Seewasser geworfen wurde.
Reinlich hatte ihn die Mutter stets gehalten, er spülte
sich also flink ab, so gut er konnte, und wie er wieder dachte,
jetzt bist du so blank, daß du dich sehen lassen kannst, strecte
er den Kopf auf den Rand der Butte, und meinte: Nun will.
ich abwarten, was nun geschehen wird! Einer wird mich doch
wohl holen kommen.
Er sah sich während dessen das Haus an, und die großen
braunen Retze, die davor zum Trocknen an langen Stangen
hingen, und die Häringe und Flundern und Schollen, welche

=- IH -=
der Jansen sich von der Sonne für den Winter an den langen
Seilen dörren ließ. Bis auf das Haus kannte er das Alles:
die Netze und die Häringe und die Schollen. Unter dem
Wasser hatte es aber Alles anders ausgesehen.
Darüber kam der Doktor wieder vor die Thüre. Er hatte
sich die Eigarre angesteckt und sah sich's an, wie sich der Robby
putte. - Den müssen sie reinweg vergessen haben! sagte er.
Das wollte der Robby nicht auf sich sitzen lassen, es kam
ihm gegen seine Ehre vor. Nein, sagte er, die Mutter hat
nach mir gerufen.
I! der Tausend, kannst Du sprechen? rief der Doktor
ganz oerwundert.
Ja! aber nur plattdeutsch und ein Bischen! entgegnete
der Robby schüchtern.
Immer besser als Nichts! lachte der Doktor fröhlich. Da
er bisher die Seehunde immer todtgeschossen, wenn sie ihm
zu Gesicht gekommen waren, hatte er noch keinen Verkehr mit
ihnen haben können. Daß Du hier zu Lande auf den Inseln
nicht hochdeutsch lernen konntest, das versteht sich. Aber warum
bist Du denn nicht mitgegangen, als man Dich gerufen hat?
fragte er.
Robby zog die Nüstern in die Höhe. Daß er ungehorsam
gewesen, wollte er nicht gerne sagen, und daß er in des
Doktors Händen und Gewalt war, das zu merken war er
klug genug. Er besann sich also eine kleine Weile, dann sagte
er, halblaut wie jeder Junge, der ein schlecht Gewissen hat
und sich mit halber Wahrheit und halber Lüge durchzuhelfen
sucht: Ich wollte gern die schöne Erde sehen und mit Menschen-
kindern spielen!
So? das wolltest Du? - Nun dazu kann Rath werden!
rief der Doktor, obschon Du ein kleiner, schlauer und ver-
logener Schlingel bist, denn was weißt Du von Menschen-

== IIH -=
kindern? Aber unter den Menschen wirst Du schon gehorchen
lernen! Also frisch vorwärts, Jansen! In den Korb geht er
gut hinein. Packt ihm ein Theil Stinte bei, damit er nicht
verhungert. Macht den Korb fest zu mit Stricken und hängt
ihn dann vorn an's Boot. Den Schein gebt auf der Post
ab, und wenn ich erfahre, daß Robby in meines Schwieger-
vaters Haus bei meinem Jungen gut angekommen ist, so giebt
es einen steifen Grog und ein gut Trinkgeld obendrein.
Während dessen hatten sie Robby in den Korb gepact,
hatten ihm was zu essen mitgegeben, der Doctor selber legte
ihn in dem Korb noch ordentlich zurecht, und wie ihn der
Robby darauf ansah, sagte er: Nun nimm Dich in Acht! folge
auf das Wort. Desmal bist Du mit Deiner Neugier noch gut
davon gekommen, immer geht's nicht so! Und nun mnarsch
fort! und grüß mir den Fritz und all! die Anderen auch.
Damit legten sie ihm den dichten Deckel über den Kopf
-- und aus war der Spaß! - Sie bastelten und rumpelten
an ihm herum; hier stieß er an, und auf der andern Seite
wieder, dann trugen sie ihn weg. Darauf war er im Wasser,
ohne daß er schwamm. Zu sehen war Nichts, nicht oben und
nicht unten. Die Sache wollte ihm nicht in den Kopf. In-
deß was wollt' er machen? Großvater hatte oft gesagt: Bist
darvör, mußt och dör!ns Also: Dör!
Wie lange er so im Wasser gebaumelt, er wußte es nicht.
Daß es Tag wurde, merkte er endlich wohl, denn es schimmerte
heller durch das Korbgeflecht; aber was weiter mit ihm vor-
ging, konnte er nicht unterscheiden. Bald wurde er sorgfältig
getragen, dann schmiß ihn Einer, daß er krachte, durch die
Luft zur Erde. Er hörte ein Horn blasen, Räder rollen,
klingeln, pfeifen, daß es ihm die Ohren fast zerriß, und rattern
y Bist Du davor, so mußt Du durch.

= FHF -
und rattern, und schütteln und schütteln ohne Ende, daß er
dachte: Wenn das der Menschen Freuden auf der Erde sind,
da war mir besser in dem kühlen weichen Wasser bei der
Mutter, unter all' den Fischen, die so köstlich schmecken, und
über den Wäldern von schönem Seetang, der im Wasser seine
grünlichbraunen langen Arme ausstreckt. - Er dankte seinem
Schöpfer, wenn das Geraßle eine Weile innehielt, und ein
Strom von kaltem Wasser sich, er wußte nicht von wannen,
über ihn ergoß, denn er war am Verschmachten; und er
weinte, wenn er an die Mutter dachte. Indeß es war zu spät!
Und wieder wurde es finster und noch einmal ward es
hell, und das gräuliche Gequitsche und Gepfeife und Geraßle
und Geschüttle hatte nachgelassen. Da setzten sie ihn endlich
auf den Boden.
Ein weicher warmer Duft drang durch seinen engen
Käfig zu ihm ein. Er hörte Stimmen, hörte fröhliches
Lachen, auch Glocken klangen wie am Sonntag, als es auf
der Insel so schön gewesen war; und wie sie ihm den Deckel
von seinem Korbe abnahmen, und er die Augen aufmachte,
traute er ihnen nicht - denn es war Alles gar zu herrlich,
gac zu wundervoll.
Unten im Meere, wenn es einmal recht still gewesen
war, und die Sonne oder der Mond ihre goldenen Brücken
von Juist nach Borkum herübergespannt hatten, daß der
Widerschein durch das Wasser leuchtete, und man tief herab-
gesehen hatte auf den Grund, auf dem die geäderten Quallen
und die feuerrothen Seesterne zwischen dem Tangwald es sich
wohl sein ließen, hatte die Mutter wohl gesagt: ganz unten,
in der untersten Tiefe, wo die schöne Seekönigin mit den
Seejungfern in ewiger Jugend ihr Reich regierte, da sei es
noch viel schöner. Dahin würde sie ihn einmal mitnehmen,
und ihm die Schätze von goldigem Bernstein und von puwpur-

= FIh =
rothen Korallen zeigen. Aber was war das Alles gegen die
Herrlichkeit rund um ihn her!
Er wußte nicht was er sah, nicht wo er war. Aber es
wehte so feucht und frisch aus der Tiefe herauf, die Frische
kannte er. - Das war Wasser, schönes, helles Wasser, das
war seine Element! Und rasch hinunter glitschend an dem
weichen, glatten Rasen, war er mit einem Satze mitten und
tief unten in dem Teiche.
Er ist sort! fort! rief der kleine Frit, der mit der Mut-
ter und mit den Großeltern am Teiche gestanden und zuge-
sehen hatte, wie man die Stricke von dem Korbe abgebunden,
wie der Robby zum Vorschein gekommen war, und mit weit
offenen Augen so verwundert um sich gesehen hatte.
Fort! fort! rief er mal auf mal, und wollte schon zu
weinen anfangen. Da tauchte jedoch der Robby blank und
lustig wieder auf, und tauchte unter und wieder auf, und
schoß guer durch den Teich, und schwamm rund herum, und
schnaufte ünd schnaufte und pustete. Fritz konnte sich vor
Lachen gar nicht lassen. Das war ein Spielkamerad, wie er
ihn sich lange schon gewünscht. Sie waren Beide seelewwergnüügt,
der Robby und der Fris; und weil der Kleine so viel. Freude
an dem Robby hatte, ward er auch den Großen lieb. Er
hätte es auf Erden gar nicht besser treffen können. Denn
wer einmal in diesem Hause war, der blieb da bis an sein
Lebendsende und hatte vollauf, was er brauchte an allen
guten Dingen. Und mit dem Robby hatten sie es eben so
im Sinne, denn sie hatten ihn gleich in den großen Teich
geseyt, wo es ihm an gar nichts fehlen konnte.
Es war aber nach dem Abendessen gewesen, als Robby
in dem Schlosse eingetroffen war, und da die Zeit zum Schla-
fengehen herankam, sagte ihm der Kleine gute Nacht, und daß
er morgen früh gleich wieder kommen werde. Robby hörte

