Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 16

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oberhaupte abhängende Gewalt oktroyiren lassen würde, eine
Gewalt, welche Macht hat über die Gewissen, ,Macht zu
binden und zu lösen', und sich damit einen Dorn in das
lebendige Fleisch zu setzen, der willkürlich oder unwillkürlich
reizen, entzünden und gelegentlich bedenkliche Krisen erzeugen
kann und muß.
Was in dem neuen Königreich Jtalien, wo alle die alten
Traditionen dem Papstthume zur Seite standen und im Volke
mehr oder weniger festen Boden hatten, schon schwer genug
zu vermitteln war und ist und sein wird, das würde in
jedem anderen Lande zu einer thatsächlichen Unmöglichkeit
geworden sein. Und trotz und nach alle dem vielen Sprechen,
Schreiben, Drucken, ist denn auch hier in kürzester Frist der
neue Papst erwählt, eine bedeutende Kraft an die Spitze der
katholischen Gemeinde gestellt worden, und es ist damit nach
gewissen Seiten hin ein Wechsel vollzogen, der, wie reng
Leo K.uue. auch an dem Glauben und an den Rechten und
Vorrechten seiner Kirche festhält, doch schon in den höcst
geistreichen Hirtenbriefen zu erkennen ist, welche er als Bischof
in Perugia im vorigen Jahre in seiner Diöcese verbreitet
hat. Davon in einem meiner nächsten Briefe.
Heäiszeünker Prief.
Eine neue Kaut - Oper.
Rom, den S. März 178.
Ich schrieb Ihnen neulich von einem sonderbaren theatra-
lischen Eindruck, den ich hier empfangen hätte. Denn einen
sonderbaren Eindruck macht es immer, wenn man einen alten
hochverehrten Bekannten in wunderlichster Maske, hier und

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da bis zum Komischen entstellt und doch unverkennbar er
selber, vor sich sieht. So aber ist es mir ergangen, als ich
hier in der großen Oper, dem Apollo - Theater, die Oper
Mefistofele von Arrigo Boito aufführen sah. Sie ist ganz
und gar dem Goethe'schen Faust nachgebildet, oder vielmehr
in einzelnen Stücken dem Faust entnommen, und unsereiner
steht davor wie vor den zerbröckelten Fragmenten der alten
griechischen Plastik, von denen jedes Bruchstück, so zerstoßen
und verwittert es auch sein mag, uns noch auf die Vollendung
des Kunstwerkes schließen macht, dem es entstammt.
Dem Goethe'schen Faust begegne ich nun in solcher Zer-
stückelung und Verkleidung zum vierten Male auf den Bühnen
des Auslandes. Zuerst sah ich ihn im Jahre 14 in Mai-
land in der Skala als Ballet. Das war gar nicht schlimm.
Da es unmöglich war, Faust's geistiges Ringen nach der
höchsten Erkenntniß tanzend oder pantomimisch, mit den Füßen,
den Armen oder den Mienen auszudrücken, so hatte man den
tiefsinnigen Denker in einen Bildhauer umgewandelt, dem die
Kraft des Schaffens erloschen war. Faust bewegte sich arbeitend,
und an seiner Arbeit verzweifelnd, in seiner Werkstatt. In
dieser erscheint ihm Mephistopheles und bietet ihm seine Hülfe
an. Der verzagende Künstler verschreibt sich ihm, Mephisto
führt ihm in Gretchen ein neues Ideal vor, und die Sache
nimmt danach ganz ruhig den Goethe'schen Verlauf. Die Dar-
steller des Faust, des Gretchen und namentlich des Mephisto,
spielten ihre Rollen ganz vortrefflich. Eine Scene, in welcher
Mephisto Gretchen und Faust in immer engeren Kreisen tanzend
umgarnte, bis er die Widerstrebende in Faust's Arme gedrängt
hatte, und mit triumphirendem Hohne über die in ihr Glück
versunkenen Beiden, die Hände zun Zugreifen ausbreitete,
war sehr charakteristisch. Das ganze Geister- und Hexenwesen
fügte sich geschickt in das Ballet ein. Es hatte Alles einen geist-
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reichen Zug, und man konnte sich es vorstellen, wie Altmeister
Goethe an ,dem wunderlichen Wesen' seinen ernsthaften Spaß
gehabt haben würde.
