Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 15

= Z1J -=-
Nmsosiikb- l»sss
ö uu sgu wuuu-u Esusus-
lom oder lalta?
Rom, den . März 1878.
Nicht einen Brief habe ich von meinen Freunden seit
dem Tode des Königs Victor Emanuel und dem ihm folgenden
Ableben des neunten Pius erhalten, der nicht das Verlangen
ausgesprochen hätte, von mir noch eine besondere ausführliche
Auskunft über die Eindrücke zu erhalten, welche die großen
Ereignisse auf mich gemacht hätten. Aber die Betrachtung
dessen, was sich hier in wenig Wochen, in raschem Nachein-
ander unter unseren Augen vollzogen hat, war so über-
wältigend, und die Fortentwickelung dessen, was geschehen, ist
von so unabsehbarer Tragweite, daß man sich mit seinem
Denken, Vermuthen, Möglichglauben, beständig auf neue, in
ihrem Ausgang unerkennbare Wege geführt sieht. Es voll-
zieht sich hier eben ein rückbildender Prozeß innerhalb der
Geschichte. Solche kommen in der Weise, wie es hier
geschieht, wohl nur selten vor; und ich glaube, Niemand kann
auch nur mit annähernder Gewißheit, voraussagen, was dieser
Prozeß mit sich fortreißen, welche Neubildungen sich danach
gestalten werden.
Jeder von uns kannte die Zustände, welche hier nach
der Errichtung des geeinigten, konstitutionell regierten König-
reichs Jtalien geschaffen worden waren. Wer in Rom gelebt
hatte, wer es aus eigener langjähriger Bekanntschaft mit
Land und Leuten erfahren hatte, wie tief der christliche
römisch-katholische Glaube in der Masse der Jtaliener wurzelte,
wie fest Rom mit der Tradition des Papstthums verwachsen

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war, und wie man daneben die päpstliche Mißregierung ver-
wünschte, wie lebhaft das Verlangen nach nationaler Unab-
hängigkeit und nach der staatlichen Einigung Jtaliens sich
aussprachen, der konnte, auch fern von Rom, nicht darüber
in Zweifel sein, daß man mit der Aufrichtung der nationalen
Königsherrschaft in Rom, gegenüber einer an demselben Orte
weilenden, das katholische Königreich Jtalien und die ganze
christkatholische Welt umfassenden internationalen Herrschaft,
zwei Gegensätze einander dicht und hart gegenüber gestellt
hatte. Damit war ein Widerspruch in sich selbst erzeugt
worden, der schwer zu beseitigen, schwerer zu vereinigen -
sein mußte.
Kam man dann wieder selbst nach Rom, sah man von
der Höhe des Monte Pincio, jenseits der Tiefe des Tiber-
thales den Riesenbau der Peterskirche mit dem Vatican in
ihrer Jahrhunderte alten majestätischen Pracht sich ernst und
stolz erheben, während von der Höhe des Luirinals die
italienische dreifarbige Fahne fröhlich in dem hellen Sonnen-
lichte flatterte, so fragte man sich unwillkürlich: kann das
Beides, so wie es jettt ist, neben einander bestehen? und die -
Möglichkeit dafür schien in der Nähe noch unwahrscheinlicher
als aus der Ferne.
Von der stattlichen und staatlichen Pracht des Papstthums,
das noch vor elf Jahren, bei unserem letzten hiesigen Auf-
enthalte, wenn schon von französischen Soldaten gegen die
Auflehnung der eigenen Unterthanen beschüzt, sich unver-
mindert und glänzend darstellte, war im letzten Herbste Nichts
mehr zu bemerken. Keine Cardinalsequipagen mit den schwarzen
Rappen und den hintenaufstehenden, meist sehr alten drei
Bedienten; keine rothe Galakutsche des Papstes mit voran-
sprengenden Karabinieren und dem sonst üblichen Gefolge.
Vor elf Jahren ging Pius rüstigen Schrittes am Mittag,

