Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 23

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solche mit italienischen kolorirten Volkstrachten, die man eben
nur noch in der Photographie und in der Malerei zu sehen
bekommt. Es wäre schade, wenn auf diese Weise die Maschine
und die Chemie am Ende dem Geschick der Menschenhand
seine Fäihigkeit raubten. Aber ein Werkführer aus einer unserer
Bilderbogenfabriken könnte, wie ich glaube, in Rom bald
geschickte Hände finden und wahrscheinlich auch vortreffliche
Geschäfte machen.
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Die Antiken-Galerie des Hürten Rlerander Torlonio
Rom, . April 17s.
,Mit Rom wird man nicht fertig, wenn man auch noch
so lange dort lebt und seine Zeit noch so fleißig benutzt, es
kennen zu lernen!' pflegte unser Freund, der jetzige deutsche
Gesandte in Washington, Freiherr Kurd von Schlözer, zu
sagen, als er noch Legationsrath und in Rom war, das er
liebte, und verstand, wie es geliebt und verstanden zu werden
verdient.
Die Erkenntniß dieser Wahrheit und das natürliche Ge-
fühl, sich vor dem Nichtzuüberwältigenden zu bescheiden, haben
mich, so oft und so lange ich das Glück gehabt habe, in Rom
zu verweilen, immer sehr ruhig im Genießen desjenigen gee
macht, was die ewige Stadt einem gebildeten Menschen zu
bieten hat. Gegenüber der jetzt möglich und üblich gewordenen
Hast, mit welcher man die Welt durchjagt und mit welcher
die Leute Rom in vier Wochen, oder gar in zehn und vierzehn
Tagen ,absolviren'', habe ich mir manchmal mit Verwunderung
eingestehen müssen, daß diese unermüdlichen Beseher, die das

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Besehen wie jeden anderen Sport als Kraftäußerung betreiben,
mitunter in ihren wenigen Tagen Vielerlei abgethan hatten,
was mir im Laufe der drei Winter, welche ich in Rom ver-
lebt hatte, fremd und unbekannt geblieben war. Wenn sie
mir von der oder jener, nur an einem Tage in jedem Jahre
geöffneten Kirche, von der oder jener neuen Ausgrabung als
von einem Höchsten, Wundervollsten, berichteten, so habe ich
ihnen immer ruhig zugehört und mir gesagt: so viele Jahr-
hunderte waren vor mir, so viele werden nach mir sein. In
der Endlichkeit und der Beschränktheit, die unser Loos ist, ist
Beschränkung und Ergründung dessen, was uns eben genehm
und werth ist, sicherlich das Fruchtbringendste für die innere
Befriedigung; und es hat mich dann niemals angefochten,
wenn ich von einem Kunstwerk, einer Kirche u. s. w. einzu-
räumen hatte, daß ich sie nie gesehen. Ich hatte dabei ein
ganz ruhiges Gewissen. Ich hatte auf meine Weise mein Theil
von Rom gehabt und ich hielt mich an das Wort von Goethe:
Sehe Jeder, wie er's treibe!
Heute aber befinde ich mich einmal in dem Falle, den
zahlreichen Rom-Besuchern unter meinen Lesern die Frage vor-
legen zu können: ,Haben Sie das Museum Torlonia in
Trastevere gesehen?? Und ich glaube, es werden nicht Viele
sein, die diese Frage bejahen können, denn Fürst Alexgnder
Torlonia, der als gegenwärtiger Besitzer der Villa Albani
diese letztere nach altem Herkommen allwöchentlich einmal den
Besuchen des Publikums öffnet, hält die andere noch bedeutend
größere Sammlung von Antiken, die er besitzt, ganz und
gar verschlossen. Sie ist der großen Menge der Fremden
nicht zugänglich. Selbst von den Einheimischen haben nur
wenige sie gesehen und es bedarf immer einer ganz beson-
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Von allen meinen diesjährigen römischen Bekannten war
Niemand in die Galerie gekommen, und doch hatte ich im
Laufe der Jahre ab und zu von den in dem Museum Tor
lonia befindlichen Kunstwerken mit großer Bewunderung
sprechen hören. Aber da wir Menschen alle mehr oder minder
geneigt sind, das, was wir vor Andern voraus haben, zu
überschätzen, so hatte ich mir gesagt: was kann denn neben den
Sammlungen des Vatikans, des Kapitols, der Villa Borghese,
der Villa Albani, noch so gar Bedeutendes vorhanden sein?
Und ich hatte mich dann auch wieder bereits beschieden, das
Museum Torlonia nicht zu sehen, als die Güte der dauernd
in Rom lebenden und mit dem Fürsten Torlonia befreundeten
Fürstin Caroline von Sayn - Wittgenstein mir freundlich die
Möglichkeit eröffnete, jene Sammlung wiederholt in Aller
Muße zu betrachten. Und sie ist es, nach alle dem was Rom
besitzt, im höchsten Grade werth, gesehen und womöglich von
gründlichen Kennern studirt zu werden.
Weit abgelegen von dem Mittelpunkte der Stadt, nahe bei
dem Palazzo Corsini, jenseit der Tiber, fährt man in eine
enge Gasse hinein und hält vor einer jener unscheinbaren
römischen Mauern, hinter denen sich ein Palast, ein Kloster,
eine Stellmacherwerkstatt, oder wie in dem orientalischen
Märchen von der Höhle Sesam eine Wunderwelt verbergen
kann, und in diesem Falle in der That verbirgt.
Man klopft, die schwere hölzerne Pforte thut sich auf,
man tritt in einen kleinen im Blütenduft schwimmenden
Orangengarten. Ein langes barackenartiges, wie eine große
Bildhauerwerkstatt anzusehendes Gebäude zieht sich längs dem
Hofe hin. Marmorblöcke rechts, Skulpturfragmente links!
Hier ein Stück Akanthusfries, dort ein Stück von einer
Säule. In dem Vorraum restaurirte Torsen, eine weibliche
als Diana dargestellte Portraitstatue. Der Raum so schlicht

