Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 18

=- Zgß -==
ließen sie doch lieber erst einen Wohnungs-Anzeiger drucken
und in das Publikum bringen!
Das alte Utalia ba molto äa kare, ma karü da ss!
(Jtalien hat noch viel zu thun, aber es wird Alles aus sich
selber heraus erzeugen, das man 1866 und 18? immer zu
hören bekam, hört man auch heute noch und mit erprobterem
Recht aussprechen, denn es ist recht viel geschehen. Aber
wenn sie einen Wohnungs-Anzeiger machen wollten, das wäre
wirklich eine Wohlthat in einer Stadt von 10000 Ein-
wohnern und so und so viel Tausenden von Fremden. Be-
kommen werden sie ihn - indeß was hilft das uns armen
kurzlebigen und noch kürzere Zeit hier verweilenden Menschen,
die wir jettt oft zwei, drei Billete schreiben und herumschicken
müssen, um zu erfahren, daß Jemand, dem wir empfohlen
sind, dicht neben unserer Thüre wohnt. Rom zu schelten, fällt
mir aber trotzdem gar nicht ein; denn es ist eben Rom!
Und das sagt Alles für jeden, der einmal so glücklich war, es
zu bewohnen.
Tss»Knk== N
ö-p-ng ==-b-o =oMs,
Wie die Jinge sich hier machen.
Rom, im April 178.
Was mich an den hießgen Zuständen immer auf das
Neue überrascht, ist, daß sie den Eingebornen, den Jtalienern
selber, weniger auffallend und keineswegs so unvereinbar
dünken, als den Fremden, daß sie sie für ausgleichbar halten.
Läßt man es sich dann beikommen, sie um eine Erklärung
zu bitten, so erhält man in der Regel einen Bescheid, der -
nach unserem Ermessen -= auf eine Halbheit hinausläuft

= ZJg -
während die Eingebornen sich damit, wie es scheint, sehr gut
in das Gleiche zu setzen wissen.
Das tritt mir immer sehr deutlich, auch in Bezug auf
die Klöster und die Nonnen und Mönche, entgegen. Seit
der Errichtung des Königreiches Jtalien, mit der Residenz in
der Hauptstadt Rom, sind natürlich auch hier, wie früher
schon im übrigen Jtalien, die Klöster aufgehoben, und man
kann sich hier sehr bald überzeugen, wie vielfach die Landes-
regierung die alten Klöster für ihre Zwecke benutzt. Sie
hat sie, wie berichtet, zu Bibliotheken, zu Schulen, zu
MinisteralGebäuden umgebaut und eingerichtet, und z. B.
in dem ehemaligen Missions - Gebäude auch dem hiesigen
Verein der Presse ein schönes Lokal überlassen, in welchem
derselbe schon in den nächsten Tagen seinen feierlichen EinzuF
halten und einen sehr würdigen Versammlungsort damit
gewinnen wird.
Obschon nun die Klöster nicht mehr bestehen, ist Rom
eben so voll von Nonnen und Mönchen aller Orden als vor-
dem, und der Fremde fragt verwundert: wo kommen denn,
wenn die Klöster aufgehoben sind, alle diese Nonnen, diese
Mönche, alle diese Kapuziner, Dominikaner, Jesuiten her?
Wo wohnen, wo leben, was thun sie hier? = Was thun
die Nonnen hier? =- Die Antwort, die er darauf erhält, ist
eigenartig.
Was zuerst die Nonnen anbetrifft, sind unter anderen die
französischen Nonnen in dem Erziehungskloster auf Trinitd
di Monte mit ihrer großen Zahl von Schülerinnen heute noch
in dem Kloster wie vordem. Den Anderen hat man meistens
erlaubt in ihren Häusern auszusterben, wenn sie nicht gewillt
gewesen sind dieselben zu verlassen, oder wenn man diese
Häuser nicht für die Zwecke des Staates nöthig gehabt hat.
Es wäre ja grausam gewesen, diese weltfremden, zum Theil

= ZH! -==
alten Personen in die Welt hinauszustoßen; und wo sie in
ihren Klöstern sitzen bleiben wollten, hat man sich mit ihnen
abzufinden gesucht. Auf dem Viminal baut man zum Beispiel
gegenwärtig ein physikalisches und chemisches Laboratorium,
auf dem Grund und Boden und in den Mauern eines Nonnen-
klosters. Die Aebtissin erklärte, als man sie von dem Vor-
haben in Kenntniß setzte, nicht weichen zu wollen. Man fing
trotzdem in dem entlegensten Flügel abzubrechen an. Der
Direktor des Laboratoriums, Professor Blaserna, verhandelte
mit der Aebtissin. Man kam zu keiner Verständigung. Die
Kurie protestirte in feierlichem Akte. Man legte den feierlichen
Akt aä aeta, und brach weiter ab, so weit man's nöthig hatte.
Die Nonnen zogen sich in einen Flügel zurück, den man ent-
behren, den man ihnen stehen lassen konnte, und das Labo-
ratorium wächst vorn nach der Straße stattlich in die Höhe;
und hinten in dem Hofe bleiben die Nonnen ruhig siten.
Man hat sich nebeneinander eingerichtet und verträgt sich mit
einander.
In dem größten hiesigen Hospitale, um ein weiteres Bei-
spiel anzuführen, in dem zwischen der Engelsburg und dem
Petersplatze gelegenen Hospitale von San Spirito, das ein
Stadtviertel einnimmt, ist die medizinische Klinik eingerichtet.
Aber neben den Studirenden und den von der Universität ein-
gesetzten Krankenwärtern sind auch, wie man mir sagt, die
barmherzigen Brüder und Schwestern dort noch thätig -- und
San Spirito nimmt viele Kräfte in Anspruch, denn es ist
vielleicht das reichste Hospital der Welt und hat große Leistungen
zu erfüllen. Da zwischen Rom und Neapel kein Ort existirt,
der ein nennenswerthes Krankenhaus hat, so werden die sämmt-
lichen Kranken aus der Campagna nach San Spirito gebracht,
wenn man mit ihnen Nichts weiter anzufangen weiß, und den
Statuten nach muß das Krankenhaus sie aufnehmen. Aerzte,

