Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 17

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ihr vom Herzen, da sie als Helena älter und erfahrener sein
durfte; aber sie ist in keinem Betracht eine Primadonna, wie
man sie hier erwartet, und ebenso ist es mit den Anderen
bestellt. Nur Mephisto, Signor Armando Castelmary, ist ein
Sänger und Schauspieler, der auf jeder Opernbühne seines
Erfolges sicher sein dürfte.
Das Orchester ist stark besetzt und gut. Dekorationen,
Inscenesetzung und Ballet stehen sehr weit zurück hinter dem,
was wir bei uns in der Oper zu sehen gewohnt sind. Aber
trotz alledem war die Aufführung dieser Faust -Oper gerade
für uns Deutsche anziehend. Wenn hier und da der Eindruck
auf uns auch ein komischer sein mußte, ist damit Boito's
Arbeit keineswegs abgeurtheilt, oder als eine verfehlte zu -
bezeichnen. Im Gegentheil! und ich möchte es von Boito als
einen Akt der richtigen Selbsterkenntniß und der gebührenden
Unterordnung unter Goethe's Genius nennen, daß er es nicht
gewagt hat, seiner Arbeit den großen Namen ,Faust zu
verleihen, sondern sich beschieden hat, ihr den Titel der Ge-
stalt zu geben, die so weit als möglich in einer Oper wieder-
zugeben ihm in der That gelungen ist.
Hiebenzeünter Imef.
Allerlei Nachahmens werthes.
Rom, im März 1778.
Seit vielen Wochen habe ich immer gedacht, wenn es
einmal regnen würde, wollte ich meinen Landsleuten von
einer Vorrichtung gegen das Naßwerden schreiben, die wir
in unserem Klima für alle unsere Kutscher und besonders für
die Tausende von armen Droschkenkutschern dringend nöthig

hätten. Aber wir haben in dem ganzen Jahre kaum ein
paar Stunden Regen gehabt, und als man mir am S. März
von Hause geschrieben hatte, ,der Regen prasselt bei Nordost-
wind gegen die Fenster'', dachte ich: wie würden sich die
armen Pfefferbäume, die vor Dürre ganz kahl geworden sind,
und all die anderen jetzt blühenden Mandel- und Aprikosen-
bäume, und die Ulmen, Platanen, Kastanien freuen, deren
dicke Knospen und grünschimmernde Blätter nicht recht vor-
wärts kommen können, und wie grün und blühend würde
die Campagne werden, wenn solch ein ordentlicher Regen
einmal zwölf Stunden lang herniederfallen würde.
Eigentlich sind der November und der März hier die
Regenmonate, und es heißt vom März: guanco marro won
marreggis o'ö aprils ebe ei pensa. (Wenn der März nichtordentlich
März macht, trägt der April es nach. Aber der Rovember
war sehr warm und hell, und seit dem . Februar, wo es
einige Stunden regnete, haben wir unausgesett das herrlichste
Sommerwetter gehabt. Hier zu Lande fürchten die Menschen
für sich den Regen. Sie sagen, er erzeuge das Fieber,
namentlich wenn es vorher warm und dürr gewesen ist, und
es wird daran sicher etwas Wahres sein. Sie gehen denn
auch im Regen so wenig als nur möglich aus, und sind sie
dazu durchaus genöthigt, so vermeiden sie es weit ängstlicher
als wir, ,ein bischen naß zu werden?.
Das hat es denn auch im Gefolge, daß man für die
Kutscher eben die Regenschirme an jedem Wagen befestigt
findet, von denen ich Ihnen sprechen wollte, und die sie bei
uns noch weit mehr brauchen könnten. Vorn an der Mitte
des Kutschersitzes findet sich hier bei jedem Fiaker und bei
vielen der herrschaftlichen Wagen ein hölzener Cylinder ange-
bracht, oben und unten mit Messing beschlagen, in welchem
der obere Theil eines sehr großen Regenschirmes steckt. Bei

