Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 22

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Es ist ein gutes, ein liebenswürdiges Volk, mit dem man's
hier zu thun hat.
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Ein Amerikaner über die Vegabung der Staliener.
Rom, Ende April 187.
Wie freundlich der Zufall uns oft in die Hände arbeitet!
Heute, da ich dies Papier zur Hand nehme und in ihm das
Lob italienischer Kunstgeschicklichkeit und Höflichkeit in den zu-
letzt von mir geschriebenen Zeilen wieder lese, wird das Werk
des Amerikaners Draper über die ,Geschichte der geistigan
Entwickelung Europa's? mir von Freunden mitgetheilt. An
dem zusammenfassenden Schlusse dieses Werkes finde ich ein
Kapitel, welches die Bedeutung Jtaliens und der Jtaliener
in einer Weise anerkennt, wie ich sie nie zuvor habe geltend
machen hören.
Der Verfasser sagt: ,An dem wissenschaftlichen Fort-
schritt, unter dessen Triumphen wir leben, sind alle Nationen
Europa's betheiligt gewesen. Einige beanspruchen mit einem
verzeihlichen Stolze den Ruhm, vorangegangen zu sein. Allein
vielleicht würde jede von ihnen, wenn sie das Land und die
Nation bezeichnen müßte, welche den Ehrenplatz einnehmen
sollten, Jtalien auf ihren Wahlzettel schreiben. In Jtalien
wurde Columbus geboren; in Venedig wurden Zeitungen
zuerst herausgegeben. In Jtalien wurden zuerst die Gesetze
vom Fall der Körper zur Erde und vom Gleichgewicht der
Flüssigkeiten durch Galileo bestimmt. Im Dom von Pisa ver-
folgte dieser berühmte Philosoph das Schwingen des Kandelabers
und verließ, beobachtend, daß seine Schwingungen, groß und

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klein, in gleichen Zeiten gemacht wurden, das Gotteshaus,
ohne seine Gebete gesprochen zu haben, nachdem er die Pendel-
uhr erfunden hatte. Den venetianischen Senatoren zeigte er
zuerst die Trabanten des Jupiter, die Halbmondform der
Venus, und im Garten des Kardinals Bandini die Flecken
auf der Sonne. In Jtalien erfand Sanctorio das Thermo-
meter, konstruirte Torricelli das Barometer und bewies den
Druck der Luft. Dort war es, wo Castelli den Grund der
Hydraulik legte und die Gesetze des Fließens des Wassers
entdeckte. Dort auch wurde das erste christliche astronomische
Observatorium errichtet, und dort zählte Stancari die Zahl
der Schwingungen einer musikalische Töne aussendenden Saite.
In Jtalien entdeckte Grimaldi die Beugung des Lichts, und
die Florentiner Akademiker zeigten, daß dunkle Wärme durch
Spiegel mitten durch den Raum zurückgeworfen werde. In
unserer Zeit lieferte Melloni das Mittel zu beweisen, daß sie
polarisirt werden kann. Die ersten philosophischen Gesell-
schaften waren die italienischen, der erste botanische Garten
wurde in Pisa errichtet, die erste Klassifikation der Pflanzen
von Cäsalpinus gegeben. Das erste geologische Museum
wurde in Verona gegrüündet: die Ersten, welche das Studium
fossiler Neberreste betrieben, waren Leonardo da Vinci und
Fracaster. Die großen chemischen Entdeckungen dieses Jahr-
hunderts wurden durch Instrumente gemacht, welche die Namen
Galvani's und Volta's tragen. Und warum brauche ich allein
von der Wissenschaft zu reden? Wer will jenem berühmten
Volke die Palme der Musik, der Malerei, der Skulptur und
Architektur bestreiten? Die dunkle Wolke, welche tausend Jahre
lang über jener schönen Halbinsel gehangen hat, ist mit
Strahlen von Licht gesäumt. Es giebt kein Gebiet mensch-
lichen Wissens, auf welchem Jtalien nicht Ruhm geerntet,
keine Kunst, in welcher es sich nicht bewährt hätte!r