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als möglich gegen das Innere des Gebäudes mit dunklem,
grünem Leinwandvorhang abgetheilt. Man hebt ihn auf,
und eine lange, lange Fernsicht thut sich auf, an deren Ende
man eine schöne sitzende Frauenstatue erblickt.
Man sieht sich um, und schon die höchst einfache Ein-
richtung des Museums hat etwas ganz und gar Eigenthüm-
liches und Besonderes. Nichts von Mauern, nichts von
Säulen oder irgend einer prunkenden Architektur. Vorhänge
von grüner, grober Leinwand theilen den Bau, der ein
zweckmäßiges Oberlicht hat, in lange Galerieen. Jede dieser
Galerieen ist durch eben solche Vorhänge, die derartig zurück-
gebunden sind, daß sie eben nur die Längenaussicht auf den
Anfang und das Ende der Galerie gestatten, in mäßig große,
viereckige Gemächer gesondert, und in jedem dieser Gemächer
sind in der Regel zwei große Statuen und vier kleinere, oder
zwei Statuen und vier Büsten aufgestellt. Diese Algrenzung,
diese jedesmalige Beschränkung, geben eine Ruhe, die sehr
wohlthuend wirkt und in keinem andern Museum so zu finden
ist. Das Auge wird durch Nichts beirrt, wird nicht durch
rastlos verlockende Neugier von dem Gegenstande der jedes-
maligen Betrachtung abgezogen. Einfache Stühle laden
überall zu ruhigem Verweilen ein. Jedes einzelne Kunstwerk
ist für sich selber da; jedes spricht gesondert für sich selbst zu
uns. Es ist Alles so einfach als zweckmäßig, und es ist
wohl zu verstehen, wie der Gründer dieser Sammlung gerade
auf diese Weise in ihr einen Schatz und eine Gesellschaft besitzt,
die er, so lange er lebt, nur für sich selbst genießen, an der
er seine ausschließliche, nur von Wenigen, denen er es gönnt,
getheilte Freude haben will. Man kann das, ich wiederhole
es, sehr wohl verstehen, wie sehr man auch Andern die
großen und schönen Eindrücke wünschen mag, deren man
selber in dem Museum theilhaftig geworden ist.

