Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 28

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anderen; und zum Schluß die Bilder der Gefeierten, wiederum
Mann und Weib und Sohn und Tochter in Transparent-
Gemälden, mit Jubel bekränzt und mit Jubel begrüßt.
Ich war lange in meiner stillen Stube, als es dort noch
sang und klang!
Wenn er es hätte ahnen können, der römische Welt-
beherrscher, der seinem Volke in dem Prachtbau die herrlichen
Bäder, die begehrten Genüsse und Spiele bereitet hatte, wie
harmlos, wie fröhlich und wie poetisch die nordischen Barbaren
und die Bewohner ungekannter Welten sich eine phantastische
Welt in den Trümmern all der untergegangenen römischen Herr-
lichkeit erschaffen wärden!
Aber derlei kommt in solcher Weise eben auch nur in
dem alten, immer neuen und eben darum auch ewigen Rom
einmal zu Stande!
- Kö- Ns-lss
Fätunlzuallzlgs= ==s-
Lehte Tage im Süden.
Marseille, M. Mai 17s.
Ich erwähnte schon neulich, wie sehr in Nizza für alle
Bequemlichkeit der Reisenden gesorgt sei, aber daß für die
Kurzeit, d. h. für die Zeit vom Dctober bis zu Mitte des
Mai, besondere Eisenbahnzüge eingelegt werden, habe ich zu
erwähnen vergessen. Sie verbinden nach Osten hin Nizza
mit den andern Kurorten, mit Mentone, Bordighera, San
Remo, mit Monaco und San Carlo; nach Westen hin mit
Cannes und den Hyerischen Inseln.

== ZEs -=
Die Fahrt von Nizza nach Cannes währt eine Stunde
Bald hart am Meere, bald ein wenig landeinwärts fahrend,
überschreitet man den breiten, wasserlosen Var, den ehemaligen
Grenzfluß zwischen Frankreich und Jtalien. Vorüber an dem
hoch und malerisch wie eine echt sabinische Gebirgsstadt ge-
legenen Canges, an Antibes mit seinem Leuchtthurm und
seinem befestigten Hafen vorüber, wendet und windet der Zug
sich in und durch das braunrothe Gestein des mit niedrigen
Pinienwäldern bedeckten Gebirges. Der rothe, aus dem
tiefen Blau des Meeres in schroffen Formen emporsteigende
Fels, die dunklen Wälder und die unter dem leuchtenden
Himmel von ferne herüberschimmernden schneebedeckten Berges-
gipfel vereinigen sich zu einem Landschaftsbilde von großer
Schönheit.
So wie man aus dem Gebirge heraus ist, findet man
die lachende Ebene mit Landhäusern, mit Villen übersäet, die
sich näher und näher aneinander reihen, bis man, fast ohne
zu merken, wo die Stadt anfängt, an den Bahnhof von
Cannes gelangt.
Er ist klein und unansehnlich im Vergleich zu dem von
Nizza, dessen Wartesäle schöne Landschaftsgemälde schmücken,
und auch Cantes selbst ist klein. Es macht den Eindruck
eines kleinen Badeortes. Es ist freundlich, es ist auch mit
allen Mitteln für bequemen Lebensgenuß versehen, aber es
verhält sich zu Nizza wie etwa Montreux zu Genf. Dafür
hat es denn wieder den Vorzug, daß man in Cannes das
Leben und Treiben des Hafens stets vor Augen hat, von
dem man, obschon der Hafen von Nizza viel beträchtlicher
ist, dort in den Fremdenauartieren weit entfernt ist und auf
der Promenade Nichts gewahr wird.
In Cannes hingegen zieht sich der Hauptspaziergang in
einer Platanen-Allee, am Hafen beginnend, gegen Osten hin,

