Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 21

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großen, schweren, aneinander hängenden Figuren darzustellen,
von denen oben ein noch die gypserne thränenweinende Francesca
nichts weniger als liebreizend erscheint, ist schwer zu verstehen.
Die Körper haben viel Naturwahrheit, ihr Zusammenhalten
ist sehr geschickt gemacht, aber schön ist die Gruppe nicht, von
soviel Talent sie auch zeugen mag.
So ist es denn beinahe, als ob die hiesigen Deutschen zu
weit gingen in dem Festhalten an dem Ausspruch ihres Dichters:
,Nur daß die Kunst gefällig sei! - und als ob die Franzosen
wirklich an das Paradoxon glaubten: ls laiä e'est ls beau!
(Das Häßliche ist das Schöne !, das unter den Romantikern
eine Zeit lang zu einer Art von Schiboleth erhoben, noch nicht
beseitigt ist. Dieses Abirren auf den Weg des Häßlichen ist
aber nicht ein bloßer Zufall. Dieses Abgehen von der Schön-
heit, wie die antiken Bildwerke und die Bilder der Perugino,
Rafael, Tizian und ihrer Nachfolger sie uns in ihren
Schöpfungen hinterlassen und in die Seele geprägt haben, ist
ein ganz bewußtes Thun, ist auf die Grundsätze einer be-
stimmten Schule zurückzuführen. Wir haben in den Aus-
stellungen der letten Jahre in Berlin davon die Beweise mehr
und mehr vor Augen gehabt, und es wäre Noth, daß man
die Betrachtungen darüber einmal zusammenfaßte und sich
fragte: Wohin kommen wir auf diesem Wege?
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Einunlzualllgs=- ==ps-
Frühling in Nom.
Es ist ein großer Irrthum der vom Norden kommenden
Reisenden, wenn sie zu wissen meinen, was der Süden ist,
sofern sie denselben, wie die Mehrzahl thut, nur im Winter
kennen lernen. Man behauptet, und wahrscheinlich mit Recht,
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daß Petersburg sich im Winter am schönsten darstellt; und
es ist gewiß mit gleichem Rechte zu behaupten, daß man den
Süden nur im Sommer völlig kennen lernen kann. So
weit es Rom betrifft, muß man das späte Frühjahr dort ver-
leben, um sich zu überzeugen, wie schön Rom sein kann, wenn
die Wintermonate, der Dezember und der Januar, vorüber
sind, die sich auch hier fühlbar und geltend machen. Denn
die nordischen Bäume werfen ihr Laub in Rom sammt und
sonders wie bei uns zu Hause ab. Die Ulmen, die Rüstern, die
Platanen haben kahle Aeste. Die feineren Blumenarten machen
im Blühen einen Stilstand; und wenn schon der Fremde, der
von jenseits der Alpen nach Jtaliei kommt, sich hier mitten
im Winter auch im Süden empfindet und im Sommer zu
leben glaubt, so fühlt Derjenige, der hier eingelebt ist, den-
noch, daß es auch in Rom winterlich sein kann, und genießt den
Frühling und sein rasches, feuriges Werden mit eben so großem
Entzücken, als hätte er in der Heimath viele traurige Monate
ohne Licht und Wärme, ohne Grünen und Blühen in ,der
Straßen guetschender Enge'' zugebracht.
So oft ich im Süden den Frühling erwachen sehen, habe
ich an die heiß auflodernde, plötzlich in vollen Flammen
stehende Liebesgluth von Shakespeare's Romeo und Julia
gedacht. Ein Augenblick des scheuen Erwachens, des zurück
haltenden Zögerns, und sie ist da in aller ihrer überwältigenden
Pracht. So war es auch in diesem Jahre hier wieder mit
dem Frühling, obschon der Januar kälter gewesen ist, als ich
ihn jemals in Rom erlebt, und obschon der März uns seine
hier sprichwörtliche launenhafte Unfreundlichkeit empfindlicher
als gewöhnlich zu kosten gegeben hat.
Dafür aber ist es etwas ganz Herrliches jetzt, in den
frühen Morgenstunden einen Gang durch die Gartenanlagen
auf dem Monte Pincio zu machen, die, ganz abgesehen von

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dem wundervollen Blick über Rom und bis zum Gebirge
hinaus, mir in gartenkünstlerischer Hinsicht immer als
das Vollendetste erschienen sind, was auf einem so kleinen
Raume geleistet werden kann; denn den ganzen Umkreis der
Abplattung auf dem Berge, zu welchem breite Terrassen mit
vortrefflichen Fahrwegen hinanführen, umgeht man hin-
schlendernden Schrittes in zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten.
Und auf diesem engen Raume ist eine Fahrstraße ge-
schaffen, in welcher sich allabendlich um Sonnenuntergang
Hunderte und Hunderte von Wagen in bequemer Sicherheit
zur Korsofahrt bewegen, wenn sie nicht auf dem mit prächtiger
Balustrade umgebenen Vorsprung gen Westen hin Halt
machen, um der Militärmusik zuzuhören oder der Unter-
haltung zu pflegen, wie in einem großen Gesellschaftssaale.