=- ZH! -
mit denen ich über die Sterblichkeits-abellen in den Zeitungen
und über den hohen Prozentsatz der römischen Todesfälle sprach,
meinten dabei die Anzahl von Todesfällen in Abzug bringen
zu müssen, die man eben durch die von auswärts kommenden
und immer schwer Erkrankten in San Spirito in Rom zu ver-
zeichnen habe. - Indeß das ist hier Nebensache. Es handelt
sich in diesem Falle nur um das Zusammenwirken von den
beibehaltenen Geistlichen neben den Laien. - Man ist nicht
rigoristisch hier. Winckelmann könnte jett mit gleichem Recht
wie damals sagen: ,Denn dieses ist ein Land der Mensch-
lichkeit!r
Aber ist denn die Aufnahme neuer Mönche verboten?
fragten wir ein andermal. Die Antwort lautet: Wie Sie has
nehmen wollen! Ja! und nein! Der Staat erkennt allerdings
die Orden nicht mehr als zu Recht bestehende Gemeinschaften
an; aber so wenig als er Sie und mich, oder irgend welche
Engländer, Japanesen oder Chinesen, hindern würde, gemein-
sam ein Haus zu miethen, in demselben nach verabredeter
Weise in Gemeinschaft zu leben und sich nach beliebiger Weise
gemeinsam zu kleiden, so wenig wehrt er es den Orden, dies
zu thun. Die Jesuiten haben, seit man ihnen die Klöster ge-
nommen, hier und aller Orts wieder Häuser gekauft und
kaufen deren noch, in denen sie sich niederlassen; und dies ist
um so natürlicher, als die Propaganda noch in ihren Händen
ist und bleiben muß. Man hindert sie also daran ganz und
gar nicht.
Ebenso ist es mit den französischen Karthäusern zu San
Paolo alle Tre Fontane. Sie haben das Kloster und die
Kirche von San Paolo alle Tre Fontane, das einige Miglien
von Rom in einem der ungesundesten und deshalb verlassensten
Theile der Campagna gelegen ist, in den letzten Jahren der
weltlichen Papstherrschaft bezogen, und sie sind heut' noch dort.

-= ZZZ -
Sie hatten das, um des Fiebers willen gar nicht mehr bewohnte
Kloster übernommen, hatten dort den Eukalypthus-Baum, der
noch mehr als alle anderen Baumarten für Fieber bannend
gilt, in größeren Massen anzupflanzen begonnen, hatten über-
haupt den Boden zu kultiviren, den jett sehr beliebten Euka-
lypthus-Liqueur, nach Weise des Chartereuse, zu fabriziren
angefangen, und sie sitzen heute noch dort und pflanzen
Eukalypthus, fabriziren Ligueur und treiben Gartenbau. -
Die Klosterländereien sind 17 zu Spottpreisen verkauft. Die
Mönche haben das Kloster jetzt zur Miethe, haben die Ländereien
von den gegenwärtigen Besitzern derselben billig gepachtet und
existiren als,AgrikulturGesellschaft'' friedlich in Gottes Namen
weiter fort, wie der liebenswürdige Pater, der uns dort her-
umführte, es gegen mich aussprach.
Man kann hier, wie gesagt, keinen Schritt aus dem Hause
thun, ohne von solchen Gegensätzen betroffen zu werden, und
alle bedeutenden Ereignisse bringen sie doppelt auffallend zur
Erscheinung.
Als der König gestorben war, hatten die Behörden lange
Verhandlungen mit der Kurie nöthig, ehe es möglich wurde,
dem Landesherrn in seiner Hauptstadt in dem Pantheon die
Grabstätte zu gewinnen, in welchem die Nation ihren König
beerdigt zu sehen verlangte. Und als man sich endlich darüber
verständigt hatte, verweigerte der gefangene Papst dem Landes-
herrn das ihm gebührende Geleit durch die hohe Geistlichkeit
des Landes. Nur der Pfarrer des Kirchsprengels, zu welchem
der Quirinalpalast gehört, ging dem Sarge Victor Emanuel's
voran. - Als dann aber einen Monat später der Papst ge-
storben war, forderte der ihn vertretende Klerus zur Aufrecht-
erhaltung der Ordnung auf dem Petersplatze - und es war
gar kein Auflauf und gar kein gefährlicher Andrang dort zu
merken - die Soldaten des Königs, die Truppen des nicht-

