Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 14

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lierzeünter Vrief.
Am Tage der Paptwahl.
Rom, W. Februar 178.
War das eine Zeit der unruhigen Erwartung! War das
ein Vermuthen, ein Prophezeien in den Tagen, die seit dem
siebenten Februar, seit der Todesstunde Pius lK., bis zu der
heute erfolgten Wahl des Kardinals Pecci, des dreizehnten
Leo, uns hier verflossen sind!
Man hatte Papst Pius im Laufe des Winters schon mehr-
mals sterbend oder todt gesagt. Der siebente Februar war ein
fcischer, klarer Tag. Es hatte, wie durch den ganzen Januar,
in der Nacht gefroren, und obschon in den Gärten die Rosen
und die vanilleduftigen japanischen Mispeln blühten, war es
trotz des Sonnenscheins in der Antiken-Gallerie der Villa
Ludovisi empfindlich kalt, so daß wir bald das Freie und die
Sonne suchten. Beim Heimwege erfuhren wir den Tod des
Papstes. Aber von der großen Aufregung, welche der Tod des
Königs hervorgerufen hatte, war den Tag Nichts zu merken.
Nur hier und da sah man einen Laden schließen; im
Nebrigen ging Alles ruhig seinen Weg, und im Verkehr mit
Jtalienern hörte man nicht nur gleichgültig von dem Ereigniß,
sondern unehrerbietig und oft mit bitterer Geringschätzung von
dem Papste sprechen. Man hatte ihm zuviel zu vergeben, was
man ihm nicht vergessen konnte; und weil er die überspannten
Hoffnungen nicht verwirklicht, die man einst auf ihn gesett
hatte, grollte man ihm um so schwerer. Nun war er abge-
than! Es hieß sntt! - und das Schaugepränge derAusstellung
und Beerdigung des verstorbenen Papstes, kam neben der
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Es war gar nicht möglich, sich an Silvio Pellico's oßt
von mir wiederholten Ausspruch zu halten: laseio la golitiea
o slla sta, e porlo TUltro! (Ich lasse die Politik, wo sie eben
liegt, und spreche von Anderem !s Denn Niemand dachte an
etwas Anderes, Niemand sprach von Anderem - weder die
Zeitungen noch die Leser derselben, weder die Heimischen noch
die Fremden, weder die Herren noch die Diener. Man erging
sich in Rückerinnern, in Voraussehen. Man stritt, man eiferte,
man hoffte, man zweifelte. Theilnahmlos und ruhig konnte
man dabei nicht bleiben. - Und dennoch fragte jett bei dem
Tode des Papstes Niemand: aber was wird nun werden? -
wie man sich das gefragt hatte, an dem Tage, an welchem
dereinst die französische Besatzung Rom und den Papst, dem
Schute seiner Landeskinder überließ.
Was aus Rom werden würde, darauf hatte die tiefe
Trauer bei dem Tode Victor Emanuels die Antwort ein- für
allemal gegeben. Nur die Frage warf man sofort auf, werden
die Kardinäle fort, nach Malta gehen, um das Konklave dort
zu halten, um den Papst unter dem Schute der protestan-
tischen Macht zu wählen, in deren Hauptstadt, wahrscheinlich
auch heute noch, die Papst - Puppe in jedem Jahre zur Er-
innerung an Guy Hawks verbrannt, und das ,rewember,
rememher tbe ästb ok Koremherr gesungen wird. Es war
überflüssig, darüber viel zu ßreiten; denn mich dünkt, es giebt
historische Lächerlichkeiten, die zu begehen selbst Fanatiker Be-
denken tragen müssen. Dazu war das Fortgehen der Kardinäle
von Rom die leichteste Sache von der Welt, denn die Straßen
nach der Eisenbahn sind und waren offen für Jedermann.
Aber Rom als den Siz des Papstthums ohne Weiteres auf-
zugeben, daran hatte man wohl kaum gedacht, und das Wieder-
kommen mit dem neuen Papste bot für jeden einigermaßen
praktischen Verstand doch Schwierigkeiten. Wie sollte diese
F. Lew ald, Reisebriefe.

