Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 24

= Z? -
liernnlzuallzhgs-=- ==s-
s-K=- ssss
Eängs dem Ufer.
Nizza, im Mai 178.
Es war Mittag und heller Sonnenschein, als ich am
1. Mai den Wagen bestieg, der mich in Rom von meinem
Hotel nach dem Bahnhof bringen sollte. Am Ende der Straße
streifte das Licht den Obelisk, der auf dem Monte Pincio
oben an der spanischen Treppe aufgerichtet ist. Weil ich ihn
alle Tage gesehen hatte den ganzen Winter hindurch, siel
mir's kaum ein, daß ich ihn am nächsten Morgen nicht mehr
sehen, daß ich ihn vielleicht nie mehr wieder sehen würde. Ich
fühlte mich mit Rom so eng verwachsen, daß mir gar nicht
zu Muthe war, als ginge ich wirklich fort. Nimmt man es
doch als einen unverlierbaren Gewinn in seiner Seele für
alle Zeiten mit sich.
Der Zug war aus dem Bahnhof hinausgefahren, die
Freunde, die mich geleitet hatten, waren zurückgeblieben. Eine
um die andere entschwanden die mächtigen Kirchen, die schönen
Villen, in denen ich so oft geweilt, vor meinen Blicken. Es
rührte mich gar nicht. Ich fühlte mich immer noch in Rom;
und rührend ist Nichts an Rom, dazu ist es zu ernsthaft.
Die weite Ebene der Camwagna that sich vor uns auf.
Das hohe Gras wogte leicht im Winde. Hier und da ein
verfallenes Castell, hier und da ein antiker Grabstein, ein
antiker Trümmerhaufe. Hier und da eine aus Canna gebaute
Hütte, die eben so gut in Lappland oder unter dem Aequator
stehen könnte. Große Herden weißer Rinder, die ihre mächtig
gehörnten Köpfe langsam nach dem vorüberbrausenden Zuge

= Z1F -
wandten. Ziegenherden, Schafherden, große Herden von
Rossen, die in wildem Laufe über die Fläche jagten, wenn
das Schnaufen der Lokomotive ihr Ohr erreichte. Ein Hirt
mit der Lanze in der Hand, vor einem alten Gemäuer schla-
fend; ein anderer Hirt auf raschem Pferde, von seinen lang-
haarigen Hunden in weiten Sprüngen gefolgt - und tiefe,
tiefe Stille! Das war immer noch Rom!
Allmählich aber erhob sich der Boden zur Rechten. Hügel
mit Gestrüpp besetzt, Eichen, Pinien in verkrüppelter Gestalt.
Auf dem dunklen Grün des Mastix und Wachholders dicke
Büsche goldig gelben Ginsters. Zur Linken zog mit weißlich
grauen Wolken feuchte Luft heran. Canna wuchs aus sum-
pfigem Boden hoch empor, und ganze Flächen waren übersget
mit den bräunlich und weißgestreiften Glocken des Asphodelos,
der Todtenblume der Alten, von der mir Freunde einmal im
Winter ein Exemplar aus den Wäldern von Ostia mitge-
bracht hatten.
Der Himmel hatte sich bewölkt, als wir uns dem trau-
rigen, grauen EivitaVecchia nahten. Das Meer that in
fahlem Glanze sich vor uns auf. Es fing zu regnen an, Luft
und Meer verschwammen ineinander. Der Abend war her-
niedergesunken, es war kalt und schaurig. Wir schlossen die
Fenster des Waggons. Es regnete die ganze Nacht. Die
Rufe der Conducteure: Orbitello, Livorno, Pisa! klangen
durch das Dunkel. Nun fiel mir's auf das Herz. Ich war
schon fern von Rom, und ich war traurig, recht von Herzen
traurig!
Da, mit dem ersten hellen Tagesscheine leuchtete das
Meer vor meinen Blicken auf! Das Mittelländische Meer,
aufathmend in leise sich hebenden Wellen dem jungen Tag
entgegen, in lichtdurchfunkelter Bläue. Und wenn auch fern
von Rom, schön war es dennoch auf der Welt!