Dann trafen wir den Goethe'schen Faust im Jahre 16
in Michel Carrö's ernstlich gemeinter und darum lächerlicher
Bearbeitung. Da saß Faust wirklich in der Osternacht, über
dem Evangelium brütend, im Studirzimmer; aber statt der
Osterlieder erklangen von draußen die Lieder von Studenten,
welche die Liebe und den Wein besangen, und Faust fing an
sich in Betrachtungen darüber zu ergehen, wie wohl es diesen
jungen Burschen sei und wie er über all. dem Grübeln und
Studiren es vergessen habe, sein Leben zu genießen. Das
allein bekümmerte ihn sehr, und seufzend klagte er: ,Sie singen
von ihren Geliebten und vom Wein! Deine Geliebten, armer
Faust, sind die Theologie, die Philosophie, die Medizin' u. s. w.
Mephisto kam ihm denn auch in dieser Noth auf seine
Weise zu Hülfe. Siebel figurirte daneben als ein verschmähter
Liebhaber von Gretchen, ward von Mephisto in einen Baum-
stamm hineingezaubert, mußte aus diesem der Liebesscene
zwischen Faust und Gretchen zusehen - und dann pflückten
Gretchen oder Siebel oder Faust Rosen, die immer vom
Stengel abfielen, wenn die Hand sie berührte, was natürlich
eine sgmbolische Bedeutung haben sollte. Es war recht abge-
schmackt das ganze Machwerk. Stahr, Moriz Hartmann und
ich kamen über all die Verkehrtheit nicht aus dem Lachen,
unsere Nachbarn hingegen fanden das zuujet beaucouy trog
serieuk et gar krog allemand !
Darauf kam, nach dem Michel. Carrs'schen Drama gee
arbeitet, die Gounod'sche Faustoper mit ihrem schönen Walzer,
mit ihrem prächtigen Landsknechtsmarsch, mit all ihren Gehörigs
keiten und Ungehörigkeiten, mit Madame Milho Carvallo in
blonder Perrücke als dickköpfiges Gretchen. Aber mit dieser

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Gounod'schen Oper kam für Deutschland in Albert Niemann
ein FaustDarsteller dem Gretchen gegenüber, mit welchem ich
für mein Theil keinen von all den dramatischen Künstlern,
die ich als Faust gesehen habe, zu vergleichen wüßte.
Jett endlich folgt hier in Jtalien die Oper von Boito.
Er hat sich, dem Beispiele Wagner's folgend, sein Textbuch
selbst zurecht gemacht; aber weitergreifend als seine chorogra-
phischen, dramatischen und musikalischen Vorgänger, hat er sich
für seine Oper Mefistofele nicht mit dem ersten Theile des
Faust begnügt. Er hat das Vorspiel im Himmel und den
ganzen zweiten Theil des Faust mit in seine Bearbeitung hin-
eingezogen, und ein Werk hingestellt, das in vier Theile zer-
fällt: in den ,Prolog im Himmelr = in den ,Ersten Theil'',
der in drei Akte getheilt ist, in den zweiten Theil, der den
vierten Akt bildet, und in den Epilog. Thatsächlich aber sind
es nichts als sechs Scenen aus dem Gesammtwerk, neben-
einander gestellte Scenen, welche für denjenigen, dem das
Gedicht nicht vertraut, als Ganzes, wie ich glaube, schwer ver-
ständlich sein werden. Darauf kommt es jedoch bei der Mehr-
zahl der Opernbesucher und namentlich in Jtalien, vielleicht
nicht wesentlich an.