= Fg --
das mit halben Ohren an. Er hörte auch, daß der Großvater
Befehl gab, die Schleuse zuzumachen, die nach dem Flusse
führte, damit der Robby nicht aus dem Teiche und nicht zu
Schaden käme, und den großen Reufundländer einzusperren,
damit ihm der kein Leid zufüge.
Zu Schaden kommen! Leid zufügen! sprach er ihm im
Stillen nach und lachte. Das sagen die Großen und die
Alten immer, wenn sie uns einsperren und nicht von sich
lassen wollen. Das hat die Mutter immer gesagt! und hätte
ich daran geglaubt und nach ihr gehört, und wäre ich nicht
auf dem Lande geblieben, wie sie Alle in ihrer Angst davon
geschwommen sind, wo wäre ich denn jetzt? =- Immer wieder
da unten in dem kalten Wasser, und nicht hier; hier wo es
gar so schön ist, so wunderschön. Er kam sich ungemein ge-
scheidt und weise vor.
Er hätte schon gern ganz gron, am liebsten ein Walfisch
sein mögen, um auch wie der vor Vergnügen hohe Wasser-
strahlen in die Luft schleudern zu können; denn er war sehr
mit sich zufrieden. Er hatte hier Alles was sein Herz begehrte,
und Alles war ihm reizend neu. Die großen Karpfen, die
fetten Bleie, die blanken Goldfische, all' das liebe Gethier, das
er noch nie gesehen, von dem er essen konnte so viel er immer
wollte, und das der liebe Herrgott, wie der Robby meinte,
ganz eigens und allein für ihn geschaffen, weil es ihm so sehr
gut schmeckte. Das süße Wasser gefiel ihm zur Abwechslung
auch nicht schlecht, und zu sehen war so viel, daß er es nicht
bewältigen konnte.
Das Schloß mit seinen vielen Fenstern, durch deren
buntgemalte Scheiben das Lampenlicht herniederfiel, lag so
ruhig da. Große Bäume umstanden seinen Eingang. Ein
großer Garten umgab es ringsherum, und durch die Büsche
schlängelte sich der Fluß hindurch, der hinabglitt bis zur
F. Le wald, Reisebriefe.

== HHhß -
nächsten Stadt, in die Wiesen und Wasser der Frau Lippe
hinein, und mit dieser weit und weiter fort bis in den Rhein
und bis zuletzt in's Meer.
Oben am Himmel stand der Mond und betrachtete sich
das Alles auch und hatte offenbar auch seine Lust daran. Er
leuchtete mild herab von seinem hohen Thron. Er hörte zu,
wie es leise in den Zweigen der alten Bäume rauschte, wie
der Aeolsharfe geheimnißvolles Klingen sanft die Nacht durch-
tönte, als der Vogelsang verstummt war. Und Robby gefiel
das Alles auch, wenn er schon nicht wußte, was es war. Er
wicgte sich auf dem Teiche im hellen Mondenglanz. Er lachte
über all' die grünen Frösche, die so drollig quakten; er sah
sich die weißen Wasserlilien auf den großen blanken Blättern
an, und die funkelnden Glühwürmchen, die durch die Blumen-
beete schossen, und die Fledermäuse, die wie Schatten hin und
wieder zogen, bis all' das Schweben und Tönen und Sehen
ihm den Sinn umstrickte, daß er sich auf den Rasen am Ufer
niederlegte, und müde wie der Fritz in seinem Bettchen, seine
Augen schloß.
Aber Sommernächte sind nicht lang und junge neugierige
Bursche sind früh munter, besonders wenn sie ihre eignen
Plane haben, und nach ihrem Sinne ihre eignen Wege zu
gehen denken. Wie die Sonne hinter dem großen Walde
aufging, daß es röthlich zu schimmern anfing über den Riesen-
tannen, hatte Robby auch schon seine Augen auf. Der fremde
Laut, das Krähen des schönen bunten Haushahns, der immer
in der großen Esche übernachtete, hatte ihn um Tagesgrauen
aufgeweckt, und der Lerchensang machte ihn froh und munter.
Er putte sich wieder gründlich, aß sich gründlich satt, sah sich
noch einmal das große Schloß und all' die Herrlichkeiten an,
dann machte er aber entschlossen Kehrt; denn hier im Schloß
zu bleiben für und für, dazu war er nicht von der heimats

==- H -
lichen Insel fortgegangen. In die Welt hatte er gehen wollen,
in die weite Welt! Und weiter hinein in die Welt machte er
sich nun auf seinen Weg, ehe die Menschen kamen, die ihn
daran hindern konnten.
Da hinten - er hatte es wohl gesehen - da hinten, wo
der Gärtner auf des Großvaters Befehl das Thor herunter-
gelassen hatte vor der Schleuse, da hinaus ging's in die Welt;
also flink an's Thor. = Aber der Großvater und der Gärtner
hatten ihre Sache gut verstanden, das Thor saß fest. Robby
duckte tief unter, da wwar fester Grund. Er versuchte es zur
Rechten und zur Linken, die dicken Mauern ließen ihn nicht
durch. Was nun thun?
Jenseits, weit hinter dem grünen Rasen, rauschte und
plätscherte fließendes Gewässer, dorthin mußte er. Er sah sich
die Strecke an: den großen Rasenplat, die kiesbestreuten
Wege, und er sah sich selber an. Auf Gehen war er eigent-
lich nicht eingerichtet, am wenigsten auf solche weite Wege
über Gras und Stein. Aber er mußte ja in die Welt, und
RUED== ==- ==-
Und es ging! langsam freilich! mühsam und beschwerlich!
aber doch es ging! Als die ersten hellen Sonnenstrahlen
goldig sich ergossen über das im Morgenthau erglänzende
Grün, hatte er des Flusses Ufer schon erreicht. Eilig, damit
ihn keines Menschen Aug' gewahrte und Niemand ihn zurück-
hielt, huschte er durch das im Morgenwinde schwankende hohe
Schilf, und die Bachstelzchen aufschreckend, die an dem Rande
des Wassers badeten, stürzte er sich in die Arme der flinken
Wasserfrau, der lustigen Asse, und ließ sich von ihr geschaukelt
mitnehmen - wohin? - Er wußte es nicht. Aber gleichviel!
mitnehmen in die weite Welt.
Die Asse spritzte hell vor Lachen auf, als das sonderbare
W

=- IhZ =
Geschöpf sich ihr an's Herz warf. Ein solcher närrischer
Kerl war ihr noch nicht vorgekommen unter allen ihren In-
sassen. Es war grade, als wenn ein Mohrenkind hier zu
Lande mit einemmal auf offenem Markt erschiene. Die Aale
und die anderen Fische kamen staunend herbei, indessen Robby
that ihnen kein Harm, denn er hatte sich im Voraus tüchtig
vollgegessen, und so gefiel er Allen rund umher; und Fcau Asse,
ihn freundlich streichelnd mit ihren kleinen Wellchen, fragte
ihn: Wo gehörst Du hin, mein Kind? wo kommst Du her
mein Sohn?
Weit von hier, von oben her, vom Meere! sagte er stolz
und selbstgefällig.
Und was willst Du hier? wo willst Du hin?
Ich bin auf Reisen und will' mich erlustiren! Ich sehe,
Du gehst dort in's Land hinein, zur Stadt; Du kannst mich
mit Dir nehmen! sagte er. - Er warf dazu, wie ein rechter
Stuter, den Kopf vornehm zurück, daß ihm die Barthaare in
die Höhe standen, und that grade als erzeigte er der guten
ehrlichen Frau Asse eine Ehre, wenn er einen Dienst von ihr
begehrte. Sie ist aber sehr gutmüthig, war an dem Morgen
ganz besonders gut aufgelegt, und so meinte sie: Last hab'
ich nicht davon! mag der lächerliche Bursche immerhin auf
meinen Wellen thalwärts gehen, und sein Glück probiren.
Man wird es ja erleben, wo's mit ihm hinaus will.
Und ohne daß er sich viel zu regen brauchte, trug sie ihn
in ihren Fluthen mit sich fort, und er lag auf ihnen, wie
ein großer Herr in seiner Kutsche, und sah sich Alles an: die
Felder, voll von gelben Aehren und blauen Kornblumen und
rothem Mohn; die Wiesen mit den schön gefleckten Kühen;
die flinken Pferde vor den Wagen, die vorüberrollten; die
Häuser und die Menschen und die kleinen Menschenkinder an
dem und jenem Ufer; und dahinter wieder die Wälder, aus