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Mag man nun dieser Anerkennung Jtaliens mit Recht
die große Arbeit und den großen Antheil gegenüüberstellen,
welche die anderen Völker sür die Fortbildung der Menschheit
geleistet und gehabt haben, immer wird es auch dem ober-
flächlichen Beobachter in Rom bei jedem Ausgang und bei
jedem Anlaß merkbar, daß er sich auf einer der ältesten Kultur-
stätten von Europa befindet, und man kann sich kaum erwehren,
den Zusammenhang der vergangenen Zeit und ihrer Kunst-
leistungen mit denen in unseren Tagen zu vergleichen.
Irre ich nicht, so sind neben den Spuren von Malerei,
welche sich in den Gräbern in der Campagna finden, die
Wandmalereien in der Villa der Livia bei Prima Porta die
ältesten in Rom. Vor eilf Jahren noch war es gewissermaßen
ein Kunststück sie zu sehen, denn der Aufseher war Sakristan an
einer im Korso gelegenen Kirche. Kam man nach dieser Kiche,
so erfuhr man, daß er ,draußen'' sei. Kam man hinaus, so
erhielt man die Nachricht, daß er heute ausnahmsweise früh
in die Stadt zurückgekehrt sei; und eine bestimmte Verabredung
einzuhalten, erlaubten ihm seine kirchlichen Funktionen bisweilen
nicht. Man mußte ein Sonntagskind sein, um damals die
glückliche Stunde zu treffen.
Jetzt ist der Weg zu dem kleinen, kahlen Hügel, auf, oder
richtiger, in welchem die Villa liegt, bequem zugänglich gemacht,
und man steigt auf einer gut gehaltenen Treppe in die
gewölbten, aber weder großen noch hohen Zimmer hinab. Die
Farben in dem größten der Räume sind vollkommen erhalten.
Die Malereien stellen rund um das Zimmer ein Gartengehege
dar. Sein vergoldetes Gitter zieht sich gut gemalt etwa drei
Fuß hoch am Boden hin. So wird es also in den kaiserlichen
Gärten ausgesehen haben. Unter blauem Himmel ist ein
dichter Baumwuchs dargestellt: Laub- und Nadelholz, Frucht-
bäume und Buschwerk in enger Verbindung. Pinien, Palmen,

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Orangen- und Granatbäume mischen sich untereinander. Die
reifen Früchte hängen im Gezweige und eine Menge von
Vögeln, Goldammern, Wiedehopfe, Eisvögel a. fliegen umher
oder sitten in dem Dickicht. Alles ist mit großer Naturtreue
wiedergegeben, und ein ganz entschiedenes Geschick ist in der
Arbeit nicht zu verkennen, die vielleicht nur in einem Zimmer
für untergeordnete Zwecke angewendet worden ist, denn nach
einem Prachtgemache sieht der Raum nicht aus.
Ganz dasselbe gilt von den Zimmern in dem sogenannten
Hause der Livia mitten in den Trümmern der Kaiserpaläste.
Die Räume sind auch nur klein, und es ist ja völlig unmöglich
zu bestimmen, wer sie bewohnt, welchen Zwecken sie gedient
haben, ob man die Zimmer einer sürstlichen Frau oder die
einer Dienenden in denselben vor sich hat. Wenn man die
Fülle und die Verschiedenfarbigkeit des Marmors in Betracht
zieht, dessen Bruchstücke man in den alten Bauwerken findet,
so kann man es sich kaum anders vorstellen, als das die von
den Reichen und Vornehmen bewohnten Gemächer ihre Wand-
zierde nicht in al kresoo gemalten Mauern, sondern in Marmor-
mosaiken mit Marmorreliefs und Hautreliefs gehabt haben
müssen, wie man sie z. B. in dem großen Saale der Villa Albani
antrifft. So oft ich denselben besucht, hatsich mir der Gedanke
aufgedrängt: so müssen die Säle in den Kaiserpalästen einst
ausgesehen haben. Diese Wände von blaßgrauem, schön
geadertem Marmor, diese Abtheilungen durch weiße Marmor-
einlagen, auf deren Grunde sich die schönsten Mosaiken in gietra
eura, Blumengewinde, Thierbildungen, Arabesken in einander
verschlungen emporranken; diese herrlichen Bildhauerarbeiten,
die, der Architektur völlig untergeordnet und einverleibt, nur
als Unterbrechung der Flächen erscheinen, diese Goldbronze in
den Höhlungen und Wölbungen des Deckenansates, in denen
auch wieder das marmorne Gebild sich einfügt - so, von solcher