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dem ersten Tropfen, der vom Himmel fällt, zieht der Kutscher
dieses Schirmdach heraus, steckt es auf den Cylinder, mit dem
zusammen es die nöthige Höhe bildet, und er und ein Diener
sitzen dann unter diesem Dache völlig gegen die Unbill' des
Wetters geschützt, während die Insassen des Wagens all' das
Mitleid sparen, dessen man sich bei uns im Norden, wenn
man nicht unbarmherzig ist, mit den armen naßwerdenden
Leuten nicht zu erwehren vermag, ohne ihnen helfen zu können.
Ja, bei der Mehrzahl der Fiaker, bei den sogenannten botte,
ist der Kutscher reichlich so gut daran, als sein Fahrgast, denn
die botto ist ein halb zu verdeckender muschelförmiger, zwei-
sitziger Wagen, an den Seiten völlig offen, so daß man um
die Füüßße und Kniee dem Winde ganz preisgegeben ist, wenn
man sie nicht eigens decken läßt. Manche haben dazu nicht
einmal eine Vorrichtung, und ein gut Theil der hier vor-
kommenden Erkältungen ist gewiß diesen nur auf schönes,
heißes Wetter eingerichteten, unseligen botte zuzuschreiben.
Es giebt daneben allerdings vortreffliche und gar nicht theure
Koupees und Landauer, aber man findet diese nur auf dem
spanischen Plate, und ist also meist auf die botts angewiesen.
Um aber auf die Regenschirme zurückzukommen, so meine
ich, wer so wie ich in Berlin seit 1 Jahren einen Droschken-
halteplat gegenüber seinen Fenstern vor Augen gehabt hat,
und es die langen, langen harten und traurigen sechs Winter-
monate hindurch also oftmals gesehen hat, wie die armen Kutscher
unter des Winters Unbill leiden; wer von den Aerzten gehört
hat, wie grade diese Leute von Rheumatismen geplagt werden,
der muß wirklich wünschen, daß die Behörden, welche das
öffentliche Fuhrwesen beaufsichtigen, einem Jeglichen, der
Fuhrwerk aufstellt, die Pflicht auferlegen, einen solchen Regen-
schirm an seinen Wagen zu befestigen, dessen Beschaffung und
Erhaltung nicht theuer sein können. Die Personen, welche -
F. Le wald, Reisebriefe.

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eigenes Fuhrwerk und Luxusfuhrwerk halten, hätten ja für
ihr Theil auch ihr besonderes Interesse daran und würden
schon für sich selber sorgen.
Im Ganzen ist hier aber überhaupt nach allen Seiten
hin, in den wenigen Jahren, welche seit der Errichtung des
Königreichs verflossen sind, so viel. Nützliches geschehen, daß
man eigentlich jeden Brief, in welchem man über die hiesigen
Zustände etwas nach Hause schreibt, mit der Neberschrist ,Jett
und Einst! versehen müßte, die ich schon auf zwei meiner
Briefe gesettt habe.
Das ist mir neulich wieder lebhaft eingefallen, als ich
Abends mit einem Freunde eine Stunde in der Bibliotses
Rttorio Kmmunusle gewesen bin. Sie Lefindet sich an der
rechten Seite des Korso, in der ehemaligen Lehranstalt der
Jesuiten, in dem Vollegio Komao, in welchem sich neben
anderen Anstalten auch das alte, von dem deutschen Jesuiten
Athanasius Kirchner im siebenzehnten Jahrhundert gegründete
Bluseo Kirehneriano befindet. Allerdings hat die hiesige
Regierung es mit der Errichtung von Schulen, Bibliotheken
und ähnlichen Anstalten insofern leichter als andere
Regierungen, da sie durch die Aufhebung der Klöster über
eine bedeutende Anzahl großartigster Baulichkeiten verfügt,
und so mit verhältnißmäßig geringem Umbau und Kosten-
aufwand nicht um die Unterbringung derartiger Institute
verlegen zu sein braucht.
Die Libliotses sittorio bwmswuels nun ist eine Anstalt,
die in keiner größeren Stadt, und namentlich in einer Stadt
wie Berlin durchaus nicht, fehlen dürfte. Den Stamm zu
derselben lieferten die 880 Bände und die I00 Handschriften
des Collsgio Kowsno. Die Bibliotheken verschiedener anderer
Klöster wurden damit vereinigt,und so eine Büchersammlung von
15000 Bänden und mehreren Tausend Handschriften geschaffen,