= hZ -
denen schlank und hoch die Kirchthürme hervorsahen, und die
thurmhohen Schornsteine, aus denen die dicken Rauchsäulen
kraus wie Wellengebrause in die Lüfte stiegen.
Ihr könnt mich lange suchen in Eurem alten Schloß, in
Eurem runden, engen Teiche, in dem Ihr mich festhalten
wolltet, grade wie die Muttcr in dem Meere, lachte Robby
still in sich hinein, denn der Kamm war ihm jett sehr ges
schwollen, weil es Alles so gut ging und gelang, mit seinem
Wagniß. Hier ist es am besten! dachte er. Wer ein rechtes
Herz und einen offenen Kopf hat so wie ich, der muß es
machen so wie ich. Der muß nach Niemand fragen und nach
Niemand hören! der muß frei sein und sich umthun als sein
eigener Herr nach eigener Wahl! Dann kommt er an das
rechte Ziel! - Und damit kam er aus dem Bereich der Frau
Asse in der Frau Lippe feuchtes Wasserreich, und an die Brücke
in der Stadt.
Er war ordentlich ärgerlich, daß er keine Arme und keine
Müte hatte, und sie nicht vor Vergnügen schwenken und nicht
so vor Freude jauchzen konnte, wie die große Menge von
Jungen, die von der Höhe der Brücke auf ihn niedersahen,
und sich drängten und stießen, als könnte keiner von ihnen
rasch genug heran, den sonderbaren Ankömmling zu sehen und
zu begrüßen.
Hier, das merkte er, hier war er was werth! hier
war er ein Wunder! In dem alten ewigen Meer hatte
Niemand sich um ihn gekümmert! Hier war er an seinem
Plate!
Häuser standen hier dicht an Häusern, ein alter großer
Kirchthurm, ein großer Martt, ein Rathhaus, große Brücken,
bunte Soldaten mit klingendem Spiel und blanken Gewehren,
und Menschen, Menschen, immer mehr und immer mehr! Er
wußte nicht, wo ihm sein Kopf stand.

=- IJI -=
Er machte alle seine besten Künste, sah hier hin und sah
dort hin mit den großen, schönen Augen, und wo er hin-
schwamm, da schrien sie: Seht, seht die Otter! die schöne Fisch-
otter! seht doch! seht!
Freilich, er ahnte nicht, was Otter und Fischotter bedeuten
sollte, aber er merkte, daß es etwas sehr Schönes und Seltenes
sein mußte, und daß all' der laute Jubel ihm allein galt.
Oho! sagte er in seinem Innern, Ihr sollt Euer Wunder
hören, wenn ich einmal von meiner Entdeckungsreise zu Euch
nach Hause kommen werde. Ich habe ganz andere Dinge ge-
sehen und erlebt, als Ihr auf Eurer Insel und da unten in
dem Meere; ganz andere Dinge als der Ohm in Island und
die Base auf der Insel Wight! Wer hat sich da um sie ge-
kümmert, wo es ihres Gleichen alle Tage giebt? Aber hier,
hier in der Stadt! Wo ist je Einer von Euch Allen so auf-
genommen worden als ich hier! als der Robby bei seiner
ersten Ankunft in der Stadt?
Da: - Piff! paff! - Ein Bliz! ein Knall! - Sie
schrien alle laut vor Freude! = All' die Herrlichkeit war aus!
Des Jägers Flinte hatte gut getroffen. Er hatte auf
manchem Schlachtfelde in Frankreich sie erprobt. - Der arme
Robby, der war hin. Hin und todt für immer.
Mit einem Schifferhaken holten sie ihn aus dem Wasser
an das Land, und nun erst sahen sie, was sie geschossen und
gefangen hatten, und konnten es nicht begreifen, wie der See-
hund in die Lippe und nach Hamm gekommen war, tief in
das Westfalenland hinein.
Und wie sie sich in der Stadt verwunderten, daß der
Robby da war; so verwunderten sie sich in dem Schlosse, daß
er fort war; und der kleine Fritz weinte um ihn seine bitteren
Thränen. Aber was konnte das dem Robby helfen? Der war
kalt und todt.

Kapitel 34

- Ihh -=
Nun haben sie ihn ausgestopft und ihm statt seiner
schönen Augen große Glasaugen in den Kopf gesett, und so
steht er da, vor eines alten Kürschners Laden. Und wenn
die Jungen aus der Schule kommen, machen sie vor dem
Laden halt, ihn anzugucken und sich zu erinnern, wie patig
er herumgeschwommen an der Brücke in dem Sonnenschein.
-er alte Kürschner aber steht mit der langen Pfeife in
dem Munde vor der Thür, und sagt schmunzelnd, während
er den Jungen droht: Der konnt' auch nicht gleich pariren!
und das hat er nun davon! Marsch sort! thut gut! nehmt
ein Exempel dran!
lierunlllreißigfer srief.
Der Mlünster zu Kltenberg und die Nuine zu
Lipptadt.
Dessau, den 1 Oktober.
Es ist eine lange Reihe von Jahren her, seit ich einmal
auf der Fahrt von Manchester nach Liverpool im Eisenbahn-
wagen mit einer etwa dreißigjährigen Engländerin zusammen-
traf, die mir über alle Lrte, welche wir mit dem Zuge be-
rührten, und über Alles, was mir während der Fahrt auffiel,
so vortrefflichen Bescheid zu geben wußte, daß ich bei meinem
Dank für ihre Bereitwilligkeit ihr zugleich die Bemerkung
machte, sie müüsse eine sehr gute Beobachterin und vermuthlich
viel gereist sein.
O ja, entgegnete sie, ich habe meine Augen offen und ich
bin auch viel gereist, aber nur in unserem Lande. Ich habe
es nämlich immer für eine Thorheit gehalten, in das Ausland

== Ihs --
zu gehen, so lange man sein eigenes Land und dasjenige, was
es Eigenartiges und Schönes in sich schließt, nicht gründlih
kennen gelernt hat. Man schafft sich damit eine Bewunderung
der Fremde auf Kosten der Heimat, und das ist ungerecht und
schädlich!
Sie sagte das einfach wie etwas, was sich von selbst ver-
steht, dadurch machte es aber einen um so tieferen Eindruck
auf mich. Es lief auf des Dichters Worte hinaus:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah!
Ich nahm mir also vor, sobald es sich thun lassen würde,
nach diesem verständigen Beispiel zu handeln, und doch kam
es nicht dazu. Wir waren genöthigt, uns bei unseren Reisen
von Rücksichten auf die Gesundheit, auf bestimmte
Studien u. s. w. leiten zu lassen, und schließlich wirkte das
Eisenbahnsystem wie auf die Meisten auch auf uns. Die
Eisenbahnen machen den Reisenden gleichsam fernsichtig.
Sie machen, daß er über alles Dazwischenlicgende hinwegsieht,
und lassen ihn, namentlich in seinem Vaterlande, immer nur
die großen letzten Punkte, die Wallfahrtsorte der landläufigen
Touristen-Reiserei, vor Augen haben.
Fällt es uns gelegentlich, wenn wir unsere Reiseplane
entwerfen, dann einmal ein, daß wir Triest und Venedig
kennen, aber in Bremen oder in Lübeck und in Danzig nie
gewesen sind, sagen wir uns ein andermal, daß wir in
Ravenna recht gut Bescheid wissen, aber in Goslar nicht, daß
wir Procida besucht haben und die Stubbenkammer auf der
Insel Rügen nicht, so helfen wir uns mit dem Troste, daß
wir nach Orten, die uns so nahe liegen wie die vaterländischen,
in jedem Augenblicke kommen können, daß es dazu immer
noch an der Zeit sei, daß diese Orte, wie man so zu sagen
pflegt, uns nicht weglaufen. Indeß der Augenblick und die