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bisweilen in den eigentlichen Promenadestunden, durch die
Anlagen auf dem Monte Pincio, und die römischen Fürsten
stiegen dann aus ihren Wagen, um, auf der Straße knieend,
seines Segens theilhaftig zu werden, während die Frauen in
ihren Wagen niederknieend, ihm ihre Huldigung bezeigten.
Aber in dem Volke war von jener begeisterten und hoffnungs-
reichen Liebe für den Papst, mit welcher man ihn bei seiner
Thronbesteigung begrüßt und bis zu der Reaktion von 148
umfangen hatte, schon vor elf Jahren Nichts mehr übrig ge-
blieben. Während der hohe Adel noch vor ihm kniete, schlossen
Handwerker, an deren Läden und Werkstätten er vorüberging,
ihre Thüren und zogen ihre Kinder von der Straße zurück,
damit sie nicht genöthigt wüürden, ihm eine Ehrfurchtsbezeugung
darzubringen. Diese Auflehnung aber galt dem staatlichen
Herrscher, vielleicht auch dem Papstthum überhaupt, nicht der
katholischen Kirche. Man verwünschte das Regiment, man
sagte: ,Der Papst ist ein Mensch wie wir Alle? - aber man
beobachtete in den Familien im Allgemeinen doch alle kirch-
lichen Gebräuche, und die Mehrzahl der Frauen hing mit dem
Herzen an dem Glauben, den man mit der Muttermilch ein-
gesogen, und in dem man durch ein auf das geschickteste
verkettetes System erzogen und durch mannigfache weltliche
Vortheile festgehalten wurde.
Indeß eben so wenig als das Papstthum machte sich jettt
im Herbste das Königthum durch irgendwelche Pracht be-
merklich. Nicht ein einziges Mal habe ich in den drei Monaten,
die ich hier zu Lebzeiten Vichor Emanuel's zugebracht habe,
ihn anders als in bürgerlicher Kleidung, in einfachem, offenem
Wagen, in den Straßen gesehen. Wer den König nicht nach
seinen Bildern wiedererkannte, wurde auf sein Erscheinen durch
gar Nichts aufmerksam gemacht; und vielleicht eben weil die
Römer, wie alle Südländer, die Pracht und den glänzenden

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Schimmer ihrer Natur nach lieben, imponirte ihnen die
Einfachheit ihres Königs, der in höchstem Maße von ihnen
geliebt und geschätzt ward. Man sah, wie gesagt, vom
Papstthum und vom Königthum so gut wie Nichts. Aber
die leichtschreitenden italienischen Bersaglieri und die bar-
füßigen Kapuziner, die Menge der schön uniformirten Soldaten
des königlichen Landes- und Kriegsherrn, der im Luirinale
residirte, und die Menge der Geistlichen und Mönche in allen
Trachten aus aller Herren Länder, die sich hier um ihr Ober-
haupt im Vatican zusammenscharten, bildeten entschiedene
Widersprüche; und wie die Stadtburgen im Mittelalter, lagen
die beiden Residenzen an den beiden Enden der Stadt gewaffnet
und feindselig einander gegenüber.
Als ich mich einmal darüber gegen einen mir befreundeten,
in den hiesigen Verhältnissen genau bewanderten Englände:
mit Verwunderung aussprach, sagte er: ,Die Sache ist nich
so gefährlich, als es den Fremden erscheint. Das geht hier
Alles, weil weder der Papst noch der König Dasjenige sind,
was sie durch die Macht der Verhältnisse als Träger der
Prinzipien, die sie vertreten, scheinen müssen. Der Papst ist
im Grunde seines Wesens ein für die italienische Einheit be-
geisterter Jtaliener, nur daß er nicht der Mann danach war,
sie unter einem Papste herzustellen; und der König, weit davon
entfernt, ein Gegner des Papstthums zu sein, ist ein sehr
orthodoxer Katholik, der den Papst an der Spitze der katho-
lischen Welt für eine Nothwendigkeit erachtet. =- Daß im
Jahre 11 ein unter päpstlicher Herrschaft geeinigtes Jtalien
mehr als nur denkbar war, mußte ich nach meiner eigenen
damaligen Erfahrung zugeben; das Andere mußte ich glauben,
da ein Erfahrenerer es mir berichtete.
Nun kam der Tod des Königs, und die tiefe, allgemeine
Trauer über denselben bethätigte die Allgemeinheit des National-

