Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 10

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ist noch immer Rom. Aber heut richtet man nicht weit von
seinen Gränzen zu Mentana das Denkmal für die Söhne
Jtaliens auf, die dort vor zehn Jahren für die Freiheit und
die Einigung ihres Vaterlandes ihr Blut. vergossen, ihr
Leben gelassen haben.
Schon gestern sah man Fahnen tragen und viel Leben
in den Straßen; und auch das Leben in den Straßen hat
seinen eigentlichen alten Charakter noch bewahrt, obschon es
sich geändert, doch nicht zu seinem Nachtheil verändert hat.
Indeß davon erst in meinem nächsten Briefe.
Zeünter Irief.
Einst und jeh t
Rom, l?ts! Kolaro,1. Dezember 187.
Wer weiß es nicht, daß der Spanische Platz in Rom mit-
ten in dem sogenannten Fremdenviertel gelegen ist? Wenn
man, vom Korso kommend, die Via Condotti hinan geht,
langt man grades Wegs auf dem Spanischen Plaz an, und steht
vor dem Springbrunnen, der sich aus einem steinernen Kahne,
aus der Navicella, in mäßiger Höhe, aber wie überall' in Rom,
in reicher Wasserfülle erhebt, während man an der entgegen-
gesettten Seite des Platzes die majestätische doppelarmige
Spanische Treppe vor sich hat, die, in breiten Terrassen empor
steigend, bis zu dem Platze hinaufleitet, auf welchem oben
auf der Höhe des Monte Pincio die große, dem französischen
Nomnenkloster gehörige Kirche von Trinitä di Monte gelegen
ist. Eine ganze Fülle von Schönheit und Herrlichkeit wird
für den, der einmal an jener Stelle gestanden, mit diesen
bloßen Ortsbezeichnungen lebendig; eine Fülle von Sehnsucht
F. Le wald, Reisebriee.

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für jene Andern, denen nur die Namen vertraut das Ohr
berühren. Aber wer in jetziger Zeit über den Spanischen
Platz geht, der wird noch weit mehr als in vergangenen
Tagen davon zu sagen wissen, wie schwer es ist, ihn zu über-
schreiten, ohne auf demselben einen kleinen Einkauf gemacht,
ohne einige Soldi ausgegeben zu haben und dafür irgend ein
Etwas in der Hand zu halten, das man eigentlich durchaus
nicht braucht und das man eigentlich gar nicht haben wollte,
wenn es nicht gerade Blumen sind, die man gekauft hat, und
die nicht haben zu wollen, man eben ein Barbar sein müßte.
Rom ist bis jetzt von Fremden noch immer leer. Man
sagt, die Fremdenzeit beschränkte sich jetzt auf die drei ersten
Monate des Jahres, Rom sei allmählich auch nur ein Ort
für Durchreisende geworden, wie die anderen Städte Jtaliens,
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Wer nach Jtalien reiste, trachtete die Alpenpässe zu über-
schreiten, ehe der Schnee und die Kälte sie unbeauem machten,
und man hütete sich, über die Alpen nach Norden zurückzu-
kehren, ehe die Wasser des Frühlings sich verlaufen hatten.
Man ging mit der ernsten Absicht eines langen Verweilens
nach Jtalien, man ließ sich in Rom für den ganzen Winter
häuslich nieder. Man hatte eine für fünf, sechs Monate fest-
stehende Fremden-Gesellschaft, man lebte sich fest mit einander
ein und schied in der Regel von Rom, wie man meist vom
Leben scheidet, mit dem schmerzlichen Bewußtsein, bei allem
guten Willen mit seiner Aufgabe nicht fertig geworden zu sein.
Man mußte sich damals sein Wissen von den Dingen auch !
noch ziemlich mühselig selber zusammensuchen. Das Umhertrei-
ben in den Straßen und auf den Plätzen war aber leichter und
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Rom war damals eigentlich eine stille Stadt zu nennen.
Rechnete man die wenigen Stunden ab, in welchen auf dem
Corso oder auf der Passeggiata des Monte Pincio svazieren
gegangen oder gefahren wurde, so traf man wenig Leben und
Bewegung in den Straßen. Die schweren, reich verzierten
großen Kutschwagen der Kardinäle mit dem rothen Feder-
schmuck ihrer wohlgefütterten Rappen, mit den dicken Kutschern
und den hintenaufstehenden drei Bedienten, die Heilbutt in
seinen Bildern so ergötlich dargestellt und damit lebendig er-
halten hat, fuhren in gemessenem Schritt über die Höhen und
durch die Straßen. Miethswagen auf den öffentlichen Plätzen
waren in schr geringer Zahl vorhanden. Dann und wann am
Tage fuhr ein Omnibus nach S. Paolo fuori le Mura hin-
aus. Handel und Gewerbe machten sich wenig sichtbar. Von
den päpstlichen Truppen kam auch nicht viel zum Vorschein
im Innern der Stadt; aber vor den Häusern saßen die römi-
schen Matronen und römischen Mädchen Abends auf der Thür-
schwelle und kämmten einander das herrliche schwarze Haar.
Die rothen Flanelljacken, der seidene Busto, das weiße,
hinten am Halse zurückgestochene Halstuch, das auch in den
scharfen Wintertagen die schönen braunen Racken freiließ, be-
kam man eben so wie den silbernen Kamm und die silberne
Haarnadel noch überall zu sehen, am Brunnen wie in der
Kirche, auf der Passeggiata wie auf der Piazza Montanara
am kleinen Tisch des Serirano gablieo, des allgemeinen Brief-
schreibers. Spät an schönen Abenden schlenderten die jungen
Männer, die Montangaren und die Minenten von Trastevere,
in dem kleidsamen blauen Beinkleid, die lose Jacke über die
Schulter geschlagen, den spizen Filzhut, den VComo ei gsro auf
dem Scheitel, singend, die Mandoline, die Flöte und die
Guitarre spielend, leichten Schrittes durch die stillen nächtlichen
Straßen; während Winters in dem Morgengrauen schon die