-= IJ? -
Zeit für diese Reisen in die Nachbarschaft kommen nach meiner
Erfahrung uns sehr selten oder niemals, wenn es nicht einen
Besuch zu machen gilt; und weil die Heimat uns nicht wegs
läuft - was beiläufig die fremden Gegenden eben so wenig
thun - laufen wir ihr weg und in die Ferne, und sind
dann, wenn der Zufall uns nach einem merkwürdigen Punkte
in unserem Geburtslande hinführt, höchst erstaunt über all.
Dasjenige, was es bei uns zu Hause zu sehen giebt und was
wir und die meisten unserer Bekannten doch nicht gesehen
haben.
So ist es mir z. B. in diesem Jahr ergangen, als der
Wunsch, alte Freunde wiederzusehen und neue Freunde in
ihren Behausungen aufzusuchen, mich bei der Rückkehr aus
dem Süden die letzten Sommermonate am Rhein und in
Westfalen verweilen ließ; und als wir eines Tages von
Bergisch-Gladbach aus durch wechselnde gelinde Höhenzüge ein
Ende hineingefahren waren in das Land. -
Die ganze Gegend hat nichts Auffallendes, nichts Groß-
artiges. Es sind meist wasserreiche Wiesengründe, deren
schnellere Bäche im Fabrikbetrieb vewwerthet werden, kleine
bewaldete Hügel, Fabriken und bei denselben reinliche Arbeiter-
häuser, bewohnt von einem hübschen Menschenschlag, dessen
gesund aussehende und wohlgekleidet zur Schule gehende
Kinder einen erfreulichen Eindruck machen. In solcher Um-
gebung waren wir etwa eine Stunde fortgefahren, das Schloß
und die Kirche von Benöberg, den in eine Kadettenanstalt
verwandelten einstigen Sommersitz der Erzbischöfe von Köln,
immer auf der Höhe vor unseren Augen; sodann an den
Flecken Paffrath und Odenthal vorüver, vorüber an dem sehr
romantisch an dunklem Waldesrand gelegenen, dem Fürsten
Leo Metternich gehörigen Schlosse Strauweiler. Ein Dichter
könnte sich für eine phantastische Novelle keinen geeigneteren

= hZ -=
Bau, keinen besseren Hintergrund erfinden. Ein Lord Leicester
könnte eine Amy Robsart dorthin flüchten! Und noch war ich
mit dieses Schlosses Reiz beschäftigt, als wir, um eine Ecke
des Waldes biegend, mitten in einem von baumreichen Hügeln
eng eingeschlossenen Thale plötzlich einen der schönsten gothischen
Dome vor uns liegen sahen: den aus dem dreizehnten Jahr-
hundert stammenden Münster von Altenberg.
EistercienserMönche, deren Kloster dicht daneben liegt,
haben ihn erbaut; er ist ein Meisterwerk der reinsten Gothik.
Als hätten die Baumeister die ihre Aeste gen Himmel erhe-
benden Bäume des Waldes zum Vorbilde genommen, so
schlank und kräftig streben die Pfeiler unverschnörkelt in die
Höhe. Alles ist licht und klar in dem herrlichen Bau. Die
Fensterbogen sind breit und kühn in ihrer Wölbung zuges
spitzt; alle Verzierung in demselben, der Natur entnommen.
Eichenblätter, Klee und anderes Gerank umgeben als Aus-
schmückung die Säulenkapitäle. Sie wiederholen sich in den
vielfachsten und anmuthigsten Verschlingungen, in zarten,
hellen Farben ausgeführt, auch in des mächtigen Baues
Seitenfenstern. Dieses Anlehnen an die Natur hat hier in
der Waldeseinsamkeit eine ganz besondere Anmuth, und ich
entsinne mich nicht, es in einem anderen Baue so durchgehend
angetroffen zu haben. Nur das eine herrliche Fenster über
dem Portal zeigt figurenreiche historische Darstellungen in der
Glasmalerei. Die große, aber nicht schöne Grabstätte eines
Grafen von der Mark und seiner Gattin, und ein paar andere
Denkmale sind wohl erhalten. Friedrich Wilhelm l. hat her-
stellen lassen, was verfallen war, und man besserte auch jetzt
noch nach. Aber obschon der Bilderschmuck und jene reichen
Zierrathen, welche sonst die katholischen Kirchen für das Auge
und den Sinn so wohlgefällig machen, dieser alten Kirche
gänzlich fehlen, so ist sie doch von einer so heiteren Erhaben-

==- Ih =
heit, wie man sie im Allgemeinen in den gothischen Kirchen
selten findet.
Die Romantik des Schlosses von Strauweiler und die
schöne Weltabgeschiedenheit der Klosterkirche stimmten wunder-
voll zusammen. Man konnte es vergessen, wie in der Nähe
die Dampfmaschinen keuchen, wie unfern der Zug der Eisen-
bahn vorüberbraust, und oben in Bensberg Kadetten exerciren.
Ich meinte sie hervortreten zu schen, die Mönche, welche in
den fetten, wohlgeschütten Triften, an den klaren Teichen sich
den rechten Punkt für ihr Asyi gewählt. Ich meinte, sie
würden ihren Umzug halten. Ich lauschte, ob ich nicht das
Glöcklein klingen hörte; ich horchte, ob von draußen das Hift-
horn nicht erklang, ob nicht der Ritter, die Schöne vor sich
auf dem Roß, vorübersprengte nach der Burg hinauf, die
ihren Eingang, abgewendet von der Heerstraße, nach dem
Walde aufthut, die Kommenden und Gehenden vor dem Auge
der Außenwelt zu bergen.
Lägen ein solches Schloß und solche Kirche so nahe bei
Paris oder bei London und bei Edinburg, es würden, glaube
ich, mehr Deutsche davon wissen, als von dem Münster von
Altenberg, einige Stunden nur von Köln.
Es war aber, als, sollte ich bei der Heimkehr in Deutschland
nicht nur an diesem Tage, sondern immer auf das Neue an die
patriotische Weisheit jener englischen Reisenden erinnert werden.
Ein paar Wochen nach jenem Besuche des Altenberger
Domes war ich von Hamm aus mit meinen Freunden, an
dem uralten Velwer Wald vorüber, nach Lippstadt gefahren,
wohin eine Dame uns geladen hatte, mit der und deren
Familie ich im Winter in Rom zusammengetroffen war.
Lippstadt ist ein kleines, sehr sauberes Landstädtchen mit
breiten Straßen, mit niedern, oft einstöckigen Häusern, die
Giebel nach der Straße hingewandt. Dazwischen alte Kirchen

=- Ih -
mit vierschrötigen Thürmen, aus einem eigenartig grünlichen
Sandstein ausgeführt, der im Lande gebrochen wird. Ab und
zu ein neues ansehnliches Wohnhaus an großem, wohl-
gepflegtem Garten, so still, so breit behaglich angelehnt, daß
man hätte da bleiben mögen, um die Sinne und die Seele
ruhen zu lassen. Es gefiel mir sehr. Da meinte mit einem
Mal die Hausfrau, da ich so viel Ruinen in Jtalien gesehen,
so müßte ich doch auch die Lippstädter Ruine sehen. Ich hatte
von einer solchen nie gehört. Aber auch die anderen, zum
Theil in Westfalen heimischen Gäste wußten von einer solchen
nichts - Roslin Chapel in Schottland aber hatten sie gesehen
so gut wie ich.
Wir gingen dieHauptstraße entlang, durch eine kleineStraße
über eine kleine Brücke in ein flaches, wasserreiches Gartenland
hinein, und wie in einem Zauberspiegel lag wieder eine
prachtvolle gothische Kirche, ihres Daches beraubt, vor unsern
Augen: die Stiftskirche des adeligen Fräuleinstiftes, das,
ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert oder früher noch ge-
gründet, einst ein Kloster von Augustiner -Nonnen ge-
wesen war.
Nur ein Theil des Baues ist erhalten, aber ein in sich
abgeschlossener Theil. Wie und wann die Kirche zerstört wor-
den ist, wie sie zerstört werden und dieser Theil in gerade
dieser Weise erhalten bleiben konnte, weiß ich nicht. Man be-
hauptete, daß noch vor fünfzig, sechzig Jahren der protestan-
tische Gottesdienst in derselben gehalten worden sei So wie
sie da steht, ist sie schöner als die Ruine in Heisterbach gegen-
über Bonn, schöner als die thüringische Nuine von Paulinzell.
Sie ist ein Bild, wie kein Architekturmaler es sich für seinen
Vorwurf besser wünschen könnte.
Große Bäume sind innerhalb der wohlerhaltenen Mauern,
zwischen den hoch und majestätisch aufrechtstehenden Pfeiler-