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gefühls. Der Zusammenfluß von Menschen aus dem ganzen
Königreich war überraschend groß. Es schien, ein Jeder wolle
sich augenscheinlich überzeugen, ob das Unglück wirklich geschehen
sei, ob der riesenkräftige Mann wirklich dem Tode so rasch
erlegen sei. Es war eine Volks»Wallfahrt nach dem Luirinale,
ernst, ruhig, gehalten. Der Eindruck, den man davon hatte,
war sehr erhaben. Man hatte an Victor Emanuel wie an
einem einstigen Leidensgefährten, wie an einem Kampf- und
Siegesgenossen gehangen. Man verdankte seinem tapfern
Wagen ebensoviel, als er dem Vertrauen und der Hingebung
des ganzen italienischen Volkes schuldig war; und er war mit
seinen Eigenschaften, seinen Eigenarten und Fehlern eine
Gestalt, welche die Mythenbildung zuließ, jene Mythenbildung,
welche die Völker an ihren Fürsten auszuüben lieben. Wenn
die Zeitungen seiner Rechtschaffenheit, seiner Tapferkeit, seiner
Regententugenden gedachten, waren daneben im mündlichen
Verkehr ganze Reihen von Erzählungen von den Abenteuern und
Begegnungen im Schwange, die er bei seinem einsamen Umher-
streifen als Jäger bestanden hatte. Man erzählte mit Ver-
gnügen, wie er mit einem Handwerker, der ihn nicht gekannt,
gleichzeitig auf einen Hasen geschossen und um das erlegte
Thiir handgemein geworden, den Sieg davon getragen habe,
und dann den Besiegten zum Mitessen des Hasen zu sich ein-
geladen. Man hob geflissentlich sein treues Festhalten an der
Kirche hervor; und wurden jetzt nach seinem Tode die Stimmen
über sein nichts weniger als sittliches Verhältniß zu den
Frauen einmal ehrlich laut, so zuckte Der und Jener die
Schultern und sagte -- in bester Gesellschaft - lächelnd:
Machen wir's denn anders? =- Selbst seine piemontesische
Derbheit hatte man sehr gern; und wenn ich den Ausdruck
brauchen darf, er war körperlich und geistig eine kompakte
Masse, die das Auge auf sich zog und an sich feshielt. Sein

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plötzliches Verschwinden ließ daher eine Lücke offen, welche
auszufüllen möglicherweise seinem Sohne schwer fallen wird,
der körperlich dem Vater an Kraft nicht gleich, und weniger
als dieser befähigt sein soll, die kluge, mißtrauisch berechnende
Vorsicht der savoyenschen Fürsten hinter dem Anschein des
sorglosesten männlichen Freimuths zu verbergen.
Dem Schrecken über des Königs Tod kam nur die tief
empfundene Trauer gleich, mit welcher das Volk die Leiche
seines ersten Königs zu ihrer letzten Ruhestätte im Pantheon
an sich vorüberführen sah. Sie bildete den würdigen, dunkeln
Hintergrund und erhob die königliche Pracht des Leichenzuges.
Drei Wochen später, als bereits König Humbert dem
Volke seinen Eid geleistet und begonnen hatte, durch sein
ehrenhaftes Auftreten sich Vertrauen und Zuneigung in dem-
selben zu gewinnen, durchlief die Nachricht von dem Tode des
Papstes die Stadt.
Sie machte im ersten Augenblicke durchaus keinen nennens-
werthen Eindruck. Sie war schon oft verbreitet, schon oft wider-
rufen worden, man hatte diesen Tod so lange schon erwartet.
Mochte die orthodoxkirchliche Partei auch den Verlust ihres
Oberhauptes betrauern, das zuletzt zu einem bloßen Werkzeug
in ihren Händen geworden war, die großen Massen verhielten
sich kalt und gleichgültig dagegen. Der Unterschied zwischen
dem Ansehen der Straßen, dem Ausdruck der Menschen am
9. Januar und ?. Februar war auffallend. Er würde gewiß
noch greller hervorgetreten sein ohne die im letzteren Falle von
der Regierung ausgesprochenen Wünsche und angeordneten
Maßnahmen. Kein Zusammenstehen der Leute, kein besorgtes
leises Sprechen, kein solches Hinströmen der Menschen wie