Die handelnden Personen sind: Mephistopheles, Margarete,
Martha, Wagner, Helena, Pantalis und Nereus. Die Sängerin,
welche im ersten Theile des Faust das Gretchen spielt und
singt, macht im zweiten Theile die Helena; die Darstellerin
der Martha macht die Pantalis, und mich dünkt, für alle die-
jenigen, welche die deutsche Dichtung nicht kennen, also an
eine Metamorphose des gestorbenen Gretchens in die Helena,
und der Martha in die Pantalis zu glauben verführt werden,
muß der sachliche Gehalt der Oper dadurch noch viel räthsel-
hafter werden.
Die erste der sechs Scenen führt im Textbuch die Neber-

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schrift: Prolog im Himmel, und das Motto: ,ld noto baasu?
Goethe. (Kennst du den Faust? Im Nebel wallen, erstens:
der Klang der sieben Drommeten; zweitens: die sieben Töne,
dann die himmlischen Heerschaaren, der mystische Chor, die
Cherubim und der Chor der Büßenden. Diese Gesellschaft von
Chören singt ihre Jubel- und Buß- und Anbetungs-Hymnen
mit einem nach jeder Strophe als Echo einfallenden ,Ave'',
bis Mephisto erscheint und seine Unterhaltung mit dem Un-
sichtbaren, mit einem: Ave Signor! beginnt. Er sagt darauf
ohne Weiteres, er könne nicht hohe Worte machen, und spricht
seine Verachtung des Menschengeschlechts aus. Der mystische
Chor fragt: Ve noto baust? (Kennst du den Faust?
l gia binarro garro, eh'io eonoseo! (Der wunderlichste
Narr, den ich kenne ! giebt Mephisto dem Unsichtbaren zur
Antwort, charakterisirt mit ein paar Zeilen den Faust und
schlägt die Wette vor. Der mystische Chor nimmt sie mit
einem ,k sia! (Seis so!s an. Mevhisto bekräftigt sie mit
der Bemerkung: ,Seis drum, alter Herr! Du läßt Dich auf
ein hartes Spiel' ein !r Die Engel und die Cherubim stimmen
wieder ihre Loblieder an, Mephisto spricht wie im Original
seine Zufriedenheit mit der Herablassung ,des Alten' aus.
Die Chöre dauern fort, der Prolog, der sich wie der Text
eines Oratoriums ausnimmt, ist zu Ende, und er ist nichts
weniger als uneben. Mephisto's Wesen ist in aller Kürze
gar nicht übel herausgearbeitet. Es ist viel Bewegung und
Wechsel, Klang und Farbe in dem sprachlichen Rhythmus der
Chöre, man kann sich das Ding gefallen lassen.
Nun folgt der ,Erste Theilr mit dem Motto:
Se arrien eb'io lieo al' attimo kaggents:
Arrestanti, sei belo alor eb'io mnois!
(Werd' ich zum Augenblicke sagen, rerweile doch, du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu
Grunde gehn.

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Dieser erste Theil hebt mit dem Ostersonntag an. Faust
und Wagner gehen in dem Volksgewüühl spazieren. Vornehme
Leute werden in Sänften vorübergetragen, es wird gezecht,
sehr viel getanzt, gesungen. Sogar das Iuh! Jl Juheiza!
beisa! bS! wird zwischen den italienischen Versen als Refrain
sehr absonderlich vernehmbar. Statt des Pudels wird unter
den Spaziergängern ein grauer Frate sichtbar. Herr Boito
sagt in einer der Anmerkungen, deren das Textbuch zum
Schlusse eine Anzahl bringt, daß er mit dieser Aenderung
sich der Widmann'schen Lebensbeschreibung des Faust anschliese.