= Z1 -
Das war La Spezia, das war Rervi mit der schönen
Vila Gropallo, in der wir einst, Stahr und ich, einen ganzen
Nachmittag, auf umgelegtem Bote sitzend, in frohem Natur-
genuß still verträumt. Nun stieg sie empor, die Meer-
beherrscherin Genova la Superba, auftauchend aus den Fluthen,
sich erhebend am Bergesrand mit ihren Kirchen aus zwei-
farbigem Marmorgestein, mit ihren buntbemalten Häusern,
mit ihren von Cypressen umgebenen Palästen, mit den rosen-
roth getünchten Villen und mit den Olivenwäldern, die sie
rings umgeben. Das war der Palazzo Doria. Das war
Pegli, mit der phantastischen orangenfarbenen Villa Pala-
viccina. Ach, es war Alles wie vordem, nur schöner noch,
denn ich hatte Genua nur immer im Hochsommer und im
Herbstesanfange gesehen, und jettt schmückte der Frühling es
mit seinem Glanze!
Wie im Fluge ging es vorüber an Savona, auf das die
Schneegebirge der Apenninen niederschauten; an San Remo,
Bordighera, an Mentone, alle hingelagert an dem langsam
sich erhebenden Gestade, alle umflutet von des Meeres Hauch,
von dem Duft der blühenden Orangengärten, alle voll schmucker
Villen, voll glänzender Hotels, alle lachend und zum Verweilen
ladend.
Dann auf stolzem einzelnen Felsblock in das Meer
hineinragend, das feste Schloß von Monaco mit Wällen und
mit Thürmen, und endlich Nizza, funkelnd in der Mittags-
sonne Glut!
Man hatte mir von Rizza viel erzählt, hatte es mir in
jedem Sinne angepriesen, ich hatte Ansichten von Rizza oft
genug gemalt gesehen, aber ich fand weit mehr, als ich er-
wartet hatte. Zwei, drei Tage hatte ich zu verweilen gedacht,
aaaErr :R

-= ZZß -=
schönsten und morgen war's noch schöner. Man athmete ein
mal den Süden und die Meeresfrische und den Blumenduft
in aller ihrer Herrlichkeit.
Der Golf, an welchem Rizza liegt, ist in weitem Bogen
von zwei Vorgebirgen eingeschlossen, die ihn wie Arme rund
umspannen. Auf dem östlichen Vorgebirge liegt das befestigte
Villafranca, auf dem westlichen das ebenfalls befestigte Antibes.
Die Feuer in den beiden Leuchtthürmen machen den Halbkreis
auch am Abend kenntlich. Hinter Nizza steigt das reich be-
waldete Vorgebirge auf, überragt von den schneebedeckten
Gipfeln der Apenninen, und von den Bergen kommen die
Ströme, der Palione mitten durch die Stadt, der Magnan
im Westen derselben, und weiterhin der Var, der früher die
Grenze zwischen Frankreich und Jtalien bildete, zum Meer
hernieder, während weit im Westen die breite Felsmasse der
Esterelles das Auge festhält, schön gezeichnet und gezackt wie
der Monte Pellegrino bei Palermo.
Das alte Rizza, das Nizza, in welchem Oelhandel und
Schifffahrt ihren Sitz haben, das am Hafen und um den-
selben gelegen ist, sieht der Fremde wenig. Es hat etwas
bürgerlich Wohlhabendes, etwas häuslich Behagliches mit ent-
schieden französischem Gepräge. Es liegt beträchtlich tiefer
als die neue Stadt, die, ganz auf und für die Fremden ein-
gerichtet, diesen einen Luxus und Bequemlichkeiten bietet, wie
sie, so dicht, so mit Vorbedacht aneinander gestellt, vielleicht
an keinem andern Orte zu finden sind. Und außer der
Villa Reale in Neapel, deren Baumgänge und Statuen am
Meere eben einzig sind, mag es kaum einen herrlicheren
Spaziergang am Meere geben, als den Quai von Rizza, die
Promenade des Anglais und die Promenade du Midi mit
ihren Palmbäumen längs des Weges, mit den in allen
Blumenfarben schimmernden öffentlichen Gärten in ihrer

