Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 13

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unter haarsträubenden Leiden schmachteten, und jene späteren
Tage, in denen vornehme mailändische und venetianische Frauen
ihre Vaterlandsliebe in Kerkerzellen büßten, kann nicht ohne
tiefe, freudige Bewegung vor diesen Tafeln der Geschichte stehen.
Aber er wird auch vor ihnen, wenn er ein Deutscher ist, mit
seinen Erinnerungen in das eigene Vaterland, in die Zeiten
von 11516s zurückversett, in welchen es in Deutschland
ebenfalls je nachdem für Schwärmerei oder für ein Verbrechen
galt, die Einigung Deutschlands herbeiführen zu wollen, auf
die nothwendige Errichtung eines mächtigen Deutschen Reiches
hinzuarbeiten und auf das große Deutsche Kaiserreich zu hoffen.
Es hat auch in unserem Vaterlande nicht an Märtyrern aller
Art gefehlt!
In einem meiner nächsten Briefe schreibe ich Ihnen einmal
von einer Opern-Aufführung, der ich dieser Tage im Theater
Apollo beigewohnt und von der ich einen sehr sonderbaren
Eindruck mit nach Haus genommmen.
Dreizeünier Vrief.
Historisches Erinnern.
Rom, am W. Dezember 17?.
Niemals bin ich hier in Rom, durch die Via di Venti
Settembre gegangen, die nach der Porta Pia und den Dio-
kletiansthürmen hinauf führt, ohne des erhaben trotzigen Aus-
spruchs zu gedenken, des stolzen ,e gur si muors!t, das ich
einst erschütterten Gemüthes an dem großartigen Denkmal
Galileis las, als ich vor zweiunddreißig Jahren zum ersten-
male die geweihten Hallen der Kirche von Sta. Eroce in
Florenz betrat. Daneben taucht dann auch gleichzeitig in

= PK -
meiner Seele immer wieder der schöne Herbstmorgen auf, an
welchem uns in dem kleinen märkischen Städtchen Eberswalde,
vor sieben Jahren der elektrische Funke die geflügelte Bot-
schaft brachte: ,Die Jtaliener sind in Rom eingerückt, die
dreifarbige Fahne flattert von dem Capitol, Pius der Reunte
hat sich in die Engelsburg geflüchtet, die weltliche Macht des
Papstes ist gestürztr'
So lange man diese Wandlung auch erwartet und ersehnt,
sie hatte damals doch noch etwas Neberwältigendes, und die
Art und Weise, in welcher sie sich vollzog, gab ihr das Ge-
präge eines ethischen Gerichtes. Denn vor den Mauern von
Metz und von Sedan, an den Ufern der Mosel und der
Maas hatten die Deutschen den Stoß gethan, der den päpst-
lichen Königsthron in dem Augenblick zertrümmerte, in wel-
chem der Papst ihn auf dem Infallibilitätsdogma höher und
fester als je zuvor zu gründen glaubte. Der alte Kampf
zwischen Deutschland und Rom, zwischen deutschem und
römischem Geiste war anscheinend am 1September für Deutsch-
land siegreich ausgefochten; der alte Kampf der Welfen und
Ghibellinen hoffentlich für immmer beendet worden; und was
in diesem Jahrhundert ein deutsches Fürstengeschlecht, was das
Haus Habsburg und Lothringen an den Jtalienern gesündigt,
das hatten die deutschen Völker auf den böhmischen und fran-
zösischen Schlachtfeldern jett vollauf gesühnt. Jtalien war
geeinigt. Deutschland vollzog die That seiner staatlichen Eini-
gung, und deutschem Geiste, dem Geist der freien Forschung,
der freien Entwicklung, dem Geiste der wahren Menschlichkeit
und bürgerlichen Gesittung, wird jettzt von den stolz wallenden
Wogen der Ost- und Nordsee bis zu den schönen südlichsten
Inseln des Mittelländischen Meeres voraussichtlich keine
Schranke mehr gesettzt sein.
Vor zweiundreißig Jahren aber sah es in dem vielfach

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zerstückelten, geistig geknechteten Jtalien freilich anders aus
als jetzt, und es war damals keine Nebertreibung in dem
Ausspruch eines meiner Bekamnten, daß man in Jtalien nicht
zwei Stunden fahren könne, ohne von einem Beamten die
Worte: Vogans und kasssgorto zu hören.
Ich war im Herbste 1845 vom Simplon nach dem Lago
maggiore gekommen. Wir fielen also mitten in die Herrschaft
des österreichischen Polizeistaates und des politischen Mißtrauens
hinein; und wenn damals in Deutschland die Belästigung
mit den Aufenthaltskarten und Paßbescheinigungen in den ver-
schiedenen Ländern und Städten auch noch groß genug war,
so war sie in der Lombardei geradezu unerträglich. Jn jedem
Orte, in dem man übernachtete, wurden die Pässe abgefordert
und visirt Das kostete jeden Abend einen oder mehrere Liren,
und da die Taxe für das Visa in den verschiedenen Orten
nicht gleich war, so war man obenein in das jemalige Be-
lieben des Gastwirths, des Lohndieners und des Polizeiboten
gegeben, die Einem gelegentlich Abends um neun Uhr den
Paß abnahmen, um ihn am Morgen im letzten Augenblick
vor der Abreise zurückzubringen, in welchem man die Mög-
lichkeit eines Einspruches gegen Nebervortheilung gar nicht,
mehr besaß. Am Ende eines vierzehnmonatlichen Aufenthaltes
in Jtalien war es uns belustigend, das Paßbüchelchen durch-
zusehen, und nachzurechnen wie viel Leibzoll wir gezahlt hatten.
Die Zahlen sind mir entfallen, sie waren aber so hoch, daß
man, um Glauben zu finden, das Buch vorlegen mußte. Und
dazu kam noch das Visitiren nach verbotenen Büchern K.
Man brauchte kaum ein Reisetagebuch zu führen. Die Paß-
visitationen vermerkten jeden Aufenthalt von ein paar Stun-
den und jedes Nachtauartier, ja fast jedes kleinste Städchen,
durch dessen Thore man ein- und ausgefahren war.
Die erste große italienische Stadt, in welcher wir einen

=- JZß -
längeren Aufenthalt machten, war das vornehme Mailand.
Es war voll von österreichischen Soldaten und Polizeibeamten,
und das Kastell auf der Piazza d'Arme streckte aus seinen
Schießscharten die Kanonenschlünde über die Weitung des
Plates aus, auf dem österreichische Korporale, den Prügelstock
an der Seite, vom frühen Morgen bis zum späten Abend
deutsche, sßlavische und ungarische Soldaten exerziren ließen.
Die italienischen Soldaten wurden meist außerhalb Jtaliens
verwendet, wie man uns sagte.
Ich hatte mein Jtalienisch an Silvio Pellico's unwer-
gleichlicher Schilderung seiner Gefängnißleiden erlernt, welches
Buch, um seiner erhabenen Einfachheit willen, seitdem eines
meiner Lieblingswerke geblieben ist; und die Worte: ,ll e-
neräi 1Z ottohrs 18W0 kui arrestato a Klano e condotto a
Sata Klargberitar (am 1 Oktober 1W0 wurde ich in Mailand
verhaftet und nach Sancta Margherita geführts, mit denen
er seine Schilderung anhebt, waren mir lebhaft gegenwärtig,
als ich in Mailand ankam. Ich wollte also die Gefängnisse
von St. Margherita sehen, mit ihren zeamere äi lü, eamers
äi guür (Zellen hier, Zellen dort, wie das zu einem Gefängs
niß eingerichtete ehemalige Nonnenkloster sie aufwies. Ich
wollte wo möglich die Zelle sehen, in welcher man Silvio
gefangen gehalten und in der er durch den sanften traurigen
Gesang eines ebenfals eingesverrten jungen Frauenzimmers,
durch das:
,Cbi renäe alls mesebins
Ds sns. kslieitäE?
hwwer giebt der Unglücklichen ihr verlorenes Glück zurück?
so erschüttert und so gerührt worden war.
Wir, d. h. meine ältere Reisebegleiterin und ich, waren
in dem damals von Deutschen besonders gern besuchten Hotel

- P -
Reichmamn auf dem Corso di Porta Romana abgestiegen,
hatten dort unerwartet einen Bekannten von mir, den be-
rühmten Zoologen Staatsrath Karl von Bähr aus Peters-
burg getroffen, der früher in meiner Vaterstadt Königsberg
Professor gewesen war, und da er gleich uns darauf aus war,
Mailand kennen zu lernen, machten wir uns in der Regel
des Morgens gemeinsam mit dem Plane in der Hand auf
unsere Wanderungen. Dabei sollte es denn endlich an einem
Mittage auch nach St. Margherita gehen; und da wir uns
nicht hinzufinden vermochten, fragten wir Vorübergehende um
unsern Weg. Aber während man uns sonst auf ähnliche Fragen
stets sehr freundlich und dienstwillig Bescheid gegeben hatte,
sah man uns bei diesem Ansuchen mit Verwunderung an;
und als ich endlich auf die Erkundigung : ,Was suchen Sie
in St. Margherita? unumwunden die Antwort gab, ich
wolle sehen, wo ,der Pellicor' gefangen gewesen sei, verneigte
der Gefragte sich kurz und meinte, er bedaure, mir nicht
dienen zu können.
Am Abend sprachen wir davon mit unserm Wirth. Der
zuckte mit den Schultern. ,Sie sind in Mailand, meine
Herrschaften! sagte er. ,Hier ist eine andere Luft als bei
uns jenseits der Alpen. Man darf hier Niemand um solche
Namen fragen. Einer hält den Andern hier für einen Spion;
das ungeheure Mißtrauen der Regierung macht hier Jeden
vorsichtig. Man weiß wirklich nicht, wie das hier einst noch
werden wird. Sie können sich ja immer das alte Kloster-
gebäude von außen betrachten, wenn Sie das interessirt, aber
fragen Sie nicht nach Pellico: Sie könnten sich in der That
Verdrießlichkeiten damit zuziehen!r
Mailand sah übrigens damals sehr reich und glänzend
aus. Die Abendfahrt im Giardino publico zeigte eine sehr
elegante Gesellschaft. Vor dem adeligen Kasino, der Scala

- PF? -
gegenüber, saßen schöne, vornehme Männer in dem Cafs;
in den Logen der Scala bewegte man sich frei und heiter
wie in einem Gesellschaftskreise, denn die Logen waren zum
großen Theil hypothekirtes Eigenthum der Familien, die sie
inne hatten; aber Mittags und Abends zogen unter Trommel-
schall österreichische und ungarische Soldaten in beträchtlichen
Massen durch alle Hauptstraßen der Stadt, als sollten die
Einwohner es nicht vergessen, in wessen Hand und Macht sie
wären. Und es waren keine freundlichen Blicke, mit denen
man die Soldaten begleitete.
Jn Genua, wo wir wie in Florenz längere Zeit und in
größerer landsmännischer Gesellschaft verweilten - außer
Herrn von Bähr war noch der gelehrte und liebenswürdige
Kunstforscher Geheimrath Schnaase mit den Seinen zu uns
gestoßen - athmete man freier auf. Das Militär in Genua
bestand aus Eingeborenen. Von den unheimlichen täglichen
Märschen durch die Straßen war keine Rede, dafür wimmelte
die Stadt aber von Mönchen; und bei den verschiedensten
Alnlässen hatten wir Gelegenheit zu merken, wie das Lesen zu
den Dingen gehörte, mit deren Kenntniß die handarbeitenden
Stände nicht, oder doch nur sehr ausnahmsweise, gesegnet
waren. Dabei waren die Schiffer und Arbeiter im Hafen
auffallend streitsüchtig, alltäglich sahen wir die heftigsten
Schlägereien vor unseren Fenstern und die Stille, das ge-
fällige Betragen, die höfliche und gute, ja poetische Redeweise
der Florentiner fiel uns nach der Roheit der Genueser später
doppelt angenehm auf. Um mir einen jungen schlanken
Dänen zu bezeichnen, der öfter bei mir gewesen war und
dessen Namen sie nicht wußte, nannte ihn unsere Florentiner
Wirthin: ,iener Jüngling hoch und schlank wie der
Campanile! =- (Der schöne Glockenthurm am Dome.s
Florenz hatte damals auf seiner Oberfläche noch etwas

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träumerisch Friedliches. Es war noch die Stadt der Blumen;
und wenn man im Giardino Boboli hinter der großherzog-
lichen Residenz, durch die langen, schattigen Alleen von immer
grünen Eichen an den langen Taxuswänden hinging, wenn
die Marmorgebilde so feierlich aus dem Grün hervorsahen,
wenn von den Blumenterrassen der Heliotrop und die Tube-
rosen und das Zitronenkraut dufteten, und von der Höhe des
Gartens die prachtvolle Kuppel des Domes und der stolze
Thurm des Palazzo Vecchio sichtbar wurden, so vergaß man
unwillkürlich, in welcher Zeit man lebte. Man vergaß das
neunzehnte Jahrhundert, man vergaß die politischen Kämpfe,
die Zahl der Märtyrer, welche die verschiedenen revolutionären
Erhebungen in den verschiedenen Staaten der Halbinsel in
den Tod und in die furchtbarsten Kerker geschickt hatten -
und man sagte sich, dieser Garten, diese Natur, und die von
ihnen erzeugte Stimmung müßten es gewesen sein, die Goethe
einst für seinen Tasso die Schilderung von Bel Riguardo
eingegeben hätten. Es war äußerlich ein von allem Gegen-
wärtigen verschiedener Eindruck, eine in das Leben getretene,
völlig eigenartige Welt voll Poesie und bestrickendem Zauber.
Unter dieser sanften Oberfläche barg sich aber in den
Kreisen der gebildeten und gelehrten Männer eine lebhafte
Betheiligung an den Bestrebungen für die Wiedergeburt
Jtaliens; und in den Seitenzimmern des Cafs Vieusseux fand
sich eine Gesellschaft zusammen, die es wußte, daß sie, wenn
auch mit verschleierter Strenge, genau beobachtet wurde. Eines
der Mitglieder dieses Kreises, Doctor Thomas Gar, ein
Trientiner, hatte länger in Berlin gelebt und war mir
bekannt. Später ist er als Oberbibliothekar der Bibliothek
von S. Marco in Venedig gestorben. - Im Nebrigen waren
die Paßvisitationen und die Zoll- und Polizeiüberwachung im
Großherzogthum Toscana ebenso peinlich wie in der Lom-

- JZg -
bardei und wie in Piemont, und von dem Augenblick ab, in
welchem man das päpstliche Gebiet betrat, wurden diese
Nebel wo möglich nur noch ärger.
Es war in dem letzten Lebensjahre Gregor's des R..
und der finstere, mißtrauische Sinn dieses beschränkten, aber
gelehrten Kamaldulensermönches lag wie ein Bamn über
Rom und dem Kirchenstaate. Eben erst war eine revolutio-
näre Erhebung in der Romagna niedergeworfen worden,
zahlreiche Todesurtheile waren vollstreckt. Die beiden Brüder
Baniera, Söhne eines unter österreichischen Fahnen in Venedig
dienenden Generals, waren hingerichtet worden, die Gefängnisse
und die Galeeren waren voll sogenannter politischer Ver-
brecher. In Rom mißtraute Einer dem Andern, und die
gerade in jenem Winter sehr zahlreiche und glänzende Fremden-
gesellschaft erhielt oft von den mit ihr verkehrenden Jtalienern
heimliche Winke, sich vor dieser oder jener Person in Acht
zu nehmen. So fanden sich denn auch zu dem großen Kreise
von Fremden, welcher in dem Hause einer reichen und ge-
lehrten Kölnerin, der Frau Sybille Mertens Schaafhausen,
seinen Mittelpunkt hatte, allmälig allerlei Personen von
anderen Nationen heran. Griechen, Serben, Franzosen, die
sich auf ihren Visitenkarten Ritter aller möglichen, fremden
und päpstlichen Orden nannten, die bei allen großen Kirchen-
zeremonien in sehr auffallenden, nirgend heimischen Uniformen
und immer in erster Reihe zu sehen waren, und über deren
Woher und Wohin sehr unklare Berichte im Schwunge gingen.
Von Einem oder dem Andern derselben pflegte der gelehrte
Abbate Matranga, einer der Kustoden der Vatikanischen
Bibliothek, der zu meinen näheren Beamten gehörte, mir wol
gelegentlich zu sagen: ,baäato Signorins! ö ue Spia!? =-
MNehmen Sie sich in Acht, Fräulein, er ist ein Spion! -
Ganz dasselbe sagten andere Personen aber wieder von dem

= PZJ -=
liebenswürdigen Matranga selbst, und wer etwa staatsgefähr-
liche Geheimnisse zu verbergen gehabt hätte, dem hätte es
recht unheimlich in einer so beschaffenen Gesellschaft sein
müssen. Päpstlich gesinnte Personen warnten mich vor meinem
Arzte, Ir. Pantaleoni, einem bedeutenden und freisinnigen,
sein Vaterland liebenden Mamne, der später lange im Exil
gelebt hat., Jetzt nach dem Einrücken der Jtaliener in Rom
hat die gewählte Giunta ihm, einem der ersten Chirurgen, die
Sorge für die ganze Medizinalpolizei übergeben - und in
dem Bereiche der Sanitätspolizei wird in dem furchtbar ver-
sumpften und verpesteten Rom Etwas zu schaffen sein!
Die einflußreichsten Personen in Rom waren in jenen
Tagen der Barbier des Papstes und dessen Frau. Sie hatten
einen nahen Verwandten, der einen Handel mit feinen Eß-
waaren auf dem Corso betrieb (einen girrianrolo, dessen Zu-
spruch außerordentlich war. Es gab täglich neue Geschichten
über die gefährlichen Geheimnisse, welche durch diesen. Mann,
und durch den Barbier und dessen Frau, dem Papste bekannt
geworden waren; und dann wieder andere Erzählungen darüber,
wie berühmte italienische Künstler dieses Delikatessenhändlers
Frau gemalt und beschenkt hätten, um bei irgend welchen
Arbeiten für die Kirchen verwendet zu werden. Ob dies wahr,
ob es unwahr sei, würde schwer zu beweisen sein; die Mög-
lichkeit dieser Gerüchte bewies aber für die Zustände um so
mehr. Man sprach von dem Vermögen, das jener päpstliche
Barbier durch die Bestechungen gemacht haben sollte, die man
an ihn wendete; und Alles, was man Schlimmes und Un-
würdiges von den großen Würdenträgern der Kirche, was
man Gehässiges gegen den Papst selber aussagte, fand einen
böswillig bereiten Glauben. Es war damals, wie auch in
späterer Zeit, für Denjenigen, der nicht an solche Eindrücke
gewöhnt war, geradezu unfaßbar, wie man vor denselben

== PZs -==
Geistlichen knieen und den Segen Derjenigen erbitten und Ver-
gebung seiner Missethaten von denselben Männern erhoffen
konnte, welchen man alle Arten von Sünden nachsagte. Man
verlachte, was man anbetete, und spottete heimlich über die
Priester, denen man doch unbedenklich das Amt ,zu binden
und zu lösen' zuerkannte. Die schreiendste Unwissenheit, der
blindeste Aberglaube waren in den niederen Ständen allgemein.
Lesen und Schreiben gehörten auch unter dem römischen Volke
wie in Genua zu den Gottesgaben, die nur wenig Auser-
wählten zu Theil geworden waren. Der ,serinano gablieo,
der öffentliche Schreiber, war noch eine vielgesehene, auf den
Marktplätzen sitende Figur; und die Geistlichkeit sprach es
unumwwunden aus, daß das Schreibenlernen namentlich für das
weibliche Geschlecht, nicht nur eine überflüssige, sondern eine
gefährliche Kunst sei, denn: ,Was haben Frauenzimmer zu
schreiben und was können sie schreiben als Liebesbriefe? Sie
führen sich besser ohne das auf!'
Und viel besser war es, wie man allgemein behauptete,
mit der Bildung der Frauen in den Mittelständen und in der
vornehmen Gesellschaft auch nicht bestellt, wenn man einzelne
gelehrte Frauen, deren es in Jtalien immer gegeben hat,
ausnahm. Eine derselben, eine Gräfin Dionigi, welche vor-
züglich improvisirte, lernte ich damals kennen. Eine Andere
sah ich auf dem Kapitol als Dichterin in großem feierlichem
Akte krönen. Licht und Schatten standen sich, wie in den
klimatischen Verhältnissen, so auch in der Bildung der Frauen
in Jtalien damals noch weit greller als in den anderen Kultur-
ländern gegenüüber.
Neben diesen und anderen Nebelständen war aber in jener
Zeit auch manches Gute noch vorhanden, das sich später ver-
loren hat. Das Volk, sowol in Rom wie auf dem Lande,
war schön und kräftig, hielt etwas auf sich und betrug sich

= P? -
demgemäß bei jedem öffentlichen Auftreten in einer selbstge-
wissen Schicklichkeit, die bei einem so lebhaften und leiden-
schastlichen Volke doppelt angenehm auffiel. Frauen und
Mädchen hatten etwasZurückhaltendes bei großer Freimüthigkeit.
Ihr Verkehr mit Männern war anständig. Die Fremden und
die Künstler unter ihnen wußten, daß sie sich selbst ihren
Modellen gegenüber in Schranken zu halten hatten, und daß
man in Bezug auf die Ehre der Frauen und Mädchen in den
Familien keinen Spaß verstehe. Die Behörden settten der Abreise
eines Fremden Hindernisse entgegen, wenn römische Familien
gegen ihn für ihre Töchter klagbar wurden; und manche große
deutsche Künstler - Peter von Cornelius an ihrer Spitte =
haben auf diese Weise römische Frauen in die deutsche Heimat
zurückgebracht, die sich dort fast immer Freunde und Theilnahme
erworben, und ehrbar und häuslich erwiesen haben.
Es herrschte auch in Rom und in der Umgegend eine
verhältnißmäßig große Sicherheit. Man zog sorglos in der
Campagne und in den Gebirgsstädtchen umher. Selbst in Rom
war man weit weniger vorsichtig im Verwahren der Wohnungen,
als man es sonst in gleich großen Städten zu sein nöthig hat;
und vorausgesetzt, daß man politisch unverdächtig war, hatten
die Fremden ein gutes Leben, denn es war in den päpstlichen
Staaten wie in einem Badeorte: die Fremden bildeten die
Haupteinnahmequelle der römischen Bevölkerung, und die Polizei
hatte ausdrücklich Anweisung, ihnen, wenn erst einmal das
Paßwesen überwunden war, Nichts in den Weg zu legen und
sie möglichst frei gewähren zu lassen.
Dafür sprach man in der Gesellschaft kein Wort von Politik.
Von fremden Zeitungen, namentlich von deutschen, war nur
die Augsburger Allgemeine in zwei oder drei öffentlichen Lokalen
zu finden. Eine deutsche, d.h. protestantische Kirche, oder eine
solche Schule waren nicht zugelassen, und der Geistliche der