= Iß! -
bündeln emporgewachsen. Von den Mauern, die noch bis
über die schön geformten Bogenfenster erhalten sind, hängt
wucherndes Gestrüpp herab. Glänzender Epheu und purpur-
rother wilder Wein mischen ihre Ranken und Farben und
lassen das Sonnenlicht flimmern durch ihre Blätter, wo sonst
die Farben der Glasmalerei das Auge erfreuten. Aus Holunder-
büschen sehen alte gothische Steingebilde hervor. Grabsteine
der adeligen Fräulein -- Beate von Bismark stand auf dem
einen zu lesen - sind von Farrenkräutern halb verdeckt; und
damit dem natürlichen Vergehen und Werden sein Gegen-
satz nicht fehle, hat man in dem Chor an wohlgeschützter Stelle
einige der alten Heiligen- und Engelbilder aufgerichtet, die
aus der Zerstörung geborgen worden sind. Beete voll wohl-
gepflegter Blumen, Rosen in dunkeln Farben, streuten ihre
Wohlgerüche aus, wo sonst der leichte Duft des Weihrauchs
zu des Domes Gewölbe aufgestiegen war. Statt der Hymnen,
die hier einst erklungen, sangen die Vögel sich zur Ruhe; und
mit goldig rothem Schimmer breiteten, von dem Glanz der
sinkenden Somne noch vergoldet, die Abendwolken sich als
Baldachin friedlich über die schöne Trümmerstätte aus.
Man konnte sein Auge nicht abwenden von der Stätte.
Mllein die Sorge, den Zug auf der Eisenbahn nicht zu ver-
säumen, zwang uns endlich, von ihr fortzugehen. - Aber gehen
Sie hin, wenn Sie einmal des Weges kommen und diese
Ruine noch nicht kennen. Sie werden's nicht bereuen.
Und Sie werden es gewiß auch nicht bereuen, wie ich's
lange vorgehabt und jetzt endlich ausgeführt, sich einmal einen
Tag aufzuhalten in einer der ältesten Städte von Westfalen,
in dem alten Soest.

Kapitel 35

= PsZ -
Fünfunclreißigtier lrief.
Ein Tag in oet.
Dessau, den S. Oktober 187s.
Wenn man es sich recht deutlich zum Bewußtsein bringen
will, welch eine Arbeit die Menschheit überall zu machen ge-
habt hat, ehe sie sich aus der Barbarei, aus den Schrecken
des beständigen Kampfes Aller gegen Alle, aus den Gewalt-
thaten des Faustrechts und der Feindseligkeiten von Stadt zu
Stadt, zu der Eigenthums- und Rechtssicherheit unserer Zeit
emporgerungen hat, so braucht man nur die Geschichte der
ersten besten alten Stadt zu lesen. Wo immer ich dies ge-
than habe: bei uns in unserer Mark, oder einmal in der
Schweiz, oder jetzt in Westfalen, immer ist es mir klar ent-
gegengetreten, welch ein Frevel es ist, diesen durch die Jahr-
hunderte mühsam zu Stande gekommenen Bau der geordneten
Gesezlichkeit, in welchem die rohen und selbstsüchtigen Be-
gierden des Einzelnen in Schranken gehalten werden, an-
zutasten oder gar zu zerstören, ohne daß man ein neues,
schützendes, wohlgegliedertes Haus und Dach bereitstehen hätte,
in und unter welchem es der Menschheit wohler werden und
besser ergehen soll als bisher.
Ich habe bei meinem letzten Aufenthalt in Westfalen
die Stadtgeschichten von Lippstadt, von Soest in Händen ge-
habt, und wieder ist mir ein Schrecken angekommen vor den
Zuständen, in denen die Gewaltthat mit neuer Gewalt ab-
gewehrt und gerächt ward, in denen der Friede zum Mythus
geworden, in denen der Bauer zuletzt gewaffnet sein Feld be-
stellte, um sein Eigenthum zu verwerthen; ein Schrecken vor

= PßZ -=
allen Zuständen, in denen das Auge des Gesetzes nicht mehr
wacht.
Das jett so friedliche kleine Lippstadt, das alte Soest,
das schon im 1. Jahrhundert ein Gemeinwesen war und
bedeutend genug, sich ein Stadtrecht auszuarbeiten, welches
damals mustergültig für viele andere Städte, z. B. für
Hamburg und Lübeck, geworden ist, sind durch Zeiten des
fürchterlichsten Elends gegangen, und Soest trägt noch davon
die Spuren, wie kaum ein anderer Ort. Ich wenigstens wüüßte
keine Stadt zu nennen, in welcher die einstige Herrlichkeit
einer großen, an vierzigtausend Einwohner zählenden reichs-
unmittelbaren Hansastadt so furchtbar zerstört worden, und in
der doch noch Lebenskraft genug zurückgeblieben ist, um eine
neue, wenn auch langsame und bedingte Herstellung möglich
erscheinen zu lassen.
Ich hatte bisher AltBreisach immer für die am meisten
zerstörte Stadt in Deutschland gehalten. Sie ist es auch in
so fern, als ihr erneutes Aufblühen unwahrscheinlich ist, wenn
ihr nicht etwa eine Bergeisenbahn zu Hülfe kommt, oder der
Landesherr sich nicht oben auf dem herrlichen, an die Akro-
polis von Bergamo mahnenden Aussichtspunkte eine neue
Pfalz als Sommersitz erbaut, was Beides nicht vorauszusehen
ist. Aber in Breisach ist Alles klar, übersichtlich, leicht ver-
ständlich. Eine Reihe sauberer neuer Häuser bilden dort die
Straßen in der Unterstadt und ziehen sich an einem schattigen
Spaziergang und am Berge hinauf. Oben steht dem Münster,
einem Meisterwerk der Baukunst, an der einen Seite des
weiten Platzes, ein Tleil der alten Ruinen gegenüber; an
der anderen Seite, sich durch lange Straßen fortziehend, das
untere Geschoß von Häuserfronten, als letzter Rest der Ge-
bäude, zu denen sie gehörten. Durch die öden, eisenvergitterten
Fensterhöhlen blickt man in Obst- und Gemüsegärten und weit

== IHHF -=
in die Ferne hinaus. Die Zerstörung in Breisach ist so zu
sagen, ordnungsmäßig geschehen, die Erhaltung der Reste
eben so. Es sieht sich wie in den Straßen von Pompeji an.
Alles ist oben in Breisach Einsamkeit, Abgeschiedenheit und
feierliche Stille. Nur dann und wann ging, als wir zu ver-
schiedenen Malen dort oben waren, einmal Jemand durch
die Straßen. Ein paar Kinder spielten auf dem sonnigen
Plan; ein Schreiber sah von seinem Pulte am Fenster eines
der wenigen aufrechtstehenden Häuser, von seiner Arbeit auf
und betrachtete uns und ein paar andere Fremden, die auch
gekommen waren, sich den Münster, die Gegend anzusehen.
Ein Mädchenkopf guckte aus dem Dachstübchen hervor und
schaute dem Geistlichen nach, der es grüßte und langsamen
Schrittes nach dem Münster ging. Weiterhin, in dem Garten,
der den Boden der ehemaligen Pfalz einnimmt, in den Bäu-
men und Büschen heller Vogelgesang, so hell, so mannigfach,
wie in tiesster Waldeinsamkeit. Wir konnten uns kaum los-
reißen von der Stätte, zu der kein Lärm des Weltgetriebes
dringt, wenn nicht von fern her der Ton der Eisenbahnen, in
der Luft verhallend, sich vernehmen läßt.
Anders verhält es sich mit Soest. Es hat etwas Un-
faßbares für den, der es zum ersten Mal betritt. Die Stadt
öffnet ihre hohen, einst mit sechsunddreißig Vertheidigungs-
thürmen besetzten Umwallungen und Ummauerungen, von
denen noch die Spuren vorhanden sind, nach der Seite der
Eisenbahn. An den anderen Seiten zieht sich der jetzt als
Spaziergang dienende, mit alten Bäumen bestandene Wall
um die Stadt hin, so daß sie sich tiefliegend und deshalb
immer noch wie eine Festung darstellt. Mitten in der Stadt
ein großer, von unterirdischen Luellen gespeister Teich, der
sich zu einem mit starker Strömung durch die Stadt fließenden
mühlentreibenden Bache verengt. Und nun die Stadt!