Die Männer steigen dann aus den dicht neben einander
stehenden Wagen und gehen zwischen denselben, mit den
Frauen plaudernd, hin und wieder, während man von Wagen
zu Wagen sich gleichfalls unterhält. So lange das jeweilige
Musikstück dauert, kann kein Wagen sich von seinem Platze
rühren. In den Pausen erst wird eine Bewegung möglich,
die aus Gewohnheit und Nothwendigkeit die regelmäßige
Straße einhält, und nebenher von Polizeibeamten innerhalb
derselben festgehalten, ohne jede Störung, ohne das bei uns
nur zu übliche Zanken und Schreien der Kutscher, anmuthig
von Statten geht.
Neben den Fahrwegen die schattigsten Alleen, die lauschigsten
Bosquets. Springbrunnen steigen aus weiten, schön verzierten
Becken in die Höhe; Quellen, an denen zahllose Vögel zur
Tränke kommen, rieseln durch den üppig grünen Rasen.
Unter Bäumen fast verborgen eine Turnhalle für die männ-
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Büsten der berühmtesten Römer und Jtaliener, von Scipio
abwärts oder hinauf, bis zu den Helden und Dichtern,
Denkern, Künstlern und Staatsmännern unserer Tage, auf
daß die Namen ihrer großen Männer der Jugend früh ge-
läufig werden. Marmorsitze, schöne eiserne Bänke überall! =
Und das Alles verschönt durch eine Blumen- und Blüthenfülle,
deren Duft etwas Berauschendes hat. Rosen, Levkoyen,
Goldregen, spanischer Flieder, Rhododendron, Kamelien,
Azaleen, wohin das Auge sieht. Hoch von den Gipfeln der
Pinien, der Cedern, der Araukas und anderer mir dem
Namen nach unbekannter Bäume, hängen die traubenartigen
lila Blüthen der Glyzinien, der weißen, gelben, rothen
Kletterrosen hernieder, die sich emporgerankt bis zu des Baumes
höchster Spitze. Vergißmeinnicht blühen an dem Rand der
Wasser. Ganze Massen von schönkelchiger weißer Calla heben
ihre Stengel aus den Wasserbecken und Grotten zwischen dem
feinen braunstengligen Grün des Venushaars hervor. Gelbe
Butterblumen glänzen uns dazwischen heimathlich entgegen.
Die weißen Akazien, die rothen Judasbäume, die Kastanien,
die Mandeln, der Kirschbaum und der Apfelbaum stehen in
voller Blüthe. Die Knospen der Orangenbäume fangen sich
zu öffnen an und erfüllen mit ihrem Dufte den ganzen
Raum. Schlanke Schwarzdrosseln hüpfen über den Rasen,
die Schmetterlinge gaukeln durch die Luft, und rasch und
flüchtig schlüpft die leichtbewegliche Lacerte aus dem Tufstein
an den Quellen hervor und über die Mamorbank hinweg,
daß unser Auge ihrem zierlichen Erscheinen und Verschwinden
kaum folgen kann.
Morgens aber, wenn kein Wagengerassel und keine Musik
die Stille unterbrechen, wenn Nichts vernehmbar ist als der
helle Vogelgesang und das Rauschen und Rieseln und Plät-
schern der Wasser, dann erst ist der Pincio schön. Alles

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leuchtet in dem frischen Thau der Nacht. Das Somnenlicht
huscht mit den Lacerten um die Wette über den Boden, wenn
ber Windhauch, der vom Meere oder aus den Bergen kommt,
die Zweige der Bäume bewegt. Nur vereinzelt begegnet mnan
einem Spaziergänger, und ab und zu sieht man Jemand, in
sein Buch vertieft, auf einer der beschatteten Marmorbänke
sitzen. Langsam dahinwallend blickt man die Marmorbüsten
Michelangelo's und Andrea Doria's, Petrarca's, Leopardis,
Tasso's, Tizian's, Giobertis, Giustis, Garibaldi's und
Mazzini's an, und blickt hinüber zu der Peterskirche und
hinaus nach dem Monte Mario, nach der verfallenen Villa
Madama, nach dem Kloster von Santa Maria del Rosaria,
nach der Aqua Paolo und weit fort nach der anderen Seite
hin in das Gebirge, wo die Lionessa und der Sorakte hervor-
ragen aus den sanften Höhenzügen. Ach! mich dünkt, nirgend
auf der Welt läßt es sich so köstlich sinnen und träumen als
auf dieser Höhe, nirgend empfindet man Glück und Leid so
in sich selbst verklärt wie hier! An manchem lieben Morgen
bin ich Ferdinand Gregorovius, meinem Landsmann und
alten Freunde, da oben begegnet, der sein Rom auch so für
sich allein genießen wollte; das Rom, zu dessen großen Ge-
schichtsschreibern und zu dessen Ehrenbürgern der tiefsinnige,
immer noch schöne Mann gehört.