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Pfeife und der Dudelsack und der Gesang der Pifferari hörbar
wurden, die, von einem Madonnenbilde zu dem andern ziehend,
das Herannahen der Weihnachtszeit verkündeten.
Von dem Allem war schon vor eilf Jahren, als die
französischen Zuaven das Regiment des Papstes hier noch
unterstützten und aufrecht hielten, viel. verloren gegangen, und
jetzt ist noch weit weniger davon übrig geblieben. Indeß es
ist doch immer noch ein Rest davon vorhanden.
Rom ist mit seinen 0 000 Einwohnern eine sehr lebens-
volle Stadt geworden, und die große Enge, die Winkligkeit
der Straßen, die sich im Innern der Stadt fast mäandrisch
durcheinander schlingen, macht, daß die Stadt eben in ihren
mittleren Theilen noch weit volkreicher erscheint, als es in
gleich weitem Umkreise und bei gleicher Menschenzahl in einer
besser gebauten Stadt der Fall sein würde. Dazu ist der
Kleinhandel hier in hohem Grade üblich. Jung und Alt,
Mann und Weib bieten ihre Schätze schreiend an und aus,
und zwar in langen, kadenzirten Sätzen, die sich in den ab-
sonderlichsten, meist sehr häßlichen Formen bewegen. Bis-
weilen wechseln sie mit einander ab, dann überschreien sie
einander nach Kräften; und was die rauhen römischen
Stimmen, wahre Stentorstimmen, in diesem Fache an Beharrlich-
keit zu leisten vermögen, das setzt mich täglich in Erstaunen, von
Morgens sechs Ühr bis nach zehn Uhr Abends. Und nicht
allein die Menschen schreien, die Thiere, vor Allen die sonst
so geduldigen Esel stehen ihnen darin bei, während über all
den Spektakel hinweg, hoch über unsern Häuptern, die Glocken
der zahllosen Kirchen ihr klingendes Spiel in den Lüften er-
schallen lassen. Aber in all dem Gelärm fehlt mir ein Klang,
der mir so lieb, der so ganz römisch war und den gewiß alle
diejenigen vermissen, die ihn sonst gehört hatten: es sind keine

