Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878)
Fanny Lewald
Kapitel 02

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Dresdener behaupten, gute Luft und Stille haben, die ich
nöthig brauche.
Auf eine eigentliche, fest zusammenhängende Reise-
beschreibung rechnet bei dieser ganz auf das Bedürfniß und
die Eingebung des Augenblicks gestellten Reise, diesmal nicht.
Ich schreibe, um den Zusammenhang mit Euch und den
Freunden auch in der Ferne zu erhalten, Euch Allen durch
die Zeitung; und wie sich die Mosaik aus den kleinen ein-
zelnen Steinen zu einem übersichtlichen Gesammtbilde zu-
sammensetzt, so geben hoffentlich diese Briefe Euch in ihrer
Gesammtheit, wenn Ihr sie einmal überlesen werdet, das
Bild dessen, was ich fern von Euch erlebte, dachte, empfand,
und schauend und lesend in mich aufnahm. Laßt Euch ge-
fallen, was ich Euch zu bieten habe und begleitet mich wie
sonst mit Eurer Theilnahme.
Zueiier Vrief.
don der Zelbstbeschränkung in der Dichtung.
Weißer Hirsch bei Dresden, s Juni l.
Warum dies Terrain hier oben der weiße Hirsch heißt,
das könnt Ihr Euch wohl denken. Es hat hier irgend einer
der Landesherren ein Jagdschlößchen gebaut, an der Stelle,
an der er einen weißen Hirsch geschossen. Das Schlößchen ist
im Laufe der Jahre ein Wirthshaus geworden, einige andere
Wirthshäuser sind dazu gekommen. Dann hat man, als ,das
Gründen'' epidemisch geworden war, hier Häuser und Villen
aller Art gebaut, und wenn ich die langen Häuserreihen zu
beiden Seiten der Chaussee entlang gehe, die über die Höhen
führt, und danach in die schattigeren Seitenwege einbiege, sehe

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ich, daß fast die ganze Kolonie, mit wenigen Ausnahmen zu
vermiethen und zu verkaufen ist. Viel Reize bietet sie nicht dar.
Das Kiefern-Wäldchen mit seinen Anlagen ist klein, ein Hoch-
wald, von dem man mir gesprochen, liegt wohl fern, denn ich
habe ihn noch nicht entdeckt. Ein anderes Wäldchen, das sich
nach Loschwitz hinunterzieht, ist noch kleiner. Es ist dasselbe,
in welchem der liebenswürdige Maler Gerhard von Kügelchen
erschlagen wurde. Der einzig wahrhaft schöne Punkt ist die
Höhe, von welcher man in das Elbthal niederschauend, Dresden
zu seinen Füßen liegen sieht, und weit hinausschaut in die
Lande, durch deren waldige Höhenzüge die Elbe in sanften
Windungen sich ihren Weg sucht. Abends im Licht des Sonnen-
Unterganges mahnt das Bild wirklich an das Arnothal, und
es wundert mich, daß unsere Veduten-Maler den Punkt nicht
mehr benutzten.
Was uns überall hier fehlt, auch in dem kleinen Frieda-
Bad, in dem ich wohne, das ist Schatten. Wir sind dadurch
für die heißen Stunden hinter die Jalousien der Zimmer
gebannt, und auf unsere Bücher angewiesen. Da sind mir im
Lesen neuer Dichtungen allerlei Gedanken gekommen, und ich
bin wieder einmal an Heine erinnert worden. Denn wie
sehr meine Vorliebe für viele seiner Arbeiten auch abgenommen
hat, im Verkehr war er eine der unvergeßlichsten Er-
scheinungen, und wenn man sich daran gewöhnt hatte, aus
seinem scherzenden Wort den von ihm verspotieten Ernst her-
auszuhören, kam man immer reich bedacht von ihm zurück.
Einmal, als wir im Jahre 1855 in Paris eines Morgens
bei ihm waren, kamen wir auf den deutschen Stil und gleich-
zeitig auch auf die Art und Weise des Schaffens und Dar-
stellens überhaupt, zu sprechen.
Heine war in jener Zeit schon sehr verändert. Mit
ganz geschlossenen Augenlidern ruhte er auf einem Lager von

