Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 20

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nicht widerspechen würde. Wer hätte das zu thun vermocht?
wer hätte es verantworten dürfen, falls er es gethan hätte?
Man braucht nicht nach Rom zu gehen, um die Menschen-
natur in ihren verschiedenen Bedürfnissen verstehen zu lernen;
und doch ist Rom lehrreicher als jeder andere Ort für den,
der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören. Es war mir
zu Beidem eben in diesen letzten Monaten mehr als je die
Gelegenheit geboten.
Nach dem Osterfeste schreibe ich wohl wieder. Wir werden
dann wissen, ob die Voraussicht Derer, die den Papst die
Osterfeierlichkeiten persönlich vollziehen zu sehen erwarten,
sie nicht täuschte! Ob die Taube, die über dem Hochaltar der
Peterskirche und in schönster Marmorarbeit an ihren Pfeilern
überall zu sehen ist, den Delzweig, den sie trägt, als Zeichen der
Friedensbotschaft herniederfallen lassen wird in die kriegdurchs
tobte Welt, deren Menschheit des Friedens doch so nöthig hat!
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Kus der römischen
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Künstlerwelt.
Rom, A April 1878.
Wenn wir Alten in den Tagen unserer Jugend an Rom
gedachten, so kamen uns alle Vorstellungen von demselben
durch Vermittlung von Personen, die in Rom der Kunst und
ihrer Betrachtung gelebt oder klassische Studien neben ihren
Kunstbetrachtungen getrieben hatten. Rom war der Mittel-
punkt des Kunst- und des Künstlerlebens für die ganze Welt;
und es waren die Franzosen und die französische Regierung,
die frühzeitig zu der Erkenntniß gekommen waren, was für
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die Heranbildung künstlerisch begabter Naturen durch einen
andauernden Aufenthalt in Rom und eine dort umsichtig ge-
leitete Bildung zu gewinnen sei.
Während schon Franz l und seine Nachfolger sich die
großen Künstler der Renaissancezeit dienstbar gemacht und ihre
Werke für Frankreich, so weit möglich, zu erwerben gesucht
hatten, wurde unter Ludwig Kl. in Rom eine französische
Akademie für Künstlerbildung gestiftet. Sie hatte ursprünglich
inmitten der Stadt im Korso ihren Sitz; aber Napoleon l.,
dem man Großartigkeit in allen seinen Unternehmungen zu
Gunsten der Kunst und Wissenschaft schwerlich absprechen kann,
verpflanzte 10 als Konsul diese Akademie nach der pracht-
vollen, auf der Höhe des Monte Pincio gelegenen Villa Medici,
in welcher seitdem die Stipendiaten der französischen Regierung
ihre Ausbildung in Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Kupfer-
stechkunst erhalten. Sie haben dort ihre Wohnungen, ihre
Werkstätten, eine bedeutende Gypsabgußsammlung, Raum für
ihre Ausstellungen. Sie erhalten vier Jahre hindurch jährlich
5000 kr. Stipendien, Modelle und Kostüme werden ihnen, wie
man mir sagt, bezahlt. Sie haben einen Koch im Hause, der
sie gratis - und gegen Entgelt auch viele Fremde in der
Stadt - vortrefflich versorgt. Sie leben inmitten der wunder-
vollen Gärten der Villa, deren immergrüne Eichen zu den
schönsten Bäumen Roms gehören; und von dem hochgelegenen
Bosauet der Villa genießen sie einen Rundblick über Rom,
wie ihn in gleicher Weise nur das Belvedere des deutschen
Botschaftsgebäudes, des Palazzo Caffarelli, bietet.
So gut ist es der deutschen Kunst und den deutschen
Künstlern weder vordem noch bis jettt geboten worden. Die
Hackert, Tischbein, Carstens, Cornelius, Koch, Overbeck, Veit,
die wir als die Erneuerer der deutschen Malerei zu betrachten
haben, hatten ihren Weg nach Rom aus eigener Machtvoll-