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und die Springbrunnen unter den Platanen, so dicht am
Meeresrande, die hübschen Kaffeehäuser, die ganze Einrichtung
haben etwas Einladendes. Einladend sind auch die kleinen
Wagen, die überall für die Fahrt nach den Bergen, nach der
sogenannten Grande Californie bereit stehen, von der man
eine wundervolle Aussicht auf die beiden dicht vor Cannes
gelegenen Lerinischen Inseln hat, auf St. Marguerite
und St. Honorat. Weshalb der Weg und die Bergeshöhe
aber La grande Californie heißen, ist mir räthselhaft ge-
blieben.
Alle halben Stunden fahren aus dem Hafen von Cannes
kleine Dampfboote nach den Inseln hinüber, und neben der
Lust, das einstige Gefängniß des Mannes mit der eisernen
Maske zu sehen, lockten uns die Meereskühle und die dichten
Pinienwälder der Insel. St. Honorat gar sehr dazu, die
Fahrt zu versuchen. Indeß die Hitze hatte uns trotz der
Zeltüberdachung unseres offenen Wagens während der Fahrt
nach der Californie doch sehr ermüdet, wir zogen also die
Ruhe im Kaffeehause am Meere allen weiteren Entdeckungs-
reisen vor, und als ich dann zum zweiten Male auf der
Tour nach Marseille durch Cannes kam, hielt der Zug nur
eben lang genug, um uns auf dem Bahnhofe die Zeit zu
der Bemerkung zu gewähren, daß Camnes an Blüten- und
an Fruchtreichthum nicht zurückstehe hinter Nizza.
Wie in einem der großen Panoramen, die uns Reisen
durch die halbe Welt vorführen und die mir viel genußreicher
erscheinen, als man sie im Allgemeinen findet, flog der inter-
nationale Schnellzug, voll von Wallfahrern zu den Wundern
der Pariser Ausstellung, durch die Tumnel des schönen
waldigen Esterelgebirges, das von Nizza aus allabendlich im
duftigen Schimmer des Sonnenunterganges und in der Ver-
klärung des Vollmondscheines unser Auge entzückt hatte.

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Frejus, St. Raphael, der Landungsort des erste
Napoleon, als er aus Aegypten zurückkam, riefen mir
die Zeiten meiner Kindheit und ersten Jugend zurück, in
welcher die Napoleonslegende noch im Vordergrunde dee
Geschichte gestanden hatte. Wie weit sind wir jetzt davon
entfernt! wie anders hat sich die Welt, hat Deutschland sie
seitdem gestaltet!
Es war schon dämmerig, als wir an Toulon vorüber-
kamen. Als wir Marseille erreichten, war es Nacht.
Vom Bahnhof fuhr man abwärts rasch hernieder. Da
mit Einem Male helles, glänzendes Lichtgefunkel. Breite,
prachtvolle Alleen, unter den mächtigen Bäumen strahlende
Helligkeit. Menschen hier und dort, Singen und Musikt
Es war bezaubernd, wie in einem der Märchen der
Tausend und einen Nacht! Noch eine kleine Strecke und,
wir befanden uns in dem Getriebe der wie im Festes
glanze strahlenden Rue Cannebiöre. - Mein Gott, das
sieht wie Weihnachten aus! rief die junge Person, die
ich mit mir habe. - Ja, wie Weihnachten, aber Weih-
nachten unter grünen Bäumen, unter offenem Himmel und
in warmer Luft. Ich habe selten einen überraschenderen
Eindruck durch eine Stadt empfangen. Die Rue Cannebiöre
hat kaum ihres Gleichen, und man kann den Marseillern
die selbstgefällige Phrase in der That verzeihen: Si
Eaeis aysit une bue Qannebiöre, il serait un getit
laseills!
In dem weiten viereckigen Hofe inmitten des Hotel de
Noailles plätscherte unter freiem Himmel ein grün umrankter
Springbrunnen. Eine Anzahl von Tischen war mit speisenden
Männern und Frauen besetzt. Der Seewind, der vom Meere
kam, bewegte die Aeste der Bäume in dem geräumigen, von
den offenen kleinen Zimmern des Erdgeschosses rings um-