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Pifferari mehr in Rom! und auch die Drehorgeln habe ich
noch nicht gehört wie sonst.
Die Regierung duldet die Pifferari nicht, ohne daß ich
erfahren kann, wodurch die ergötzlichen Schelme ihre Ver-
bannung verschuldet haben, die mir in allen Ecken und zu
allen Stunden fehlen, und von denen erweckt zu werden lieb-
lich war. Jett weckt statt ihrer mich ein Esel mit der fürchter-
lichen Regelmäßigkeit eines unfehlbaren Chronometers punkt
fünfeinhalb Ühr, der wahrscheinlich an einem Milchkarren
oder an einem ähnlichen Institut seinen Posten hat. Eine
Viertelstunde später schallen drei schwere Glockenschläge von
San Guiseppe Capo le Case zu mir herüber, sechs mattere
Schläge folgen. Dann hebt auch oben im Kapuzinerkloster,
wo der Ordensgeneral seinen Sitz hat, und im Kloster auf
Trinit di Monte und in San Andrea delle Fratte das Läuten
an, und nun tönt und tönt es weiter, bis sich das Klingen
wie Bienengesumme durch die ganze Luft verbreitet und man,
wenn man Glück hat, wieder einschläft, um nach einer oder
zwei Stunden später durch das Schreien der Zeitungsverkäufer
alles Ernstes für das Tagewerk geweckt zu werden. Danach
wirds nicht wieder still bis gegen Mitternacht. Ja, noch über
diese hinaus hört man die zwei, drei, vier gewaltigen Schläge,
welche die nachtschwärmenden Bewohner gegen die Hausthüren
führen, um sich zu den verschiedenen Stockwerken der im
Innern fast nirgend erleuchteten, meist ganz finstern Häuser
den Einlaß und Licht für das Ersteigen der Treppen zu er-
klopfen. Rom ist viel lauter als Berlin geworden. Aber,
obschon die Straßen reinlich gehalten werden - die Segnungen
der Eivilisation, ordentliche Wohnhäuser, reinliche Treppen
mit Geländer, Hausklingeln und vollends Gasbeleuchtung
in den Häusern fehlen Rom auch heute noch! Elende
Stalllaternen, die an dünnen Stricken von den Decken

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niederhängen und immer wieder gestohlen werden, sind auch
heute in den Fremdenwohnungen noch ein Luxus, wenn man
sehr vereinzelte Fälle abrechnet, in denen es etwas besser ist.
Und es ist die Unreinlichkeit der meisten Privathäuser, die
mich bestimmt hat, den Winter in dem vortrefflich gehaltenen
Gasthofe zu verweilen.
Von der Volkstracht keine Spur mehr in dem Volke
selber. Sogar der Carretiere, der auf seinem überdachten
Wagen seine Weinfässer von den Kastellen nach wie vor zur
Stadt bringt, hat ein Ding an, das einmal ein Paletot gewesen
ist, hat einen Hut vom Trödler auf dem Kopfe. Nur sein
Svitz läßt sich noch sein altes Fell gefallen, und bisweilen
hat der dienende Junge die haarigen Ziegenfelle zum Schutz
der Beine noch behalten. Dafür aber putzen die begüterten
Römerinnen ihre Ammen und Wärterinnen in den reichsten
Albaneser- und sonstigen Kostümen aus, und auf der Spanischen
Treppe so wie oben an der Ecke auf dem Wege nach der
Porta Pinciana und vor einer der Kirchen in der Via Sistina
kann man oft Gruppen von zehn, zwölf Modellen jedes Alters
und von beiden Geschlechtern auf den Stufen und auf den
Ecksteinen sitzen und herumliegen sehen. Aber - die Kultur
hat auch sie beleckt. Sie sind Statisten und nichts weiter.
Nuols la mis kotogratia? rief mir neulich ein bildschöner
zwölfjähriger Junge nach, und hielt mir seiner Bildnisse ein
ganzes Pack vor Augen. Die Frauenzimmer haben zu frieren
gelernt, woran sie früher niemals dachten. Sie haben, was
ihnen gewiß sehr heilsam ist, aber sehr komisch aussieht, bei
schlechtem Wetter schottische Plaids und alte Shawls um;
und neulich fand ich ein hübsches aber nicht mehr ganz junges
Modellmädchen oben an der Ecke der Via Sistina so tief ins
Lesen versunken, daß es die Augen nicht erhob, obschon ich
dicht an ihm vorüberging. Wenn Ernst Meier, wenn einer