= ZJ -
anerkannten Königreichs Jtalien, und sie wurden augenblicklie
dorthin abgesendet.
Jtalienische Infanterie war in die Peterskirche kommandirt,
als der Leichnam des Papstes dort zur Verehrung in einer
der Kapellen ausgestellt war. -- Jtalienische Infanterie
bivouakirte Tag und Nacht in voller Kriegsausrüstung unter
der linken Kolonade vor der Peterskirche, um das Konklave
vor jeder Störung zu bewahren; und Niemand schien daran
zu denken, daß der Staat nach den Garantiegesetzen der Kirche
hatte gewähren müssen, was der Gefangene im Vatikan, das
Oberhaupt der Kirche, dem Staate zu verweigern sich berechtigt
gehalten, und die Freiheit gehabt hatte.
Als an dem Tage der Papstwahl die Nachricht um Mittag
sich in der Stadt verbreitete, daß ,der Papst gemacht serh
fuhr ich aus Neugier nach dem Petersplate hinunter. Auf
dem Wege dorthin fiel mir gegenüber der Engelsbrücke, an
dem Plate, auf welchem einst Beatrice Cenci hingerichtet
worden war, ein neu gebautes Haus auf, das ich sonst unbe-
achtet gelassen hatte. Cbiesa ebristiana libero - (Freie christ-
liche Kirches stand mit großen Lettern in italienischer Sprache
über dem Erdgeschoß des Hauses zu lesen. Auf dem Wege
zu der Peterskirche machte mir das einen ganz besonderen
Eindruck; obschon ja überall. solche Gegensätze in den Grund-
anschauungen der Menschen vorzufinden sind.
Der Glaube Derjenigen, welche nach Lourdes wallfahrten
--- hier in den Vatikanischen Gärten hatte Pius lK. in fast
kindischem Spiel sich eine genaue Nachbildung der kleinen
Grotte von Lourdes und des wunderthätigen Madonnenbildes
herrichten lassen - der Glaube also Derjenigen, welche nach
Lourdes wallfahrten, und die Erkenntniß jener Anderen, die
mit allem Glauben zu brechen sich gezwungen fühlen, stehen
sich in unseren Tagen überall vielfach gegenüber. Hier aber

== LHH -
kennzeichnet sich das Alles noch weit plastischer als anderwärts.
Jenseits des Tiber versammelte sich in jenen Tagen, von
italienischen Soldaten beschützt, im Vatikan bei vernagelten
Fenstern und vermauerten Thüren das Konklave, um den
unfehlbaren Papst zu erwählen, den geistlichen Beherrscher der
christkatholischen Welt, den geistlichen Herrn auch des italie-
nischen Volkes in seiner weitaus größten Mehrheit. Diesseits
des Tiber, im Teatro Correa aber, zwischen der Via del
Babuino und dem Corso, in dem als Eircus für Kunstreiter
und Seiltänzer dienenden Mausoleum des Augustus, ver-
sammelten sich in derselben Zeit die ,Freidenker'', um darüber
zu verhandeln, ob es möglich sei, an das Dasein eines per-
sönlichen Gottes, an die Lehre von der Menschwerdung des
Gottessohnes, und an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben.
Und dazwischen fuhr König Humbert mit seinem Adjutanten,
in bürgerlicher Kleidung, im offenen Wagen über den Peters-
vlat, um, wie wir Alle, sich dort umzusehen. Denn wie
thöricht man dies von sich selber findet, meint man doch immer,
man müsse an dem Orte irgend etwas Besonderes bemerken
können, an welchem ein wichtiges Ereigniß, ein großer Wechsel.
in den Zuständen sich vollzogen hat. Und ein großer Wechsel
war nach Allem, was man bis dahin von Kardinal Pecci er-
fahren hatte, durch seine Erhebung auf den päpstlichen Thron
vorauszusehen.
Papst Leo Alll. hatte den päpstlichen Thron bestiegen.
Wenige Tage vorher war er von Palazzo Falconieri aus, in
welchem er gewohnt hatte, ungehindert alltäglich durch Rom und
seine Umgebungen umher gefahren. Jetzt hatte er sich freiwillig
tAarer

-=- ZHs -
schehen machen kann, daß die Peterskirche in der Hauptstal
des Königreichs Jtalien liegt.
Das Asylrecht, welches die allmächtige Kirche einst in
ihren Mauern dem Verfolgten darbot, das genießt jetzt der
Beherrscher dieser Kirche in Jtalien, als ein ihm zuerkanntes
Recht. Es steht ihm frei, sobald es ihm gefällt, herumzuziehen
durch das ganze Land, unter dieses Landes Schutz und
Garantie; aber der König dieses Landes betritt die Schwelle
der Peterskirche nicht. Er verrichtet seine Andacht nicht in
dem Gotteshause, welches jedem Anderen, selbst dem Verbrecher,
seine ehernen Pforten tröstlich öffnet - denn der König des
Landes ist exkommunizirt von dem Papste, dem er freie
Machtübung gewährleistet.
Darüber kommt der Fremde auf keine Weise fort. Die
Jtaliener legen sich auch das zurecht.
Etwa acht Tage nach dem Tode des Königs schrieb eine
der besten Zeitungen, die Libertb:,GGegenüber den Thatsachen,
welche sich in diesen feierlichen Tagen vor den Augen von
ganz Jtalien vollzogen haben, konnte man sich überzeugen,
daß Alles, was über den Zwiespalt zwischen der Kirche und
dem Staate geschrieben worden, verschwendete Tinte gewesen
ist. Dieser Zwiespalt ist nicht in den Herzen der Jtaliener.
Da man ihnen das Feld zu kämpfen frei läßt, verschwindet
er. Er ist zu drei Viertheilen ein künstliches Produkt der
Politik und wird von einigen Wenigen, nicht von Vielen, auf-
recht erhalten. Wir haben den am meisten eifernden Papisten
es tausendmai gesagt, daß, wenn jemals der von ihnen gott-
los ersehnte Tag herankäme, welcher auf das Neue die
Fremdlinge in unsere Halbinsel zurückbrächte, sie es zu ihrer
ewigen Schande und Strafe erleben würden, wie selbst die
Priester sich einreihen würden in die Armee der Vaterlands-
vertheidiger.! - - ,Wir haben ihnen tausendmal gesags,