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gebenen Hofe. In vielen dieser kleinen Zimmer tafelte man
bei offenen Thüren ebenfalls. Der ganze Anblick war sehr
fremdartig und hübsch.
Oben aus meinen Zimmern sah ich die Rue Cannebiöre
entlang. Schöne, große Häuser im Renaissance-Styl, glänzende
Läden, vor den Kaffeehäusern Alles voll von Menschen;
Musik hier, Singen dort, wie schon auf unserm Wege. Ein
Leben wie am Tage, nur lustiger, weil Alles sich dem Ge-
nusse und der Muße in der Abendkühle hingab - und es
war elf Ühr vorüber. Seit den Tagen, in denen wir vor
dem Kriege mit Freunden die Abende auf den Boulevards
von Paris genossen, hatte ich ein so heiteres, lachendes
Straßenleben nicht erblickt. Ich konnte mich nicht satt daran
sehen, konnte den Wunsch nicht unterdrücken, daß unsere
Heimat nur einen Strahl dieses fröhlichen Glanzes für
uns hätte!
Am nächsten Morgen der gleiche heitere Anblick. Es
giebt Städte, welche über die Gebühr bewundert und besucht,
andere, die viel zu wenig besucht, viel zu wenig bewundert
werden; und zu diesen letzteren gehört nach meinem Ermessen
Marseille in erster Reihe.
Die erste Kunde oder Beschreibung, die ich in früher Jugend
von Marseille erhalten hatte, war die von Johanna Schopen-
hauer gewesen. Sie hatte mit ihrem Gatten, einem Danziger:
Kaufmann, den Süden von Frankreich bereist; und so weit
in der Welt herumgekommen zu sein, das war vor jenen 60
bis 7 Jahren eine Sache, die einem Menschen, vor Allem
jedoch einer Frau, eine besondere Bedeutung für das ganze
Leben gab. Aber Johanna Schopenhauer hatte nicht zu viel
gesagt von Marseille. Ich für mein Theil kenne kaum eine
eigenartigere Stadt, und wenn man den französischen Städten
Beinamen geben wollte wie die italienischenStädte, wie Genona
F. Lewald, Reisebriefe.

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ls superbs, birenrs la hells, Vologna la grasss sie führen, sg
müßte man Nizza die blühende und Marseille die schatten
reiche heißen, denn von Norden nach Süden, von Osten nach
Westen hin sind in Marseille die breiten sich durchschneidenden
Hauptstraßen mit doppelten herrlichen Platanen-Alleen besetzt,
in denen zu beiden Seiten steinerne Bänke zur Ruhe laden
und an den Kreuzungspunkten große Springbrunnen eine
wohlthuende Kühlung spenden.
Marseille steigt ziemlich steil vom Meere an dem bergigen
Ufer empor, und es gewährt einen schönen, überraschenden
Anblick, wenn man von den oberen Stadttheilen kommend,
die breite Allee hinuntergeht, an deren Ende die zahllosen
Masten im Hafen sich erheben, deren Takelage wie ein unge-
heures Netzwerk die ganze Breite der Aussicht bedeckt, daß der
Himmel und das Sonnenlicht wie durch Schleier hindurch
sichtbar werden.
Die Rue Cannebiire ist breit wie die pariser Boulevards,
hat wie diese große, stattliche Häuser, breite Trottoirs, reich
ausgestattete Läden, große Kaffeehäuser, aber Alles ist süd-
licher als in Paris. Alles hat für mein Auge einen gewissen.
orientalischen Anstrich, der nicht nur von all den weit über
die Trottoirs ausgespannten, vielfarbigen Zelttüchern, nicht
nur von den hier mehr als anderwärts ausgelegten orienta-
.lischen Produkten und Waaren herrührt, oder von den Al-
gierern und Orientalen, die man in ihren Nationaltrachten
vor den Kaffeehäusern siten, die man an sich vorüberfahren
oder in ruhigem Schritte ihren Geschäften nachgehen sieht.
Ich glaube, es ist die Art, in welcher die Verkäufer in den
Läden ihre Sachen aushängen, die uns an den Orient mahnt,
wie die Bilder unserer Maler ihn uns kennen lehren.
Der Leinwandhändler hat ein Stück Leinwand in großen
Festons vor seinem Hause angebracht und diese mit farbigen

Handtüchern und farbigen Servietten aufgenommen. Der
Strohhutfabrikant hat sein Haus vom Dache bis zu seinem
Magazin mit Strohhüten von allen Arten und von Formen,
die kein Mensch mehr trägt, so dicht benagelt, wie ein
Schweizer sein Haus mit Holzschindeln. Vor den Fleisch-
waarenhandlungen sehen wir schon von Weitem die in Silber-
papier gewickelten Reihen von Würsten und geräucherten
Zungen von Dijon in langen Guirlanden niederhängen.
Korallen und Bernsteinperlen, Pfeifen und Eigarren, Alles,
Alles ist weit hinausgestellt vor die Fenster. Die Früchtever-
käufer haben ihre Waare zum Theil in großen Kiosks feil
und bauen ihre Vorräthe pyramidalisch auf. Neberall Farbe,
überall die Fülle alles Nothwendigen, alles Wünschenswerthen,
alles Neberflüssigen. Neben dem Luxus und der Zierlichkeit
von Paris, das Derbe und Kernige, was der Seehandel und
das Bedürfniß des Seemanns für die weite Reise fordern.
Da ich in einer Hafenstadt, einer handeltreibenden Stadt ge-
boren bin, hatte dies Letztere einen großen Reiz für mich.
Man hätte die Schätze Monte Eristo's haben mögen, der von
einer der vor Marseille gelegenen Inseln einst entfloh, um zu
kaufen, zu kaufen und noch einmal zu kaufen, um mitbringen
zu können recht nach Herzenslust.
In Nizza, wo man von der Promenade nur selten und
nur in weiter Ferne ein Segel, nur selten einmal die Rauch-
säule eines Dampfers gewahr wird, erscheint das Meer nicht
so wie in Marseille als das länderverbindende Element. Aber
hier, wo dichtgedrängt die Schiffe aus allen Ländern neben-
einander liegen, wo sich in dem Theil des Hafens, den man
La Joliette nennt, die großen Dampferstationen befinden, die
den Verkehr mit Afrika und Indien besorgen, da bin auch
N r=Na
A