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der alten Römer, einer von denen, die schon die Alten waren,
da wir Rom als Neulinge betraten, wiederkommen könnte!
Ein lesendes Model! Seinen Augen würde er nicht trauen.
Nolö? Wollen Sie? Das ist die eigentliche Parole des
hiesigen, doch immer noch bunten und den Nordländer erfreulich
überraschenden Straßenlebens. Nuole? rufen die an allen Ecken
und Plätzen zahlreich vorhandenen Kutscher, die mit unfehlbarer
Sicherheit den Fremden augenblicklich erkennen, während sie
von rechts und links, ohne die Antwort abzuwarten, die
Peitsche als Signal emporhebend, rasch auf uns zufahren und
beängstigend dicht vor uns umwenden, wenn wir sie abwehrend
von uns weisen.
Nols? ruft auf dem Spanischen Plate der Bursche, der
eine Reihe kolorirter Ansichten von Rom, den Papst immer
an der Spitze derselben, wie eine Fahne vor uns niederschießen
läßt! ?udls? fragt sein Nachbar, der Zündhölzchen zu verkaufen
hat. Naolö? lächelt der alte Jude, der Couverts und Schreib-
papier feilbietet. Nuols bei wanarini? (ein Dutzend für
4 deutsche Pfenniges kort iv eas! hIch bringe sie Ihnen in
das Haus. uols Aälm! fragen die Krämer mit ihren
offenen Kasten voll Mosaiken, Gemmen und Korallen geringer
Art. ?uols Aläüm! und auf dieses Klüäln legen sie, als
müsse es uns ein heimisch verlockender Klang sein, einen
besonderen Werth und einen' bewunderungswerthen englischen
Akzent. Nols Ulälmu! Ras! Nls! desgols! darnisse! Gelso-
wins! Nols Reseäla? =- Ganz große Päcke für wenig Groschen!
Ja, das ist der schwache Punkt!
Du stehst vor diesen Blumen auf dem Spanischen Platz
immer wie Zerline im Don Juan! pflegte Stahr oft im Scherz
zu mir zu sagen: Lorrei s non worrei! (Ich möchte und möchte
nicht, wenn seine Güte mit der Ausgabe von einigen Soldi
meinen täglichen ökonomischen Bedenken ein rasches Ende machte.

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Aber es ist ja für einen Nordländer auch gar nicht möglich,
nicht zu wollen und nicht zu kaufen, wenn man ihm mitten
im Dezember in goldenem Sonnenschein diese Fülle von
Farben, diese Fülle von Duft entgegenbringt. Also das
schmutzige Papiergeld - es gibt Scheine von O0 deutschen
Pfennigen - und das noch schmutzigere Kupfer, für das ich
mir einen eigenen Beutel zur Schonung meines Portemonnaies
genäht habe, nur rasch hervor und Blumen in das Haus!
Und uols? rufen auch heute noch wie vor dreißig Jahren
der Fruchtverkäufer und die Gemüseverkäuferin, der Fruttajole
und die Erbajola, vor ihren offenen Läden, wenn sie, den
feuerentfachenden Flederwisch in Händen, die Broccoli sieden,
die Kastanien rösten, während die Granatäpfel in Viertheile
aufgeschnitten, die Apfelsinen, die Birnen, die Aepfel neben
den weichen Sorben von Neapel in den Körben liegen, und
die Trauben, die Cerase Marina, die kleinen neapolitanischen
Tomaten, mit Käsen, mit Würsten, mit Geflügel und mit
allen möglichen andern Eßwürdigkeiten untermischt, anSchnüren,
in langen Bündeln und Festons unter der Thürbrüstung, über
den Fässern voll. Häringen und Sardinen niederhängen.
Inzwischen hört man das Pfeifen von der Eisenbahn. Von
allen Ecken fahren die Omnibusse, die Wagen zur Station
hinauf. Ich zählte neulich elf Omnibusse in wenig Augenblicken
auf der Piazza Barberina. Durch die sonst so stille Via di
Tritone jagt es hinauf über den Barberinischen Plat nach
den Thermen des Diocletian zum Bahnhof; während unter-
halb des Plates, vom Luirinal kommend, Victor Emanuel,
der König von Jtalien, in schlichtem zweispännigem Wagen,
er und sein Adjutant beide in bürgerlicher Kleidung, nach der
Promenade auf den Pincio fährt. Helle Militärmusik, die
dort wie früher von bis z Ühr täglich sich vernehmen läßt,
tönt durch die Luft. Die blau und gelben Federn auf den