= FhJ -
Wie in einer Phantasmagorie, wie in einem Traume,
der das Verschiedenartigste aus verschiedenen Zeiten an uns
vorüberführt, so unvermittelt stellen die Straßen, die Gebäude,
die großartigen Kirchen, die zahlreichen Kapellen sich uns dar.
Und noch in der Erinnerung weiß ich die Reihenfolge nicht
festzuhalten. Nur der wunderbare Gesammteindruck der
Stadt und das Bild der einzelnen Kirchen und ihrer Kunst-
werke ist mir geblieben.
Hier ein landstädtlicher Straßenanfang mit kleinen ein-
stöckigen Giebelhäusern, in denen Handel und Gewerbe die
Erzeugnisse der Gegenwart in reichlicher Auswahl feilbieten.
Dann rechts ein von Feldsteinen eingefriedetes Gehöft, und
links ein Ende weiter ein eben solches, an die wilden, kriege-
rischen Zeiten mahnend, in denen die Bauern sich in die
Städte flüchteten, und dem Zuge des Westfalen zu gesondertem
Wohnen folgend, die Behausung auch in der Stadt abgrenzten
wie draußen auf dem Lande, wo sie nach wie vor ihre Aecker
bebauten. Man ist in der Stadt Soest, und das uralte
Bauernhaus, die Scheunendächer sehen aus dem Feldsteinwall.
hervor. Nußbäume beschatten es innerhalb des Walles, Busch-
und wildes Strauchwerk umgibt es überall. Die Thorflügel
der Gehöfte sind weit zurückgeschlagen. Ein Heuwagen wird
abgepackt, die Dreschflegel schallen auf der Tenne, die Kühe
an den Krippen wenden die Köpfe nach dem vorüberrollenden
Wagen. Der Wagen hält nach wenig Schritten und wir
steigen aus vor der Wiesenkirche, der alten, herrlichen, im
edelsten gothischen Stil erbauten St. Maria io gratis, die
jetzt eine protestantische Kirche und in durchgehender Er-
neuerung begriffen ist. Klar und sauber wie Filigranarbeit
zeichnen die dunkeln grünlichen Thürme sich gegen den hellen
Himmel ab. Neber den alten beschatteten Kirchhof schreiten
wir auf den ausgetretenen Grabsteinen, die dem Wege zur
F. Lewald, Reisebriefe.

= Iss -
Kirche als Pflasterung dienen, in den stolzen Bau hinein, den
jetzt Gerüste bis zu seiner Wölbung einnehmen. Klopfen und
Hämmern, daß man sein eigen Wort nicht hört. Aber das
Auge ermißt die hohe Schönheit des Baues, erkennt in den
zum Theil zertrümmerten gemalten Fensterscheiben ihre
einstige Schönheit und die kindliche Insichbefangenheit der
alten Meister. In der Darstellung des Abendmahls an dem
Glasfenster über der großen Eingangsthüre, steht statt des Oster-
lammes ein tüchtiger westfälischer Schinken vor dem Heiland
auf der Tafel, und ihm zur Rechten stellt einer der Jünger
einen Wildschweinskopf mit gewaltigen Hauern auf den Tisch.
Aus der Kirche wieder in den Ansatz einer kleinen Straße
hinein. Jedes Haus scheint ein Eckhaus zu sein, jedes macht
sich besonders geltend, und plötzlich hält man wieder inne und
erstaunt. Nur durch eine ganz schmale Straße von einander
getrennt, zwei große alte Kirchen, so dicht, so eng aneinander
gestellt, wie man es sonst nur in Jtalien hier und da zu
sehen gewohnt ist. Wie kommen die hierher? fragt man sich
und fragt sich gleich danach: wo kommt in diese jetzt so stille
Stadt das alte Rathhaus her, mit seinem niederen rundbogigen
Laubengang, das auf seine Nachbarn, auf die kleinen alten
und neuen Häuser, hierniedersieht wie ein reicher Ahne auf
die verarmten Enkel? Eine kleine, kleine Strecke vorwärts!
Ein alter Patriziersitz, der in dieser Umgebung doppelt stolz
erscheint. Wie die bäuerlichen Gehöfte, ist auch er ganz einges
gränzt. Wohlerhaltene Mauern umgeben das feste, vielstöckige
Haus. Die alten Bäume in seinem Garten tragen breite
Kronen, Epheu umschlingt sie bis in die Wivfel. Er hängt
von den Mauern tief herab, Mauerpfeffer und wildes Gerank
und blühendes Unkraut wächst aus den Rissen in der Mauer
üppig hervor. Oberhalb der von der Zeit gebräunten Eichen-
thüren des Portals, das steinerne Wappen der Erbauer. In

== g,R? =
dem Hause, dessen Gast ich war, schöne Treppen mit schweren
Eichenholzgeländen. Das Holztafelwerk an den Wänden der
Flure, an den alten Schränken, mit Blumen, mit Landschaften,
mit Darstellungen aller Art von nicht ungeschickter Hand be-
malt; und auf solchem Hintergrunde ein junger, lebenslustiger
Haushalt, die Bildung, das Wohlbehagen und die Bequem-
lichkeiten, welche durch die Erfindungen unserer Zeit uns das
Haus und das Leben verschönen. Und solcher alten Patrizier-
sitze sind verschiedene vorhanden.
Man kommt aus dem Neberraschenden gar nicht heraus.
Hier ein langer, mit Gras und mosigem Grün bewachsener
Pfad mitten in der Stadt. Dann eine menschenleere Straße,
in welcher völlig verschlosfene, ansehnliche Häuser es verrathen,
daß einst mehr Menschen als jetzt den rt bewohnten. Nun
ein altes düsteres Schulhaus, dann ein ganz freundlicher Gast-
hof. Ein kleiner landstädtischer Marktplat, und wie zum Gegen-
satz das massige alte Stadtthor mit seinen Erkern, Vor-
sprüngen, Thürmchen und Altanen, mit der niederen Eingangs-
pforte, durch welche man unter dem schwerfälligen Bakzur Stadt
eingeht. Ein Thor, das von den Schritten des Kriegsvolkes
aus allen Zeiten und aus fernsten Ländern wiedergehallt hat.
Man ist betroffen, wenn man Damvfschornsteine unfern
von solchem Thor, unfern von diesen umwallten Gehöften,
von diesen engen Gäßchen, ihren Dampf ausstoßen sieht. Man
meint die Gewappneten des Kaisers, des Mansfelders, plün-
dernd und mordend aus diesen Mauern hervorbrechen zu
sehen. Man denkt, um die nächste Ecke werde Simplicissimus
einherstolziren in seines Hauptmanns Kleidern, in des Guber-
nators Livrey.
Auch unter dem Portal der schon im 1. Jahrhundert
erbauten Patrokluskirche erwartet man, so düster wie es sich
vor uns aufthut, eigentlich nicht die Menschen unserer Tage.
zh