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kommenheit zurüchhulegen und fast durchweg schwer genug zu
machen. Den Bildhauern ist es mit wenig spärlich geförderten
Ausnahmen nicht besser ergangen; denn die Stipendien, welche
die eine oder die andere der deutschen Regierungen hier und
da einem Künstler für eine Studienzeit in Rom angedeihen
ließ und noch angedeihen läßt, sind knapp und kurz bemessen.
Trotzdem ist die Zahl der hier studirenden und lebenden
deutschen Künstler, namentlich in früheren Jahren in Rom,
eine überwiegend große gewesen, ehe München, Düsseldorf,
Wien, Berlin und Weimar zu Mittelpunkten eines eigenen
Kunstlebens geworden sind und eigene Kunstschulen gegründet
haben.
Als wir im Jahre 145 und 1846 hier in Rom ver-
weilten, bildete die deutsche Künstlergesellschaft eine sehr her-
vorragende Gemeinde, an deren Spitze Peter von Cornelius
stand. Er arbeitete in jenem Winter an den Kartons für das
Campo Santo, welches Friedrich Wilhelm der Vierte neben
dem beabsichtigten neuen Dom in Berlin zu erbauen gedachte.
Der alte Reinhard, der alte Wagner lebten auch noch in Rom.
Neben ihnen waren die Maler Rahl, Schrader, Riedel, Rudolph
Lehmann, Karl Becker, Gurlitt, Willers, Böhnisch, Lindemann-
Frommel, Helfft, Ernst Meyer, Pollac, Hauschild in voller
Kraft zu tüchtigen Meistern geworden. Die beiden Bildhauer
Wolff, Kümmel, Bläser, Eduard Meyer hatten große Werk-
stätten. Der geniale, zu früh gestorbene Hallmann und andere
Architekten studirten hier und machten ihrem Vaterlande in
jedem Sinne Ehre. Aber nur die Landsmannschaft und das
gleiche frohe, frische Streben hielten sie zusammen. Einen
deutschen Gesandten gab es damals so wenig als ein Deutsches
Reich. Der Sohn von Werther's Lotte, der hannoversche
Gesandte Herr von Kestner, pflegte mit den Künstlern mannigs
fachen Verkehr. König Ludwig von Bayern ließ einigen von

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ihnen aus der Ferne seinen Schutz angedeihen, doch es gab
für sie keine deutsche Akademie, keinen gemeinsamen Mittel-
punkt, kein Ausstellungslokal. Deutschland oder vielmehr die
verschiedenen deutschen Regierungen kümmerten sich um die
Künstler kaum; während die meist unbemittelten deutschen
Künstler in ihrem von ihnen gegründeten Versammlungslokal
im Palazzo Fiano, den hier anwesenden deutschen Winter-
gästen aus aller deutschen Herren Ländern eine um so er-
wünschtere Geselligkeit und eine heitere Unterhaltung boten,
als das damalige päpstliche Rom außer der Gesellschaft der
hohen römischen Aristokatie und den diplomatischen Kreisen
keine Gesellschaft hatte. Und zu dieser italienischen Gesellschaft
fanden die bürgerlichen Fremden selten oder gar nicht Zutritt.
Der oder jener Deutsche empfand es wohl, daß dieses
Verhältniß der Deutschen zu ihren Künstlern ein Verfahra
aus der verkehrten Welt war; es hieß auch hier und da, der
Deutsche Bund wolle sich der deutschen Kunst in Rom werk
thätig zuwenden. Es ging das Gerücht, der hier lebende
kinderlose Banquier Valentini habe sein schönes Haus oben
am Ende von Piazza S. Apostoli der preußischen Regierung
zum Geschenk für die deutschen Künstler angeboten, wenn
Preußen in demselben eine Akademie errichten wolle=- indeß
der Deutsche Bund ließ es bei dem Wollen sein Bewenden
haben; von den preußischen Entschließungen vernahm man
auch Nichts. Der Banquier Valentini starb inzwischen, und
als wir 1866 nach Wjähriger Abwesenheit von Rom wieder
hierher zurückkamen, stand noch Alles wie vordem. Auch das
Gerücht von der beabsichtigten Schenkung war noch erhalten
geblieben, jedoch von dem Zusatze begleitet, daß dieselbe an
gewisse, schwer zu erfüllende Bedingungen geknüpft gewesen
sei, welche ihre Annahme unmöglich gemacht hätten.
Jetzt - andere zwölf Jahre später - im Jahre der

