Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 12

= J1 h -==
Zuölfien Vrief.
Noch einmat Nom und Sett und Einst.
Rom, 1. Januar 178.
Das Begräbniß Victor Emanuel's ist in schöner, würdiger
Feier vorübergegangen. Noch flattern die italienischen Fahnen
mit den schwarzen Kreppstreifen von den Fenstern nieder,
Fremde und Landvolk und Militärs aus allen Theilen von
Jtalien fluten durch die Straßen und über die Plätze. Neberall
riecht es nach den Lorbeerzweigen, die man gestern über
den Sarg und vor demselben niederwarf und streute, und von
denen heute noch die einzelnen Zweige unter dem Tritt der
Menge ihren Duft verbreiten. Indeß das Alltagsleben tritt
bereits wieder in sein gewohntes Recht. Die Menschen sind,
sofern sie arbeiten, zu ihrer Arbeit, die Müßigen und die
müßigen Fremden zu ihrem hinschlendernden Genießen zurück-
gekehrt. ,Konco ! ? (das ist der Weltlaufs pflegte unsere
Signora Lucia vor Jahren zu sagen, und auch wir haben
heute wieder einmal in dem herrlichen Wetter eine der Aus-
fahrten gemacht; bei denen die weite Umschau etwas Herz-
befreiendes hat.
Wir waren nach der Vila Pamfili hinaus- und hinauf-
gefahren. Sie ist als Parkanlage und um ihrer Aussicht
wegen eben so die schönste Villa, wie Villa Albani, die jett
der Fürst Torlonia besitzt, die schönste der Villen ist in Bezug
auf die Pracht und stilvolle Vornehmheit des Schlosses und
der andern Baulichkeiten - abgesehen von den Kunstschätzen,
die sie in sich schließt.
Aber nicht nur der Aufenthalt in Villa Pamfili ist ein
Genuß; schon der Weg durch die Stadt vom Monte Pincio

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bis Ponte Sisto ist ein Vergnügen. Er bringt einem das
ganze Rom des 1. und 1. Jahrhunderts in so auffallender
Weise vor Augen, daß man sich unwillkürlich, von dem freilich
in der Menschennatur begründeten Verlangen ergriffen fühlt,
das Unmögliche möglich zu machen. Man möchte den ent-
fernten Freunden mit der Feder begreiflich machen, oder eine
Vorstellung davon geben, was an Rom so durchaus anders
ist als an allen andern Orten. Man weiß, daß man dies
nicht kann, und vermag es doch nicht, den Versuch zu unter-
lassen.
Zunächst hat Rom nur sehr wenige lange, gradlinige
Straßen, und auch diese sind im Verhältniß zu den Straßen
der neueren und zu denen vieler alten Städte äußerst schmal.
Wie die mit dem Auge nur schwer zu verfolgenden Linien
einer orientalischen Arabeske, so schlingen und winden die
kurzen, engen Gassen sich in- und durcheinander. In Zeit
von zehn Minuten ist man um sechs, acht Straßenecken ge-
bogen, durch so und so viel Winkel, über so und so viel kleine
Plätze gefahren: alle einander ähnlich an Eigenartigkeit, alle von
einanderverschiedenin derselben. Häuser,die denNamen vonHäu-
sern in unserm Sinne gar nicht verdienen. Hohe glattwandige
Kasten mit schmalen Fenstern. Die einen mit so dicken, schwarz-
grünangestrichenen,mitEisenstangenundeisernenBuckeln beschla-
genen Thüren, mit schwarzen, schweren eisernen Klopfern daran,
daß man Grabgewölbe oder Pulverkammern dahinter vermuthet.
Sie müssen nothwendig aus Zeiten herstammen, in denen jedes
Haus sich gelegentlich gegen Aufläufe und Straßenkämpfe zu
vertheidigen hatte. Dann wieder Häuser, im Erdgeschoß ganz
offen, mit höhlenartigen Räumen unterwwölbt, in deren uner-
gründlicher Finsterniß, gegen das Licht hin, sofern dasselbe
überhaupt in diese engen Gassen und Spelunken jemals dringen
kann, alle ersinnlichen Gewerbe und Hantirungen getrieben