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am A Januar nach dem Luirinale. Es ging Alles ruhig
seinen Weg. Nur ein Bruchtheil der Magazine ward ge-
schlossen. Von wirklicher Trauer war wenig oder nichts zu
merken. Die Sympathie für Pius war längst erloschen. Es
hafteten zu schlimme Erinnerungen an seinem Regiment.
Man hatte ihn schwankend in allem Guten, nur in dem Un-
heilvollen fest und beharrlich gefunden. Man konnte es dem
weltlichen Herrscher nicht vergessen, daß er seine freisinnigen
Zusagen gebrochen, daß er mit der Gewalt fremdländischer
Waffen, Rom bombardirend, sich die Rückkehr in dasselbe ge-
bahnt, daß dicht neben der Peterskirche vor Porta Cavalleggieri
und Porta St. Pancrazio der Kampf der von ihm herbei-
gerufenen Franzosen gegen die edelsten Söhne Jtaliens ge-
wüthet hatte. Man konnte es dem Oberhaupt der katholischen
Christenheit nicht vergeben, daß er, allem Wissen und aller
Erkenntniß des neunzehten Jahrhunderts vermessen und trotig
Hohn sprechend, die Dogmen von der unbefleckten Empfängniß
der heiligen Jungfrau und von der Unfehlbarkeit des jeweiligen
Papstes in die Welt geschleudert hatte.
Das Volk hatte im Laufe der Zeiten nicht nur Lesen und
Schreiben, sondern auch Denken gelernt. Auf den offenen
Plätzen werden seit Jahren alle Arten Bücher verkauft,
die sonst auf dem Index verbotener Bücher gestanden hatten.
Statt der zwei zensirten Zeitungen, die vor eilf Jahren in
Rom erschienen waren, werden jetzt über zwanzig Zeitungen
von den verschiedensten Farben von Morgens acht Uhr bis
Abends eilf Ühr unablässig ausgerufen. Jeder Droschken-
kutscher, jeder Arbeiter liest. Selbst die weiblichen Modelle,
auf den Stufen der Kirchentreppen, an den Straßenecken
sitzend und kauernd, lesen wenn sie nichts zu thun haben
und nicht stricken.
Es find hier große geistige Wandlungen vor sich gegangen.