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Rackkehr vor sich gehen? Im Triumwphzug? Ein solcher war
ohne Zulassung und Mitwirkung der italienischen Regierung,
die man nicht anerkennen wollte, nicht in Scene zu setzen. ,
Wie der Heiland nach Jerusalem, auf einem Esel mit vorge-
tragenen Palmenzweigen? Das wäre christlich, rührend, viel
leicht erhaben und schön gewesen -- aber doch neben der Eisen,
bahn veraltet und nicht recht thunlich! - Und mit dem Papste
ankommen, wie alle anderen Reisenden im Paletot und Mantel
das ging doch vollends nicht. Hier war Rhodus, hier mußte-
der Sprung gemacht werden! Und man hat ihn denn auch
hier gemacht, und der Bann ist gebrochen, mag man sich stellen
wie man will.
Am Montag, dem 1., als wir durch Porta Cavaleggieri
fahrend auf den Petersplatz kamen, bivouakirte unter den
Arkaden, die von St. Peter ausgehen, italienische Infanterie. -
Die Waffen, Tornister u. s. w. waren regelrecht auf dem Boden -
geordnet, die Truppen standen und lagen umher. Sie hatten
die Sicherheit des Vatikans, die Freiheit des Konklaves zu
bewachen. Sie waren auch einige Tage früher herbeigeholt
worden, die Ordnung in der Peterskirche aufrecht zu erhalten. -
Schon das war eine Bresche in dem bisherigen System, die -
nicht verdeckt werden komnte durch die Aufrechterhaltung des ;
ganzen alten Ceremoniels und durch die klösterlichen Holzver- -
schläge vor den Fenstern des Flügels, in welchem das Konklave ?
abgehalten wurde.
Freilich behaupteten die klerikalen Blätter, daß Pius dem --
K. mit Nothwendigkeit ein Pius K. folgen müsse, daß dieser ?
nichts thun könne und werde, als völlig in die Fußtapfen ?
seines Vorgängers treten; daß er alle seine infallibeln Anord- I
nungen und Traditionen fortführen müsse -- als ob z. .
ein Martyrium erblich sein könne! Kurzum Jeder hatte vom
. Februar bis heute seinen orthodoxen Glauben, Jeder war

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infallibel, und in der Atmosphäre dieser allgemeinen Infalli-
bilität stieg mir, der ich in diesen Dingen völlig ein Laie bin,
bisweilen der Gedanke auf, ob und in wie wett der neue
infallible Papst berechtigt sein könne, das Dogma von der
Infallibilität, welches sein Vorgänger erfunden, als einen
Irrthum zu erklären und es zu widerrufen? Es hätte in
den Tagen Manches komisch erscheinen können, wäre die
Wahl und die Person des neuen Papstes nicht von so weit-
greifender und, je nach dem, von segensreicher oder unheil-
voller Wirkung gewesen.
Inzwischen rastete, wie in ähnlichen Fällen im Mittel-
alter, der Volkswiz nicht. An den Buden der Zeitungsverkäufer
hingen Flugblätter aller Art aus. Ein hübsches farbiges
Blatt zeigte die Taube, das Sinnbild des heiligen Geistes,
mit dem Kardinalshut auf dem Kopfe, brütend über der ihr
als Ei untergelegten päpstlichen Tiare. Auf einem anderen
Blatte reichten der Papst und Victor Emanuel sich im Jenseits
als gute Jtaliener versöhnt die Hände. Auf einem dritten
ging der Eine die Hintertreppe, der Andere die Vordertreppe
zum Paradies empor; und auf noch einem anderen Blatte
begehrte Pius lK. von Sankt Peter Einlaß ins Paradies,
der zaudert, die Thür aufzuthun. Aber ich bin ja der in-
fallible Papst! sagt Pius. Oh, um Vergebung entgegnet der
heilige Petrus, irren ist menschlich! - Aber keines von allen
diesen satyrischen Blättern war beleidigend oder roh.
An und für sich liegt, wenn man die Sache ganz abstrakt
nimmt, etwas sehrJdealistisches in dem Gedanken einen Menschen
aus dem ganzen Kreise der Menschheit zu erwählen, um in
demselben alle die großen, die guten Eigenschaften der mensch-
lichen Natur zu verehren, welche die Menschheit als das Gött-
liche in jedem Einzelnen und in der Gesammtheit bezeichnet.
Die Vorstellung ist schön und erhebend, wie das Bild einer
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Mutter, die in liebender Anbetung das von ihr geborne Kind
als ein ewig unfaßbares Wunder und Geheimniß verehrt.
Aber dem Göttlichen in uns ist das Irdische nur zu überwiegend
beigemischt. Der Ideal-Mensch, als welcher der Gekreuzigte
verehrt wird, ist nur einmal geboren worden, und seine Jde-
alität hat sich nicht fortgeerbt in der Reihe Derjenigen, welche
sich die Verwalter seines Reiches auf Erden nannten, und
deren Einer eben jett gestorben war, deren Einer eben jetzt
erlesen werden sollte.
Heute, als ich mit einem Bekannten aus meinen Zimmern
niedersteigend, von diesem, der es wissen konnte, die Mittheilung
erhielt, daß im Vatikan der Befehl gegeben sei, die päpstlichen
Karossen neu zu lackiren, was nicht auf die Fortsezung
des bisherigen Verhaltens schließen ließ, eilte Jemand die
Treppe rasch hinauf. Es war ein Bote, der zu einem im
Hause wohnenden Diplomaten gesandt wurde. Und von allen
Ecken und Enden rief man: ,Der neue Papst ist gemacht!
Kardinal Pecci ist gewähltrr
Es war der Mühe werth nach dem Petersplatze zu fahren, um
die Physiognomie der Stadt in diesem Augenblicke zu betrachten,
in welchem von dem Balkon über der großen Eingangsthür
der Peterskirche eben erst ein Kardinal es der katholischen
Christenheit verkündet hatte, daß ihr ein neues Oberhaupt ge-
funden sei. - Ich ging die spanische Treppe hinunter. An
einem der Pfeiler stand ein Bücherverkäufer. Er hatte seinen
Vorrath insauberen Bänden nebeneinander zierlich aufgestellt.
Ich blickte darnach hin: la sonts bibbia DDie heilige Bibels stand
auf den Rücken zu lesen. - Die Gegensätze sind überall zu
finden und stoßen hier eng zusammen in unserer Zeit. Der
Verkauf italienischer Bibeln auf offener Straße war nirgend zu
finden vor einem Menschenalter hier in Rom. Und sie glauben,
das Dogma von der Infallibilität des Papstes könne aufrecht er-