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die in freiester Weise dem Publikum zur Benutzung offen
steht. Morgens von R bis 3 Ühr kann man in dem großen,
schön eingerichteten und hellen Lesesaal der Bibliothek ohne
weitere Präsentation oder Empfehlung jedes in der Bibliothek
vorhandene Buch erhalten. Was man in den Abendstunden
von S bis 1 Uhr zu haben wünscht, das muß man während
der Tagesstunden mittels eines eingereichten Zettels für sich
begehren, denn die Bibliothek selber ist Abends geschlossen
und nur der Lesesaal bleibt geöffnet.
Als wir zwischen S bis Ühr Abends in demselben
anlangten, war der lange, große und hohe Saal, ein Neubau
mit basilikenartiger Decke, aber nicht eben elegant oder
künstlerisch eingerichtet, an allen seinen Tischen dicht besetzt.
Er ist so hell erleuchtet, daß man an jedem der in demselben
befindlichen zweiundsiebenzig, mit dem nöthigen Geräth ver-
sehenen Schreibpulte in aller Bequemlichkeit arbeiten kann.
Auf großen Lesetischen liegt eine reiche Anzahl von Zeitungen,
Monatsheften, Broschüren u. s. w. in den verschiedenen lebenden
Sprachen zur Auswahl bereit. Der auch am Abende anwesende
Sekretär des Instituts, Ir. Pasqualucci, den ich schon früher
in Gesellschaft hatte kennen lernen, machte mich freundlich
darauf aufmerksam, daß neuere Literatur wesentlich berücksichtigt
werde und die deutsche Sprache nicht zu kurz dabei komme;
wie ich denn überhaupt zu meiner Freude auch hier in Rom
die Bemerkung mache, daß unsere schöne Sprache mehr und
mehr gelernt wird, daß in den Familien der vornehmen Welt
die deutsche Erzieherin vielfach die französische Gouvernante
ersetzt, und durch die stillen deutschen Frauen eine friedliche
Eroberung für das deutsche Wesen in aller Ruhe, sicherlich
nicht zum Nachtheil der Jtaliener, vollzogen wird.
Was in Städten wie Köln und wie Berlin, in einem
Klima und in einem Lande mit so langen Abenden wie die
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unseren, für Hunderte und Hunderte von Menschen damit ge-
wonnen und geleistet würde, wenn sie von ihren Geschäften,
von ihrer Arbeit und ihrem Nachtessen kommend, für die späten
Abendstunden ein solches warmes, helles, wohlversorgtes Lese-
und Schreibzimmer für sich unentgeltlich geöffnet fänden, das
brauche ich nicht erst auseinander zu setzen. Den Frauen stehen
der Emtritt und die Benutzung der Bibliothek in ganz gleicher
Weise wie den Männern frei; doch waren an dem Abende
nur Männer, alle tief in ihre Beschäftigung versenkt, in der-
selben anwesend.
In einem andern, nicht weit davon entfernten ehemaligen
Kloster, in dem auf Monte Eitorio, dicht neben dem jetigen
Parlamentsgebäude gelegenen Missionshause, hat die Stadt eine
Schule und Erwerbsschule für Frauen eingerichtet, der eike
Inspektorin vorsteht und der eine Anzahl von Frauen aus
den gebildetsten Ständen, wie die Frau des Senators und
Historikers Michael Amani, wie die Tochter Manzoni'su.s.wg,
ihre beaufsichtigende Theilnahme angedeihen lassen.
Die Schule hat in dem obersten Stockwerk des ungemein
umfangreichen Baues ihr Unterkommen gefunden. In dem
großen Flur, in den Seitengebäuden und in den unteren
Stockwerken arbeiteten und hämmerten Handwerker aller Art,
denn es soll auch noch anderen Anstalten in diesem Missions-
hause ihr Platz vorbereitet werden. Es ist eben überall Arbeit
und Fortschritt zu merken.
Die Erwerbschule, die ganz in der Weise, wie die unseren
und die von Madame Jules Simon vor Jahren in Paris
begründeten organisirt ist, wurde vor vierzehn Monaten mit
fünf Schülerinnen eröffnet und zählt jetzt deren zweihundert-
fünfundzwanzig im Alter von zehn Jahren bis hoch in die
Zwanzig hinauf. Kinder und nicht mehr junge Personen lernen,
wie das unter den hiesigen Verhältnissen begreiflich ist,