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übereinandergelegten Matratzen in der Nähe des geöffneten
Fensters, und nur wenn er mit der halbgelähmten Hand das
eine Augenlid emporhob, vermochte er zu sehen. Das andere
Auge war schon lange erblindet. Aber seine satirische Laune
war ganz dieselbe wie vordem, und mit seinem Spott ver-
schonte er Niemand, auch sich selber nicht. Er war darin
unerschöpflich. Ich habe in jener Zeit gegen meine Gewohn-
heit viele unserer Unterredungen in unserem Tagebuche auf-
geschrieben, und bewahre sie als eigenartige Erinnerungen an
jene Tage und an Heine.
,,Können Sie denn noch schreiben,' fragte er uns einmal,
,,ich meine, frischweg schreiben wie vordem? Mir ist das
ganz unmöglich. Ich habe alle Unbefangenheit verloren, seit
die Censur aufgehoben ist. Früher setzte ich mich vor so
einem Blatt Papier hin und schrieb was mir einfiel und wie
es mir un's Herz war. Kam mir mitunter dabei vor, Dieses
oder Jenes möge am Ende doch nicht recht zu sagen sein, so
hielt ich mich damit nicht weiter auf. Ich dachte, was gehts
dich an? das ist des Censors Sache! und schrieb wie ein freier
Mensch frisch darauf los. Aber jetzt?
Wir lachten, und auch über sein Gesicht flog ein zuckendes
Lächeln; indeß er unterdrückte es rasch und setzte mit gemachter
Ernsthaftigkeit hinzu: ,Lachen Sie nicht, denn da ist gar
Nichts zum Lachen, die Sache ist, wie ich Ihnen sage. Mit
der Censurfreiheit hat man uns unsere persönliche, dichterische
Freiheit genommen. Früher war der Censor verantwortlich,
jetzt sind wirs! Das ist ein elender Zustand. Früher mußte
der Censor sich fragen: Kann das vor dem Gesetz und vor
der öffentlichen Moral passiren? Jetzt soll ich selber mich
das fragen. Wie kann ein Mensch aber frei und unbefangen
schaffen, wenn er sich dazwischen alle Augenblicke fragen
soll: Ist das nicht eine Majestätsbeleidigung? Jst das nicht

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geset- oder polizeiwidrig? Ist das sittlich oder unsittlich?
Ist das schicklich? - Ich sage Ihnen, es ist ein ganz verwünschter
Zustand! Wie kann ich in Paris es wissen, was sie in Deutsch-
land gerade für Gesetze geben? Wie kann ich absehen, was
sich in all den kleinen Nestern all der kleinen Staaten schickt,
und was für Sittenbegriffe sie dort haben? Hundert Mal
schon habe ich in meinen schlaflosen Nächten den alten Gott
meiner Väter angefleht: Herr Gott! gib mir meinen Censor
wieder! Denn glauben Sie mir, nächst der Gesundheit ersehne
ich Nichts so sehr, als die baldige Wiedereinführung der alten,
ordentlichen ensur!r
Er fing darauf zu erzählen an, was ihm Alles mit der
Eensur begenet sei, gab die ergötzlichsten Anekdoten von seinen
verschiedenen Censoren zum Besten; und da er die Sprache
auch in der Unterhaltung meisterhaft beherrschte, mußte man
sich immer selber daran mahnen, daß er krank sei, um ihn
zur rechten Zeit zu verlassen, und seiner Aufforderung, ihm
Gesellschaft zu leisten, nicht zu seinem Schaden nachzugeben.
An diese Unterhaltung mit Heine habe ich seitdem oft
gedacht, ohne deßhalb wie er die Censur auch nur im Scherze
zurück zu verlangen, wenn ich bei dem Lesen von Romanen
oder Erzählungen auf Motive oder Schilderungen gestoßen
bin, die mir für das sittliche Gefühl beleidigend erschienen;
und ich habe mit ein paar unserer ausgezeichnetsten Roman-
dichter und Novellisten, in deren Dichtungen mir dergleichen
hier und da entgegengetreten war, zu verschiedenen Malen
darüber gesprochen und gerechtet, ohne zu einem eigentlichen
Verständniß mit ihnen gekommen zu sein.
Wenn ich ihnen vorhielt, daß grade sie, bei der Leb-
haftigkeit ihrer Erfindung und ihrer Kraft des Darstellens
derselben, es am wenigsten nöthig hätten, zu so bedenklichen
Reizmitteln zu greifen, oder direkt und für reine Naturen