-= FFF -
preußischen Gesandtschaft, an den die protestantischen Fremden,
die Schweizer und Skandinavier mit eingerechnet, sich zu halten
hatten, war, soviel ich mich erinnere, nicht als Geistlicher,
sondern als einer der Sekretäre der Gesandtschaft in deren
Listen aufgeführt. Das erschien um so ungerechter, wenn man
bedachte, wie die preußische Regierung den Katholiken die freieste
Religionsübung und völlige Gleichstellung mit den Protestanten
in allen ihren Landestheilen zuerkannte. Es war damals die
Zeit der deutschkatholischen Bewegung. Ronge's und Czerski's
Namen waren viel genannt. Die gebildeten Römer wußten
davon, und sogar ein junger Franciskanermönch, den ich häufig
bei mir sah, ein geborener Sicilianer, hatte von neuen Auf-
lehnungen gegen die Kirche,reden gehört. Aber wenn besonders
Gebildete im engen Vertrauen gegen ihnen sichere Personen es
auch aussprachen, daß in der Kirche wohl Aenderungen nöthig
wären, daß Männer, die wie alle päpstlichen Beamten sämmtlich
Geistliche wären, schlecht zu Räthen der Regierung taugten,
weil sie keine eigenen Familien und deshalb kein Interesse an
dem Emporkommen und Gedeihen des Landes hätten, so sah
man, ohne es eingestehen zu mögen, die Zustände doch noch
als etwas durchaus Festes und Dauerndes an, und die vielen
mißlungenen revolutionären Erhebungen liehen diesem Glauben
eine anscheinende Berechtigung.
Man hatte den Wunsch nach einer Aenderung der Zustände,
ohne die Aussicht sie erreichen zu können, und vollends an einen
Sturz der weltlichen Macht des Papstes dachten sicherlich da-
mals nur wenig Auserwählte. Die römische Aristokratie hatte
etwas ruhig Stolzes und äußerlich Würdiges. Das Volk liebte
seine alten Adelsgeschlechter und es waren nur Einer oder
der Andere unter den alten Familien, denen man um ihres
Geizes oder sonst um einer übeln Eigenschaft willen Böses
nachsagte. Man hielt die alten Familien hoch, auch wenn

===- PZ =-
ihre Paläste bereits viel zu groß für ihre gegenwärtige Be-
deutung und Mittel geworden, und in traurigen Verfall ge-
rathen waren. Bisweilen mochte freilich die Eauipage, mit
der man sich auf dem Korso und bei der Spazierfahrt auf
dem Monte Pincio sehen ließ, nebst den Familienbrillanten,
welche die Frauen der alten Geschlechter bei den ersten Em-
pfangsabenden der neuernannten Kardinäle und auch in der
Oper anzulegen pflegten, so ziemlich noch der einzige Luxus
sein, den sie zur Schau zu tragen vermochten. - Nachtheilige
Urtheile über die Sitten der römischen adeligen Frauen erinnere
ich mich nicht damals irgendwie gehört zu haben; und manche
dieser Frauen standen, wie die eben jung verstorbene Fürstin
Borghese und die Fürstin Colonna, um ihrer Frömmigkeit
und Wohlthätigkeit willen bei dem Volke in besonderer Liebe
und Verehrung.
Jn Neapel war das anders. Ein Zusammenwirken
günstiger Verhältnisse hatte mich nach den ersten Tagen
meines Aufenthaltes in Neapel, als Gast in das Haus einer
russischen Gräfin geführt, welche mit der Hofgesellschaft und
den verschiedenen Gesandten in lebhaftem Verkehr stand. Der
eben in jenen Tagen erfolgte völlig unerwartete Tod meines
Vaters und mein Schmerz über denselben, machten es mir
unmöglich, in größere Gesellschaften zu gehen, oder die Ge-
legenheit zum Besuch einzelner Hoffeste zu benutzen, die man
mir bot. Aber ich sah jene Gesellschaft vielfach, ja fast täglich
in dem stets offenen Hause meiner Gastfreundin, und ich war
überrascht davon, wie das laute, genußsüchtige Leben in der
südlichen Königsstadt von der vornehmen römischen Feierlich-
keit verschieden war.
In Rom war selbst auf den Straßen und im Volke
Mlles still, wenn nicht die Kirchenglocken läuteten oder junge
F. Le w ald, Reisebrieee.

==- 1Z0 =-
Mämner anmuthig singend und die Mandoline spielend bei
Sternenschein durch die schweigenden Straßen zogen. Von
soldatischem Wesen sah man Nichts. In Neapel hingegenn
machte sich trotz dem außerordentlich bewegten Volksleben,
trotz der großen Einwohnerzahl unh eines regen Handels-
verkehrs in den dem Hafen zunächst gelegenen Stadttheilen,
das Militär und König Ferdinands Vorliebe für dasselbe
überall gar sehr bemerklich. Auf dem Largo di Castello
trommelte und exerzirte man den ganzen Tag. Vom Castel
St. Elmo sahen die Kanonen drohend auf die Stadt hin-
unter, und es war Grund dazu vorhanden, denn die Unzu-
friedenheit in Neapel war außerordentlich groß.
Nicht nur in den Familien der reichen Kaufleute, deren
ich durch Empfehlung deutscher Freunde verschiedene hatte
kennen lernen, sprach man sich sehr bitter über die willkür-
liche Mißregierung, über die unheilvolle Pfaffenwirthschaft
aus, sondern selbst in den aristokratischen Kreisen konnte man
sehr harte Urtheile über den König und die Regierung hören;
und beliebt war vom Hofe eigentlich nur die verwittwete
Königin Mutter, eine Schwester der Herzogin von Berry,
während die regierende Königin auch in der Aristokratie
durchaus unbeliebt war. Darin lag aber eine Ungerechtig-
keit, die nur durch die große Sittenverderbniß der damaligen
vornehmen Welt von Neapel erklärlich wurde.
Die regierende Königin war eine Tochter des Erzherzogs
Karl von Desterreich, eine stolze, sittenreine Frau, eine tadel-
lose Gattin, eine pflichttreue aber herrschsüchtige Mutter. Sie
war jung nach Neapel gekommen, von dem sehr rohen König
brutal behandelt, von den freien Sitten des Hofes zurück
gestoßen worden, und hatte sich deshalb in sich und in den
Kreis ihrer Kinder zurücgezogen. Man sagte, sie lebe nur
in der Kinderstube, habe das Jtalienische nur von den Ammen

= PZ =-
ihrer Kinder gelernt, sie sei geistlos und habe den kalten
beleidigenden Stolz der Habsburger. Sie war aber damals
noch eine schöne Frau, und selbst zwanzig Jahre später, da
ich sie als eine Vertriebene, immer schwarz gekleidet, all-
abendlich mit ihrem finstern Gesichtsausdruck auf dem Monte
Pincio zu Rom die übliche Spazierfahrt machen sah, war
ihre Erscheinung noch gebieterisch. Ihr entthronter Sohn,
König Franz, und die Königin Marie sollten, wie man 186?
in Rom behauptete, viel von ihr zu leiden gehabt haben,
aber sie hatte auch selber viel gelitten. Es waren 1846 in
Neapel viel Anekdoten über ihres Gatten Betragen gegen sie
im Umlauf, und man verzieh ihm leichtsinnig alle die Krän-
kungen, welche seine vielfachen Untreuen ihr bereiteten, während
man über die wirklichen Rohheiten, die er gegen sie begangen
haben sollte, mit einem Achselzucken fortging. Einmal hatte
sie, wie man erzählte, sich am Flügel niederlassen wollen, und
der König als liebenswürdigen Scherz den Sessel hinter ihr
fortgezogen, so daß die große, starke Frau schwer zu Boden
gefallen war.
,Das ist das Betragen eines Lazzaroni!r hatte sie im
Schreck und in ihrer Beleidigung ausgerufen, und der König
war im Beisein ihrer Hofdame auf sie losgestürzt und hatte -
sie mit den Worten: ,Ich will Ihnen zeigen, wie die Lazzaroni
es machen!rr in rohester Weise mißhandelt. Auch in Rom
war sie freilich später nicht beliebt; und doch ist sie als ein
Opfer ihrer Mutterliebe gestorben, als sie im Sommer des
Jahres 186?, zur Zeit der in Albano bei Rom pestartig
wüthenden Choleraepidemie, selbst schon von der Krankheit
ergriffen, nicht von dem Lager ihrer beiden jüngsten zun
Tode erkrankten Kinder zu entfernen war, bis der Tod sie
selbst ereilte.
Ganz im Gegensatz zu der Ungunst, mit welcher man

== 1ZZ =
die eben erwähnte Königin betrachtete, war die Königin-Wittwe
beliebt, und man nahm keinen Anstoß an ihrem Lebens-
wandel, der zuletzt so arg geworden war, daß der König,
ihr Sohn, sich in das Mittel legen mußte. Die Art, mit
welcher es dabei zuging, war aber auch durchaus charakteristisch
für das Land und für die Sitten desselben.
Der König hatte, wie man behauptete, seiner Mutter
durch ihren Veichtvater Monsignore C. eröffnen lassen, daß
er ihr die bisherige Freiheit ihres Lebenswandels nicht
länger nachsehen könne, und daß sie, wenn sie nicht als
Wittwe leben wolle, sich einen Gatten wählen müsse. Sie
hatte entgennet, daß sie keine besondere Vorliebe für irgend
Jemand hene, daß sie aber, wenn ihr Sohn es verlange,
nicht abgeneigt sei, sich wieder zu verheirathen. Darauf hatte
man aus den Garden zwölf junge schöne Offiziere aus alten
Familien ausgewählt; der Beichtvater der Königin hatte ihnen
die Absichten des Königs mitgetheilt, man hatte ihnen be-
greislich gemacht, daß es sich darum handle, dem königlichen
Hause seine Ergebenheit zu beweisen und zugleich das Seelen-
heil der Königin - Wittwe zu wahren. Danach hatte man
ihnen eine Messe gelesen und nebenher auch die weltlichen
Vortheile auseinander zu setzen nicht ermangelt, welche der
künftige Gatte der Königin zu gewärtigen haben würde; und
nach gehörter Messe war dieses Elitekorps von Heiraths-
kandidaten der Königin - Wittwe vorgeführt worden, die sich
denn freimiitlig und schnell entschlossen, sich den stattlichsten
unter diesen jungen Männern antrauen zu lassen. Der Er-
korene genos; keiner Art von königlichen Ehren, sondern hatte
seinen Nang unter den ersten Hoibeamten; aber man schien
ihn in der Gesellschaft nicht zu mißachten. Seinen Namen habe
ich vergessen, habe aber sein Bild, da ich ihn oft mit seiner
bedeutend älteren Frau in offener Kalesche auf der Riviera

= 1ZZ -
die Chiaja habe spazieren fahren sehen, noch vollständig im
Gedächtniß. Man rühmte ihm nach, daß er seine Stellung
sehr taktvoll zu behaupten wisse, daß er sein Amt, die
Königin-Mutter in Ordnung zu halten, sehr gut und gewissen-
haft erfülle, und die Zuneigung, welche man für die Königin-
Mutter hatte, trug sich bis zu einem gewissen Grade auch
auf ihren wachhaltenden Gatten über. Sie war eben wie
die Welt, in der sie lebte, und gab sich kein tugendrichter-
liches Ansehen.
Diese,Welt'' war aber in sittlicher Beziehung als wäre
sie aus einem französischen Roman entlaufen; und obschon
sich sehr geistreiche Männer und Frauen von den verschiedensten
Nationen in ihr zusammenfanden, obschon die Umgangsformen
äußerst angenehm und abgeschliffen waren, mußte Jeder, der
in anderen Sittenbegriffen- oder vielmehr überhaupt mit
der Vorstellung erzogen worden war, daß nicht Alles erlaubt
sei, was gefällt - sich mit Staunen davon abwenden. Die
ernsteren Männer und Frauen in derselben, wie meine
Freundin, wie der spanische Gesandte und historische Schrift-
steller, Herzog von Rivas oder die Dichterin Irene Capecellatro
und Andere, sprachen bisweilen mit Sorge von dem Ende,
das diese Zustände nothwendig einmal nehmen würden; aber
der Liebesabenteuer verheiratheter Männer und Frauen, in
denen damals der österreichische unverheirathete Fürst Felix
Schwarzenberg, der später erbitterte Gegner Preußens, eine
sehr hervorragende Rolle spielte, waren so viele, und es gab
täglich so viel zu berichten und vorsichtig zurecht zu legen,
damit wenigstens der äußere Anstand und Zusammenhalt
einigermaßen gewahrt blieb, daß man für die kommenden
Tage und für die eigene ferne Zukunft nicht viel Nachdenken
übrig behielt.
Von Politik war viel mehr die Rede als in Rom -

==- 1I -
aber nicht von der Politik des Königreichs Neapel. Man be-
sprach die österreichischen, die französischen Zustände. Preußen
und das nicht österreichische Dentschland, kamen dabei so wenig
wie das Feuerland oder Grönland in Betracht. Man nahm
lebhaften Antheil an allen Erscheinungen der französischen
Literatur. Die Rerne äes ääenc monäes und alle irgendwie be-
deutenden französischen Journale waren Gegenstände der täg-
lichen Unterhaltung. Man hatte dabei, namentlich die zahl-
reichen Russen, die sich in der Gesellschaft befanden, eine aus-
gesprochene Vorliebe für jene Art von Sozialismus, wie sie
sich in den französischen Romanen kundgab; aber über Das,
was sich Soziales in der nächsten Nähe zutrug, glitt man
leicht hinweg.
Der Einfluß der Geistlichkeit war allmächtig, und die
vornehmsten Prälaten verschmähten es nicht, ihren Vortheil,
wie ihre Zuneigungen und Abneigungen bis in die intimsten
Angelegenheiten des Familienlebens geltend zu machen. Ein
sehr merkwürdiges Bild von diesem Einfluß der Geistlichkeit,
wie von dem Leben in den aristokratischen Familien und in
den von der Aristokratie begünstigten und für ihre Mitglieder
benutzten Klöstern, bieten die Memoiren einer Nonne dar, der
Gräfin Henriette Caracciolo, die sie veröffentlichte, als Neapel
in das neue Königreich Jtalien aufgenommen und die Klöster
aufgehoben worden waren. Sie hat sich später mit einem
bürgerlichen Advokaten verheirathet.
In Sizilien aber sah es, wie man mir in dort lebenden
deutschen und sehr gebildeten Familien berichtete, mit den
Sitten der begüterten Familien und des Adels noch weit
schlimmer aus. Die ärgsten Ausschreitungen gegen die Sittlich-
keit waren in den Familien gang und gäbe. Mann und
Frau hatten gelegentlich ihre Geliebte und ihren Liebhaber
unter irgend welchem annehmbaren Titel zu ständigen Haus-

- PZH -
genossen. Die partis guarrss war vollständig eingerichtet. Der
Hausgeistliche und Beichtvater machte den Vertrauten und
Vermittler zwischen den verschiedenen Theilen, und weil Jeder
seines Beistandes bedürftig war, und namentlich die Frauen
darauf hielten, sich ihre Sünden vergeben zu lassen, war der
Einfluß der Geistlichkeit, die durch den geradezu noch heidnischen
Aberglauben in den unteren Volksschichten unbedingt herrschte,
auch in den begüterten Familien fest begründet; um so mehr,
als auch unter den Frauen der wohlhabenden Stände die
Unwissenheit unglaublich war.
Indeß trotz der sinnlichen Genußsucht, trotz der sehr ver-
breiteten Sittenverderbniß, troz der Unwissenheit und Gedanken-
losigkeit der großen Mehrzahl, gab es in Neapel einen Kreis
von Männern und Frauen, in denen die Erinnerung an die
von den Bourbonen mit Schwert und Strick niedergeworfene
Revolution nicht erloschen war. Es lebten noch die Angehörigen
der Männer, welche die blutdürstige Reaktion an den Galgen
und auf den Hochgerichten hatte sterben lassen. Ihr Gedächtniß
war treu und fest, und das ,hunge Jtalien' hatte seine An-
hänger und Mitglieder vom Fuß der Alpen bis zum Meere.
Hie und da tauchte, wenn man mit gebildeten Adeligen oder
mit Personen aus den bürgerlichen gebildeten Kreisen, mit
Aerzten, Gelehrten, Kaufleuten zusammentraf, ganz unerwartet
und ganz rücksichtslos eine das Gouvernement oder die Geist-
lichkeit bittertadelndeAeußerung, ja eine fluchende Verwünschung
derselben auf. Im niedern Volke sprach sich die Unzufriedenheit
mit den Zuständen meist in einer Sehnsucht nach der frühern
Franzosenzeit, nach der Regierung Joachim Murat's aus, der
im Munde des Volkes nur als ,der brave Gioaccchino'' lebte,
und der, weil er durch die verhaßten Bourbons erschossen
worden, sich für das Bewußtsein der Menge halbwegs in einen
Heiligen verwandelt hatte.

= PZE -
Die Unsicherheit im Lande entsprach den übrigen Zuständen.
Die Regierung paktirte mit den Briganten, ohne sich, wenn
die Gelegenheit ihr günstig war, vor offenem Verrath an den
Briganten zu scheuen; und das Landvolk paktirte ebenfalls
mit ihnen, hielt ihnen aber aus Furcht dieZusagen besser als die
Regierung, und trat aus Abneigung gegen diese auf Seite
der Briganten, wenn es zwischen diesen und jener einmal zu
ernsten Zusammenstößen kam. Kurz, von den äußersten
Nordgrenzen des österreichischen Jtaliens bis hinab zu den
italienischen Inseln, überall die höchste Unwissenheit im Volke,
überall. Mißregierung, überall Mißtrauen und Mißwollen
zwischen den Herrschern und den Beherrschten; und über sie
Beide mächtig, eine selbstsüchtige, habsüchtige, einzig auf ihre
Zwecke gestellte Geistlichkeit, aus welcher denn hie und da, wie
Sterne aus tiefer Nacht, einzelne erhabene Charaktere auf-
tauchten: Männer, in denen eine ideale Auffassung des Christen-
thums und ihres Berufes neben einer begeisterten Liebe für
ihr Vaterland lebendig war.
Natürlich wurden diese von ihren geistlichen Vorgesettten
mit Unerbittlichkeit verfolgt, wie das Leben eines der bedeu-
tendsten unter ihnen, des bolognesischen BarnabiterMönches
Hugo Bassi es beweist, dessen Auftreten in die ersten dreißiger
Jahre dieses Jahrhunderts üel, und der schon damals dem
Gedanken an die Einheit Jtaliens von der Kanzel Worte zu
geben wagte. Stahr hat einen Lebensumriß des im Jahre
1819 am 1. August von den Oesterreichern standrechtlich er-
schossenen und als Märtyrer gestorbenen Mannes, in unserm
gemeinsamen Buche: ,Ein Winter in Rom'' geliefert, der für
die Tyrannei jener Tage ein allseitiges und sehr sprechen-
des Zeugniß bietet. -- Diese Tyrannei der Kirche gegen
ihre Diener kann und wird aber nicht enden, so lange die

PZ? -
Kirche besteht, denn sie ist für dieselbe Bedingung ihres
Bestehens.
Ich hatte Neapel verlassen, und war von der mir be-
freundeten Famile des Kammerherrn Baron von Schwanen-
feld eingeladen, zu ihr nach Ischia gegangen, als uns die
Nachrichten von dem Tode des Papstes Gregor des R..
von der Erhebung des Kardinals Mastai Ferretti auf den
päpstlichen Thron erreichten; und noch erinnere ich mich sehr
deutlich der Freude, mit welcher die ersten Regierungsakte
des neuen Papstes in Jtalien aufgenommen wurden.
Namentlich in Neapel - ich brachte über ein halbes
Jahr in Neapel und in seinen Umgebungen zu -= wo die
Kerker voll von politischen Gefangenen waren, riefen die
Amnestie, mit welcher der neue Papst seinen Regierungs-
antritt bezeichnete, wie die Verheißung grüündlicher, im Sinne
der Freiheit zu machender Reformen eine wahre Begeisterung
hervor. Wie man es von Carlo Alberto seiner Zeit be-
hauptet, daß er in seiner Jugend ein Mitglied der in der
Mitte der zwanziger Jahre untergegangenen geheimen Gesell-
schaft der Carbonari gewesen sei, so wurde das Gleiche auch
von Pius dem l. geglaubt. Als dann nach dem Vorgange
des Papstes auch Carlo Alberto den Weg zu einer freiern
Gestaltung der Staatsverhältnisse betrat, wurden jene Gerüchte
fir die leichtbewegliche, schnell entzündete Phantasie des Volkes
eine Neberzeugungssache, und man erwartete von dem neuen
Vapste nicht mehr und nicht minder, als daß er, der ver-
kündete Nachfolger Christi, nun der Erde den Beginn des
tausendjährigen Neiches und das goldene Zeitalter bringen
werde. Tie Begeisterung für ihn war so groß, daß selbst
sehr arme Männer und Frauen auf Ischia die ersten mit
dem Bilde des ,Wohlthäters der Menschheit'' geprägten

==- PZZ =
Silberstücke, deren fie habhaft wurden, nicht für ihren Bedarf
verwendeten, sondern sie durchschlagen oder mit Henkeln ver-
sehen ließen, um sie als Amulete um den Hals zu hängen.
Und in der That, man darf behaupten, das Pius K.
mit idealistischen Gedanken auf den Thron des heiligen
Vaters gestiegen ist, daß ihm Etwas wie die Rolle eines
neuschaffenden Weltbeglückers vorgeschwebt, als er sich die
dreifache Krone auf das Haupt gesetzt hat. Jett, wo man
seine nahezu zweiunddreißigjährige Regierungszeit im Ganzen
überschauen kann, tritt für mich jene Aehnlichkeit zwischen
seinem Charakter und dem Charakter des Preußenkönigs
Friedrich Wilhelm ., die uns in dem Aeußern der beiden
Herrscher gleich damals aufgefallen war, in überraschender
Weise hervor, und diese äußere Aehnlichkeit war noch größer
geworden, da wir den Papst in Rom zwanzig Jahre später
als Greis wiedersahen. Es waren dieselbe Feinheit der
ursprünglichen Gesichtsformen, die weiche, fast weibliche Fülle
der Wangen und des Kinnes, die frischen Farben, das geist-
reiche und spöttische Lächeln, und der bei aller Freundlichkeit
unverkennbar stolze Ausdruck beiden Herrschern gemein; wie
sich die Erkenntniß von den Ansprüchen des neunzehnten
Jahrhunderts in Beiden mit einer ganz orthodoxen Glaubens-
richtung zusammenfand, welche, im Mittelalter wurzelnd, in
Einem wie in dem Andern die Neberzeugung erweckte, daß
sie an ihre, ihnen direkt von Gott zugewiesene Machtvoll-
kommenheit nicht rühren lassen dürften; daß sie bestimmt
seien, das Ideal königlicher und päpstlicher Würde darzu-
stellen, nach dem Bilde, welches sie selber von diesem Ideale
in sich trugen. Sie traten Beide mit einem durchaus persön-
lichen Akte ihrem Volke entgegen. Beide viel versprechend,
große Hoffnungen durch ihre ersten Aeußerungen erregend,
Beide begierig nach jener Liebe des Volkes, welche persönliche