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werden. Hier eine, in irgend eine Ecke oder in die grade
Straßenreihe hineingebaute Kirche mit verfallender Treppe,
mit verloschenem Freskobilde über dem Portale; schräg über,
ein paar Schritte weiter, wieder eine solche oder eine große und
stattliche Kirche. Dann eine lange, lange Mauer. Neberall.
wuchert aus ihrem Mörtel üppiges Geranke lustig hervor.
Färber trocnen davor an aufgestellten Stangen dicht am Fahr-
weg ihre Wollen und gefärbten Stoffe, oder Wäscherinnen
und Familien ihre Wäsche, während über die Mauer Eypressen
und Orangenbäume emporragen, in deren Zweigen die goldenen
Apfelsinen und Mandarinen zwischen den glänzenden Blättern
funkeln. Drüben ein Einblick in den feuchten, säulenumgebenen
Hof eines ehemaligen Palastes mit dem nie fehlenden, von
Venushaar umrankten sprudelnden Wasserguell, und über den
mit schwerem, oft sehr schönem eisernem Gitterwerk versperrten
Fenstern des Erdgeschosses, aus den Fenstern der oberen Ge-
stocke, zum Lüften und Trocknen aufgehängt, ein unsagbarer
Plunder von alten Röcken, Hosen, Betttüchern und Gott weiß
was noch alles!
Von Bürgerstegen im Innern der Stadt gar keine Spur.
Man hat zu sehen, wie man durchkommt durch das Gedränge
der kleinen und größern zweirädrigen Karren, auf denen die
ganze Zufuhr für die große volkreiche Stadt besorgt wird, so-
fern sie nicht zu Wasser geschieht - wo sie doch auch noch der
Weiterbeförderung durch die Karren bedarf.
Sie wollen vorwärts? Da knarrt ein Eselwagen, thurm-
hoch mit Wasserrüben, mit Radies, mit anderm Grünkram
beladen, auf dessen Gipfel der Fuhrmann liegt. Maulthiere
mit Schellen und buntem Feder- und rothem Wollbüschel-
Schmuck, die Holz und Kohlen zur Stadt bringen, fahren mit
den Botti, den zahllosen offenen Straßenkabriolets zusammen,
und versperren der prächtigen Equipage einer Fürstin den
F. Lenald, Reisebriefe.
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Weg, daß auch wir halten müssen, und Zeit gewinnen, drüben
an dem alten verfallenen Gebäude die prächtige Marmortafel
zu bemerken, und die pomphafte Inschrift zu lesen, wie einst
der und der Pontifex Maximus (Papsts aus dem oder jenem
vornehmen Geschlechte, hier an dieser Stelle, diese oder jene
Verschönerung oder Verbesserung ausgeführt hat. Endlich
wird auf das Einschreiten der Stadtpolizisten, mit ihren
flatternden bunten Federbüschen an den Hüten, Luft geschaffen,
für die schon lange wartenden Omnibusse. Die Menge, die
sich gestaut hat, kommt vorwärts; und das Lärmen, Schreien,
Hausiren, wie ich es Ihnen neulich beschrieben, hebt wieder
auf das Neue an.
Das geht so fort, bis man endlich, die Mauern der Stadt
verlassend, in das Freie kommt!
Nun verbreitert sich der Weg! Nun sieht man Licht!
Nun überwölbt uns plötzlich ein Himmelsdom, so blau, wie
ihn der Norden niemals sieht. Ein heller, heißer Sonnenschein
umfluthet uns. In dem frischen Luftzug, der von dem weiß
beschneiten Gebirge über die weite Fläche der Campagna her-
überweht, wiegen sich die Zweige der immergrünen Bäume.
Die dicken, phantastisch aneinander gereihten Scheiben des
Feigenkaktus setzen schon neue Früchte an, die neue Mispel-
blüthe verbreitet ihren vanillenartigen Geruch. Die starre
Alos läßt die Riesenstengel ihrer letzten Blüthe wie bewimpelte
Masten gen Himmel steigen. Sie schauen stolz hinab auf die
niedere, unzählbare Schaar von dunkelroth und weiß blühenden
Maßliebchen und Tausendschön, welche, als die Vorläufer der
Anemonen, jetzt schon überall zu Tage kommen, wo nur ein
Stüückchen Rasenland zu finden ist.
So geht es den Weg zum Janiculus hinauf:
Wo fünfströmig berver aus der ßract der Marmer-Artaden
Stürzet der Paola Fluti, niccer ins Becken mit Macht.