-= ZZh -
Mitte, mit der langen Reihe der GasthofsPaläste und
Prachtvillen, mit den Bänken und Sitzen, die überall zum
Ruhen, zum Verweilen laden, wenn gegen den Abend hin die
Musik im Jardin Publigue ertönt, während die blauen Wellen,
leise an das Ufer schlagend, über die Kiesel hin verrinnen.
Jett im Mai waren die Gasthöfe am Meeresufer und
am Quai Massena, waren die fremden Luxusmagazine sammt
und sonders geschlossen, denn die Kurgäste verlassen Nizza in
ber Mitte des April. Die lange Reihe der auf das zierlichste
und zweckmäßigste eingerichten Seebadeanstalten, die mit ihnen
zusammenhängenden warmen Bäder und Turnanstalten, die
Wasserheilanstalten, die Schwimmschulen für Männer und für
Frauen, die Fechtschulen, Skating-Rings und irischen Bäder,
waren nur wenig besucht. Die Bäckereien, die englisches und
,echt russischesr Brod backen, hatten ihre Läden geschlossen.
Aber da die Stadt an sich belebt ist, war sie mit allem
Wünschenswerthen wohl versehen, und man hatte das Reich,
man hatte die bezaubernde Gegend, man hatte all das Blühen
und Duften halbwegs für sich allein. Und wms Blühen und
Duften heißen will, habe ich erst in Nizza recht erfahren.
Aus meiner frühen Kindheit war mir ein Bild im Ge-
dächtniß geblieben von der Dekoration der längst vergessenen
französischen Operette: Aline, Königin von Golkonda. Es
war gewiß eine recht geringe Dekoration gewesen, aber meine
kindliche Phantasie hatte sich an ihr berauscht, und ich meinte,
so etwas Herrliches an Blumenpracht könnte es auf der Erden-
welt nicht geben. In Nizza und an der Riviera von Villa-
franca bis über Cannes hinaus, namentlich aber von Nizza bis
Monaco und dem SpielortMonte Carlo hinauf, habe ich ein neues
Bild für Blumen und Blüthenpracht gewonnen, das alle
meine bisherigen phantastischen Vorstellungen weit hinter sich
zurückgelassen hat.
S. Le wald, Reisebriefe.

= ZZ -
Eines Morgens fuhr ich mit dem Berliner Landschaftge
maler Albert Härtel, der mich auf seinen Studientouren
freundlich mit sich nahm, in das Gebirge hinaus. Es steigt
dicht hinter der Stadt in Felspartieen rasch empor, die an
Großartigkeit und romantischer Bildung nur mit dem Sabiner-
gebirge zu vergleichen sind, vor denen sie noch den Ausbligg
auf das Meer voraus haben. Die Wege sind vortrefflich
gehalten, die zeltüberdachten, offenen, aus Korbgeflecht gemachten
Wägelchen recht für die Fahrt geeignet. Wir wollten nach
Villafranca hinunter. Gleich hinter Nizza steigt der Weg
empor. Orangengärten, so weit das Auge reicht, durchweg
mit Hecken von rothen, weißen, gelben Rosen eingefaßt. Hier
Orangenblüthen, dort reife Früchte in den Zweigen. Oel-
bäume, Palmen, Eukalypthusbäume, Weingerank, blühonder
spanischer Flieder und Jasmin, japanische Blüthenbäume, die
ich nie gesehen, mit dunkelvioletten Blumen überladen; das
deutsche Maßlieb und die Wolfsmilch in großen Büschen und
mit großen Blüthen, kaum als Altbekanntes zu erkennen, und
alle Wände an den Wegen, jegliches Gestein wie übersäet mit
den handgroßen, asterartigen, in allen Farben schillernden
Blüthen der verschiedenen Cactusarten.
An schönen Landsitzen vorüber, durch wildes Steingeklüft,
von welchem dunkle Pinienwälder ernsthaft niedersehen, geht
der Weg steigend und sich senkend auf und nieder, bis man
vlötzlich das kleine, freundliche Villafranca mit seinem
Hafen dicht vor seinen Füßen hat, und in rascher Fahrt am
Ufer hält. Zwei amerikanische Kriegsschiffe lagen in der Bucht
vor Anker. Okäes ok tbe lniteä States pazmaster war auf
einem Schilde über der Thüre eines Hauses zu lesen, von dem
das Sternenbanner flatterte. Unter einer Veranda von Wein-
laub und Glycinien, zwischen denen die Landesblume, die
Rose, nicht fehlte, saßen wohlgenährte amerikanische Marine-