ZH? -
daß es abgeschmackt und lächerlich ist, aus den Jtalienern
etwas Anderes machen zu wollen, als ein von der Liebe für
Jtalien durchglühtes Volk. Aber eben so ist es von der
anderen Seite unsere Pflicht, es offen zu bekennen, das Der-
jenige, welcher die Jtaliener in ein Volk von Freidenkern
verwandeln wollte, es unternähme, das Meer mit einer Muschel
auszuschöpfen; und daß Derjenige vergebliche Arbeit machen
würde, welcher es versuchte, das religiöse Gefühl in den Herzen
der Jtaliener zu ersticken. Er würde an ihrem festen Vor-
sate scheitern, an dem Vorsatz, Dasjenige zu sein und zu
bleiben, was ihre Väter sind und waren. Wir sind Katholiken
und sind vor Allem Jtaliener! Und wir empfinden darüber
eine so aufrichtige Genugthuuung, daß sie zu stören ein Ver-
brechen sein würde. Fanatische und unversöhnliche Papisten
sind so gewiß auf der einen Seite vorhanden als auf der
anderen Freidenker, die lieber den Scheiterhaufen besteigen,
als ihre Meinung ändern würden. Aber die große Masse
von uns ist . nicht mit den Einen, nicht mit den Anderen;
und wer mit Einem von diesen Beiden geht, kann gewiß sein,
sich auf einem schlechten Wege zu befinden. Die Masse der
Jtaliener sagt sich mit Bestimmtheit, die Kirche muß sein,
und das Vaterland muß sein. Beide müssen sich frei in
ihren Bereichen bewegen. Beide können das thun, obschon
sie besondere Angelegenheiten, besondere Zwecke, besondere
Mittel zur Verwirklichung derselben haben. Sie sind be-
stimmt, sich nicht im Wege Pu stehen, sich jedoch immer zu
begegnen, so oft ein großes Mitleid die Herzen vereinigt und
die Gefühle vermischt u. s. w. u. s. w. -- ,Es ist,! heißt
es dann weiter, ,eben diese gleichmäßige Anhänglichkeit an
die Kirche und an den Staat, welche die Jtaliener von allen
anderen Nationen unterscheidet. Ganz Jtalien besteht aus
gemäfigten Bürgern, die vor jeder gewaltsamen Revolution
Z. Lewald, Reisebriefe.

=- A =
zurückschrecken; und die sehr freie Verfassung bietet die Gewiß-
heit dafür, daß die Jtaliener, je nach ihrem Bedürfniß, in
freier Entwicklung ebenso ihrer Vaterlandsliebe als ihrem
religiösen Glauben genügen können.?
Diese Zuversicht blieb sich gleich, ja die Hoffnung auf
friedliche Zustände gewann an Festigkeit, als man die Wahl
des Kardinals Pecci zum Papste erfahren hatte. Er galt
für einen gelehrten Theologen, besaß, was Pius dem Neunten
vollkommen gefehlt, eine staatsmännische Bildung, hatte sich
in praktischen Verwaltungen erprobt und war frei von dem
Fehler, der ein für allemal einen zum Herrschen berufenen
Mann für seine Aufgabe untüchtig macht - er war kein
Phantast.
Pius der Neunte hatte in früheren Zeiten uns in seinem
Verhalten und in seinen Kundgebungen sehr häufig an den
verstorbenen König Friedrich Wilhelm 1. von Preußen
gemahnt. Er war erregbar gewesen wie dieser, begeisterungs-
fähig, hatte Lust an der Popularität, Freude daran, seinen
Geist in Witzworten zu zeigen. Er war leicht durch bedeutende
Menschen hinzureißen, leicht für neue und große Jdeen ein-
zunehmen -= aber unbeständig und unfähig, großen Krisen
muthig zu stehen. Er ward getragen von dem felsenfesten
Glauben an sich selbst, von dem Glauben an seine ihm von
Gott zuertheilte Mission. Eben deshalb hatte er auch die
Selbstüberhebung, die es für möglich hielt, in das Rad der
Zeit einzugreifen, und nicht nur es zum Stehen zu bringen,
sondern es rückwärts drehen zu können. Sie hatten auch im
Aeußern eine gewisse Aehnlichkeit, jener König und der
letztverstorbene Papst.
Neber Leo de« fällten die Personen, die ihn kannten,
ein ganz anderes Urtheil als über Pius l. Sie nannten
ihn, tro seiner großen Lebendigkeit, vorsichtig, kaltblütig

=- LH -
besonnen. Sie erinnerten daran, daß er ein Gönner des
aus dem Jesuiten-Orden ausgeschiedenen Pater Curci, ja sein
Beschützer gewesen sei Sie meinten daraus schließen zu
dürfen, daß er für das Oberhaupt der Christenheit eine weit-
reichende und segensreiche Gewalt, auch ohne die weltliche
Herrschaft über Land und Leute möglich glaube. Und man
fügte diesen Erörterungen gern die Bemerkung hinzu, daß
Leo R1l. und König Humbert sich in ganz anderem Ver-
hältniß zu einander befänden als Pius l. und Victor
Emanuel.
Leo R1l. war nicht des Landes beraubt worden, das er
als Erbe seiner Vorgänger besessen hatte. Er war nicht
herabgestiegen von weltlicher Macht zu weltlicher Ohnmacht.
Er war erhöht worden aus dem Range, den er bisher ein-
genommen. Der Bischof von Perugia, der Kardinal, war
Bischof von Rom, war Papst geworden. König Humbert
und die Jtaliener hatten ihn persönlich nicht entthront, er
hatte ihnen persönlich Nichts zu verzeihen. Man meinte, die
Dinge würden sich machen; und daß der neue Papst zunächst
in seinem Hause Ordnung herstellen zu wollen schien, das
nahm für ihn ein.
Mehr noch that es die Gemessenheit seiner ersten öffent-
lichen Aeußerungen; denn die Kundgebungen der klerikalen
Partei bei dem Tode des Papstes hätten wahrhaft gottgläubigen
Menschen in ihrer Nebertreibung fast gotteslästerlich erscheinen
müssen.,Ein höchstes, ein unermeßliches Unglück,' hieß es
in denselben, ,ist herniedergefallen auf die Kirche, auf Rom,
auf die Welt, in dem Augenblicke, in welchem der Himmel
sich aufthat, um einen neuen Heiligen in seinen Schooß auf-
zunehmen. Der höchste Priester, Pius l., der erhabene
r D k r
zR