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verletzend zu schildern und auszusprechen, was sie verstanden
haben wollten, so sollte ich mich darüber erklären, ob ich denn
der Sinnlichkeit ihre Berechtigung in der Dichtung überhaupt
nicht zuerkannte, und ob ich glaube, daß der wirkliche Dichter
ein volles, großes Bild des Lebens wie es ist, entwerfen,
daß er sich und reifen, das Leben kennenden Menschen genug
thun könne, wenn er sich dazu verdamme, während des Schaffens
an irgend etwas Anderes zu denken, als an sein Werk, oder
auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen, als auf die innere
Nothwendigkeit der Dichtung und ihrer Gestalten.
Die erste Frage bedurfte kaum einer Antwort, denn
diese verstand sich von selbst. Auf die zweite erlaubte ich mir
die Einwendung, es verstehe sich eben so von selbst, daß der
Dichter mit Nothwendigkeit dem Zuge jenes seinen Gestalten
innewohnenden Müssens während des Schaffens nachgebe;
daß ich aber glaube, wir hätten die Pflicht, unsere Arbeit,
wenn sie vollendet vor uns liege, einer möglichst strengen
sittlichen Kritik zu unterwerfen, und bei dieser Kritik an die
verschiedenen Arten unserer Leser zu denken, wenn wir während
des Schaffens nur auf die Dichtung und unsere persönliche
Befriedigung gestellt gewesen wären. Wir konnten uns dar-
über nicht ins Gleiche setzen; und da ich mir bewußt bin,
trottz unserer Meinungsverschiedenheit jenen Dichtern und
ihren Dichtungen einen sehr warmen Antheil entgegenzubringen,
so getröste ich mich des Gleichen denn auch von ihnen, un-
geachtet unserer Meinungsverschiedenheit.
Trotzdem will ich es einmal versuchen, mich hier über
diesen Gegenstand auszusprechen, der eigentlich darauf hin-
ausläuft, daß Freiheit, auf allen Gebieten des Lebens, für
die Dauer nicht ohne die freiwillige, sittliche Selbstbeschränkung
bestehen kann, welche der Einzelne sich aufzuerlegen hat.
Daß sich während unserer Lebzeit, in unseren gesellschaft-

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lichen Zuständen, in unserem häuslichen und Familienleben, in
dem Verkehr der Geschlechter miteinander, durch alle Schichten
unseres Volkes, wie in den sittlichen Gesammtanschauungen
desselben, eine wesentliche Veränderung vollzogen hat, das
wird Niemand ableugnen können, der offenen Auges auf
die lezten dreißig, vierzig Jahre zurückblickt. Ist er nicht
eingerostet in den Begriffen, in welchen er herangewachsen,
ist er nicht mit dem Alter grämlich und ungerecht geworden,
so wird er zugeben müssen, daß Vieles, sehr Vieles jetzt besser
ist als in den Tagen seiner Jugend.
Das ganze Leben ist in Fluß gekommen, ist bewegten,
ist farbiger geworden. Die Eisenbahnen und die Telegraphie
haben es möglich gemacht, daß man die Masse dessen, was
ein Mensch innerhalb seines Daseins vordem zu erleben ver-
mochte, verdoppeln und verdreifachen kann; und wie auf
diese Art fast für die Allgemeinheit zugänglich und erreichbar
geworden ist, was durch eigene Anschauung kennen zu lernen,
früher nur wenigen besonders Begünstigten zu Theil werden
konnte, so hat auch durch die völlig veränderte Technik des
Druckereibetriebes die Verbreitung von Zeitschriften in einer
unvorhergesehenen Weise zugenommen, während die veränderten
politischen Verhältnisse des Vaterlandes einem jeden Manne
die Theilnahme an dem öffentlichen Leben zur Pflicht, und
damit das Lesen der Zeitungen zur Nothwendigkeit gemacht
haben.
Sehr deutlich erinnere ich mich der Zeit, in welcher selbst
in den gebildeten Familien des höheren Bürgerstandes außer
dem Hausvater Niemand, ohne eine ganz besondere Veran-
lassung, dieZeitung in die Hand nahm; wo eine Frau schon sehr
müßig sein mußte, wenn sie nach der Zeitung griff; wo
Schüler und Gymnasiasten kaum an die politischen Vorgänge in
dem eigenen Lande, geschweige an die der fremden Länder dachten,

