Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 11

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Hüten der Bersaglieri, der Gebirgsschüten, flattern im leichten
Winde. Hübsche Uniformen, glänzende Offiziere, Wagen,
Reiter, Geistliche aller Orden, Jesuiten mit ihren Schülern,
aber auch viele Lehrer und Lehrerinnen weltlicher Lehranstalten,
die es früher hier nicht gab, ziehen an einander mit ihren Zdgs
lingen zwischen der römischen Gesellschaft und der Fremdenwelt
einher; und da unten liegt der Vatikan wie sonst, da unten
hebt sich die Kuppel der Peterskirche wie sonst gegen den blauen
sonnendurchglühten Himmel empor. Was mag man da drüben
wohl denken, planen, hoffen? fragt man sich. Was wird noch
alles vorüberziehen an dem stolzen Riesenbau dort drüben?
Aber es ist spät und mein Brief ist lang geworden.
LJtalie! ruft eine Stimme aus. Il Corriere! La Capitale!
Fanfulla! LIndipendenza! tönt es von hier und dort. Vor
elf Jahren hatte Rom nur zwei Zeitungen, wenn ich mich nicht
irre. Rauhes, unmelodisches Singen, um es mit einem sehr
unverdienten Euphemismus zu bezeichnen, klingt dazwischen.
Die Tage der Mandolinen und der Ritornells sind wohl vorbei
für Rom. Nur deutsche Männer habe ich hier neulich ein hübsches
Ständchen einer deutschen Familie bringen hören. Aber trotzdem
und alledem ist Rom doch Rom und wird es ewig, ewig bleiben!
Der
Elster Vries.
Tod Vicor Emanuels.
Rom, Atsl Kolsro, B. Januar. -
Eben jett, am Bten Januar, da ich mich hinsetze, Ihnen mit
den besten Grüßen und Wünschen in diesem Jahre den ersten
Brief gen Norden zu senden, bricht durch das leichte Gewölk,
welches den Himmel heute bisher bedeckte, die Sonne plötzlich

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hervor. Möge ihr helles Glänzen uns und allen, welche diese
Briefe lesen, eine gute Vorbedeutung sein. Es hieße ja von
den Neberlieferungen des Bodens abfallen, auf welchem wir
uns hier befinden, wenn man nicht an Vorbedeutungen glauben
wollte und an Zeichen! Und warum auch nicht, sofern sie uns
erfreuen?
Im Grunde stehen wir doch alle an des Reujahrs Pforte,
wie die Kinder vor der verschlossenen Thüre des Gemaches,
hinter welcher sie die Herrlichkeit des Weihnachtsbaumes er-
warten; nur daß wir uns nicht mehr wie die Kinder sicher
fühlen, unser Wünschen und Hoffen erfüllt zu sehen. Und
doch hoffen wir! Ja, der Mensch mnuuß nothwendig auf Etwas
hoffen, selbst wenn er, zu wünschen aufhörend, nicht mehr
weiß, worauf er eigentlich hofft. Und selbst ,noch am Grabe
pflanzt er die Hoffnung aufr
Jch betreffe mich manchmal darauf, wenn ich hier durch
die Straßen und vor die Thore hinausfahre, daß ich im tiefsten
Innern den Gedanken hege: jetzt werde plötzlich irgend Jemand
kommen, den zu treffen mir eine große Freude bereiten werde;
oder ich werde unerwartet Etwas erblicken, das zu sehen mir
ein ganz besonderes Vergnügen gewähren werde. Aber es
kommt natürlich keins von beiden. Es sind das Augenblicke,
in welchen das Freudebedürfniß der Jugend und die Resignation
des Alters in uns gleichzeitig und ganz wunderbar lebendig
sind, so daß man es mit Neberraschung wahrnimmt, wie in
unserem Wesen und in unserem Leben die Gegensätze anein-
anderstoßen.
Donnerstag, den 9ten Januar, Nachmittags 5 Ühr. =- Das
Blatt war liegen geblieben - und heute? -- Der Wunsch
guter Vorbedeutung hat sich nicht erfüllt. Das Land, in welchem
wir verweilen, ist in die tiefste Trauer versetzt worden -
Victor Emanuel ist todt.