Wird es dann acht Uhr am Morgen, so kommen die
Schüler der Propaganda zum Vorschein, ihren Spaziergang
zu machen. Die Schweizer in den feuerfarbenen Soutanen,
die Deutschen schwarz mit feuerrothen Paspoilen, die Schotten
und Engländer schwarz und violett gekleidet. Dann geht
einmal ein Bischof, mit grünem Güürtel und grünen Quasten
auf dem Hute, ein Monsignor in Violetttracht durch die
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Somnenlichte und in der offenen Natur. = Noch ein wenig
später erscheinen die Klassen der weltlichen Schulen. Sie
sammeln sich auf dem Platze vor der Kirche von Trinita di
Monte, treiben um den alten Obelisken ihre Spiele, ver-
muthlich in einer Zwischenstunde; und kehrt man dann von
dem offenen Platze in die Via Sistina zurück, so rührt zu beiden
Seiten der Straße das Kunsthandwerk die fleißigen Hände.
Fast Haus bei Haus ist eine Werkstatt im Erdgeschoß
zu finden. Mosaik- und Bronzearbeiter, Rahmenfabrikanten,
Gemmenschneider, Gypswaarenarbeiter, Marmorare, Kunst-
tischler, Elfenbeinschnitzer u. s. w. u. s. w.
Ich glaube kein Ort auf der Welt ist so sehr wie Rom
dazu geeignet, Kunstbetrachtungen im großen Ganzen und
daneben in allen und üüber alle Theile der Kunst bis in das
kleinste Kunsthandwerk erfolgreich anzustellen. Denn hier i
seit Jahrtausenden zusammengehäuft worden, was die ver-
schiedenen Zeiten und Völker an Kunstwerken hervorgebracht.
Hieher hat man die bedeutendsten Künsiler in den Tagen
ihrer höchsten Meisterschaft berufen; und gerade durch den
Anblick desjenigen, was diese Meister in Rom geschaffen haben,
und all' jenes Anderen, was man in den Tagen der großen
päpstlichen Macht, durch diese Macht und ihre gewaltigen
Mittel in Rom, als in dem Mittelpunkt der damaligen Welt,
ansammeln konnte, haben sich hier jene Fertigkeit und Ge-
schicklichkeit in der Kunst und im Kunsthandwerk herausgebildet,
die uns auf Schritt und Tritt entgegentreten, ja die uns über-
raschen, wenn wir in unseren bescheidenen Zimmern zu den
in der Regel mit allerlei zierlichem Bilderwerk bemalten Decken
in die Höhe blicken. Denn auch diese arabeskenhaften Zimmer-
malereien, die in Deutschland erst seit Kurzem sichtbar zu
werden beginnen, sind in Rom ganz unwerkennbar auf die
uralten Vorbilder zurückzuführen.

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Ach! es ist etwas Schönes und Großes für den Menschen,
unter einem sonnigen Himmel, in einer schönen Natur, in
einem milden Klima, in einem alten Kulturlande geboren zu
werden und als ein Angestammtes in das Leben mit hinein
zu bringen, was wir Anderen uns erst mühsam anzueignen
haben! Tüchtig, kräftig, beharrlich macht diese Anstrengung
uns freilich, und ich bin gewiß die Letzte, die ihres Vater-
landes und ihres Volkes Eigenschaften unterschätzt; aber schön
ist die Anmuth in dem Wesen der Südländer, der Romanen,
dieser Jtaliener, die man mit Wenigem befriedigt, und deren
freundliche, förmvoll' höfliche Weise im täglichen Verkehr für
uns, die wir sie nicht gewohnt sind, eben so wohlthuend als
bestechend ist. Man macht darüber oft sehr artige Er-
fahrungen.
So war ich neulich einmal genöthigt, einer Arbeiterin
eine eigens für mich bestellte Arbeit zurückzugeben. Ich that
es mit einer Entschuldigung, denn sie hatte sie ganz neu zu
machen, und ich hatte mich darauf gefaßt gehalten, sie höher,
wenn nicht doppelt bezahlen zu müssen. Am anderen Tage
brachte sie mir die neue Arbeit. Als ich sie um den Preis
befragte, nannte sie einfach die fünf Lire, die sie für dieselbe
gefordert hatte. - ,Aber Sie haben die Arbeit zweimal
machen müssen und können die erste schwerlich verwerthen!
bemerkte ich. - ,Es war meine Schuld, daß ich sie ver-
paßte!r entgegnete das Mädchen. Ich dankte ihm. ,Oh!
Sie haben nicht zu danken; aber es macht mir Vergnügen,
Sie jetzt zufrieden gestellt zu haben!'' gab sie mir zur Ant-
wort und war voll freundlichen Dankes, als ich ihr unauf-
gefordert eine Kleinigkeit vergütete. -
Und ich bin durchaus nicht die Einzige, die mit römischen
Arbeitern und Arbeiterinnen so angenehme Erfahrungen ge-
macht hat. Alle meine Bekannten waren ihres Lobes voll.