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und wo für die meisten Mädchen die Zeitung nur in so fern
in Betracht kam, als Verlobungs-Anzeigen oder Anzeigen für
Ankäufe darin zu finden waren.
Jetzt werden von Jung und Alt aus allen Ständen die
Zeitungen gelesen. Wohin man kommt, liegen Zeitungen auf
dem Tisch. In der geringsten Kellerwohnung, in dem kleinsten
Materialladen gucken Frauen und Mädchen in die Tages-
blätter; und da die illustrirten Unterhaltungsblätter geringsten
Grades, eben so wie andere nicht viel werthe Fabrikate,
von Hausirern durch alle Städte und Dörfer getragen, und
die besseren und guten Zeitungen oftmals von mehreren un-
bemittelten Familien gemeinsam gehalten werden, so ist der
Einfluß der Druckschriften, im Besonderen der Zeitungen und
Journale, höchst wichtig geworden, und die Wirkung, die sie
oft ganz unmerklich üben, gar nicht zu berechnen. Es hat
mich bisweilen erschreckt, was Kinder und junge Frauen-
zimmer in Folge gewisser Anzeigen und Anerbietungen aus
den Zeitungen herausgelesen haben, und ich bin gegenüber
ihren in aller Unschuld an mich deßhalb gerichteten Fragen oft
in peinlicher Verlegenheit und in noch größerer Sorge gewesen.
Eine Beaufsichtigung und Beschränkung nach dieser Seite
hin ist wohl kaum zu ermöglichen, aber für die Art der Wirkung,
welche z. B. die genaue Wiedergabe der aiminalgerichtlichen
Verhandlungen in den Zeitungen auf das Volk ausübt, das
grade diese Dinge mit großer Vorliebe verfolgt, dafür will
ich, weil es so schlagend war, ein Beispiel statt vieler erzählen.
Ich hatte ein junges, kaum der Kindheit entwachsenes
Mädchen eines Tages abgeschict, unseren kleinen Enkelsohn
zu uns zu holen. Sie waren den Kanal entlang gegangen
und hatten gesehen, wie man die Leiche eines neugeborenen
Kindes aufgefischt. Den Kleinen hatte das sehr erschreckt, und
er erzählte mir ganz aufgeregt, gleich beim Eintritt, die Ge-