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Gnade 17S, da das Königreich Jtalien seit acht Jahren in
Rom seinen Mittelpunkt gefunden hat, und seit acht Jahren
in Berlin der Deutsche Kaiser der Schirmer des Deutschen
Reiches geworden ist, ist damit für die deutsche Kunst und
die deutschen Künstler in Rom auch die erhoffte Förderung
noch nicht herbeigeführt worden.
In dem ihnen dereinst von Herrn Valentini zugedachten
Hause befindet sich die Präfektur von Rom. Sie selber sind
seit Jahren und Jahren aus dem Palazzo Fiano im Korso
nach dem ersten Stockwerk des Palazzo Poli über der Fontana
Trevi übergesiedelt. Sie bieten immer noch den hier ver-
weilenden deutschen Gästen die alte freundliche Gastfreundschaft:
die unentgeltliche Benutzung ihrer kleinen Bibliothek, den
Eintritt in ihr Kasino, das gut mit Zeitungen versehen ist,
gegen einen sehr geringen Beitrag, und alle vierzehn Tage
am Samstag einen ,Damen-Abend, an welchem von den
Künstlern kleine dramatische Scherze aufgeführt, Musik gemacht
und schließlich zum Vergnügen von Deutschlands Töchtern bis
in die tiefe Nacht getanzt - und um Weihnachten für die
deutsche Kolonie der aus Tirol verschriebene mächtige Tannen-
baum aufgebaut wird, die Weihnachtslieher gesungen, die
Kinderhändchen mit kleinen Gaben gutherzig bereichert werden.
Das thun die deutschen Künstler für die Deutschen in Rom!
Was aber thut Deutschland für die deutschen Künstler in der
ewigen Stadt?
Lesterreich ist dem Deutschen Reiche darin vorausgegangen,
denn es gewährt seinen zehn Stipendiaten in dem alten öster-
reichischen Palazzo Venezia, in welchem die bei dem Papste
beglaubigte österreichische Botschaft ihren Sitt hat, eine je-
weilige Heimat. Auch ein Ausstellungsraum ist ihnen dort
gewährt, und erst vor wenig Monaten hatte man daselbst
diejenigen Bilder ausgestellt, die theils nach Wien, theils

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nach Paris für die Ausstellung dieses Jahres gesandt werden
sollten.
Erst Baron v. Keudell, der hier im weitesten und würdigsten
Sinne sich als den Schützer und Vertreter seiner Landsleute
bewährt, der in der Botschaft den Deutschen einen Mittelpunkt
geschaffen, in welchem ihnen, wo er gefordert wird, Rath und
Beistand und daneben die großartigste und freundlichste Gast-
lichkeit geboten wird, hat eben jett im Frühjahr den hier
lebenden deutschen Künstlern den großen Empfangssaal des
Botschaftsgebäudes für einige Wochen zur Verfügung gestellt,
um zum ersten Male in dem deutschen Botschaftspalast selber,
unter dem Panier des Reiches, eine Ausstellung vön Werken
deutscher Kunst zu veranstalten. Sie ist nach raschem Eppt-
schluß unvorbereitet aus denjenigen Arbeiten zusammengestellt
worden, die sich eben in den Werkstätten fertig vorräthig ges
funden haben, und man hat sie am Ersten dieses Monats
eröffnet.
Wenn man dieser kleinen Kunstausstellung gerecht werden
will, so muß man sie zunächst in keiner Weise mit der Ausstellung
der vier Bilder und der vier Skulpturwerke in der französischen
Akademie vergleichen, wie italienische Blätter es gethan haben.
Eine hier in französischer Sprache erscheinende Zeitung
hat den Ausspruch gethan: ,Die Franzosen haben für die
Ehre (den Ruhm, die Deutschen für das Brod gearbeitetr'
Die deutschen Künstler können sich das durchaus nicht böse
gemeinte und in sich vollkommen wahre Urtheil gefallen lassen.
Es sind in der französischen Akademie vier Malerarbeiten,
einige Bildhauerwerke nebst architektonischen Zeichnungen
u. s. w. ausgestellt. Sie sind das Werk der hervorragendsten
Talente unter den jungen französischen Künstlern, eben der
Künstler, welche man der Unterstützung durch den Staat
würdig befunden hat.