- 1Zß -
Einwirkung auf die Massen und persönliche Berührung mit
dem Einzelnen verleihen; und Beide sofort erschreckend, als
die von ihnen beherrschten Völker sich geneigt zeigten, sie
beim Wort zu nehmen und die Umsetzung der unbestimmten
Zusagen in Zugeständnisse zu verlangen, wie das jetzige
Bewußtsein der Völker sie für die Theilnahme an der Macht,
für die konstitutionelle Mitregierung fordert. Selbst die
Neigung, denjenigen Männern in Person zu begegnen, welche
sich zu den Organen der den Regenten nicht mehr erwünschten
Freiheitsforderungen machten, fand sich bei Pius K. wie
bei Friedrich Wilhelm 1.; und wenn ich auch weit davon
entfernt bin, den als Märtyrer im Kampfe für die über-
wundene römische Republik untergegangenen Hugo Bassi mit
dem Dichter der Lieder oines Lebendigen zu vergleichen, so
war die Idee, in welcher der König den damals gefeierten
Dichter vor sich kommen ließ, dem Gedankengange sicher
ähnlich, der den Papst bestimmte, Hugo Bassi zu sich zu be-
scheiden. ,Wir wollen ehrliche Feinde sein!r hatte der König
gesagt, als er Herwegh nach längerm Zwiegespräch entließ.
,Welch ein edles Herz ist Pater Bassi!r rief der Papst aus,
nachdem er den jungen BarnabiterMönch mnter Thränen der
Rührung umarmt hatte. Aber weder die Freiheitsideen des
Dichters, noch die erhabenen Ziele des Mönches waren nach
dem Sinn der beiden ,Selbstherrscherr und Beide scheiterten,
wie Stahr es von Friedrich Wilhelm M. in seiner Geschichte
der preußischen Revolution genannt hat, an dem unlösbaren
Problem: zu geben ohne aufzugeben! -
Beide wurden durch Das, was sie den Undank des
Volkes nannten, jedem, auch dem gerechtesten Verlangen des
Volkes feindlich; und während sie selber dazu beigetragen
hatten, die Bewegung in den von ihnen regierten Völkern
zu erzeugen, kamen sie dahin, diese Bewegung plötzlich hemmen

-= 1g --
und stauen zu wollen, und die Revolution heraufzubeschwören,
durch den in das Leben getretenen Gegensatz der Volksideen
und ihrer eigenen Ideen von Volksbeglückung durch des
Fürsten Gnade. Wäre Friedrich Wilhelm 1. Katholik ge-
wesen, hätte er statt des Throns von Preußen den päpstlichen
Thron eingenommen, so hätte er auch allmälig aus einer
mißverstandenen kirchlichen Auffassung von dem gottgegebenen
Beruf des Herrschers, dahin gelangen können, an die
Infallibilität des Gesalbten zu glauben und sie, wenn er die
Macht dazu besessen hätte, zum allgemeinen Glaubenssatze
erheben zu wollen.
Im Herbste des Jahres 1S4s, als ich Jtalien verließ,
war aber der Glaube an Pius lK. noch in seiner ersten
Zuversicht, und wohin ich auf meiner Durchreise durch Jtalien
kam, überall hörte man Aeußerungen der Bewunderung und
der Verehrung über und für ihn; üüberall hoffte man durch
ihn zu einer Wiedergeburt Jtaliens zu gelangen.
Auch auf dem Dampfschiffe, welches uns von Neapel
nach Livorno brachte, und auf welchem sich eine nicht unbe-
trächtliche Anzahl von gelchrten Jtalienern befand, war viel
von den Hoffnungen die Rede, welche man für die Zukunft
Jtaliens hegte, das man auch in dieser Gesellschaft bereits
als eine Einheit zu betrachten anfing. Es waren zum großen
uheil Männer, welche sich zu einer der ,Gelehrtenversamm-
lungen begaben, die von dem Fürsten Carlo Canino, dem
ältesten Sohne Lucian Bonoparte's, begründet worden waren,
und in denen sich mehr und mehr die italienischen Patrioten
zufammenfanden, kennen lernten, und für die Einigung ihres
Vaterlandes vorzubereiten begannen.
Der Zufall fügte es, daß der Prinz und sein Begleiter
meine Tischnachbarn waren. Ter Prinz war damals ein
Mann gegen das Ende der vierziger Jahre, mittelgroß und

b- PI -
stark wie alle Bonoparte's; und auch sein Gesicht zeigte den
scharf ausgeprägten Typus des Geschlechtes. Es war von
den allgemeinen politischen Zuständen Europa's, von der
religiösen Bewegung in Deutschland, von den Lichtfreunden,
den Deutschkatholiken, von den Aussichten auf eine konstitutio-
nelle Gesetgebung in Preußen die Rede. Der Prinz sagte,
daß er sich für deutsche Literatur interessire, daß seine Gattin
-- sie war eine Tochter des Prinzen Joseph Bonoparte -
unserer Sprache mächtig sei und Schiller'sche Dramen in das
Jtalienische übersetzt habe. Auch der junge Begleiter des
Prinzen, Ur. Luigi Masi, der ihm bei seinen wissenschaftlichen
und literarischen Arbeiten zur Hand ging - der Fürst von
Canino war Zoolog- nahm an diesen Unterhaltungen in
einer sehr geistreichen, oft mit schlagenden Einfällen und
Worten entscheidenden Weise Theil. Er mochte kaum in der
Mitte der Zwanziger sein, war eher klein als groß, schlank
und beweglich; und die gemeinsame Fahrt hatte uns so viele
gute Stunden geboten, daß ich, nur durch die Nothwendigkeit
dazu gezwungen, darauf verzichtete, nach dem Vorschlag dieser
Reisegefährten bis Genua mitzugehen und der Gelehrtenver-
sammlung beizuwohnen, statt in Livorno zu landen.
Beide Männer sah ich danach nicht wieder. Der Prinz
starb 185s, aber seinen Sohn, den Kardinal Bonwparte,
Groß-Almosenier des Papstes, zeigte man mir zwanzig Jahre
später bei einer der großen Funktionen im Sankt Peter, und
erwähnte dabei, er stehe bei Pius K. in besonderer Gunst,
was man als bedrohlich ansah.
Nur von Pr. Masi hörte ich in Zwischenräumen wieder.
Er schrieb mir ein paar Mal, schickte mir später einzelne
Blätter eines von ihm begründeten politischen Journals, dann
verschwand er aus meinem Gesichtskreis, bis ich ihn in den
Kriegen für die italienische Freiheit und Einheit unter den

- TL --
hervorragenden Offizieren genannt fand. Und am W. Oktober
1870 war er es, General Masi, der an der Spitze der
italienischen Armee den Einzug hielt in die, dem Vater-
lande wiedergegebene alte unvergleichliche Tiberstadt, in die
ewige Roma.
Viele Jahre waren vergangen, wir waren viel herum-
gekommen, Jtalien hatten wir nicht wiedergesehen; aber wir
waren seiner Entwickelung mit unausgesetter Theilnahme ge-
folgt, als wir im Herbst des Jahres 1858 in Paris in dem
Hause Daniel. Stern's der als Geschichtsschreiber bekannten
und bedeutenden Gräfin Marie d'Agoults, dem ehemaligen
Diktator Venedigs, Daniello Manin begegneten.
Auch sein Auftreten hatte sich an die italienischen Ges
lehrten-Gesellschaften geknüpft, in welchen er mit der in seiner
advokatorischen Praxis erworbenen Gesetzkennmiß und Geschick-
lichkeit der österreichischen Regierung eine sehr feste und ent-
schiedene Opposition zu machen begonnen hatte. Aber von dem
Laufe der Ereignisse, welche er schaffen geholfen, weit und weiter
fortgetragen, hatte er am E. März 14S die österreichische
Herrschaft in Venedig gestürzt, später die Diktatur in Venedig
ausgeübt, und die Stadt heldenmüthig gegen die unverhältniß-
mäßige Nebermacht der esterreicher vertheidigt, bis Hunger
und die in der Lagunen - Stadt wüthende Cholera ihn am
. August 14 zur Nebergabe derselben genöthigt.
Als wir Manin sahen, lebte er in großer Zurückgezogen-
heit in Paris, sein und seiner kranken Tochter Dasein mit
dem Ertrag des Unterrichtes fristend, den er als Lehrer der
italienischen Sprache ertheilte. Seine Frau war ihm gleich
bei seiner Ankunft in Frankreich, sein treuester Freund am
Vorabend seines Scheidens aus der Vaterstadt gestorben. Er

JZ -
selbst war krank an einem Herzübel, das ihn im Jahre 185?
hinraffte. Aber obschon man seinem bleichen Antlitz die
Spuren des Leidens, seiner breiten, von langem, schwarzen
Haar umwallten Stirn die Gedankenarbeit seines mächtigen
Geistes ansah, war nichts Nervöses oder Aufgeregtes in seiner
Erscheinung oder in seiner Ausdrucksweise zu bemerken. Er
war im Gegentheil so gehalten und ruhig, so sanft bestimmt
in Allem, was er sagte und wie er's sagte, daß man kaum
den Südländer und noch weniger die Abstammung von einer
jüdischen Familie in ihm vermuthen komnte. Er war eine
nicht eben große, breitschulterige Gestalt, welcher der kräftige
Kopf auf kurzem Halse saß, was an ihm den Ausdruck von
Festigkeit erhöhte. Die Nase war stumpf, der Mund ziemlich
groß, die starken Lippen fest und energisch geschlossen, das
Kinn sehr kraftvoll. Stehend, legte er beim Sprechen die
Hände öfter auf den Rücken zusammen, was immer ein ge-
wisses in sich selbst Beruhen anzeigt; aber wenn er sich im
Sitzen zu der mit ihm sprechenden Person hinüberneigte,
wurde seine Physiognomie sehr weich, sein Mienenspiel belebt,
und seine Züge so sanft wie seine Worte.
Mild und versöhnlich war auch seine Politik; oder soll
ich sagen das Bild, das er sich von der durch fortschreitende
Gesittung umgestalteten Zukunft Europa's machte, war ein
friedliches und schönes. Er sprach mit schmerzlicher Resig-
nation von dem augenblicklichen Schicksal seines Vaterlandes,
hörte antheilvoll, was Stahr ihm über die in unserer Heimat
damals herrschende Reaktion berichtete, und sagte, als der
Letztere ihn an einem der folgenden Tage in seiner Wohnung
auffuchte - ich schreibe diese Worte nach Stahr's Aufzeich-
nungen in seinen ,HerbstMonaten in Oberitalien'? - ,Ge-
ran R arrA aaa

== IIg -
kung der heimischen Reaktion, von der Sie sprechen, läßt sich
immer Etwas thun, man darf nur nicht müde werden. E
giebt eine Wahrheit, die man ohne Gefahr verfechten kann,
und diese Wahrheit, in welcher die ganze Zukunft Jtaliens
enthalten ist, lautet für Deutschland: Was Du nicht willst,
daß man Dir thue, das thue selbst keinem Andern! Sie
wollen eine unabhängige Nation werden, wir auch. Nationen
aber sind Individuen wie wir Einzelne. Das Wohlergehen
und die Unabhängigkeit, Bildung und Selbstherrlichkeit der
einen Nation, kann daher nie ein Hinderniß, sondern nur
eine Förderung des Wohlergehens und der Unabhängigkeit,
der Bildung und Selbstherrlichkeit der andern sein. Predigen
Sie und Ihre Freunde diese Wahrheit! Sie ist das Funda-
ment der neuen Zukunft für alle Völker Europa's, wie sie
die Erfüllung des Christenthums ist, das man durch die
jetzige politische Praxis der Herrschaft und des Einflusses ver-
leugnet, während man es mit den Lippen bekennt!
Manin tarb zwei Jahre danach! Er hatte gewußt,
weshalb er, der italienische Patriot, den Beistand stolz zurück-
gewiesen hatte, den der Kaiser der Franzosen, und ebenso
verschiedene französische Bürger ihm persönlich in seiner
Armuth angeboten hatten. Er hatte es nicht vergessen, daß
es die französische Republik gewesen war, welche der freien
Entschließung der Jtaliener, sich nach ihrem Verlangen üaat-
lich einzurichten, überall und zu allen Zeiten aus selbst-
süchtigen Gründen entgegen getreten war. Er hatte weder
vergessen, was die erste Republik an Venedig, noch was die
zweite gegen Rom gesündigt hatte; und er verschmähte es,
Hülfe von dem neuen Kaiser der Franzosen anzunehmen, der
in Frankreich jene Politik der unberufenen Einmischung in
die Entwickelung der anderen Nationen, welche Manin als
eine unchristliche Politik bezeichnete, mit leichtsinniger Ver-

IH -
messenheit bis zu dem Gipfel führte, von dem er endlich
selber niedergeworfen werden mußte.
Im Jahre 185S aber, als wir zwölf Jahre nach unserm
ersten langen Aufenthalte in Jtalien, wieder einmal die Alpen
überschritten hatten, war der französische Einfluß in Jtalien
in vollster Blüthe, und diente, je nachdem es den Planen der
französischen Regierung paßte, in Sardinien der geistigen und
nationalen Befreiung, in Rom der, diese beiden Strömungen
niederhaltenden päpstlichen Tyramnei:
Außer in dem Königreich Sardinien war die Freiheits-
bewegung der Jahre 148 und 1O in ganz Jtalien nieder-
geworfen, der Druck, der auf den verschiedenen Ländern
lastete, schwerer als zuvor, das Mißtrauen der Fürsten, der
Haß der Völker tiefer als je. In Sicilien und in Neapel
war die Reaktion unerbittlich, die Verfolgung aller in der
Freiheitsbewegung betheiligt Gewesenen von schonungsloser
Grausamkeit.
Der Papst seinerseits hatte es seinen Unterthanen nicht
vergessen und vergeben, wie sie ihn gezwungen, nach Gasta
zu fliehen. Die Franzosen, welche ihn wieder in seine Staaten
eingesetzt hatten und zu seinem Schutze im Lande geblieben,
waren die Herren und Gebieter im Lande. Die Jesuiten
übten im Vatikan eine besondere geheime Herrschaft aus.
Das hoffnungsreiche: Eeeieu Mo K., das uns durch ganz
Jtalien umtönte, als wir die Halbinsel einst verlassen, war
längst verstummt. Schon in Chur, noch ehe wir in Jtalien
eingetreten waren, hatten wir die dort beschäftigten nord-
italienischen Steinmetzen im Abenddämmerlichte italienische
Freiheitslieder singen hören. Die Namen Cavour, Victor
Emanuel und Garibaldi waren an die Stelle von Pius K.
getreten.
Wir machten zuerst einen Aufenthalt am Comersee, in
F. Le nald, Reisebriefe.

=- PIH ==
einem jetzt eingegangenen sehr angenehmen Gasthof am öst-
lichen Ufer des Sees, in Cadenabbia. Das Haus war fast
ganz von Jtalienern, von Mailändern und Bewohnern der
Brianza eingenommen, welche dort die Herbstvilleggiatur den
September und Oktober hindurch genießen wollten. Es waren
keine adeligen Familien darunter, die Gesellschaft bestand aus
Kaufleuten, Advokaten und anderen studirten Männern mit
ihren Frauen und Kindern. Wir waren die einzigen Deutschen
unter ihnen, und unsere Theilnahme an dem Schicksal Jtaliens
machte uns bald heimisch in ihrem Kreise. Die politische
Lage ihres Vaterlandes war das tägliche Gespräch. Niemand
hatte es jetzt noch ein Hehl, wie fest man entschlossen sei, die
österreichische Herrschaft sobald als möglich abzuschütteln und
den Anschluß an das Königreich Sardinien durchzusetzen. Daß
zu diesem Zwecke Verbindungen und Vorbereitungen im Lande
vorhanden waren, das sagte Niemand; aber es fiel uns nicht
shwer, zu bemerken, wie bald hier, bald dort eine Zusammen-
kunft gehalten wurde, wie die Männer unter dem Vorgeben
von Jagd - und Fischfangspartien spät am Abend in das
Boot stiegen und im Morgendämmer wiederkehrten, wie oft
Besuche von den verschiedensten Gegenden plötzlich zu der
gleichen Zeit bei unseren Hausgenossen eintrafen; und mehr
als einmal fielen uns die Worte Freytag's ein, die er so
charakteristisch in seinem ,Soll und Habenr von den polnischen
Edelleuten sagt: ,Sie reiten zusammen und reiten von ein-
ander.?
Endlich sprach auch einer der jungen Männer, wenn
schon vorsichtig, es gegen uns aus, daß sich Etwas vorbereite,
und wie die halben Versöhnungsmaßregeln der österreichischen
Regierung, ebenso wie die Anstrengungen, welche der Erz-
herzog Maximilian als Generalgouverneur des Lombardisch-
Venetianischen Königreichs fortdauernd mache, die Neigung

=== Pg? --
und das Zutrauen der Mailänder zu gewinnen, ohne alle
Wirkung blieben.
,Es giebt für uns keine Versöhnung mit Oesterreich
mehr !r sagte er und sagten Alle. Er erzählte uns, wie der
Kaiser Franz Joseph und die schöne Kaiserin im November
von 156 in Mailand eingezogen waren, wie die Kaiserin
die italienischen Farben, ein grünes Kleid und einen weißen
Hut mit dunkelrothen Bändern getragen habe, wie aber außer
den Straßenbuben und einigem von der Polizei zusammen-
gebrachtem Volke kaum ein Jtaliener auf den Straßen gewesen
sei, die Landesbeherrscher zu begrüßen. Man hatte die Laden
der Fenster geschlossen, kein Bürger hatte sich sehen lassen, es
hatte todtes Schweigen auf den Straßen geherrscht, die Stadt
hatte ausgesehen, als wäre sie ausgestorben. Hinter den
Jalousieen verborgen, hatten die Frauen es beohachtet, wie
bleich die Kaiserin, wie finster der Kaiser ausgesehen; und
als Abends auf Befehl der Polizeibehörden die Häuser er-
leuchtet werden mußten und die kaiserlichen Herrschaften einen
Umzug hielten, die Jllumination zu betrachten, war der Ein-
druck der menschenleeren Straßen noch schrecklicher als am
Tage gewesen. Auch der längere Aufenthalt des kaiserlichen
Paares in Mailand hatte zur Verbesserung der Stimmung
nichts gefruchtet, und ebenso war es geblieben, seit der
Erzherzog Maximilian mit seiner Gemahlin in Mailand
residirte.
Er hatte bald nach seiner Ankunft einen Versuch gemacht,
sich den Adel durch sein Entgegenkommen zu gewinnen.
Radetzky hatte seiner Zeit das Kasino des Adels, welches der
Scala gegenüber gelegen war, in eine Kaserne verwandeln
lassen. Der Erzherzog gab es gleich nach seiner Ankunft der
Gesellschaft zurüc, die es besessen hatte, und sie ging sofort
heran, es wieder für ihre Zwecke, und zwar glänzender noch
p

PIK -
als zuvor, einrichten zu lassen. Die neue Einweihung sollte
mit einem Feste begangen werden, zu welchem man bereits
die Vorkehrungen traf. Da sprach der Erzherzog in verbind-
licher Weise das Verlangen aus, Mitglied des Klubs zu
werden, und an dem folgenden Tage löste die Gesellschaft sich
als solche auf und man vermiethete das Gebäude einem
Kaffee- und Speisewirth. - Solcher Züge gab es die Menge.
Als wir derselben bald danach gegen einen unserer deutschen
regierenden Fürsten Erwähnung thaten, konnte er sie durch
persönlich in Mailand gemachte Erfahrungen vermehren. Er
war in Mailand in dem nämlichen Jahre mit einem seiner
Vettern, der als Militär in österreichischen Diensten stand,
zu Pferde auf der Abendpromenade gewesen, hatte dort eine
auffallend schöne Frau in offenem Wagen halten sehen, den
Prinzen um ihren Namen gefcagt, und da dieser die Schöne
kannte, ihr vorgestellt zu werden gewünscht. ,Das kann ich
nicht machen!r hatte der Prinz entgegnet. ,Ich bin ihr auf
dem Balle vorgestellt worden, den der Kaiser hier gegeben hat
und den die Damen besuchen mußten. Als ich sie später auf
einem Balle bei dem Herzog von Litta angeredet und einen
Tanz von ihr gefordert habe, hat sie sich kurz weg von mir
abgewendet. Sie ist eine leidenschaftliche Patriotin und spricht
mit keinem Deutschen!r
Als wir dann selbst nach Mailand kamen, wo immer noch
die ,feindlichen Patrouillen' sich Morgens und Abends durch
ihre Umzüge kund gaben, wiederholten österreichische Offiziere,
mit denen wir ein paar Mal in einer kleinern deutschen Speise-
wirthschaft neben der Brera unsern Mittag zusammnen gegessen
hatten, uns Alles, was die Jtaliener über ihr Verhältniß zu
den Oesterreichern berichtet hatten. Sie bezeichneten ihren
Aufenthalt in Mailand als etwas äußerst Drückendes. Jn
keine italienische Familie gönnte man ihnen Zutritt. Man ver-

= JPß-
mied die Kaffee's und die Orte, welche das Militär besuchte.
Man hatte - und darin lag eine Charakterstärke und eine
Bürgschaft für die künftige Befreiung -- die Mißhandlungen
nicht verziehen, welche die italienischen Patrioten von der öster-
reichischen Regierung erlitten hatten. - Man zeigte uns dies-
mal bereitwillig den öden finstern Bau, die Gefängnisse von
Sta. Margherita in der Contrada di Sta. Margherita. Die
Leiden Pellico's und Maroncellis; die Stockschläge, welche
man Giacomo Ungarelli zuerkannt, waren ebenso wenig ver-
gessen, als die jedes Gefühl empörende Behandlung, welche
italienische Frauen in der letzten Revolution durch die Oester-
reicher erlitten hatten. Wir verließen Mailand mit der
festen Neberzeugung, daß vor der zornigen Entschlossenheit
der Jtaliener die österreichische Herrschaft in Jtalien nicht mehr
lange bestehen werde.
Bei der Fahrt über das Schlachtfeld von Novara hatten
wir im Eisenbahnwagen einen lombardischen Fabrikanten
und einen jungen Grafen Borromeo, einen hübschen noch
knabenhaften Jüngling, mit seinem geistlichen Erzieher zu
Gefährten. Der prachtvolle Komet jenes Jahres stand in aller
Herrlichkeit am Himmel und es kam die Rede darauf, daß das
Volk jetzt noch, wie in früheren Zeiten, den Vorboten großer
Ereignisse und Kriegsgefahren in demselben erblicken wolle.
, Eh! wer weiß!r rief der Fabrikant, ein großer, breitbrustiger
Mann, ,das Volk könnte Recht haben! wer weiß, was kommt?
Aber es ist nicht das Volk, das bei uns auf solche Einfälle
geräth, denn das Volk macht sich bei uns noch gar keine
Gedanken; es sind die Pfaffen, die es ihm in den Kopf setzen
und dem Volke einbilden, sie könnten es wegbeten, daß der
Schwanzstern die Erde berührt. Die Pfaffen schlagen Geld
aus Allem und die Regierung stützt sich auf die Pfaffen!r
rief er mit bitterm Lachen und erging sich dann ganz

= JH -
rückhaltlos in dem Aussprechen seiner antikirchlichen und
antideistischen Ansichten, so daß wir namentlich seinen Spott
gegen die Geistlichkeit in Gegenwart eines Geistlichen, der im
Beisein seines Schülers es nicht wol zu einem Streite über
diese Dinge kommen lassen, und eben so wenig sich mit dem-
selben aus dem dahinsausenden Waggon entfernen konnte,
als eine Unschicklichkeit und Grausamkeit empfanden. Aber
wohin man damals in Ober - Jtalien blickte und hörte, der
Haß und die Empörung gegen die bestehenden Zustände waren
bis zu einem Grade gestiegen, bei dem Jeder, so zu sagen,
die Scheide fortgeworfen und das Messer in die Hand ges
nommen hatte.
Es war nls ob man in eine andere Welt käme, so wie
man den Fuß auf den Boden des Königreichs Sardinien setzte
Alles war fortgeschritten in dem Lande. Genua war eine
ganz andere Stadt geworden. Während uns in Mailand ver-
schiedene deutsche und schweizer Kaufleute gesagt hatten, daß
man dort wie auf einem Vulkane in völligster Ungewißheit
über die Ereignisse des nächsten Tages lebe, und selbst ihr
bedeutender Einfluß uns auch damals noch nicht über die
Weitläufigkeiten forthelfen konnte, welche das Zollamt und
die Zensur uns bei der Ankunft der uns nachgesendeten
Korrekturbogen in den Weg gestellt, lagen in Genua auf den
Verkaufsständern der Straßenbuchhändler und Antiguare alle
die Schriften aus, welche in dem österreichischen Jtalien streng
verboten waren. Neberall. standen junge Geistliche, Soldaten,
ja selbst Knaben vor den Tischen dieser Buchhändler, lesend
und kaufend nach freier Wahl; und wohin man sich fragend
wendete, von den Chefs der großen deutschen Handlungss
häuser, von dem Hotelbesitzer bis zu dem Soldaten, der neben
uns im Kaffeehause saß, und bis zu dem Schiffer, der uns
in das Meer hinausfuhr, war Alles darin einstimmig, daß es