Der Klosterbruder, der ßch sonst ganz anständig beträgt,
macht wunderliche Seitensprünge, wenn hier und da eine
schöne, gläubige Spaziergängerin ihm die Hand küssen will,
und umkreist und umzieht den auf ihn aufmerksam werdenden
Faust, dem er ,wie ein Gespenst erscheint'', auch mit den
gleitenden, sprunghaften Schritten Arlecchino's, welcher dem
italienischen Theater so tief eingewurzelt ist, daß er für unser
nicht daran gewöhntes Auge immer noch irgendwo zum Vor-
schein kommt. Wir sahen z. B. einmal im Toutro -liurno
in Genua, in dem zum Schauspicl umgewandelten Trauer-
spiel Kabale und Liebe, den Musikus Müller mit rothem
Zopf und rother Nase als vollkommenen Harleguin. --
Wagner beruhigt den Faust über den unheimlichen Frate, er
macht ihn darauf aufmerksam, daß derselbe den Rosenkranz
trägt, Gebete murmelt. Lb der Teufel das kann und darf,
weiß ich nicht. Er thut's aber, und damit ist die Scene
zu Ende.
Es folgt der ,Paktr in Faust's Zimmer, und diese
Scene ist wirklich vortrefflich gearbeitet - wenn man bedenkt,
daß die Scene eben als das Unterschlagsgewebe einer Oper
dienen soll, daß man ein Textbuch in Händen hat.
Mephisto's ,Ich bin der Geist, der stets verneint!r in

= LF --
eine zweistrophige Arie gebracht, ist für uns natürlich be-
fremdlich. Aber wie der Darsteller des Mephisto, Castelmary,
der einzig gute Sänger und Schauspieler der Gesellschaft ist,
so ist auch die Partie des Mephisto dem Nachdichter und
Komponisten weitaus am besten gelungen. Des Beispiels
halber will ich die erste Hälfte der Arie in wörtlicher Neber-
setzung wiedergeben:
Ich bin der Geist, der verneint,
Immer, Alles; die Sterne, die Blumen.
Mein hämisches Lachen und mein Wesen
Stören die Mußestunden des Schöpfers.
Ich will das Nichts, und des Geschaffenen
Vollständigen Untergang.
Mein Lebenselement
Ist das, was man Todsünde nennt:
Der Tod, das Unheil!
Ich lache und schleudre die Silbe hin:
Nein!
Ich löse auf, ich führe in Versuchung,
Ich heule, ich zische:
Nein!
Ich beiße, ich verlocke llege SchlingenK
Ich pfeife, peife, pfeife!
Bei den letzten Worten setzt er den Finger an die Lippen,
und ein greller, langer Pfiff aus dem Orchester, scharf wie
von einer Dampfmaschine, bildet den Refrain. Die Verse
mit ein paar glücklich angebrachten und hier zu billigenden
Alliterationen machen sich italienisch viel besser. Dieses
Lied und diese Scene kommen mir wie der Glanzpunkt der
Oper vor.
,Zweiter Akt.? gfie Gartenscene.s Motto:
Tanst. Oi oserebbe aKkermare ta äetto: Oreäo in Dio --
(Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub ihn?

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Die sämmtlichen Vorgänge von dem Begegnen zwischen
Faust und Margarete, zwischen Martha und Mephisto u.s.w.
bis hin zur Walpurgisnacht sind in diese eine Scene zu-
sammengedrängt. Martha ist eine hübsche, junge Witwe,
welcher Mephisto dringend zuredet, ,die Zeit nicht zu ver-
passen, um nicht alt im einsamen Witwenbette zu sterben,'
und was die Beiden miteinander kommend und gehend ver-
handeln, ist sehr heiter, und vollends im italienischen Sinne
sehr verständig. Wie aber Gretchen dazu kommt, ihren
Faust so aus heiler Haut zu katechisiren, das ist schwer be-
greiflich. Es dauert glücklicherweise auch nicht lange. Etwas
von dem wirklichen Faust kommt doch dabei zum Vorschein.
Gretchen erwähnt ihrer stillen Häuslichkeit, der Schlaftrunk
für die Mutter wird ihr übermacht. Zum Schluß der Scene
spielen die beiden Paare Haschens ,Alle lachen. Margarete
und Faust singen: Ich liebe dich! Ich liebe dich! und unter
lautem Lachen zerstreuen sich Alle =- der Vorhang fällt.