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Ihnen gegenüber nun steht die ohne alle Vorbereitung
nach einer plötzlichen Aufforderung entstandene, recht eigentlich
improvisirte deutsche Kunstausstellung der Künstler, die, zum
Theil nur für kurze Zeit in Rom verweilend, an große
Arbeiten nicht denken konnten, während sie andererseits, da sie
ganz auf sich selber angewiesen sind, wirklich auch hier in
Rom für ihren Unterhalt arbeiten und in ihrem hiesigen
Schaffen darauf Rücksicht nehmen müssen, welche Art von
Arbeiten unter den vorüberziehenden Touristen Aussicht auf
rasche Verwerthung hat und welche nicht. Man soll sich nicht
scheuen, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen.
Man würde der deutschen Kunst im Allgemeinen, wie den
deutschen Künstlern in Rom, ein großes Unrecht thun, wenn
man ihre Bedeutung und ihre Leistungsfähigkeit nach der
Zahl oder nach der Art der hier ausgestellten Bilder endgültig
beurtheilen wollte. Man hat vielmehr zunächst die That,
d. h. die Ausstellung als solche in das Auge zu fassen. Man
hat den Entschluß anzuerkennen, mit welchem die deutsch-
römische Künstlerschaft unter dem Schutze des Reiches sich als
Einheit darstellt, und damit den Boden und die Weise ange-
deutet hat, wo und wie sie Wurzel zu schlagen und zu ge-
deihen wünscht und hofft.
Die Ausstellung settt sich aus fünfundneunzig Nummern
zusammen, die von dreiundvierzig Künstlern eingesandt sind:
einunddreißig Arbeiten und Skizzen von Bildhauern; einund-
zwanzig Aquarellen und dreiundvierzig Oelbildern. Historische
Bilder oder Entwürfe zu solchen sind gar nicht vorhanden.
Außer drei Portraits und einigen Studienköpfen sind nur
Landschaften, Architektur - und verschiedene Genrebilder aus-
gestellt.
Von den mir bekannten alten hiesigen Meistern haben
die Maler Salomon Corradi, Max Hauschild, Romako, Linde-

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mann-Frommel, Riedel, eben so die Bildhauer Eduard Meyer
und Emil Wolff Beiträge geliefert. Ihnen hat sich Louis
Gurlitt, der, in Dresden lebend, diesen Winter wieder einmal
in Rom zubringt, zugesellt. Aber auch von diesen haben düh
meisten eben nur Proben ihres Könnens geboten; einmal, weil
der Raum für die Ausstellung ein sehr beschränkter war, und
dann, weil in vielen Fällen die Arbeiten dieses Winters bereits
verkauft oder zu andern Ausstellungen gen Norden gesandt
worden waren. Der greise Riedel, der Maler der Sakontala
und der andern lichtschimmernden Bilder, die uns einst ins
Herz geleuchtet, hat eine ihrem nackten Kinde zulächelnde
römische Bäuerin in der Ausstellung. Lindemann- Frommel
hatte nur eine kleine, feine Landschaft, ein Gebirgsstädtchen,
zu bieten, während die hier lebende Frau Grunelius aus
Frankfurt eines der in ihrem Besitze befindlichen Frommelschen'
Marinebilder hergab: ein silberhelles, im Morgennebel duftig
schimmerndes Meer, aus welchem in der Ferne die ver-
schwimmenden Umrisse von Capri in feinen Tönen sichtbar
werden. Gurlitt hat eine sehr feingefühlte Ansicht des Nemi-
sees im Morgenlicht ausgestellt, und ein vortreffliches Bild
aus der Villa Massimo Doria in Nemi. Große Bäume, in
deren Zeichnung und Kraft und Fülle seine alte Meisterschaft
sich kundgiebt, stehen auf mosigem, sich gegen den See nieder-
senkenden Abhange. In der Tiefe schimmert der See hervor.
Eine Art von Altar im Mittelgrunde, ein paar langsam ein-
herschreitende Gestalten staffiren die Scene und machen zugleich
die Einsamkeit und die Stille empfindbar. Es ist seine alte
träumerische Ruhe in dem Bilde.
Eben so wie diese Meister sind Salomon Corradi, Hau
schild, Romako und Zielke in der Wahl ihrer Stoffe, in der
Naturwahrheit ihrer Auffassung und in der strengen, liebe-
vollen Gewissenhaftigkeit der saubern Ausführung sich durchweg