==- J0? -
Am verwichenen Freitag, als wir um vier Uhr von der
Passeggiata heimkehrten, fuhr er im offenen zweispännigen
Wagen mit seinem Adjutanten dicht neben uns durch die eiserne
Gitterpforte an der Vila Medici. Er sah wie die Gesundheit
selber aus. Eine ältere Dame mit einem jungen Mädchen,
ihrer Erscheinung nach den gebildeten Ständen angehörend,
trat an den Wagen heran, das Mädchen überreichte einen
Brief, der König nahm ihn selber ab. Als die Kutsche dann
nach dem Umbiegen wieder an uns vorbei kam, hielt er den-
selben geöffnet in der Hand und las ihn.
Am folgenden Tage schon hörte man, der König, der eben
von Turin gekommen, wo seine Gemahlin schwer daniederlag
und wohin er eben deshalb zurückzukehren gedachte, sei selber
ernstlich erkrankt. Aber obschon die Berichte sich mit jedem Tage
beunruhigender gestalteten - man hoffte doch, die starke Natur
des Königs werde den Sieg davon tragen. - Man hoffte,
was man wünschte.
Heute war ein trüber Tag, einer jener Tage, in denen
ein langwährender Scirocco in Tramontane übersetzen will. und
bei denen die kalte Feuchtigkeit unangenehm emwpfindlich ist.
Es war ein Gewitter gewesen, hatte geregnet, gehagelt. Es
waren wenig Leute hier oben auf der Straße. Ich kam um
drei Ühr aus dem Hause. Wenig Schritte von demselben traf
ich einen schon langeuin Jtalien ansäßigen Engländer mit
seiner in Jtalien geborenen Tochter. Er sah sehr traurig aus,
das junge Mädchen schwamm in Thränen.
,Vor einer Viertelstunde ist der König gestorben!'! sagte
er mir, ,ich will nach Hause, es erschüttert mich aufs tiefster
-- Es fiel auch mir aufs Herz.
Rasch tritt der Tod den Menschen an!
singen die Mönche im Wilhelm Tell. Und das schwer lastende

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schmerzlich bange Gefühl, das den Einzelnen in einem Hause
überfällt, in welchem ein Menschenleben erloschen ist, lagerte
sich mit gesteigerter Gewalt über die Stadt und über das
Land, das in seinem Könige den Mann verloren hat, unter
dessen entschlossener Führung es sich aus der Zerstückelung zur
Einheit, aus der Ohnmacht zur Kraft, aus der Gewalt der
Fremdherrschaft zur Selbständigkeit herausgearbeitet, und be-
gonnen hat, sich auch aus der geistigen Knechtschaft zu befreien,
in welcher es seit Jahrhunderten mehr und mehr die Errungen-
schaften seiner großen RenaissanceZeit hat einbüßen müssen.
Mein Weg führte mich in die Stadt hinunter, ich traf
verschiedene Bekannte. Alle hatten das Wort auf den Lippen:
der König ist todt! Alle bedauerten seinen frühen Hingang.
Selbst ein entschiedener Gegner der jetzigen Zustände, ein un-
bedingter Anhänger des Papstes und der weltlichen Herrschaft
desselben, sagte: ,Der Papst wird das Ende des Königs be-
dauern. Es war nicht Victor Emanuel's Wille, der dem
Papste anthat, was. ihm geschehen ist. Der König fügte sich
einer ihm hart fallenden Nothwendigkeit, und der Papst hat
ihm gestern seinen Almosenier geschickt, ihm seine Vergebung
zu verkünden. Er war ein guter Katholik und ist gestorben
wie ein solcher!r
Wenn das wahr ist, und Viele behaupten, daß es wahr
sei, um so größer das Verdienst des Königs, daß er sich zum
Vollbringer dessen machte, was Jtalien bedurfte, daß er den
Willen des Volkes, das Verlangen der Gesammtheit höher
achtete, als sein eigenes Wünschen, als seine persönliche
Meinung; daß er sich, wie unser alter Friy, als den ersten
Diener des Staates, und, wie unser Kaiser Wilhelm, als die
Wacht betrachtet, die das ihm anvertraute Schützeramt mit
nicht wankender Treue und auch mit Selbstverleugnung übt.