Nun folgt die Walpurgisnacht auf dem Brocken. Sie
umfaßt fünf Seiten des Textbuchs, während die vorige Scene,
welche das ganze Liebesleben von Faust und Gretchen in sich
schließt, kaum drei Seiten einnimmt. Von dem Geisterhaften,
von dem Spukwesen ist Nichts darin geblieben als die Irr-
lichter. Die Hexen erscheinen wie anständige Bürgerfrauen
des fünfzehnten, sechszehnten Jahrhunderts gekleidet. Statt
der Meerkatzen und ähnlichen Gesellen findet man wohl-
gekleidete Jungen, die bunt durcheinander springen, springend
sich niederwerfen und vorwärtsrutschen. Nichts, gar Nichts,
was an die deutsche Volkssage des Brockenspuks erinnert.
Aber auch hier ist das Wesen des Mephistopheles gut durch-
gehalten, und das einstrophige Lied, an dessen Ende er die
Erdkugel zerschmettert, die er in Händen hält, sprachlich und
musikalisch eigenartig und fesselnd.

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Faust, der als Person überall sehr zusammenschmilzt,
sieht Gretchen mit dem Blutstreif am Halse erscheinen. Unter
,infernalischem Gelächterr verschwindet diese Erscheinung.
Lebhafte Chöre bilden den Schluß. Es folgt ,Margaretens
Tobr. Motto:
E giaäieats. (Sie ist gerichtet.
Es ist die Kerkerscene. Gretchen singt beim Aufziehen
ihre ganze Leidensgeschichte in einem vierstrophigen Liede,
das mit den Worten anhebt:
Neulich in der Nacht haben sie
Mein Kleines (il mio bimbos ins Meer geworfen,
Jetzt, um mich wahnsinnig zu machen,
Sagen sie, ich hätt's ertränkt.
Die folgenden drei Strophen sagen alles Nebrige. Faust
und Mephisto erscheinen, und als Faust Gretchen endlich
halbwegs dahin gebracht hat, in die Flucht zu willigen,
,,kommen sie vorwärts, einander in die Augen blickend, und
murmeln schmachtend zusammen - eine Art von Barcarole,
die darauf hinausläuft, daß sie nach der blauen Insel. flüchten
wollen, auf der die befreiten Liebenden die tiefste Ruhe zu
finden hoffen.
Das ist von einer verzweifelten Komik. Es ist gerade
als sängen sie - und es wäre viel hübscher und eben so
ungehörig, wenn sie's thäten - das Heine-Mendelssohn'sche:
Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag' ich dich fort! u. s. w.
Darüber bricht der Tag an. Mephisto treibt zum
Aufbruch; und die Scene und der erste Theil des Faust
kommen damit zu ihrem vorschriftsmäßigen Schlusse.
Großer Zwischenakt. Bis hierher war Alles gut genug.
Aber nun kommt der zweite Theil des Faust - und das

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Verwundern beginnt. Der Vorhang geht auf, eine Gegend
wie die Gärten der Armida liegt vor uns. Ein Strom, ein
Tempel mit Sphinxen. Im Hintergrunde in einem Kahn
von Perlmutter und Silber: Gretchen als Helena, Martha
als Pantalis. Faust schläft auf blühendem Rasen. -- Wir
sind mitten in der klassischen Walpurgisnacht.
Wie das zusammenhängt und was das auf sich hat, das
wissen in Deutschland doch auch nur die literarisch gebildeten
Leute. Was sich aber das italienische Opernpublikum dabei
denken soll und denkt, wenn es das eben zur Hinrichtung
abgeführte irrsinnige Gretchen, in der Fülle der Gesundheit,
in königlicher antiker Pracht, in einer paradiesischen Gegend
seelenvergnügt umherspazieren sieht und mit der ebenfalls in
eine Griechin verwandelten Frau Martha die fröhlichsten Ge-
sänge singen hört, das mag der Himmel und das möchte ich
selber wissen.