-- ZZß -
Vater, der Freund, der allgemeine Wohlthäter, hat gestern
um S, Ühr seine heilige Seele an Gott zurückgeben. Die
Thränen, das Flehen, die Verzweiflung des christlichen Volkes
genügten nicht, es von der göttlichen Vorsehung zu erreichen,
daß dem gesegneten Engel des Vatikans die ewige Belohnung
länger vorenthalten wurde, welche seine Tugenden, seine
Werke, seine Opfer und seine unsagbaren und übermenschlichen
Leiden ihm erworben hatten !'
Es hatte geradezu etwas Widerwärtiges, das noch gesteigert
wurde durch die Aufzählung dessen, was er, der Papst, Alles
für die Verherrlichung der Gottesmutter gethan hatte. -
Und als solle auch in diesem Falle wieder der Beweis für die
Verschiedenheit und das oft komische Durcheinander der hier
herrschenden Anschauungen geliefert werden, hub das eine ger
Extrablätter, welches die Nachricht von dem Tode des Ober-
hauptes der katholischen Christenheit verkündete, mit den Worten
an: ,Die traurige Parze hat auch den erhabensten Priester
hinweggerafft ? - Die heidnische Todesgöttin und der christliche
Papst nahmen sich wunderlich nebeneinander aus.
Aber man war verhältnißmäßig mit dem Verstorbenen
in wenig Tagen fertig, denn ,neues Leben blüht aus den
Ruinen'', und aus den Hirtenbriefen, die Kardinal Pecci
187? in Perugia erlassen hatte - die klerikalen Blätter ver-
öffentlichten dieselben gleich nach der Thronbesteigung des
neuen Papstes -= sprach ein Geist, der darauf schließen ließ,
daß Leo KÜl. schwerlich die Welt des neunzehnten Jahrhunderts
mit ähnlichen Dogmen begnadigen würde, wie Pius sie ihr
aufgebürdet hatte.
Die Hirtenbriefe waren das Werk eines glänzenden
Stylisten, der die Bedeutung der Wissenschaften in unserer
Zeit vollauf erkannte, und sie in einer Weise deutete, wie jeder
Deist und gläubige Christ, welchem christlichen Bekenntnisse

== Zß -==
er auch angehören mochte, sie zu der seinigen machen konnte,
vorausgesettzt, daß er nicht jener Ansicht ist, die einst in dem
Ausspruch gipfelte, daß ,die Wissenschaft umkehren müssetr
Sie liefen hinaus auf den Sinn der Antwort, welche mir
einst der gelehrte Direktor der Geologieal lnstitation in London
auf meine Frage gab: ,Wie fangen Sie es an, Mr. Hood,
mit Ihrem Wissen von den Dingen an das Dasein eines
persönlichen Gottes zu glauben?! -,Es muß für alle Dinge
eine letzte Ursache geben', sagte er, ,und diese letzte Ursache
nennen wir Gott !f! =-
Weil das Wort: ,Der Styl ist der Mensch,' so unwider-
legbar richtig ist, will ich einige Stellen aus diesen Hirtenbriefen
des Kardinals Pecci in möglichst treuer Nebersetzung hier
wiederzugeben versuchen.
Ess ist in dem einen dieser Briefe die Rede davon, daß
das Seelenheil des Menschen ihm das erste und höchste alles
Erstrebenswerthen sein müsse, daß kein anderer irdischer oder
geistiger Erwerb dagegen in Betracht kommen dürfe; und es
heißt danach:,Aber es ist deshalb nicht zu sagen, daß die
Kirche der Wissenschaft, dem Studium der Naturwissenschaften
feindlich ist, daß sie den Erforschungen der Naturkräfte und
ihrer Benutzung für die Zwecke des Menschen, für die Be-
friedigung seiner Bedürfnisse entgegen ist. - Kann die Kirche
Etwas lebhafter wünschen, als die Verherrlicung Gottes? als
die Erkenntniß des erhabenen Werkmeisters, der sich in allen
seinen Werken offenbart? =- Wenn das Weltall ein Buch ist,
in welchem auf jeder Seite der Name und die Weisheit seines
Schöpfers zu lesen und zu erkennen sind, wie liebevoll, wie
hingegeben wird ihn nicht derjenige verehren, der sich voll und
ganz in das Studium dieses Buches der Schöpfung versenkt.
Wenn es genüügt, zwei Augen im Kopfe zu haben, um zu
erkennen, wie die Sterne des Himmels den Ruhm ihres Schöpfers