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Man muß es mit erlebt haben, als Augenzeuge es erlebt
haben, was Jtalien vor einem Menschenalter war; man muß
die erschreckende Unwissenheit der unteren Volksklassen in
Genua vor dreißig Jahren beobachtet, man muß das bleierne,
angstvolle Schweigen, das scheue Mißtrauen gekannt haben,
das damals auf der Lombardei lastete; man muß die Ver-
zweiflung im Stillen haben knirschen hören, mit welcher man
1846 hier in Rom in den Zeitungen von den Hinrichtungen
in der Romagna, von den Hinrichtungen der beiden Brüder
Baniera, die Kunde las, um zu wissen, welche Erinnerungen
der Tod Victor Emanuel's in den Herzen der Jtaliener wach-
ruft, um zu begreifen, wie wahr die Worte des tiefsten
Schmerzes sind, in denen heute die Zeitungen dem Empfinden
des Volkes Ausdruck geben, das erst unter diesem Könige
wieder zu einem selbstherrlichen Volke geworden ist. Man
muß die Männer, die unter ihm gekämpft haben, erzählen
hören, wie er sich rückhaltslos in den Schlachten preisgegeben,
um zu verstehen, wie man ihn den besten Jtaliener heißen
konnte.
Als am Tage von San Martino - so erzählte uns ein-
mal ein Augenzeuge - die Position kaum haltbar schien und
alles von dem Besitze San Martinos abhing, setzte der König
sich selber an die Spitze der stürmenden Kolonnen und rief
den Truppen lachend in piemontesischem Dialekt die Worte
zu: ,Jungens! wenn wir nicht San Martino nehmen, werden
sie uns San Martino machen !'' und man erzwang den Sieg.
Der Martinstag ist eine der Ziehzeiten in Jtalien, in denen
zahlungsunfähigen Miethern, wie überall, ein kurzer Prozeß
gemacht und sie hinausgeworfen werden.
Wie in einem Trauerhause ward es still in der Stadt.
Die Musik auf dem Monte Pincio verstummte plötzlich. Alle
Läden, selbst die Kaffeehäuser, wurden geschlossen. Hier oben

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bei uns in den Straßen standen einzelne Gruppen vor den
Werkstätten in ernstem Gespräche bei einander, hinaufblickend
zu dem Quirinal und seiner gesenkten Flagge. Unten im
Corso, wo die Menschen durch einander wogten, überall leb-
haftes aber leises Sprechen. Wagen nach Wagen fuhren zum
Quirinal hinauf, wo die dichtgedrängte Menge ihnen kaum
das Durchkommen gewährte.
Und nun? - Eine Fermate in der an Dissonanzen so
überreichen Harmonie, die wir die Weltgeschichte nennen. Ein
Moment, der uns zum Rückwärtsblicken, zum Erinnern zwingt.
Ein warmer Herzschlag der Verehrung für ein stillstehendes
Königsherz, dessen Streben, dessen Ziele mit den unseren zu-
sammenfielen. Ein Dank, daß er verwirklichen helfen, was
wir in unserer Jugend für Jtalien wie für uns selbst er-
sehnten; daran sich knüpfend die Hoffnung, daß das für Europa
und damit für die Menschheit so wichtige gute Einvernehmen
zwischen Deutschland und Jtalien, die gleichzeitig zu ihrer
Einheit gelangt sind, fortbestehen, wachsen und sich kräftigen
möge. Und Victor Emanuel wird eingereiht werden in die
Namen der guten Regenten, welche die Geschichte zu verzeichnen
hat, und wie vor dem Standbilde Marc Aurel's, das auf
dem Capitol seine Hand noch heute segnend über das Land
ausbreitet, werden kommende Geschlechter voll Verehrung stehen
vor dem Standbild Victor Emanuel's - des ersten Königs
von Jtalien.