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schichte mit dem Zusatz: ,Es war ein ganz kleines, ganz kleines,
nacktes Kind, und denke Dir, Großmutter, N. hat mir gesagt,
das Kind ist ungezogen gewesen, und da hat's die Kinderfrau
in's Wasser geschmissen! Ich ging sofort hinaus, stellte die
junge Magd über die Unvernunft zur Rede und setzte hinzu:
,Neber etwas so Entsetzliches hättest Du den Knaben rasch
fortbringen müssen, denn Du weißt recht gut, daß dies sicherlich
das Kind einer verführten Frauensperson gewesen ist, die nun
mit Schimpf und Schande beladen wahrscheinlich ihr Leben
dafür verlieren wird !! - ,Ach nein'', entgegnete sie ganz
vergnügt, ,ich habe das oft gelesen, dafür wird Keiner hin-
gerichtet, das ist so schlimm nicht, höchstens wird das Frauen-
zimmer eingesperrt!?! Und das junge Mädchen war ein Ge-
schöpf, das keinem Thier ein Haar hätte krümmen können
und das ein vortreffliches Frauenzimmer geworden ist. Aber
die Gewohnheit, das Gräßliche zu lesen, hatte sie gegen dasselbe
abgestumpft; denn man kann durch Gewöhnung an das
Schlechte die Sittenbegriffe nnd das Urtheil der Einzelnen wie
der Massen durch alle Stände bis zu einem kaum glaublichen
Grade verwirren und verrohen.
Indeß neben dieser in den Zeitungen drohenden und schwer
zu beseitigenden Gefahr für das sittliche Bewußtsein der Massen,
kommt die feinere, und darum wie ich glaube, noch gefähr-
lichere Verführung und Begriffsverwirrung durch die Dichtung
hinzu, seit es zur Sitte geworden ist, in den besten wie in
den geringen Tagesblättern Erzählungen und Romane zu ver-
öffentlichen. Als vor jenen vierzig oder fünfzig Jahren das
erste sogenannte Pfennigsmagazin herausgegeben wurde, sah
man es in den Familien sehr genau darauf an, ob es dazu
geeignet sei, frei im Hause aufgelegt zu werden; denn man
überwachte damals das Lesen der Jugend mit ernster Acht-
samkeit, und wie ich glaube, mit großem Recht.

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Das ist jettt weit schwerer möglich als vordem. Man
sagt freilich, die erzählende Dichtung, die Novelle und der
Roman, schöpfen ihre Stoffe zumeist aus dem Leben ihrer
Zeit; sie schildern doch in der Regel nur Dinge und Zustände,
für welche in der Wirklichkeit das Gegenbild zu finden sei,
das eben deshalb auch dem Auge der Mitlebenden nicht ver-
borgen bleibe und nicht verborgen bleiben könne. Das ist bis
zu einem gewissen Grade richtig. Aber wenn der Roman so-
mit seinen Ursprung in dem Leben der Nation findet, so giebt
er dafür derselben, was er in einem vereinzelten Falle, was
er vielleicht in gewissen Bereichen als eine mehr oder weniger
anerkannte, gutgeheißene, oder auch geduldete Aunahme an-
getroffen hat, nun seinerseits, und zwar durch die Kraft und
die einschmeichelnde Gewalt der Dichtung gesteigert, als ein
Allgemeines an die Allgemeinheit zurück. Der Dichter wird
zum absichtlichen Vermittler zwischen dem besonderen Falle,
dessen er sich bemächtigt hat, und der Allgemeinheit. Er be-
stimmt mit seinem Urtheil über den besonderen Fall. das
Urtheil der Leser für alle ähnlichen Fälle. Er will gut ge-
heißen und getadelt haben, er will zur allgemeinen Geltung
bringen, was er in der Dichtung tadelt oder gutheißt; und
er am wenigsten kann begehren wollen, daß der Leser nicht
an die Dichtung wie an ein Selbsterlebtes glaube, daß er die
Dichtung von dem Leben abtrenne, daß er den Dichter nicht
wie einen zuverlässigen Freund betrachte, dessen Urtheil er
vertrauensvoll zu dem seinen macht.
Auf dieser Forderung, welche der Dichter mit Noth-
wendigkeit und eben deshalb unwillkürlich stellen muß, beruht
seine Verantwortlichkeit gegenüber seiner Nation; aber nicht
allein die Verantwortlichkeit des Dichters, sondern die eines
jeden Künstlers, der sein Werk der Oeffentlichkeit übergiebt.
Denn wenn einer Seits der Maler uns durch die reine