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von Schande sei, wenn der Mensch, ehe er von hinnen geht,
nicht einmal das kleine Stückchen Welt ganz und gar kennen
gelernt und umreist hat, das er die Erde nennt und als seine
Welt bezeichnet.
Es ist ein eigenes Vergnügen, in einer Hafenstadt zu
sein. Die großen Docks, die Lagerhäuser, die prachtvolle
Börse unten am Hafen in der Rue Cannebiöre, die fremd-
ländischen Matrosen, die fremdländischen Produkte, das Alles
führt die Phantasie verlockend in die Ferne. Das Binnen-
land engt die Seele ein; und den Verkehr mit Kaufleuten,
die große, überseeische Geschäfte betreiben, habe ich geistig fast
immer als einen sehr lohnenden gefunden. Aber nicht nur
durch den Hafen zu gehen, ist angenehm. Es ist überhaupt
ein Vergnügen durch die Straßen von Marseille zu wandern,
da sie, weil die Stadt eben amphitheatralisch gelegen ist, fast
überall, nach der Höhe wie nach der Tiefe hin, einen male-
rischen Abschluß bieten. Das ist namentlich auch bei der
Straße derFall, die den Namen des Cours de Belsunce trägt.
Mit Ulmen und Platanen bepflanzt, steigt sie von der linken
Seite der Rue Cannebiöre langsam empor bis zu dem
Triumphbogen, der, wie manche der römischen Triumphbogen,
mit den gewandelten Zeiten seinen Namen ändern mußte.
Ursprünglich dem Herzog von Angoulöme errichtet, wurde er
später Napoleon gewidmet und steht nun herrlich anzusehen
da, während das Kaiserreich niedergeworfen ist.
In der Mitte des Cours de Belsunce befindet sich die
Statue des Bischofs, dessen Namen die Straße trägt. Scenen
aus den Zeiten der Pest, die zu Anfang des Jahrhunderts
Marseille entvölkert, und in welcher der Bischof sich mit großs
artiger Aufopferung der Krankenpflege hingegeben hat, sind
in den Reliefs des Sockels dargestellt. Auch in dem Gesund-
heitsamte finden sich, in den Bildern großer französischer





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Meister, Erinnerungen an jene Tage; aber auffallend war es
mir, bei meinen Fahrten durch die Stadt keinem Denkmal,
keiner Erinnerung zu begegnen, welche auf die Revolutions-
zeit hingewiesen hätte, in der Marseille und die Marseiller
doch eine so hervorragende Rolle gespielt haben. Nur am
Abende meiner Ankunft hörte ich in der Straße von ein paar
Männerstimmen die ersten Verse der Marseillaise singen, die
mir hier noch ganz besonders klang.
Wenn man ein so heiteres, so blühendes Gemeinwesen
wie das von Marseille vor Augen hat, hat man Mühe es sich
zu vergegenwärtigen, durch welche Noth und durch welche
Leiden es zu Zeiten gegangen ist. Ja man mag kaum daran
denken, was Länder, Städte, Menschen ertragen kdnnen, ohne
zu Grunde zu gehen. Mephisto's Worte kommen Einem un-
willkürlich in den Sinn:
So viel als ich schon unternommen,
Ich wußte nicht ihr beigukommen,
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand!
Geruhig bleibt am Ende Meer und Lnd:
--- Und immer circulirt ein neues, frisches Blut!
Und blühend und lebensvoll wie die Stadt, ist ihre ganze
Umgebung! Schon Frau Schopenhauer hatte mit Erstaunen
von der großen Zahl der Landhäuser, der Bastides, gesprochen,
von denen Marseille umgeben ist, und der Wohlstand dieses
Jahrhunderts hat sie natürlich sehr vermehrt. Gleich von
der Rue Cannebiüre fährt man durch die ebenfalls schöne,
mit den reichsten Magazinen versehene Rue Fereolles nach
dem Prado, einer herrlichen, wohl eine halbe Meile langen
Allee. Villen und Landhäuser liegen zu ihrer rechten wie zu
ihrer linken Seite. Schöne Gartenanlagen bilden ihren An-
fang, und wo sie sich am Ende gegen das Meer hin öffnet,
steht zur Seite des nicht eben großen oder besonders schönen