Sie besingen den Frühling und die Liebe. Die Chöre
und die Sirenen helfen ihnen dabei. Faust ruft im Schlafe
nach Helena. Mephisto erscheint, Faust erwacht. Er erfährt,
daß er im Reich der Fabel sei. Das ist ihm sehr angenehm.
Er geht aber trotzdem für das Erste ab, um sich standesmäßig
anzukleiden. Der Tanz beginnt, das behagt Mephisto nicht.
Er geht ,gelangweilt und verwirrt von dannen, weil er,
wie er vorher bemerkt, sich hier nicht wie unter den nordischen
Hexen des Brockens Gehorsam zu verschaffen weiß. =- So
viel zur Erklärung für das Publikum.
Und nun wird in möglichster GazeDurchsichtigkeit darauf
losgetanzt und in Chören gesungen, bis Faust ,vrächtig als
Kavalier des fünfzehnten Jahrhunderts gekleidet'? auf der
Scene erscheint, um sich mit Helena in Liebesgesängen zu er-
gehen. Sie preisen in kurzathmigem Wechselgesang alle
Arten von Liebe: die delirirende, die lächelnde, die jauchzende,

==- ZZs -
die visionäre Liebe, lamors goeme, lamore ennrone. Was
das bedeutet, habe ich zu meinem Bedauern nicht verstanden.
Mephisto, der währenddeß schon eine Weile auf einer Rasen-
bank unter einem Rosenbusch gelegen und zugehört hat, fängt
eben so wie Pantalis und Nereus dazwischen zu singen an,
endlich kommen Helena und Faust auf denselben Gedanken
wie in der Kerkerscene Gretchen und Faust. Sie erinnern
sich, daß in Arkadien ein friedensvolles Thal zu finden ist,
in welchem sie zusammen ,in der Grotte der Nymphe ihr
Nest bauen und zum Kopfkissen das feuchte Haar der Nymphe
haben werdenr. Darauf freuen sie sich und ,verlieren sich
Arm in Arm hinter den blühenden Hecken. =- Ende der
klassischen Walpurgisnacht.
Abermals große Pause. Da das Theater spät anfängt,
war es inzwischen - nach 1 geworden. Im Textbuch
steht: ,Epilog, Motto: Verweile doch, du bist so schön! -
Faust's Tod - Faust in seinem Studirzimmer, das älter
und verfallener aussieht. Faust sitzt in Nachdenken versunken
in seinem Lehnstuhl, Mephistopheles steht hinter ihm u. s. w.?
u. s. w. Neue große musikalische Einleitung vergnüglicher
Art. Man sieht nachdenklich auf das Textbuch hin und auf
die Worte: ,Faust's Tob !? =- Nach einem Trauermarsch
klingt die Musik durchaus nicht.
Der Vorhang geht endlich in die Höhe und =- Alles
tanzt! Es ist Kirmeß in St. Goar! = Das Publikum ist
im Theater weit zahlreicher geworden als während der Oper.
Das Ballet ,die Loreley' hat begonnen.
Nun war's für uns mit dem Faust zu Ende. Denn
sich anderthalb Stunden, von 1,, bis UF, Uhr, ein
tragisch endendes Ballet mit sechszehn Seiten langem, ernst-
haftem Textbuch vortanzen zu lassen, und dann noch den
Faust sterben zu sehen, das war doch mehr, als wir mit

==- ZZ? -
allem guten Willen zu leisten vermochten. Auch haben unter
meinen hiesigen deutschen Freunden nur zwei das Ende der
Oper erlebt. Der Eine, als durch einen Zufall das Ballet aus-
siel, der Andere, ein gelehrter Musiker, aus Gewissenhaftigkeit.