== gss -
Man würde sich nicht wundern, wenn der Zug der Geißel-
brüder vor demselben hielte, wenn man die Lieder vernähme,
mit denen sie das Ende der Pest erflehten, die auch hier mit
ihren Schrecken gewüthet hat:
Nun schlaget Euch sehre,
Durch Christus Ehre,
Durch Gott laßt die Ehre fahrn,
So wolle sich Gott über uns erbarm'n.
Nun recket auf Eure Hände,
Daß Gott das große Sterben wende,
Nun recket Eure Arme,
Daß sich Gott über uns erbarme!
In solch umwalltes Gehöft, wie es hier vielfach vorkommt,
gehört Gretchens Kämmerlein hinein! In solchen Mauern muß
der Garten gelegen haben, in dem sie und Faust und Frau
Martha mit dem höllischen Galan lustwandelten! Die ganze
deutsche Vorzeit wird einem lebendig in dem alten Soest, und
hier wie manchmal in Jtalien habe ich darüber nachgesonnen,
weshalb man von ,den Künsten des Friedens'' spricht, da ges
rade die wüsteste Zeit des Kampfes Kunstwerke entstehen machte,
deren Zahl und Schönheit auch in Soest in Erstaunen ver-
setzt und Bewunderung erregt. Und es sind doch nur ver-
einzelte, zerstörte Neberbleibsel dessen, was hier an Malerei,
an Skulptur, an Holzschnittzerei, an Kunststickerei und Gold-
und Silberschmiedearbeit einst vorhanden gewesen ist.
Was in Soest die langen Fehden, die Reformation, die
Wiedertäufer, der dreißigjährige Krieg nicht zerstört, das zer-
störten die späteren, namentlich der siebenjährige Krieg, nach
dessen Beendigung die einst so volkreiche Stadt auf kaum vier-
tausend Seelen heruntergekommen war. Jetzt zählt sie deren
wieder gegen fünfzehntausend, und die neue Zeit giebt sich in
der alten Stadt in jedem Sinne erfreulich kund.

Kapitel 36

=- g,ßß =
Die Ackerwirthschaften in derselben gedeihen, die Fbri-
kation greift um sich. Man ist bemüht die alten Baulichkeiten,
die Werke früherer Kunst, soweit sie in den Kirchen und sonst
noch vorhanden sind, zu erhalten und auszubessern. Es sind
in den Wandmalereien der Kirchen noch so fein empfundene
Darstellungen vorhanden, daß man sich daran erfreut. Der
gelehrte Kunstforscher Professor Lübke hat vielfach auf die
Soester Kunst hingewiesen und sich eingehend mit ihr beschäftigt.
Auch der Verein der Alterthumsfreunde im Rheinland hat
Umrisse nach den Soester Bildern u. s. w. in seinem Programm
zu Winckelmanns Geburtstag im Jahre 1875 erscheinen lassen,
die mir vorliegen und mir ergänzen, was der einmalige An-
blick in mir nicht festzuhalten vermochte.
Das aber weiß ich bestimmt, Soest besuchen kann Nie-
mand, ohne sich von dem Hauche vergangener Jahrhunderte
umwittert zu fühlen und die Schauer der mittelalterlichen
Romantik zu empfinden. Niemand kann den echt romanischen
großartigen Bau der katholischen Patrokluskirche, Niemand die
Wiesenkirche und die Nikolaikirche besuchen, ohne sich an dem
zu erfreuen, was unsere Altvordern geschaffen, ohne es zu
bedauern, daß die unseligen Kämpfe innerhalb unseres Vater-
landes so viel Herrliches zerstört, und ohne es von Herzens-
grund zu segnen, daß jetzt über Deutschland Friede und Gedeihen
versprechend, das Gesetz des geeinten Deutschen Reiches waltet.
Hegzukllee- -z-gs== - =e===s-
ss=sisizk-- ss-lss
In meinen vier Wänden.
Berlin, den 15. Oktober 1878.
Seit acht Tagen bin ich wieder zu Hause, wieder in
meinen lieben vier Wänden. Ein zwanzigjähriges Erinnern
knüpft mich an die stillen Räume, in denen selbst meine

= gsß ==
Sorhen, wie Klopstock es so schön genannt hat, ,geliebte
Sorgen'' waren; und einsam wie ich sie jetzt betrete und
wiederfinde, spricht Alles, was mich in ihnen umgiebt, ver-
traut zu meinem Herzen.
Wie viel Augen schauen mich sinnvoll an, aus den Bil
dern, die auf mich herniedersehen, die sich längü geschlossen
haben! Kaum ein Stück nehme ich zur Hand, ohne der Stunde
zu gedenken, in der ich es erwarb, in der die Freundschaft
mir es gab. Bisweilen zürne ich fast den Sachen, den
Mappen, Briefpressen, Statuetten, und all' dem Zimmerschmuck
und Kleinkram, weil sie sich so gut erhalten, während kein
liebevollstes Sorgen und Wünschen mir Diejenigen zu erhalten
vermochte, aus deren gutem Willen und aus deren Hand ich
sie dereinst empfing. Die Lebenden und das Leben rauschen
an uns vorüber, und das Unbelebte, das Todte ist das
Bleibende im Wechsel!
,Die Sachenr, welche mich bei der Abreise beschäftigten,
beschäftigten mich auch bei der Heimkehr, doch in anderem
Sinne. Wenn man in der einen Stunde wünschte, sie nicht
zu besitzen, um freier zu sein, so fühlt man in der anderen
bald, wie man dies Dauernde im Wechsel nöthig hat, wie es
dazu gehört, uns eine Art von historischem Boden in unseren
vier Wänden zu schaffen, und welch einen Reiz und Werth
ein solche allmählich gewordene Umgebung vor jenen Ein-
richtungen voraus hat, die mit der Macht des Geldes, wie
durch Zauber, in wenig Tagen und Wochen auf Befehl ent-
stehen. Das Neue ersetzt in diesem Fall das Alte nicht so
leicht! Wenn man aber selber in Jahren, aus dem alten ges
liebten Rom in die alte Heimat kommt, so lernt man das
Alte doppelt schätzen, wie sehr man mit aller Kraft der Seele
auch seine Jugend liebte und sie zurück ersehnt. Freude,
Muth, Können, Wollen, Gelingen sind für mich mit dem

= gF! -
Worte Jugend spnonim; sie ist recht eigentlich ,der golkene
Sternr, als welchen die Dichtung sie bezeichnet.
Von Berlin hört man oftmals, und gleichsam als einen
Tadel sagen, daß es jeden historischen Charakters entbehre.
Das ist nicht richtig, und hat mich nebenher so komisch an-
gemuthet, als mache man es der rüstigen Jugend, dem Blond-
kopf, der mit frischen rothen Backen zu seinem Tagewerk an
uns vorüberzieht, zum Vorwurf, daß er nicht nebenher etwelches
graues Haar und einige würdige Stirn- und Wangenrunzeln
aufzuweisen habe, während er sich seiner bisherigen Arbeit und
des in seinen jungen Jahren Geleisteten wohl rühmen darf.
Laßt Berlin nur Zeit! Wenn es Euch auch nicht mit
tausendjährigen Erinnerungen, mit gothischen Domen und
mittelalterigen Gebäuden aufzuwarten, Euch keine Ruinen vor-
zuführen hat, sein Stück Historie hat es in den noch nicht
vollen siebenhundert Jahren seines Bestehens als Stadt doch
bereits geliefert und gemacht. Mich dünkt, selbst in den zwei-
hundert Jahren, die von der Schlacht bei Fehrbellin bis zu
dem Siege von Sedan verflossen sind, haben Berlin und seine
Beherrscher und Bewohner an Kriegs- und Friedensthaten be-
deutender historischer Erinnerungen genug zu verzeichnen ge-
habt. Freilich sind diese Ereignisse nicht in Denkmalen und
Bauwerken überraschend ausgeprägt, man hat sie auch dem
Volke leider noch nicht so schön in chronologischer Reihe vor-
geführt, wie man es in Dresden in dem Sgraffitobilde mit
der Geschichte Sachsens gethan hat. Indeß das Schloß, das
Zeughaus, das Brandenburger Thor, die Statuen des großen
Kurfürsten, des alten Fritt, Friedrich Wilhelms des Dritten,
Stein's und so mancher Anderen stehen doch da, die Vorgänge
in der preußischen Geschichte zu bezeichnen, welche Preußen
befähigten, der Mittelvunkt des neuen Deutschen Reichs zu
werden. Die grelle Siegessäule steht doch da und giebt in