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treugeblieben. Und in Hauschild's wie in Romako's Architektur-
bildern wirkt das Bild des römischen Volkslebens gar erfreulich
und bezeichnend mit. Sie sind römisch im besten Sinne des
Wortes.
Unter den Aquarellen sind sehr schöne, eigenartige Blätter
von Rudolf Müller hervorzuheben. Die Ruinen des Palatin
mit einer Fernsicht auf Rom, der Wasserfall von Terni und
eine Gebirgsstadt am Meer.
Von dem jüngeren Corradi befinden sich in der Aus-
stellung eine Ansicht von Venedig im Mondschein bei bewölktem
Himmel, ein Bild aus den pontinischen Sümpsen und eine
neapolitanische Landschaft. Alle drei Delgemälde sind sehr
charakteristisch und sehr ansprechend. Wenn man die Kirche
am Kanale sieht, auf deren Kuppel das Mondlicht, aus dem
durchleuchteten Gewölk hervorbrechend, in bleichem Schimmer
niederfällt, während in dem Halbdunkel Schiffer im Wasser
stehend die Netze einreffen, um den Fang ins Boot zu bergen,
klingen Einem unwillkürlich Platen's Verse in der Seele:
Venedig lebt nur noch im Reich der Träume
Und wirft nur Schatten her aus fernen Tagen!
Es ist viel Poesie und Stimmung in dem Bilde. Ganz
dasselbe gilt von der offenen, breiten, südlichen Landstraße,
die sich gegen das Meer hin zu öffnen scheint und von der
man hinübersieht nach den Bergspiten am anderen Ufer.
Links und rechts vom Wege liegen einzelne Häusergrupven,
von Pinien und anderen Bäumen überschattet. Wagen fahren
in das Land hinein und dem Beschauer entgegen. Der Staub
wirbelt leicht vom Boden auf, wie die Wolken am Himmel
leicht vorüberziehen. Es ist warm in dem Bilde. Corradi
hat von beiden Malerschulen, von der französischen und von
der deutschen, sich sein Theil genommen. Ich glaube über-

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haupt, wenn die deutsche und die französische Schule zu einer
gegenseitigen Durchdringung kämen, wenn die eine von der
andern annehmen wollte, was jede von ihnen von der andern
voraus hat, so könnte ein außerordentlicher Gewinn für die
Kunst daraus erwachsen. - Welsch hat die Pyramiden von
Ghizeh, eine venetianische Marine und eine engadiner Berg-
spitze ausgestellt. Er hat kräftige Farben, es ist Leben in
den Bildern.
Ein kleines Bild von dem Frankfurter Steinhardt, eine
badende Nymphe, hat einen hübschen, landschaftlichen Hinter-
grund; aber die Nymphe würde sich nymphenhafter und
schöner machen, wenn sie tiefer in dem Bilde im Baumes-
schatten sichtbar würde. Gewaltsam in den Vordergrund ge-
rückt, ist sie geistig und körperlich in dem engen Raume nicht
an ihrem Platze. Sehe ich, da ich schließen muß, den Katalog
der Bilder durch, so kommt mir bei den Namen dieses und jenes
hübsche Bild noch ins Gedächtniß. Das Köpfchen eines veilchen-
verkaufenden Mädchens von Otto Brandt aus Berlin - ein
Bettler von Elthofer aus Wien - und noch Dies und Jenes.
Was mir bei der Wahl der Stoffe für die ausgestellten
Genrebilder im Allgemeinen aufgefallen, ist ein Mangel an
Originalität. Romako, Wilhelm Wider, der jetzt in Berlin
lebt, Rudolf Lehmann und die verstorbenen Künstler Ernst
Meyer und Schweinfurt wußten dem römischen Volksleben,
das freilich fast zum Mythus geworden ist, immer neue, heitere
oder auch sentimentale Seiten abzugewinnen. Davon ist jetzt
nicht viel zu merken. Und doch hat das hiesige Leben, obschon
ihm das Volkskostüm verloren gegangen ist, immer noch so
viel Eigenthümliches, daß es dem achtsamen Auge überall
entgegentritt. Die Genrebilder, welche ausgestellt sind, sind
hübsch gemacht, würden zu besitzen angenehm sein; aber es
sind Darftellungen, die an jedem andern Orte als in Rom ganz