Ich halte mich an das Textbuch und finde, daß auch
der letzte Akt desselben nicht ungeschickt gemacht ist. Der
Boito'sche Faust erschaut in einer Vision all das, was der
Goethe'sche Faust experimentirend unternimmt. Dann ver-
scheidet er, indem er der Vision Dauer wünscht, während die
Chöre der Cherubim, und unter Mephisto's Leitung die Chöre
der Sirenen ihn wechselnd an sich zu ziehen trachten; und
Mephisto geht, ,gegen die Lichtstrahlen und den Rosenregen
sich zornig wehrendr, wie sich's gehört zu Grunde.
Im Textbuch folgen dann drei Seiten gelehrte Noten
über den Faust, über den Hexensabbath, über das Jodeln
u. s. w. Marlow, Widman, Henry Blaze de Bury werden
zitirt. Das macht bei einem Opern - Textbuch einen ent-
schieden komischen Eindruck, und doch ist es eigentlich ein
schönes Zeichen für den lobenswerthen und achtungsvollen
Ernst, mit welchem Boito an seinen Versuch gegangen ist
das größte Meisterwerk der deutschen Dichtung für seine
persönlichen Zwecke zu benutzen. Man hat das also anzu-
erkennen!
Boito hat sich's überhaupt Mühe kosten lassen mit seiner
Arbeit. Die Oper ist zuerst vor fünf, sechs Jahren in der
Skala aufgefüührt und durchgefallen. Er hat sie danach gründ-
lich umgearbeitet, und Text und Musik verrathen einen
Künstler, der Talent hat. Die Gestalt des Mephisto ist sehr
gut durchgehalten, sowohl der Text als die Musik. Das Er-
scheinen des grauen Mönches, die Arie ,Son lo spirito ehe
vega? und das zbeeo il monäo ! sind sehr dem Geiste
der Tichtung angemessen; und da der Darsteller des Mephisto,

= =-
wie schon gesagt, eine schöne Baßstimme hat, gut singt und
meist gut spielt, so war die ganze Rolle von entschiedener
und großer Wirkung. Auch die Arie, in welcher Gretchen
im Kerker ihre Leidensgeschichte erzählt: ,l'altra notts in
kdndo äel maror bezeichnet, wie mir scheint, den Ausdruck des
irrsinnigen Selbstgesprächs richtig genug. Sie hat sich mir nach
einmaligem Hören eingeprägt. Doch maße ich mir über den
musikalischen Werth der Dichtung kein Urtheil an. Deutsche hier
verweilende Musiker von Gewicht wollen sie nicht gelten lassen,
obschon auch sie Boito für talentvoll halten. Mir kommt vor, als
fehle ihm noch ein rechter Glaube, und das macht in aller
Kunst das Kunstwerk styllos. Es ist stellenweise eine Hin-
neigung zu deutscher Musik, dann wieder ist man mitten in
neuester italienischer Musik. Die Atmosphäre, in welcher man
gehalten wird, ist schwankend wie der Luftton an den Tagen,
wenn nach langem Scirocco eine Tramontane aufkommen
will. Es ist ein Nebergangsstadium, und man darf hoffen,
daß Boito zu einer erfreulichen Klärung und Entwicklung
seines Strebens und Könnens gelangen wird.
Die Aufführung? - Ja, an das, was man in Paris,
in London Jtalienische Oper nennt, und an die Zeiten, in
welchen in London die Grisi, Mario, Lablache, die Castellani,
die Sontag zusammenwirkten und Aufführungen zu Stande
kamen, die man nie vergessen und schwerlich ähnlich erleben
wird, darf man gar nicht denken; aber selbst gegen die Oper,
welche ich früher hier gehört habe und deren Primadonna
die de Julia war, steht die jetzige weit zurück. Die Prima-
donna, eine Gestalt und ein Kopf wie die Marie Antoinette
von Paul Delaroche, sah mit der blonden Perrücke über den
ohnehin starken Kopf ganz unförmlich aus. Als Gretchens
Mutter hätte man sie sich denken mögen, als das junge un-
schuldige Gretchen war sie lächerlich. Etwas besser ging es