Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 01

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Von Lause fort!
Dresden, den W. Mai 18.
Man sagt wohl, der Mensch könne Alles lernen, und
in den übermüthigen Stunden und Tagen meiner Jugend
habe ich das auch geglaubt; jett aber bin ich bescheidener
geworden und sage es nicht mehr. Denn obschon ich es in
dem langen Lauf der Jahre erlernt habe, von Menschen, die
ich liebe, ruhig Abschied zu nehmen, was gar nicht leicht ist,
so lerne ich es doch nicht, von Hause ruhig fortzugehen. Seit
mehr als dreißig Jahren bin ich in jedem Jahre aus meinem
Heim aufgebrochen, wenn der Frühling gekommen war,
immer bin ich dann einem mir erwüünschten Ziele zugesteuert,
und jedesmal ist mir das eigentliche Abreisen wie eine nicht
zu überwindende Schwierigkeit erschienen. Der Mensch wächst
in seinen Verhältnissen, in seiner Umgebung gar zu fest; und
mit dem Besitz, den er sich zu seiner Bequemlichkeit anschafft,
legt er sich Ketten an, die ihn fesseln, die er nachschleppen
und gleichsam klirren hört, wenn er sich von Hause ent-
fernen will.
Als ich Berlin vor ein paar Tagen verlicß, sah ich
s eigentlich, während ich durch die Straßen nach dem Bahnhof
J. Leral. Reisebriete.

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fuhr, nicht die Häuser, an denen ich vorüberkam, sondern nur
alle die Schränke, die ich zugeschlossen, alle die Sophas, die
man mit Decken behing, alle die Vorrichtungen, die man zur
Erhaltung ,der Sachen' zu nehmen hatte; und ich dachte
eines verstorbenen Schwagers, der ,die Sachenr als das
größte Hinderniß zu irgend welcher freien und kräftigen Ent-
schließung zu bezeichnen, und mit heiterer Laune eben deshalb
gelegentlich zu verwünschen pflegte. ,Das ist's ja! Die
Sachen! Die Sachen!r rief er oft in komischem Zorn. ,Ich
bin überzeugt, die Götter haben keine Sachen gehabt! denn
wie hätten sie sonst die leichtlebigen Götter heißen können!?
Noch auf dem halben Wege nach Dresden zählte ich
Bettwäsche und Tischtücher im Geiste, klirrten mir die Schlüssel-
bunde vor den Ohren, gab ich in Gedanken diese und jene
Anordnung, erkannte ich dies und das, was noch besser hätte
gemacht werden können; bis ich endlich einschlief, um nach
einer Weile mit dem Gefühle zu erwachen, daß die Frei-
zügigkeit doch etwas Schönes sei, daß der Wechsel von Luft
und Ort eine befreiende Kraft habe, daß er dem Blute eine
schnellere Bewegung, der Seele neue Schwingen gebe. Ich
war nun wieder unterweges, und es ist ein Gefühl, von
Jugend in der Empfindung, mit der man sich in solchen
Augenblicken, sein ,Nun vorwärts ! zuruft. -- Am liebsten
möchte man sich das italienische: eornggio e aranti!
(,,Muth und vorwärtss auf die Reisetasche schreiben. - Ich
hatte das Alleinreisen, in lieber fast dreißigjähriger Gewohn-
heit ganz verlernt.
Dresden nimmt sich, wenn man von der Neustadt
kommt, immer noch so lieblich und so zierlich aus, als vor
jenen siebenundvierzig Jahren, da ich zum erstenmale über
die Elbe nach der Stadt fuhr. Heute wie damals wundert
man sich, wenn man die katholische Kirche erblickt, wenn man

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das Schloßthor passirt, daß die Männer nicht in Schuhen und
Strümpfen gehen, daß sie keine gepuderten siles äe gigeon
an den Schläfen, kein Zöpfchen im Nacken, keinen Gala-
Degen an der Seite tragen. Man findet es auffallend, daß
die Frauen ohne Hontanges und Kortugaäins erscheinen,
und daß die stillen Portechaisen durch die klappernden
Droschken, durch die rollenden Omnibus, und nun gar durch
die Pferde-Eisenbahnen außer Thätigkeit gekommen sind. -
Es dünkt Einen nicht in der Ordnung, daß Dresden, wie die
meisten Städte, jett auch zu seinen Thoren hinausgelaufen
ist, daß sich große Villen-Vorstädte gebildet haben, daß es
eine Fabrikstadt geworden ist, in der wie anderwärts auch,
der Kohlenstaub die Luft durchfliegt.
An den Goldmacher Bötticher, der statt des reinen
Goldes, das er liefern sollte, das Gold bringende herrliche
Meißener Porzellan erfand, an die Hoffeste unter August dem
Starken, an üppige Lustbarkeiten aller Art, dachte man früher,
wenn man nach Tresden kam. Man entwöhnt sich auch nur
schwer davon, Dresden nicht mehr ausschließlich als eine
Residenzstadt, als das alte Elb»Florenz zu betrachten, in
welchem die Sixtinische Madonng und der Tizianische Christus
einst ein so schickliches cisalpinisches Unterkommen gefunden
hutten; es nicht mehr als jenes Dresden zu finden, in welchem
man die Mengs'schen Abgüsse anstaunen konnte, derengleichen
es in Deutschland nirgend gab. Auch die Zeiten von
Kügelchen, Tiedge, Tiek, Carl Maria von Weber, der Schröder-
Devrient und Emil Devrient sind lange vorüber. Aber es
ist mir hier wieder recht klar geworden, daß eine gewisse
Art Kunstverständniß sich nicht wie ausländische Waare
plötzlich importiren läßt, wenn man seiner bedarf, sondern
daß es, wo immer es auf den rohen Stamm naturwüchsiger
Barbarei gepfropft war, doch einer lange Jahre unaus-