= Zß! -
verkünden, wenn es genügt, zwei Ohren zu haben, um zu
vernehmen, wie ein Tag dem anderen das Lob des Höchsten
wiederholt, und wie die Nacht der Nacht die Geheimnisse der
göttlichen Weisheit verkündet; um wie viel tiefer muß nicht
demjenigen die Allmacht und die Allweisheit der Gottheit ein-
leuchten, der den Blick verständnißvoll zum Himmel und in
die Tiefen der Erde wendet; dem das Atom und die Pflanze
und jeder kleinste Zweig den Beweis in die Hand geben, wie
der höchste Geist überall das Maß und das Gewicht bestimmt
hat. (ßuc. 1e, 50.s Und Ihr wolltet, daß die Kirche grund-
sätzlich solche Studien anfeindete, oder mit kalter Gleichgültigkeit
Forschungen betrachtete, die so kostbare Früchte tragen? daß
sie eigensinnig darauf beharrte, dies Buch der Erkenntniß
verschlossen zu halten, damit Niemand in demselben weiter
fortlese? Nur der, welcher die heiligen Flammen des Eifers
unterschätzt, welche in der Braut des Heilandes, in dem Herzen
der Kirche erglühen, kann sie ähnlichen Irrthumes für fähig
halten.
,Aber in der Kirche ist neben dem Eifer für die Ehre
Gottes noch ein anderes ebenso starkes Gefühl lebendig: die Liebe
für den Menschen, das lebhafteste Verlangen, daß er eingesettt
werde in alle Rechte, welche sein Schöpfer ihm zuerkannt hat. -
Der Mensch erhielt als sein zeitliches Theil diese Erde, auf
welcher er lebt, und zu deren Herrn er geschaffeü und bestimmt
ist. Das Wort, das am Schöpfungstage vom Himmel erklang:
,Unterwerft euch die Erde und herrschet auf ihrr (Gen. 1 W
ist niemals widerrufen worden. Wäre der Mensch im Zustand
der Unschuld und der Gnade geblieben, so hätte er seine
Herrschaft ohne Gewalt ausgeübt, und die Unterwerfung der
Geschöpfe würde eine freiwillige gewesen sein; während jettt
die Herrschaft eine mühevolle ist und die Geschöpfe nur gezwungen
dem Zügel der überlegenen Gewalt sich fügen. Aber die

- IßZ -
Weisung für den Menschen bleibt dieselbe; und der Kirche,
welche seine Mutter ist, kann Nichts so sehr am Herzen liegen,
als daß der Mensch sich bethätige in seiner Aufgabe, daß er
sich in Wahrheit kundgebe als den Herrn der Schöpfung, zu
welchem er ausersehen worden. Das aber kann er nur, wenn
er als König alles Erschaffenen die Schleier zerreißt, welche
ihm seinen Besitz verhüllen; wenn er sich nicht auf dasjenige
beschränkt, was er unter seinen Augen und unter seinen Händen
hat; wenn er in die innersten Geheimnisse der Natur eindringt,
wenn er die Schätze der Kraft und der Fruchtbarkeit sammelt,
die in ihr verborgen liegen, und sie verwendet zu seinem und
zu dem Besten seiner Mitmenschen.- Wie schön und wie
erhaben erschejnt der Mensch, meine Geliebtesten, wenn er den
zündenden Blitz des Himmels unschädlich zu seinen Füßen
niederfallen macht; wenn er den elektrischen Funken zu sich
entbietet und ihn als den Boten seines Willens durch die
Tiefen der Meere, über die höchsten Gipfel der Berge und
über die ödesten Weiten entsendet. Wie glorreich zeigt sich der
Mensch, wenn er dem Dampfe gebietet, ihm seine Flügel zu
leihen und ihn mit der Schnelle des Blitzes über Länder und
Meere zu tragen. Wie mächtig zeigt er sich, wenn er mit seinem
Geiste eben diese Kraft gefangen nimmt und einbannt, und
sie zwingt, in vorbereiteten Wegen der todten Masse Bewegung,
und so zu sagen Verstand zu verleihen, damit sie sich an den
Platz des Menschen stellend, ihm die härtesten Anstrengungen
erspart! Und sagen wir uns, meine Geliebtesten! ist in dem
Menschen nicht Etwas wie ein Funke von dem Geiste seines
Schöpfers, wenn er das Licht erzeugt und es leuchten macht
durch das nächtliche Dunkel unserer Städte, daß die Straßen
und die Säle und die Paläste in hellem Tagesglanze strahlen?
D! die Kirche, diese allerzärtlichste Mutter, welche alles Dieses
weiß und kennt, ist weit davon entfernt, dieser Herrschaft des

=- ZßF --
Menschen über die Natur Schranken setten zu wollen! Sie
freut sich ihrer und sie jubelt ihr zu!
,Und anderseits, welche Gründe könnte die Kirche haben,
eifersüchtig auf die wunderbaren Fortschritte und Entdeckungen
zu sein, welche die Wissenschaften in unseren Tagen gemacht
haben? Ist in ihnen Etwas, das im Entferntesten dem
göttlichen Recht und dem Glauben schaden könnte, über welche
die Kirche die strafende Richterin und die unfehlbare Herrin
ist? =- Bacon von Verulam, der berühmte Physiker, schrieb:
daß die Wissenschaft, schluckweise getrunken, von Gott entferne;
aber in vollen Zügen genossen, zu ihm zurückführe. - Dieser
goldene Ausspruch ist auch heut noch wahr; und wenn
die Kirche zurückschreckt vor den Gefahren, welche diejenigen
Hochmüthigen herbeiführen können, die Alles verstanden
zu haben wähnen, weil es ihnen gelang, von Allem einei
leisen Anflug zu gewinnen, so vertraut sie zuversichtlich
jenen Anderen, die sich voll und ganz an das Studium
der Naturwissenschaften hingeben; denn sie weiß, daß sie
auf dem Boden derselben die unwiderleglichen Zeichen von
Gottes Allmacht, von seiner Allweisheit und seiner Güte
finden werden. Wenn Jemand, der die Naturwissenschaften
studirt, sich dabei von dem Schöpfer abwendet, so ist das nur
ein Zeichen, daß das Herz des Unglücklichen schon früher von
dem Giste des Unglaubens vergiftet gewesen ist, welches un-
lautere Leidenschaften ihm eingeflößt hatten. Er wird ein
Gottesleugner, nicht weil er den Wissenschaften oblag, sondern
obschon er den Wissenschaften oblag, welche in Anderen andere
und edlere Wirkungen erzeugen. -- - Kopernikus, der große
Astronom, war tief religiös. Kepler, ein anderer Vater der
neueren Astronomie, dankte dem Herrn für die Freuden, für
die Entzückungen, welche der Herr ihn in der Betrachtung der
Werke seiner Hände hatte genießen lassen. (ölzster. eos. wogr.