=- Z0! --
aus dem edelsten Material zusammengesetzten Schönheit ausge-
stattet, habe ich mir die Kaiserpaläste immer vorgestellt. Was ich
dann in dem Museo Borbonico, in den Häusern in Pompeji
und in den Titusthermen von Wandmalereien gesehen, das
hat mich immer in der Vermuthung bestärkt, daß der Ausschmuck
mit Wandmalerei sich zu dem Schmuck der Paläste verhalten
haben werde, wie in unseren Tagen die Tapeten der Bürger-
häuser zu den Damast- und Sammetbekleidungen der Wände
in den Häusern der Reichen und der Fürsten. Aber meine
Bewunderung für jene Leistungen in der Wandmalerei, die
uns erhalten geblieben sind, ist dadurch nur gestiegen.
Auch die drei Zimmer in dem sogenannten Hause der
Livia sind, wie ich vorhin bemerkte, nicht geräumig; der Maler
hat es jedoch verstanden, sie für die Phantasie dadurch aus-
zuweiten, daß er die mythologischen Scenen, mit denen er sie
geschmückt, als außerhalb des Zimmers vor sich gehend, dargestellt
hat. Ein schön verziertes Paneel schließt sich dem Fußboden
an. Neber demselben bilden die gemalten Pilaster freie Aus-
blicke wie durch weit geöffnete Thüren, und durch diese sieht
man in die Landschaft hinaus, in welcher die Mythen von
Polyphem und Galathea, von Argos und Jo uns vorgeführt
werden.
Das lettere Gemälde, um ein Viertel höher als breit,
ist am besten erhalten. Ein Felsblock, vor dem auf einer
mächtigen Säule sich die bekleidete Statue der Göttin erhebt,
nimmt die Mitte des Bildes ein. Jo, eine volle, jugendlich
schlanke Gestalt, ist sitzend an die Säule gefesselt. Ein dunkles
Gewand, das sie mit der rechten Hand über der Brust zus
sammenfaßt, läßt nur die linke Seite des Oberkörpers und
den entblößten linken Arm frei. Etwas hinter den Felsblock
zurückgetreten, hält Argos stehenden Fußes, einen Stab oder
einen Speer in der Rechten, das Auge fest auf die Gefangene

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gerichtet, seine Wacht; während in der entgegengesetzen Seite
des Bildes der den Fels raschen Schrittes emporsteigende
Gott sich der Gefangenen nähert. Er ist schlank, langbeinig
und nervig wie der Borghesische Fechter, wie der schöne Pro-
metheus der Galerie Torlonia; und diese Langgliederigkeit
giebt der Gestalt eine große Leichtigkeit in der raschen Bewegung.
Der Körper des Argos ist völlig nackt, wie der des Mercur.
Nur daß dieser die Chlamys über den linken Unterarm und
die Hand geworfen hat, so daß sie das Schwert zum Theil
verdeckt. Nur die Lanze trägt er frei und offen. Argos und
Jo werden ihn gleichzeitig gewahr. Die Hand auf das Gestein
stützend, den Fuß vorwärts gesett, wie Einer, der sich, von
einem Unerwarteten betroffen, schnell erheben will, wendet sie
das schwarzlockige Haupt mit weit geöffneten Augen dem nahen-
den Gott zu, nicht wissend, was ihr sein Erscheinen zu bedeuten
habe. - Die Bildung und der Ausdruck der drei Köpfe sind
ungewöhnlich schön und sprechend, die Gestalten edel, voller
Bewegung und von einer Richtigkeit der Zeichnung, die eine
vollkommene Meisterschaft verräth. Auch die Farben in diesem
Bilde sind noch schön, was bei den anderen nicht mehr in
dem gleichen Grade der Fall ist.
Neber dieser Darstellung zieht sich eine Art von Fries
rund um das Gemach zwischen den kannelirten Säulen hin,
welche die Rahmen für die mythologischen Bilder abgeben.
Schwere Blumen- und Fruchtguirlanden, in deren Mitte ges
hörnte Satyrmasken, Gartengeräthschaften, Reisegeräthschaften
niederhängen, reichen von Säule zu Säule. Hinter den
Säulen, auf gelbem Grunde, landschaftliche Schilderungen;
Ansichten von Städten, in denen Menschen umhergehen, Tempel
in Trümmern, Triumphbogen, Gebäude aller Art. Darüber
noch einmal buntes Arabeskenwesen: Pfauen, Greife und
derlei. Die Darstellungen bilden kein in sich fest bedingtes