- Phh -
besser im Lande geworden sei. Es sei gut, daß die Kinder
jetzt alle lesen und schreiben und noch mehr als das in den
Schulen lernten. Selbst der Krieg -- der Krimkrieg -
habe das Land nicht geschädigt, weil neue gute Gesetze sein
Emporkommen möglich gemacht; und überall' war der Glaube
felsenfest, daß bald noch ganz andere Dinge gescheben, und
daß es im übrigen Jtalien auch bald anders werden würde.
Man hatte zu diesem Glauben guten Grund. Der sardinische
Staatsmann, Graf Cavour, welcher nach dem als Politiker,
als Maler und als Schriftsteller bedeutenden Marchese Massimo
d Azeglio an das Ruder des Staates gekommen war, hatte
von der einen Seite, der im Exil lebende ehemalige Diktator
Venedigs, Daniello Manin von der anderen Seite, den Ge-
danken angeregt, daß Jtalien nur durch Anschluß an das
bereits bedeutend gewordene, konstitutionell regierte Königreich
Sardinien, zur Einheit und Freiheit gelangen könne. Der
italienische Nationalverein war begründet worden. DenBeistand
Frankreichs gegen Oesterreich hatte sich Sardinien durch die
Heereserfolge im Krimkriege erkauft, die Armee hatte sich
versuchen, das Volk sich fühlen lernen.
,Wenn Sie in ein paar Jahren wiederkommen, wird
Vieles anders geworden sein!? hatten unsere Freunde in
Mailand, am Komersee und in Bergamo gesagt, und sagten
in Genua zuversichtlich lächelnd die Lffiziere, mit denen wir
bekannt geworden waren. Und in der That, es wurde an-
ders und in allerkürzester Frist.
Wir hatten Jtalien im Spätherbst von 158 verlassen.
Im Frühjahr von 159 wurden mit dem Beistand der Fran-
zosen die Schlachten von Magenta und Solferino gegen die
Oesterreicher siegreich ausgefochten. Die Lesterreicher hatten
die Lombardei geräumt und waren bis zum Mincio zurück-
gedrängt. Der Großherzog von Toskana, die Herzogin-Regentin

= PI? --
von Parma (Mdarie Louise, die Wittwe Napoleon's l. waren
durch Revolutionen aus ihren Ländern vertrieben worden,
die Romagna hatte sich von der päpstlichen Herrschaft befreit.
Jn Reapel, wo König Ferdinand gestorben und sein Sohn
Franz ll. ihm gefolgt war, hatten die Schweizergarden wegen
Empörung aufgelöst werden müssen; und auch aus dem süd-
lichen Jtalien blickte Alles hoffnungsvoll nach Norden hin. wo
Vichor Emanuel, begleitet und geleitet von Rapoleon Ül. am
i. Juni 159 in Mailand seinen Einzug gehalten hatte, wo
der Friede von Villafranca die Einigung Jtaliens und die
Macht des Königs von Sardinien wesentlich gefördert hatte.
Aber wie der Reisende Sindbad im orientalischen Mär-
chen, so hatte das wachsende und fortschreitende Jtalien von
da ab, und bis zum Tage von Sedan, seinen bösen Dämon,
die Abhängigkeit von Frankreich, in Gestalt Napoleon's des
Dritten, auf feinem Nacken siten, und wurde von ihm in
freier Bewegung gehemmt, zu Scheinhandlungen und Halb-
heiten gezwungen. Ja es war sogar genöthigt worden, die
Vortheile und Provinzen, welche es esterreich abgewonnen
hatte, als Geschenke aus der Hand Napoleon's des Dritten zu
empfangen; und diese anscheinenden Geschenke mit dem sehr
wirklichen Gegengeschenk von Savoyen und Nizza -- einen
Erwerb mit einem Verluste -= zu bezahlen.
Trotdem war Jtalien mächtig fortgeschritten, und als
wir im September von 16 wieder, und diesmal über den
Julier, nach Jtalien kamen, war das Königreich Sardinien
bereits zum Königreich Jtalien geworden.
Garibaldi hatte dem Könige Victor Emanuel das König-
reich Neapel erobert; aber Cavour, der Staatsmann, der
Jtaliens Denken, Wünschen und Hoffen in Thaten umgesest,
war todt. Unzufrieden und erbittert über das ,Salt !', wel-
ches Napoleon der Dritte dem italienischen Einigungswerk

== PHZ -
entgegengesett, hatte er sein Amt und die Führung des
Staates nach dem Frieden von Villafranca niedergelegt. Als
aber später, nach dem erfolglosen Kongreß zu Zürich, Jtalien
sich von seiner Abhängigkeit von Frankreich befreien zu wollen
schien, war er wieder an das Steuer getreten, hatte im Fe-
bruar von 16 das erste vereinigte italienische Parlament
eröffnet, und war mit höchster Energie auf dem Wege der
Neugestaltungen fortgeschritten, bis ihn eines jener heftigen
typhösen Fieber, die in Jtalien so schnell zerstörend sind, zu
Boden warf.
Der große Staatsmann Cavour war am S. Juni 16
gestorben; Jtalien hatte den größten Verlust erlitten, der es
in eben jenem Augenblick betreffen konnte. Die Trauer um
ihn war eine Landestrauer. Selbst in dem noch von Oester-
reich behaupteten Venedig stand man nicht an, ihr Ausdruck
zu geben. Patriotische Frauen aus den verschiedensten Stän-
den veranstalteten in Venedig eine religiöse Leichenfeier für
Eavour. Die österreichische Regierung zog sie dafür zur
Rechenschaft und setzte Geld- oder Gefängnißstrafen gegen sie
fest. Die vornehmsten unter diesen Frauen, eine Gräfin
Labbia, eine Signora GarettiGargnani, eine Signora Se-
condi, wählten die Gefängnißstrafe, obschon sie dieselbe unter
Verbrecherinnen abzubüßen hatten, und zahlten die ausgesetzte
Geldstrafe noch zum Nebrigen an die städtischen Armenkassen.
Man suchte die Gelegenheit, seinen Haß gegen Desterreich,
seine Liebe zum Vaterlande kund zu geben, und man kannte
aus vieljähriger Erfahrung die Macht der Demonstration,
die wir Deutsche noch immer unterschätzen.
Schon bei dem ersten Schritte in das Land hatte uns
an dem Grenzpfeiler das stolze ,keame ä' ltalia (Königreich
Jtaliens entgegengeleuchtet. Die zuvorkommende Leichtigkeit
und Freiheit der Zollbehörde, die weder unsere Pässe noch

= IZg -=
den Inhalt unserer Koffer zu sehen verlangte, sondern uns
mit dem freundlichen Wunsch einer glücklichen Reise passiren
ließ, hatte einen großen Gegensat zu den früheren öster-
reichischen Polizeiplackereien gebildet, und diese günstige Aen-
derung blieb sich an allen Orten und in allen Beziehungen
gleich.
Wir hatten zuerst einen Aufenthalt an den baummreichen
Ufern des Lago maggiore gemacht, waren darauf nach Maß-
land gegangen, um dortige Freunde wiederzusehen, und hat-
ten uns dann nach dem Comersee gewendet, an dessen aos=
lichem Ufer wir uns am Eingange des Sees von Lecco in
dem Städchen Varenna niederließen, weil wir dort ebenfalls
eine Weile in der Nähe befreundeter Personen zuzubringen
wünschten.
In Pgtennua, im Hause unserer Freunde, waren wir in
einem Kreise von Jtalianissimi. Der Herr des Hauses, Advo-
kat Venini, war zugleich Vorsteher des Ortes, seine Frau eine
hochgebildete, ja gelehrte und in den klassischen Sprachen
völlig bewanderte Frau, zugleich die tüchtigste Hausfrau, in
einfachster, fast ländlicher Kleidung im Kreise ihrer Mägde
schaffend und arbeitend. Da seine Geschäfte den Hausherrn
sehr in Anspruch nahmen, hatte die Mutter allein, ohne einen
Hülfslehrer, die beiden Söhne des Hauses in den Wissen-
schaften bis zu dem Punkte gebracht, der sie zum Eintritt in
die obersten Klassen eines Kollegiums berechtigte, aber der
Krieg von 59 hatte in den stillen Studien der Söhne eine
plötzliche Unterbrechung herbeigeführt. Heimlich und bei Nacht-
zeit war der laum dem Knabenalter entwachsene älteste Sohn mit
einem Freunde aus dem Vaterhause entflohen, um zu den
Freischaaren zu stoßen, welche Garibaldi am Comersee ver-
sammelt hatte. Die jungen Leute hatten das Boot des hart
am See gelegenen Hauses benutzt, waren in der Nacht ein

== PHJ -
Ende abwärts gerudert und dann zu Fuß durch das Gebirge
gegangen, bis sie den Sammelplat der Freischaaren erreicht.
Dort hatte Signora Venini den Knaben wieder eingeholt,
und man war zufrieden gewesen ihn der Mutter zurückzugeben,
weil er in der That noch nicht die Körperstärke für solche
Unternehmung besessen hatte. Aber er war ihr mit Wieder-
streben in die Heimat gefolgt, und sein kindisch pathetischer
Ausruf: wenn ich zu schwach bin, so ladet mich in die Kanone
und schießt mich gegen die Oesterreicher, damit ich ihnen doch
auch Schaden thue! hatte selbst den Kommandirenden gerührt.
Als wir nach Varenna kamen, war der junge Mensch
nicht mehr im Hause, sondern auf einer Militärakademie,
und der andere, für eine gelehrte Laufbahn bestimmte
Sohn, ordnete in den oberen Zimmern der Villa die
Bibliothek des in Padua beim Ausbruch der Erhebung
von 159 ermordeten Professors Ripamonte, welche der
Signora Venini, der Nichte des Ermordeten, als Erbe zu-
gefallen war. Als sie der Thatsache Erwähnung that, sagte
sie: ,Es war ein furchtbares Ereigniß und es traf uns mit
seiner Plötzlichkeit und Gewaltsamkeit sehr schwer; aber -
ihn hatte das Volksurtheil nicht unverdient ereilt. Er war
immer ein Verbündeter und Anhänger der Oesterreicher ge-
wesen, und er hatte kein Herz gehabt für sein Vaterland!r
Unten in dem Garten der Villa hatte man in einer Grotte
ein kleines Denkmal für die Freunde der Familie errichtet,
welche im Kampfe für das Vaterland gefallen waren. Dicht
daneben befand sich das Grab eines nahen Anverwandten,
der in Mailand noch in der Stunde, in welcher die Oester-
reicher für immer das Kastel auf der Piazza d'arme räumten,
ruhig und unbewaffnet über den Platz dahin schreitend, von
der Kugel eines Kroaten niedergeworfen war. Ein ganzer
Roman knüpfte sich an das Schicksal dieses liebenswürdigen

= PHs --
Mannes, eines Dr. Genari, dem wir bei unserm frühern
Besuche im Venini'schen Hause an der Seite seiner jungen
schönen Gattin flüchtig begegnet waren. Mit der Leiche ihres
Mannes und ihrem noch ganz kleinen Kinde war die unglück-
liche junge Wittwe aus Mailand zu ihren Angehörigen an
den See gekommen, hatte dem Manne hier die letzte Ruhe-
stätte bereitet, ihr Kind der Pflege ihrer mütterlichen Freundin
überlassen, und war fortgegangen, um als Krankenpflegerin
in den Lazarethen ein Leben, das ihr selber in dem Augen-
blicke werthlos geworden war, für andere Leidende noch
nutzbar zu machen und ihren Schmerz durch Thätigkeit zu
bekämpfen.
Allabendlich kam man in zwangloser Weise, wirklich nur
zum Plaudern, im Hause unserer Freunde zusammen, und
die leichte und formvolle Sitte, in welcher die den ver-
schiedensten Ständen angehörenden Personen sich zu einander
stellten, konnte als mustergiltig angesehen werden. Es kamen
mitunter aus den benachbarten Ortschaften und von den ver-
schiedensten Punkten des Sees, Familien mit großen Namen
unerwartet zum Besuch, welche, in Mailand, Como, Monza
und der Brianza ansässig, ihren Herbst am See verlebten;
es kamen Künstler vom andern Ufer aus der Vila Riccardo
herüber, in welcher der große Musikverleger offenes Haus
hielt. Das hinderte aber gar nicht, daß ebenso die schöne
Wirthin des Hotels Marcionni, in dem wir wohnten, nach
gethaner Arbeit als Gast sich in dem Salon einfand und
gelegentlich auch einen ihrer Gäste mitbrachte, den sie für die
Aufnahme in dem edeln Hause geeignet glaubte. Heiterer,
zwangloser, geistig angeregter ist mir selten eine Gesellschaft
erschienen; und ich habe dort es recht deutlich empfunden,
U ra: E

- 1H? --
Deutschland die geistig fördersame Geselligkeit zu Grunde geht.
Man sprach bei einem Glase Eiswasser und einer Tasse ge-
eistem oder heißem Thee, mit voller Freiheit und Offenheit
alle großen Tagesfragen, und trot der Heiterkeit, sehr ernsthaft
durch. Ganz mit derselben offenen Freimüthigkeit sprach unsere
Freundin auch an einem der folgenden Tage, an welchem sie
mit uns über den See gen Menaggio fuhr, um uns zu der
auf den Höhen gelegenen Villa von Massimo d'Azeglio zu
führen, sich in Gegenwart der beiden Bootführer, es waren
zwei Garten- und Feldarbeiter des Hauses, die uns hinüber-
ruderten, über die Zukunft Jtaliens und über die übeln
Einflüsse aus, welche die katholische Geistlichkeit noch immer
auf das geistige Vorwärtskommen des Volkes übe. Sie
tadelte die Unwissenheit und Trägheit, die durch das Coelibat
genährte Unsittlichkeit der Geistlichen. Sie beklagte das
Unheil, welches durch sie in viele Familien gebracht würde,
mit sehr entschiedenen Worten; und der eine der Rudernden,
ein älterer Mann, nickte dazu immer mit dem Kopfe, als ob
er Ja und Amen sagen wollte, wenn Signora Luisa ihre
Neberzeugung aussprach, daß auch für dieses Unwesen ein
Ende kommen werde.
Eben so rückhaltlos offene Unterhaltungen hörten wir,
wenn wir bald in dem, bald in jenem kleinen Orte einmal
vor einem der landesüblichen Kaffeehäuser saßen; und wir,
machten dabei wieder die schon in früheren Jahren gethane
Bemerkung, wie die anspruchslose, selbstgewisse Natürlichkeit,
mit welcher die Grundbesitzer und Edelleute sich bei ihren
Landaufenthalten an diesen öffentlichen Orten mitten unter
das Volk begaben, mit ihm an demselben Tische den Kaffee
tranken, mit ihm verkehrten und diskutirten, wesentlich dazu
beigetragen haben mußte, die Verbindungen zwischen den
Patrioten imnerhalb des Landes, und jene andere zwischen

= FHs --
ihnen und der piemontesischen Regierung zu ermöglichen und
lebendig zu erhalten, welche trotz der Wachsamkeit der öster-
reichischen Regierung seit dem Jahre 4S fortdauernd bestanden,
und die Revolution von 59 vorbereitet hatten.
In den großen Städten, in Pglgnd und Como, machte
sich die Wandlung der Verhältnisse noch viel auffallender
bemerkbar als in den kleinen Orten und auf dem Lande. Die
Freude über die Befreiung des Vaterlandes lag wie ein
Somnenschein über den Menschen. Die fremden Soldaten
marschirten nicht mehr drohend durch die Straßen, die öster-
reichischen Korporale mit dem Stock an der Seite waren ver-
schwunden. Leichten Schrittes gingen die italienischen
Bersaglieri mit den lustig wehenden Federbüschen an den
aufgeklappten Hüten, auf dem Corso Vittorio Emanuele einher.
Zivilisten und Militär mischten sich jetzt fröhlich vor den
Kaffeehäusern, italienische Frauen gingen am Arme der
Offiziere spazieren, das Kastell war nicht mehr ein Schrecken
der Bürger, das ganze Leben in den Straßen war flüssiger
und freier geworden. Die Auslagefenster der Buchläden -
diese Gradmesser des Volksgeistes und der Volksbildung -
hatten einen völlig veränderten Inhalt gewonnen. Die
Bilder des Königs und des vor wenig Monden gestorbenen
Grafen Cavour, waren in allen Größen und überall' vor-
handen. Sie fehlten selbst nicht in den Zimmern eines uns
befreundeten kunstgelehrten Geistlichen, der Rhetor am Dome,
und Besitzer einer schönen Sammlung von Kunstwerken ist.
Er besizt beiläufig den schönsten Erespi, den ich kemne. Selbst
die hochbetagte Mutter unseres Freundes, obschon wie der
Sohn dem katholischen Bekemntniß und der Kirche mit Innig-
keit ergeben, sprach mit fromm gefalteten Händen den Dank
gegen Gott über die Befreiung des Vaterlandes von der
harten Fremdherrschaft, und zugleich die Hofäung aus, daß

= J9 -
Gott auch Mittel und Wege finden werde, die vollständige
Einigung Jtaliens durch die Hinzufügung von Venedig und
des Kirchenstaats herbeizuführen, denn die Einigung des
Vaterlandes sei ja eine heilige Sache und stehe unter Gottes
Schutz! - Wie sich die treffliche Matrone die Stellung des
weltlichen Oberhauptes der Kirche zu dieser heiligen Sache
vorstellte, darüber sprach sie sich nicht aus; und es war nicht
an uns danach zu fcagen, da die Gesinnung an sich schon
merkwürdig und erfreulich genug war.
In Turin erhoben sich die Standbilder jener früheren
italienischen Patrioten: des Abbate Gioberti und des General
Pepe bereits bor den Augen alles Volk auf den Plätzen der
Stadt. Große Denksäulen nannten die Namen aller der
Männer, welche für dasZustandekommen der freisinnigen Gesetze
gestimmt hatten. Auch König Carlo Alberto, la spaäa ä'ltalia
das Schwert Jtaliens, der zuerst die Fahne für die Einigung
des Vaterlandes erhoben, wennschon er sie entmuthigt wieder
hatte fallen lassen, hgtte sein prächtiges Monument erhalten.
Als ergreifendstes von allen Ehrenstandbildern trat uns aber
die Statue des einfachen Soldaten, das Denkmal entgegen,
welches die Bürger des Landes als Zeichen ihres Dankes
eben in der Gestalt des einfachen Soldaten all' denjenigen
Braven errichtet hatten, welche in den Befreiungskämpfen
mitgefochten hatten; und es war auf dem Denkmal aus-
drücklich verzeichnet, daß Mailand und Venedig, obschon zur
Zeit der Aufrichtung des Standbildes noch unter öster-
reichischer Herrschaft, zu demselben ihren Betrag eingesendet
hatten.
Werke über Volkserziehung, über die Nothwendigkeit die
Klostererziehung nicht nur für die Knaben, sondern auch für
die Mädchen aufzuheben, und die Frauen in das Leben und
in eine gewerbliche Thätigkeit eintreten zu lassen, fanden wir

=- hZh --
selbst in den Kästen der fliegenden Buchhändler; und in allk
den Flugschriften, welche wir in die Hände bekamen, gingen
die Leidenschaft des Volksverlangens und die politische Be-
sonnenheit der Staatslenker einen so richtig zusammenpassenden
Schritt, daß man über den Sieg ihrer gemeinsamen Bestrebungen
durchaus nicht mehr im Zweifel sein konnte.
Unseren Bekannten von dem ersten Aufenthalt am Comer-
see, den schönen Vr. F. M., der Jura studirt und' in dem
Bankhause seines Vaters, in einem Assekuranzgeschäfte, mitge-
arbeitet hatte, fanden wir im Finanzministerium beschäftigt.
Wir erhielten nachträglich von ihm manchen Aufschluß über
jenes geheimnißvolle Kommen und Gehen der Männer, das
wir 158 am See beobachtet, und über dessen Zweck wir uns
in unseren Vermuthungen nicht geirrt hatten. Die äußerst
anmuthigen und für die italienische Sittengeschichte und Staats-
entwickelung höchst lehrreichen Memoiren vonMassimo d'Azeglio,
die nachdem unter dem Titel: ,l misi rieoräir erschienen sind,
gaben uns dann in weiterm Maßstab den Beleg dafür, wie
reiflich der Boden vorbereitet worden war, auf welchem im
gegebenen Augenblicke die Entwürfe in Thaten umgewandelt
wurden -- wie man zu warten und zu handeln verstanden.
Und man hat nach 16 noch geraume Zeit zu warten gehabt,
ehe wieder ein bedeutender Fortschritt zu der Einigung Jtaliens
gemacht werden konnte. Diesmal kam der Anstoß von Norden
her. Denn Preußen und seine damaligen Bundesgenossen in
Deutschland dürfen dreist behaupten, mit ihrer mächtigen Kraft
zu der abschließenden Neugestaltung Jtaliens ihr redlich und
dankenswerthes Theil gethan zu haben.
Der deutsche Krieg von 166 lag zwischen unserem eben
erwähnten Aufenthalte in OberFtalien und unserem Wieder-
sehen des uns so theuren Landes.

==- I! --
Es hatte inzwischen eine bedeutende geistige Amnäherung
zwischen Jtalien und Deutschland stattgefunden. Mit jedem
Jahre hatte die Zahl der jungen Gelehrten sich vermehrt,
die nach den in ihrem Vaterlande beendeten Universitätsstudien
gen Norden gekommen waren, diese Studien auf deutschen
Universitäten fortzuseten. Junge Aerzte, Archäologen, Chemiker,
Nationalökonomen, Philologen, Philosophen und der Land-
wirthschaft Beflissene aus den verschiedensten Theilen Jtaliens
hatten wir im Laufe der Jahre in unserm Hause gesehen.
Sie Alle waren durch gründliches Studium der deutschen
Sprache mehr oder minder mächtig geworden, und bei Vielen
von ihnen war durch vertrauten Verkehr in deutschen Familien
eine wirkliche Vorliebe für deutsches Leben und deutsche Häus-
lichkeit rege geworden.
,Wir können nicht nur deutsche Wissenschaft bei uns noch
sehr gebrauchen, es thäte uns auch gut, wenn wir deutsche
Frauen mit nach Hause bringen könnten !'' sagten einmal ein
paar junge sehr gebildete italienische Universitätsdocenten zu
mir, die sich auf Kosten ihrer Regierung lange in Deutsch-
land und in England aufgehalten hatten; und sie haben deutsche
Frauen heimgeführt. Daneben bemerkte man an anderen
Jtalienern wieder ein stolzes Abweisen des Fremden, ein sehr
einseitiges Pochen auf die einstige, seit hunderten von Jahren
nicht mehr vorhandene Neberlegenheit der italienischen Kultur
über die Kultur der anderen europäischen Völker, und ein
Neberschätzen dessen, was das gegenwärtige Jtalien an ererbter
Ausbildung der schönen Form in Sprache, Kunst und in
gesellschaftlicher Umgangsweise vor Deutschland, nach dem
Glauben jener Jtaliener noch voraus besaß. Es half nicht,
wenn man es ihnen vorhielt, daß in der nationalen Ent-
rrurr
F. Le wald, Reisebriefe.