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Die Sammlung setzt sich aus fünfhundertundsiebzehn
Stücken zusammen. Fast der vierte Theil derselbeg, nämlich
einhundertfünfzehn Stücke, und es sind die schönsten Werks
darunter, entstammen der Galerie Giustiniani, welche, wenn
ich nicht irre, schon der Vater des Fürsten Alexgnder an sieh
gebracht hatte. Dreißig Kunstwerke, unter ihnen einige der
kolossalen, durch ihre Reliefs berühmten Vasen, sind der Villa
Albani entnommen, die der Fürst Alexander Torlonia im
Jahre 1866 von der Familie Castelbarco kaufte. Verschiedene
andere Statuen und Büsten kommen aus den Sammlungen
Cavaceppi und Vitali; aber eine große, vielleicht die größere
Zahl sind neue Funde, welche durch Ausgrabungen in den
weit verbreiteten Besitzungen des Fürsten, in Porta, in der
Villa des Claudius, in der Villa der Quintilier, in der
Milla Torlonia auf der Via Nomentana ans Tageslicht ge-
fördert, oder, sofern sie auf andern Gebieten, wie in der
Villa des Hadrian oder in Roma Vecchia und an zahlreichen
andern Orten gefunden, von dem kunstliebenden Fürsten für
seine Sammlung erworben worden sind.
Alle diese Kunstwerke sind, und das wird vielleicht von
den eigentlichen strengen Archäologen bedauert werden, voll-
ständig, aber sehr geschickt und sehr gewissenhaft restaurirt.
Ein erklärender Katalog von P. E. Visconti gibt zugleich die
Fundorte an; und man geht auf diese Weise wohl geführt
aus einem der Räume in den andern, in genießendem
Erstaunen über eine Zeit, in welcher durch das ganze Land
hin, bis in die Villen und bis in die kleineren Städte,
Kunstwerke in solcher Fülle und von solcher Schönheit ver-
breitet waren, wie wir sie auch in dieser höchst merkwürdigen
Galerie in so überraschend großer Anzahl beieinander finden.
Zu dem Eigenartigsten, was mir von antiker Plastik,
soweit es den Vorwurf betrifft, überhaupt vorgekommen ist,

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gehört der aus der Galerie Giustiniani stammende Prometheus,
ein vollendetes Werk der schönsten griechischen Zeit. Völlig
unbekleidet steht die etwas über sieben Fuß hohe, schlanke
Männergestalt auf ihrem Sockel da. Sich auf der Spitze des
einen Fußes leicht erhebend, um die natürliche Größe, das
Emporreichen zu vermehren, hat sie die beiden Arme hoch
über ihrem Haupt erhoben. Der linke, etwas gebogene
Arm hält die Fackel an ihrem unteren Ende fest gefaßt,
während der noch höher erhobene rechte Arm sie an ihrem
oberen Ende mit schöner Handbewegung stützt; und das edle,
charaktervolle Haupt zurückgebogen, blickt der Titan mit
wartendem Verlangen zu den Bereichen hinauf, von denen
er den zündenden göttlichen Funken hernieder zu führen
denkt, in die noch unvollendete Gestalt des von ihm ge-
schaffenen Menschen, der in hermenartiger Gebundenheit, ihm
kaum bis an des Schenkels Hälfte reichend, sich an seine
linke Seite anlehnt. Von welchem Standpunkt man den
feinen, schlanken und doch so kraftvollen Männerkörper auch
betrachtet, immer erscheint er in gleicher Schönheit. Die
Art, in welcher der Leib sich von den Hüften aufwärts
emporhebt, die Bildung des ganzen Rückens, der Ansatz des
Nackens und des krauslockigen Kopfes, den ein weicher, eben-
falls krauser Vollbart einschließt, sind von unvergleichlicher
Schönheit. Selbst die etwas langen Beine tragen dazu bei,
den Ausdruck des gewaltigen Emporstrebens noch zu steigern.
Jeder Muskel, jeder Nerv sind gespannt und auf das eine
Ziel, auf die Erreichung des Zweckes gerichtet, und doch ist
Nichts gewaltsam in dem Akte. Man meint, diese Gestalt,
dieser Mann brauche nur zu wollen, um sich über die Erde
emporzuschwingen, zu dem Urquell des Lichtes und des
Feuers, brauche nur zu wollen, um zu erreichen, was er be-
gehrt. Es ist kein Riese, kein Herkules, es ist eben ein