= PF -
ihrc ehernen, schönen und verständlichen Reliefs von den
Kämpfen und Siegen Kunde, von der Geschichte der Jahr-
zehnte, welche der Errichtung des Deutschen Reichs vorange-
gangen sind.
Berlin machte mir, da ich heimkehrte, den wohlthuenden
Eindruck der Juugend und des frischen Werdens. Ein Paar
junge Deutsche, die in Wien erwachsen, eben jetzt von London
und von Rom kommend, meine Gäste sind, zeigten sich zu
meiner Genugthuung von Berlin überrascht, das sie so statt-
lich zu finden nicht erwartet hatten. Und sie hatten vor sieben
Jahren mit unseren Heeren Deutschland und Frankreich durch-
zegen und die Parade in Paris mit durchgemacht.
In Rom that es uns wehe, wenn wir ganze alte Stadt-
theile in ihrem fast unbegreiflichen Durcheinander zu Boden
werfen sahen, um Platz zu machen für die Wagenreihen, die
vom Luirinale, von dem Königsschlosse nach dem Corso, von
den Eisenbahnen nach dem Tiber ihren Zug zu machen haben.
Dort trösteten wir uns, wenn wieder ein Stück der Thermen
niedergerissen wurde, unter deren Fundamenten sich noch ältere,
einst ebenfalls zerstörte Unterbauten fanden, mit dem sich be-
scheidenden, entsagenden Gedanken, daß der Tag den Lebenden
gehöre, und daß die gegenwärtigen Neubauten für künftige
Geschlechter, wenn der kleine Erdball so lange zusammenhält,
dereinst auch den romantischen Reiz antiker Trümmer haben
würden. Macaulay's bekannter schon einmal gegen Sie er-
wähnter ,SüdseeInsulaner', der auf den Trümmern von Lon-
donBridge die Stätte suchen wird, an welcher die Paulskirche
gestanden hat, kam mir dann immer in den Sinn.
Hier aber erinnere ich mich oftmals eines Abends, an dem
ich mit meinem nun auch schon seit mehreren Jahren verstor-
benen Bruder, auf dem Balkon bei Kranzler unter den Linden
sizend, die Straße vom Brandenburger Thor bis zum Schlosse

== gZZ -
überblickte - wir Beide jung und ganz auf uns und unsere
eigene Kraft gestellt. ,Hier ist Plaz Etwas zu werden!' sagte
ich. Und wir gingen denn auch daran, aus uns, für uns und
Andere, eben zu machen, was in unserer Kraft lag.
Auch heute wieder habe ich in Berlin, wenn schon
leider nicht mehr für mich, den freudigen Gedanken ,hier ist
Plaz Etwas zu werden! und noch mehr als die Jtaliener
mit ihrem ,lltalia kara äa ss! darf der Deutsche sagen:
,Laßt uns Zeit! wir werden es schon machen!r darf Berlin
es von sich sagen: ,Laßt mir Zeit, ich werde mich sicher so
entwickeln, daß ich des Reiches Hauptstadt würdig in mir
darstelle!?
Freilich! rasch geht hier Nichts ! =- Man reißt nicht
ganze Stadttheile nieder, wie man in Paris, in Wien, in Rom
gethan hat. Wir sind eben Norddeutsche, sind schwerfällig,
bedächtig, vorsichtig, wir wollen unsere Sache sicher haben.
Graf Moltke's Wahlspruch: erst wägen und dann wagen! ist
kennzeichnend für das ganze hiesige Wesen. Heute noch beräth
man im Magistrat uud in den anderen betreffenden Behörden
über Bauunternehmungen, die schon einige Jahre, ehe ich
Berlin verlassen hatte, sich in mehrjähriger Erwägung be-
fanden. Ein Berliner muß langlebig sein, um an den Fort-
schritten in seiner Vaterstadt Freude zu erleben!
Heute noch sehen wir auf dem Platze vor dem Pots-
damer Thore die alte kleine Baracke von einer Apotheke, die
thatsächlich schon vor zwanzig Jahren niedergerissen werden
sollte, die seit zwei Jahren leersteht und den Plaz verunziert.
Aber hier draußen vor dem Thore, wo im Jahre 14 die
unbeschäftigten Arbeiter mit dem Graben eines unerläßlich
nothwendigen Kanals beschäftigt wurden, hier, wo wir da-
mals buchstäblich mit unseren Droschken im Sande stecken
blieben, ist in diesen dreißig Jahren eine Stadt von

= IFg -
80 000 Einwohnern entstanden. Villa reiht sich an Villa,
Garten an Garten. Kirchen, Marktplätze, Schulen, Krankenhäuser
sind errichtet, und es ist hier freundlich und bequem zu
wohnen, in Ruhe neben der Bewegung und dem Treiben einer
großen Stadt.
Indeß der Druck, den die traurigen Ereignisse des Früh-
jahrs über das Vaterland geworfen haben, macht sich doch
noch sehr empfindlich. Man fühlt es der Stimmung der
Leute an, der Boden hat unter ihren Füßen gezittert. Sie
haben zu erfahren gehabt, daß ihnen nicht nur von außen,
daß ihnen auch mitten aus ihrem eigenen Lande schwere Ge-
fahren erwachsen können, und daß es nöthig sei, sich gegen
diese zu wehren, sich in sich selber zu festigen und neu auf-
zurichten.
Was zu thun sei? das fragt sich jetzt ein Jeder. ,Ge-
warnter Mann ist halb gerettet!r antwortet das Sprüchwort
der Deutschen wie der Jtaliener. Ich aber meine, Jeder von
uns hat an sich selber und in sich selber die Fehler auf-
zusuchen, die er begangen hat, dem großen Allgemeinen gegen-
über. Niemand darf Scheu tragen, seine erkannten Irrthümer
offen einzugestehen, um Andere zu dem gleichen Insichgehen
zu bestimmen. Wir haben Alle, soweit unser Wort und unser
Einfluß reichen, die Erkenntniß zu fördern, daß ohne die frei-
willige, bewußte Selbstbeschränkung und ohne die Nächstenliebe
des Einzelnen, die immer relative Freiheit für Alle eine Un-
möglichkeit ist, daß die selbstsüchtige Willkür des Einzelnen
den Untergang der Gesammtheit unfehlbar macht - und daß
Uneinigkeit im Innern noch überall und zu allen Zeiten die
Vernichtung von außen herbeigeführt hat.
Und während ich denn nun mit neuer Freude an der
Heimath, die alte Arbeit aufnehmend, meinen kleinen Antheil
an der uns ernster als je obliegenden innern Mission, so gut

=- 17H -
ich es vermag, fortzusetzen denke, will ich mir und Ihnen
ein paar Worte zum Schlusse und zur Ermuthigung hierher-
setzen, die ich in diesen Tagen, von Adolf Stahr's Hand, mit
Bleistift auf ein Blättchen Papier geschrieben, in seiner Schreib-
mappe entdeckte. Sie lauten:
Die einzige Universalmedizin zur allmähligen Hebung
aller Schäden der menschlichen Gesellschaft, und zur Förderung
ihres Fortschrittes auf allen Gebieten, ist treue, unermüdete
Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst und im Bereiche seiner
Pflicht und seines Berufes - jene treue, stille aber rastlose
Arbeit ,die nie ermattetr wie unser großer Schiller sie ge-
nannt und zu unser aller Frommen, sie an sich selbst geübt
hat!
Also Muth! und rastlos vorwärts auf dem Wege des
deutschen Idealismus, dessen praktische Seite sich uns längst
bewährt hat! Thun wir jeder an seinem Platze fröhlich unsere
Arbeit, so dürfen wir unserer Zukunft im Deutschen Reiche
wohl vertrauen und am Tage den Tag genießend, hoffnungs-
voll in die Zukunft unseres Vaterlandes blicken.
Einen Gruß Ihnen Allen, die Sie mich theilnehmend
in meiner Reisezeit begleitet. Bleiben Sie mir auch in der
Heimath nahe.
Druck der Norddeunchen Buchdruckerei, Berlin, Wilhelmstr. I.