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alten Museums für die schönen Künste, eine sehr gelungene -
Statue des Bildhauers Le Puget. Gegenwärtig befindet sieh. -
wie ich glaube, die Gemäldegalerie nebst den anderen Museen --
in dem, gm Ende des Boulevard Longchamp gelegenen präch
tigen Palais Longchamp. Aber mein Aufenthalt in Marseill--
war nur auf ein paar Tage angelegt, und aus Rom kommend-
fühlte ich zum Betrachten von Kunstwerken mich um so weniger
geneigt, als der Reiz der Stadt und ihrer Umgebung mich
völlig gefangen nahm.
An der Corniche hinzufahren, vor welcher die Inseln
Chateau dIf, les Jles des Pendus, Pomögue et Ratomneau -'
sich wie Wächter hingelagert haben; hier ein Segelschiff z
sehen, das man mit sichern Ruderschlägen zum Hafen hinaus- -
bugsirt, dort ein anderes, das ein Schleppdampfer hinaus-
bringt, während der große, nach Algier gehende Dampfer mit
der ruhigen Sicherheit eines Pfadfinders, hinter den Inseln
zum Vorschein kommend, seinen gewohnten Kurs einschlägt,
ungehindert durch den ihm entgegenstehenden Wind, ungehin-
dert durch das hochgehende Meer, dessen aufgeregte Wogen
gegen die Dämme anschlugen und ihren weißen Gischt hoch
in die Luft verspritzten das ist ein herrlicher Anblick, ein-
wahrhaftes Vergnügen und die Aussicht von Notre Dame de
la Garde ist wahrhaft großartig.
Gegen den Abend hin, als das Treiben und Arbeiten
im Hafen nachließ, als vor allen Garküchen und Weinwirth-
schaften in demselben die braunen Matrosen und manche von
der tropischen Sonne gefärbte Gestalten die Bänke und Stühle
füllten, sah es in der Stadt und in ihren Alleen noch weit
lustiger als am ersten Tage aus. Alle Bänke und Hunderte
und Hunderte von Stühlen mit Menschen besetzt. Ein fröh-
liches Umhergehen zwischen ihnen, eine strahlende Helle überal,
überall' ein Plaudern, Scherzen und nirgend ein Nebermaß, -

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s
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nirgend eine Rohheit, so weit ich es beobachten konnte. Man
hätte länger bleiben mögen, als die paar Tage, weil das
Land so schön, die frische Meeresluft so warm, der Eindruck
bes Wohlstandes und der Heiterkeit so gar erfreulich waren.
Aber Zeit und Stunde für die Abreise, für die Ankunft
bei den Freunden waren festgesettt. Spät am dritten Abend
ging es fort von der schattigen, der lebensvollen Stadt am
Meere, landeinwärts durch die Nacht.
In der Frühe fuhren wir an Lyon vorüber, am Mittag
waren wir in Genf. Abends ein Gang durch seine schönen
Straßen, über die mächtige Montblancbrücke. Der Bergriese,
von dem sie ihren Namen hat, lag im rosigen Abendscheine
vor uns. Genf war schön und blühend wie vordem.
Am nächsten Tage eine rasche Fahrt den See entlang,
am Nachmittage Bern, die trotzige alte Stadt.
Heute blickt ihr massiger Münsterthurm zu mir hinüber
über das rauschende Wasser, der grünen, schnellströmenden
Aar, zu dem traulichen, dichtumlaubten Heim, in dem alte,
treue Freundschaft mich umgiebt. Und mein dritter, mein
einsamer Römerzug ist nun beendet. - = Möchten die Er-
innerungen an denselben, die ich in diesen Briefen festzuhalten
suchte, Ihnen lieb sein, so wie mir.