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gelegentlich zusammen Lesen, Schreiben, Rechnen. Man lehrt
in verschiedenen Klassen Geographie, Französisch, Buchführung,
so weit sie für den kleinen kaufmännischen Betrieb nöthig ist,
Zeichnen und Handarbeiten aller Art. Ich habe die Zimmer
für Wäschenähen, Weißstickerei, Passementerie- und Woll- und
Seidehäkelarbeiten, für Blumenmachen, Spitzenklöppeln, Hand-
schuhmachen und Schneiderei, eben so die Zeichensäle der beiden
verschiedenen Klassen, mit der Vorsteherin besucht und bin
überrascht gewesen über das, was man nach so kurzer Lehrzeit
hier bereits zu leisten vermag. Es läßt auf eine große, natür-
liche Anlage, auf viel angeborene Handgeschicklichkeit unter den
Frauen schließen, und die Lehrerinnen und der junge Zeichen-
lehrer bestätigten mir das. Natürlich darf man bei solchem
Urtheil nicht nach einzelnen ungewöhnlichen Talenten urtheilen,
denn in der ersten Zeichenklasse sah ich z. B. ein Mädchen von
1 bis 1 Jahren, das erst seit einem Jahr Unterricht hatte,
und mit großem Geschick den Kopf einer ihrer Gefährtinnen
in Kreide zeichnete. Aber was man im Durchschnitt im
Blumenmachen nach der Natur, im Weißsticken, im Anfertigen
der sogenannten alten spanischen Klosterspitzen leistet, die hier
sonst wirklich in den Klöstern zum Schmuck der Altardecken
und Gewänder viel gearbeitet wurden, war sehr anerkennens-
werth. Ein Theil der Schülerinnen wird umsonst, der andere
Theil gegen ein sehr mäßiges Schulgeld unterrichtet, und es
ist zu wünschen, daß, wie die Zahl der Schulen und der
Kinderbewahranstalten hier zugenommen hat, auch die Zahl
der Erwerbschulen für die Frauen wachsen möge. Denn auf
der Erwerbsfähigkeit der Frauen, welche ihnen Zutrauen zu
sich selbst, und mit diesem Zutrauen auch Achtung ihrer selbst
giebt, beruht ein großer Thheil der Lösung jener Frage, welche
der nicht genug zu segnende ,ßerein zur Hebung der öffent-
lichen Moral'', der im September in Genf getagt, sich zur

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Aufgabe gestellt hat. Das Wohl und Wehe der Nationen,
ihr Emporkommmnen und Zugrundegehen, hängen nach meiner
festesten Neberzeugung zum großen Theil von dem sittlichen
Werth ihrer Frauen ab.
Eine derartige Erkenntniß hat man aber offenbar auch
hier. Man nimmt sich der Bildung der Frauen vielfach an.
Jtalien hat noch eine überwiegend große Anzahl bigotter,
unter dem gewiß oft sehr bedenklichen Einfluß der Priester
stehenden Frauen, und die Unsitte des einst völlig durch die
Gewohnheit geheiligten und geregelten Eicisbeats wirft ihren
dunklen verwirrenden Schatten auch noch in unseren Tagen,
mehr als vielleicht anderwärts, über das Familienleben in
gewissen Kreisen. Aber daneben hat es dem Lande nie an
Frauen gefehlt, die als Gattinnen, als Mütter, als begeisterte
Vertreterinnen der hingebenden Vaterlandsliebe gelten konnten,
und seit den Zeiten, in welchen die Wissenschaft und die Kunst
in Jtalien neu erblühten, haben sich einzelne Frauen auf den
Lehrstühlen der Universitäten, in der Poesie, in der Literatur,
in der Malerei, den Männern nachstrebend an die Seite zu
setzen vermocht. Vittoria Colonna, die edle Freundin Michel
Angelo's, hat nicht vereinzelt dagestanden. Es hat Dichterinnen,
Improvisatorinnen gegeben, die man der Krönung auf dem
Kapitol würdig erachtet hat. Ich selber habe einer solchen
hier im Jahre 146 beigewohnt, und in Padua befindet sich
eine in ihrer Art vielleicht einzige Bibliothek, die von einem
Grafen Ferri dort zusammengebracht, ein paar Tausend Bände
stark, sich nur aus Werken von Frauen zusammensetzt.
Auch die aus Kunstfreunden bestehenden freien Akademieen
zählen Frauen zu ihren Mitgliedern. Erst ganz neuerdings
hat man ein junges Mädchen, das ein hübsches Sonett auf oder
an die Madonna gemacht hat, in eine dieser Akademieen auf-
genommen. Derlei will vielleicht nicht viel bedeuten, ist aber