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organisches Ganzes, aber ein hübsch gegliedertes Neben- und
Durcheinander.
Soviel ich an Ort und Stelle und auf den sehr undeut-
lichen Photographien des Frieses, der sehr gelitten hat, er-
kennen konnte, kommt in den landschaftlichen Bildern kaum
ein Baum vor; und das fiel mir auf, weil Bäume auch in
den pompejanischen Wandgemälden, wie ich glaube, selten
vorkommen. Sie geben Luft und Erde und Meer und
Architektur, und vor Allem den Menschen mit den Dingen,
mit welchen er zu thun hat, in vollkommenster Naturwahrheit
wieder. Sie malen den Weinstock und die an Geländen nieder-
hängenden Trauben, welche Knaben oder Genien brechen und
zur Kelter bringen, aber für den Wald oder auch für dsn
einzelnen Baum geben sie uns immer nur einen oder ein
paar Stämme mit ein paar kaum belaubten Zweigen, mit
leicht zu zählenden Blättern, so daß man es wirklich nur für
das Symbol eines Baumes gelten lassen kann.
Dagegen sind in dem Hause der Livia in dem als
Speisesaal bezeichneten Zimmer Glasgefäße eigenthümlicher
Form, mit Früchten angefüllt, sehr gut erhalten und gemalt;
und überall ist die Eintheilung und Benutzung der Fläche
so geschickt gemacht, daß sie das Auge angenehm beschäftigt.
Dieser nämliche gute Geschmack, oder dies Gefühl für die
richtige Vertheilung und Benutung der Wände, setzt sich durch
die Jahrhunderte fort. Von den Loggien und Stanzen des
Vatikans, durch die Paläste der Fürsten, durch die Villen in
der Campagna, bis in die Speisesäle der Gasthäuser und bis
in die Deckenverzierungen meiner Stuben kann ich das ver-
folgen.
Für uns, die wir gewöhnt sind, uns in Zimmern zu
bewegen, deren Wände von oben bis unten mit meist häßlichen,
halbweg geometrischen Linien, mit den sich wiederholenden

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Figuren und Schnörkeln der Tapeten bedeckt sind, von denen
man in gesunden Tagen beleidigt wird und in kranken Tagen
zu leiden hat, wenn das Auge in fiebernder Hast die ewigen
Wiederholungen zu zählen unternimmt, während es an den
kahlen Decken haltlos hin und wieder irrt, für uns hat es
etwas das Auge Erquickendes, innerhalb der Zimmer nicht
nur durch angehängten, sondern durch einen Bildschmuck ge-
fesselt zu werden, der dem Raume eignet.
Es hat mir, ja wie soll ich's nennen? es hat mir ein
Gefühl von geistiger Vornehmheit gegeben, so oft ich im Laufe
dieses Winters in den Sälen des Palazzo Costagutti an der
Piazza della Tartaruga der Gast einer deutschen Familie ge-
wesen bin, die, im Sommer auf ihren Gütern in der Heimath
lebend, sich in Rom in dem Palazzo Costagutti eine feste
Heimath für den Winter eingerichtet hat. Es waren aber
nicht die schweren dunkelrothen und kornblauen Seidenstoffe,
welche die Wände bedeckten, sondern die großen Deckengemälde
von Domenichino und Guercino, die mir jenen Eindruck
machten. Das erste dieser Bilder hatte für mich einen wahrhaft
bannenden Zauber.
Im weiten Blau eines lichten Aethers zieht der gold-
gelockte Sonnengott, den Purpurmantel auf den Schultern,
von seinem Wagen seine Rosse lenkend, achtlos der Erde, über
sie hinweg. Aber unter der von ihm durchmessenen Bahn
schwebt eine Frauengestalt, von weißen Schleiern theilweise
verhüllt, die, von einer Greisesgestalt verfolgt, eben von ihr
ergriffen wird. Das dunkle Gewand, die nächtlichen Flügel
und seine andern Attribute kennzeichnen den Gott der Zeit.
Er hält die verhüllte Wahrheit in ihrem entschwindenden
Fluge auf. Mit fester nerviger Hand hat er sie erfaßt, und
mit raschem Griffe reißt er die Schleier hernieder, die ihre
strahlende Schönheit verhüllen, während sie das leuchtende
S. Le wald, Reiiebriefe.