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halten bleiben in einem Lande und in einer Zeit, in welcher
Jedweder lesen lernen muß, und die Bibel, aus deren Quellen
alle religiösen Reformationen ihre Beweise geschöpft haben,
auf Straßen und Plätzen feilgeboten wird.
Um zweieinhalb Ühr war es noch ziemlich leer auf der
ungeheuren Weitung des Petersplatzes; aber das Leben nahm
in sich steigernder Schnelle von Minute zu Minute zu. Geist-
liche, in allen Zungen redend, stiegen die gemächliche Treppe
hinan, die zu der Vorhalle St. Peter's führt. Die Fremden-
Gesellschaft eilte zu Fuß und zu Wagen herbei, die Bericht-
erstatter der Zeitungen gingen hin und wieder. Die Jesuiten-
schüler kamen von ihren Lehrern geführt herbei. Soldaten oder
Offiziere sah man nur sehr vereinzelt. Vornehm aussehende
Frauen und Männer stiegen aus ihren Wagen, die Eauipagen
der Botschafter und Gesandten hielten mit ihren Insassen auf
dem Plate. Die Zahl der Menschen aus allen Ständen wurde
immer größer. Die Neugier war die Göttin des Augenblicks.
Aus den Fenstern meines kleinen Wagens sah sich das Ganze
wie ein schönes, farbiges Bild in engem Rahmen höchst er-
freulich an. Man harrte ungeduldig der Entscheidung, welche
die Stunde bringen sollte.
Trat der neue Papst aus der Loggia der Peterskirche auf
den dem Platze zugewandten Balkon hinaus, den Segen zu
sprechen ,über die Stadt und das Land'', wie es sonst am Oster-
sonntage geschah, so war der Bruch mit dem System des
neunten Pius ein- für allemal vollzogen. Die Einen hofften,
die Anderen fürchteten es. Niemand, selbst die Beamten der
Sicherheitsbehörden wußten, was werden würde. Die Menge
strömte in das weite Portal der Kirche, das offen stand,
hinein und strömte wieder zurück; und die sämmtlichen Glocken
der Peterskirche klangen mächtig und vielstimmig durch die

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Luft, während die Minuten zu Stunden wurden und die
Entscheidung auf sich warten ließ.
Gegen fünf Ühr, als ich, eine Verabredung einzuhalten,
vom Petersplatze fortfuhr, stand noch Alles in derselben
Spannung vor der Kirche. Bald danach ist der Papst inner-
halb der Kirche erschienen und die Segensprechung dort erfolgt.
Personen, welche den Vorzug hatten, den Kardinal Pecci
persönlich zu kennen, behaupten, daß er es liebe, sich im Freien
zu ergehen. Man wird erfahren, ob er sich dem Prinzip zu
Ehren lebenslänglich zum Gefangenen machen wird.
Jett, am Morgen des A., da ich dieses Blatt beendet,
läuten alle Glocken aller Kirchen der kirchenreichen Stadt voll-
tönend über unseren Häuptern. Man singt das Ls Veum für
die gegen alles Vermuthen rasch erfolgte Wahl des neuen
Papstes.
Möchte sie die richtige gewesen sein. Man ist geneigt, sie
als eine solche anzusehen; aber auch jetzt treibt der Witz
des Volkes bereits sein Spiel.
Warum nennt Kardinal Pecci sich Leo Alll. und nicht
Pius K.? fragt man. Weil der Zehnte das Fluchen nicht
vertragen kann! lautet darauf die doppelsinnige Antwort.
Gut und ein Segen wäre es, wenn des Volkes Stimme,
wie der Mund der Kinder, hier die Wahrheit ausgesprochen
hätte, wenn das neue Papstthum eine Zeit des Friedens und
der Duldung mit sich brächte in die Welt, die deß so sehr
bedarf.