Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 09

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Auch in Rom, wohin ich morgen aufzubrechen denke, werde
ich sie nicht wiederfinden die Genossen meiner jungen Jahre,
ihn nicht neben mir sehen, den theuren Mann, der mit seinem
Werke für so Viele der begeisterte und begeisternde Führer durch
das von ihm geliebte Land, durch die von ihm so geliebte
ewige Stadt gewesen ist, der mir Rom einst zu der Heimat
meines Herzens machte.
Aber die großen Gebilde der Kunst werden noch dort stehen,
wie das Auge Winckelmann's und Goethe's sie erschaut! Und
die Sonne, die ihnen einst geleuchtet - und auch uns geleuchtet
in glückseliger Zeit - wird wiederscheinen so wie sonst über
die Stadt der Städte, über das heilige Rom, das wiederzusehen
ich mit zagendem Bangen immer lebhafter ersehne, je mehr ich
dem geweihten Boden jetzt mich nahe!
onnko sus
Fiuüsu- =e==s-
Wieder in Ro m.
Kötsl Kolaro Kis Gregorians,
den . November 17?.
Volle fünf Wochen bin ich jetzt zum dritten Male wieder
hier in Rom, und obschon es mir so vertraut ist, als wäre
es meine Heimat, bin ich noch an jedem Tage unter dem sich
immer wieder erneuernden, unter dem überwältigenden Eindruck
der Erhabenheit, der Herrlichkeit, der Schönheit, die mich hier
umgeben.
Fast elf Jahre ist es her, seit ich im Frühjahr von Acht-
zehnhundertsiebenundsechszig Rom verlassen habe, und als ich
jett wieder auf der Höhe des Monte Pincio stehend hinab-
schaute auf die Stadt zu meinen Füßen und in das Land

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hinaus bis zu den fernen Punkten, an welchen die schönen
Züge des Gebirges dem Auge seine Schranke ziehen, da war
mir's, als hätte ich mich nie von Rom entfernt, als wäre ich
alle die Zeit hindurch immer nur in Rom gewesen. Und doch
empfand ich das Glück des Wiedersehens, doch klangen mir,
nur mit noch verstärkter Empfindung wie vor elf Jahren, die
Worte Goethe's in der Seele:
Das Wiedersehn ist froh, das Scheiden schwer,
Das WiederWiedersehn beglückt noch mehr,
Und Jahre sind im Augenblick ersezt!
Elf Jahre, und welche ereignißvollen Jahre eben auch
für dieses Land und diese Stadt! Rom ist seit sieben Jahren
die Hauptstadt des Königreichs Jtalien geworden. Vom
Quirinale weht die italienische Königsflagge durch die Luft;
aber das Kapitol und das Kolosseum ragen aus der
Häusermasse eben so hervor wie sonst, und im Südwesten
liegen sie noch da, die stolze Peterskirche und der riesige,
geheimnißvolle Vatikan, wie eine Sphinx, deren Räthsel
noch zu lösen ist. Eine dreitausendjährige Vergangenheit hat
dieser Stadt ihr mächtiges Gepräge aufgedrückt. Was wollen
daneben die Wandlungen bedeuten, welche sich im Laufe
weniger Jahre zu vollziehen vermögen? Ob eine weltliche,
ob eine kirchliche Macht die Herrschaft ausübt über diese Stadt,
ihr Charakter ist, soweit es sich im Aeußern kundgibt, bis
jetzt noch nicht wesentlich verändert worden. Rom ist als
Hauptstadt des Königreichs Jtalien immer noch das alte, das
mit keiner andern Stadt zu vergleichende Rom. Es ist und
bleibt das alte Rom, welches ein Jeder, der es einmal voll
und ganz erfaßt hat, als das ,ewige Rom im Herzen trägt,
als den Ort, nach welchem man die Sehnsucht niemals los
wird, der Ort, nach dem es uns hinzieht und hinzieht, auch