=== PsZ -
wahrheit und Naturempfindung Goethe'scher Poesie, daß wir
Goethe und den Faust nicht gegen Dante und die göttliche
Komödie, Schiller nicht mit seinem Nachahmer Alsieri ver-
tauschen möchten, ohne daß wir deshalb die italienischen Dichter
herabzusetzen dächten; daß wir eben so wenig unsere, einem
nordischen Klima und seinen häuslichen Bedingungen ent-
sprossene Geselligkeit und unser Familienleben gegen die
italienische Sitte vertauschen könnten noch möchten, und daß
wir unsere eberlegenheit über andere Nationen, wenn von
Neberlegenheit überhaupt die Rede sein dürfe, wo man bei
reiflicher Erwägung vielmehr nur die, aus den jedesmaligen
Verhältnissen hervorgegangenen Besonderheiten anzuerkennen
habe, daß wir unsere Neberlegenheit vor Allem in den ver-
ständigen guten Willen settten, mit welchem die Deutschen
fremde Nationen und deren Literatur zu verstehen, und sich
das Gute derselben anzueignen bemüht gewesen wären. Das,
was Deutschland geworden sei, sei es geworden durch seine
Kraft, durch seinen Fleiß und seinen Ernst, wie durch die
Werthschätung und Benutzung dessen, was es an Jtalienern,
Franzosen, Engländern, Nachahmens - und Benutzenswerthes
gefunden und auf deutsche Verhältnisse übertragen, ihnen an-
gepaßt und eingefügt habe; und wenn Jtalien vorwärts-
kommen wolle, so müsse es den gleichen Weg einschlagen.
Eine sich in der Nationalität versteifende Entwickelung sei
ebenso verderblich, wie die blinde und verflachende Nachahmung
fremder Zustände. Der Kosmopolitismus, den man erstreben
müsse, schließe die einseitige Entwicklung der Nationalitäten
aus, aber es könne unter ihm auch nicht ein völliges Ver-
waschen des Nationalcharakters gemeint sein. Derjenige,
welcher im neunzehnten Jahrhundert noch daran glaube, daß
sein Volk der Inbegriff alles Könnens sei, daß sein Volk aus
sich heraus Alles Das erzeugen könne, oder erzeugt habe und

= PZZ -
erzeugen werde, was eben das Zusammenwirken der ver-
schiedenen nationalen Fähigkeiten für die Menschheit Förder-
sames hervorgebracht habe, sei eben solch' ein Thor, als jene
Jdealisten, welche Norweger, Sizilianer, Russen, Engländer
und die slovakischen Mäusefallenhändler durch plötzliche staat-
liche Umgestaltungen in den menschheitsbeglückenden Verband
der vereinigten europäischen Republiken hineinzuzwingen dächten.
Es war Ende Oktober, als wir achtzehn hundert sechs und
sechszig in Como zum erstenmale wieder mit Jtalienern innerhalb
ihres Landes in Berührung kamen. Wir trafen dort auf die
Offiziere der Garibaldischen Freischaaren, die sich dort nach be-
endetem Feldzuge zusammengefunden hatten, um ihre Abrech-
nungen und die Auflösung des Korps zu besorgen. Auf den
Schlachtfeldern vonBöhmen, auf denen dieösterreichischenHerrsch-
suchtsgelüste so weit sie Deutschland betrafen, in ihre Grenzen
zurückgewiesen worden waren, hatte das siegreiche Preußen mit
seinen deutschen Bundesgenossen für Jtaliens Befreiung mit-
gekämpft, das, den gegebenen Anstoß benutzend, auch wieder
gegen Oesterreichaufgestanden war;und abermals hatteNapoleon
der Dritte sich dazwischen gedrängt, hatte den beiden siegenden
Völkern die Erlangung ihres vollen Siegespreises unmöglich
gemacht. Preußen war nicht nach Wien gegangen, vor dessen
Thoren es gestanden. Es hatte mit der Einigung Deutschlands
am Maine Halt machen müssen, und Jtalien war genöthigt
worden, den ehrlichen Erwerb dieses Krieges, Venetien, wiederum
als ein Geschenk aus der Hand des Kaisers der Franzosen
hinzunehmen - der damit auf's Neue seine Schutzherrlichkeit
über Jtalien gefestigt hatte.
Unter den Garibaldinern war damals die Stimmung sehr
erbittert gegen Napoleon. Viele von ihnen, welche Garibaldi
in allen seinen italienischen Feldzügen gefolgt waren, hatten
es nicht vergessen, wie allein der französische Einfluß ihnen
1

= F8g -
den Tag von Aspromonte bereitet, wie französische Truppen
in Rom die vollständige Einigung Jtaliens immer noch un-
möglich machten; und wir wurden in dem Kreise der Männer,
mit denen wir damals in Como beisammen waren, um unserer
Nationalität willen mit großer Wärme begrüßt, mit Zutrauen
und Herzlichkeit empfangen.
Sie sprachen es aus, wie lebhaft ,der General' eine feste
Alliance von Deutschland und Jtalien gewünscht. Man wollte
wissen, daß er durch Absendung eines seiner begabtesten und
vertrautesten Offiziere an Graf Bismarck auf diesen engen und
dauernden Anschluß hingewirkt, und man hatte kein anderes
Verlangen, als endlich dem Nebergreifen einer fremden Macht
in die Gestaltung der italienischen Verhältnisse ein Ende ge-
sett zu sehen.
Garibaldi selbst war nicht mehr in Como, aber sein Geist
war in dem ganzen Kors lebendig, unb''FFhabe selten edlere
und schönere Eindrücke empfangen, als in der Unterhaltung
mit jener, aus Männern verschiedensten Alters und verschiedenster
Lebensberufe zusammengesetzten Gesellschaft. Ich habe auch
niemals ein Offizierkorps angetroffen, dessen Haltung mehr
an unsere Landwehroffiziete erinnert hätte; und dabei hatten
sie die Anmuth des Behabens und jene phantastische Leb-
haftigkeit voraus, welche solchen Freischaaren eigen zu sein
pflegte. Auch ihre Uniform hatte etwas sehr Gefälliges,
sowol für die Gemeinen als für die Offiziere. Die rothe
Blouse und das Käppi für den Soldaten, der fest anliegende
rothe Rock der Offiziere, mit reicher goldener Zierrath, die
kornblau seidene breite Schärpe über dem blaßgrauen Beinkleid,
sahen mit der rothen, goldverbrämten Mütze und dem grauen
fliegenden Mantel sehr geschmackvoll aus, und standen Alt
und Jung wohl an. Die Behauptung aber hörten wir von
verschiedenen Offizieren wiederholen, daß das Garibaldische

== PJ -
Korps diesmal nur um deshalb weniger glücklich opperirt
habe, weil es zu groß gewesen sei. ,Freischaaren sind nur in
mäßiger Anzahl mit Erfolg zu verwenden; sobald sie diese
Anzahl überschreiten, werden sie schwer zu handhaben und
verlieren ihre eigentliche Bedeutung !' sagte Der und Jener.
Wir haben uns an diesen Ausspruch jener in Freischaaren-
kriegen geübten und erfahrenen Führer oft erinnert, wenn
wir von der französischen Massenerhebung in den Zeitungen
gelesen haben.
Mit Garibaldi selber trafen wir erst zehn Monate später
am R oder W. Sept., im Hötel Byron am Genfersee zusammen,
als er sich zum Friedenskongreß nach Genf begab. Einer der
Offiziere, der junge und schöne Obrist Frigyesi, mit dem wir in
Como bekannt geworden waren, stellte uns dem General vor. Er
war müde von der Reise in dem Hötel angekommen und seine
Weiterreise erlitt einen Aufenthalt, weil die französisch-savoyen-
schen Dampfschiffe die Weisung erhalten hatten, die Fest-
gesellschaft, die ihin von Genf entgegenfuhr, nicht zu befördern.
Und damals -- die Franzosen hatten eben erst ihren mexika-
nischen Feldzug beendet, und Kaiser Maximilian die Ein-
mischungsgelüste Frankreichs mit dem Leben bezahlt - damals
sprach Garibaldi sich vor der im Hötel Byron zusammen-
gekommenen Versammnlung mit größter Entschiedenheit gegen
die tyrannische Einmischung Frankreichs in die Schicksale
der anderen Völker, ,mit erhabenem Zorne gegen Napo-
leon lll. aus.
,Ich rechne mir den Haß dieses Mannes gegen mich zur
Ehre an!'' sagte er fest und bestimmt, und er sah mächtig bei
den Worten aus, obschon seine Gestalt nicht eben groß war.
Aber er war stämmig gebaut und sein Gesichtsausdruck sehr
klar und ruhig. Er trug trott des sehr warmen Wetters einen
weiß und grau gestreiften Poncho als Mantel über der rothen

= IZs -
Blouse, einen kleinen grauen Filzhut, und stütze sich, dem bei
Aspromonte durch einen Schuß verwundeten und nie völlig
hergestellten Fuß zu Hülfe kommend, auf einen starken Stock.
Sein braunblondes, ergrauendes Haar, die blauen tiefliegenden
Augen, die hohe und mächtig gewölbte Stirn, selbst der Schnitt
der kurzen, starken und gradlinigen Nase und die Form des
sehr energischen Mundes haben bei Garibaldi etwas Deutsches,
was ihm von seiner aus Westphalen stammenden Großmutter
angeerbt sein mag. Aber obschon man es ihm damals bereits
ansah, daß er viel gelitten hatte, war doch die Mischung von
Kraft und Milde, die ihn kennzeichnete, noch immer in ihm
unwerkennbar und wirkte anziehend, ja durch die Schlichtheit
seines Benehmens überwältigend.
Damals! = Wer hätte es damals voraussehen können,
daß Garibaldi, nachdem er noch einen neuen, seinen dritten
Versuch gemacht, Rom und damit Jtalien von der französischen
Abhängigkeit zu befreien, daß er, nachdem im Jahre 18? die
Chassepots bei Mentana ihre ersten Wunder gegen ihn und
seine Getreuen gethan, sich plötzlich lossagen könne von seinen
eigenen Traditionen? - Wer hätte glauben können, daß der
eifrigste Bekenner der Friedenspolitik, der Mann, welcher durch
sein Erscheinen dem Friedenskongreß in Genf eine erhöhte
Bedeutung gegeben hatte, sich in dem, nach frechstem Friedens-
bruche, durch Frankreich gegen Deutschland heraufbeschworenen
Kriege, zum Bundesgenossen der Franzosen gegen Deutschland
machen könne? Man möchte mit bitterm Schmerze das Wort
Paul Louis Courrier's von ihm sagen, das dieser aussprach,
als der erste Napoleon sich zum Kaiser machte: il aspire ß
äeseenäre! =- Aber das trübe Niedersinken eines leuchtenden
Sternes ist ein melancholischer Anblick - und wenn man sich
auch sagen darf, daß man es in der spätern Handlungsweise
Garibaldis mit einem Verstandesfehler des heldenhaftenMannes

-- IR? -
zu thun habe, so thut es wehe, mißbilligend zu verurtheilen,
wo man bis dahin mit freudigem Vertrauen verehrte.
Florenz fanden wir in hellem Jubel im Herbste von
186s. Hü Venedig war von Napoleon Ül., dem gekrönten
maitrs äe plaisir von Frankreich, das Plebiscit wegen des
Anschlusses an Jtalien, zur billigen Unterhaltung seiner be-
ständig der Zerstreuung bedürftigen Franzosen, in Scene
gesetzt worden. Victor Emanuel zog eben, von den Depu-
tationen des ganzen Landes umgeben, in Venedig ein. Florenz
schwamm im Fahnenschmuck und im Lichterglanz einer präch-
tigen Erleuchtung, die sich bis zu den Thürmen des Palazzo
Vecchio, bis auf die Zinne des Campanile und bis zur
höchsten Spitze des Domes hinauf erstreckte. Die Stadt,
welche zwanzig Jahre früher in blumenhafter Traumseligkeit
geschlummert, war eine ganz moderne und sehr unruhige Stadt
geworden.
Man riß Straßen ein, um Raum für freiere Bewegung
zu finden; Klöster und Kirchen, wo ihre Vorsprünge hinderlich
erschienen, wurden dabei nicht geschont. Das Gesetz zur
Aufhebung der Klöster war erlassen, die Räumung derselben
zum Theil erfolgt, zum Theil bevorstehend. Wo man noch
Mönche in ihnen antraf, standen sie auf dem Aussterbeetat. -
Es gab Zeitungen von allen Farben. Sie wurden laut lärmend
in den Straßen ausgerufen, der Straßenkleinkram war bei
weitem freier als bei uns in Preußen, das ganze Leben in
den Straßen hatte einen Pariser Charakter angenommen,
Alles war modisch. Elegante Kaffees und Restaurants hatten
sich neben den alten bekannten Speisehäusern aufgethan, es
war Alles theurer geworden, obschon im Vergleich zu anderen
großen Städten Alles noch billig genug war. Die Beauf-
sichtigung der Fremden durch die Polizei hatte auch hier auf-

b JZZ -
gehört, dafür aber wurden uns die veränderte Besteuerung
und der Geldmangel im Lande sehr bald fühlbar. Es mußten
städtische Steuern auf Lebensmittel aufgelegt sein, denn so
oft man von einem Ausfluge vor das Thor in die Stadt
zurückkehrte, wurde man um steuerpflichtige Dinge befragt.
Dasselbe geschah bei der Ankunft in allen Städten auf den
Bahnhöfen; und Papiergeld des Königreichs gegen baares
Geld zu wechseln war selbst in den Kassen auf den Bahn-
höfen nur in soweit möglich, als man kleinere Appoints
desselben Papiers darauf herausgeben konnte; denn es wurde
nicht die kleinste baare Scheidemünze von den Kassenbeamten
ausgegeben, und das Papiergeld der Städte galt eben nur
innerhalb der Stadt, die es geschaffen hatte, während der
Werth des Goldes überall sehr hoch war.
Man hatte aber guten Muth und großes, ja man darf
sagen, ein übermäßiges Selbstgefühl. Neberall hörte mnan
das stolze: Utalia kard: äs se! und man dachte schon damals
weit weniger als im Kreise der Garibaldiner an den Antheil,
welchen die Massen der unter Preußens Führung gegen
Desterreich kämpfenden Deutschen an den Freudentagen hatten,
deren man eben jezt in Jtalien genoß. Man war vielmehr
sehr dazu geneigt, den deutschen Beistand zu verkleinern und
zu vergessen, während die neue Erhebung Jtaliens gegen
Desterreich doch nur durch die Auflehnung und das Vor-
gehen des mächtigen Preußens möglich geworden war.
Man berauschte sich in der Idee nationaler Großthaten,
welche die italienische Armee 1866 nicht vollführt hatte.
Man warf der Bequemlichleit halber Lesterreicher, Preußen
und alle anderen deutschen Volksstämme in den von den öster-
reichischen Zeiten her verhaßten Namen Tecesehi zusammen,
wobei denn die alte sehr berechtigte Abneigung gegen Oesterreich
obenauf schwamm, und das Gute und den Beistand, den man

= ,hß -
von Deutschland und namentlich von Preußen empfangen
hatte, ganz verhüllte.
Es lebte eine kleine sehr gebildete deutsche Kolonie in
Florenz, und in dem Hause des von der Regierung nach
Florenz berufenen Physiologen und Professor Moriz Schiff,
im Hause von Fräulein Ludmilla Assing, die aber mit ihren
Sympathien auf Seiten der italienischen Republikaner stand,
bei Fräulein Malvide von Meysenbug, welche als Erzieherin
und Freundin von Alexgnder Herzen's schönen Töchtern sich
damals mit diesen in Florenz aufhielt, wie am Theetisch von
Frau von Treskow, einer Freundin Rahel's, und ebenso
wie ihre einzige, an einen Jtaliener verheirathete Tochter, eine
Berlinerin von stärkster Ausprägung des alten, geistig be-
deutenden Berliner Wesens, konnte man sich nach der
Heimat versett glauben, während es zugleich dort an be-
ständigem Zusammensein mit italienischen Gelehrten und
Schriftstellern nicht fehlte. Dabei konnte man es aber be-
obachten, wie die beiden Strömungen für und wider Deutsch-
land uwwermittelt neben einander hergingen, wie man sich zu
Frankreich neigte, das in Rom die Priesterherrschaft aufrecht
erhielt und die Einigung Jtaliens verhinderte, während man
in Jtalien gegen die Priesterherrschaft anging und die Einigung
des Vaterlandes erstrebte. Ja sogar diejenigen deutschen
Gelehrten, welche die Regierung zur Hebung der italienischen
Bildung nach Jtalien berufen, hatten darüber zu klagen, daß
man sie hemme, wo sie fördern sollten; und daß jenes instinktive
Gefühl der Sympathie für die stamnverwandte gallo-romanische
Rasse und ein gewisser Zug einer Nationaleitelkeit es selbst bei
vielen Gebildeten über die richtige Erkenntniß von Demjenigen,
was dem Lande nothwendig und zweckmäßig sei, davontrage.
Freilich gab es hinwiederum Jtaliener genug, welche den wie
ein Rechenexempel einfachen Saty begriffen, daß die feste Ver-

- ,?ß -
einigung von zwei aufsirebenden, nach ihrer innern Abrundung
und äußern Sicherheit ringenden Nationen die beste Abwehr
gegen störsame Einflüsse und feindliche Angriffe von außen
darbieten, ja solche Angriffe halbwegs unmöglich machen würde.
Aber gegen die unklare Empfindung bleibt die Vernunft oft
lange ohnmächtig. Man haßte und verabscheute Napoleon
den Dritten als Despoten und Tyrannen, man kämpfte um
eine ganz andere Verfassung als diejenige, welche das Ver-
brechen des zweiten Dezembers erzeugt hatte. Der Zauber
der französischen Gloire, das grestigs äe ls Lronee, wirkten
aber trotzdem in Jtalien noch immer fort. Man mochte
glauben von diesem Glanze Etwas abzukommen, wenn man in
dem Kreise desselben blieb, und man konnte wirklich aufJtaliens
Verhältniß zu Frankreich parodirend die Worte des Dichters
anwenden:
,Die Sinne sind in seinen Banden noch,
Hat gleich die Seele blutend sich befreit.
In Einem aber stimmte Alles überein: in der Auflehnung
gegen die weltliche Macht des Papstes, in dem Verlangen,
Rom als die Hauptstadt für das geeignete Königreich Jtalien
zu gewinnen. Indeß selbst diesem Verlangen war ein Rad-
schuh angehängt, der, wenn er auch die fortziehende Bewegung
nicht aufzuheben vermochte, sie doch störte und aufhielt. Die
Frauen standen auch noch hier, wie fast in allen katholischen
Ländern, unter dem Einfluß der Geistlichkeit, sie waren weit
zurückgeblieben hinter der Bildung der Männer; und der
König selber hatte, wie man sagte, neben sich eine ganz un-
gebildete Frau aus niederm Stande, deren Bigotterie die
Geistlichkeit sich zu Nuten zu machen wußte.
Während die jungen, der deutschen Sprache mächtigen
Jtaliener uns in Berlin vielfach versichert hatten, daß man,

- 17h --
seit die Lombardei und Toscana von dem österreichischen Joche
und Einfluß frei geworden, sich vielfach mit dem Studium
der deutschen Sprache, der deutschen Klassiker und mit den
Resultaten der deutschen Wissenschaft beschäftige, fanden wir
weder in Mailand noch in Florenz in der Buchhandlung
deutsche Bücher ausgelegt. Alle Fenster und Ladentische waren
noch immer voll von französischen Werken, wissenschaftlicher
sowol als dichterischer. Der französische Roman war die Lektüre
der Gesellschaft, Nebersetungen französischer Komödien füllten
die Repertoire. Nur im Theater Pagliano sahen wir einmal
den größten Mimen des jetigen Jtaliens, Rossi, sich in der
Rolle des Shakespear'schen Hamlet versuchen, der sich denn,
freilich in italienischer Sprache und für das italienische
Publikum gehörig zugerichtet, für Unsereinen so befremdlich
ausnahm, wie ein alter hochverehrter Freund in wunderlicher,
ihm nicht anstehender, ihn entstellender Tracht.
An neuern historischen Werken fand Stahr von italienischen
Verfassern sehr bedeutende Arbeiten, darunter vor Allen
Villaris uns höchlich fesselnde meisterhafte Geschichte Savon-
arola's. Ebenso brachten die zahlreichen politischen Journale
zum Theil sehr lebendig geschriebene und schlagende Artikel,
aber meine Erwartung, daß die Umgestaltung der politischen
Verhältnisse, daß das Freiwerden der Presse auch den sozialen
Roman in Jtalien hervorgerufen haben würde, fanden wir
186 noch nicht bestätigt. Man emwpfahl uns, als wir danach
fragten, die noch in österreichischer Zeit erschienenen Raconti
der im Friaul heimischen Gräfin Gaterina Percotto, eine Art
von sehr eigenartigen und erschütternden Skizzen, die wir
schon lange vorher in Deutschland gelesen hatten. Man wies
uns auf die in englischer Sprache erschienenen Romane Giuseppe
Ruffinis hin, die doch zum Theil auch schon vor der eigent-
lichen Befreiung Jtaliens entstanden und nicht ausschließlich


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.