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gesetzten Pflege bedarf, um festzuwurzeln, und aus sich selbst
heraus neue Triebe, d. h. das Richtige und dem Orte An-
gemessene zu erzeugen.
Wie ich darauf komme? =- Es ist mir durch den Sinn
gegangen, als ich hier den schönen Sgraffitto-Fries an der
Mauer des Königlichen Schlosses, in Gedanken mit den
Schinkel'schen Fresken unter der Vorhalle unseres Museums,
und vollends mit der Berliner Siegessäule und ihrem un:
sichtbaren Mosaikbilde verglich.
Auf eine öde leere Wand, auf die Mauer eines könig-
lichen Stallgebäudes, die sich längs einer belebten Straße
häßlich hinzog, hat man hier in Dresden mit verhältniß-
mäßig sehr geringen Mitteln ein Bild geschaffen, das dem
Volke in verständlicher Weise die Geschichte des Landes und
seiner Beherrscher vorführt und in das Gedächtniß prägt.
Man hat sich mit richtiger Einsicht nicht darauf einge-
lassen, ein farbiges al kreseo gemaltes Bild unseren
Witterungsverhältnissen auszusetzen, sondern sich der alten
italienischen Sgraffitto-Manier, einer Art von Radirung auf;
getünchten Mauern zugewendet, bei welcher auf dunkeln Grund
eine helle Farbe übertragen, und in diese das Bild derart ein-
geritzt wird, daß das Gemälde in der Farbe des dunkelen Unter-
grundes auf der hellen Lberfarbe hervortritt.-- Abgesehen
davon, daß es erfreulich ist, das Sgraffitto wieder erweckt zu
sehen, von dem wir früher nur noch in Rom, und irre ich
nicht, in Genua und an einigen wenigen der an der
Kirisrn äi gonente gelegenen Villen und Paläste vereinzelte
Neberbleibsel gefunden hatten, ist das Bild an sich ein großes
Kunstwerk. Die Gruppirung dieses historischen Festzuges ist
höchlich zu loben. Alles vereinigt und scheidet sich übersicht-
lich und natürlich. Tie Charakterisirung der verschiedenen
Zeiten und der verschiedenen Gestalten ist bestimmt und leb-

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haft, ohne das Bild unruhig zu machen; und ich fragte mich,
als ich vor dem Bilde stand, mit beschämtem Erstaunen, wie
es möglich sei, daß ich den Maler dieses Bildes, daß ich den
Namen Ad. Walther's niemals hatte nennen hören? Es ist
so schön, so geistreich, so reich und sicher ausgeführt, daß es
die belebte Farbe nicht vermissen läßt.
Von Anfang des zwölften Jahrhunderts, von Konrad
dem Großen, dem Vegründer des Wettiner Herrscherhauses,
bis zu König Albert, dem Sieger in den Schlachten des
letzten französischen Krieges, und seinem Bruder Georg, ziehen
sie, von ihren Mannen begleitet, an uns vorüber, die Fürsten
und Beherrscher des Landes. Hie und da fällt unser Auge
auf Züge und Gestalten, welche uns durch die Bilder ihrer
zeitgenössischen Maler wohlbekannt sind. Friedrich der Weise,
Johann der Beständige, Johann Friedrich der Großmüthige,
die Fürsten aus der Reformationszeit, treten neben einander
in einer Gruppe auf. Die stolze Gestalt des aus Ehrgeiz
abtrünnig gewordenen August des Starken, des Polenkönigs,
prahlt auf stolzem Rosse. Vom Wappenkleide fernster Vor-
zeit, vom Kriegsharnisch der Ritter bis zur Allongen-Perrücke,
von Friedrich Christians dreieckigem Hute bis zu dem flattern-
den Federbusch auf dem Helme des jetzt regierenden Königs,
der den Feldherrnstab des Feldmarschalls deutschen Reiches
in der Hand trägt, sehen wir die Ereignisse der sächsischen
Geschichte und die Menschen, die ihre Träger waren, in ihren
wechselnden Trachten einander folgen und sich ablösen. Und --
wie Wappenherolde und Reisige den Zug eröffnen, so be-
schließen ihn die Männer aus unseren Tagen: der Bürger-
meister von Dresden, Künstler, Gelehrte des Landes, Studenten,
Soldaten, Landleute und Kinder, als Portraitbilder nach dem
Leben gemalt. -- Es ist ein sehr lehrreiches Bild, besonders
in dem Sinne, daß wir daraus lernen, was man malen und