Schönheit der nackten menschlichen Gestalt entzückt und erhebt,
so begeht auch er einen Angriff und ein Verbrechen gegen
das sittliche Bewußtsein seines Volkes, wenn er Vorwürfe zu
seinen Bildern wählt, von denen man das Auge mit Scheu
und Ekel abwenden würde, falls man das Mißgeschick hätte,
ihnen im Leben zufällig zu begegnen - und es hat an solchen
Bildern nicht bei uns gefehlt.
Ich habe nicht nöthig, sie zu kennzeichnen, wo ich eben
nur eine wohlgemeinte Warnung auszusprechen wüünsche. Ich
glaube aber, die Sittlichkeit einer Gesellschaft ist ernst bedroht,
in welcher man von jungen Frauen und Mädchen aussprechen
hören kann, daß sie für Dadet's allerdings meisterhaft dar-
gestellten Roman ,romont jenno ot Kiklsr aine ,schwärmen'';
und in der man Männer findet, die es gelassen mit anhören,
wenn ihre Frauen und Töchter ,entzückt sind von dem eben
so meisterhaft gemalten Bilde Herrmann's in welchem zwei
öffentliche Dirnen einen betrunkenen Wüstling zwischen sich
mit fortzerren; denn es ist nicht wahr, daß dem Reinen Alles
rein sei. Die Phantasie eines jeden Menschen, und vor-
nehmlich die der unverdorbenen Jugend, ist sehr leicht aufzu-
regen, sehr früh zu verwirren. Es ist nicht,weniger als gleich-
giltig, worauf sie sich richtet, wohin ihr Begehren sich wendet.
Freilich erzählte mir einer unserer ausgezeichnetsten
Germanisten einmal, daß er als Tertianer die Wahlverwandt-
schaften gelesen und nichts an dem Buche ihn so lebhaft be-
schäftigt habe, als die Parkanlage, die er immer und immer
wieder in seines Vaters Garten nachzubilden versucht. Ich
hingegen bin mir des unheimlichen, mich aufregenden Eindrucks
sehr bewußt, den ich von den nichtverstandenan, geheimniß-
vollen Andeutungen in den Wahlverwandtschaften und im
Wilhelm Meister empfangen habe; und jene Andeutungen
bleiben weit zurück gegen die beschönigende Rechtfertigung von
I. Le w ald, Reisebriefe.

== Ih --
manchen Motiven und Darstellungen, denen man in neueren
Dichtungen hier und da guälend genug die Stirn zu bieten hat.
Wir haben uns in Deutschland der Zucht und Sitte
unserer Frauen und Mädchen gerühmt und gefreut. Wir sind
stolz gewesen auf die Sittenreinheit der Jünglinge und
Mämner, die einst als Anhänger des Tugendbundes und der
Burschenschaft, Deutschland aus seiner tiefsten Erniedrigung
befreit, und festgehalten haben an dem Banner deutschen
Geistes und Sinnes, das nun endlich auch staatlich aufgerichtet
und zu seiner Ehre gekommen, uns im Vaterlande und im
Auslande schirmt. Es ist etwas Großes und Erhabenes um
ein Volk von ernstem Sinne, von sittlichem Bewußtsein, von
festem, sich selbst beherrschendem Charakter! Und ich glaube,
wir begehen eine Sünde gegen das Vaterland wie gegen uns
selbst, wenn wir - ich meine die Schriftsteller und Künstler
- uns nicht selbst das Gesetz auferlegen, das Unschöne und
Unsittliche von der Darstellung in der Deffentlichkeit so fern
als möglich zu halten.
Ich glaube nicht, daß der Dichter, der Maler, für ihr
Schaffen, für ihre Wirkung auf ihre Zeit wesentliche Einbuße
erleiden, wenn sie die Elemente aus ihren Werken fernhalten,
die sich - obschon in der Wirklichkeit vorhanden - doch vor
dem Auge der anständigen Gesellschaft verbergen. Das alte
Wort, daß die Heuchelei eine Huldigung ist, welche das Laster
der Tugend darbringt, ist sehr wahr; und man sollte diese
Huldigung nie aus den Augen setzen, am wenigsten, ich wieder-
hole es, in solchen Werken, welche durch die Art ihrer Ver-
öffentlichung der allgemeinsten Kenntnißnahme nicht zu ent-
ziehen sind.
Was hat Frankreich durch jene Romane und Dichtungen
gewonnen, welche die Franzosen selber lupotbSose äe la eour-
tisans nannten? Einer der edelsten französischen Schriftsteller