= 1g -==-
der Handsäcke so peinlich, daß man trotz eines Gewittersturmes,
zu nächtlicher Stunde in den provisorischen Eisenbahnbaracken
an der Grenze die Bilder in den Porträtalbums einzeln
besichtigte, welche die Reisenden mit sich führten; und in dem
provisorischen Eisenbahnhof in Rom waren die Vorkehrungen
für den Empfang, für die nochmalige Visitation und für die
Fortbringung der Reisenden und ihres Gepäcks in einer Weise
getroffen, als handelte es sich nicht um die Ankunft eines
Bahnzuges, sondern als erwartete man eine Postchaise mit
ihren Beiwagen.
Und wie bei dem Eintritt in Rom gab sich der Wider-
spruch, in welchem das Leben des Kirchenstaates und der Geist
seiner Regierung sich mit dem gegenwärtigen Tage befanden,
in dem Größten wie in dem Kleinsten kund. Während der
Papst in seinem phantastisch mittelalterlichen Glauben die
Welt, wie die Inschriftstafel im St. Peter es besagte, mit dem
Dogma von der unbefleckten Empfängniß der Jungfrau Maria
begnadigt hatte, während man das Konzil' schon vorbereitete,
auf welchem die Unfehlbarkeit des Papstes ebenfalls zum
Dogma erhoben werden sollte, und in den alten Kirchen mit
großem Eifer und großem Kostenaufwande daran gearbeitet
wurde, die Kirchen für die Zeit des Konzils glänzend zu
erneuern, war ein Hauch der Verwitterung über das ganze
römische Wesen gekommen, sofern es nicht direkt die Kirchen
anging, von deren Verwaltung abhing, und mit deren Privat-
vermögen zusammenhing. Die alten Kardinalsequipagen und
deren Dienerschaft hatten etwas Schäbiges bekommen. Das
Volk ging zum Theil sehr gleichgiltig an den Kardinälen
vorüber, wenn diese sich, gefolgt von ihrem Wagen und ihrer
Dienerschaft, zu Fuße auf der StraßeJzeigten, und mehr als
einmal sah ich es, wie Gewerbtreibende, wenn der Papst mit
seiner großen Begleituug durch die Straßen zog, rasch ihre

= 17H -
Ladenthüren schlossen und die Ihrigen anhielten in das Haus
zu treten. Das geschah in dem nämlichen Augenblick, in
welchem vornehme Männer ihre Wagen verließen, um vor
dem Papst auf der Straße das Knie zu beugen, und Frauen
des hohen Adels in ihren Eauipagen niederknieeten um seines
Segens theilhaftig zu werden.
Der Fremdenverkehr hatte, Dank den Eisenbahnen und
Dampfschiffen, sehr bedeutend zugenommen, aber man merkte
das nicht besonders, weil das militärische Element in der
Stadt vorherrschte. Der Statthalter Gottes unterhielt in
Rom ein Heer von mehr als zehntausend Mann, nicht sowohl
zum Schutze gegen den auswärtigen Feind, sondern hauptsächlich
zur Niederhaltung der eigenen Unterthanen. Das geistige
Oberhaupt der Christenheit, das Oberhaupt der Kirche, der
Repräsentant der Lehre, deren Reich nicht von dieser Welt sein
sollte, behauptete sich mittels einer sehr ansehnlichen Kohorte auf
dem Throne seines weltlichen Besitzes. Er hätte nicht, wie
der liebe Gott in Beranger's Chanson, von sich sagen dürfen:
,Si j'si jamsis eommaaaee une eokorts
Ie reu, mes enkants, gae ls äiable m'emports !!
Wohin man blickte sah man Soldaten: heimische und
französische Truppen, alle sehr geschmackvoll, zum Theil sehr
glänzend uniformirt, die päpstlichen Zuavenoffiziere sich spreizend
wie die Studenten in kleinen deutschen Universitätsstädten,
die päpstlichen Karabiniere, ein Korps von lauter Marsgestalten;
und Trommelschall und Exerzieren im Giardino publico hart
an den Ruinen der Karakallabäder. Exerzieren und Trommel-
schall unter den Augen zuschauender Geistlichen in dem alten
Prätorianerlager, unfern von den Bädern des Diokletian.
Große Wachtposten von Zuaven in der Leoninischen Vorstadt,
in nächster Nähe des St. Peter und des Vatikan. Aber neben

= ,Z -=
den prächtig aufgeputzten Truppen und selbst in den Kirchen,
die man mit Aufwand von kostbarem Gestein und seltenen
Marmorarten restaurirte, traf man auf Geistliche, die sich den
Fremden schüchtern näherten und leise um ein Almosen baten,
,zu einem neuen Hut'' oder ,zu einer neuen Soutane', und
im Vergleich zu den Soldaten sahen sie in der That oftmals
sehr armselig aus.
Neberall, aber überall, stieß man auf schroffe Gegensätze.
In den Häusern, denen gegenüber Nonnenklöster lagen, mußten
die Fenster bis in die oberen Geschosse mit Läden versehen
werden, die den Hausbewohnern Licht und Luft entzogen und
den Einblick in die Klostermauern hinderten; dafür stürzte
sich denn gelegentllch ein junger Geistlicher aus den Fenstern
des Collegio Romano, des großen Jesuitenhauses, auf die
Straße, um verzweifelnd seinem Leben ein Ende zu machen.
Hinten in der Villa des Fürsten Doria Pamfili feierte,
wie ich erwähnte, ein Marmordenkmal die im Jahre 119
im Kampfe gegen die römische Republik gefallenen französischen
Offiziere, und am Eingang der Villa, an dem vierfrontigen
Triumphbogen von gnatri enti, zeigte der Aufseher derselben,
ein italienischer Patriot, mit stolzer Heimlichkeit die Stellen,
an denen der letzte heiße Kampf der Republik gekämpft worden
war, und wies erklärend nach den Villen Korsini, Giraud,
Savorelli hinüber, vor und in denen so viel edles italienisches
Heldenblut geflossen war, und nach der noch in Trümmer
liegenden ganz zerschossenen Villa - il ?asesllo - an
welcher jetzt die Inschriftstafeln stehen. Damals befand
sich eine der wenigen in Rom existirenden Fabriken, eine
Stearinlichtfabrik, in der Villa Savorelli, welche der aus
dem Exil zurückgekehrte Besitzer derselben dort für seine Rech-
nung betreiben ließ; und wie die Besitzer der nahe an ein-
ander grenzenden Villen PamfiliDoria und Savorelli in

= 17? -
politischer Richtung aus einander gingen, so hatte zwischen
den beiden Familien in den letzten Jahrzehnten ein Roman
gespielt, der auch im geselligen Leben eine Feindseligkeit zwischen
ihnen hervorgerufen. - Ein junger Fürst Doria hatte sich in
eifriger Bewerbung um eine ungewöhnlich schöne und geistig
begabte Tochter des Hauses Saöorelli bemüht, ihr Jawort
erhalten und dann das Verlöbniß wieder, wie man be-
hauptete, um materieller Vortheile willen gelöst, die sich
ihm von anderer Seite geboten. Die junge Marchesina war
in ein Kloster gegangen und dort nicht lange danach an ge-
brochenem Herzen gestorben. Aber Tagebücher und Briefe,
welche sie hinterlassen, waren im engen Vertrauen von einem
ihrer Angehörigen einem damals in Rom lebenden, noch
wenig bekannten französischen Schriftsteller zur Durchsicht über-
geben, und von diesem im Mißbrauch des Vertrauens, in
einem Romane benutzt worden. Der Schriftsteller war Edmund
About. Der Roman, der seinen ersten Ruf begründete und
jenen Papieren entnommen war, hieß Tola; und es leben
noch Viele von Denen, welche sich des peinlichen Aufsehens
erinnern, den sein Erscheinen einst in der römischen Gesell-
schaft gemacht hatte.
Aber 16 war man nicht mit den Dichtungen irgend
eines Franzosen, sondern mit dem bevorstehenden Abmarsch
der französischen Truppen von Rom beschäftigt, und sah auf
denselben je nachdem mit bangen oder freudigen Empfin-
dungen hin. Der Höchstkommandirende der päpstlichen Trup-
pen, General Kanzler, hatte kurz vor dem für den Ausmarsch
festgesetten Tage die päpstlichen Truppen in der Villa Bor-
ghese eine Revue passiren lassen, gleichsam um den Bürgern
darzuthun, daß man ihnen auch ohne die Franzosen Stand
zu halten wissen werde. Denn daß vom Volke eine Erhebung
gegen das weltliche Regiment des Papstes, daß ein Versuch
F. Lenald, Reisebriefe.

=- 17F -=
gemacht werden werde, die Vereinigung mit dem Königreich
Jtalien nun endlich durchzusetzen, das nahm man als gewiß an.
Es lag schwül und unheimlich über der Stadt. Heute
sagte der Hauswirth: ,In dieser Nacht hat man drüben einen
braven Jüngling aus dem Bette geholt und fortgebracht!
-=-,Wohin ? fragten wir -,Wser weiß das? Sie haben
vorige Woche auch aus der und aus jener Straße (er nannte
sies in nächtlicher Weile hier ansässige Bürger verhaftet.? =-
,Aber weshalb? Er zuckte die Achseln. ,In Rom fragt
man nicht! Mit der päpstlichen Regierung ist kein Sprechen
und Verhandeln. Es ist ein Faktum. Das genügt !! =-
,Aber man muß sich doch erkundigen ? - Er lachte höhnisch.
, Ich bin mich einmal nach Jemand erkundigen gegangen'',
sagte er. ,DDa haben sie mich nichtswürdig behandelt. Ich habe
ihnen das gesagt, sie haben mich selber festgehalten und ein-
gesperrt. Seitdem - frage ich nicht wieder. Ich thue nie
wieder einen Schritt in den Bereich der Polizei!
Dazwischen brachte man uns Flugblätter in das Haus,
von einem bestehenden geheimen Nationalkomitee verfaßt und
verbreitet, die in herbsten Ausdrücken die päpstliche Regierung
tadelten, ihr alle ihre Sünden vorhielten, ihr einzeln die Raub-
und Mordanfälle und Diebstähle vorzählten, welche von den
aus dem ganzen übrigen Jtalien herbeigeströmten und von
der Regierung geduldeten Banditen fortwährend theils in der
römischen Kampagna, theils dicht vor den Thoren der Stadt,
und in dieser selbst, an höheren Geistlichen verübt wurden;
und unter den Bürgern fürchtete man in der beim Abmarsche
der Franzosen erwarteten Revolution vor Allem die Unordnun-
gen und die Plünderung, welche durch das aus Neapel ausges
wiesene, sich in dem Kirchenstaate herumtreibende und von
König Franz unterhaltene Gesindel, hervorgerufen werden
könnten. Jeden Tag gab es andere Gerüchte. Heute erzählte

=- 1 ß -
man: König Franz von Neapel sammle in dem von ihm
bewohnten Palast Farnese heimlich Truppen, mit denen er
nächstens in sein Königreich einfallen und seinen Thron wieder
erobern würde. Das klang dann wie eine Scene aus Schil-
ler's Fiesko, und die schöne Königin Marie sah sehr nach
einer Gräfin Leonore aus, wenn sie Abends krank und müde
wie sie war, und doch stolzen Blickes, in den Polstern ihres
Wagens lehnend, über den Monte Pincio fuhr. Dann wieder
am nächsten Tage ließ man es durch heimliche Winke errathen,
Mazzini sei in Rom, und kein Anderer als er selber werde
die Fahne der neuen Revolution erheben. Sehr wahrscheinlich
klang dies -nicht, indeß es war doch keinesweges außer dem
Bereich des Möglichen.
Mazzini gehörte jener Zeit der politischen Entwickelung an,
in welcher in Jtalien mit Geheimbünden und Verschwörungen
viel geleistet worden war. Es mochte davon Etwas in seinen
Gewohnheiten zurückgeblieben sein. Man behauptete, daß er,
ohne die ihm drohenden Gefahren zu achten, zum Oeftern
aus der Verbannung nach Jtalien gekommen sei, um die
Patrioten anzufeuern und zusammenzuhalten; und da er die
Einheit seines Vaterlandes immer als das erste Ziel aufge-
stellt hatte, war es nicht undenkbar, daß er seinen Lands-
leuten auch bei der neuen erwarteten Erhebung von Rom
wieder seine Mitwirkung und den Einfluß seines Namens
darbringen wollte; wenn es sich diesmal auch nicht um die
Errichtuug einer Republik, sondern um die staatliche Einigung
Jtaliens zu einem Königreich handeln sollte. Jn seinem,
etwa zu Anfang des Jahres 1850 erschienenen Werke:
,Republik und Königthum' hatte er gesagt: ,Der erste Zweck
und der ewige Seufzer unserer Seelen ist sonst wie jetzt
die Unabhängigkeit Jtaliens vom Auslande gewesen. Der zweite:
Die Einheit des Vaterlandes, ohne welche die Unabhängigkeit
1

== , Zß -
eine Lüge ist. Der dritte: die Republik. Gleichgiltig gegen
unser persönliches Schicksal, sicher über die einstige Zukunft
unseres Landes, hatten wir nicht nöthig uns in dem dritten
Punkte unduldsam zu zeigen. Hätte man mir zur Zeit als
Karlo Alberto Verhandlungen mit der republikanischen Partei
einzuleiten suchte, die Unabhängigkeit und eine schnelle Eini-
gung und Einheit Jtaliens zugesichert, so wüürde ich zwar nicht
meine Neberzeugungen geopfert haben, denn das ist unmöglich,
aber ich würde aller thätigen Propaganda für den nahen
Triumph dieser Neberzeugung entsagt haben.?
Auch gegen mich hatte sich Mazzini, den ich 150 in
England zu drei verschiedenen Malen gesehen, in gleicher
Weise ausgesprochen, und ich bewahrte und bewahre die Er-
innerung an ihn mit großer verehrender Theilnahme. Sein
Aeußeres, seine Ausdrucksweise, seine ganze Haltung waren
sehr edel. Er war von ansehnlicher Mittelgröße und sah da-
mals in seinem fünfundvierzigsten Jahre mit seiner schlanken,
nervigen und sehr elastischen Gestalt noch jugendlich aus, ob-
gleich sein schlichtes schwarzes Haar und der kurzgeschnittene
Bart schon stark mit Grau gemischt waren. Nase, Mund und
Kinn waren für einen Jtaliener nicht sehr scharf ausgeprägt,
aber fein und edel, die Form des schmalen Kopfes war sehr
schön, und der Ausdruck desselben im höchsten Grade durch-
geistet. Es war nichts in seinem Aeußern, was überraschte;
aber wenn man auf dieses Gesicht einmal aufmerksam ge-
worden war, konnte man das Auge nicht mehr von ihm ab-
wenden. Man fühlte sich wie von einem Zauber sanft anges
zogen und gefesselt, und der ruhige sanfte Ernst der dunklen
Augen hatte dabei etwas so Gebietendes, daß man sehr wol
die Gewalt begrif, welche dieser Mann in entscheidenden
Augenblicken über die Menschen üben mußte.
Meine erste Begegnung und Unterhaltung mit Mazzini

==- IZ! -=-
war originell. Frau Thomas Carlyle, die ihn sehr verehrte,
hatte mir zu verschiedenen Malen von ihm gesprochen und
mir seine Bekanntschaft verheißen, ohne daß es doch dazu ges
kommen war. Da begleitete ich sie eines Tages auf einem
Wege durch die Stadt, bei dem sie verschiedene Besorgungen
zu machen hatte; und vor einem Magazin von Flanellwaaren,
in welchem Frau Carlyle einen Einkauf beabsichtigte, trafen
wir Mazzini an. Wir wurden einander vorgestellt, er trat
mit uns in das Magazin, und während Madame Carlyle ihre
Auswahl traf, kamen wir, Jeder von uns auf einem Flanell-
ballen sittend, in das Sprechen, so daß unsere Freundin uns
vorschlug, siten zu bleiben, bis sie in einem Nachbarladen noch
einen Einkauf gemacht haben und uns holen kommen würde.
Das geschah auch, und wie zerstreuend und ungefügig die Um-
gebung auch war, hatte ich doch in diesem ersten Zusammen-
treffen mit Mazzini einen großen, schönen, ruhigen Eindruck
erhalten, der sich später nuur noch gesteigert hat.
Was an ihm auffiel und sich zunächst geltend machte, war
die völlige Selbstlosigkeit, mit welcher er nur sein Ziel, seines
Vaterlandes Auferstehung, nicht den Antheil im Auge hatte,
den er selber etwa an ihr haben würde. Es gehört aber zu
den Segnungen, deren das neue Jtalien theilhaftig geworden
ist, daß es unter seinen, die Wiedergeburt des Landes be-
treibenden Männern zwei Gestalten von solcher Uneigennützigkeit
und Charakterreinheit wie Giuseppe Mazzini und Giuseppe
Garibaldi als Vorbilder für die nachstrebenden Geschlechter zu
verzeichnen hat, wenngleich die Wege dieser beiden Männner
nicht dauernd zusammengingen, und - wie Garibaldis un-
seliger Entschluß es in unseren Tagen nach dem dritten
September von 17 dargethan hat - nicht dauernd zusammen
gehen konnten.
Damals aber, im Winter von 166, war sicherlich auch

= ZZ --
A
Garibaldi noch sehr fern von dem Gedanken, daß er jemals
wieder eine Verbindung mit Frankreich eingehen, seine Waffen
und seinen Beistand den Franzosen bieten könne, deren Ent-
fernung aus Jtalien von allen das Vaterland und seine Un-
abhängigkeit liebenden Männern heiß ersehnt und als der -
Zeitpunkt angesehen wurde, in welchem man endlich gleichzeitig
das Joch des fremden Einflusses und der weltlichen Herrschaft
des Papstes werde von den Schultern werfen können. Man
zählte buchstäblich die Tage bis zum Abmarsch. Man berechnete
die Lage der verschiedenen Wohnungen und die Sicherheit oder
die Gefahren, denen man möglicher Weise bei dem Ausbruch -
der erwarteten Revolution ausgesetzt sein könnte; und so sehr
hielt man sich auf große Ereignisse in Rom gefaßt, daß man
darüber vergaß, wie sich eben damals in Folge der Luxem- -
burger Frage ein drohender Konflikt an dem europäischen -
Horizont zusammen zog.
So waren wir damals bis in die letten Tage des -
Novemhgg, ggfommen. Stahr lag noch än ben'' Folgen der-
schberen Erkrankung darnieder, die ihn bald nach unserer An- -
kunft in Rom befallen hatte, als es eines Abends an der
Außenthüre unserer kleinen Wohnung schellte. Ich ging, die -
Lampe in der Hand, zu hören, wer es sei; und auf das landes- I
übliche ehi s? kam als Entgegnung die Antwort: ,General -
von Haug !' zurück.
Ich öffnete, ein großer, breitbrüstiger Mann von etwa Z
fünfzig Jahren stand vor mir und bot mir die Hand. Es -
war der nämliche General von Haug, der im Jahre 149 ,
als General der römischen Republik sich neben Garibaldi in I
der Vertheidigung von Rom mitEhren bekannt gemacht hatte, und -
seine Anwesenheit in Rom war deshalb höchlich überraschend
-
für uns. Als ich ihm dies mit meinem Willkommen aussprach
und Besorgnisse für seine Sicherheit äußerte, sagte er lachend:

gggggggggpggggpg
-= PZZ -
,Das hat unter den hiesigen Verhältnissen keine Noth! Sie
haben hier so viel mit der Beobachtung der Eingesessenen und
mit Verfolgung von lauter nichtswürdigen Angebereien zu
schaffen, daß sie gar nicht Zeit haben sich um die Fremden zu
bekümmern. =
,Aber unter welchem Namen sind Sie hier?
,Herr von Haug aus Holstein !' entgegnete er mit völliger
Sorglosigkeit.
,Und wo sind Sie abgestiegen?
,Wie Sie, im Hotel d Angleterre, und das hat mir zu
der Kenntniß von Ihrem Hiersein verholfen. Ich fand Ihren
Namen in dem Fremdenverzeichniß des Hauses, erfuhr, daß
Sie noch ii Rom und in welcher Wohnung Sie wären, und
da ich Sie in Berlin, wo ich Sie früher aufgesucht, nicht an-
wesend gefunden hatte, dachte ich das Versäumte hier nachholen
zu können.?
Wir fanden uns denn auch plaudernd bald zusammen.
General von Haug ist ein geborener Ungar, war einst in
österreichischen Diensten gewesen und nun seit Jahren mit
einer Holsteinerin verheirathet und in Holstein auf dem Lande
angesessen. Er hatte vom Jahre 119 her viele und nahe
Beziehungen zu der römisch-italienischen Partei und war der
Ansicht, daß man zunächst in Rom Nichts unternehmen und
Alles ruhig bleiben würde. Er hatte übrigens von der Kriegs-
tüchtigkeit und dem Muthe der Zuavenregimenter, in denen
sich fanatische Katholiken aus allen Ländern Europa's zu-
sammenfanden, wie von den stattlichen Karabinieri eine gute
Meinung. Dafür aber dachte er von den übrigen Truppen um
so geringer und hielt, wie es auch kommen möge, einen nachs
haltigen Kampf der päpstlichen Trupven, gegen wessen Angriff
es auch sei, für unwahrscheinlich. Wir sahen ihn noch zu
verschiedenen Malen bei uns, und seine Behauptung, daß das

==- hZF
Nationalkomitee die Erhebung der Stadt gegen die Regierung
für das Erste zu verhindern trachte, bewährte sich als richtig.
Die Spannung der Gemüther in Rom blieb sich aber
trotzdem gleich, und je näher der Abmarsch der Franzosen
bevorstand, um so unverhohlener gab der ihnen feindliche Theil
des Volkes seine Abneigung gegen sie kund. Heute hörte man
von Zusammenstößen, welche Marmorarbeiter mit französischen
Soldaten gehabt haben sollten, morgen, daß ein paar Zuaven
in kurzen Zwischenräumen Nachts in den Straßen meuchlings
ermordet worden wären, und daß die Zuaven deshalb Befehl
erhalten hätten, nicht einzeln in der Tunkelheit auszugehen.
Und dunkel genug waren die Straßen! denn da ein Verwandter
irgend eines kirchlichen Würdenträgers ein Lelhändler, und
mit den Lellieferungen für die Straßenbeleuchtung betraut
war, so wurde die Gasbeleuchtung nicht durchweg eingeführt,
und wo sie fehlte, war die Erleuchtung so unvollständig, daß
wir oft genug, selbst ganz in der Nähe des Korso's, in den
Seitenstraßen die Bemerkung machten, wie leicht bei der Ein-
samkeit und Finsterniß in allen diesen Seitenstraßen - ich
denke z. B. an die neben dem Krankenhause der Unheilbaren
sich hinziehenden Gassen - hier Raubanfälle unternommen
werden könnten, die denn auch in der That nicht fehlten.
Am Ende der ersten Tezemberwoche hatten wir die
Franzosen noch zu einer Parade ausrücken sehen. In der Nacht
vom neunten zum zehnten Tezember weckte uns Trommel-
gerassel aus dem Schlafe und ferner Marschschritt schlug durch
die Stille an unser Ohr. Wir sahen nach der Uhr, es war
eben vier vorbei. Die Franzosen rückten aus Rom aus, das
sie als Beschützer des Papstes siebzehn Jahre in Abhängigkeit
von Frankreich, und von der Vereinigung mit dem Gesammt-
vaterlande zurück gehalten hatten. Trotzdem war die Stunde
der Befreiung für Rom noch nicht gekommen.