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eben so gut hätten gemacht werden können und gemacht worden
sind. Es ist überhaupt keine bedeutende Originalität in der
Masse der ausgestellten Sachen; und wo eine solche sich in
ein paar Bildern ausspricht, wie z. B. in den beiden Studien-
köpfen von Julius Antz aus Karlsruhe, der sich an Lenbach
anzulehnen scheint, ist das Suchen nach Originalität noch
nicht an seinem Ziele angelangt. Die beiden Köpfe, ein weib-
licher und ein männlicher, haben, obschon sie unschön sind, für
mich einen sehr fesselnden Reiz; doch ist die Farbe derartig
ins Goldbraune gerathen; daß man vergebens darüber nach-
sinnt, welcher Menschenrasse diese beiden anziehenden Köpfe
angehören können.
Die Bildhauer haben es mit der Ausstellung ihrer Arbeiten
überall schlimmer als die Maler, und vollends in dem Falle,
wenn die Ausstellungsräume sich, wie im Palazzo Caffarelli,
nicht zu ebener Erde befinden. Große Werke ein paar Treppen
hinaufzubringen, hat immer seine Schwierigkeiten, selbst wenn
die Treppen so breit und schön sind und so gelind ansteigen,
als die in dem deutschen Botschaftspalast. Man mußte sich
also darauf beschränken, Büsten und leicht tragbare Statuen
und Gruppen auszustellen; und dabei ist noch zu be-
merken, daß weder der geniale Müller von Karlsruhe, noch
die beiden Cauer oder Kopf sich an der Ausstellung betheiligt
haben.
So sind denn von den alten Bildhauern, die schon seit
vielen Jahren hier verweilen, nur ein paar Arbeiten zu ver-
zeichnen. Von Emnil Wolff eine in dem Zauberkreise knieende
Eirce, den Zauberstab über ihrem Haupte schwingend; von
Eduard Meyer, der seinen für die Nationalgalerie in Berlin
angekauften Merkur im Laufe des Winters nach Deutschland
gesandt hat, eine kleine, durch Wilhelm Wiedemann sehr sauber

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ausgeführte Kopie einer Statue der ihr Haar trocknenden
Venus und eine Büste.
Man hat es in der Ausstellung dadurch fast durchweg
mit der jüngeren Generation zu thun, und unter dieser treten
die Arbeiten des Berliner Karl Begas als die eigenartigsten
sehr entschieden hervor. Ein in Marmor ausgeführter, mit
seinem Knaben spielender Faun ist eben so heiter erdacht als
schön in seiner Ausführung. Er hat sich, traubenbekränzten
Hauptes, die Augen im Spiele halb geschlossen, mit dem Ober-
körper weit nach hinten zurückgeworfen, während er mit der
Rechten eine große Traube, sie halb verbergend, umschlossen
hält. Das Knäbchen, auf seinen Knieen sittend, stützt sich mit
der Linken auf des Vaters breite Brust und sucht mit der
Rechten nach der Traube hinaufzulangen, die an des Vaters
linker Schläfe niederhängt. Es ist Leben, Bewegung in der
Gruppe, und doch ist die ruhige Anmuth solch hinträumenden
Spieles in dem Bildwerk sehr lieblich dargestellt. Die Büste
eines eben der Jungfräulichkeit entgegenreifenden Mädchens
mit halb entblößter Brust, ein Kettchen, an welchem ein
Amulett hängt, um den zierlichen Hals geschlungen - Begas
nennt die Kleine Giuditta - ist reizend in dem Ausdruck
kindlicher Unbefangenheit, und in der Behandlung fein, wie
die Knöchelspielerin, die mir immer als ein Muster solcher
Zierlichkeit erschienen ist. - Die Portraitbüste, Gypsmodell,
einer jungen üppigschönen Frau erinnert an ähnliche Leben
und Sinnlichkeit athmende Arbeiten von Reinhold Begas;
aber gradezu ein Meisterwerk ist die ebenfalls nur in Gyps
ausgeführte Büste eines magern Mannes. Ein schmaler,
scharf ausgeprägter Kopf mit einem von dem Leben und seinen
Erfahrungen tief durchfurchten Antlitz. Man vergißt diesen
Kopf nicht, auch wenn man, wie ich, das Original niemals
gesehen. Mir fiel, ohne daß eine Aehnlichkeit zwischen den