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wenn wir nicht danach verlangen, uns den Segen des Papstes
ertheilen zu lassen.
Der und jener meiner Freunde hat mich, seit ich hierher-
gegangen bin, wohl gefragt, was es denn sei, das auch mich
immer wieder nach Rom ziehe und mich aufls Neue so
unwiderstehlich an Rom fessele, daß ich jezt kaum daran denken
mag, wie ich es einmal wieder verlassen werde? Ich soll. sagen,
ob es das Klima, ob es die Schönheit des Landes, ob es die
Kunstwerke, die hiesige Gesellschaft, oder was überhaupt es sei,
das Rom so anziehend und so bindend mache? Darauf aber
ist mit wenig Worten die Antwort nicht zu geben, und ich habe
im Grunde nur zu wiederholen, was ich an verschiedenen
Stellen des von Stahr und mir geschriebenen ,Ein Winter
in Romr über diese Dinge ausgesprochen habe.
Ja, das Klima von Rom - mehr als bedenklich für den
Leidenden - ist für den leidlich gesunden Menschen mit Aus-
nahme der eigentlichen Sommermonate ein sehr erwünschtes,
wenn man sich seinen Bedingungen anpaßt, wie die Römer
selbst es thun. Wir haben die fünf Wochen hindurch fort-
dauernd schönes Sommerwetter, kaum fünf Tage mit leichtem
sciroccosem Regen gehabt, und immer noch 1 bis 1 Grad
Wärme in meinen gegen Süden gelegenen Zimmern. Dazu
ist die Gegend von der höchsten Anmuth, lieblich und groß-
artig zugleich. Das gesellige Leben ist bequem. Es ist unter-
haltend durch den großen Zusammenfluß von Fremden aus
allen Gegenden der Welt, und es ist jetzt offenbar bedeutender
geworden als vordem, da Rom jetzt eine feststehende bürger-
liche Beamtenwelt und eine Gesellschaft aus den gelehrten
Ständen bekommen hat, die ihm früher fehlten. Die hiesigen
Kunstschätze sind eine ganz unerschöpfliche Quelle des Genusses.
Die großartigen Bauwerke aus den verschiedensten Zeitaltern
geben unablässig neuen Anlaß zum Bewundern, zum Erstaunen.

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Dieses Alles jedoch, so wesentlich mitwirkend es ist, würde allein
nicht hinreichen, Rom zu dem zu machen, was es ist, ohne den
großen geschichtlichen Hintergrund, ohne - wie ich selber es
vor Jahren schon bezeichnet habe - die weltgeschichtliche Per-
spektive, welche sich hier überall vor uns aufthut und die uns,
eben weil wir in ihr weit mehr umfassen, als es uns zu thun
sonst irgendwo vergönnt ist, für Augenblicke ein Gefühl von
Unendlichkeit, von Allwissenheit verleiht.
Dabei hört bis zu einem gewissen Grade das Erwägen
des Kleinen, des Einzelnen auf. Man komnt dahin, große
Zeiträume, gewaltige einander ablösende Ereignisse gleichsam
summarisch zu erfassen und zu überschauen. Man lernt in
dem Wechsel der Zustände ein Dauerndes, ein Fortwirkendes
erkennen. Man hat hier das Werden, das Vergehen und das
Neuwerden schichtenweise abgelagert vor seinen Augen; und
es ziehen damit in die Seele eines Jeden, der die nothwendige
Vorbedingung für Rom, einen historisch gebildeten Sinn, mit-
bringt, ein Gleichmuth und eine Ruhe ein, die man sich immer
zu empfinden wünschen muß. Ich bin fern von Rom sehr
glücklichgewesen, aber dieinsichvollkommenberuhigteStimmung,
die Rom in mir stets hervorgerufen hat, habe ich nirgend sonst
gefühlt. Und nicht mir allein ist es also ergangen.
Man hat oft davon gesprochen, daß selbst in dem Leben
eines Goethe der Aufenthalt in Rom zu einem seine ganze
spätere Entwickelung bestimmenden Abschnitt geworden sei -
und das ist sehr erklärlich. Rom macht, wenn ich den Ausdruck
brauchen darf, das Auge des Geistes fernsichtig. Es bringt
den Menschen dahin, das Kleinste, das er betrachtet, mit dem
großen Ganzen im Zusammenhang zu denken, und während
er es eben deshalb nach Gebühr würdigen lernt, es doch nicht
zu überschätzen. Dies gilt von den Werken des Menschen wie
von den Thaten desselben; von dem aber, was man jetzt mit

