Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 19

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Menschen, welche den Anspruch auf irgend welche Bildung
erheben, sich solcher Zudringlichkeit schuldig machen mnögen, ist
mir immer räthselhaft gewesen.
Rleunzeknier rief.
Verträglichkeit.
Rom, W. April 1s.
Wenn man hier in der Gesellschaft lebt, wenn man den
Personen begegnet, die hier inmitten der sehr bewegten poli-
tischen Ereignisse thätig sind, so hört man bis jettt nur Zu-
stimmungen zu dem Verhalten des neuen Papstes; und hört
neben dem Wunsch auch den Glauben äußern, daß es zu einem
verhältnißmäßig guten Einvernehmen zwischen der Kirche
und dem Staate kommen könne. Ebenso sprechen sich die
Zeitungen aus.
Heute z. B., wo die Allokution des Papstes und die
Antwort des heiligen Kollegiums auf dieselbe bekannt sind,
schreibt ein hier in französischer Sprache erscheinendes
Blatt: ,Diejenigen, welche über die neue, durch die Thron-
besteigung Leo's KÜl. geschaffene Lage erfreut sind, haben sich
nicht von den Umständen Rechenschaft gegeben, welche dieselbe
vorbereitet haben. Sie haben sich nicht Rechenschaft darüber
gegeben, daß eine Haltung, wie Pius l. sie der Kirche auf-
gezwungen hatte, nach seinem Tode nicht fortdauern komnte,
daß das Grab, welches den Leichnam des Papstes in sich auf-
nahm, auch sein System in sich begrub. Als das heilige
Kollegium seine Wahl auf einen Kardinal lenkte, der ebenso
durch seine Gelehrsamkeit, als durch die Heiligkeit seines
Lebenswandels und durch seine Mäßigung bekannt war, hat

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es vollkommen die Tragweite seiner Wahl ermessen. Es hat
mit hoher Einsicht die Forderungen unserer Zeit und das
Interesse der Kirche erörtert.! - ,Die Antwort, welche Kar-
dinal di Pietro im Namen des heiligen Kollegiums auf die
Mllokution des heiligen Vaters gegeben hat, beweist ganz un-
widerleglich, daß der heilige Stuhl entschlossen ist, aus der
Isolirung herauszutreten, in welcher er sich bisher gehalten
hatte, und daß wir in nicht zu ferner Zeit das Oberhaupt
der Kirche die Funktionen werden wieder aufnehmen sehen,
welche seit 17 unterbrochen worden sind. Als Jtalien sein
Geschick durch die Besitznahme von Rom vollendete, hat es
gleichzeitig das Papstthum als eine glorreiche, fast nationale
Institution betrachtet, die es verehrt und auf welche es stolz
ist. Das Oberhaupt der Kirche und der heilige Senat (diese
Bezeichnung klingt geradezu konstitutionells, der ihm beisteht
in der Ausübung der ihm anvertrauten erhabenen Mission,
werden in unseren Gesetzen, gleichviel welche Partei am Ruder
steht, den Schutz und die Freiheit des Handelns finden, deren
sie benöthigt sind. Und mit diesen Thatsachen wird man Den-
jenigen antworten, die bemüht sind, unser Vaterland syste-
matisch zu verleumden.'!
So stehen die Sachen heute hier, drei Wochen vor dem
Osterfeste, das die Antwort geben wird auf die Hoffnungen
und Erwartungen, mit welchen das Land, und die Fremden
nicht zum wenigsten, sich getrösten. Denn die Feierlichkeiten
der Osterwoche: Die Bekehrung der Juden und Heiden in
Lateran - die Fußwaschung im Vatikan - die Beichte der
Todsünden in der Peterskirche - das Miserere am Charfreitag
-- die großen Zeremonien am Ostersonntage - die Kuppel-
beleuchtung an der Peterskirche und die Girandola, das waren
die Herrlichkeiten, mit welchen sonst der Winteraufenthalt der
Fremden hier den Abschluß fand, den pomphaften Abschluß,

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den sie nun seit sieben Jahren schon entbehren mußten. Ob
es ihnen schon in diesem Jahre beschieden sein wird, sich der-
selben wieder zu erfreuen? -- Niemand weiß es zu sagen.
Ich bezweifle es.
Aber unter den Politikern macht sich mehr und mehr die
Ansicht geltend, daß der Geist, welcher das Studium der
Naturgeschichte und ihrer Forschungen und Entdeckungen als
einen Weg betrachtet, auf dem die Erkenntniß und Verherr-
lichung Gottes wachsen und gedeihen; daß dieser selbe Geist
auch in der politischen Entwicklung unserer Zeit, wie ich schon
vorher angedeutet, ein Mittel finden könnte, zur Ehre Gottes
und der Kirche beizutragen.
Papst Leo KÜ. hat in Belgien gelebt und dort den Ein
fluß ermessen können, den die Kirche in das Gewicht deg
Wahlen und durch sie in das Gewicht aller staat-
lichen Unternehmungen zu legen vermag- Man hält es
deshalb für nichts weniger als unwahrscheinlich, daß er be-
treffenden Falls den italienischen Klerus an seine Nationalität-
an seine Bürgerpflichten und an seine Bürgerrechte, d.h. an
sein Wahlrecht erinnern und ihn zur Ausübung desselben
ermahnen könnte. -- Ein greiser, dem gegenwärtigen Mini-
sterium nicht geneigter Jtaliener, ein Staatsmann, der in
seinen jungen Jahren in den Reihen und an der Spitze seiner
Landsleute gegen die Oesterreicher gefochten hat, sagte neulich
nachdenklich zu mir: ,WSer kann voraussehen, ob ss nicht
möglich ist, daß Jtalien noch auf diese Weise einmal dem
Papstthum für eine konservativere Kammer und für ein kon-
servativeres Ministerium als das gegenwärtige zu danken haben
wird? Gebrauchen könnte es ein solches zu seiner inneren
Festigung wohl für eine SpanneZeit!' Ich sage, was ich hörte.
Möglich! Unmöglich! - Was dünkt, was kann uns un-
möglich dünken hier auf diesem Boden, auf welchem die Welt-