= LZ! -
Die Politik ist bedeutend in den Vordergrund getreten, das
Staatsbürgerthum hat die Oberhand gewonnen.
Sieben Jahre einer freiwilligen vergeblichen Gefangen-
schaft hatten Pius K. für das Volk zum Schatten, wemn
auch zu einem unheimlichen Schatten werden lassen. Seit
Jahren hörte man von ihm in jähem Wechsel Aussprüche,
die schlimmer waren, als die Selbstverblendung der vergötterten
Imperatoren sie je gewagt, neben den leichtfertigsten Witzen.
== Victor Emanuel vermißte man überall. Pius lK. ver-
mißte Niemand außerhalb der Partei, die ihn beherrscht.
Die Zeitungen besprachen seinen Tod, sein Leben, seine
Handlungen mit großer Schonung, aber wahrheitstreu und
würdig. Was man sagen und erzählen hörte, war ihm
keineswegs günstig. Man sprach von ihm weder wie von
einem bedeutenden noch wie von einem guten und ernsten
Mann; und wenn bei dem Tode des Königs nach allen
Seiten hin für das Fortbestehen des Reiches klare, feste
Aussichten vorhanden waren, über die Niemand Zweifel hegen
konnte, so tauchten nun von allen Ecken und Enden die
Fragen auf, was von Seiten des Klerus geschehen, was man
im Lande und in der christ- katholischen Welt von demselben
zu gewärtigen haben werde.
Wer Rom und das römische Kirchenwesen kannte, hat
schwerlich in all dem Berathen über ein auswärts zu haltendes
Konklave, über einen auswärts zu wählenden, auswärts
residirenden Papst etwas Anderes gesehen als hinhaltende
Schachzüge in einer Partie, deren Ende mit Sicherheit im
Voraus zu erkennen war. Daß die königliche Regierung
ihren, der Welt gegenüber festgestellten Verpflichtungen nachs
kommmnen würde und mußte, war eben so gewiß, als daß es
keinen Ort gab, an welchem das Konklave gehalten werden,
keinen Ort, an welchem das Oberhaupt der katholischen

= IZA -
Christenheit in der Gestalt des Papstes residiren konnte, als
hier in Rom.
Man brauchte sich die Dinge nur in ihrer wirklichen Aus-
führung vorzustellen, um sichgu sagen, was geschehen konnte
und was nicht. Ich schrieb es neulich schon einmal: das Fort-
gehen war die leichteste Sache von der Welt, denn die Straßen
und die Eisenbahnen stehen frei zu Jedermanns Verfügung.
Aber eine solche Gesellschaft von zum Theil hochbetagten
Männern, von Greisen, von welchen manche seit Jahren
schwerlich eine andere Bewegung ertragen hatten als das
langsame Fahren in ihren Kutschen, war zu Lande und zu
Wasser doch immerhin schwer zu transportiren. - Die Eisen-
bahn und das Dampfschiff konnten Existenzen gefährden, deren
Stimme schwer in das Gewicht der Entscheidung fiel. Mehr
als einmal kam mir bei den Erörterungen über die Abreise
der Kardinäle jener junge französische Offizier in den Sinn,
der Pius M. zur Krönung Rapoleon's l. nach Paris zu be-
fördern hatte, und von dem Anfang seines Auftrags die
Meldung mit den Worten machte: eeu nn gspe en asser
wauraiss eonäition! - Der englische Beamte, welcher die
Mitglieder des Konklaves in Malta zu empfangen gehabt
hätte, würde viele von ihnen voraussichtlich en asser mauraiss
conäition gefunden haben; und wie bereit der oder jener der
Kardinäle auch zu Opfern für die ihm heilige Sache gewesen
sein möchte - das Martyrium der Seekrankheit entbehrt
jeglicher Erhabenheit.
Nebenher fragte man sich, ob grade der eifrigste Vertreter
des Konklaves unter dem Schutze der Kanonen von Malta
die gelasene Antwort vergessen haben sollte, welche sein großer
Landsmann Wellington seiner Zeit einem französischen
Diplomaten gegeben, der übermüthig die Frage an ihn ges
richtet: ob Wellington es denn für unmöglich halte, daß die

