Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 25

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Freskenbilder in Rom.
Nizza, den 1. Mai 1t7A.
Es giebt kaum einen besseren Ort, sich in der Stille aus-
zuruhen, als dies paradiesische Stück Erde an dem purpurnen
Meere, wenn die Tausende von Gästen, welche hier während
der Wintermonate die Gunst des milden Himmels suchten und
genossen, die Stadt verlassen haben, wie in diesem Augenblick
Stille Straßen, Stille in den von Fremden fast ggns
leeren Hotels, am Morgen Stille und Einsamkeit in dem
öffentlichen Garten und an dem herrlichen Spazierweg längs
dem Meere. Gar Nichts, was uns antreibt unsere Ruhe zu
unterbrechen! Keine Kirchen, die man durchaus besehen muß,
keine Paläste, keine Museen! keine Ateliers! = Nichts als
die große, weite Natur! Aber welch eine Natur! welch ein
Licht und welcher Meereshauch inmitten dieser Wärme!
In Rom lebt man eigentlich immer mit einem beschwerten
Gewissen und mit dem stillen inneren Vorwurf, seine Schuldigs
keit nicht recht zu thun, weil man so viel des Großen und
Schönen an sich ungenossen vorübergehen lassen muß. Ja ich
habe mich manchmal darauf betroffen, halbwegs zufrieden zu
sein, wenn irgend eine Galerie verschlossen oder nicht mehr
für die Fremden zugänglich war. Das galt namentlich von
der Galerie im Palazzo Sciarra auf dem Corso, in welchem
sich unter anderen Schätzen der herrliche Violinspieler von
Rafael und die Bella äi Tiriano befinden, und von der Far-
nesina, mit ihren wundervollen Fresken von Rafael und
Sodoma.

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Früher konnte man die Galerie im Palast Sciarra in
jeder Woche einmal sehen, und die Farnesina war den Fremden
an dem ersten und fünßßehnten jedes Monats zugänglich. Was
bie Familie Sciarra, die durch Erbstreitigkeiten und Zwistig-
keiten in sich vielfach beunruhigt sein soll, bewogen hat, den
Kunstsreunden den Zutritt zu ihrer Sammlung zu erschweren,
weiß ich nicht. Aber es bedarf jetzt einer besonderen Für-
sprache von Personen, die mit dem fürstlichen Hause befreundet
sind, um den Einlaß zu erhalten, der mir und den Meinen
denn auch einmal, und natürlich zu unserer großen Freude,
gewährt worden ist.
Mit dem spanischen Herzoge von Ripalta, dem gegen-
wärtigen Besitzer der schönen Farnesina, hat es aber ein
anderes Bewandtniß. Man hat ihm, und wie er behauptet
unnöthiger Weise oder mindestens sehr vorzeitig, den schönsten
schattigsten Theil seines bis zu dem Tiber hinunterreichenden
Gartens expropriirt, weil man ihn für die TiberRegulirung
zu bedürfen geglaubt hat. Dafür rächt sich der Herzog an
den Stadtbehörden von Rom, indem er sein Eigenthums-
und Herrenrecht in seinem Hause strenger als die früheren
Besitzer desselben geltend macht.
Verdenken kann man es Niemandem, wenn er das, was
er als freies Eigenthum für sich erworben, für sich allein und
auf seine Weise genießen will. Aber wo ungewöhnliche
Mittel und ein sie begünstigendes Zusammentreffen von Um-
ständen einem einzelnen Menschen, oder einer Familie, einen
ganz einzig dastehenden Besit zugänglich machten, ist es eine
Pflicht jener Gesittung, die wir, viele Vorstellungen in dem
einen Worte zusammenfassend, als Humanität bezeichnen, auch
anderen Menschen jenen flüchtigen und doch so nachhaltigen
und fruchtbringenden Mitgenuß dieses Schönen zu verstatten,
wie die Betrachtung desselben ihn gewährt, ohne dem Besitzer

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Etwas damit zu rauben. Sich mittels der Abweisung der
Fremden an den Stadtbehörden von Rom zu rächen, ist immer
eine sonderbare Logik. Da jedoch alle Regeln nur um der
Ausnahmen willen gegeben zu werden pflegen, so macht auch
der Besitzer der Farnesina zu Gunsten der Fremden eine ge-
legentliche Ausnahme und erlaubt ihnen den Besuch seines
Palastes, wenn Personen seines näheren Bekanntenkreises sich
bereit finden lassen, diese unter ihren Schutz zu nehmen und
sie selber nach der Farnesina hinzuführen.
Der freundliche Schutz von Frau von Heimerle ist es ge-
wesen, der mir in den letzten Wochen, während deren ich in
Rom verweilte, den Eingang und Zutritt in die Farnesina
auch in diesem Jahre eröffnete, und ich hatte dabei Gelegenheit,
eine mir neue und wichtige Erfahrung zu machen.
Als wir in dem Winter von 115 bis 1846 und dann wieder
in dem Winter von 166 bis 16? in der Farnesina gewesen
waren, hatte sie sich noch im Besitz des Königs von Reapel
befunden, der sie auf neunzig Jahre an den spanischen Herzog
von Lema vermiethet hatte, und sie war damals in traurigem
Verfall gewesen. Ich erinnere mich nicht irgend ein mit
Geräth versehenes Zimmer in der ganzen Villa bemerkt zu
haben. Die Säle und Galerien waren öde und leer wie die
Erde am Tage ihrer Entstehung, oder wie die St. Paulskirche
in London, die mir immer als ein trostloses Urbild von Leere
vorgekommen ist. Wände, deren ursprüngliche Farbe nicht
mehr zu erkennen war, und von denen die Verputzung nieder-
fiel. Die Fußböden ausgetreten, die Fenster verblindet. Und
mitten in diesem Verfall, in der Vorhalle und in dem ersten
Saal des Erdgeschosses, Rafael's Galathea und seine Geschichte
der Psyche. In dem oberen Stockwerk, in Zimmern, in denen
mit Ausnahme der Deckenverzierungen auch Alles fürchterlich
verwüstet war, Giulio Romano's herrlicher ovidischer Fries

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und Sodoma's entzückende Hochzeit Alexgnder's und Roxgnens.
Der Abstand konnte gar nicht größer sein!
Jn einer der Täuschungen, in welche man so leicht ver-
fällt, wenn man ,glaubt und meint'', wo man gesehen haben
müßte, wenn man an Eindrücke, die mit den Sinnen auf-
gefaßt sein wollen, mit dem Verstande herantritt, hatte ich
mir damals eingebildet, die Kunstwerke müßten, eben in diesen
leeren Räumen, neben den grauen Wänden, ohne irgend eine
Umgebung, welche von ihnen abziehen konnte, uns noch schöner,
noch leuchtender erscheinen, als die Gäste Agostino Chigis sie
bei den Festen gesehen hatten, welche jener kunstliebende
Handelsherr, der Bankier Leo's K., der sich diese Villa zu
Anfang des sechzehnten Jahrhunderts erbaute, in derselben mit
königlicher Pracht zu veranstalten gewohnt war.
Stahr aber schüttelte zu meinen damaligen Vermuthungen
ablehnend das Haupt. ,Die Leute wußten, was sie thaten!'
sagte er. ,ergiß nicht, daß sie in einer Farbenpracht und
Farbenfülle lebten, von denen unser in schwarzer und grauer
und mißfarbiger Kleidung verblaßtes Zeitalter keine Vor-
stellung mehr hat. Dieses dunkelrothe Gewand der Galathea,
die rothen Rücken in den Deckengemälden, die uns hier in den
verfallenen Räumen als Nebertreibungen von Giulio Romano
erscheinen, werden anders gewirkt haben in jenen Tagen, in
denen sie noch die Umgebung hatten, für die sie bestimmt
gewesen sind. Ich möchte diese Galerie, diese Säle gesehen
haben, gegen den erleuchteten Garten hin geöffnet, lichterhell
oder im hellen Glanz des Tages; belebt durch eine Gesellschaft,
die sich in farbiger Tracht und reichem Schmuck genug zu thun
wußte, belebt von einer Gesellschaft, wie sie uns in den
Bildern von Veronese vor die Augen tritt! Da diese gött-
lichen rafaelischen Gebilde trotz des elenden Hintergrundes
noch auf uns so bezaubernd zu wirken vermögen, bin ich

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gewiß, daß diese Wirkung früher noch eine unendlich ver
schiedene und größere gewesen sein muß !' =-
Er hat leider die Farnesina in ihrer Wiederherstellung
nicht mehr gesehen, aber ich habe mich überzeugen können,
wie richtig er geurtheilt hatte. Denn obgleich es fast lächerlie
klingt, daß die Kunst eines modernen Tapeziers, daß nicht
eben schöne vergoldete Sessel, mit farbigen Seidenstoffen
überzogen, daß eigens für die Farbe dieser Räume gewirkte
Teppiche, daß Bronzekronen und Auffrischung der Bronzen
und des Nebensächlichen in der Stukkatur- und Wandverzierung
den Bildern eines Rafael zu Gunsten kommen können, so ist
das doch in der That der Fall. Vieles, was früher in den-
selben gegen die Nacktheit der Wände in der Farbe hart ünd
zu grell erschien, wird durch die farbige Umgebung gemildert.
Aber unverkennbar bleibt es trotzdem, daß hier durch die
Jahrhunderte hindurch starke Nebermalungen und vielleicht in
verschiedenen Zeiten durch verschiedene Meister immer neue
ebermalungen stattgefunden haben uüssen. Das ist ja auch
natürlich. Denn wie mild das Klima von Rom im Verhältniß
zu dem unseren uns auch erscheinen mag, so hat es seine
nassen Zeiten, hat es im Laufe von viertehalb Jahrhunderten
seinen Schnee und seine Witterungsunbill gehabt, die an den
Fresken der bis vor wenig Jahren offenen Halle ihr Zer-
störungswerk geübt haben. Ich glaube selbst die Galathee in
der zweiten Halle, an welcher Rafael die Hauptgestalt ganz
und vollständig selber gemalt haben soll, ist von der Zerstörung
und der durch sie bedingten verschiedentlich wiederholten
Nebermalung ebensowenig frei geblieben, ja von ihnen vielleicht
mehr noch betroffen worden als manche Theile in den Dar-
stellungen aus der Geschichte der Psyche.
Die Komposition in ihrer Meerluft athmenden Fröhlichs
keit und naturwüchsigen Frische ist dadurch glücklicher Weise

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nicht angetastet; indessen so ketzerisch es klingen mag, ich kann
mir nicht vorstellen, daß das rothe Gewand, welches, vom
Windhauch geschwellt, segelartig sich um Galathea aufbauscht,
gu Rafael's Zeiten und unter seinen Augen so schwermassig
ausgesehen haben soll als jett, wo es eines Sturmes bedürfte,
um dies Gewand in Bewegung zu setzen. Ich kann mir nicht
vorstellen, daß die Luft so wenig hell und luftig, das Meer
so einförmig grau und so wenig flüssig ausgesehen haben
sollen, daß die Füße der Seerosse kaum eine merkliche Spur
in dem Wasser hervorbringen. Und selbst an dem Kopf der
Galathee müssen, wie mich bedünken will, wenn ich ihn mit
anderen Köpfen von Rafael vergleiche, die mir in der Er-
innerung sehr deutlich sind, Nebermalungen vorgenommen
worden sein. Es ist für mein Auge - aber ich bescheide mich
leicht, daß mich dieses trügen kann - in dem Kopf der Gala-
thee etwas Kantiges, was z. B. die Nereide nicht hat, und das
selbst in den Köpfen der von Rafael gemalten Matronen
nicht leicht zum Vorschein kommt. Ich glaube, daß man sich
vor allen Freskobildern, wenn sie obenein wie diese in den
Hallen der Farnesina den Einflüssen der Luft ausgesetzt gewesen
sind, zunächst an den Gesammteindruck zu halten hat; denn von
dem, was sie gewesen sein müssen, an dem Tage, da sie zum
ersten Male das Auge der Betrachter erblickte, kann nur ein
schwacher Abglanz noch für uns erhalten sein.
Aber in allen Kompositionen von Rafael begegnet man
der wahrhaft griechischen Sinnesart, die nicht durch die Massen
Eindruck machen, sondern, in der gesonderten Gruppe die
Gesammtheit kennzeichnend, durch Beschränkung den Eindruck
nud die Wirkung zu erhöhen weiß. Es ist das - neben all
dem Anderen - eines der Kennzeichen, welches die neuere,
auf Rembrandt als ihrem großen Vorbilde fußende Realisten-
schule, die in Delacroix einen der größten Meister aller Zeiten

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sieht, von den Jdealisten unterscheidet, die in Rafael und-
selbst in den voxrafaelischen Malern ihre Vorbilder suchen. I
Ich bin auf diese verschiedene Art zu sehen gleich wiedee-
bei meiner diesmaligen Ankunft in Rom durch einen unserer -
bedeutendsten deutschen Maler hingewiesen worden, der eine
Zeit hindurch in Rom verweilte. Auf das Urtheil französischer
Kunstkritiker und Touristen gestützt, nannte er Rafael, nicht
nur im Vergleich zu Rembrandt und zu dessen Nachfolgern, -
sondern selbst im Verhältniß zu den neuen Franzosen und
namentlich im Vergleich zu Delacroix, ,unbelebt und kalr!.
Rafael. sollte nur Akte gemalt haben, nirgend sollte sich in ihm
wirkliche Handlung, nirgend der Ausdruck großer Leidenschaft !
finden, nirgend ein Ereigniß mit der ganzen Fülle der Natur-
wahrheitwiedergegebensein.DerganzeDelacroixFanatismus,
der im Jahre 15ö zur Zeit der ersten großen französischen -
Ausstellung in Paris im Schwange gewesen war, und alle.
die oft sehr heftigen Erörterungen jener Tage kamen dabei
wieder zur Sprache.
Das eigentliche Hauptstück der damaligen DelacroixAlus- -
stellung war ein Gastmahl bei irgend einem Herzog oder Bischof
von Brabant, der bei diesem Gelage ermordet wurde. Ein-
wildes, wüstes, vor Qualm- und Lichteffekten kaum zu unter-
scheidendes Durcheinander war es in der That. Man stand
verblüfft davor und sah es an; und ward noch verblüffter
vor der Kritik, die von einem Bilde zu dessen höchstem Lobe
sagen mochte: ,sla sgars, osla bruls, esla sns, oela pas !!
Grade auf dies Bild wird von den Realisten auch jett noch
hingedeutet, um zu beweisen, daß die Constantins-Schlachht,
in der ein so wunderbar bewegtes Ringen herrscht, während -
das Auge doch die geschickte Gliederung der Massen bald durchs
schaut, gar keine Vorstellung von einem Kampfgewühle gebe;
daß in den Stanzen im Brand des Borgo Alles unglaublich,

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gelassen und friedlich vor sich gehe; daß die ganze Masse des
Volkes, die dabei betheiligt sei, sich aus einem Dutzend Figuren
gsammensetze, und daß von dem Feuer eigentlich gar Nichts
zu merken sei. -
Aber wirkt denn Viel in Wahrheit viel? - und was ist
es, das der gebildete Mensch von der Kunst ewwartet? oder
soll man sagen, was die Menschheit überhaupt für ihre Bildung
von der Kunst zu erwarten hat? - Und damit sind wir denn,
gleich wieder auf dem Punkt angekommen, der die beiden
Richtungen von einander trennt. Ich aber brauche wohl nicht
zu sagen, wohin mein Sinn sich neigt.
Wenn man vor manchen von Rafael's Arbeiten die maß- -
volle Bescheidenheit der Mittel, welche er anwendet, mit der -
Wirkung vergleicht, die er auf die Menschen durch Jahrhunderte
hervorgebracht hat, so sollte man denken, dies spreche klar und
entschieden dagegen, daß das Höchste in der Kunst durch die
direkteste Wiedergabe des wirklichen Vorganges geleistet werden
könne. Wäre das Letztere der Fall, so würde der wahrscheinlich
nicht ausbleibende Nachfolger Daguerre's, der es zu Wege
brächte, einen Vorgang, während er geschieht, in voller Lebens-
größe farbig zu photographiren, der größte Künstler aller
Zeiten sein. Die todte Maschine würde die Stelle des künst-
lerischen Genius einnehmen, der größte Chemiker würde der
größte Künstler sein. Und befremdlich ist mir eine solche An-
schauungsweise gar nicht, seit mir ein eifriger junger Physiolog
einmal auseinander setzte, daß man aufhören würde, Gedichte
zu machen und Romane zu schreiben, wenn die Erkenntniß
erst eine allgemeine sein werde, daß all' unser Denken, Em-
pfinden, Lieben, Hassen und Begehren gar Nichts wären als
vhysiologische Vorgänge, von denen es gar nicht der Mühe
verlohne, viel Aufhebens zu machen, weil alle Geschöpfe, wenn
auch in geringerem Maße, sie mit uns gemein hätten. Und

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er schien nebenher von dieser Erkenntniß einen großen Ford-
schritt für die Entwickelung der Menschheit zu erwarten.
Mir ist es vor den antiken Statuen und Reliess,
namentlich aber vor den Bildern von Rafael immer vorge-
kommen, als offenbarte sich in ihren Werken am deutlichsten
jenes eigentliche Wesen der Kunst, das darin besteht, mit maß-
vollstem Aufwande von Mitteln in unserer Seele die vol
ständige Vorstellung des Vorganges zu erwecken, der die Seele
des Künstlers beschäftigte, und uns in den immerhin beschränkten
Andeutungen desselben die ganze Fülle dessen, was der Künstler
innerlich erschaute, nachempfinden zu machen. Ja ich glaube,
daß man mit dem Wiedergeben der vollen Wirklichkeit, welches
jene oben erwähnte Photographir-Maschine denkbarer Weise
leisten könnte, die menschltche Phantasie allmählich zu Grunde
richten würde, wie der Kanonendonner einer Schlacht das
Gehörvermögen lähmt. Die Kunst, welche uns die Wirklichkeit
so ganz und voll vor Augen stellte, daß wir sie nur anzusehen,
anzustaunen hätten, würde uns jenes unbewußten Mitschaffens
berauben, welches das von dem Künstler idealistisch erfaßte
und darum idealistisch wiedergegebene Bild des Lebens in uns
anregt. An die Bilder der modernen Realisten denkt man,
je nachdem, mit Lust oder Unlust zurück; aber wenn ich von
mir auf Andere oder auf die mit mir gleich Empfindenden
schließen darf, deren es ja wohl geben wird, so beschäftigen sie
uns weniger als die Darstellungen maßvoller Schönheit; und
eben darum behalten wir diese fester in der Erinnerung, ver-
gessen wir jene leichter.
Es ist ganz gewiß, daß die Mehrzahl der gegenwärtigen
Maler eine Feuersbrunst anders darstellen würde, als Rafael
es in den Stanzen gethan hat. Das:
,Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtetr

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würde mehr zur Geltung gebracht werden. Aber einmal hatte
Rafael nicht bloß die Aufgabe eine Feuersbrunst, sondern
bie Beschwichtigung derselben durch den wunderthuenden Papst
zu schildern; und der nackte Jüngling, der sich in der Noth
von der Mauer herniederläßt, die Frau, die ihrem Manne
aus dem brennenden Hause das Kind zuwirft, der Sohn, der
den Vater aus den Flammen, die man hinter der Mauer
aufschlagen sieht, hinwegträgt, diese Einzelheiten geben uns
bie Vorstellung des Vorgangs, ohne uns quälend in ihn hin-
einzuziehen. Wir erleben eine Feuersbrunst, ohne ihre Pein
mit zu erleiden; sie wirkt auf uns, geläutert von dem Lualm
und von dem Rauch, von der Angst und Noth derjenigen, die
in ihr zu Grunde gingen. Irre ich mich nicht, so ist diese
maßvoll geläuterte Wiedergabe der Wirklichkeit die eigentliche
Aufgabe der Kunst; denn wirklich all die Tausende zu malen,
die in solchen Augenblicken der Noth verzweifelt durcheinander
stürmen, vermag kein Künstler. Horace Vernet in dem ge-
waltig großen Schlachtbild der Smala kann die Tausende von
Menschen, die dort kämpften, Delacroir, in dem Gelage in
Brabant kann die Hunderte, die einander dort die Köpfe ein-
schlugen, doch auch nur andeutend wiedergeben, und wenn
man den Begriff ,der Reinigung der Leidenschaften durch die
Kunst auf die bildende Kunst übertragen darf, so kommt es
mir vor, als ob dies neben den Alten Niemand vollständiger
geleistet habe als Rafael.
Wenn man, um bei Rafael zu bleiben,z. B. seine jett
in der Galerie des Palast Borghese befindlichen Fresken, die
Hochzeit Alexgnder's und Roxgnens darauf betrachtet, so ist
auch diese mit sehr geringen Mitteln uns geschildert, und doch
wie anmuthvoll' und wie natürlich! - Ich habe diese Fresken
dereinst noch an den Wänden des kleinen Hauses gesehen,
das man, vielleicht irrthümlich, die Casa Rafaela nannte, und
F. Lewald, Reisebriefe.

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das man sich gefiel, als den Ort zu bezeichnen, in welchem ee
mit der Fornarina sein Liebesglück genossen haben sollte. Die
Belagerung Roms im Jahre 149 zerstörte das kleine Haus,
die Fresken wurden durch einen glücklichen Zufall verschont
und in die Galerie Borghese hinüber gerettet.
Der Gestalten sind, wie gesagt, nur wenige auf dem
Bilde. Der schöne gliederschlanke Held in frischer Mamnes-
jugend wird von dem Freunde und dem Gott der Ehe zu dem
Brautgemache geführt. Er hat die Waffen abgelegt, Liebes-
götter treiben ihr Spiel damit. Roxgne, die in dem Besieger
ihres Volkes und Landes den eigenen Besieger zu empfangen
hat, der ihr die Krone bietet, wird von anderen Liebesgöttern
entkleidet. Das ist alles so sprechend, so wahr, so unschuldig
dargestellt, daß man die reine freudige Erregung mitempfindet,
die alle diese lebensvollen, lebensfrohen Gestalten wie ein
inneres Sonnenlicht durchleuchtet und erwärmt. Man lächelt,
wie Hephästion lächelt, man blickt bewundernd zu Alexgnder
hinüber, wie Roxane es thut; und wenn man daneben vor
diesen und anderen, der heidnischen Welt angehörenden Dar-
stellungen Rafael's sich seine christlich mythologischen Gestalten
vergegenwärtigt, wie bleibt sich in allen, welchem Geschlecht
und welchem Alter sie angehören mögen, trotz der Verschiedenheit
des Gegenstandes und der Auffassung, das Gefühl für die
Schönheit an sich, für das Maß und die geistige Keuschheit
durchweg gleich.
Die Schönheit in allen Köpfen des Rafaelischen Sposa-
lizio in der Brera zu Mailand, die Madonna von Foligno in
der Bildersammlung des Vatikan, die Sixtinische Madonna
in Dresden, die jetzt nach Petersburg verkaufte Madonna
aus dem Hause Conestabile Staffa in Perugia, die Ge-
stalten auf der Grablegung in der Galerie Borghese, selbst
die Köpfe der älteren Sibyllen, und wieder die Porträts, wie

- ZZ -
bas des schönen Violinspielers in der Galerie Sciarra, sie
alle sammt und sonders prägen sich uns durch ihre frische,
volle, lebenswarme Schönheit unverlöschbar in das Gedächtniß;
und denken wir an sie zurück, so ist es wie das holdeste
Erinnern an Jugend, an Unschuld, an Liebe und an hoffnungs-
reiches Glück. Man badet sich die Seele rein in dem Be-
trachten der Werke Rafael's. Er erhebt und adelt uns indem
er uns entzückt.
Und von dieser Keuschheit der Auffassung ist das vorher
erwähnte Gemälde Sodoma's die Hochzeit Alexander's und
der Roxgne, in dem oberen Stockwerk der Farnesina auch ein
erfreulicher Beweis. - Rafael hatte den Gegenstand ganz
antik gedacht und ihn für das kleine Kasino auch ganz antik,
fast mit der Einfachheit der pompejanischen Wandmalereien
ausgeführt. Sodoma hatte ihn für einen großen Raum in
einem Palast darzustellen. Er hatte ein großes Gemälde zu
machen, das obenein von zwei gegenüberliegenden großen
Fenstern sein scharfes Licht erhält. Das forderte mehr und
lebensgroße Figuren, forderte eine andere Komposition, eine
reichere Ausschmückuug und prächtigere Farben.
Das bräutliche Lager auf dem Sodoma'schen Bilde ist
mit königlicher Pracht geschmückt. Unter schwerem Thron-
himmel auf üppigen Polstern, reich gekleidet harrt die Er-
wählte des Königs. Er tritt ein. Sie richtet sich empor
und wendet sich nach ihm hin, ihn zu empfangen. Die leb-
hafte Bewegung macht die Schleier niedersinken, die sie über
sich geworfen hat; aber der Genius der Liebe hat das zarte
Gespinnst eben so schnell ergriffen, und mit zierlicher Hand
verhüllt er den Busen und die Schulter, welche die eber-
raschung der Jungfrau dem Blick des Siegers, ehe er es
begehrte, Preis gegeben hatte.
Es muß ein großes Glück sein, dauernd in Räumen zu
W