= ZH? -
Köpfen vorhanden wäre, die herrliche Büste des Julius Cäsar
in dem Berliner Museum ein, als ich vor der Arbeit stand;
und es kann nichts Geringes sein, das uns solch ein Meister-
werk plötzlich in der Erinnerung hervorruft.
August Sommer aus Koburg hat das Modell zu einem
Springbrunnen geliefert: einen Centaur, der sich aus den ihn
umwindenden Ringen einer Riesenschlange frei zu machen
strebt. Sich mit dem Oberkörper rückwärts kehrend, hebt er
mit der mächtigen Rechten den gewaltigen Leib der Schlange
über seinen Körper in die Höhe, um ihren Druck von seinen
Weichen abzuwehren; und hebt mit der Linken den Kopf
der Schlange, sie an der Gurgel zusammenpressend, hoch über
seinem Haupte empor, so daß sie, den Rachen öffnend, dem
Wasserstrahl den Durchgang bietet. Ich glaube, groß aus-
geführt, müßte die Arbeit von bedeutender und schöner
Wirkung sein.
Von Speiß aus Würzburg ist in Marmor ein nackter
Knabe da, der den antiken, gegen die Kniee gestützten Wein-
krug, mit der Rechten vorsichtig haltend, mit vollen Zügen
den Durst aus der gefüllten Schaale löscht, die er zum Munde
geführt hat.
Von Volz aus Karlsruhe das kleine Gypsmodell einer
nackten, sitzenden, nur mit einem Neberwurf bis zum halben
Leibe bekleideten Kleopatra, die todtverlangend und doch
schaudernd vor dem Tode, nach der Vase hinblickt, aus der
die Natter sich hervorwindet. Der Kopf ist ausdrucksvoll, der
Körper gut durchgeführt, die Pose recht schön.
Konstantin Dausch, ein frischer, rasch und geschickt
arbeitender Künstler, hat in Marmor eine Bacchantin und
zwei figurenreiche Reliefs, Kindergruppen, den Herbst und
vUarrar

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hat das anzuerkennen und zu wiederholen, unter den Bildern
wie unter den Skulpturen nichts Schlechtes, nichts Verfehltes,
sondern viel Gutes, viel Gelungenes vorhanden. Alle diese
Talente sind ,sich des rechten Weges wohl bewußt''; aber
man meint es ihnen anzufühlen, daß eine innere Gebunden-
heit sie fesselt, daß Bedenken sie in den Schranken des Her-
gebrachten halten, daß ihnen die fortreißende Kraft gebricht,
die sie zwingt, eigene Bahnen zu suchen, selbst auf die Gefahr
hin, falsche Pfade einzuschlagen und sich auf diesen gründlich
zu verlaufen, wie dies verschiedenen der höchst talentvollen
französischen Künstler begegnet ist. Aber man tröstet sich vor den
sonderbaren Einfällen und Ungeheuerlichkeiten, welche die
jugendlichen Meister in der französischen Akademie sich guf
Kosten ihres Vaterlandes passiren lassen dürfen, mit döm
Dichterworte: ,Mit Kraft begannen, die mit Schönheit enden!r
Und Frankreich wird es voraussichtlich gegenüber keinem von
den Stipendiaten, welche jetzt ihre Arbeiten eingeliefert, zu
bereuen haben, daß es ihnen die Freiheit gewährt, sich nach
eigenem Ermessen genug zu thun und sich mit ihrem großen
Talent an der Schönheit nach Gefallen zu versündigen.
Das bedeutendste Werk in der französischen Ausstellung
ist das große historische Bild des seit vier Jahren in Rom
verweilenden Malers Morot. Ambronische Weiber, die nach
der Niederlage der Männer von einer Wagenburg hernieder,
sich und ihr Land gegen römische Kavallerie vertheidigen und
sie zum Rüchuge zwingen. Es ist ein Bild, groß gedacht,
wie Kaulbach's Hunnenschlacht, wie die apokalyptischen Reiter
von Cornelius. Ein wildes, entsettliches Kampfgewühl unter
hellem, grauem Himmel. Ein furchtbares, erschreckendes
Durcheinander, das Herz ergreifend, den Sinn verwirrend,
wie der Vorgang selbst es thun würde, fände man sich einen
solchen plötzlich und unvorbereitet gegenüber; aber es ist so