- IIH -=-
Galileo Galilei, von dem die experimentale Physik die
wichtigsten Impulse empfing, kam in seinen Studien zu dem
Resultate, daß die heilige Schrift und die Natur gleichmäßig
von Gott entstammnnen, die eine als Eingebung des heiligen
Geistes, die andere als strengste Befolgerin seiner Gesetze.
MNalilei Opere tom. W. Linns entbrannte in dem Studium
der Naturwissenschaften zu solcher Begeisterung, daß die Worte
seines Mundes wie ein Psalm erklangen. ,rewiger Gottt,
ruft er aus, ,unermeßlich, allwissend, allmächtig hast du dich
mir in sicherer Weise in deinen Werken enthüllt, und ich bin
hingenommen worden von erstaunender Bewunderung. - Fn
allen Werken deiner Hände, in den kleinsten und kaum sicht-
baren, welches Können, welche Weisheit, welche unbeschreibliche
Vollkommenheit!'
,Die Nützlichkeit, welche die Schöpfung für uns hat, be-
weist die Güte dessen, der sie gemacht hat; ihre Schönheit und
ihre Harmonie beweisen seine Weisheit; ihre Erhaltung und
ihre unerschöpfliche Fruchtbarkeit verkünden seine Machtr
(özst. untur.s
Soviel aus den Hirtenbriefen des Kardinals Pecci zur
andeutenden Charakterisirung des Papstes, der jett auf dem
Stuhle des heiligen Petrus seinen Platz eingenommen hat.
Daß er absieht von den Erfahrungen, welche die Mutter
Kirche den, von ihm um seiner Gottesfurcht willen gepriesenen
Galilei seiner Zeit hat machen lassen, das ist eben in der
Ordnung jener klugen, wenn auch nicht aufrichtigen Benutzung
der Umstände, welche Macaulay in einem seiner Essays der
katholischen Kirche nachrühmt, und auf deren Wirksamkeit er
seinen Glauben von ihrem Fortbestehen gründet.
Er spricht von der Politik der katholischen Kirche, welche
sich selbst die ihr widerstrebenden Kräfte anzueignen und für
ihre Zwecke nutzbringend zu machen weiß. ,WSährend die

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anderen Kirchen,' sagt er -= ich zitire aus der Erinnerung,
da mir hier keine Bücher zur Hand sind - ,die Mitglieder,
welche abweichende Meinungen äußern, von sich ab- und aus-
zustoßen geneigt sind und auf solche Weise Sektirer erschaffen
und SektenBildungen veranlassen, hat es die katholische Kirche
in den Zeiten ihrer größten Macht verstanden, sich die Glieder
wieder zu gewinnen und dienstbar zu machen, die sich von ihr
loszureißen bereit schienen. Die heilige Therese und der heilige
Ignaz von Loyola konnten der Kirche feindselige Elemente
werden; aber die Kirche bemächtigte sich dieser großen Kräfte,
nahm sie zu ihrer eigenen Stärkung in sich auf, und machte
diejenigen zu Heiligen, die sie, weniger geschickt operirend,
vielleicht als Abtrünnige hätte verdammen müssen.?
Diese Erkenntniß von der Weisheit solchen Aneignens
spricht aus den sämmtlichen Hirtenbriefen des Bischofs von
Perugia, soweit die Zeitungen sie mitgetheilt haben. Ja, die
große umsichtige Behutsamkeit, von welcher alle Kundgebungen
des Papstes das Gepräge tragen, läßt darauf schließen, daß
der neue Papst nicht nur die Forschungen und Fortschritte der
Wissenschaft zur Verherrlichung Gottes und zum Vortheil der
Kirche zu nutzen wissen wird, sondern daß er auch die ganze
Richtung der Zeit, in welcher er lebt, in das Auge fassen und
zu den Zwecken der Kirche zu verwenden bemüht sein dürfte.
Im Nebrigen verräth Alles, was von seinen mündlichen
Aeußerungen in das Publikum kommt, einen heiteren und
ruhigen Sinn.
Die Krönung des Papstes fand am 5. März statt. Es
war der letzte Sonntag des Karnevals, wenn von einem
Karneval in Rom jetzt überhaupt noch die Rede sein konnte.
Schon vor eilf Jahren hatte der Karneval alle die Heiter-
keit und Anmuth eingebüßt, die ihn einst so reizend gemacht