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Seit wir vor elf Jahren hier gewesen sind, ist dieser Weg
in eine weit schönere und breitere Straße verwandelt worden,
die man so gemächlich hinauffährt wie die Viale dei Colli
in Florenz; und wie oft man auch hier oben an dem Riesen- -
becken der Aaua Paola gestanden haben mag, ihr Rauschen,
ihr Wellenschlagen, ihre Frische und das Funkeln der Somnen-
strahlen in und über ihrem Wasser, haben immer wieder etwas
Wundervolles. Immer wieder betreffe ich mich vor all diesen
römischen Fontainen auf Stahr's Worten:
Wie vielen Herzen hat der Luell gerauscht!
Wie vielen Herzen wird der Quell noch rauschen!
Hier oben vor Porto S. Pancrazio, in den Gärten und
Gehegen der Villen Giraud, Savorelli, Doria Pamfili, und
vor allem in dem, und um das kleine Vascello ist 119 der
verzweifelte Kampf der Jtaliener gegen die Armee der Franzosen
gekämpft worden, welche sich während des Waffenstillstandes
verrätherisch aller festen Plätze bemächtigt hatten. Hier hat
Garibaldi sein lettes Hauptquartier gehabt, und Via Garibaldi
heißt jett die Straße, welche man nach Villa Pamffili hinauf-
fährt. Es sind schöne Gartenanlagen auf dem kleinen ab-
geplatteten Platze, unterhalb dem noch in Trümmern liegenden
Vascello, angelegt worden, von denen das Auge mit Entzücken
die Stadt in allen ihren Theilen, die Campagna und die jett
mit Schnee bedeckten Gebirge überschaut. Aber während in
der Villa Pamfili Doria noch immer das schlimme Marmor-
denkmal steht, mit welchem der Besitzer der Villa, Fürst Doria,
das Andenken der hier im Kampfe gegen die italienische Einheit
gefallenen Franzosen feiert, bezeichnet auf der Via Garibaldi,
unterhalb der Villa Corsini, jetzt eine schöne Marmortafel die
Kamvfesstätte, auf welcher die Massimo, Menara und viele
Andere mit ihnen, ihr Herzblut und ihr Leben dem Vater-

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lande opferten. Ihre Inschrift lautet in der Verdeutschung:
,Wenige gegen eine sehr große Anzahl, ohne Hoffnung zu
siegen, kämpften hier, die nicht aus der Art geschlagenen
Söhne von Rom und von Jtalien, unter Garibaldis Führung
einen ganzen Monat lang. Ein Beispiel für die kommenden
Geschlechter, daß den Feind nicht zählt, wer für die Freiheit
streitet und für das Vaterland. Belagerung von Rom 149.
Gestiftet von den Nichtwählern des 5. Bezirks 187K.
Die Angabe, daß die ,Nichtwähler' diese Denktafel den
Gefallenen errichtet, verkündet, daß die unbemittelteren Büürger
von Trastevere sie gestiftet haben, da das Wahlrecht an einen
bestimmten Census geknüpft ist.
Zwei ähnliche Tafeln befinden sich an der Stadtmauer
zwischen Porta Pia und Porta Salara, an den Stellen, an
welchen die Jtaliener 17 in Rom eindrangen. Die Stadt-
mauer ist erneuert in der Gegend. Die Inschrist der ersten
Tafel, von Porta Pia aus, lautet: ,Die Namen der italienischen
Soldaten, welche, die Einigkeit ihres Vaterlandes mit ihrem
Blute besiegelnd, hier am W. September 179 ruhmwoll fielen,
weiht und überliefert die Nationalgarde von Rom der
Geschichte.!
Die zweite trägt die Worte: ,Durch diese Mauer zog
das siegreiche italienische Heer am W. September 17 in
Rom ein, die lange gehegten Gelöbnisse und Wünsche der
Römer erfüllend, und dem Lande Jtalien den Besitz seiner
Hauptstadt sichernd. Zur dauernden Erinnerung an diese
Thatsache stiftete die Kommune diese Tafel am s. Juni 17.
Wer sie gekannt hat, die Männer, deren ganze Seele an
der Erreichung dieses Zieles hing: die Pellico, Mazzini,
Garibaldi, Cernuschi, Mannin, und so viele, ihrer weniger her-
vorragendenGesinnungsgenossen; wer noch dieZeiten erlebt hat,
in denen Silvio Pellico und Maroncelli auf dem Spielberg