= ZZ -
Pfsiziere in ihren tüchtigen, dunkelblauen Uniformen beim
Weine. Amerikanische Matrosen trugen in Körben Lebensmittel
nach den Booten; rothhosige Soldaten gingen nach dem Takt
ber Blechmusik zu ihren Verschanzungen hinauf. Offiziere
ohne Degen, mit Stöcken und Gerten in den Händen, standen
auf der Straße an ein paar geöffneten Fenstern, mit Frauen-
zimmern plaudernd, während Fischer, an hellen Wachholder-
holzfeuern zwischen ihren braunen Netzen auf dem Boden
kauernd, sich ihr Mittagsmahl bereiteten. Ein Maler hätte
die Scene nur abzuschreiben brauchen, um ein sehr anmuthiges
Bild zu gewinnen.
Den nächsten Tag nach Monte Carlo, dem letzten Zufluchts-
ort des privilegirten Spiels. Wie in die Gärten der Armida,
so verlockend führen die blühenden Wege von dem rosen-
umrankten Stationsgebäude nach dem Plateau hinauf, und
man sagt mir, daß während der Saison halb Nizza in be-
ständigem Auf und Nieder diesen Pfad zum Tempel der
Fortuna wandere. Schatten, Sonne, Blumen, Springbrunnen
in reizendstem Wechsel überall. Einige große, prächtige Hotels
und die Spielhäuser: das ist Monte Carlo. Die Lage, die
Vegetation, sind schöner als es sich beschreiben läßt. Die Spiel-
häuser und die dazu gehörenden Anlagen und Säle bleiben
hinter dem, was Baden-Baden und Wiesbaden der Art in
ihrer Zeit besaßen und als Erbe derselben noch besiten, weit,
sehr weit zurück. Ein Konzert, das wir hörten, war kaum
mittelmäßig, der Saal nicht elegant, das Kaffeehaus gut ver-
sehen, doch nicht eben lockend. Es waren nicht mehr viel
Leute da, aber man spielte doch noch stark. Unten, als wir
auf der Station des Zuges warteten, saß eine etwa fünfzigs
jährige Frau von noch immer auffallender Schönheit neben
Eatae
A