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Titan. Der ganze Körper erscheint nur als die Hülle eines
göttlichen, selbstgewissen Geistes, als der Ausdruck des
mächtigsten, leidenschaftlichsten Wollens und Vermögens. Man
kann sein Auge nicht losreißen von der Gestalt; und nie
zuvor habe ich vor einem anderen antiken Bildwerk es sa
lebhaft empfunden, als vor diesem Prometheus, welches die
Elemente sind, die das vollendetste Können der fernen Ver-
gangenheit mit unserem tiefsten Erkennen und Empfinden eng
und sgmpathisch verbinden. Es ist ein erhabenes, in seiner Art
einziges Werk, abgesehen davon, daß es, so viel ich weiß
und von Unterrichteteren gehört habe, die einzige Prometheus-
Statue ist, die auf uns gekommen. In Gemmen soll ein
ähnliches Motiv vorhanden sein.
Eben so einzig in ihrer Art, wenn schon nicht griechißche,
sondern römische Arbeit aus später Zeit, ist die schöne, eben-
falls über Lebensgröße, sitende Gestalt einer Frau, unter
deren Sessel eine große Dogge gelagert ist. Nur von der
Seite sichtbar, hebt des Thieres starker Schweif an der einen
Stelle das Gewand der Ruhenden ein wenig in die Höhe,
und bringt auf diese Weise eine anmuthige Bewegung in den
sonst ganz regelmäßigen und ruhigen Faltenwurf des Kleides.
Ich glaube nicht, daß noch eine ähnliche Darstellung vor-
handen ist.
Eine Venus aus der Galerie Giustiniani, in keuschem,
leichtem Zusammenschauern; die Statue des Hortensius in
seiner Villa zu Laurentum gefunden; eine sitzende Livia als
Kaiserin thronend, das Diadem auf dem Haupte, den Schemel
unter den fein gekreuzten Füßen; der aus der Sammlung der
Caetani Ruspoli stammende, sogenannte Filosofo di Ruspoli
(eine sitzende, griechische Männergestalts sind nie zu vergessen,
wenn man sie einmal in sich aufgenommen hat. Aber
während ich mich in diesem Augenblicke erinnernd in die

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Stunden zurückversetzte, die ich in den stillen, einfachen und
von der Kunst geweihten Räumen verweilen konnte, finde ich,
daß es eben unmöglich ist, in flüchtigen Skizzen, wie ich sie
Ihnen bringen kann, auch nur annähernd eine Vorstellung
von demjenigen zu geben, was man selber in dem Verlauf
von ein paar Vormittagen kaum in sich aufzunehmen
fähig war.
Die Hauptsache ist, daß durch den Kunstsinn des fürst-
lichen Sammlers in Rom eine neue höchst merkmürdige
Antiken-Galerie zusammengebracht, daß herrliche Werke der
alten Kunst für die beglückende Betrachtung der kommenden
Geschlechter aufbewahrt worden sind.
Dabei hat das Durchwandern dieses Museums mir den
Gedanken gegeben, daß vielleicht in keinem anderen, so wie
in diesem, die Mittel vorhanden wären, es nachzuweisen, wie
in den späteren Zeiten mehr und mehr das Individualisiren
nicht nur der Göttergestalten, sondern auch das Ausdrücken
des Persönlichsten in und an den Portraitstatuen zugenommen
hat, bis jener Nebergang sich vollzogen hatte, den man in
der Malerei als das historische Genre zu bezeichnen pflegte.
Selbst die herrliche Statue des Prometheus mit der neben
ihr stehenden halbfertigen Menschengestalt, vor deren Füßen
noch ein Theil des Thonklumpens sichtbar ist, aus dem ihr
Schöpfer sie geformt hat, ist wohl dieser Auffassnng ent-
sprungen.
Ein Apoll hat neben dem schlangenumwundenen Dreifuß,
den Bogen, den Greif zur Seite. Eine außerordentlich schöne
Minerva, herber und jungfräulicher im Ausdruck des feinen
Kopfes als die kapitolinische und die vatikanische, die in
Gypsabgüssen zur Vergleichung neben ihr aufgestellt sind, hat
einen volllaubigen Delbaum zu ihrer Rechten, in dem die
Eule nistet. Ist dieses Letztere nicht eine Restauration,

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welche man dem ursprünglich vorhandenen Stamme des Dels
baumes aufgesett hat, so wäre diese Ausschmückung eben s
auffallend, wie der unter dem Sessel der vorhin erwähnten
Frauengestalt hingelagerte Hund. Eben so eigenthümlich ist
eine Herkulesgestalt. Sein troyig zur linken Seite erhobenes
Haupt ist mit dem Löwenfell derart bedeckt, daß die Löwenzähne
ihm einen Stirnreif gleich einer Krone bilden, während er
auf und in dem Löwenfell, das ihm über den linken Arm
herniederhängt, den Sohn trägt, der sich fest und sicher auf
ihn stütt.
Es ist eine Fülle neuer, höchst anziehender und zum
Nachdenken einladender Eindrücke, die man aus dem Museum
Torlonia mit nach Hause bringt. Aber - in zwei, duei
Tagen gehe ich fort von Rom. Meine Zeit ist mir heute
schon sehr knapp bemessen.
Wenn das Blatt in Ihre Hände kommt, habe ich Rom
bereits verlassen; und wenn ich von Rizza niederschaue auf
das blaue Meer, wird es, wie in dem italienischen Volks-
liede, auch für mich wohl heißen: eol gensiero in Koms
sto! gMit dem Gedanken bin ich in Romz, und ich kehre
auch mit meinen Mittheilungen sicher noch oftmals dorthin
zurück.