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aufstellen soll, um das Volk in seiner eigenen Vergangenheit
Wurzel fassen und Halt gewinnen zu machen. Ich bin oft-
mals eigens des Weges gefahren, mich an dem Bilde zu er-
freuen, und niemals, ohne eine Menge von Leuten jedes
Alters, Standes und Geschlechtes in Betrachtung vor dem-
selben stehend zu finden. Das Geschlecht, welches in dem
Anschauen dieses Bildes heranwächst, wird von der Geschichte
seines Vaterlandes wissen, wird die Namen und die Jahres-
zahlen und die Denksprüche kennen, die über und unter den
betreffenden Gestalten angebracht worden sind, und sich das
Seine dabei denken. Was aber soll der Ungelehrte sich denken
bei den mythologisch allegorisirenden Freskobildern vor dem
alten Museum? Was können sie ihm bedeuten?=- Was
hat er von dem schönen, aber auch viel zu allegorischen Bilde
Anton Werner's unter dem Zinkdach und hinter den Granit-
säulen des hiesigen Siegesdenkmals, das man mit großen
Kosten eigens in Mosaik hat ausführen lassen, damit es
lange so unzugänglich und so völlig unsichtbar verbleibe, wie
jetzt. So weit ich herumgekommen bin, ist mir keine Sieges-
säule mit einem Zinkdach, und nirgendwo ein Ganzes wie
diese Siegessäule vorgekommen, das sich aus schönen Einzel-
heiten so häßlich aufbaut und zusammensetzt. Ein Glück
noch ist es, daß die Erzreliefs am Sockel dem Volke wenigstens
zum Herzen sprechen, daß sie es an das Ringen und Siegen
der letzten zwanzig Jahre erinnern. Und welch einen statt- -
lichen Zug von Männern könnte der rechte Maler dem Volke
von Berlin, den Preußen, aus ihrer Vergangenheit an's
Licht und in das Leben heraufbeschwören! Ich habe vielfach
das Experiment gemacht, Männer und Frauen aus den
handarbeitenden Ständen um die Geschichte unseres Landes
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aber so etwas behält man ja nicht! habe ich regelmäßig
zur Antwort bekommen. = Sähen sie die Gestalten aber vor
sich, so würden sie nicht vergessen, was sie ,gehabt haben
und das kleine Kapital ihrer Erinnerungen würde ihnen große
Zinsen tragene
Eben so selbstredend wie dieser Sgraffitto-Fries ist das
Denkmal, das man dem Bildhauer Rietschel auf der Terrasse,
dem Akademiegebäude gegenüber errichtet hat. Niemand
kann zweifeln, was der Mann gewesen ist, der das kleiue
Modell der schönen Lessing-Statue in Händen hält; und das
Standbild hat obenein das große Verdienst der sprechendsten
Aehnlichkeit. Es ist und bleibt ein ergreifender Eindruck,
einen Menschen, mit dem man in engem freundlichem Ver-
kehr gestanden, als einen Hingegangenen und doch in die
ferne Zukunft hinein Mitlebenden und Wirkenden, so ,vor
allem Volk erhöht'r zu sehen. Es ist das ein Großes und
ein Schönes! Es ist ein Stückchen Unsterblichkeit; und wie
sehnt sich das Herz nach einer solchen für die Menschen, die
es liebte, bewunderte, verehrte.
Nehmt die paar Blätter als einen ersten Gruß aus der
Ferne. -- So auf sich selbst gestellt, mit ein paar Koffern
voll. Sachen als ganzen Besit, von Andern versorgt, hellt die
Phantasie sich auf, und Immermann's ,Bist beim ersten
Meilensteine, Tausend Meilen weit entkommenr, das Stahr
mir oft vorgesprochen, macht sich auch heute schon an mir
geltend.
Ich bleibe nur ein paar Tage in Tresden, in einer der
Villen-Vorstädte, im Waldpark, dem ehemaligen Blasewitz, bei
einer mir werthen Freundin. Tann will ich hinaufziehen
nach Loschwitz, oder vielmehr nach dem über Loschwit ge-
legenen ,Weißen Hirschr. Tas ist auch eine an sich nicht
eben schöne Villenkolonie; aber man soll dort oben, wie die