= ZZg -=
ließen vermuthen, daß sie dereinst wohl auch am Spieltisch
des Lebens großes Spiel gespielt. Ihre Wangen, ihre Augen
glühten in zorniger Röthe, ihr Busen hob sich unruhig. Reben
ihr saß ein junger Mann mit ziemlich nichtssagendem Gesicht
und sah stumm in die Weite. Er schien ihr Sohn zu sein.
Mit einem Male fuhr sie auf: In der Weise, in der Du's
treibst (sie sprach französischs la kortune äes Rotbsebilä
sepniserait! Er antwortete nicht darauf. Ein eleganter älterer
Mann, der auch nach Nizza zurückkehren wollte, trat zu den
Beiden heran. Nun, fragte er, haben Sie ,Chance'' gehabt?
Eine schöne Chance, entgegnete die Frau, der Unglückliche hat
in einer Stunde fünftausend Francs verspielt! Das war
Monte Carlo. - Der Zuug brauste heran. Wir fuhren fgt,
sie auch; vermuthlich um am nächsten Tage zurückzukehren und
die bessere ,Chance'' zu erwarten.
An einem der folgenden Tage ging es hinein in das Thal
von St. Andrs. Gleich am Eingang desselben liegt wohl-
geschützt und wohlgehalten die Abtei St. Ponse, weiterhin die
ebenso herrschaftliche Abtei von St. Andre, von der abwärts
sich die Schlucht immer mehr verengt, bis zu der eigentlichen
Grotte des heiligen Andreas, aus welcher, wenn ich mich nicht
irre, ein wunderthätiger Luell entspringt. Es hat mit dieser
Anachoretenhöhle nicht viel auf sich, doch sieht sie immerhin
ernsthafter aus, als die kindische Nachbildung der Grotte von
Lourdes, welche Pius K. in den vatikanischen Gärten hat
ausführen lassen.
Oben von der Höhe des Monte Calvo sehen die Ruinen,
Häuser, Thore, und die Kirche von Villeneuve herab, einer wegen
Wassermangels von den Bewohnern verlassenen Stadt. So
öde, so kahl, so einsam ist die Gegend da oben, daß man, wer
weiß wie weit von Nizza, weit von aller Eivilisation zu sein
glaubt, und daß man erstaunt ist, wenn man sich gleich da-

==- ZZH -
neben wieder in bewaldete Gehege versetzt findet, wenn man
das Städtchen Falicone, ein echt italienisches Gebirgsstädtchen,
auf seinem Wege findet, und nun bald wieder, umschattet von
Wallnußbäumen, Platanen, Eichen und Pinien, rasch gen Eimis
hinabkommt, um abermals zwischen Orangengärten und Rosen-
hecken einzuziehen in die blühenden Bereiche von Rizza.
Nur der Wassermangel in den Strömen, der sich in Nord-
italien so vielfach bemerklich macht, ist auch in Nizza traurig
anzusehen. Der Magnan ist so völlig ausgetrocknet, daß man
in ihm spazieren gehen könnte. In dem Palione, der Nizza
durchschneidet und dessen breites Bett majestätische Brücken
überspannen, klopfte man Teppiche und Möbel aus, während
an den wenigen Stellen, in welchen das Wasser sich spärlich
gesammelt, Wäscherinnen im Flußbett still und gemächlich ihr
Wesen trieben und gleichzeitig auf den Kieseln ihre Wäsche
trockneten und bleichten.
Dafür aber geht es am Morgen an dem linken Ufer des
Palione, an dem von herrlichsn Platanen beschatteten Boule-
vard Charles Albert und Boulevard du PontNeuf, der sich
gegenüber dem Luai Massena hinzieht, um so munterer zu.
Nizza ist die Vaterstadt Massena's und hat ihm auf einem
nach ihm genannten Plate eine Statue errichtet. Auf diesen
beiden Boulevards wird alltäglich, selbst am Sonntage, der
Blumen- und Gemüsemarkt von Nizza abgehalten, und ihn zu
besuchen ist eine immer neue Lust. Sträuße von einer Pracht
und Herrlichkeit, wie selbst Paris und London sie nicht kennen,
die Fülle aller Rosenfarben und ganze Bündel von Orangen-
blüthen naturwüchsig zusammengebunden, mit Blumen aller Art
gemischt, kauft man für so viel Centimes als man bei uns
Mark und mitunter auch Thaler dafür bezahlen würde.
?r ar r