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Franzosen in Dover landen und gen London rücken könnten?
-- ,Durchaus nicht,! hatte ihm der edle Lord entgegnet. ,Sie
können sehr gut in England einrücken; nur wie sie von dort
wieder zurück kommen sollten, eiß ich nicht!r
Ungefähr ebenso verhielt es sich mit dem Fortgehen des
Konklaves und mit dem auswärts zu wählenden Papste. Wie
sollte man mit demselben nach Rom zurückkommen? =- Mit
dem neuen Oberhaupt der Kirche in Rom auf dem Bahnhof
anzulangen, ungehindert quer durch die ganze Stadt zu
fahren, um sich dann bei sich selber im Vatikan freiwillig
wieder als Gesangenen abzuliefern und so die Sage von dem
Gefangenen im Vatikane noch unter der neuen Aera fortzu-
setzen, wäre erst recht unmöglich und ein Spiel mit einem Jdealen
gewesen, zu welchem weder die Kardinäle, am wenigsten aber
der Erwählte selber sich bereitwillig finden lassen konnten.
Ganz ebenso verhielt es sich mit dem Gedanken, das
Papstthum wo anders festzusetzen, den Papst an einem
anderen Orte residiren zu machen, als eben hier in Rom.
Die ganze Tradition desselben steht auf dem Festhalten an
Rom, fällt mit dem Aufgeben des hiesigen Bischofssittes.
Hier in Rom hat der Sage nach Sankt Peter in den
Mamertinischen Gefängnissen gesessen. In St. Pietro in
Vincoli auf dem Esauilin sind die beiden Enden seiner Ketten,
die sich durch ein Wunder einten, aufbewahrt. Auf dem
Janiculus, an der Stätte, auf welcher der heilige Petrus
gekreuzigt worden, hat seiner Zeit schon der Kaiser Konstantin
die Kirche St. Pietro in Montorio erbaut. In der Peters-
kirche, dem gewaltigsten und erhabensten Dome, den die christ-
liche Menschheit errichtet hat, ruhen unter der Riesenkuppel
in der Gruft die Gebeine des Apostels. Nach der Kirche
von St. Eroce in Jerusalemme hat Konstantin's Mutter selber
das Holz von dem Kreuze bringen lassen, an dem der Heiland

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geopfert worden. Die Laterankirche, ,aller Kirchen der Stadt
und des Erdkreises Mutter und Haupt', auf welche die
Heiligkeit des Tempels zu Jerusalem übergegangen, ward
durch Kaiser Konstantin's Schenkung die bischöfliche Kirche der
Nachfolger des heiligen Petrus. Der jedesmalige Papst ist
Bischof von St. Giovanni in Laterano. Alle Traditionen,
alle Mythen der christ-katholischen Kirche sind mit Rom ver-
knüpft. Wo fände sich für den Sitz ihres Oberhauptes ein
solcher Boden wieder? und wohin könnte das Oberhaupt der
katholischen Kirche sich wenden, um einen neuen festen Mittel-
und Stützpunkt für die, über die ganze weite Erde verbreitete
christ-katholische Gemeinde zu begründen?
Nach England? Ob trotz der unbedingten Religions-
freiheit England und seine Königin und sein Parlament geneigt
sein würden, seinen katholischen Büürgern, vor allen den
Irländern, die der Regierung so viel zu schaffen gemacht,
ihr geistliches Oberhaupt in nächster Nähe, oder auch nur
unter dem Schutze der Kanonen von Malta, dauernd zu
beherbergen, möchte nicht mit Zuversicht zu behaupten sein.
Jn Frankreich? Man hat dort Frieden predigende Geist-
liche vor den Barrikaden erschossen, und die Commune hat
die Geweihten der Kirche auch nicht geschont. - In Spanien?
Emilio Castelar ist dort unvergessen; und man baut nicht
Etwas, was dauern soll, auf einem von den Erdbeben der
Revolutionen immer neu erschütterten Boden! -
Weder unter dem weithin seine Arme ausbreitenden
Kreuze der griechischen Kirche, noch - wie Schwärmer
gelegentlich träumten - auf den Trümmern von Jerusalem,
ließe eine neue oder die alte Papstherrschaft sich begründen.
Und in einem Staate, in welchem eine konstitutionelle Ver-
ar :.e
J. Le wald, Reisebriefe.