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dem Namen der politischen Vorgänge bezeichnet, zu allermeist.
Welche Schlachten ind hier geschlagen, welche die Welt umge-
staltende Ereignisse hier vorbereitet und zum Austrag gebracht
worden, ,und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut'! Man
hat sich dem gegenüber in der That dagegen zu wehren, nicht
gleichgültig gegen die Vorgänge und Kämpfe des Tages zu
werden, nicht den Ausspruch Alexander's l. von Rußland
über Napoleon: za'est un torrent gn'il laut laisser passerf,
auf Alles anzuwenden, was in dem Augenblick die Zeit und
die Geister bewegt, und von allem Vergänglichen absehend, sich
ausschließlich demjenigen zuzuwenden, was man in dem all-
gemeinen Vergänglichen relativ als das Dauernde bezeichnen
kann. Naturen, die nicht auf den Kampf angelegt, die zum
betrachtenden Genießen, zum stillen Schaffen des Schönen an-
gelegt sind, laufen in Rom sicherlich die Gefahr, sich von dem
Leben des Tages, von den Vorgängen in der Gegenwart acht-
los abzuwenden, sich in die Vergangenheit zu versenken, in
die Zukunft hinauszuschauen und es mit einer Art von Be-
fremdung zu gewahren, wie es Menschen gibt, die sich der
unruhigen, mühevollen und oft undankbaren Arbeit unterziehen
mögen, das aus der Vergangenheit unbrauchbar Gewordene zu
zerstören, und Neues, Brauchbares für die Zukunft auf und
aus den Trümmern aufzurichten. Glücklicher Weise aber finden
sich solcher mit energischer Entschlossenheit auf das Nchste ge-
stellter Arbeiter auch in Jtalien die Menge; und es ist ganz
uwwerkennbar, daß Vieles sich hier in Rom neben dem alten,
erhabenen Bleibenden sehr entschieden zum Besseren ver-
ändert hat.
Hält man sich zunächst an das ganz Aeußerliche, so ist
Rom eine reinliche Stadt geworden, und sie hat das bei der
Fülle des Wassers, die sie als ein unschätzbares Erbe aus der
Vergangenheit besitzt, weit leichter als irgend eine andere mir

== ßg, =
bekannte Stadt. Die Häuser in den belebten Straßen sind
sauberer gehalten, was allmählich in die entlegeneren Stadt-
theile nachzuwirken nicht verfehlen kann. Die Stadt ist viel
besser erleuchtet als vor elf Jahren, und die große Zahl elend
und zerlumpt gekleideter, ja, zum Theil kaum bekleideter
Menschen, die uns damals hier erschreckte, ist nicht mehr vor-
handen. Freilich wollen die Anhänger des früheren Regiments
behaupten, daß die Noth im Volke jetzt weit größer sei als
früher, daß man die Armuth nur verhindere, an das Licht zu
kommen. Das sind aber Redensarten und Nichts mehr. Keine
Regierung der Welt kant es hindern, daß die Frauen und
Männer und Kinder auf die Straße gehen, die Besorgungen
für das tägliche Leben zu machen; und in diesen fünf Wochen
habe ich nicht so viel schlechtgekleidete Menschen gesehen, als
dazumal an einem Tage.
Auch kann es bei der großen Menge von Bauten und von
öffentlichen Arbeiten, die man hier ausführen sieht, an lohnender
Beschäftigung schwerlich fehlen. Ein ganzes neues Stadtviertel,
man könnte sagen eine neue Stadt, entsteht in dem nordöstlichen
Theile von Rom, auf dem Boden der ehemals den Jesuiten
gehörenden großen Vigne Macao, im Bereich der Thermen
des Diocletian und zwischen St. Maria Maggiore und dem
Lateran; und da die hier angesiedelten Piemontesen und Neu-
Jtaliener von ihren Gegnern mit dem Spottnamen der bureuri
bezeichnet werden, so nennen dieselben denn auch das neue
Stadtviertel mit gleichem Spotte Burnurogolis. Dieses Stadt-
viertel bekommt oder hat sehr weite Plätze, sehr breite Straßen,
die, soweit sie fertig oder in der Anlage begriffen sind, für
mein Auge von den Reubauten in aller Herren Länder sich
nicht unterscheiden, und gleich vielen dieser neuen Straßen und
Plätze förmlich nach baldmöglichster Bepflanzung mit Bäumen
zu flehen scheinen, um ihrer Oede abzuhelfen. Große historische