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und vor allen Volksfesten aller anderen Länder so lieblich aus-
gezeichnet hatten. Er war häßlich und roh geworden, und da
in diesem Jahre die doppelte Trauer um den König und den
Papst den öffentlichen Kundgebungen irgend einer Freude
ohnehin Zügel anlegte, so sah man von dem Karneval kaum
noch die Spur; wie denn von dem alten römischen Volksleben
und von den Volkstrachten so gut wie gar Nichts mehr übrig
geblieben ist. Hier und da schritten ein paar halbwüchsige
Buben und Mädchen in armseligsten Verkleidungen durch die
Straßen; oder junge Mütter führten bisweilen ihre kleinen
Mädchen als römische Bäuerinnen aufgeputzt an der Hand.
Dann und wann liefen ein paar verlarvte Policinells, einige
ungeschlachte Burschen in Frauenkleidern über die Plätze; und
an den sonnenhellen Nachmittagen, oder Abends bei Lampen-
licht, tanzte allerlei Volk im Freien in den Osterien vor der
Porta del Popolo und am Ponte Molle. Einzig die alte
Sitte, daß Männer häufig mit Männern und Weiber mit
Weibern tanzen, hat sich theilweise noch erhalten. Da man
aber nicht mehr, wie früher, den schönen charakteristischen
Saltarello tanzt, sondern Walzer und Polka, so nimmt sich
besonders das Zusammentanzen von zwei Männern schlecht aus.
Nichts als der blaue Himmel und die schön blühenden
Lorbeerbäume, in deren Bereich die Tanzenden sich, bewegten,
konnten dem Auge des Nordländers noch etwas Wohlgefallendes
bieten.
Auch die Schönheit der Männer und der Frauen, die uns
hier vor einem Menschenalter überraschte, ist nicht mehr dieselbe.
In all den sechs Monaten, die ich jezt wieder hier verlebt,
habe ich noch nicht einmal, selbst in Trastevere nicht, jene
wahre äonna romana gesehen, eine der Frauengestalten, welche
die Urbilder für Robert, für Horace Vernet, für Rudolph
Lehmann, Rahl, Riedel, für die Baumann u. A. gewesen find.

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Sonst traf man sie auf allen Straßen und Plätzen und blieh
mit froher Neberraschung, sie zu betrachten, stehen; und sie
ließen sich das gern gefallen. Jetzt sind sie zum Mythus ge-
worden, und die römischen Matronen sprechen das selber oft-
mnals mit Bedauern aus.
Auch in den Zeitungen dachte man wenig an den Karne-
val. Nur in einem der Blätter, die mir am S. März in die
Hand kamen, behandelte man die Krönung des Papstes, ganz
gegen das sonstige respektvolle Verhalten, als den eigentlichen
Karnevalsscherz, den der Klerus absichtlich für den letzten Tag
des Karnevals aufgespart habe. Die ernsthaften Leute hin-
gegen beobachteten mit Spannung jede Aeußerung und Kund-
gebung von Seiten des Vatikans, denn dort weiß man, was
man mit jedem Worte meint und will.
Am Abend des päpstlichen Krönungstages versuchte man
hier und da eine Erleuchtung der Fenster; sie fiel aber sehr,
sehr unbedeutend aus. Auf dem Wege, den ich zurückzulegen
hatte, um mich in eine Gesellschaft zu begeben, und wir hatten
ein ganzes Ende zu fahren, sah man kaum irgendwo einige
spärliche Papierlämpchen trübe schimmern. Im Palazzo Bar-
berini hatte ein dort wohnender Kardinal an seinem Flügel
eine bescheidenste Erleuchtung angebracht; und im Korso, wo
die Einwohner des Palazzo Teodoli eine größere Jllumination
hergerichtet hatten, warfen Vorübergehende die Fenster ein.
Ee kam zu einem kleinen Auflauf, man mußte Polizei herbei-
rufen, die bald Ordnung schaffte. Als man danach dem Papste
von dem Vorfall mit der Frage Meldung machte, was man
in dem Falle zu thun habe? soll. er geantwortet haben: ,Das,
dünkt mich, geht nur den Besitzer des Palazzo Teodoli Etwas
an, und der wird, wie ich denke, den Glaser rufen lassen.?
Seitdem ist fast ein Monat über Feld gegangen, und wie
zwei geübte Fechter stehen sich die Kirche und das Königthum

== Zß -
an den beiden Enden der Stadt, vorsichtig beobachtend, ein-
ander gegenüber.
Die Erwartung, welche man von mancher Seite bei dem
Regierungsantritt des Papstes hegte, daß Leo K. den Bann
gleich und energisch brechen werde, den Pius mit seiner Ge-
fangenschaftsrolle über den Papst verhängt, daß er öffentlich
erscheinen werde, hat sich bis jett nicht erfüllt. Es stehen
auch seinem öffentlichen Erscheinen allerdings Bedenken ent-
gegen, die zur Vorsicht mahnen.
Es ist nicht zu leugnen, daß es eine Partei der Un-
versöhnlichen giebt, der gar Nichts erwünschter sein würde, als
ein auffallender Bruch der beiden Gewalten. Als an dem
Tage der Papstwahl der Papst für einen Augenblick innerhalb
der Peterskirche auf der Galerie erschien, den Segen zu spenden,
wollten einige dieser Unversöhnlichen den Ruf in der Kirche
vernommen haben: ,Es lebe der PapstKönig!? Niemand
sonst hatte Etwas davon gehört. Aber es würde nicht schwer
halten, bei einem öffentlichen Auftreten des Papstes eine Anzahl
von Menschen zusammenzubringen, die ihn mit solchem Gruß
empfingen; und wie die Regierung dies nicht leiden dürfte,
würde ebenso das für seine freie Einheit durchweg begeisterte
Volk einer sölchen Kundgebung wahrscheinlich mit Heftigkeit
entgegentreten. Weder das Königthum noch das Papstthum
können aber in ihrem wohlverstandenen Interesse sich solchen
Möglichkeiten auszuseten wünschen. Das alte italienische
Sprichwort: Di ebe mi äeo, mi guaräu läio - li ebs uon
mi kco mi guarcero io - dies: Herr, bewahre mich vor
meinen Freunden! hat also sicherlich auch der neue Papst zu
beherzigen und zu beten; und noch hat ihn Niemand außerhalb
des Vatikans gesehen, in welchem die Schaar der Neugierigen,
mehr als die der Gläubigen, ihn rücksichtslos mit ihrem Ver-
langen nach nichtsbedeutenden Audienzen belästigen. Wie