-= 1ZH --
Am nächsten Morgen war der Wachtposien auf der Höhe
des Monte Pincio vor der Kirche von St. Trinitä di Monte,
den die Franzosen sonst inne gehabt hatten, von päpstlichen
Jägern besetzt; auf dem Kapitol, in dessen unteren Sälen ein
uäheil der französischen Militärverwaltung ihre Büreaus gehabt,
verkaufte man schmutzige Schränke, Tische, Bänke und Regi-
straturen. Die französischen Fouragemagazine in den Thermen
des Diocletian standen leer, nur die bezeichnenden Nummern
der Bataillone prangten noch auf schwarzen Blechschildern
über den Thüren. Der Papst war für den Augenblick mit
der Führung und Erhaltung seines weltlichen Regimentes
auf seine eigenen Schutzmittel angewiesen, die Franzosen waren
fort. Aber die großen Nachtheile, welche ihr siebzehnjälniger
Aufenthalt für die Sitten und die Gesundheit des Volkes
hervorgebracht, waren damit nicht vorüber und es wird Zeit
brauchen, den angerichteten Schaden herzustellen, wenn es
überhaupt gelingt.
Im Nebrigen ging in Rom Alles seinen gewohnten
Gang, nur das Gefühl, daß man auf einem unterhöhlten
Boden stehe, wurde man nie los, und wo man mit dem Volke
in Berührung kam, hörte man gerechte Klagen.
Handel und Wandel, im Sinne des übrigen Europa,
gab es im Kirchenstaate nicht, eine landesübliche Industrie,
wenn man die nicht unbedeutende Fabrikation gestreifter Seiden-
zeuge und die Kunstindustrie der Mosaikarbeiter und Gemmen-
schneider abrechnete, ebenso wenig. Sobald man das Geringste
brauchte und kaufte, konnte man das bemerken.
Ich erstand einmal ein paar Kämme aus Büffelhorn,
die man in Rom als inländische Fabrikate auszugeben pflegte,
aber selbst biese waren, als wir sie näher betrachteten und
den Fabrikstempel besahen, in Wien fabrizirt, und Alles, was

=-= IZs -
aus dem Auslande kam, war übermäßig hoch besteuert. Jedem
einzelnen von Neapel oder Mailand eingeführten Paar Hand-
schuh, jedem Gürtelbande hing der schwere bleierne Stempel
an. Neberhaupt waren die Steuern äußerst drückend. Die
einzelnen Stücke Möbel in den Wohnungen zahlten Stück für
Stück, Stuhl für Stuhl eine jährliche Abgabe. Jedes Thier,
Rindvieh, Pferde ., die aus einer Hand in die andere
gingen, zahlten von jedem Kauf und Verkauf eine Abgabe;
und die Lasten, die auf den Häusern und auf dem zum
größern Theil in den Händen der Klöster und Kirchen oder
der großen Adelsfamilien befindlichen, sehr schlecht verwalteten
Grundbesitz lagen, hinderten im Verein mit der Gesetzgebung,
iede vortheilhafte und die Kultur fördernde wirthschaftliche
Benutzung des Bodens.
Wohin man sein Auge wendete, ging Alles rückwärts,
war Alles in Verfall.
Stahr und ich haben in unserm gemeinsamen Buche
,Ein Winter in Rom'' über die Ursachen dieses Verfalls
mancherlei Auskunft gegeben, aber man hätte ganze eigene
Bücher schreiben müssen, um es nach allen Seiten darzuthun, wie
unerläßlich nothwendig es war, der weltlichen Herrschaft des
Papstes ein Ende zu machen, und welche Wohlthat für die
dort lebenden Menschen es ist, daß jett in dem Kirchen-
staat eine Regierung herrscht, die mit dem neunzehnten
Jahrhundert noch in einem andern Zusammenhang steht, als
dem - es zu verfluchen.
Eines Abends war ich ausgegangen, um in einem Bäcker-
laden in der Via del Babuino etwas einzukaufen. Ich traf
außer dem Bäcker noch zwei Männer im Laden, deren Einer
mit dem Bäcker Abrechnung über so und so viel Säcke Mehl
hielt, welche in langen Reihen vor der Thüre abgeladen
waren. Als ich meinen Kauf gemacht hatte und mich um

-= 1F? -=-
irgend eine wirthschaftliche Auskunft an den Bäcker wendete,
den ich kannte, weil ich öfter in dem Laden gewesen war,
sagte mit einem Male der Mehlverkäufer, der, wie ich später
erfuhr, ein Gutsbesitzer war, zu seinem Begleiter:,Seht
einmal! das sind die fremden Frauen! Ich habe das seit
Jahren schon beobachtet! die denken an Etwas! die helfen in
dem Hause; und selbst vornehme Frauen wie diese thun
das. Tie wollen nicht nur Ringe an die Finger stecken und
die Hände übereinander schlagen, wenn sie in der Karosse
sitzen wie unsere Frauen. Wer eine Römerin heirathet, ist
ein Narr! Wir müssen Frauen von auswärts nehmen!
Obschon er dies Alles nicht zu mir, aber doch so laut
und so lebhaft sagte, daß ich das Lachen nicht unterdrücken
konnte, wendete er sich zu mir. ,Sie lachen, Madame!r
sagte er,,aber für unser Einen ist da Nichts zu lachen.
Unsere Frauen sind zu Nichts gut, als dem Mann ein Ver-
gnügen zu sein und Kinder in die Welt zu setzen, die man
ernähren muß. Sie können Nichts, sie verstehen Nichts, sie
lernen Nichts und wollen Nichts thun; aber so können die
Pfaffen sie am Besten brauchen. Darum werden keine Schulen
für sie eingerichtet, darum lehrt man sie Nichts als Beten
und zur Messe gehen und beichten. Es hat schon Manche
ihren Mann in die Gefängnisse gebeichtet. Die Pfaffen haben
einen langen Arm und wissen, was sie thun! Im Regno
(Königreich Jtaliens da geht's zu Ende mit den Pfaffen und
all' die Pfaffen, die ie dort über die Zäune werfen, die
fallen bei uns in's Land und machen das Nebel gröfer.?
Ich hütete mich natürlich ein Wort zu erwidern, das
seine Herzensergießungen ermuntern konnte; aber man ver-
nahm ähnliche Aeußerungen gegen die obwaltenden Zustände
bei jedem Anlaß. Auch erinnere ich mich noch, welchen Ein-
druck uns einmal, als wir gegen Somnenuntergang auf den

FZF
Steinbänken vor der Kirche von S. Pietro in Montorio auf
dem Janiculus saßen, ein großer, stattlicher, schöner Römer
aus dem Volke machte, als er uns schilderte, wie er bei dem
besten Willen nicht zu einem ordentlichen, dauernden Erwerbe
kommen könne, weil alle Arbeit niederliege. ,Es bleibt
zuletzt Nichts übrig, schloß er, ,als die Flinte zu nehmen
und in die Campagna zu gehen, wenn's nicht bald anders
wird.?
Oftmals, wenn ich damals während der langen Krankheit
meines Mannes einsam durch die Straßen ging, um mir die
nöthige Bewegung zu machen, und dabei an den langen,
nach den Straßenseiten hin völlig fensterlosen Mauern mancher
Klöster vorüberkam, die mitten in den belebtesten Stadttheilen
-- ich denke dabei z. B. an das riesige Kloster auf der
Piazza di S. Silvestro und an das Jesuitenkloster, das
Collegio Romano - einen Flächenraum einehmen, auf welchem
ganze Stadtviertel stehen könnten, habe ich mich häufig gefragt:
wie wird dies Rom einmal aussehen, wenn es zum König-
reich Jtalien gehört, wenn die Klöster aufgehoben, die Kloster-
güter verkauft, und an die Stelle dieser leeren, todten Stein-
haufen Häuser mit Wohnungen entstanden sein werden, wie
die bürgerlichen Sitten und Gewohnheiten des neunzehnten
Jahrhunderts sie fordern, und wie sie im Jahre 186? nur
ganz vereinzelt und nur eben da in Rom zu finden waren,
wo Fremde es unternommen hatten, sich in irgend einem der
durchweg unwirthlichen römischen Häuser Etwas herzurichten,
das einer europäischen Wohnung aus unseren Zeiten möglichst
ähnlich war. -
Und ich habe ebenso oft, wenn ich mit er-
schreckender Verwunderung die Trümmer der alten Götter-
tempel und die Trümmer der antiken und mittelalterlichen
Paläste durchwanderte, mir es klar vorstellen können, wie

= ,Z -
unter veränderten religiösen Anschauungen und unter den
staatlichen Bedingungen der neuen Zeit, gar viele der Hunderte
von Kirchen und der, für die jetzigen Lebensverhältnisse auch
der reichsten Adelsfamilien völlig unangemessenen Pracht-
paläste ihrem Untergange entgegen gehen werden. Ja, es hat
sich für mich damals die Neberzeugung festgestellt, daß Bau-
werke wie die Peterskirche, wie der Lateran, wie die Kirche
von San Paolo außerhalb der Mauern und St. Maria degli
Angeli unmöglich aus den Staatseinkünften des Königreichs
Jtalien und des Papstes erhalten werden können, wenn ihnen
etwa nicht mehr, wie unter dem zeitlichen Regiment des
Papstes, durch die Gläubigen die Zuschüsse aus aller Herren
Länder und allen Gegenden der Welt zu Hülfe kommen
sollten. Schon 18? fand man gar häufig, wenn man in die
Kirchen eintrat, sie völlig menschenleer; schon jetzt gehen sie
mit ihrer kolossalen Größe und außerordentlichen Pracht weit
über das eigentliche Bedürfniß der Gläubigen hinaus, und
wenn das Schisma, das seit dem Konzil der katholischen
Kirche droht, sich vollziehen sollte, wenn die Gläubigen auf-
hören sollten, den Papst als ihr irdisches Oberhaupt und
Rom als den Zentralpunkt der katholischen Welt zu betrachten
-- wenn daneben die Güter der einzelnen Kirchen, aus deren
Einkünften man die Restauration derselben bisher betrieb und
z. B. in St. Maria in Trastevere während unseres Aufenthaltes
in Rom die großartigsten Bauten und Ausschmückungen
machte, von dem Staate eingezogen werden sollten, was nicht
ausbleiben kann, so werden auch diese stolzen Kirchen ihres
Glanzes beraubt werden; denn kleiner, unbeachteter Verfall
wird größern nach sich ziehen. Wie jetzt in den schönen Sälen
und Hallen von Villa Negroni und Villa Madama werden
allmälig die Frescobilder als feuchter, farbiger Kalk von den
Wänden herniederfallen; die nicht mehr so sorgfältig unter-

= (Zß -
haltenen Dächer und Kuppeln und Fenster werden den
Elementen ihren zerstörenden Einfluß nicht wehren. Die
Feuchtigkeit wird mit ihrem trügerischen Grün vom Boden
zu den Gewölben hinansteigen, warme Lüfte werden hie und
da Samen von Bäumen und Sträuchern und Blumen in die
des Mörtels entbehrenden Fugen verstreuen, und neues
blühendes Leben die alten Gefuge auseinander sprengen.
Dann werden neue Menschengeschlechter wieder anfangen sich
von den vielen verfallenden Tempeln und Paläsien auf ihre
Weise nutzbar zu machen, was den alten Zwecken nicht mehr
dient; und Menschen und Völker, deren Denken und Glauben
von dem Unsern sehr verschieden sein dürfte, werden vor den
Ruinen der christlichen Kirchen und der Feudalpaläste dastehen,
wie wir vor dem Jupitertempel auf dem Forum, vor den
Ruinen des Sonnentempels, vor dem Palast Cenci oder dem
Palast Castelani in Trastevere. -- Sie werden unter den
zerfallenden Mauern einhergehen, das gewaltige Können und
das Schönheitsgefühl vergangener Tage bewundernd, und in
lebensfrohem Genuß des Augenblicks die Vergänglichkeit des
Menschen, die Vergänglichkeit alles Dessen, was er erschafft,
beklagend. Sie werden sich schmerzlich bescheiden vor der eigenen
Vergänglichkeit mit dem Hinblick auf das allgemeine Vergehen
und Werden, auf das die Wissenschaft den Menschen zu seinem
Troste - ach und wie vergeblich! - hinweist.
Am 18. Mai des Jahres 186? ging ich allein von
unserer Wohnung in der Via Sistina über die Piazza di Si
Silvestro und den Corso nach dem großen Palast auf dem
Monte Eitorio, in dem sich die Polizeibureaus befanden, um
unsern Paß sür die bevorstehende Abreise nach Neapel visiren
zu lassen. Es war ein sehr schwüler Nachmittag, der Himmel
bewölkt, der Seirocco brütete über der Stadt. Die Straßen

- 1I! -
waren sehr leer, die Fremden schon abgereist. Auch uns
hatten nur ein wiedergekehrtes Nebelbefinden meines Mannes
und die von uns übrigens nicht bewährt gefundene Ver-
sicherung einiger in Rom ansässiger Freunde, daß die Stadt
im Mai besonders anmuthig sei, noch in derselben zurücge-
halten. Aber damals, wie zwanzig Jahre früher, fand ich
den Mai in Rom nichts weniger als angenehm. Die stille
bewegungslose Wärme - ich finde keinen andern Ausdruck
zur Bezeichnung jener Atmosphäre - hat dann etwas sehr
Melancholisches. Alles sieht so müde aus, Alles so verfallen,
so menschenleer und ausgestorben, daß Einem zu Muthe wird,
als fühle man das Hinsausen der Gegenwart, als empfinde
man ihr Versinken und sein eigenes Versinken in die Ver-
gangenheit. An solchen Tagen ist in Rom oft eine völlige
Gleichgiltigkeit gegen das Sein, ja jene Gleichgiltigkeit gegen
Alles über mich gekommen, in welcher man sich fragt: wozu
das Alles, was Du gethan, gewollt, gehofft hast? - und in
der man sich achselzuckend und mit dem Lächeln des Lebensüüber-
drusses sagt: was kommts auch darauf an! -- Ich glaube
nicht, daß man diese Empfindungen an irgend einem andern
Orte der Welt so scharf und deutlich, so überwältigend in sich
ausgebildet findet als in Rom.
Der Palast auf Monte Eitorio ist außerordentlich groß,
die Höfe im Innern wie Plätze weit. Es waren, wie ich glaube,
auch eine Reihe von Gefängnissen in demselben. Ein paar
thürhütende Posten waren auf den Steinbänken halb einge-
schlafen. Als ich sie um den Weg nach dem betreffenden
Bureau fragte, wiesen sie mich mit müder Handbewegung und
einem schlaftrunkenen: äi gui! - (dortens über den einen
Hof nach dem andern hin. Es war als käme man wie im
Mährchen in einen verzauberten Palast, und mir fiel die
entschiedene Weigerung unseres Wirthes, den Polizeipalast

=== (ßF -
auch nur zu betreten, um mir die Paßvisitation zu besorgen,
fast unheimlich auf's Herz-
Im zweiten Hofe zu ebener Erde, neben einem, trotz der
schon seit Monaten warmen und sommerlichen Jahreszeit,
dumpfig feuchten und schmutzigen Korridor, trat ich in einen
großen Saal. Zwei Beamte arbeiteten an Stehpulten darin.
Ich legte unsern Paß vor, man revidirte und visirte ihn nach
einer Reihe von Fragen. Der Beamte, der,sich damit beschäftigte,
war ein Deutscher. Als er mir den Paß aushändigte und ich
die fünf Franken für das Visa bezahlt hatte, fragte ich:,Muß
der Paß, wenn wir im Herbste von Neapel hierher zurück-
kommen, wieder eingereicht werden?r
,Ja! wenn wir dann noch hier sind !'' gab er mir zur
Antwort.
Wenn wir dann noch hier sind! - - Und der Lateran
und der Vatikan und die Peterskirche standen da in stolzer
Majestät, wie für dieEwigkeit gebaut; und man traf alle Vor-
kehrungen für das ökumenische Konzil, das die Unfehlbarkeit
des Papstes anerkennen sollte.
Die Worte kamen mir nicht aus dem Sinn.
An einem der folgenden Abende waren wir nach dem
Palazzo Gaetani gefahren, um uns bei seinem Besitzer, dem
Herzog von Sermoneta, zu verabschieden. Der Herzog, Don
Michele Angelo, ist ein direkter Nachkomme des berühmten
Geschlechtes der Gaetani, dessen Hausmacht der gewaltige Papst
Bonifaz Al. begründet hat. Das Geschlecht, das einst Güter
im Umfang eines deutschen Königreichs und in den noch auf-
rechtstehenden Mauern auf der Via Appia seine Festung besaß,
in welche das Grabmal der Cäcilia Metella als einer der
Festungsthürme mit eingeschlossen war, war noch reich begütert
und mächtig im Kirchenstaate wie in Neapel. Eine Inschrift
über den Thüren des Archives im Halbgeschoß des Palastes

== 19Z -
Gaetani besagte aber mit stolzer Rechtschaffenheit: ,Ich, Don
Michele Angelo Gaetani, Herzog von Sermoneta k. habe die
große Schuldenlast, welche meine Ahnen auf unsern Besitz ge-
häuft, in vier Jahren abgetragen.? - Ich habe es schon in
dem Buche ,Ein Winter in Rom' ausgesprochen, welchen
Einblick in die Sinnesart dieses römischen Fürsten diese Jn-
schrift thun lasse.,Ein Mann kann nichts Bessers von sich
aussagen, als daß er seine Ehre darein setze, nicht nur seine
Schuldigkeit zu thun, sondern auch die Fehler und das Un-
recht seiner Vorgänger auszugleichen! Und edle, männliche
Festigkeit, stolzes, würdiges Selbstgefühl waren und sind noch
heute der Eindruck in dem ganzen Wesen des Fürsten, der,
obschon der Familie eines auch in weltlicher Herrschaft mäch-
tigen Papstes entsprossen, doch zu den entschiedensten Geg-
nern des weltlichen Regiments der Päpste und zu den eifrigsten
Anhängern des neuen vereinigten Jtaliens gehört.
Als wir den Vorzug hatten im Frühjahr von 16? dem
Fürsten zu begegnen und seine Einladung zu erhalten, mochte
er in der Mitte der Fünfziger stehen, aber man würde ihn
bei seiner kräftigen, breitbrüstigen Gestalt, der der Kopf auf
dem starken römischen Nacken sehr stolz aufsitzt, und bei dem
dichten, rabenschwarzen, gewellten Haar für einen Mann in
den ersten Vierzigen angesprochen haben, hätte man den Zügen
des edlen Antlitzes nicht die Spuren großer Leiden und
Schmerzen angesehen, und hätten die gesenkten Augenlider
nicht den Ausdruck der tiefen Schwermuth getragen, die den
mächtigen Mann befallen hat, seit er erblindet ist. Dies Un-
glück, doppelt groß für ihn als gelehrten Archäologen und aus-
übenden Künstler (der Herzog hat sich mit Glück in mannich-
fachen plastischen Arbeiten bewährts, hat aber seine geistige
Klarheit und Lebhaftigkeit und seine eingreifende Theilnahme an
der politischen Entwickelung seines Vaterlandes nicht gebrochen.
F. Lewald, Reisebriefe.

= 1F -
Er ermaß und würdigte es schon 16?, welch' eine
Bedeutung das von Oesterreichs Einfluß unabhänig gewordene
und geeinte Deutschland unter Preußens Führung für die
Einigung Jtaliens und für dessen Freiwerden von fran-
zösischem Einfluß dauernd haben würde, und er hat sein Fest-
halten an dieser wie an allen seinen Neberzeugungen auch bis
auf diese Zeit vollauf bewährt.
An dem Abende, dessen ich eben gedachte, wendete die
Unterhaltung sich auch sofort auf die Wandlung, welche sich
seit dem Sommer von 1866 in unseren Zuständen vollzogen
hatte, uud als ich dem Herzog dann erzählte, welche Aeußerung
am Nachmittage der Polizeibeamte im Postbureau gegen mich
gethan, versetzte et: Ich wollte, seine Zweifel wären begründet,
aber ich besorge, Sie werden ihn und die ganze regierende
Elerisei noch wiederfinden, wenn Sie im Herbste zu uns
wiederkehren. So rasch machen sich die Dinge auf diesem
Boden nicht. Aber die Menschheit steht nicht still, und der
Wille einer verblendeten Association von zurückgebliebenen
Geistern hält ihren Fortschritt nicht für immer auf. Ich
wiederholte ihm das Wort, das, wie man mir erzählt, die
Großfürstin Helene von Rußland einmal über den Kaiser
Nikolaus geäußert haben sollte: ,Er hält sich für einen Riesen,
der die Zeit zurückhalten kann, wenn er dem rollenden Rade
der Geschichte in die Speichen greift; aber das Rad ist nicht
zu halten, es wird weiter rollen und ihm den starken Arm
zerschmettern !'! =- Der Herzog nickte zustimmend mit dem
Kopfe.,Wir erleben hier das Aehnliche an dem Glauben
des Papstes'', sagte er, ,und werden Aehnliches erleben in
seiner Enttäuschung!''
So schieden wir.
Ein paar Tage später waren wir in Neapel und in
Neapel waren die Klöster aufgehoben, die ganze Stadt sah

-= P1H -
wie gelichtet aus. Der Hafen lag voll Schiffe, Handel und
Wandel belebten die Plätze, neue, großartige Straßenbauten
waren am Ufer des Meeres, am Fuß des Pausilipp und von
Kapo di Monte bis in das Thal hinab entstanden und im
Entstehen. Die Fenster des königlichen Palastes waren aber
geschlossen, in der königlichen Villa Chiatamone war ein Gast-
haus errichtet und wir wohnten darin.
Seit Jahren hatte ich mich an den Berichten erfreut,
welche ein Neffe PoSrio's, Vittorio Imbriani, der früher in
Berlin studirt hatte und dessen Vater an der Spitte des
neapolitanischen Unterrichtswesens stand, mir hin und wieder
nach Berlin gesendet. In den freigewordenen Klöstern hatte
man öffentliche Schulen für Knaben und Mädchen errichtet,
vornehme Adelsfamilien schickten ihre Töchter in diese Volks-
schulen, um mit ihrem Beispiel voranzugehen. Fortbildungs-
schulen für Handwerker waren eröffnet. Statt der finsteren
Schaaren von Mönchen und Mönchsschülern, welche eine der
Hauptstaffagen der römischen Straßen bildeten, zogen prächtige
Bataillone von Nationalgarden mit klingendem Spiele durch
die Straßen, über welche auf der Riviera di Chiaja eine
Parade abgehalten wurde. Die Zeiten, in denen Enrichetta
Karracciolo ihre Klosterleiden durchlebt, waren für Neapel
vorüber, es war eingetreten in die volle, frische Strömung
der Zeit. Indeß man behauptete, das partikularistische,
republikanische und sogar französische Sympathien in Neapel
mehr als sonst irgendwo in Jtalien der friedlichen Einigung
des Königreiches und seiner Selbständigkeit gegenüber Frank-
reich entgegenständen.
Wir aber konnten uns über diese Behauptungen durch
Selbsterfahrung leider kein eignes Urtheil bilden, denn unser
Aufenthalt währte eben nur vierzehn Tage. Die ungewöhnlich
frühe Hitze und der Ausbruch der Cholera zwangen uns,
1R