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Namen, Erinnerungen an große Ereignisse bilden die Straßen-
bezeichnungen: Piaza dell' Indipendenza, Via Manzoni, Via
San Martino, Via Nazionale, Via Solferino, Via Cavour
steht es in der Neustadt an den Straßenecken zu lesen. Auch
in der innern Stadt sind die oft so nichtssagenden und häß-
lichen Namen der Straßen jetzt verändert worden, was sich
aber mitunter komisch und gelegentlich auch geschmacklos aus-
nimmt, wenn der große Name der gar zu jämmerlichen Gasse
in keiner Art entspricht. Indeß nicht nur neue Stadtviertel
werden errichtet, es wird auch in den alten Stadttheilen viel
gebessert, namentlich eine ganz unerläßlich nothwendige Ver-
breiterung des Corso ist beabsichtigt, und es hat mich neulich
sehr unterhalten, die Verhandlungen in den Zeitungen zu lesen,
welche von Seiten der Stadtbehörden geplant und von ihnen
gefordertwerden. Neue Brückenbauten, DurchbrüchevonStraßen
sind im Werke. In den Vorstädten sollen die hohen Mauern
allmählich niedriger gemacht werden, welche die Villen, Vignen,
Mazzarien einschließend, dem Auge den freundlichen Einblick
in dieselben, der Luft den erfrischenden Durchzug entziehen,
und kein Tag vergeht, ohne daß man mit lobenswerther Acht-
samkeit die Behörden in den Zeitungen auf Sünden gegen die
Reinlichkeit aufmerksam macht, wo sie sich zeigen.
Daß man mit den Neubauten im Nordosten allmählich
die Trümmer der Diocletians-Thermen vollkommen fort-
räumen wird, ist gewiß. Aber schon bei den bisherigen
Grundlegungen ist man, wie ich höre, unter den Fundamenten
der Diocletians -Thermen auf andere Mauerwerke gestoßen,
die wahrscheinlich auch Thermen gewesen sein sollen, und
was diese ersten Thermen sich von dem Zeitalter des Diocle-
tian geschehen lassen mußten, das werden die Diolectians-
Thermen sich mit Naturnothwendigkeit von dem Zeitalter,
das die Eisenbahnen, die Telegraphie, und nun vollends zu

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allerseitiger Erleichterung und Beunruhigung gar noch die
Thelephonieerfunden und entdeckt hat, eben so gefallen lassen
müssen.
Glücklicher Weise aber wird man von den Wandlungen,
die sich jetzt in baulicher Hinsicht in Rom vollziehen, in dem
alten unerfaßbaren Durcheinander das wir Romn nennen und
als das alte Rom lieben, mit all seinen Unzuträglichkeiten
dennoch lieben, nichts Störsames gewahr.
Man hat eine große Straße hinuntergebahnt vom
Quirinal zum Korso. Wer merkt das, wenn er sie nicht
gerade geht? Und ist sie ihm, wenn er sie geht, eine Ver-
kürzung des Weges -- um so besser! Man zieht an einer
Stelle des Korso, gegen den Palazzo Venezia hin, bei einem
nöthigen Umbau die Vorderwand des Hauses beträchtlich
zurück. Daß muß Jeder heilsam nennen, denn das Gewirr
der Wagen ist in der engen Straße wirklich oft bedenklich.
Auf Piazza San Silvestro hat man das alte Nomnenkloster
niedergerissen, aus dem seiner Zeit, als Garibaldi dort sein
Hauptquartier gehabt, sechs Nonnen mit sechs Kanarienvögeln
und sechs Katzen ihren Auszug gehalten haben. Aber wer
beachtete je im Vorübergehen das alte Kloster, das mit seinen
grauen Mauern, wie so viele andere graue Mauern, schwei-
gend dalag?
Es ist eben noch Rom! Mag die Straße, die an der
Aqua Felice vorüber nach Porto Pia leitet, wie früher Via
di Porta Pia, oder wie jezt Via del W Settembre heißen,
es ist eben die Via di Porta Pia, die hinausführt zwischen
den langen hohen Mauern all. der Vignen und Villen, über
welche die Cypressen und die Pinien hervorragen, über denen
die jetzt reifen Früchte der Orangen- und Eitronenbäume
goldig niederhängen und an deren Ende das Gebirge uns
auch noch in dieser Zeit des Jahres in die Ferne lockt. Es