== ZFss -
kann; und zwischen den Rosen und Nelken und zwischen den
Blüthen der Akazien und den Blüthen des Eukalypthus, die wie
Passionsblumen anzusehen sind, liegen sie in dieser Jahreszeit
aufgestapelt die Artischoken, die grünen Erbsen, die Bohnen,
der Salat, die Kirschen, die Orangen, die Erdbeeren aus Gar-
ten und aus Feld, die getrockneten Feigen und der grüne Kohl,
die Traubenrosinen und der Spinat, die feinen getrockneten
Pflaumen und der Riesenblumenkohl, der Broccoli und die
Frucht des Brodbaumes und die Cocosnuß. Hier reicht Einer
die langen, an Schnüren aufgereihten, wie Apfelsinen großen
Zwiebeln und den weißglänzenden Knoblauch her, dort bietet
ein Andrer Körbe voll. Ananas und Datteln zum Kaufe an,
und das Alles ist so frisch, das Alles ist jedes in seiner Art
so vollkommen ausgebildet und so billig, daß das Herz einer
Hausfrau seine Freude daran hat und das Auge sich nicht satt
daran sehen kann, während man in dem Duft der Blumen
schwelgt, die man in den Händen mit nach Hause trägt.
Abends ist es jett, wenn die Musik im Jardin Public zu
Ende ist, am Meeresufer still und einsam. Auf den Bänken
am Quai des Anglais sitzen nur wenig Leute, man kann die
Stadt vergessen, in der man sich befindet. Nur das Meer hat
man vor Augen. Kein Schiff zieht vorüber an dieser Seite,
kaum daß eine Barke sich auf den Wellen schaukelt. Der
Mond stand in diesen Tagen immer hell am Himmel, leichtes
Gewölk durchziehend, wenn er aufstieg. Man sagte, da wo
das Gewölk sich sammelt, da liegt Corsica, und weiter hin
in fernen Bogen ziehen die Schiffe, die das Meer befahren,
nach Afrika, nach Indien, weit, weit fort, und die Leuchtthürme
zeigen ihnen ihren Weg, die Leuchtthürme - und die Sterne,
die wir so gern unsere Gefährten, unsere treuen Gefährten
nennen, weil wir zu ihnen hinaufgeschaut in der Sehnsucht
unserer Jugend, in Glück und Leid, weil wir nach einen

-- ZF? -
Festen, einem Dauernden verlangen, in der Vergänglichkeit,
der sie unterliegen so wie wir. Es träumt sich sanft im Mon-
denlicht am stillen Meeresufer.
Wenn es dann stärker zu rauschen begann vom Meer,
wenn die verspritzenden Wellen heller flimmerten im Monden-
schein und es kühler ward, daß wir, an den Heimgang gemahnt,
uns vom Meere in die Stadt zurückwandten, so sahen wir,
wenn wir in die Rue du Paradis eintraten, guer über der
Straße an Schnüren, die von einer Häuserseite zu der andern
hinüberreichten, bunte Papierlaternen aufgehängt. Die Lichter
spielten an den Wänden, Knaben brannten kleine bengalische
Flämmchen auf dem Boden ab. Die ganze Straße war voll.
kleiner Buben und voll kleiner Mädchen, junge erwachsene
Frauenzimmer mischten sich unter sie. Man sang, man tanzte
einen Abend wie den andern in harmloser Lust. Die Bür-
gersleute und ihre Frauen standen vor den Häusern und sahen
dem Spiele zu.
Man tanzte, sich in großem Kreise bei den Händen hal-
tend, la Ronde, man sang in provenzalischem mir unverständ-
lichem Dialekt die Rose und die Nachtigall in immerwieder-
kehrenden Refrains, denn: Lozer-rors, Klacame, a'est ls mois
cs ai! Sehen Sie, Madame, es ist der Monat Mai, sagte
man mir auf meine Frage.
Es war der Monat Mai, der Mai in Nizza, hart an der
Grenze der Provence, der die Ministrels und die Troubadours
entstammen! Und sie haben es noch nicht vergessen, daß sie im
Lande der Lieder, daß sie die Kinder der Provence, des rosen-
duftigen Südens sind. Es war ,le mois äs Aui!n