== ,Zs -
Neapel und Jtalien zu verlassen, und der Herbst des Jahres
siebenundsechzig traf uns am Genfersee. Dort sahen wir
Garibaldi, wie ich erwähnt am neunten September auf seiner
Reise zu dem Genfer Friedenskongreß. Dort erfuhren wir
später von seinem neuen, zur Unzeit unternommenen und
mißglückten Versuche, die weltliche Herrschaft des Papstes zu
stürzen, den Kirchenstaat für die Vereinigung mit Jtalien zu
befreien.
Einer von Garibaldis Offizieren, der treffliche junge
Obristlieutenant Frigyesi, den wir fünfzehn Monate früher
am Komersee kennen lernten, und von dessen eigenartigen
Lebensschicksalen ich in meinem Tagebuch vom Genfersee einen
flüchtigen Umriß gegeben, meldete uns am S. Oktober 16? von
Genf, wo er sich aufhielt:
,Garibaldi hat mir von Caprera geschrieben. Er sagt von
sich: ,Ich muß abreisen, auf!s Neue in den Kampf, aber ich
scheue die Gefahren nicht. Das Vaterland ruft mich, ich gehe
gern. Die Heiligkeit der Sache giebt mir Zuversicht, ich hoffe,
das Unternehmen gelingt. Wenn nicht, so wird's nicht meine
Schuld sein. ,Das Lettere', fügte der Briefschreiber hinzu
==- ich übersetze diese Briefe aus dem Jtalienischen - ,wird
sicherlich wahr sein ! =- Danach langes Schweigen.
Mit bangem Herzen dachten wir unseres jungen Freundes,
der dem Rufe seines Generals gefolgt war, mit gespannter
Sorge dachten wir an Rom und an die Freunde, die uns dort
lebten. Wir erfuhren die widrige Komödie, zu welcher die
Abhängigkeit von Frankreich die italienische Regierung abermals
gezwungen, die Gefangennehmung Garibaldiis in Asina lunga,
seine Befreiung, sein Vorwärtsgehen, den Einmarsch seiner
Truppen in das päpstliche Gebiet, die Kunde von dem Siege
bei Monte rotondo, die Trauerbotschaft von der Niederlage
Garibaldi's bei Mentana, die Schilderung ,der Wunder'', welche

gggg
== 19? -
bie Chassepots dort zum erstenmale gethan. - Endlich, nachdem
wir in Florenz und Rom vergebens um Kunde von dem edlen
jungen Freunde nachgesucht und nur erfahren hatten, daß er,
obschon verwundet, bei Mentana das Schlachtfeld bis zulettt
behauptet und den Rüchhug des Generals decken helfen, erreichte
uns gegen das Ende des Jahres ein Brief von ihm.
,Da bin ich wieder, schrieb er uns aus Genf, ,noch
etwas lahm, aber ich lebe! Das Glück, das ich bei Mentana
hatte, war außerordentlich. Der Baum, unter welchem ich
stand, wurde vollständig von den Kugeln des ,wunderthätigen
heiligen Chassepot entblättert, mein Pferd bekam einundzwanzig
Flintenschüsse. Als es schon am Boden lag, zerriß eine Kanonen-
kugel das arme Thier. Gegen drei Ühr erhielt ich eine starke
Kontusion an der Hüfte, aber um die Meinen nicht zu
entmuthigen und um bei dem armen General zu bleiben, der
sich übermäßig aussette, bin ich, auf einen Stock gestüttt, noch
bis sechs Uhr auf dem Schlachtfelde geblieben. Mentana war
keine Schlacht, es war ein Schlachten von Unbewaffneten. Ich
bin, wie Einer, an die Schrecken des Krieges gewöhnt, aber
ein Elend wie in dieser Campagne habe ich noch nicht
durchgemacht. Die schlechtesten Gewehre, die nur zweihundert
bis dreihundert Schritte trugen, zwei bis elf Kartouchen für
den Freiwilligen. Die Leute halb nackt ohne Sold, mehrere
Tage des Brodes und was schlimmer war, genüügenden Trink
wassers beraubt, auf etwas Fleisch ohne Salz beschränkt. Erst
die Geschichte wird diesem kleinen aber ehrewwollen Feldzuge
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ja, meine Freunde! ich lebe
noch, aber meine Seele ist sehr traurig. Zu denken, daß so
viel Opfer und Leiden vergebens gewesen sind. Eine Blüthe
italienischer Jugend hingeschlachtet! Mütter, Schwestern,
Freunde in Thränen um ihre Geliebtesten. - Und ich, der
völlig einsame Exilirte am Leben, um dies traurige Schauspiel

== , Is -
zu betrachten, um Zeuge zu sein von so vieler Infamie. Wie
gern hätte ich mein Dasein hingegeben, das Leben jener groß-
herzigen Märtyrer zu erhalten, aber ich bin übrig geblieben
und weiß nicht das Weshalb. Ist es eine Strafe, ist es ein
Lohn? Gott allein weiß es! Der arme General ist wieder
in demselben Gefängniß von Varignano, in welchem wir nach
Aspromonte waren, bewacht von den Schergen des Königes,
dem er Königreiche gegeben hat. Ich konnte keinen Zutritt
zu ihm erreichen. Armes Jtalien! Preisgegeben von dem
ihr Angetrauten, der geschworen, sie heilig zu halten; von den
Fremden unter die Füfe getreten, troz ihrer beiden großen
Söhne, um welche eine Welt sie beneidet.? - Es folgen dann
bitttere Anklagen gegen die französisch - italienische Alliance,
gegen die dynastische Selbstsucht, und die bestimmt ausgesprochene
Neberzeugung, daß Jtaliens Einheit und Freiheit, wie das
Glück der Völker überhaupt nur von republikanischen Staaten
zu erwarten sei - ein Irrthum des Verstandes, in welchen
großmüthige Herzen so leicht verfallen, weil in ihnen die
Vorstellungen eines idealen Volkes, sich zwischen ihr Urtheil
und zwischen die bestehenden Zustände stellt! Ein Irrthum
des Verstandes, der Garibaldis und seiner Anhänger unseligen
Entschluß erklärt, sich auch in dem letten Kriege wieder mit der
französischen republikanischen Regierung gegen das deutsche Volk
zu verbinden, das unter monarchischer Führung bei Sedan den
Feind Jtaliens und der italienischen Einheit vom Throne
stieß, das bei Sedan dem durch französische Willkür in Banden
geschlagenen italienischen Volke die Banden löste, und ihm
den Weg nach Rom ermöglichte - den kein Telegramm der
französischrepublikanischen Regierungsgesellschaft den Jtalienern
eröffnet hatte, den sie erst durch Scheingefechte gewinnen konnten,
krarn

- FIs -
vorenthielt, tragt das Licht der Erkenntniß, die Leuchte dieser
Zeit, in das von tiefer Nacht umhüllte Rom! Die Zuaven
und ihr General Charette, welche sich der vollen Einigung
Jtaliens in den Septembertagen von 17 widersetzten, waren
die Truppen und der General der damaligen französischen
Republik -- der Republik des Zu falls - wie die
deutsch-amerikanischen Journale sie mit spottender Gerechtigkeit
benannten. - In der That, nur ein schwerer unheilvoller
Irrthum des Verstandes konnte Garibaldi, der im Jahre 166
die Alliance von Deutschland und Jtalien als etwas Natur-
gemäßes, Unerläßliches erstrebte, auf die entgegengesetzte Seite
getrieben haben. Aber für Diejenigen, welche sich berufen
glauben, in die Schicksale der Welt handelnd einzugreifen, giebt
es Irrthümer, die Verbrechen sind, und sich wie solche rächen.
Wir kehrten damals nicht nach Jtalien zurück, denn was
man von Rom vernahm, war zur Rückkehr nicht ver-
lockend. Nach der Schlacht von Mentana hatten die Franzosen
sich zur Sicherung der päpstlichen Herrschaft wieder im Kirchen-
staate festgesctt, unter ihrer Aegide bereitete man sich auf das
Konzil, auf diese Blendwerkskomödie mit Knechtungsunterlage
vor, und auch an der Seine wurden immer neue Feste und
Präponderanzschauspiele mit ethnographischer Färbung aufge-
führt. Der Ausstellung von Völkern und von Souverainen
in Paris, folgte die Fürstenpromenade nach dem Nil; dem alten
ls rois z'amnse! war ein neues: on amuse les rois et les
geugles !' gefolgt; und weil Alles, was der Maschinenmeister
an der Seine zur Unterhaltung und Zerstreuung der mit
ihm unzufrieden werdenden Pariser plante, so glatt und schön
von Statten ging, waren zaghafte Gemüther nahe daran, auf
seine Infallibilität noch früher als auf die des Papstes zu
glauben und zu schwören.

Z0ß -
,Es steht der Welt ein großes Unheil bevor'', sagte im
Frühjahr von 168 der arme Edgar Quinet zu uns, der in
bescheidenem Hause am Genfersee fern von dem Vaterlande
lebte, weil er es unter Napoleons des Dritten Herrschaft nicht
wieder betreten wollte. ,Es steht der Welt ein großes Unheil.
bevor. Napoleon befestigt seine Dynastie, sein Einfluß auf
den Klerus von Jtalien und von Frankreich ist ein entschei-
dender. Der Kardinal Bonaparte wird der nächste Papst sein,
und die Welt von einem Kaiser und einem Papste aus diesem
verruchten Stamme beherrscht, wird der schrankenlosesten welt-
lichen und geistlichen Tyrannei verfallen. Nur weil er für
sich und seine Dynastie davon Nuten zu ziehen hofft, tritt
Napoleon nicht gegen die Infallibilitätsgelüste des Papstes
auf. Wir gehen einer Zukunft entgegen, vor der mir schaudert,
weil ich voraussehe, wie sie sich gestalten wird ! - Wir ehrten
und schätzten Quinet als Charakter aufrichtig, aber sein echt
französischer Glaube an die Dauer der augenblicklich bestehenden
Herrschaft machte uns doch lächeln. Es war gerade, als ob
Napoleon der unsterbliche Stellvertreter Gottes auf der Erde,
als ob er immer dagewesen wäre und immer da sein würde,
als ob er den Schlußstein des Weltgebäudes bildete, der nicht
fortgenommen werden könnte, ohne daß Alles auseinander
fiele. Und doch waren die lächerlichen Abenteuer von Boulogne
und Straßburg nicht so gar lange her, doch hatte Quinet den
A. und L. Dezember mit erlebt. Er kannte die Anfänge dieses
Kaisers der Franzosen und schien nicht an die Möglichkeit
seines plötzlichen Untergehens zu denken. ,Ich habe immer den
heißen Wunsch gehabt?, sagte Stahr zu Quinet, ,nicht zu
sterben, ehe ich nicht den schmählichen Untergang dieses ge-
krönten Verbrechers erlebt habe, und verlassen Sie sich
darauf! wir erleben ihn Beide!'r
,O, mein Freund! Sie vergessen die Armee!' ent-

- Zß! --
gegnete der Exilirte mit einem schweren Seufzer, und Sie
vergessen es, wie Napoleon es verstanden hat, Frankreich
solidarisch mit sich zu verbinden ! - Er glaubte nicht im
Entferntesten an die Möglichkeit von Napoleons jähem Sturz.
Es gab Leute genug, die ebenso dachten, nicht allein in Frank-
reich, sondern auch bei uns - vornehmlich unter Jenen, deren
sittliche Weltanschauung von dem Courszettel bestimmt und
an jedem Mittag an der Börse neugestaltet wird.
Wie besorgt um Napoleon oder auf ihn bauend aber die
Einen und die Anderen auch in die Zukunft blickten, wie hoch
sie seine Macht und die des Papstes auch veranschlagten -
und die letztere ist, vom weltlichen Besitze abgesehen, doch weit
gewaltiger, tiefgreifender und der Zukunft wahrscheinlich sehr
viel versicherter als jene = es ging neben und in dem Drama,
das man die Weltgeschichte nennt, neben den großen han-
delnden Heldengestalten und dem Chor des Volkes immer und
unablässig noch ein Chor von besonderen Stimmen, gleich dem
Chor in der antiken Tragödie, einher, der, für sich selbst
agirend, sich nicht beirren und nicht bestechen ließ, der, ohne
dazu besonders angestellt zu sein, die eigentliche Stimme der
Völker und der Zeit, der das ethische Gewissen der Welt, die
richtende und verurtheilende Stimme repräsentirte, ,weil es
ihm so gefiel'': ein Gerichtshof aus eigener Machtvollkommen-
heit, unerschrocken, unerbittlich, schlagend und vernichtend mit
dem erhabenen Zorne seines Humors. Er gebot nicht über
Kanonen, er hatte nur Blätter, Papier und Druckerschwärze,
und die frische Energie von wenig Männern als Macht und
Waffe zur Verfügung. Aber Napoleon und der Papst haben
keinen beharrlichern Gegner im Felde wider sich gehabt, die
ganzen achtundzwanzig Jahre lang, als das Berliner satyrische
Blatt - den Kladderadatsch. -
Wie entschiedene Feinde die Menschenliebe und Weltbe-

-= IßZ -
glückung heuchelnde Selbstsucht Napoleon's und der Infalli-
bilitätsirrsinn des Papstes den Beiden auch hervorgerufen
hatten, Niemand hat sie so unausgesezt bekämpft als dieses
geistreichste und unabhängigste Wizblatt der Welt - als seine
Redacteure und sein Zeichner. Mit jedem Jahre, welches die
napoleonische Herrschaft in Frankreich gewährt, mit jeder Ver-
schlechterung der öffentlichen Moral in jenem Lande, mit jeder
Vergewaltigung der Franzosen gegen fremde Völker, war das
Blatt an sittlicher Bedeutung gewachsen. Vom Throne bis
in die Dorschänke hinab, hatte es nicht aufgehört die Deutschen
an die Verbrechen zu mahnen, welche der Kaiser und mit ihm
die von ihm geführte französische Nation begangen. Auf Tritt
und Schritt hat es ihn wie ein gespenstiger Rächer durch alle
vier Welttheile in den Raubzügen seiner Franzosen begleitet.
Mit warnender Drohung hat es ihn endlich angerufen bei dem
Beginn des feindseligen Angriffs gegen Preußen, bis es dem ver-
brecherischen Kaiser schließlich in einer meisterhaften Jllustration
sein nahes Ende prophezeit und dargestellt. Das Bild des
Kladderadatsch, in welchem Navoleon selber, seinen mit dem
Krönuungsmantel und der Kaiserkrone gezierten Sarg als
Lenker des eigenen Leichenwagens, den gleißend aufgeschmückte
Pferdegerippe vorwärtsziehen, zu Grabe führt, ist eine alle-
gorisch-historische Komposition im größten Style und von
größter Kraft; und obschon nur in engem Raume und im
kargen Holzschnitte ausgeführt, lebte doch kein Meister, der sich
ihrer zu schämen gehabt haben würde.
So war denn, wenn auch langsam vorbereitet durch eigene
Missethat und Neberhebung, das Ende für des Kaisers Macht
plötzlich herangekommen. Das Gericht hatte sich plötzlich er-
füllt. Der von besorgten Gemüthern gefürchteten Knechtschaft
der Welt durch den am Tiber und an der Seine wirksamen
Bonapartismus, war mit gewaltiger Kraft von der sittlichen

=- WZ =
Energie, von der Vaterlandsliebe und dem Selbstgefühl des
deutschen Volkes ihr: ,Bis hieher und nicht weiter!? zu-
gerufen worden. In den wilden Todesschlachten, welche uns
vom K. August bis zum U September Tausende und Tau-
sende unserer heldenhaften Männer und Jünglinge gekostet,
hatten die vereinten Dentschen die bonapartistische Tyrannei
gebrochen, die völkerfeindliche, eitle Selbstüberhebung der
Franzosen gezüchtigt, und den Sturz der weltlichen Macht des
Papstes vorbereitet. Die Ströme schuldlos vergossenen deutschen
Blutes, die Ströme von Thränen, die in Deutschland über
dieses theure Blut geweint worden sind, haben wie die Wogen
des Rothen Meercs den prahlerischen Pharao und sein Heer
verschlungen. Wie der blonde Erzengel Michael hat Deutsch-
land den Fuß gesettt auf des Erbfeindes Nacken, sich Tügel-
kräftig emporschwingend vor dem staunenden Auge der Welt,
und mit seinem starken Arm auch für Jtalien die Pforte er-
schließend, durch die es leichten Kaufes eingehen konnte in das
ihm bisher vorenthaltene Rom, um sich aufzurichten zu freier
Selbstbestimmuung, zu freier geistiger Entwickelung in der Reihe
der lebenden, fortschreitenden Völker unserer Zeit.
Es waren erschütternde Augenblicke, große, historisch - un-
vergeßliche Tage, als am . September des Jahres 17 König
Wilhelm der Welt vor Sedan verkündete, die ganze Armee
Mae Mahon's habe kapitulirt, der Kaiser Louis Napoleon
habe sich als Gefangener ergeben; als wenig Wochen später
am W. September die Botschaft durch die Welt ging: heute
haben die Kanonen der italienischen Armee die Mauern nie-
dergeworfen, welche von Frankreich gestützt, Rom abtrennten
von dem geistigen Fortschritt, den die übrige Welt gemacht
hat; als von den deutschen Thronen bis hinab in die letzte
deutsche Hütte und vor Allem in Preußen, jeder denkende
Mensch sich sagen durfte: in diesem Herbste hat das deutsche

=- Zßg -=-
Volk die Frucht Jahrhunderte langer treuer, gewissenhaster
Arbeit eingeerntet, haben deutscher Geist und deutscher Muth
die Machtverhältnisse hoffentlich zum Heil der Welt wie zu
dem eigenen Heile, in Europa umgestaltet, hat der germanische
Geist sich auf den Thron der Zeit gesettt -= jener Geist, der
die freie Forschung als sein Panier erkennt. Und auch in den
romanischen Ländern fehlte es nicht an Solchen, welche die
Bedeutung dieser Thatsache würdigten und sie als segenbringend
anerkannten.
,Ich wünsche von Herzen', schrieb mir damals einer der ein-
flußreichsten Männer Roms in den ersten Tagen des Oktober,
,eine dauerhafteAlliance zwischenJtalien und Deutschland, damit
Beide sich dauernd vor den eiteln Beeinflussungs- und Erobe-
rungsgelüsten bewahren, welche in der französischen Natur vor-
herrschen. Unser Jtalien hat es sehr nöthig, sich von der
Schwäche zu entwöhnen, die in seiner Nachahmung des gallischen
Wesens liegt. Ihr Volk hat das Glück, eine Natur zu besiten,
welche dem ebenso unrationellen als sinnlichen Charakter der
Franzosen völlig entgegengesett ist. Bonaparte und der Papst
hielten einander aus Selbstsucht mit gegenseitiger Abneigung
an der Hand. Der Sturz des Einen mußte den Fall des
Andern nach sich ziehen. Die katholische Partei in Frankreich
wird jetzt, sonderbar genug, durch eine Vereinigung von
Garibaldis rothen Republikanern mit den Zuaven des Herrn
Charette vertreten. Die Metamorphose in Rom vollziehen wir
sehr allmälig, um Kämpfe gegen den Staat und die Kirche zu
vermeiden. Die Letztere macht ,böse Miene zu gutem Spiel'.
Der Papst genießt in der vatikanischen Oasis alle Vortheile
des reichlichen Wohlstandes ßogulenees und der Freiheit, während
er sich darin gefällt, die Rolle des mißhandelten Gefangenen
zu spielen, weil er, wie er sagt, nicht mehr frei über die Brief-
post verfügt, die er durch die Polizei durchsieben (tamisers zu

== Z(H -
lassen pflegte. Die römische Regierung, welche an dem ge-
segneten Morgen des W. September durch die italienischen
Kanonen gebrochen worden ist, war Nas letzte übrige Stück
von der Barbarei des Mittelalters, versteinert durch die Jahr-
hunderte und aufbewahrt in dem zoologischen Museum des
Vatikans. - Der Jubel war ein allgemeiner durch ganz
Jtalien. Die Haltung, welche überall bewahrt worden ist, hat
die Gerechtigkeit seiner Sache bethätigt. Der Fall der politischen
Religionsmacht verbürgt der Welt die Wiedergeburt des wahren
Christenthums, das nichts Anderes ist, als die Ausübung der
friedlichen Menschlichkeit und duldsamen Bruderliebe!r
Aber während sich die provisorische Regierung, die Giunta,
mit dem edlen Herzoge von Sermoneta an ihrer Spitze, in-
Rom organisirte, während einige Wochen später eine Deputa
tion von Römern dem Könige Victor Emanuel die Abstimmung
der Römer nach Florenz überbrachte, welche sich für die Ver-
einigung mit dem Königreich Jtalien erklärt, fehlte es nicht
an Jtalienern, welche, uneingedenk Dessen, was die fran-
zösischen Republiken erster und zweiter Auflage gegen die Un-
abhängigkeit Jtaliens gefrevelt, und noch mehr uneingedenk
der außerordentlichen Förderung, welche das jetige Königreich
Jtalien von Preußen durch die Siege bei Sadowa und Sedan
erfahren, einem Bündniß Jtaliens mit der französischen Re-
publik neuesten Datums das Wort fortdauernd redeten. Feind-
liche Stimmen gegen Deutschland wurden in den zahlreichen,
schnell entstandenen römischen Journalen so laut, daß die in
Rom am meisten gekannte deutsche Zeitung, die Augsburger
Allgemeine, diese Stimmung gegen Deutschland als eine Un-
gerechtigkeit zu charakterisiren unternahm.
Da war es denn wieder der Präsident der Giunta, der
obschon das Augenlicht ihm fehlt - hellsichtig und weit-
sichtiger als viele seiner Mitbürger, einen gedruckten offenen

==- Ls -
Brief an die Redaktion der Augsb. Allg. Zeitung veröffent-
lichte, der mir vorliegt und der also lautet:
,Michel Angelo Gaetani, Herzog von Sermoneta, an die
verehrte Redaktion der Augsburger Allgemeinen Zeitung.
,Der Vorwurf, welchen Sie in Ihrem Blatte der perio-
dischen Presse Jtaliens machen, ist wohlverdient. Sie sündigt
zuweilen durch Vernachlässigung der Anerkennung, welche sie
Andern schuldet, bisweilen durch Unklugheit in ihren Urtheilen.
Die Stimme der Journale, welche in diesem Augenblick Werk
zeuge der Leidenschaft und auch der Gewinnsucht sind, darf
nicht als die verläßliche Kundgebung der nationalen Meinung
angesehen werden. Die verständige Bürgerschaft Jtaliens, vor
Allem die von Venedig und von Rom, darf wol durch Wort
und That bezeugen, welche Dankbarkeit sie den wundervollen
Siegen des heutigen Germaniens schuldig ist.?
,Der geistige Fortschritt Deutschlands ist das einzige sichere
Versprechen, welches Europa für seinen künftigen politischen
Fortschritt besitzt. Es ziemt sich zu wünschen, daß Jtalien
daraus ein Beispiel und Nutzen zu ziehen verstehe, weil ein
unreifer politischer Fortschritt, dem die rechte Unterlage geistiger
Bildung fehlt, jene furchtbare Zerstörung herbeiführen kann,
unter welcher in diesem Augenblick verschiedene Theile unseres
europäischen Welttheiles leiden. Empfange das siegreiche
Deutschland von den besten Bürgern Jtaliens das Zeugniß
ihrer nationalen Dankbarkeit, und möge Rom einst die Herrin
der alten Welt, sich an und nach dem Beispiel Deutschlands
zu der geistigen und bürgerlichen Höhe der modernen Welt
erheben !''
a ,sotteghe oseurs (ßlatz auf welchem der Palast Gaetani
liegts am L. November 17.?

-- I! --
Wie die alte Roma, in ihrer antiken Ruinen Schatten,
mit ihren geheimnißvollen Klöstern, mit ihren mittelalterlichen
Mauern, mit dem Glanze ihrer nur von den Steuern der
ganzen Welt zu erhaltenden Kirchen und Basiliken es anfangen
wollte eine moderne Stadt zu werden, wie neues Leben
einziehen sollte in das wunderbare, weltabgeschiedene, ver-
fallene und für jede empfängliche Seele unwiderstehliche
Rom - das konnte man sich damals eigentlich nicht denken.
Wie sollten ein König von Jtalien und das Oberhaupt
der katholischen Kirche neben einander residiren innerhalb
der Mauern Ron's? = Ein deutscher kleinstaatlicher Diplomat,
der nicht durch weitreichende Gedanken glänzte, sagte einmal
kurz weg zu mir: ,Das ist ganz unmöglich! denn wem sollen
die Truppen die Ehrenbezeugungen als Souverain erweisen?
dem Papste oder dem Könige ?
Das ist freilich immer noch eine unentschiedene Frage, da
Pius der Neunte heute noch in der Rolle des Gefangenen
beharrt. Aber Rom ist seit sieben Jahren die Hauptstadt des
geeinigten Jtaliens. Das Luirinal ist die Hofburg des Lan-
desherrn, das Parlament, der Senat vertreten hier in Rom
des Volkes Willen; und die Zeit, d. h. die Menschen, die in
ihr leben und Wunder wirken, werden das Nebrige thun.
Das deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm neu aufgerichtet,
Jtalien geeinigt unter seinem selbstgewählten Fürstengeschlechte
-- der Papst ein freiwilliger Gefangener in den Sälen des
Vatikans! - Wer hätte das für möglich gehalten heut' vor
einem Menschenalter? und wie kurz ist die Spanne Zeit, die
man als ein Menschenalter bezeichnet!
Das Jahr neigt zum Ende! möchten Friede und Eintracht
an des neuen Jahres Pforte stehen für alle Völker, denn die
Welt hat des Blutvergießens nur allzuviel gehabt!