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Haupt zum Himmel emporhebt, dessen sonnige Klarheit sie im
Widerschein erglänzen macht. Einen schöneren Frauenkörper,
ein klareres Menschenantlitz habe ich nicht gesehen; und so
oft ich in dem Saale meine Augen zu dem schönen Decken
gemälde emporgehoben, habe ich mich der sinnenden Frage
nicht entschlagen können, welche Erlebnisse oder Ereignisse es
gewesen sein mögen, die den Besitzer des Palastes veranlaßt
haben, eben diesen allegorischen Vorgang an der Decke seines
Saales zur Ausführung bringen zu lassen? =- Man malt,
wie Guercino in dem Nebensaale, wohl eine schöne Armida
und einen Rinald aus freiem Antrieb, wenn man einen Saal
zu schmücken hat; aber jene Allegorie muß, wie ich glaube,
einen bestimmten Zusammenhang mit der Geschichte des Hauses
und seiner Besitzer haben, und ich bin nicht müde geworden,
darüber nachzudenken.
Mehr oder weniger schöne Deckengemälde finden sich in
allen diesen italienischen Palästen; und auch in den Schlössern
auf dem Lande begegnet man der Wandmalerei. Als wir im
Anfang des April einmal zu Wagen eine Landfahrt durch
das Albaner-Gebirge über Albano, Arricia, Genzano, Castel
Gandolfo, Grotta Ferrata, Marino machten, nahmen wir in
Albano unsern Mittag in dem ehemaligen kleinen Palazo
Feoli ein, in welchem im Jahre 186?, zur Zeit der in Albano
grauenhaft herrschenden Cholera-Epidemie, die Königin-Mutter
von Neapel mit ihren beiden Kindern der Seuche zum Opfer
gefallen war.
Jetzt ist dieser Palast in das sehr wohlgehaltene LBtsl
ds Euris verwandelt, dessen große Säle im Sommer einen
sehr angenehmen Aufenthalt bieten müssen. Aber eben diese
großen Säle sind vortrefflich gemalt. Große römische Archi-
tektur, wie z. B. die Fontana Trevi; Ansichten von anderen
Städten und Gegenden bedecken die Wände, und daneben sind

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über den Paneelen, in den Friesen, in den Fensterbrüstungen,
überall wieder diese Arabesken zu finden, die, aus dem tiefen
Alterthum kommend, mich auch in meinen Stuben in Rom
erheitern. Es hat etwas sehr Anmuthendes, dem Spiel der
Phantasie zu folgen, das aus den Kelchen der Blume sich
einen hübschen Frauenleib entstehen macht, das Genien auf
schwanken Säulchen sich behaupten läßt, das die kleinen
Seepferdchen durch die Fluthen führt und sich in ein Getändel
von Linien verliert, die nichts Bestimmtes mehr bedeuten
und doch unserem Auge wohlthun und es an sich fesseln.
Dazwischen finden sich denn in den neuern römischen Häusern
neben den herkömmlichen pompejanischen und altrömischen
Gestalten von Menschen, Nymphen, Meermännern und Meer-
weibern, jetzt vielfach landschaftliche, durchaus nicht schlecht
gemachte Schilderungen; und so groß ist in diesen Südländern
das Bedürfniß nach Farbe und nach festgestalteter anschaubarer
Form, daß ich selbst in den schlechtesten Miethswohnungen,
zwischen dem Gebälk der Decke, die Räume mit Violinen und
Tambourins, mit Köcher und Bogen, mit Blumen und
Früchten, mit Vasen und Krügen in ziemlich wahllosem
Durcheinander bemalt gefunden habe.
Ess ist dies Malenkönnen eine uralte, dem Volke fast
zur Natur gewordene Technik, und gerade deshalb ist es mir
aufgefallen, daß nach bestimmten Seiten hin die Industrie
keinen Vortheil von dieser Geschicklichkeit der Eingeborenen zu
machen weiß. So konnte ich z. B. zur Weihnachtszeit, als
ich ein paar Kleinigkeiten nach Deutschland zu senden wünschte,
nicht einen Bilderbogen mit römischen oder italienischen Land-
schaften, mit Scenen aus dem römischen und italienischen
Volksleben, ja nicht einmal in Jtalien gemachte Bilderbogen
mit italienischen Soldaten in den Läden finden. Dafür gab
es billige kleine Hefte mit photographirten Ansichten und eben
B