= ZZß -
gräßlich in der Wahl der einzelnen Motive, daß man das Auge
widerwillig davon wendet und das Bild so bald nur möglich
zu vergessen sucht. Weiber von so erschreckender Häßlichkeit,
daß man meint, sie brauchten gar nicht zu kämpfen, sondern
nur zu erscheinen, damit Männer vor diesen alten Megären
mit blutunterlaufenen Augen, mit weit aufgerissenen Mäulern
schaudernd die Flucht ergreifen. Ein Weib, dem die Hand
mit scharfem Messer durchgeschnitten wird, ein Weib, das die
Hände in die Augen eines Kriegers krallt. Es ist geradezu
grauenhaft; und selbst der völlig nackte, schön gestaltete
Körper eines jüngeren Weibes, den, so viel ich mich erinnere,
im linken Vordergrunde ein Reiter an seinem Pferde mit
sich schleppt, kommt nicht auf, neben dem Graus dieses fürchter-
lichen Hexensabbaths. Wie Morot selber einmal in späteren
Jahren dieses Bild beurtheilen wird, da er nicht verfehlen
kann, ein großer Meister zu werden, das möchte ich wissen.
Diesem Bilde gegenüber steht ein anderes Bild, ebenfalls
lebensgroße Figuren von Counnere hß. Jahrs. Es war in
der Zeitung, welche den Bericht über die Ausstellung gebracht,
als ,le lion amonrenkr (der verliebte Löwes betitelt, und ich
hatte, als ich diese Worte las, darüber nachgedacht, was das
etwa sein könne. Ich war auf Franz den Ersten und Diana
von Poitiers, auf Heinrich den Vierten und Gabriele, auf
Napoleon und Josephine, und schließlich sogar auf irgend einen
zeitgenössischen Stutzer mit seiner Schönen verfallen. Mich
dann in der Ausstellung von der Ambronenschlacht nach dem
verliebten Löwen wendend, stand ich da und traute meinen
Augen nicht.
Der verliebte Löwe ist kein Mensch. Er ist eine wirkliche
langmähnige Bestie und nichts weiter. Inmitten eines Tribus
von mir unbekannter Race - die Leute sehen wie Ungarn,
Slovaken oder so etwas aus, können aber vielleicht Hindus
S. Lewald, Reisebriefe.

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sein - liegt, umstanden von verschiedenen bekleideten, halb-
bekleideten und unbekleideten Personen verschiedenen Geschlechts,
auf einem Felsstück im Hintergrunde ein großer Löwe, der
ein ihm zulächelndes nacktes, schönes Mädchen zärtlich angrinst,
während ein Mann ihm die Krallen beschneidet. Gemalt is
das Alles sehr schön. Was es bedeuten soll, ist mir unver-
ständlich geblieben, und Alle, die ich darum befragt, ob sich
das auf eine Fabel, auf eine Sage, auf eine Dichtung bezieht,
haben nicht mehr davon gewußt als ich. Aber Herr Counnere
zeigt, daß er sowohl Menschen als Thiere zu malen versteht,
und darauf allein kommt es ja in seinem Falle an.
Die beiden andern ausgestellten Proben, eine friesartig-
dekorativ gehaltene Skizze von Besnard Gs. Jahr, der Einzug
Franz des Ersten in Bologna und eine in Königskleidern er-
scheinende heilige Elisabeth von Ungarn, einen nackten, ver-
wundeten Greis in ihrem Schlosse auf den Stufen ihres Thrones
verbindend, von Venker (l Jahrs haben ihr Verdienst, doch
nichts so Neberraschendes Originelles, wie die beiden erstge-
nannten Bilder.
Künstler von Fach rühmen die architektonischen Zeichnungen
und zollen den in Gyps ausgeführten Arbeiten der Bildhauer
volle Anerkennung, namentlich in der anatomischen Kenntniß.
Mich machte dagegen eine Gruppe von Hugues (. Jahrs voll-
kommen betroffen, weil sie nach meiner Meinung auch eine
vollkommene Verirrung kundgiebt. Es ist die Gruppe von
Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, wie Dante sie
dargestellt hat, und Herr Hugues hat auch die Verse Dante's:
,Kein größerer Schmerz, als sich im Elend glücklicher Tage
erinnern'', darunter gesett. Aber wie Jemand darauf verfallen
mag, Schatten, ,die wie sanfte Tauben vorüberziehen (ich
glaube, so lautet die Bezeichnung ungefährz in Gyps, und
zwar nicht etwa im Relief, was denkbar wäre, sondern in