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geschichte wie die Länder auf einer Landkarte in scharf be-
stimmten, fest erkennbaren Umrissen vor unseren Augen liegt?
Wo die Steine sprechen, wo das Entstehen und Schaffen, das
Untergehen und das Neuwerden der Zeiten und der Ge-
schlechter, gleichsam in Schichten übereinander gelagert, das
,Alles fließt'' sinnbildlich uns vor das Auge füühren?
Wir stehen unter den riesigen Trümmern alter Thermen
und Tempel und steigen unter ihnen hinunter in die Tiefe
ebenso riesiger Trümmer, auf welchen jene Bauten sich erhoben.
Eine Welt von Schönheit ist zerstört, zerstört mit einer Gewalt,
von welcher wir uns kaum eine Vorstellung zu machen ver-
mögen. Wir blicken hinauf zu den in Goldglanz leuchtenden
Gewölben der Peterskirche. Ihre Schönheit reißt uns hin,
ihre Pracht und' Herrlichkeit überwältigen uns, und wir sagen
uns: auch der Jupitertempel wird einst geleuchtet haben in
solchen Glanzes Fülle, und er ist untergegangen und in
Trümmer zerfallen, als der Götterglaube die Herzen der
Menschen, die ihn errichtet hatten, nicht mehr erwärmte und -
erfüllte. - Und wir fühlen uns ergriffen von den Schauern
der Vergänglichkeit, durchzittert von der Gewißheit, daß auch
dem Glauben, in welchem die gegenwärtige Menschheit sich
entwickelt, dereinst, wer weiß es, welche Wandlungen und sein -
Untergang bevorstehen; daß auf den Trümmern der Kirchen,
deren Herrlichkeit uns jett entzückt, in denen Tausende von
Menschen ihre Kniee in Andacht beugen, ihr Auge zu dem
Bilde des Gekreuzigten erheben, in welchem die christliche Welt
das Menschheitsideal oerehrt, sich dereinst Neubauten erheben
werden - welchen Zwecken? - welchem Glauben? - welchem
Hoffen?
Man lernt es, auf die Fragen, welche jeder Blick auf
die große historische Weite in uns anregt, die uns hier um-
giebt, keine Antwort zu erwarten. Man wird bescheiden hier
. Le wald, Reisebriefe.

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in Rom; und nur um so bescheidener, wenn man der raschen
und unerwarteten Wandlungen gedenkt, welche man in dem
Laufe seines eigenen bewußten Lebens sich in der West hat
vollziehen sehen.
Die Einen nennen, wie ich es Ihnen nach den Berichten
der italienischen Zeitungen in diesen Briefen mitgetheilt, die
Jtaliener ein von Herzen katholisches Volk, die Anderen, und
darunter Männer, welche ihre Landsleute sehr gut kennen
müssen, behaupten, das Volk sei völlig glaubenslos und
hänge nur an den Gebräuchen der Kirche, die ihm liebe Ge-
wohnheiten und bequem sind; vor Allem die Frauen des
Volkes, deren einzigcs Vergnügen der Kirchenbesuch ausmacht.
Eine junge Römerin, die ich seit ihrem siebenzehnten Jahre
kenne, und die jettt seit Jahren Hausfrau und Mutter it,
sagte neulich zu mir: ,Sehen Sie, mein Mann ler gehört
als Marmorar dem Kunsthandwerke ans ist sehr gut und
brav, aber er glaubt an gar Nichts; und Sie wissen, Signora,
an all die Wunder, die die Statuen verrichten, und an solche
dummen Dinge haben wir auch in meines Vaters Hause nicht
geglaubt. Aber daß mein verstorbener Vater Nichts mehr von
uns wissen soll, und daß der Herr Gott uns nicht straft und
lohnt für unsere Thaten, das glaube ich nicht - denn das
wäre ja gottlos! Für die Männer mag das gehen, die haben
andere Köpfe. Ich muß aber beten, wenn ich meine Kinder
Abends niederlege, ich bin dann sicher und bin ruhig. Jn
die Kirche gehe ich nicht mehr so oft als vordem, aber ich
nehme die Kinder immer mit. Es ist doch gut, wenn der
Mensch weiß, was er zu glauben hat. Ich kann mir darüber
auch nicht den Kopf zerbrechen wie mein Mann. Glauben
Sie, daß ich damit Unrecht habe?' setzte sie hinzu und sah
mich mit ihren großen blauen Augen - denn sie ist roth-
haarig und blauäugig - in dem Vertrauen an, daß ich ihr