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doch als Anerkenntniß der Gleichberechtigung der Geschlechter
lobenswerth.
Nun hat man daneben auch hier angefangen, die geistige
Bildung, welche sonst nur einigen wenigen bevorzugten Frauen
zzu Theil ward, auf weitere Bereiche auszudehnen und eine
praktische Bildung damit zu verbinden. Man leistet darin
natürlich nicht mehr, sondern vorläufig noch weniger als bei
uns; aber es ist hier dennoch mehr und anerkennenswerther,
weil unter der päpstlichen Herrschaft Nichts der Art geschehen
war und man völlig unworbereiteten Boden vorfand. Man
hat Kinderbewahranstalten und Fröbel'sche Kindergärten ein-
gerichtet, für die man sich erst die Lehrerinnen zu schaffen und
heranzubilden hatte, was zum Theil in Deutschland geschah,
wohin die Regierung und verschiedene Vereine junge Jtaliene-
rinnen geschickt hatten.
Einen der ersten Kindergärten hat der jetige Präsident
der Deputirtenkammer, Cairoli, zur Erinnerung an seine
Mutter, Adelaide Cairoli, eröffnet, deren Namen die in der
Nähe des Kapitols gelegene Schule trägt. Die Gräfin Cairoli
war eine der Frauen, deren Name mit der Erhebung und
Befreiung Jtaliens unvergeßbar verbunden ist. Alle ihre
vier Söhne fochten in den Reihen der italienischen Revolutions-
partei. Drei von ihnen hat sie auf den verschiedenen Schlacht-
feldern verloren, nur der mit Wunden bedeckte jetzige Minister-
Präsident hat sie überlebt.
Es war nach der Einigung der verschiedenen italienischen
Staaten, vor Allem hier in Rom, eben Alles neu zu schaffen.
Man hatte weltliche Mädchenschulen statt der Klosterschulen
einzuführen, und hat jetzt in den lettten Jahren bereits in den
sogenamnten Seuole superiors kemminile in den Fortbildungs-
anstalten für die Frauen, eine Reihe zusammenhängender
wissenschaftlicher Vorlesungen veranlaßt, die zu halten sich

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eben wie bei uns Männer von Ruf und großer Bedeutung,
ein De Sanctis, Bonghi u. s. w., haben bereit finden lassen.
Sie werden zahlreich besucht, sind vielfach gewiß sehr anziehend,
werden aber eben so wie bei uns nichts Wesentliches nützen.
Alle diese Lyceen, Senole superore u. s. w. helfen dem Grund-
fehler der Frauenerziehung, der Oberflächlichkeit und Halbheit
des Wissens, nicht ab, sondern steigern sie, wie sie die Ein-
bildung und Selbstüberschätung ihres Wissens in den Frauen
steigern. So lange wir nicht ordentliche Realschulen für
Mädchen, völlig gleich eingerichtet wie die für die Knaben,
haben, bleiben alle diese sogenannten Fortbildungsschulen
Halbheiten. Sie sind unschädliche, aber dem Kardinalfehler
der Frauenerziehung durchaus nicht abhelfende Untermh-
mungen. Ich weiß, daß ich mit diesem Ausspruch Anstoß
errege, weiß aber auch, daß er kein ungerechter ist.
Wenn ich in diesem Briefe nun anerkenne, was die
Jtaliener Gutes mit uns gemeinsam, was sie hier und da
vor uns voraus haben, was wir von ihnen annehmen und
brauchen könnten, so hätten sie sich doch noch viel mehr Nütz-
liches und Zweckmäßiges von uns anzueignen. Dahin rechne
ich hier in Rom in erster Reihe einen ordentlichen Wohnungs-
Anzeiger, wie ihn bei uns jede Stadt von irgend welcher
Bedeutung besityt. Es existirt hier etwas Derartiges, der
Guiäa Cowmereiale, ossia oltrs 10 000 Tnäiearioni. Das Buch
ist aber so unvollständig, daß es Mühe kostet, selbst von
Beamten, von Militärs und anderen angesehenen Leuten die -
Wohnung zu ermitteln.
Wenn man dann mitunter in den Zeitungen liest, wie
das Munizipium diese oder jene zu Ehren eines berühmten
Gestorbenen gehaltene Rede auf Kosten der Stadt hat drucken
lassen, so findet man das natürlich sehr vortrefflich; aber
man kann sich doch dabei des Gedankens nicht entschlagen: