Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 27

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T=s- I
Die Ateliers von Vertunni, Antokolski und Epekiel
in Rom.
Nizza, den W. Mai 187s.
In dem Rückerinnern an das alte, uwwergleichliche,
geliebte, ungesunde Rom habe ich Ihnen neulich von der
Werkstatt eines nicht deutschen Künstlers gesprochen; ich will
auf dem Wege fortfahren und Ihnen, heute noch, ehe ich gen
Norden ziehe, von eines Jtalieners, eines Russen und eines
Deutsch-Amerikaners Atelier ein paar Worte sagen
Zunächst von Vertunni, der sein Atelier auch in der
Via Margutta hat. Er ist, nach dem Urtheil seiner Lands-
leute und der anderen Künstler, der erste unter den italienischen
Landschaftern, und daneben ein feiner, geistreicher und sehr
gebildeter Mann auf des Lebens schöner Mittelhöhe. Er hat
sich, wie fast alle neueren Jtaliener, nach den Franzosen ge-
bildet, aber mir erscheint seine Auffassung der Landschaft, soll
ich sagen, lyrischer oder sinniger als die der Franzosen, so
weit ich dieselbe kenne. Er hat viel von der Welt gesehen,
hat mit verständnißvoller Hingabe an die Natur ihre
wechselnden Erscheinungen in sich aufgenommen. Land und
Meer, Berg und Thal, Sturm und Sonnenschein weiß er,
immer stylvoll und immer deutlich zu uns sprechend, fein und
kraftvoll wiederzugeben. Ich habe orientalische Bilder von
ihm gesehen, die in ihrer gewagten farbengewaltigen Nach-
ahmung augenblicklicher Beleuchtungen an Hildebrand er-
innerten, und daneben so sanste, vom Sonnenlichte kaum
durchdrungene Frühnebel auf dem Meere, daß ein alter

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Niederländer oder daß Dücker sie auf seinen träumerischen
Marinen nicht naturwahrer gemalt hat. Dazu ist er auch
nicht einförmig in dem Format, ich meine nicht in der Größe
seiner Bilder, obschon nicht allen Malern so wie ihm kleine
und große Arbeiten gleich gut gelingen. Aber es liegt in
der Art und Weise der üblichen, regelmäßig oblongen Land-
schaftsbilder zuletzt, ohne daß man sich dessen immer klar
bewußt wird, etwas Ermüdendes. Es langweilt schließlich,
immer die Bilder von s Fuß Länge und S Fuß Höhe, oder
dies nämliche Verhältniß auf größere Dimensionen übertragen,
vor Augen zu sehen; und wenn dies auch nicht das Wesentliche
an der Leistung und dem Werthe eines Kunstwerkes ist, ist
es nicht ohne Einfluß auf den Antheil, welchen wir an dem-
selben nehmen.
Es begegnet uns ja oftmals bei unserm Wandern, daß
wir durch eine mäßige Weitung einen überraschenden und
eben, weil er eng umrahmt ist, um so schöneren Ausblick in
das Freie gewinnen. Es kommt vor, daß wir von einem
bestimmten Standpunkte eine verhältnißmäßig lang ausge-
dehnte Strecke vor uns sehen. Gelingt es dem Maler, uns
dies in einem Bilde, das beträchtlich höher als breit ist, oder
in einem Bilde, das, von der Regel abweichend, beträchtlich
länger als hoch ist, zu verdeutlichen, so trägt er zur Belebung
dessen, was wir in der Wirklichkeit gesehen haben, ganz
entschieden bei, und erspart uns die Langeweile des ewigen
s Fuß zu Fuß.
Vertunni hat diese Abweichung von dem Herkommen,
das so leicht handwerksmäßig wirkt, in vielen der Bilder, die
ich in der Reihe von Sälen gesehen habe, welche sein Atelier
ausmachen, mit großem Glücke ausgeführt. Auch in anderen
Werkstätten, wie in der unseres Landsmanns Lindemann-
Frommel, habe ich verschiedenformige schöne Bilder gesehen, die

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nach Karlsruhe und nach Paris gegangen sind. =- Leider
waren durchweg in diesem Jahre in den Ateliers mehr Bilder
anzutreffen, als den Künstlern lieb sein konnte, so sehr es uns
zu Statten kam. Die Zahl der Fremden war geringer als
in anderen Zeiten. Die Russen und ihre südwestlichen Grenz-
nachbarn fehlten. Auch Amerikaner waren weniger als sonst
in Rom, und die politischen Verhältnisse machten die Leute
zu Ausgaben nicht geneigt, die unterlassen werden konnten.
Dazu winkte aus der Ferne die Pariser Kunstausstellung, und
nach dieser sind denn auch viele der Bilder hingesendet worden,
an denen wir im Winter uns in Rom erfreuen durften.
Abgesehen aber von seinen Gemälden ist Vertumni's
Werkstatt eines der ausgewähltesten Museen für das Kunst-
handwerk, für das er Vorliebe hat, und dessen Herunter-
kommen in den letzten Jahrhunderten er auf die gesamnmten
politischen und sozialen Verhältnisse zurückführt. Die Unter-
haltung über diesen Gegenstand, in die wir uns völlig unge-
sucht und zufällig mit dem uns damals noch fremden und
tiefdenkenden Manne verwickelt fanden, zog mich eben so sehr
als seine Bilder an. Er hat seiner Zeit mit seiner Person
für die Befreiung seines Vaterlandes eingestanden, hat, wie
so Viele von uns, an die Möglichkeit geglaubt, große soziale
Umgestaltung durch guten opferfreudigen Willen rasch voll-
bracht zu sehen, und steht jetzt, wieder ebenso wie Viele von
uns, mit schmerzlichem Zweifel vor den großen Fragen, deren
Lösung, vor den Hoffnungen, deren annähernde Verwirk-
lichung die Zukunft der Menschheit noch zu bringen hat.
Ich habe in diesen Briefen schon einmal von der durch
die Jahrhunderte vererbten Handgeschicklichkeit, von der Kunst-
fertigkeit und dem feinfühligen Schönheitssinn der Römer
gesprochen. Vertunni's Sammlungen sind dafür ein herr-
licher Beleg. Denn von dem Betrachten seiner Arbeiten und
J. Lew ald, Reisebriefe.

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seiner Kunstschäte, seiner Truhen, seiner inkrustirten Möbel,
seiner schönen Teppiche und Waffensammlungen kommend,
findet man die Fortsetzung dieses künstlerischen Könnens an
allen Ecken und Enden. An allen Ladenfenstern hängen
Bilder, Aauarelle und Delgemälde jeder Art, von Jtalienern
gemacht, zum Kaufe aus. Es ist meist Mittelgut, es sinh
meist Veduten, kleine Genrebilder, einzelne Figuren in dem
und jenem Kostüm. Indeß die ganze große Menge dieser
malerischen Fabrikarbeiter - ich weiß sie nicht anders zu
bezeichnen - hat eine große Leichtigkeit im Skizziren, und
auch im fabrikmäßigen Kopiren sehr viel Sicherheit. Die
Preise dieser Dinge sind nicht hoch, selbst für unser Einen
nicht, und die Sachen sind doch immer danach angethan, in
unseren grauen Wintern uns das Auge zu vergnügen. Ihr
Himmel, ihre Farbenfülle giebt den Leuten kecke Farben.
Wenn ich manchmal Abends, an den Kunsthandlungen in der
Via Condotti vorübergehend, die dort ausgestellten, mit
blendendem Gaslicht effektvoll beleuchteten Bilder angesehen
habe, haben ihre dreiste Frische, ihre Farbe und die Gegen-
stände mich erfreut - obgleich ich sehr viel bessere Sachen
kannte und solche vielleicht an dem nämlichen Tage erst gesehen
hatte. Ich dachte dann immer an Regen und Schnee, an
lichtlose Wochen und Monate, und wie solch ein bischen
Farbe mir bei 1, 1 Grad Kälte die Seele erwärmen
würde!
Und nicht allein die Maler, auch die Tischler, Holz-
schnitzer, Inkrusteure, Stuckateure, die Bronzearbeiter und
Mosaikisten, die Gemmen - und Kameenschneider sind sehr
geschickt und arbeiten außerordentlich billig. Bilderrahmen,
Porträts in Muscheln geschnitten, wie alle in diesen Bereich
schlagende Dinge kauft man nirgend besser als in Rom.
Selbst die Leute aus dem Gebirge bringen die eigenartig

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gestickten oder gewirkten, halbwollenen Sciuciaren - Schürzen,
die sich zu kleinen Teppichen und Decken gut verwenden lassen,
für geringes Geld zu Markte; und wie der Verkäufer von
Apfelsinen oder Oliven und Kürbiskernen, aus angeborner
Lust am bunten Schmuck, ein paar grüne Zweige, ein paar
Hahnenfedern oder einige frische Blumen an seinen Korb und
an die Wagschale befestigt, so weiß jeder Verkäufer in Rom
seine geringsten Sachen so gut auszulegen, daß man vor ihnen
stehen bleibt und - trotz aller Besonnenheit und gewohnter
Neberlegung immer mehr kauft, als man beabsichtigt hat,
weil Alles so hübsch, weil es billiger als zu Hause ist, und
weil sie sich zu Hause doch darüber freuen werden.
Die Bildhauer haben es nicht nöthig, so wie die Maler
an den farbigen Hintergrund für ihre Arbeiten zu denken.
Thon und Gyps und Marmorstaub verbieten die Herrlichkeit
der Teppiche von selbst, und die Wände in der Werkstatt des
russischen Bildhauers Antakolski außerhalh der Porta del
Popolo sind grau und leer, wie sich's von selbst versteht.
Ich war im Winter einmal hingegangen, seinen sterbenden
Sokrates zu sehen, von dem man mir gesprochen hatte.
Antakolski selber lebt gegenwärtig in Paris, läßt aber in
Rom seine Marmorarbeiten ausführen.
Das ist ein sehr merkwürdiges Werk. Eine sitzende
Statue über Lebensgröße. Auf einem breiten antiken Sessel
eine mächtige, breitbrüstige Gestalt, die Kopfbildung streng
nach der schönen Sokrates - Büste in der Villa Albani. Das
Gift hat seine Wirkung zu thun begonnen, der schalenartig
geformte Becher ist der erstarrenden Hand entsunken. Er liegt
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von dem Gewand verhüllt, strecken sich weit nach vorn aus,
die Füße, breit von einander abstehend, sind auf die Fersen
gestützt, so daß die Sohlen der Sandalen sichtbar werden.
Der Kopf senkt sich auf die Brust, ein wenig nach der linken
Schulter hin. Der linke Arm hängt schlaff zur Seite des
Sessels nieder. Die rechte, im Erstarren leise zusammenge-
krümmte Hand ruht auf dem Polster des Sessels. Das
weite Gewand, das vom Oberkörper herabgesunken, denselben
bis unter die Brust entblößt zeigt, ist in wenigen flachen
Falten über den Leib und die Kniee gebreitet. Der Ausdruck
des Kopfes zeigt den fürchterlichen Ernst des eben eintretenden
Todes.
Es ist ein Werk von ganz ungewöhnlicher Kraft, er-
schütternd bis in das Mark. Man verstummt vor dieer
Naturtreue und Wahrheit, und wer es einmal gesehen hat,
vergißt es niemals, wie ich glaube. Der Körper ist fast
plump zu nennen, der Kopf ist eben unschön, die Behandlung
von allem geflissentlichen Gefallenwollen ganz und gar ab-
sehend. Es ist ein Naturereigniß mit nackter Naturwahrheit
wiedergegeben, und darauf beruht die Wirkung, die es mnacht.
Ich erinnere mich nicht einer ähnlichen Arbeit, einer solchen
trockenen, kalten, man möchte sagen, grausamen Wiedergabe
der Natur durch einen Bildhauer. Aber der vielfachen
Süßlichkeit gegenüber ist diese Behandlungsweise ebenso
beachtenswerth als lobenswerth. Antakolski ist ein selbst-
ständiger und eigenartiger Geist. -- Auch seine anderen
Arbeiten geben davon Zeugniß. An zweien derselben paßt
sich seine strenge, harte Behandlungsweise dem Gegenstande
ganz vorzüglich an.
Das eine ist die ebenfalls sitzende Statue Jwan's des
Schrecklichen. Die russische Tracht mit ihrer halborientalischen
Mütze, an die Dogenkleidung mahnend, macht sich, so wie sie

hier benutt ist, ganz vortrefflich. Die Figur ist lebensgroß.
Ein aufgeschlagenes Buch auf dem rechten Knie, die eine Hand
auf dem Buche liegend, den scharf geschnittenen Kopf voll
harter Züge tief gesenkt, die Brauen zusammengezogen, sitzt
der Czar im finstersten Brüten ganz in sich versunken da. Es
ist eine merkwürdig einheitliche Arbeit, und eigentlich ist es
sehr auffallend, daß von dieses Künstlers Werken, so viel ich
weiß, gar keine Photographien bei uns bekannt geworden sind.
Eine Büste Peters des Großen, im dreispittzigen Generals-
hut, in voller Uniform ist sehr schön gemacht. Außerordentlich
schön aber dünkte mich ein Grabmonument, das man eben
dabei war, in Marmor auszuführen. Und auch dieses war
ganz eigenthümlich. Auf der obersten von drei einfachen
Treppenstufen sitzt eine junge Russin. Der Nationaltypus ist
unverkennbar. Ein ganz schlichtes, hemdartiges langes Ge-
wand ist unter dem feinen Busen einfach gegürtet. Es läßt
den Hals frei und die Arme, die in müder Traurigkeit über
die Kniee zusammengelegt sind. Die Hände sind inbrünstig
und fest in einander gefaltet, das liebliche schwermüthige Haupt
geneigt, das glatte Haar fließt an den schmalen Wangen lang
hernieder.
Noch jetzt, da ich die Worte niederschreibe, kommen mir
die Thränen in die Augen. Ich weiß mir kaum eine rüh-
zendere Grabfigur zu denken. Es ist Shakespeare's ,Geduld
auf einem Monument!'' und eine so einfache, liebliche Gestalt,
wie sie dem Künstler nur in dem glücklichsten Augenblick einmal
gelingt. - Von Antakolski ist vermuthlich noch Bedeutendes
zu erwarten. Freilich weiß ich von ihm selber Nichts. Nicht
einmal, ob er noch jung oder ob er schon seit lange in so
ausgezeichneter Weise thätig ist.
Ein BildhauerAtelier ganz anderer Art, und an sich auch
eine Merkwürdigkeit, die eben nur in einem Orte wie Rom

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u Stande kommen kann, ist die des jungen amerikanischen
Bildhauers Ezekiel.
Ezekiel stammt von jenen einst aus Portugal vertriebenen
Juden ab, die in Holland Zuflucht fanden. Die Erinnerungen
und Verbindungen seiner Familie reichen an Spinoza hinan.
Aber die Familie ist ausgewandert, hat in - ich glaube
Virginia - sich eine neue Heimath gegründet, und der junge,
von Eltern und Großeltern für den Handel bestimmte Mann
hat, sechszehnjährig, den Krieg in den Reihen der Südstaaten
mitgemacht. Nach Beendigung desselben hat er, da er jeder
eigung für den ihm zugedachten Beruf entbehrte, während
sein ganzer Sinn auf die Kunst, auf die Bildhauerei gestellt
war, es endlich durchgesett, daß man ihn seinen Willenkhaben
und nach Europa reisen ließ, wo er in Berlin der Schüler
von Siemering wurde und sich den Preis der Meyerbeer-
Stiftung errang. Das machte es ihm möglich, nach Rom zu
gehen, und dort hat er seit mehreren Jahren festen Fuß
gefaßt und sich die originellste Werkstatt ausgefunden.
Wenn man vom Quirinal und der Via di quattro
Fontane kommend, die Via del. Venti Settembre durchschritten,
die Aqua Felice mit der Fontaine, an welcher Moses das
Wasser aus dem Fels hervorzaubert, zur Linken gelassen hat,
und an dem Theil der Diokletiansthermen vorübergegangen
ist, in denen sich die Kirche von St. Maria degli Angeli mit
dem dazu gehörigen Karthäuserkloster befindet, welches jetzt das
Blindenhospital geworden ist, so befindet man sich auf der
Piazza di Termini. - Der Platt, halbwegs noch ungepflastert
und eine Art von Anger, ist mit Bäumen bepflanzt, die,
tüchtig in die Höhe gewachsen, schon angenehmen Schatten
geben. In der Mitte des Plates, den man mit Bänken ver-
sehen hat, sprudelt, auf gut römisch, ein kräftiger Wasserstrahl
aus weitem Becken hervor, in das er mit lautem Plätschern

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niederfällt. Der Platz ist immer voll Soldaten, voll spielender
Kinder; auch Geistliche ergehen sich dort viel oder sitzen lesend
unter den Bäumen.
Vor sich hat man den Bahnhof, rechts daneben die noch
stehenden Einfassungsmauern der einstigen Villa Negroni, in
der wir noch vor zwölf Jahren allerlei sehr interessante, aber
schon äußerst verfallene Malereien sahen. Weiter zur Linken
thun sich die großen Straßen und Plätze der Neustadt auf,
die, auf dem Grund und Boden der früher den Jesuiten
gehörenden Vigne Macao gebaut, bis an die Stadtmauer
reicht, durch deren eisernes Gitterthor zwischen und über den
Pinien die blauen Berge der Campagna in die Stadt
hineinsehen.
Wendet man sich dann von diesem verlockenden Schauspiel
ab, so hat man einen von den riesigen uralten Mauern ges
bildeten halbrunden Winkel der Diokletiansthermen hinter sich,
in dem, auch auf gut römisch, das tägliche Leben und Gewerbe
es sich bequem gemacht haben. Höhlen oder Wölbungen, in
denen große Holzniederlagen sind; Höhlen, in denen Fiaker
und andere Kutscher auf gut Glück und ohne darin etwas
zu bauen oder zurecht zu machen, ihre Remisen und Stallungen
haben.
Dann rechts in diesem Winkel mit einem Male ganz
unerwartet die Spuren einer ordnenden Menschenhand. Eine
Art von neuer Aufmauerung, eine Treppe, führt zu einem
oberen Stockwerk der Thermen empor. Unter dieser Treppe
hat ein Weinwirth seine Osterie errichtet. Auf Bänken vor
der Thür sitzt meist viel Volk: Kärner, Kutscher, deren Wagen
auf dem Platze halten, und viel Soldaten. Denn die Piazza
d'arme und eine der Kasernen sind in der Vigne Macao, und
es ist Alles leere Redensart, was von der großen Mäßigkeit
der Römer gefabelt wird. Sie essen sehr stark, wenn sie es

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dazu haben, Männer sowohl als Frauen, und die Männer
trinken sehr viel.
eber der Osterie, auf den ziemlich hochgemauerten Wangen
der Treppe, ragt allerlei Grün hervor. Ein paar junge
Bäume, einige der großen hier in Kübeln leicht gedeihenden
Pflanzen, gucken über die Treppenwand hinüber. Ein Marmor-
bruchstück hier, ein anderes dort auf dem Simse, ein drittes,
ein viertes eingemauert in die Wand. Man blickt hin, man
wird neugierig, man steigt die mit kleinen Steinen kordonaten-
artig gepflasterte Treppe in die Höhe, und wieder begegnet
man hier einem Stück von einem antiken Torso, daneben
einem Apollokopf von Gyps. Nun steht man vor einer neuen
Thüre in dem alten Bau. Ein großes Fenster, aus kleinen
runden Scheiben mittelalterlich zusammengesett, zeigt, daß der
alte Bau bewohnt ist. Man klingelt, die Thür öffnet sich -
und der phantastischste Anblick thut sich vor uns auf. Hoff-
mann und Callot und die orientalischen Märchen hätten kein
eigenthümlicheres Durcheinander erfinden können, als es die
Laune des Bewohners dieser Höhle hier zusammengebracht hat.
Denn es ist, so wie es ist, durchaus eine riesige Höhle, nur
keine unterirdische, sondern eine über der Erde, in welcher
Ezekiel wohnt und seine Werkstatt hat.
Der Raum ist sehr groß! hoch, sehr hoch! Es sind eben
die Maßstäbe der römischen Kaiserzeit in einem ihrer größten
Bauwerke. Nackte, kahle, graue Wände, wie die Zerstörung
durch die Zeit und durch Erdbeben und durch Kämpfe aller
Art sie uns anderthalb tausend Jahre nach der Gründung der
Thermen in den Resten des alten Baues hinterlassen hat.
Der kleinen Eingangsthür gegenüber ist ein dem Raume
angemessener, von Karyatiden getragener Kamin mit hohen,
breitem Sims und Rauchfang. Es ist kein Schornstein das
hinter. Der Besityer hat ihn aus Thon und Gyps erbaut und

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mit Farbe dem Farbenton seiner Höhle glücklich angepaßt. In
der Außenwand eben das große Fenster mit den runden
Scheiben; von der Decke niederhängend ein mächtiger alter
Kronleuchter aus Messing, der einst, wer weiß es welchen
Fürstensaal erleuchtet hat. Amerikanische Flaggen über dem
Kamin; ein Gobbelinteppich an dieser, ein anderer an jener
Seite. Ein Thronbett aus der Zeit Napoleon's l. mit verblaßten,
grünseidenen Gardinen, dann wieder ein breites, ehrliches
Schlafsopha. Alte Schränke mit so viel Hausrath, als ein
Junggeselle nöthig hat, eine Anzahl anspruchsloser Freunde zu
bewirthen. Alte Truhen, alte Tische, alte Stühle und Lehn-
sessel. Schöne kleine und größere Oelgemälde, Geschenke
von Freundeshand. Hier Nachbildungen von Antiken, dort
wieder Gypsarbeiten, die der Künstler sich zur Schmückung
dieses Raumes skizzenhaft gemacht hat: Kindergestalten, Thier-
köpfe zwischen allerlei Spielereien. Von der Krone nieder-
hängend ein Luftballon als Feuerzeug, den junge amerikanische
Freundinnen diesem Durcheinander einverleibt. - Es ist ein
wahres Kaleidoskop von Andenken, ein Ding, das, wenn man
es vollständig zergliedern wollte, sich in Nichts auflösen würde,
und das, so wie es vor uns als ein Ganzes dasteht, uns als
ein Einziges überrascht und wohlgefällt, und an das man mit
Heiterkeit zurückdenkt.
Ich für mein Theil würde freilich in einer derartigen
innerlich zusammenhanglosen Umgebung weder zu leben noch
zu arbeiten fähig sein. Ich glaube, meine Phantasie hielte
nicht dagegen aus. Ich würde um mich her Alles lebendig
werden sehen mit wachen Augen, und in der Nacht erst
recht nicht Ruhe finden, wenn alle die einstigen Besitzer aller
dieser hier zusammengebrachten Herrlichkeiten sich mir dar-
stellen und zwischen ihrem Eigenthum herumwanken und herum-
huschen würden. Aber der junge Sohn des fernen Westens

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hat andere, festere Nerven als eben ich. Er hält es ohne
Menschenfurcht und ohne Scheu vor Gespenstern in diesem
ganz abgeschiedenen Bau schon seit Jahren einsam aus. Der
kleine, breitschulterige, krausköpfige Mann mit den schwarzen,
flammenden Augen, mit den energischen Gesichtsformen und
dem festen Mund und Kinn sieht eben aus, als stände er
im Nothfall seinen Mann; und er weiß auch, was er will.
Auf dem Hintergrunde dieser im eigentlichen Sinne
romantischen Werkstatt erscheinen die Statuen und der klare
weiße Marmor für mich wie ein ganz Fremdes. Eine ver-
kleinerte Nachbildung des Denkmals der Religionsfreiheit,
das der junge Künstler für Philadelphia ausgeführt hat,
nimmt die Mitte seiner Werkstatt ein. Die Jdealgestal, der
Freiheit breitet ihre Hand schützend und segnend über den
an ihrer Seite stehenden Knaben aus, der mit erhobenen,
Armen sein Gebet gen Himmel richtet. Die Stellung
und Geberde des letzteren mahnt an den Adoranten im
Berliner Museum, aber ich bin sehr weit davon entfernt,
dies tadeln zu wollen. Der Jünger in der Kunst thut wohl,
sich an die großen Vorbilder zu halten, die er vorgefunden
hat, und Niemand mehr als gerade die großen alten Meister
haben dies gethan. Die beiden Gestalten sind wohl gegliedert,
gut durchgeführt, und die des Knaben ist besonders fein.
Nur die Vorliebe Ezekiel's für ausgebreitete Hände, wie die
Gestalt der Freiheit und der Knabe sie Beide zeigen, die
erstere sie senkend, der andere sie erhebend, will mir nicht
gefallen, und um so weniger, als annähernd die ähnliche
Bewegung in der Gestalt einer Eva sich wiederholt, welche
Ezekiel, nach der Bedingung seines Stipendiums, im ver-
wichenen Jahre an die Akademie nach Berlin zu senden hatte.
Solche sich ausbreitenden Hände haben, wenn sie nicht sehr
vorsichtig und geschickt behandelt werden, etwas von den

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Blättern einer Fächerpalme, und wirken namentlich in der
erstgenannten Gruppe, wo sie in der Wiederholung neben-
einander sind, nicht günstig.
Die Eva ist eine schöne, sitzende Frauengestalt, keusch in
der Nacktheit. Die Schlange ist von der linken Seite an sie
herangeschlichen und erhebt sich neben der Erschreckenden, die
in angstvoller Abwehr, eben mit ausgebreiteten Händen, sich
von ihr wendet. Die Bewegung ist entsprechend und lebhaft,
der Ausdruck richtig und nicht übertrieben; und wenn der
junge Künstler auf diesem Wege fortgeht, wird er seinem
Vaterlande, das sehr bedeutende, ja große Bildhauer unter
seinen Bürgern zählt, einst wie diese, Ehre machen. Aber
Amerika beschäftigt seine jüngeren Talente auch. Gerade in
diesem Augenblicke hat man Ezekiel vier große Statuen für
die Ausschmückung eines Museums aufgetragen: die Statuen
Michel Angelo's, Rafael's, und ich weiß nicht welcher beiden
anderen Meister.
Ein paar Marmor -Reliefs, für einen deutschen Privat-
mann bestimmt, ein kleiner weinender Merkurkopf in Marmor,
nach Art der weinenden Kinderköpfe von Fiamingo, waren
hübsch und würden zu besitzen sehr angenehm sein; und der
Entwurf zu einem Reiterdenkmal des General Lee, an welchem
Ezekiel aus freiem Antrieb arbeitete, als ich ihn zum letzten
Male besuchte, war vielversprechend.
Zum letzten Male? Nein! das lezte Mal, das ich in
der Märchengrotte war, in welcher der frohsinnige, gastfreie
junge Mann den ganzen Winter hindurch bald seine ameri-
kanischen, bald seine deutschen Genossen und Freunde in
schlichter römischer Weise bewirthete, bis seine deutschen
Freunde sich gewöhnten, die uralte Halle als das Lokal für
alle ihre improvisirten Zusammenkünfte und Picknicks zu be-
nutzen - das letzte Mal galt es einem Abschiedsfeste.

Zs -
Ein Theil der deutsch-römischen Künstlergesellschaft hate
das Fest zu Ehren meines Schwagers, des Landschafters Pro:
fessor Louis Gurlitt, veranstaltet, der mit seiner Familie,
wieder einmal ganz als deutsch - römischer Künstler unter den
jungen deutschen Künstlern lebend, den Winter in Rom zu-
gebracht hatte.
Für ein solches Künstlerfest war die phantastische Höhle
wie geschaffen. Es fügte sich in diesen Rahmen recht hinein,
in dem das Unerwartetste bei einander zu finden man ohnehin
gewohnt war.
Sie paßten auch in diesen Saal der Thermen gut hinein,
alle die Männer und Frauen in bunt - phantastischer Tracht,
alle, Künstler und Nichtkünstler, Mann und Weib, Jung und
Alt mit epheuumkränztem Haupte. Es fiel in dieser Um
gebung nicht besonders auf, als man auf ihrem Hintergruide
unter den Klängen der Musik mit einem Male die Fontana
Trevi sich enthüllen sah, in welcher jeder Deutsche, der von
Rom zu scheiden hat, eine Opfergabe hineinzuwerfen pflegte,
seit Goethe nach dem Abschied von der Geliebten, eine Rose
der Nymphe dieser Quelle dankbar weihte.
Und sie waren schön anzusehen, dieser Gott des Wassers,
dieser Neptun, diese Nereiden und Tritonen aus Fleisch und
Bein; daneben diese Seerosse und Delphine, die Künstlerhand
in wenig Tagen aus dem Nichts hervorgezaubert hatte. Sie
waren recht schön, die Worte, welche in guten Versen Neptun
den Scheidenden als Segenswünsche auf den Weg gab. Sie
klangen gut, die Lieder, die von kunstgeübter, mächtiger Stimme
durch den Saal ertönten, und jene anderen guten deutschen
Lieder, welche die muntere Schaar bei ihren Umzügen durch
den Saal vernehmen ließ. Lust, Licht, Freundschaft, Frohsinn,
Reden, Gegenreden bei dem vollen Glase überall. Heiterkeit
von einem Ende der mit schlichter Kost besetzten Tische bis zun